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Row Aus der Knabenzeit 1852 [num paras:197] Aus der Knabenzeit 1873 [num paras:188] JS
1  Aus der Knabenzeit.  [5] Aus der Knabenzeit. 0.75
2 Wer die Menschheit nicht in ihren niedrigen Sphären erkannt hat, der begreift sie nimmer in ihren Höhen. „Wer die Menschheit nicht in ihren niedrigen Sphären erkannt hat, begreift sie nicht in ihren Höhen.“ Bogumil Goltz. 0.7647058823529411
3 [7] Vorwort zur ersten Auflage.
4 Bogumil Goltz. [III] Vorwort.
5 Nicht zur Nachahmung der großen Muster in der Autobiographie sind die nachfolgenden Blätter geschrieben worden. Des Verfassers Person war ihm bei ihrer Abfassung in dem Grade gleichgültig, daß er ausdrücklich sich gegen die Auslegung verwahren muß, als hätte er ein Entwickelungsbild von sich selbst entwerfen wollen. Die nachfolgenden Blätter wurden nicht geschrieben, um einigen großen Mustern in der Autobiographie nachzueifern. Dem Verfasser war bei Abfassung derselben seine Person in dem Grade Nebensache, daß er sich ausdrücklich gegen die Auslegung verwahrt, als hätte er von sich ein Entwickelungsbild geben wollen. 0.4727272727272727
6 Er schilderte seine früheste Jugend ihrer besonderen Umstände und Thatsachen wegen, die dem Verfasser nicht undenkwürdig erschienen zunächst ihres Schauplatzes wegen.
7 Denn Berlin ist eine Stadt, die als Heimathsstätte von Personen, die in die Literaturgeschichte eingetreten sind, nicht eben besonders berufen ist. Berlin könnte, behauptete man lange Zeit, nur gesuchten Witz, kalten Verstand und Gemüthsleere hervorbringen. Wie ist nicht seit Goethe und den schwäbischen Lyrikern der Norden Deutschlands überhaupt vom Süden verketzert worden!
8 Er schilderte seine frühste Jugend ihrer Thatsachen wegen. Diese Thatsachen sind keinesweges abenteuerlich … jedes Findelkind, jeder Waisenknabe würde der Neugier größre Reizungen anbieten können … Aber denkwürdig schien dem Verfasser zunächst schon seines Jugendlebens Schauplatz.
9 Es ist Berlin … Diese große Stadt hat sich für die, die in ihr geboren wurden, bekanntlich den übelsten Windeln- und Wiegenruf erworben. Sie gilt dafür, [IV] daß sie nur gesuchten Witz, kalten Verstand, baarste Gemüthsleere hervorbringen kann. Alle Gebiete Deutschlands haben sich in unsern Tagen geregt und ihren Schooß geöffnet, um zu zeigen, daß die Quelladern deutscher Sitte, deutschen ursprünglichen Lebens durch sie hindurchzögen; Berlin allein ist dabei stumm und regungslos geblieben. Schwaben zeigte sich als das Goldland des Gemüths, das Rheinland als der Armida-Garten der Phantasie, Thüringen öffnete die Felsenspalten seiner Sagen, in denen verzauberte Kaiser über unsres Volkes Zukunft träumen, Schlesien, Westphalen, selbst die Lüneburger Haide und die Deutsch-Böhmen haben über die Meilenzeiger der Landstraße, die bunten Röcke der Polizei und das große Nivelliment der modernen Wirklichkeit hinweg ein heimlich Inneres, ein traulich Anderes und irgendpoetisches Bild von sich zu geben versucht; nur Berlin brachte als spezifisch Berlinisches immer und immer nur seine Eckensteherwitze, seine Kreuzzeitungsfeuilletons, seine Weißbiergemüthlichkeit und die Schusterjungencouplets aus der Friedrich-Wilhelmsstadt. Nun aber haben sich seither alle Gebiete Deutschlands in ihrer besondern Eigenthümlichkeit geregt, haben ihren Schooß geöffnet und die Quelladern deutscher Sitte, deutschen ursprünglichen Lebens selbst an Stellen sichtbar werden lassen, wo man seither wenig Spuren davon hatte sehen wollen. Schwaben zeigte sich, wie sich von selbst versteht, als das Goldland der Poesie und des privilegirten „Gemüths“, das Rheinland als der Armida-Garten der [8] Phantasie, Thüringen öffnete die Felsenspalten seiner Sagen, wo die verzauberten Kaiser träumten über die Zukunft unsres Volkes, Schlesien, Westphalen, selbst die Lüneburger Haide und die Deutsch-Böhmen haben über die Meilenzeiger der Landstraße, die bunten Röcke der Polizei und das große Nivellement der modernen Wirklichkeit hinweg irgend ein heimathlich Besonderes, traulich Anderes, als was Alle kennen, von sich zu offenbaren gewußt. Nur Berlin brachte als specifisch Berlinisches – immer und immer nur seine Eckensteherwitze, eine gewisse sentimentale Weißbiergemüthlichkeit und die Schusterjungencouplets der Friedrich-Wilhelmsstadt hervor. 0.4233128834355828
10 Ist denn nun aber wirklich Berlin ganz so flach, wie es sich giebt und genommen wird? Geht jener unterirdische Silberstrom des reinen deutschen Gemüthslebens wirklich um die Mark Brandenburg herum und kreuzt sich auch nirgends mit der beschei-[V]den fluthenden und doch auch vom Gebirge kommenden Spree? Man möchte die Nichtbegegnung fast glauben, wenn man sieht, was alles auf der entsetzlich breiten Grundlage von Berliner Trivialität sich Fremdartiges aufbauen darf und von Heimischem meist nur Thatsachen, die im deutschen Vaterlande wenig Credit gewinnen wollen. Und doch besitzt Berlin in sich selbst eine weit bessere Entwickelungsfähigkeit, als die speziellen Interessen der dortigen Tonangabe ihm seit fünfzig Jahren gestatten wollen. Es ist nicht so verlassen von einer gewissen Ursprünglichkeit, wie es sich in seiner Neigung zur Selbstpersiflage darstellt. Es ist nicht einmal so kahl, so sandig, so farblos in seiner Natur, wie man nach den allgemeinen topographischen Bedingungen der Mark glauben sollte. Ist denn nun aber wirklich Berlin ganz so flach, poesielos, unidyllisch, wie es sich giebt und genommen zu werden pflegt? Geht jener unterirdische Silbererzgang des deutschen Gemüthlebens wirklich um die Mark Brandenburg herum und befreundet sich nirgends mit der bescheiden fluthenden Spree, einem Strom, von dem man doch ganz vergessen zu haben scheint, daß auch er von einem Gebirge herunterhüpft und bei Bautzen wahrhaft tobt und schäumt wie ein Wildwasser? Berlin ist von Hause aus prosaisch! Das möchte man fast glauben, wenn man sieht, was sich Alles an Ort und Stelle auf der breiten Grundlage Berliner Trivialität, vulgo „Quatsch“ genannt, aufbauen darf und von eigentlich Heimischem dabei nur Thatsachen, die im deutschen Vaterlande wenig Credit gewinnen wollen.*) Und doch besitzt Berlin in sich selbst eine bessere Entwickelungsfähigkeit, als ihm die speciellen Interessen der dortigen Tonangabe seit fünfzig Jahren gestatten wollen. Ja, es ist nicht, wie es scheint, so verlassen von einer gewissen Ursprünglichkeit, und die Neigung zur Selbstpersiflage ist durchaus nicht primitiv vorhanden. Es ist nicht einmal so kahl, so sandig, so farblos in seiner Umgebung, wie man nach den allgemeinen topographischen Bedingungen der Mark und dem Spott des bevorzugteren Südens bisher geglaubt hat. 0.5740740740740741
11 Vielleicht nützen die nachfolgenden Blätter einem bessern Studium. Es wäre sicher schon erfreulich, wenn die Tausende von Berlinern, die das spezifisch Berlinischseinsollende erst auf dem Theater oder in der bekannten Jargon-Literatur kennen gelernt haben, einmal den Blick von ihrem Geburts- und Heimathsschein aufzuschlagen wagen und bekennen dürften: Endlich schwindet etwas dieser falsche Schimmer totaler Unpoesie, dieser Beigeschmack von Verstandesnüchternheit, der auf dem Berlinischen Ur-[VI]sprunge durchaus liegen soll! Die nachfolgenden Blätter sind nur eine Probe dessen, was der Verfasser von späteren Lebenszeiten reicher, eine Probe dessen, was tausend Andre aus ihrer Jugend sicher viel bunter und mannichfaltiger an besseren Berliner Erinnerungen geben könnten. [9] Vielleicht nützen die nachfolgenden Blätter einem besseren Studium. Schon das wäre erfreulich, wenn einmal die Tausende von Berlinern, die das specifisch Berlinischseinsollende erst auf dem Theater oder in der bekannten Jargon-Literatur kennen gelernt haben, den Blick von ihrem Geburts- und Heimathsschein aufzuschlagen wagen und bekennen dürfen: Endlich schwindet dieser falsche Schimmer totaler Unpoesie, dieser Beigeschmack von Verstandesnüchternheit, der auf dem berlinischen Ursprunge liegen soll und dem eine geringe Bildung, vorzugsweise in den Theatern, von verdorbenen Schauspielern und allerlei anderen dilettantischen Elementen ausgehend, einen specifisch berlinisch sein sollenden Charakter gegeben hat. Die nachfolgenden Blätter sind nur eine Probe dessen, was der Verfasser von späteren Lebenszeiten reicher, eine Probe dessen, was tausend Andere noch ohne Zweifel bunter und mannigfaltiger aus ihrer eigenen Jugend zur Widerlegung eines Vorurtheils an’s Licht bringen könnten. 0.55
12 Nächst dem Interesse des Schauplatzes glaubt der Verfasser auch von Seelen- und Lebenszuständen Manches dargestellt zu haben, was den Erzieher und den Freund des Volkes beschäftigen könnte. Hie und da giebt er Beiträge zu einer Wissenschaft, die man neuerdings die Gesellschaftskunde genannt hat, einer Wissenschaft, die die leere und allgemeine Bezeichnung des Volkes in seine einzelnen Bestandtheile gruppirt und über die wir kürzlich von W. H. Riehl ein so förderndes Buch erhalten haben. Nächst dem Interesse des Schauplatzes glaubt der Verfasser zugleich von allgemeinen Seelen- und Lebenszuständen Manches dargestellt zu haben, was den Erzieher, den Freund des Volks beschäftigen kann. Hier und da giebt er Beiträge zu einer Wissenschaft, die man neuerdings „Gesellschaftskunde“ genannt hat, einer Wissenschaft, welche die leere und allgemeine Bezeichnung des Volkes in seine einzelnen Bestandtheile auflösen, die große Masse gruppiren will, und über die wir kürzlich von W. H. Riehl ein mannigfach anregendes Buch erhalten haben. 0.7246376811594203
13 Endlich stellten diese Blätter, besonders wenn ihnen einmal ein zweiter Theil (für 1821–1831) folgen sollte, sich die letzte Aufgabe, ein allmäliges sich Entwinden und langsam freiwerdendes Losringen von einem tiefeingeimpften und fast zur andern Natur gewordenen spezifischen „patriotischen“ Lokalgeiste zu schildern. Einen schönen und lieblichen Jugendwahn als drückenden Ballast auf hoher Lebensfahrt auszuwerfen, kostet für jedes fühlende Herz Ueberwindung. Aber wenn der Verfasser zeigen könnte, daß [VII] man bei erkannten Irrthümern doch liebende Pietät und strenge Beurtheilung in ein Gleichgewicht bringen kann, „das der Empfindung nicht schenkt, was dem Verstande gehört“ so hätt’ er noch einen geheimen und von ihm mit vertrauendem Herzen angestrebten Zweck dieser Blätter erreicht. Endlich stellen sich diese Blätter, besonders wenn ihnen ein zweiter Theil (für 1821–1831) folgen sollte, die letzte Aufgabe, für Berlin selbst ein allmäliges Sich-Entwinden und langsames Freiwerden vom Localgeiste zu schildern. Der Verfasser hat diesen Proceß an sich selbst durchgemacht. Einen schönen Jugendwahn auf hoher Lebensfahrt als drückenden Ballast zu erkennen und fortzuwerfen, kostet für jedes fühlende Herz Ueberwindung. Könnte jedoch der Verfasser zeigen, daß man liebende Pietät und [10] strenge Beurtheilung der in seiner Jugend empfangenen Eindrücke in ein Gleichgewicht bringen kann, „wo man der Empfindung nicht schenkt, was dem Verstande gebührt“, so hätte er noch einen geheimen und von ihm mit vertrauendem Herzen angestrebten Zweck dieser Blätter erreicht. 0.5573770491803278
14 Die endlich an der Darstellung vielleicht auffallende, zuweilen scherzend übertreibende Wort- und Bilderwahl möge die Thatsachen nicht verdächtigen, die ohne Ausnahme faktisch sind und Niemanden anders, als bereits Verstorbene, treffen! Der bekannte aufgebauschte Ausdruck des komischen Heldenepos schlich sich hie und da nur deßhalb zuweilen in die Prosa ein, weil eine innere Besorgniß den in der Würdigung seiner Herzensmotive selten glücklichgewesenen Verfasser bestimmte, überall da, wo seine eigne Person zu sehr hervortrat, lieber sogleich selbst Gelegenheit zu einem Lächeln zu bieten, das er allerdings in diesem Buche dann und wann auch bei Wohlwollenden wird voraussetzen müssen. Die endlich an der Darstellung vielleicht auffallende, zuweilen scherzend übertreibende Wort- und Bilderwahl möge die Thatsachen selbst nicht verdächtigen, die ohne Ausnahme factisch sind und niemanden anders als bereits Verstorbene treffen. Der bekannte aufgebauschte Ausdruck des komischen Heldenepos schlich sich hier und da nur deshalb in die Prosa ein, weil eine innere Besorgniß den in der Würdigung seiner Herzensmotive selten glücklich gewesenen Verfasser bestimmte, überall da, wo bei Alledem seine eigene Person zu sehr hervortrat, lieber sogleich selbst Gelegenheit zu einem Lächeln zu geben, das er überhaupt in diesem Buche selbst bei den wohlwollenden Lesern desselben immer wird voraussetzen müssen. 0.7346938775510204
15 Dresden im Februar 1852. Dresden, Februar 1852. 0.75
16 Zur zweiten Auflage.
17 Selbst von solchen Lesern, die durch unsre Schulästhetik und den manierirten Modegeschmack wenig angeleitet sind, meine schriftstellerische Weise zu mögen, wurde dies Büchlein freundlich aufgenommen. Dennoch sind zwanzig Jahre vergangen, ehe ich mich zu einer Erneuerung der Auflage, zu einer Ergänzung und Fortführung meiner Lebenserinnerungen entschließen konnte. Letztere erfolgt nun hiemit theilweise in dieser gänzlich umgearbeiteten neuen Auflage. Einstweilen geht sie bis zu dem [11] Moment, wo sich die in meinem Buche: „Die schönern Stunden“ (Stuttgart bei Hallberger, 1869) gegebenen Erinnerungen: „Das Kastanien-Wäldchen in Berlin“ (die Berliner Universität von 1829–1831) unmittelbar daran anschließen.
18 Einen Theil dieser Fortsetzung brachte im vorigen Jahre die National-Zeitung. Die Mittheilung betraf meine Gymnasialzeit. Ich hatte mich überzeugt, daß die Lehrkräfte der Anstalt, die ich besucht hatte, inzwischen einer ganz neuen Zeit angehörten, ja daß kaum noch die Namen der Lehrer bekannt waren, die in der Periode meiner Jugend an derselben wirkten. Von allen Seiten sprach man mir Anerkennung aus für eine Lectüre, die angeregt hatte. Besonders behagte älteren Berlinern die Wiedererweckung ihrer eigenen mit den meinigen zusammenstimmenden Erinnerungen. Nur eine einzige gegnerische Stimme konnte sich nicht beruhigen. Dieselbe kündigte sich durch anonyme Zettel als empört, beleidigt, Rache drohend an. Gedruckte Blättchen wurden in die Häuser, auf die Redactions-Büreaux geschickt. Von den letzteren hat auch nicht eines die namenlosen Proteste abgedruckt, und von einigen Gelehrten, die geradezu zum Abgeben öffentlicher Erklärungen gegen meine „Pietätlosigkeit“ und „grundfalsch“ sein sollende Charakteristik (im Wesentlichen des Directors Ribbeck) aufgefordert wurden, erhielt ich die Versicherung, daß ihnen die schleichende Art des Angriffs, die Vermummung des Gegners schon an sich zuwider gewesen wäre.
19 Und hatte ich denn in Wahrheit den seligen Ribbeck angegriffen? Hatte ich ihn nicht vielmehr als das Muster eines „correcten Charakters“, als einen, wenn auch meinem Lebensprincip nicht entsprechenden, doch höchst respectabeln „Antonio“ im Tasso, nebenbei als einen humoristischen geistvollen Lenker propädeutischer Uebungen zur Philosophie, überhaupt als einen bedeutenden, eigenthümlichen Mann hingestellt? Wer ist und war denn Ribbeck? Ist er unsrer Generation und würde er künftigen Generationen ohne mich nicht ganz so unbekannt sein wie es mein Anonymus ist, [12] der es sich den Druck und das Papier zweier Blättchen hat kosten lassen und die Frankomarken, um die Zusendungen in die Briefkästen zu werfen? Ferdinand August Ribbeck ist vor Jahren in Venedig gestorben. Wahrscheinlich sind damals zwei Nekrologe über ihn erschienen, einer in der Vossischen, der andere in der Spener’schen Zeitung. Einige Schulblätter excerpirten beide, und das Grab schloß sich über ihm tief und stille. Giebt es schon eine Geschichte des „Grauen Klosters“ oder des „Friedrichs-Werder“, wo seine Verdienste gefeiert sind? Nirgends giebt es eine vermehrte und verbesserte Auflage des bekannten Buches: „Galerie Berlinischer Charaktere“, wo denn auch schwerlich F. A. Ribbeck einen Platz gefunden hätte. Er hat nichts geschrieben, als einige Schulprogramme. Daß Ribbeck eine Ode Manzoni’s übersetzt hat und zu Zumpt’s Grammatik bei seiner leider, wie der anonyme Ankläger in Abrede stellte, der Angeklagte aber aufrecht halten muß, zu „cursorisch“ gewesenen Lectüre eine Menge von passenden, auch von seinem Freunde Zumpt benutzten Beispielen entdeckte, hat meine Darstellung zu seinem Ruhm hervorgehoben. Ist dann seinen Verwandten, seinen Freunden, die ihm näher standen, der Geschilderte, dem ich Jovialität nicht abgesprochen habe, weniger zugeknöpft und hingegebener an Scherz und guter Laune erschienen als mir, dem Psychologen auf der Schulbank, so hätte der Anonymus die von mir gegebenen Elemente zu dem Bilde, das ihm von dem Verewigten – aber wahrscheinlich aus viel späterer Zeit – vorschwebte, weiter ausführen sollen. Die Grundirung, die ich gegeben, ist wahrlich richtig und verdiente nicht eine so schnöde, durch ihre Lichtscheu sich selbst charakterisirende Ablehnung.
20 Berlin, den 28. December 1872.
21 [13] 1811–1821.
22 [IX] Inhaltsverzeichniß.
23 I. Seite 3 bis 33.
24 Vorsatz. Die Jugend. Die Erinnerung. Berlin. Unter den Linden. Das Akademiegebäude. Die Normaluhr. Universelle Bestimmung eines einzigen Gebäudes. Pegasusstall. Seine innern Mysterien. Stilles Kinderleben im lautesten Gewühl. Der Kastanienbaum des Königlichen Kutschers. Die Bewohner des Akademie-Quadrats. Der Prinzenstall. Rundschau der Umgegend. Der Leib-Bereiter. Der Mensch und das Pferd. Rückkehr aus der Campagne. Die Beute. Nachwehen des Krieges. Verstimmung. Die Russen. Iwan. Die Geschichte vom schönen Dorich und der kleinen Marianne. Ein Wort der Prinzessin Marianne. Christliche Wiedergeburt und eine Anstellung.
25 II. Seite 34 bis 61.
26 Die Poese der dienenden Klassen. Familientradition. Pommerland. Der Schreiber und der Küster. Schullehrerwaisen. Väterliche Erzählungskunst. Boitzenburg. Der Schneider und der Maurer. Die Syrupstraße in Berlin. Graf Brühl. Prinz Wilhelm. Des Vaters Reiseabenteuer. Der „unglückliche“ Krieg. Die Flucht. Tilsit. Napoleon. Der Kurprinz von Hessen. Der Freiheitskrieg. Stallmeister Major bei Groß-Görschen. Ein Schuß in der Leipziger Schlacht. Deutschland. Französische Invasion. Die vorneh-[X]men Marodeurs. Paris. Frankoni. Die Geschichte vom Ring der schönen Sattlermeisterin. Die Mutter und ihre Angehörigen. Die Armen. Vetter Christian. Der Lederkoller mit eingenähten Thalern. Vetter Wilhelm.
27 III. Seite 62 bis 113.
28 Der Apokalyptiker. Der Pietismus. Die Propriande. Die Offenbarung Johannis. Der nächtliche Beter. Eine Mutter. Erstes Traumleben des Kindes. Kinderlieder. Der Sinnenreiz der Jugend. Geigenschmerz. Bilderbögen. Naschen. Kindeseinsamkeit. Der Katzenstieg. Der Bauhof. Winkelleben der Kinder. Kinderphantasie. Todesfurcht. Lebensgenuß. Die Gestirne. Der Mond. Das All-Nichts und Gott. Ortssinn. Terrainerweiterung. Hinter-die-Schule-Gehen. Die Loge Royal-York. Die Kasernen. Der Unteroffizier als Schneider. Der Wachtdienst. Spukwachen. Das Negligée der Soldaten. Eine Parade. Der Prinz von Preußen. Soldatenschwänke. Die Wanderung nach dem Thürmchen. Die Selbstmörderleichen. Die Mumien. Der Galgen. Voigtland. Wedding. Invalidenhaus. Thierarzneischule. Die Narren in der Charité. Die innere Stadt. Die Rauhbeinigen. Der Schützenplatz. Berlins idyllische Poesie.
29 IV. Seite 114 bis 140.
30 Schönhausen. Die Gemahlin Friedrichs des Großen. Prinzenerziehung. Vornehmer Pietismus. Ein römischer Bischof in Berlin. Wanderungen nach Charlottenburg und Spandau. Der Thiergarten. Charlottenburg. Das Schloß. Die Signalhörner. Grützmacher. Der Spandauer Weg. Die Festung. Graf Lynar. Die kleine Bürgerwelt. Das Bedürfniß des Friedens und der Liebe im Kinde. Das Unglück. Kindeswehmuth. Krankheit. Phantasiren. Der Arzt. Volksheilkunde. Doktor K. Die Hexe am Königlichen Schloß.
31 [XI] V. Seite 141 bis 178.
32 Die Schule. Meister Schubert. Schulton im Ganzen und Lehrerton im Einzelnen. Der Wissensstoff einer Klippschule. Herr Gädike. Lehrmethode. Kindergärten. Schulbesuch. Schulheimgang. Das Hufeisen. Der brandenburgische Kinderfreund. Die Kirchen. Die Domkirche. Schlüters Kanzel in der Marienkirche. Der Judentempel. Die Hedwigskirche. Die Prediger. Pastor Koblanck. Pastor Jänicke. Die Conventikel. Ihre Entartung; ihre Wahrheit. Der junge praktische Homilet. Religiöse Wehmuth. Die Bibel. Die Hauspostille. Ein seltner Fund. Häfelis Predigten. Die Morgenröthe.
33 VI. Seite 179 bis 233.
34 Göthes Faust. Ein Exemplar des Königs. Kinderlogik. Die Hexenküche. Die Meerkatzen. Die Himmel öffnen sich. Don-Quixote. Spanien und Pommern. Die Jugendlectüre. Pädagogische Poesie. Die Lovely-Bilderbücher. Ueber Land. Die alte Cichorien-Liese. Das Geistersehen. Die Spieke. Lichtenberg. Märkische Bauern. Kindertraumseligkeit im Wachen. Die Jubelfeier der Reformation. Napoleons Tod. Die Erhebung der Griechen. Kotzebues Ermordung. Altdeutsche Tracht. Turnerei. Jahn. Der Brand des Schauspielhauses. Lebenserfahrung. Gut und Böse. Die Charaktere. Die Leichtsinnigen. Die Gewerbefreiheit. Der junge Meister. Kundenbesuch. Das zweite Frühstück. Erwerbstrieb. Religiosität als sittlicher Hebel. Das allgemeine Stimmrecht. Die Frauen der Armen. Gute und Schlimme. Das Richtamt der Familie unter sich. Der Bettelstab. Der Weg zum Ruin. Die geschlossenen Gesellschaften. Die Liebhabertheater. Das feinere Proletariat. Das große Maul. Der Existenzjammer. Die Gesinnungslosigkeit. Die dienenden Klassen. Bediente, Köchinnen, Ammen. Die Juden. [XII] Wucher. Die Lotterie. Die Sparkassen. Die englischen Waaren. Schutzsystem. Die Freihändlertheorie. Ein geöffnetes Paradies.
35 VII. Seite 234 bis 262.
36 Bode. Osann. Hufeland. Göhrke. Lautenschläger. Verschlossene Häuser. Die Mauern am Katzenstieg. Ein reicher Maler. Herr Cleanth und sein Realismus. Eine Ohrfeige. Vornehme Erziehung. Reiz der höheren Geselligkeit. Gartenlust. Die Blumen und der Regen. Spiele. Praktische Lebensphilosophie. Bühnenneigung. Puppenspiele. Der bayerische Hiesel. Faust und Caspar. Der Gärtnersohn. Die Jungfrau von Orleans. Das alte Opernhaus. Rebenstein. Frau Stich. Ein neues Nationaltheater nach einem Plane Schlüters. Iphigenia in Aulis.
37 VIII. Seite 263 bis 305.
38 Frauenanmuth. Die Liebe. Beobachtung der Herzen. Das Roß des Königs. (Das Duell in der Kaserne. Die Wittwe von Spandau. Der Ritt zum Plötzensee.) Frauenzauber. Nothwendig auch in der Erziehung. Geständnisse eines Freundes. Herr Cleanth, ein Lebenskünstler. Kinderbälle. Galanterie. Das Küssen der Hände. Plebejische und deutschthümliche Opposition. Das Thun und Treiben der Gesellschaft. Der Servilismus. Lachende Erben. Der Tod. Das Hundefräulein. Erste Liebe. Doppelliebe. Liebe und Leid. Kaiser Alexander. Die polnischen Herrschaften. Willusch. Patriotismus. Ende des Paradieses. Abschied. Neues Leben. Zimmermann und der Friedrichs-Werder.
39 Berichtigungen.
40 S. 111, Z. 2 v. u. und S. 157, Z. 11 v. o. lies Louisenkirche statt Jacobikirche. S. 161, Z. 9 v. o. lies volle statt vollen. S. 169, Z. 1 v. u. lies Abracadabra. S. 171, Z. 8 v. u. lies wunderbaren statt „wahren sonderbaren“.
41 [1] 1811 – 1821.
42 [3] I. [15] I. 0.3333333333333333
43 Zutraulich ergreift ein Kind des Lesers Hand. Komm mit! spricht es; ich will dich führen! … Wohin ? … In eine Zeit um dreißig, wohl vierzig Jahre zurück, könnte es antworten, aber es sagt: Ich führe dich geradezu an den Rand der Ewigkeit, an den Uranfang aller Tage, den auch Du kennst, wenn Du das Ohr nur an dein innerstes Herzklopfen legen wolltest; ich führe dich zurück in die Zeit der ersten Jugend. Vertrauensvoll ergreift ein Kind die Hand des Lesers. Es spricht: Komm mit! Ich will dich führen –! Wohin –? In eine Zeit um dreißig, wol vierzig Jahre zurück! So könnte es zunächst antworten. Doch sagt es lieber gleich: Ich führe Dich an den Rand der Ewigkeit, an den Uranfang der Tage, den auch Du kennst, wenn Du nur Dein Ohr an das innerste Klopfen Deines Herzens legen willst; ich führe Dich zurück in die Zeit Deiner ersten Jugend, wo der Mensch den Ahnungen der Ewigkeit so nahe steht, den ersten Dämmerungen alles geschichtlichen Lebens! 0.573170731707317
44 Der Schauplatz dieses Märchens, das wahrer ist, als alle Geschichte, liegt in einer dunkeln einsamen Kammer. Ihr kennt den Ort, wohin der ausgediente Tannenbaum der Jugend verbannt wird! Entkleidet seiner goldnen Herrlichkeit, halb versengt von der Gluth seiner glänzenden Lichter, wandert er in eine winterkalte Polterkammer zur schmutzigen Wäsche, zu leeren [4] Kübeln und zu alten Besen. Ach, es weinte die Dryade des feenhaften Baumes doch auch zu bitter, wenn sie schon am dritten Weihnachtstage in den Ofen müßte. Zuletzt stirbt sie im Schlot, aber man schont das Herz der Jugend und tödtet ihre Seligkeit nicht mit zu grausamer Eile. Der Schauplatz des Jugendmärchens, das alle erlebt haben und das wahrer ist als alle Geschichte, liegt wie in einer dunkeln, einsamen Kammer. Ist das uranfängliche Chaos Eures Lebens, die unermeßliche, öde, dunkle Stille um Euch her, der Mutterschooß Eures geistigen Lebens nicht wie jene dunkle Boden- oder Polterkammer des Hauses, wohin eine Zeitlang der ausgediente Tannenbaum der Jugend verbannt wird und was nicht alles durcheinander liegt! Entkleidet seiner goldnen Herrlichkeit, von der Gluth seiner glänzenden Lichter halb versengt, wandert das vertrocknete grüne Reis in eine winterkalte Kammer zur schmutzigen Wäsche, zu leeren Kübeln, zu alten Besen. Ach, soll denn auch der liebe Baum sogleich in den Ofen? Es weinte doch die Dryade zu bitter, wenn sie schon am dritten Weihnachtstage in den Flammen sterben müßte. Die Eltern schonen das Herz der [16] Kleinen und tödten ihre Seligkeit nicht mit zu grausamer Eile. 0.5271317829457365
45 Wenn die dunkle Kammer einmal nach Jahren sich erhellte! Wenn die schmutzige Wäsche des Alltaglebens, die alten Kübel der Sorge und die Besen des Schicksals sich einmal niederduckten und der alte Tannenbaum richtete sich empor und schmückte sich wieder und strahlte in seiner goldnen Herrlichkeit! Was Euch Allen in Augenblicken solcher Freude, hervorgerufen leider! meist nur durch tiefinnerste Wehmuth des Alters, einen Berg zaubern würde, an dessen grünem Fuße Ihr geboren wurdet oder ein storchennestgehüthetes Giebeldach im Dorfe oder eine Hütte im Walde oder einen Pallast in rauschenden Städten, dasselbe Wunder führt den Knaben, der Euch heute erzählen will, auf einen der schönsten Plätze Europas und der Welt. Diese dunkle Kammer – dieser abgelegene Winkel unsrer heilig gehaltenen Erinnerungen, diese dunkle Dachbodenverbindung mit dem Ewigkeitstraum des vegetativen Kinderlebens, unter den Sternen geträumt – erhellt sich dann manchmal nach Jahren. Die schmutzige Wäsche des Alltagslebens, die alten Kübel der Sorge, die Besen des Schicksals werden bei Seite geworfen, und der alte, noch nicht verbrannte Tannenbaum bekommt seine stramme Richte wieder und schmückt sich und strahlt in goldner Herrlichkeit. Was Euch Allen in Augenblicken solcher Freude (hervorgerufen leider! meist nur durch Leid und Wehmuth des Alters) einen Berg zaubern würde, an dessen grünem Fuße Ihr geboren wurdet, oder ein storchennestgehütetes Giebeldach im Dorfe, oder eine Hütte im Walde, oder einen Palast in rauschenden Städten, dasselbe Wunder führt denn nun zunächst den Knaben, der Euch heute erzählen will, auf einen der schönsten Plätze Europas und der Welt. 0.544
46 Da, wo in der norddeutschen Hauptstadt jetzt Friedrichs des Großen Standbild mit scharrenden Rossen und demüthig stolzen Reitern auf die Umgebungen der Häuser, Kirchen, Palläste, der neuen Menschen, veränderten Sitten und gegenwärtigen [5] Meinungen in stiller Mitternacht ein seufzendes: Gewesen! niederzuflüstern scheint, am Beginn der freundlichen Boulevards, die, obgleich sie schon lange weit mehr nur von wilden Kastanien geschmückt sind, doch „unter den Linden“ heißen, gegenüber der jetzigen Wohnung des Prinzen von Preußen, des Drachentödters der „Revolution“, und einem düsterschweigsamen, erinnerungsreichen Säulenhause, dem Palais der Oranier, liegt ein nicht hohes, aber in seinem Umfange majestätisches Gebäude. Da, wo jetzt in der norddeutschen Hauptstadt Friedrich’s des Großen Standbild auf die Umgebungen der Häuser, Kirchen, Paläste, der neuen Menschen, veränderten Sitten, gegenwärtigen Meinungen in stiller Mitternacht ein: Gewesen! niederzuflüstern scheint, während der Anbruch des Morgens das glorreichste Auferstanden! verkündigt, am Beginn der freundlichen Boulevards, die, schon seit lange nur von wilden Kastanien geschmückt, immer noch „Unter den Linden“ heißen, gegenüber der Wohnung des Prinzen von Preußen und späteren Kaisers, und einem düsterschweigsamen, erinnerungsreichen Säulenhause, dem Palais der Oranier, liegt ein nicht hohes, aber in seinem Umfang majestätisches Gebäude. 0.6354166666666666
47 Wer vorübergeht und ein Mann nach der Uhr ist, bleibt eine Weile stehen. Die goldene, sonst so lang getragene Uhrkette wird gezogen und der Weiser der Taschenuhr bedächtig nach jenem großen Zeitmesser gerichtet, der an dem Hauptportal über einem langsam und feierlich bewegten Pendel schwebt. Kaum hörbar schlägt diese akademische Uhr. In alten Zeiten unterhielt nebenan auf der zerbröckelnden gelben und der Mauertiefe zu braunfeuchten Wand eine Sonnenuhr die Controle eines felsenfesten, unumstößlichen Dogmas. Ginge in Berlin die Uhr der Akademie falsch, so wäre „etwas faul im Staate Dänemark“. Der Punkt, den Archimedes suchte, um die Welt aus ihren Angeln zu heben, liegt dem Berliner zwischen seiner akademischen Uhr hüben und dem Barometer Petitpierres drüben. Gieb mir, wo ich stehen soll! predigen für [6] die frommen Geheimräthe die Büchsels und Krummachers in den Matthäus- und Dreifaltigkeitskirchen und nennen den Heiland alles Lebens Eckstein. Müller und Schulze aber haben nur einen Glauben: Den an die Uhr der Berliner Akademie. Wer vorübergeht und ein Mann nach der Uhr ist, bleibt hier eine Weile stehen. Die Uhrkette wird gezogen und der Weiser der Taschenuhr bedächtig nach jenem großen Zeitmesser gerichtet, der an dem Hauptportal über einem langsam und feierlich bewegten Perpendikel schwebt. Diese akademische Uhr schlägt meines Wissens nicht laut. In alten Tagen unter-[17]hielt neben ihr auf der zerbröckelnden gelben Wand eine Sonnenuhr die Controle des felsenfesten, unumstößlichen Dogmas der Normaluhr, die kritische Gegenprobe der angegebenen Stunden. Ginge in Berlin die Uhr der Akademie falsch, so wäre „etwas faul im Staate Dänemark“. Der Punkt, den Archimedes suchte, um die Welt aus ihren Angeln zu heben, liegt dem Berliner zwischen seiner akademischen Uhr hüben und dem Barometer Petitpierre’s drüben. Gieb mir, wo ich stehen soll! predigen für die frommen Geheimräthe die Büchsels und Krummachers in den Matthäus- und Dreifaltigkeitskirchen; Müller und Schulze haben nur Einen festen Glauben: Den an die Uhr der Berliner Akademie. 0.7071428571428572
48 Ein wunderbares, ein Riesengebäude das! Ein Pantheon aller Künste und Wissenschaften! Ein Tempel für Minerva … Preußens Minerva, die auch Schild und Lanze zu führen weiß. Rings die Musen, in der Mitte Mars. Asyl der Künstler und Rennbahn der Cavaleriepferde. Die Trompete der Uhlanen durcheinander wirbelnd mit der Trompete Famas, die in einem Kämmerchen hier der akademische Historiograph des Landes zu blasen hat. Ueber der akademischen Uhr sollte aus der Mauer ein Pegasus springen; denn das Pferd ist es, dessen geflügelter oder auch nur hufbeschlagener Bedeutung dies ganze gewaltige Quadrat gewidmet ist. Ein wunderbares, ein Riesengebäude! Ein Pantheon aller Künste und Wissenschaften! Tempel der Minerva nach allen ihren Beziehungen – auch zum Kriege; Preußens Minerva muß ja als einjährige Freiwillige Schild und Lanze führen. Rings die Musen, in der Mitte Mars. Asyl der Künstler und Rennbahn der Cavaleriepferde. Die Trompete der Ulanen durcheinander wirbelnd mit der Trompete Famas, die hier in einem Kämmerlein der akademische Historiograph des Landes zu blasen hat. Ueber der akademischen Uhr sollte aus der Mauer Pegasus springen; das Pferd ist es, dessen geflügelter oder zugleich hufbeschlagener Bedeutung dies ganze gewaltige Quadrat gewidmet ist, das man zu meinem Bedauern abzubrechen gedenkt. 0.7191011235955056
49 Nach der Lindenfront hinaus liegen die von Friedrich dem Großen nach einem Brande wiederhergestellten Sammlungs- und Unterrichtssäle der vom ersten Preußenkönig schon in seiner Kurfürstenzeit hier errichteten Akademie der schönen Künste. Mehr zur Rechten, dem früher Prinz Heinrich’schen Palais, der Universität zu, begannen die Säle und Sammlungen der Akademie der Wissenschaften, zu denen [7] sich in der früheren Stall-, jetzt Universitätsstraße auch die Druckerei der Akademie für Gelehrte, wie Bopp und Wilken, mit ihren persischen, arabischen und Sanscritlettern gesellte. Auf der dritten Linie des Quadrats, die zur jetzigen Dorotheen-, früher „letzten“ Straße hinausgeht, lag der akademischen Uhr grade gegenüber die von Bode observirte Sternwarte, und nach der vierten, der Charlottenstraße zu, führte eine Treppe zur Anatomie und den Hörsälen des alten, vor der Universitätszeit hier schon blühenden, unter Andern auch von Ludwig Börne besuchten, „medizinischen Collegiums“ empor. Alle anderen Längenseiten, Thurmpavillons und Vorsprünge dieses fast encyklopädischen Baues hatten eine Bestimmung, die man unter Umständen an sich keine prosaische nennen kann, wenn sie auch mit dem wissenschaftlichen und artistischen Charakter der übrigen Theile nicht in nächster Berührung stand. Sie wurden zu Pferdeställen verwandt, theils für das Garde-du-Corps- oder Cürassier- oder Uhlanen-Regiment, theils für die Bespannungen der königlichen Prinzen und des Königs selbst. Nach der Lindenfront hinaus liegen die von Friedrich dem Großen nach einem Brande wieder hergestellten Sammlungs- und Unterrichtssäle der hier vom ersten Preußenkönig schon in seiner Kurfürstenzeit errichteten Akademie der schönen Künste. Mehr zur Rechten, dem früher Prinz Heinrich’schen Palais, der heutigen Universität zu, beginnen die Säle und Sammlungen der Akademie der Wissenschaften, zu denen sich noch in der Stall- oder Universitätsstraße, der rechten Seitenflanke, die Druckerei der Akademie mit persischen, arabischen und Sanscritlettern, also halb gelehrten Setzern, gesellt. Auf der dritten Linie des Quadrats, die zur jetzigen Dorotheen-, früher „letzten“ (!) Straße hinausgeht, lag der akademischen Uhr gegenüber die damals von dem Astronomen Bode ge-[18]leitete Sternwarte. Nach der vierten, der Charlottenstraße zu, führte eine Treppe zur Anatomie hinauf und zu den Hörsälen des alten, hier schon vor der Universitätszeit blühenden „medicinischen Collegiums“. Alle andern Längenseiten, Thurmpavillons und Vorsprünge dieses encyklopädischen, allumfassenden Baues hatten eine Bestimmung, die man unter Umständen keine prosaische nennen kann, wenn sie auch mit dem wissenschaftlichen und artistischen Charakter der übrigen Theile nicht in nächster Berührung stand. Sie wurden zu Pferdeställen verwandt, theils für das Garde-du-Corps- oder Cürassier- oder Ulanen-Regiment, theils für die Bespannungen der königlichen Prinzen und Seiner Majestät des Königs selbst. 0.7289156626506024
50 Dies abenteuerliche, seltsame, lichte und dunkele, classische und romantische Gebäude, ein Pegasusstall nach Hufbeschlag und Flügelschwung, mußte einem Kinde, das ohnehin in einem Spahn geschnitz-[8]ter Baumrinde Silberflotten, in einem blitzenden Kiesel Dresdener grüne Gewölbe sieht, so gut wie das halbe Universum erscheinen. Ihr Armen, die ihr hier nur diese Uhr, diese Kunstausstellungen, diese akademischen Leibnitz-Sitzungen, diese Bopp’schen Sanscritlettern, diese funkelnde Kometen-Warte, den Rudolphischen Cursus über Splanchnologie nebst den demonstrativen Spiritus-Eingeweide-Gläsern, diese Königlich Preußischen Wagenremisen und die Hauptwache der Uhlanen seht, wie viel ist Euch von der noch übrigen wahren Poesie dieses Pantheons entgangen! Die innern Höfe, die Pluvien dieses Tempels, die lauschigen Mysterien innerhalb dieser vier Straßen, unzugänglich allen Neugierigen, von den Kastellanen mit Rohrstöcken, den königlichen Leibkutschern mit Peitschen, den Wachtmeistern mit dem Sarras streng gehütet … da gab es zu schauen, zu lauschen, zu schleichen, zu naschen, zu wühlen und zu spielen! Wirres Gemäuer, durcheinander gewürfelt. Düstre grasbewachsene Gänge, schauerliche Thürme, viereckig oder rund. Dies Chaos war ohne Zweifel dem in diesem Hause am 17. März 1811 geborenen Kinde wichtiger als die akademischen Säle, wo Schleiermacher über Plato, Wilken über die Kreuzzüge las, oder Gottfried Schadow neuangekommene vespasianische Badewannen mit seiner kostbaren, allerweltbekannten [9] Hausverstandslogik auch balneologisch vom Standpunkte antiker Unbequemlichkeit musterte. Hier zeichneten wohl die künftigen Düsseldorfer, Hübner, Hopfgarten, später Bendemann, Sohn, Hildebrandt als kleine Studienklassiker nach Gypsabgüssen, dort wurden eben von Italien Gemäldekisten zur Kunstausstellung ausgepackt und das Campagna-Romana-Stroh wie gemeines pommersches oder Ukkermärker Stroh behandelt; hier ordnete man die Bücher der Akademiker oder zog von der Presse ein neues Werk von W. von Humboldt über die Kawisprache, in deren vom gelehrtesten Setzer leise vor sich hin buchstabirte Gurgellaute sich das Roßwiehern einer Reitschulbahn für die Garde-Cavalerie mischte; dort krächzten um die Himmelskugel der Bode’schen Sternwarte Schaaren von Raben, die der vergoldete blitzhelle Glanz des großen Globus ebenso, wie der Leichengeruch von der grauenvollen Anatomie her anlockte … und zwischen allen diesen Offenbarungen einer geistigen Welt das rücksichtsloseste Schmettern der Trompeten, die Signale und Ablösungen von einer der Mittelstraße gegenüber gelegenen Wache, das Wiehern und Kollern und Kettenrasseln von Hunderten von Pferden, die durch Trommelschlag und Pistolenschüsse an kriegerischen Lärm gewöhnt wurden … Sollte man glauben, daß hier, wo es manchmal war, wie auf dem offnen [10] Markt oder der wogenden See, dennoch von einem Kinde still geträumt werden konnte, daß hier auf kleinen Gartenplätzen, auf grünen Rasenbänken, in Lauben von wildem Wein, durchmischt mit türkischer Bohnenblüthe, hinter Fenstern mit Terrassen von Goldlack, Levkoien, Astern, hinter großen Kästen, mit rother Kresse, die ihre zinnoberrothen, beizendduftenden Blüthen an Bindfäden bis hoch über die Fensterrahmen rankten, eine stille nur auf sich selbst lauschende Kinderseligkeit durchlebt werden konnte? Dies war ein Tempel der Musen, ein Stall, und doch das grüne Feld und der einsame, stillfriedliche Wald. Da stand ein einziger, aber riesengroßer Nußbaum, der dem ersten Rosselenker des Königs selbst gehörte und vor den lüsternen Blicken des Knaben, der schon glücklich war, nur ein einziges duftendes Blatt von ihm zu erhaschen, das er in seinem zarten Geäder mit sanftem Fingerstrich von dem Blattgrün befreite und als übriggebliebenes zierliches Geripp in seinen davon durchdufteten „brandenburgischen Kinderfreund“ legte, mit allen zu Gebote stehenden, oft drastischen Mitteln gehüthet wurde. Es war hier alles, alles Idyll. Die reizendste Lockung der Natur in diesem stillen Seitenhof. Die Wohnung des so bevorzugten Selbstherrschers vom allerhöchsten Wagenbock lag mit jenem schattigen, früchteschweren Nußbaum, unter dem eine [11] grüngestrichene Bank die allerhöchst Geduldeten zur Ruhe einlud, so lauschig, so versteckt, so malerisch, so dicht gelehnt an einen großen pittoresken Thurm, von dessen kleinen eisengegitterten Fenstern oft mit Sehnsucht hinuntergeblickt wurde, wie ein Claude Lorrain oder, wenn die königlichen Wägen begossen wurden und das Wasser durch die Landschaft rieselte, wie ein krystallheller, najadenbegeisterter Ruisdael. Dies abenteuerliche, seltsame, lichte und dunkle, classische und romantische Gebäude, ein Pegasusstall nach Hufbeschlag und Flügelschwung, mußte einem in demselben am 17. März 1811 gebornen Kinde, das ohnehin wie jedes Kind in einem Spahn geschnitzter Baumrinde Silberflotten, in einem blitzenden Kiesel Dresdener grüne Gewölbe sieht, so gut wie das halbe Universum erscheinen. Ihr Armen, die ihr hier nur die Uhr, die Kunstausstellungen, die akademischen Leibnitz-Sitzungen, die Bopp’schen Sanscritlettern, die funkelnde Kometen-Warte, den Rudolphi’schen Cursus über Splanchnologie nebst den demonstrativen Spiritus-Eingeweide-Gläsern, die Königlich Preußischen Wagenremisen und die Hauptwache der Ulanen seht, wie viel ist Euch von der noch übrigen wahren Poesie dieses Pantheons oder Pandämonismus entgangen! Die inneren Höfe, die Pluvien dieses Tempels, die lauschigen Mysterien innerhalb dieser vier Straßen, unzugänglich allen Neugierigen, streng gehütet von den Kastellanen mit Rohrstöcken, von den königlichen Leibkutschern mit Peitschen, von den Schildwachen mit dem Sarras – da gab es erst zu schauen, zu lauschen, zu schleichen, zu naschen, zu wühlen, mit romantischen Hülfsmitteln zu spielen! Inmitten dieser vier Langseiten gab es allerlei wirres Gemäuer. Düstre, grasbewachsene Gänge führten zu schauerlichen viereckigen oder runden Thürmen. Ohne Zweifel war das Innere des Quadrats dem Kinde wichtiger als die akademischen Säle, wo Schleiermacher [19] zu Friedrich des Großen Geburtstag über Plato, Wilken über die Kreuzzüge las, oder Gottfried Schadow neuangekommene vespasianische Badewannen mit seiner kostbaren, allerweltbekannten Hausverstandslogik balneologisch und vom Standpunkte moderner Bequemlichkeit musterte. Hier zeichneten die künftigen Düsseldorfer, die Julius Hübner, Hopfgarten, später die Bendemann, Sohn, Hildebrandt als erste Studienklässer nach Gipsabgüssen, dort wurden eben von Italien Gemäldekisten zur Kunstausstellung ausgepackt und das Campagna-Romana-Stroh wie gemeines pommersches oder uckermärker Stroh vom Gensdarmenmarkt behandelt. Hier ordnete man die Bücher der Akademiker, oder zog von der Presse ein neues Werk von W. von Humboldt über die Kawisprache, in deren von einem Muster-Setzer leise vor sich hin buchstabirte Gurgellaute sich das Roßwiehern einer Reitschulbahn für Garde-Cavalerie mischte. Dort krächzten um die Himmelskugel der Bode’schen Sternwarte Schaaren von Raben, die der vergoldete blitzhelle Glanz des großen Globus ebenso anlocken mochte, wie der Leichengeruch von der grauenvollen, jeden Abend mit frischen Leichen versorgten Anatomie her. Aber wichtiger waren dem Knaben die schmetternden Trompeten, die Signale und Ablösungen von einer der Mittelstraße gegenüber gelegenen Wache, das Wiehern und Kettenrasseln von hundert Pferden, die durch Trommelschlag und Pistolenschüsse an kriegerischen Lärm gewöhnt wurden. Wichtiger waren ihm die kleinen Gartenplätze, die grünen Rasenbänke, die Lauben von wildem Wein und türkischer Bohnenblüthe, die Fenster mit Terrassen von Goldlack, Levkoien, Astern, die großen Kästen mit Kresse, die ihre zinnoberrothen, beizendduftenden Blüthen an Bindfäden bis hoch über die Fensterrahmen hinaus prangen ließ, welche Idyllenwelt dann von Kutschern, Bereitern, alten pensionirten Hofdienern griesgrämlich gehütet wurde. Da stand ein einziger, aber riesengroßer Nußbaum, der dem ersten Rosselenker des Königs gehörte und mit den drastischsten Mitteln gehütet wurde vor den lüsternen Blicken der Knaben, die schon glücklich waren, nur ein einziges duftendes Blatt von ihm zu erhaschen, das sie mit sanftem Fingerstrich in seinem zarten [20] Geäder von dem Blattgrün befreiten und als übriggebliebenes zierliches Geripp in den „brandenburgischen Kinderfreund“ legten. Hier war Alles Idylle. Die reizendsten Lockungen der Natur lagen in diesem stillen Seitenhof mit seinem einzigen Nußbaum, einzigem Blumenbrett und einziger grüner Rasenrabatte. Die Wohnung des so bevorzugten Selbstherrschers vom allerhöchsten Wagenbock lag mit jenem schattigen, früchteschweren Nußbaum, unter dem eine grüngestrichene Bank die Geduldeten zur Ruhe einlud, so versteckt, so malerisch, so dicht gelehnt an einen großen, pittoresken Thurm, von dessen eisengegitterten Fenstern oft mit Sehnsucht hinuntergeblickt wurde wie auf ein Landschaftsbild. 0.6306122448979592
51 Dies der Schauplatz. Aber die Menschen! Von den großen Künstlern und Gelehrten erfuhr der Knabe erst allmälig. Verständlich waren ihm in seinen ersten Lauf- und Sprechübungen nur jene rüstigen, kurzen, strammen Leute, die in ledernen Buchsen, gelben Stulpen an den Stiefeln, blauen Röcken, rothen Westen und kleinen silberdrathüberzogenen und mit langen Silberschwänzen in der Mitte gezierten englischen Jokeymützen vor dem viereckten Nord-Ost-Thurme, an der Ecke der „Letzten“ und der Stall- oder Universitätsstraße walteten und schafften. Diese Männer hüteten und pflegten einige dreißig stattlicher Rosse, die dem Bruder der regierenden Majestät gehörten, dem Prinzen Friedrich Wilhelm Karl von Preußen Königliche Hoheit. Links bis zur Astronomie wieherten dieses Purpurgeborenen Fahr- und Reitrosse, rechts bis zur Sanskritdruckerei standen seine Wägen. In dem viereckten Thurme [12] selbst gab es Dienst- und Ablösungsstuben, Wohnungen bestehend aus Küche und Kammer für einige bevorzugte Wagen- oder Roßlenker, Verschläge für Sättel und Riemzeug, Riegel für Candaren, Ketten, Schabracken, Pistolenhalfter und bis hoch hinauf über dunkle breite Treppen ging es zu Dachkammern und geheimnißvollen Luken, durch die oft der Wind melancholische Weisen pfiff und in der Vogelperspective, von einem zwischen den Dachziegeln freigewachsenen zierlichen Kopfe sogenannten Hauslaufes aus, eine Rundschau über die ganze bedeutungsvolle Gegend erlaubt war. Das war eine Aussicht! Da unten lagen die Kunsträume mit ihren Gypsabgüssen und verhangenen hohen Fenstern, da zur Seite die Wissenschaftssäle mit ihren Büchern und Protokollen, dort glitzerten die Himmelsgloben der Astronomie, dort tanzten auf anatomischen Theatern, wenigstens in schauerlichen Spukgeschichten, mit grauenhaften Klagetönen, die man des Nachts von jenen Sälen herunter hören wollte, zerschnittene Arme, enthäutete Beine und um ein Begräbniß betrogene Leiber. Drüben erhob sich der gewaltige Koloß des Prinz Heinrichschen Palais, dessen Besitzer so geheimnißvoll und katholisch mythenreich seit Jahren in Rom verschollen war, während einige alte Pferde von ihm in jenem Winkel drüben das Gnadenbrot fraßen und das übrige Palais den [13] Musen überlassen hatten, die hier 1810 die so rasch aufblühende Tugendbunds-Universität begründeten. Zwischen den schattigen Alleen des damals rings geschlossenen Universitätsparkes, Kastanienwald genannt, lag ein großer Holz- und Zimmerplatz, wo Tausende frisch geschälter, sogar in der Rinde den tollsten Kinderappetit reizender Bäume aufgeschichtet lagen und die gewaltigen Sägen, die Aexte, die Hämmer von Morgens bis Abends wiederhallten und dröhnten an derselben Stelle, die jetzt ein freundlicher kleiner botanischer Garten zum Universitäts-Taschenhandgebrauch einnimmt. Weiter abwärts die Ufer der Spree, noch nicht überbrückt, noch nicht halb verschüttet. Nirgends Durchgänge, alles Winkel, Sackgasse, grüner Rasenplatz, da und dort dunkle breitästige Bäume, wo jetzt überall nur Gaslaternen. Schrägüber wohnte Hufeland, der Arzt des Königs, der im runden Quäkerhut dem Knaben erinnerlich ist, wie einer seiner liebsten Bleisoldaten. Zur Seite die Lehranstalt der jungen Militärärzte. Dann Kasernen (Berlinisch: Kasarmen), Exercierplätze, große Magazine, alles verworren, regellos durch einander auf denselben Plätzen, die nach wenigen Schritten sich zum Ueberblick der Linden, der Bibliothek, des Opernhauses, des Schlosses, einer der schönsten Perspektiven Europas, öffnen. Es mag wenig Städte geben, wo berühmte und vielbedeutende [14] Gebäude so dicht in großer Anzahl beisammen liegen und zwischen den gewaltigen Quadersteinen und stolzen Säulen doch so viel stille bescheidenste Lebensexistenz gestatten, wenigstens wie sie sich damals hier einnisten durfte. Von allen diesen großen Beziehungen war oft die Seele des Knaben wie von räthselhaften Fittichen hoch emporgehoben. Aus dieser majestätischen Anschauungswelt zitterte, drängte, schauerte etwas in ihn hinein, wofür er keinen andern Ausdruck fühlte, als eine unendliche, oft namenlos wehmüthige Sehnsucht nach Klarheit, Licht oder irgend einer braven Bewährung in diesem großen Ganzen. Das hinlänglich übelberufene Wesen des in andern Stadttheilen üppig wuchernden Berlinerthums kannte er nicht. Von den großen Künstlern und Gelehrten, die auf dies Viereck angewiesen waren, erfuhr der Knabe erst allmälig etwas. Verständlich waren ihm in seinen ersten Lauf- und Sprechübungen nur jene rüstigen, kurzen, strammen Leute, die in ledernen Buchsen, gelben Stulpen an den Stiefeln, blauen Röcken, rothen Westen und kleinen silberdrahtüberzogenen und mit langen Silberschwänzen in der Mitte gezierten englischen Jokeymützen vor dem viereckigen Nord-Ost-Thurm, an der Ecke der „Letzten“ und der Stall- oder Universitäts-Straße, walteten und schalteten. Diese Männer hüteten und pflegten einige dreißig stattliche Rosse, die dem Bruder der regierenden Majestät gehörten, dem Prinzen Friedrich Wilhelm Karl von Preußen Königliche Hoheit, Vater der verwitweten Königin von Bayern, Großmutter des musiktrunkenen Bayernkönigs Ludwig. Links bis zur Astronomie wieherten die Fahr- und Reitrosse des Prinzen, rechts bis fast zur Sanscritdruckerei standen seine Wagen. In dem viereckigen Thurm selbst gab es Dienst- und Ablösungsstuben, Wohnungen, bestehend aus Küche und Kammer für einige bevorzugte Wagen- und Rosselenker, Verschläge für Sättel und Riemenzeug, Riegel für Kandaren, Ketten, Schabracken, Pistolenhalfter, und bis hoch hinauf über dunkle breite Treppen ging es in die Dachkammern mit geheimnißvollen Luken, durch welche der Wind melancholische Weisen pfiff und wo doch aus der Vogelperspective, von einem zwischen den Dachziegeln wildwachsenden, zierlich geformten Kopfe sogenannten Hauslaufes [21] aus, die ganze bedeutungsvolle Gegend übersehen werden konnte. Dort die Kunsträume mit ihren Gipsabgüssen und den hohen Fenstern, an denen durch permanente Vorhänge ein Oberlicht für die Herren Maler und deren Schüler erzielt wurde. Hier zur Seite die Wissenschaftssäle mit ihren Büchern und Protokollen; dort die Himmelsgloben der Astronomie; besser seitwärts tanzten auf dem anatomischen Theater, wenigstens nach der Versicherung schauerlicher Spukgeschichten, zerschnittene Arme, enthäutete Beine, um ein Begräbniß betrogene Köpfe unter grauenhaften Klagetönen, die man Nachts von jenen Sälen herüber schallen hören wollte. Drüben dann der gewaltige Koloß des Prinz Heinrich’schen Palais, dessen Besitzer so geheimnißvoll, ja mythenreich seit Jahren in Rom verschollen war, während einige alte Pferde von ihm in jenem Winkel drüben das Gnadenbrod fraßen und das übrige Palais den Musen überlassen blieb, die hier 1810 die so rasch aufblühende Universität begründeten. Zwischen den schattigen Alleen des damals ringsum geschlossenen Universitätsparkes, Kastanienwald genannt, lag ein großer Holz- und Zimmerplatz, wo Tausende frisch geschälter, sogar in der Rinde den tollsten – Kinderappetit zum Kauen und Verspeisen derselben reizender Bäume aufgeschichtet lagen und die gewaltigen Sägen, die Aexte, die Hämmer von Morgens bis Abends widerhallten und dröhnten an derselben Stelle, wo jetzt ein freundlicher kleiner botanischer Garten liegt, ein jardin des plantes zum Universitäts-Taschenhandgebrauch. Weiter abwärts dann die Ufer der Spree, noch nicht überbrückt, noch nicht mit schönen Kais versehen, noch nicht halb verschüttet und zugedämmt. Nirgends gab es hier Durchgänge. Die „letzte“ Straße war Sackgasse, wie sonst der „Bullenwinkel“. Um den jetzigen Hegelplatz war alles Wiese und Holzschuppen. Schrägüber wohnte Hufeland, der berühmte Professor und Leibarzt des Königs, ein Mann im runden Quäkerhut, dem Knaben so erinnerlich, wie einer seiner liebsten Bleisoldaten. Zur Seite die Lehranstalt der jungen Militairärzte. Dann folgten Kasernen (Berlinisch „Kassarmen“), Exercierplätze, große Magazine, alles verworren, regellos durcheinander auf denselben Plätzen, die sich nach wenigen Schritten zum Ueberblick der [22] Linden öffnen, der Bibliothek, des Opernhauses, des Schlosses, bekanntlich einer der schönsten Perspectiven der Welt. Es mag wenig Städte geben, wo berühmte und vielbedeutende Gebäude so dicht in großer Anzahl beisammen liegen und zwischen den gewaltigen Quadersteinen und stolzen Säulen doch so viel stille, bescheidenste Lebensexistenz gestatten, wenigstens wie sich damals noch einnisten durfte. Von allen diesen großen Beziehungen war oft die Seele des Knaben wie von räthselhaften Schwingen gehoben. Aus dieser majestätischen Anschauungswelt zitterten, drängten, schauerten sozusagen Thatsachen auf ihn ein, für welche er keinen andern Ausdruck hatte, als eine unendliche, namenlose Sehnsucht nach Licht, Klarheit, irgend einer tüchtigen Bewährung im großen Ganzen. Das hinlänglich übelberufene Wesen des in andern Stadttheilen üppig wuchernden Berlinerthums kannte er nicht. Die Welt um ihn her war eine vornehme und bedeutungsvolle. 0.6646942800788954
52 Doch zurück zu Roß und Reisigen am nordöstlichen Thurm! Der Vater des Kindes nahm unter ihnen die glänzende „soziale Position“ eines ersten Bereiters Sr. Hoheit des Prinzen Wilhelm von Preußen ein. Bettelstolz, bekanntlich viel empfindlicher als die andern Gattungen des Hochmuthes, müßte den Erzähler, wenn er ihn besäße, bestimmen, den ersten Leibbereiter eines königlichen Prinzen etwas in’s Stallmeisterhafte hinüberzutuschen, aus einem zwar nicht vorreitenden, aber doch immer nachreitenden Knappen halb und halb einen Ritter zu machen. Doch [15] begnügt er sich, nur gegen den Stallknecht oder den Jokey schlechthin Einspruch zu thun. Und dem Roß zu dienen, hebt es nicht denselben Menschen, der den Menschen dienend sich viel tiefer erniedrigt? Welch’ ein freies, auf Gegenseitigkeit begründetes Verhältniß! Der Hirt beherrscht seine Heerde, der Reiter kann sein Roß nur allmälig gewinnen, nur gewöhnen, nur wie ein freies und doch wieder nicht wildes Wesen bändigen. Sein Dienst ist ein Triumph der männlichen Kraft. Die Zähmung bringt wohl einen Schein von Ergebung, Schwäche, selbst gemüthlicher Anhänglichkeit in die Bewegungen des Pferdes; es ist aber zu oft nur ein Schein. Die wahre Natur der Freiheit und des Stolzes sind dem Thiere des schönen Ebenmaßes trotz aller rührenden Schlachtfeld-Anekdoten doch nicht ganz auszutreiben. Jeder langverhängte Zügel giebt ihm die volle Kraft der eignen Laune wieder und launisch ist das Pferd, so launisch, wie nur Könige launisch sein können. Das Pferd hängt von der Reizbarkeit seiner angeborenen Natur so ab, daß es sich, selbst wenn es gezähmten Willen hätte, nicht einmal mit bestem Willen in der Gewalt haben könnte. Mit einem plötzlichen Schreck, mit einem ungeahnten Scheuwerden stürzen alle seine guten Vorsätze, wenn man seine Zähmung so nennen dürfte, zusammen. Das Roß vergißt dem Menschen [16] nie, daß die Peitsche und der Sporn die strengen Begleiter seiner Liebe sind. Und oft ist es, als verstünde das edle Raçenpferd nicht einmal die Sprache des Abendlandes, als lernte es nie, daß es andre Laute geben könnte, als die des Sohnes der fernen morgenländischen Wüste. Der abendländische Reiter hat ein arabischen Ahnen entsprossenes Thier liebgewonnen, er streichelt es, es spielt mit den Ohren, es schwingt den Schweif, es stößt die kurzen grammelnden Laute des Wohlbehagens aus, man glaubt Wunder wie innig der Bund zwischen dem Thier und dem Menschen geschlossen ist … und plötzlich bringt man den vom Rosseshuf getroffenen Herrn, bringt ihn todtenblaß, das Blut quillt aus des Sterbenden Munde, er röchelt, ächzt … verscheidet. Wie oft drang nicht dies Schreckenswort an des Knaben Ohr, daß dieser oder jener junge lustige Reiter im „Klinikum“, an dieser grauenvollen Pforte des Lebens, wo der Tod statt der Sense eine chirurgische Säge schwingt, rettungslos darniederläge, daß sein guter Hektor, sein treuer Ajax ihm die Brust zerschlagen hätte! Der Vater des Knaben nahm allerdings nur die soziale Position eines ersten Bereiters Seiner Hoheit des Prinzen Wilhelm ein. Die Dame Eitelkeit müßte eigentlich den Erzähler bestimmen, den Leibbereiter eines königlichen Prinzen ein wenig in’s Stallmeisterhafte hinüber auszumalen und aus einem solchen nachreitenden (nicht vorreitenden) Knappen halb und halb einen Ritter zu machen. Doch giebt er der Wahrheit die Ehre. Sein Vater ist vielerlei gewesen und immer in seiner Art tüchtig. Dem Roß zu dienen, hebt ja auch den Menschen. Es ist ein freies, auf Gegenseitigkeit begründetes Verhältniß. Der Hirt übt absolute Herrschaft über seine Heerde, der Reiter kann sein Roß nur allmälig für sich gewinnen. Dem Rosse dienen, ihm seine Launen abgewinnen, ist ein Triumph der männlichen Kraft. Ihr glaubt es gezähmt zu haben, es gewinnt einen Schein von Ergebung, Schwäche, selbst von gemüthlicher Anhänglichkeit, aber jeder zu lang verhängte Zügel giebt ihm die Kraft der eigenen Laune wieder und – launisch ist das Pferd, so launisch, wie nur Könige launisch sind! Das Pferd hängt von der Reizbarkeit seiner angebornen Natur ab. Es hat sich beim besten Willen, wenn man so sich ausdrücken wollte, nicht in der Gewalt. Mit einem plötzlichen Schreck, einem ungeahnten Scheuwerden stürzen alle [23] seine guten Vorsätze zusammen. Das Roß vergißt dem Menschen nie, daß denn doch die Peitsche und der Sporn die strengen Begleiter seiner Liebe sind. Oft ist es, als verstünde das edle Racenpferd nicht einmal die Sprache des Abendlandes, als lernte es nie, daß es andere Laute geben könnte als die des Sohnes der fernen morgenländischen Wüste. So hat ein „Bereiter“, ein Stallmeister, ein Offizier, ein Wettrenner, ein Pferde-Amateur ein von arabischen Ahnen stammendes Thier liebgewonnen, er streichelt es, der treffliche Renner spielt mit den Ohren, schwingt den Schweif, stößt die kurzen grammelnden Laute des Wohlbehagens aus, man glaubt Wunder wie innig der Bund zwischen Thier und Mensch geschlossen ist – und plötzlich bringt man den vom Rosseshuf getroffenen Herrn nach Hause. Blut quillt aus des Sterbenden Munde. O wie oft drang dies Schreckenswort an des Knaben Ohr! Dieser oder jener lustige Reiter, der ihn auf den Schooß genommen, ihm Backwerk geschenkt hatte – einen Hufschlag bekam er auf die Brust und man trug den Unglücklichen in’s „Klinikum“, diese grauenvolle Ausgangspforte des Lebens, wo der Tod statt der Sense eine chirurgische Säge schwingt – es lag dicht in der Nähe – Dorotheen- oder „letzte“ Straße Nr. 1. 0.5272206303724928
53 Treten wir näher! Da stehen die Rossebändiger, putzen Riemzeug oder bemalen die ledernen Hosen mit geriebenem Ocker. Vor dreißig, fast vierzig Jahren waren ihre Mienen gebräunt, wild, bei Manchem [17] übermüthig und trotzig. Die Reisige und Troßknechte legten damals erst vor Kurzem den Dreimaster, die orange-schwarz-weiße Schärpe und den geschliffenen Säbel ab. Sie kamen aus dem heiligen Kriege der Befreiung. Weit in der Welt herumgeworfen, waren sie in Tilsit, Königsberg, in Breslau, bei Leipzig, sahen Paris, Belle-Alliance, Ligny, Namur; sahen zum zweiten Mal Paris und selbst Orleans. Der zweite Pariser Friede scheint ihnen nicht zu behagen. Diese Ruhe jetzt, diese Spazierritte nach Charlottenburg, diese Jagdausflüge nach dem Grunewald, dies winterliche Haltenmüssen vor den Schlössern, Theatern, bei den Bällen und den Diners der Wilhelmsstraße scheint ihnen lange nicht so zu munden, wie das rauschende, poetische Leben im Felde. Da hatte es Entbehrungen, Strapazen, Gefahren gegeben, aber welche Entschädigungen im Quartier, welche Abenteuer, welche Freude an fremder Sitte, welche schnelle Gewöhnung selbst an die Art des verhaßten Feindes! Der geringe Mann findet sich auch unter den Gegnern sobald zurecht mit Seinesgleichen. Die Großen führen noch immer die Kriege, die Kleinen haben sich längst ausgesöhnt. Da wurde die Beute, die auf dem Schlachtfelde gewonnene, der wohlfeile Einkauf, der vom „dummen“ Kosaken erstandene, nicht einmal aufbewahrt bis zur Rückkehr in die Heimath, [18] sie wurde schon wieder getheilt mit dem Feinde selbst, verschenkt an den guten Wirth, zurückgelassen als Andenken an eine zärtliche Mutter, an die Kinder, die an den rothen Bärten der Fremdlinge zupften und sich mit deutschen Liebkosungen trösten ließen, daß ihnen ein Bruder Pierre oder Matthieu oder Napoleon bei diesen Fremden daheim im Felde geblieben war. Sie kamen nun aus diesem gezähmten Frankreich zurück … Die Weiber gingen ihnen entgegen schon bis zum halben Wege von Potsdam. Sie umarmten die Längstentbehrten, endlich im Staub Erkennbaren, hinter Steglitz. Beim Landgute des Großkanzlers von Beyme steigen die Wohlbehaltenen vom Pferde, küssen Weib und Kind und sind, aber wie! verändert. Die wilden Bärte reiben beim Kusse fast wund. Und die Worte, was die so neu sind, die Fragen, was die so zerstreut, so fremdartig und so vergeßlich klingen! Das Pferd da, Sophie, das hab’ ich erbeutet, heißt es; aber ich verkauf’ es – Die Juden in Magdeburg boten schon sechszig Thaler. Der Stallmeister giebt siebzig … Da! Drei Uhren! Eine für den Bruder, eine für den Vetter, eine für den Aeltesten zur Einsegnung … lauter ächte Breguets! Hier Tücher, Lyoner seidne Tücher, nicht viel, aber nur um die Mode zu zeigen, und ein Ring – wer weiß von wessen Hand! Später sag’ [19] ich’s – aber da ist er. Ich habe viel, viel zu erzählen. Im Mantelsack liegen ein paar Thaler. – Das ist die ganze Bescheerung? Wie? Wie? Das ist Alles? fragt die ihr Eherecht schon wieder Fühlende auf dem Wege halb nach Schöneberg. Da sind doch Andre, die auch zurückkehrten … was haben die mitgebracht! Wahrhaftig mehr, als da die Tabackspfeife mit silbernem Beschlag, mehr als da die englischen Rasierzeuge und die Pariser Schaumseife, mehr als da die Spieldose mit der Modearie des Tages: „Ich war Jüngling noch an Jahren …“ lauter unnütze und verschwenderische Dinge das! Und nun zeigt sich wohl, daß die Haupterrungenschaft der Krieger, ihre wahre gemachte Campagne-Beute Mißmuth, Zorn, überspannte Phantasie, tolle Lebenslust und ein überraschender Reichthum von ganz neuen, bisher unerhört gewesenen sakramentischen Bougre-Flüchen und Kreuzhimmelherrgotts-Verwünschungen über die Wucherer im Felde, die Räuber, die Stubenhocker, die Schleicher, die den armen Fremdlingen „das Fell über die Ohren“ zogen und die Habgier der Weiber sind. Der tägliche Eindruck des Stalllebens war ein unterhaltender. Da stehen die Rossebändiger, putzen Riemzeug oder bemalen ihre ledernen Buchsen mit geriebenem Ocker. Ihre Mienen waren gebräunt, wild, bei Manchem sogar übermüthig. Das machte die noch nicht lange überwundene Kriegszeit. Wir schreiben mit dem heranwachsenden Jungen etwa 1817 oder 18. Die Reisige und Roßknechte legten damals noch nicht lange den Dreimaster, die orange-schwarz-weiße Schärpe, den geschliffenen Säbel ab. Weit in der Welt im Kampf mit „Bonaparte“ herumgeworfen, waren sie bald in Tilsit, bald in Königsberg, bald in Breslau oder bei Leipzig. Sie sahen Paris, Ligny, Namür, Belle-Alliance. Sie sahen zum zweiten Mal Paris, sogar Orleans. Der zweite Pariser Frieden scheint ihnen nicht behagt zu haben, die Räumung Frankreichs das Allerverdrießlichste zu sein. Dort war’s eine lustige Welt, ein Friedensschluß, der mit einem Theil der [24] Franzosen, den Emigranten, Versöhnung, die beste Kameradschaft, Huldigungen, allerlei Zuvorkommenheiten gebracht hatte. Hier jetzt nichts als „Schurigelei“ und Wachtparade – Spazierritte nach Charlottenburg, Jagdausflüge nach dem Grunewald, winterliches Haltenmüssen vor den Schlössern, Theatern, bei Bällen und den Diners in der Wilhelmsstraße. So war es im Felde, in der „Campagne“ nicht. Da hatte es zwar Entbehrungen, Strapazen, Gefahren gegeben, aber welche Entschädigungen dann auch im Quartier, welche Abenteuer, bei den Gutgearteten welche Freude an fremder Sitte und schnelle Gewöhnung an die zuweilen liebenswürdige Art des verhaßten Feindes! Der geringe Mann findet sich auch unter den Gegnern bald mit Seinesgleichen zurecht. Nur die Großen führen die Kriege, die Kleinen haben sich nach einem Streit bald ausgesöhnt. Von „Beute“, die auf dem Schlachtfelde gewonnen, vom wohlfeilen Einkauf beim Kosaken wurde als von etwas Selbstverständlichem gesprochen. „Pendülen“ und kostbare aus den Rahmen geschnittene Bilder fehlten freilich. Wie hätten sie auch sollen transportirt werden! Eher aber wurde erzählt, daß man seine Errungenschaften schon wieder getheilt hatte mit dem Feinde selbst, verschenkt an den guten Wirth, zurückgelassen als Andenken an eine zärtliche Mutter, deren Thränen den Krieger gerührt hatten, an die Kinder, die an den rothen Bärten der Fremdlinge zupften und sich mit deutschen Liebkosungen trösten ließen, wenn ihnen ein Bruder Pierre, Matthieu oder Napoleon bei diesen Fremden daheim gefallen oder in Rußland erfroren war. Noch steht das Bild der Rückkehr aus dem gezähmten kaiserlichen Frankreich dem Erzähler nach dem Bericht der Mutter vor Augen. Die Weiber gingen ihren Männern entgegen schon bis zum halben Wege von Potsdam. Hinter Steglitz umarmten sie die Langentbehrten, endlich im Staub Erkennbaren. Beim Landgute des Groß-Kanzlers von Beyme steigen die Wohlbehaltenen vom Roß und küssen Weib und Kind. Aber wie sind sie verändert! Die wilden Bärte reiben Einen beim Küssen ja fast wund! Und die Worte, was die neu sind, die Fragen, wie so zerstreut, so fremdartig und vergeßlich sie klingen! Das Pferd da, Sophie, das hab’ ich er-[25]beutet, aber ich verkauf’ es – die Juden in Magdeburg haben schon sechzig Thaler geboten. Der Stallmeister giebt siebzig! Da! Drei Uhren! Eine für den Bruder, eine für den Vetter, eine für den Aeltesten zur Einsegnung! Lauter echte Breguets! Hier Tücher, Lyoner seidne Tücher, nicht viel, aber nur um die Mode zu zeigen, und ein Ring – wer weiß von wessen Hand! Später sage ich’s – aber nimm ihn nur! Die Kosaken verkauften Alles um ein paar Gläser Branntwein. Was kann ich nicht alles erzählen! Im Mantelsack liegen auch ein paar Thaler. 0.5115303983228512
54 Und nun erkenne man die Ansicht, die im Volke über Kriegsbeute lebt! Das sind Anschauungen, die noch aus den Zeiten der Landsknechte stammen, aus den Zeiten der erstürmten Städte, die man einer mehrtägigen Plünderung überließ. Das ist, fragte die ihr Eherecht schon wieder Fühlende auf dem Wege halb schon bei Schöneberg, die ganze Bescheerung? Das ist Alles? Da sind doch Andere, die auch zurückgekommen sind, was haben die nicht mitgebracht! Wahrhaftig mehr als die Tabackspfeife mit dem silbernen Beschlag! Mehr als da die englischen Rasierzeuge und die Pariser Seife! Mehr als die Spieldose da mit der Modearie des Tages: „Ich war Jüngling noch an Jahren!“ Lauter unnütze und verschwenderische Dinge das! Und nun zeigt sich auch sofort, daß die Haupterrungenschaft der Krieger, ihre wahre gemachte Campagne-Beute Mißmuth, Zorn, überspannte Phantasie, tolle Lebenslust und ein überraschender Reichthum von neuen, bisher unerhörten sakramentischen Bougre-Flüchen und Kreuzhimmelherrgotts-Verwünschungen über die Wucherer im Felde, die Räuber, die Stubenhocker, die Schleicher, die den armen Fremdlingen „das Fell über die Ohren“ zögen, und die nimmersatte Habgier und Putzsucht der respectiven Ehehälften sind.
55 Ringsum ertönte nun das wilde Toben der Rückkehrenden. Was klapperten da die Säbel! Was stoben Funken auf dem Straßenpflaster! Was wurde da gesungen, getrunken, gewettert! Auf den Straßen [20] schrie man aus: „Bonaparte’s neueste erbärmliche Stoßseufzer aus St. Helena“ … man kennt die Spottliteratur, die nach Napoleons Sturz auf allen Märkten und Gassen so wenig Großmuth und so viel Siegesübermuth verrieth. Ja, sagten die Heimkehrenden, wenn er nur bald wieder käme. Sie mochten diesen schaalen Frieden, diese Heimath, diese Habgier, diese Polissonerien und „Schuriegeleien“ des wiederhergestellten Dienstzwanges nicht. Es blieb noch Alles gerüstet, trotz der Durchmärsche, die von heimkehrenden Russen kein Ende nahmen. Die Russen galten im Ganzen für die gemüthlichste Nation von der Welt. Die Großen mochten sich in Eifersucht und Misstimmung aneinander reiben und Fritz des Franz, Franz des Iwan längst überdrüssig sein, die Kleinen hatten schon wieder treueste Freundschaft geschlossen, nahmen sich schon wieder längst gegenseitig von der allgemeinen brüderlichen Menschenseite. Es hieß wohl, der Russe nimmt ein ganzes Talglicht und zieht es sich, selbst wenn er’s vom Leuchter, nicht vom Lichtzieher hat, zum Frühstück durch die Zähne; aber die Kinder bekamen doch russische Taufnamen: Paul, Alexis, Feodor, Kathinka, Alexandrine, Maschinka. Auch Türken gab es viele und nicht unkenntliche unter den Russen … Iwan, ein Türke vom schwarzen Meere, nahm den Knaben oft auf [21] den Schooß und schenkte ihm, nicht orientalische Zuckerfrüchte oder Harem-Eingemachtes, was er nicht hatte, wohl aber Thorner Pfefferkuchen und große Rostocker oder Stettiner Aepfel. Ein unerlaubtes Einstürmen von trunkenen Russen in ein ihnen nicht gehörendes Quartier und die mit Macht von der entschlossenen Mutter vertheidigte Thür ist dem Knaben gegenwärtig wie eine Scene aus dem Homer. Noch klingt auch im Ohr das wirkliche wilde Toben der Rückkehrenden. Was klapperten die Säbel, stoben die Funken auf dem Straßenpflaster, wurde gesungen, gewettert und getrunken! Auf den Straßen schrie man aus: „Bonaparte’s neueste erbärmliche Stoßseufzer aus St. Helena“ und ähnliche [26] Pamphlete. Man kennt die Spottliteratur, die nach Napoleon’s Sturz auf allen Märkten und Gassen wenig Großmuth und viel Siegesübermuth verrieth. Ja, sagten sogar die Heimkehrenden, wenn er nur bald wieder käme! Sie mochten die „Entrunzelung des grimmen Krieges“, den schaalen Frieden, die Plackereien des wiederhergestellten Dienstzwanges nicht, auch nicht beim Militair, wo jetzt alles russisch werden sollte. Die Rüstung, die allgemeine, blieb eine stramme, trotz der Durchmärsche, die von den heimwärts ziehenden Russen kein Ende nahmen. Aber die Russen galten in der That für die gemüthlichste Nation von der Welt. Die Großen mochten sich mit Eifersucht und Mißstimmung aneinander reiben und Fritz des Franz, Franz des Alexander längst überdrüssig geworden sein, die Kleinen hatten Freundschaft geschlossen und nahmen sich von der allgemeinen menschlichen Seite. Es hieß zwar, der Russe nimmt ein Talglicht und zieht es sich, selbst wenn er’s vom Leuchter, nicht vom Lichtzieher genommen hat, zum Frühstück durch die Zähne; aber die Kinder bekamen russische Taufnamen: Paul, Alexis, Feodor, Kathinka, Alexandrine, Maschinka. Auch Türken gab es unter den Russen, und nicht unkenntliche. Iwan, ein Türke vom schwarzen Meer, nahm den Knaben oft auf den Schooß und schenkte ihm Thorner Pfefferkuchen und große Rostocker oder Stettiner Aepfel. Ein unerlaubtes Einstürmen von trunkenen Russen in unser ihnen nicht gehörendes Quartier und die mit Macht von der entschlossenen Mutter vertheidigte Thür ist dem Knaben gegenwärtig wie eine Scene aus dem Homer. 0.6909871244635193
56 Die Geschichte des Ringes aus Paris wurde erzählt, vom vierjährigen Kinde noch nicht verstanden; öfter und wie öfter! wiederholt und später erst begriffen. Sie soll folgen. Hört eine Geschichte, die sich unter des Knaben eigenen Augen begab! Die Geschichte des Ringes aus Paris wurde erzählt, aber vom fünfjährigen Knaben noch nicht verstanden. Dagegen begab sich Folgendes unter des Knaben eigenen Augen. 0.4864864864864865
57 Zwei stattliche Reiter des Prinzen hatten im Felde sich die treueste Freundschaft geschworen. Der Eine, mit krausem, schwarzem Haar, lebensfroh, mit Feueraugen, der erste Vorreiter des Prinzen. Der Andere, blond, ernster, milder, blauäugig, der erwähnte erste Nachreiter. Es konnte keinen fröhlicheren Gesellen geben, als den schönen, schwarzen, krausköpfigen Dorich. Wenn Dorich auftrat in den frischgetünchten gelbledernen Buchsen, den hohen geglänzten Steifstiefeln, der kurzen blauen Jacke mit weißen Metallknöpfen und rothen silberbesetzten Krägen und Aufschlägen, die runde Jokeykappe und die silberdrathüberflochtene Reitgerte tänzelte in seiner Hand, die [22] Sporen klirrten hinter den Absätzen, so war Dorich der Stolz des Marstalles. Dorich schäkerte mit den Mädchen, lachte mit den Frauen, Allen mußte seine frohe, lebensprühende Art gefallen. Dorich war verheirathet. Er hatte die schönsten Kinder. Aus dem Kriege heimkehrend waren die verbundenen Freunde, Dorich und des Knaben Vater, halbe Franzosen geworden. Wenigstens die Sacres der Pariser konnten sie ohne den Meidinger. Sie hielten eine geschlossene Kameradschaft, die um so enger sie verbinden mußte, als sie in einem und demselben Hause wohnten, in dem nordöstlichen Marstall-Pavillon des Prinzen Wilhelm. Zwei Reiter des Prinzen hatten sich im Felde die treueste Freundschaft geschworen. Der Eine mit krausem, schwarzem Haar, lebensfroh, mit Feueraugen – der erste Vorreiter des Prinzen. Der Andre blond, ernster, milder, nur zuweilen aufbrausend, blauäugig, der höher stehende Nachreiter. Es konnte keinen fröhlicheren Gesellen geben, als den schönen, schwarzen, krausköpfigen Lorenz. Wenn Lorenz auftrat in [27] den frischgetünchten gelbledernen Beinkleidern, den hohen geglänzten Steifstiefeln, in der kurzen blauen Jacke mit weißen Metallknöpfen und rothen silberbesetzten Krägen und Aufschlägen, die runde Jokeykappe und die silberdrahtüberflochtene Reitgerte in seiner Hand tänzelte, die Sporen an den Absätzen klirrten, da war er der Stolz des Marstalls. Lorenz schäkerte mit den Mädchen, lachte mit den Frauen, Allen mußte seine frohe, lustige Art gefallen. Er war verheirathet und hatte die schönsten Kinder. Aus dem Kriege heimkehrend, waren die verbundenen Freunde, Lorenz und des Knaben Vater, halbe Franzosen geworden. Wenigstens die Sacre bleus der Pariser konnten sie sprechen, ohne den Meidinger studirt zu haben. Sie hielten eine geschlossene Kameradschaft, die sie um so enger verbinden mußte, als sie in einem und demselben Hause wohnten, im nordöstlichen Marstall-Pavillon der Berliner Akademie. 0.7682119205298014
58 Aber ach, diese Freundschaft wurde auf harte Proben gestellt! Aber ach, diese Freundschaft wurde auf harte Proben gestellt! 1.0
59 Die aus dem Frankenland heimkehrenden jungen Reiter fanden ihre Frauen wieder, aber beide gegenseitig in Zorn und Haß entbrannt. War es die alte Eifersucht, die seit Chriemhilden und Brunhilden wetteifernde Kriegsgesellen gegen einander stachelt, oder hatte reizbares Frauennaturell keine Veranlassung gefunden, für den Würfel und das Kartenspiel, das die Männer verband, eben so bindende Surrogate, den Kaffee, die Neugier, die Zuträgerei, die Klatschsucht, eintreten zu lassen; genug, die beiden Frauen der Freunde haßten sich. Das war aber nicht etwa [23] wie bei uns eine kalte oberflächliche Gleichgültigkeit der Einen gegen die Andre, ein Hinterrücksangreifen, ein Mangel nur an sympathischer Stimmung, wie wir uns hassen, nein, das war ein Haß, ein Zorn, eine Leidenschaft, wie aus der Heldensage. Die Kinder der einen Frau den Kindern der andern sich nähernd, wurden mit Gewalt fortgerissen. Das Weib Dorich’s, eine hohe, schlanke Gestalt, mager, von brennend stechenden Augen, wie ihr Gatte, bei dem aber diese Kohlenaugen nur vor Lust und Freude funkelten, und die Mutter des Erzählers, kleiner, rundlicher, von blauen Augen, schwarzem Haare und schwarzen Augenwimpern und einer so gewaltigen Charakterregung fähig, daß sie auf ihrer Stimmung festhielt, ob dabei auch mehr als ein Schüreisen biegen oder brechen sollte.… das Pathos dieser Leidenschaften reichte bis an die Tragödie. Beide Frauen waren ja so angewiesen allein auf Liebe, so allein auf Schonung und Duldung! Denn – verhängnißvolle Wendung! – jede hatte zwar ihre eigene Stube (ohne Kammer!) mit drei Kinderbetten oder wenigstens Plätzen oder Stühlen, aus denen man Abends Betten formen konnte, hatten als Dienstwohnungen diese Löcher zu behaupten, aber beide benutzten dabei nur eine, eine und dieselbe Küche! Brunhild und Chriemhild in einer einzigen Küche! Zwei [24] Feuerflammen vor einem Heerde! Beide auf einem und demselben steinernen Estrich ihr Gemüse putzend, ihre Kartoffeln schälend, ihre Erbsen verlesend! Und Gemüse, Kartoffeln und Erbsen auch auf einem und demselben Penatenaltar siedend! Es ist wahr, eine kleine Scheidewand von Backsteinen trennte den Topf Brunhildens vom Topfe Chriemhilds. Links knisterte an seltenen Tagen der Speck der Einen, rechts brotzelte die gebackene Leber der Andern. Die Kartoffeln, die Bohnen und die Erbsen dampften sich dicht neben einander täglich in dieselbe Esse aus, in dieselben schwarzglühenden Wände, auf deren rußige Krystalle immer gleich kalte, gleich starre Mienen des Hasses fielen. Durch die kleine Küche war eine Demarkationslinie der Neutralität gezogen, die nur beim Eintreten durch die Thür von beiden Partheien überschritten werden durfte; sonst standen Eimer und Scheuerfaß, Schrank und Holzklotz, Hackebrett und Marktkorb in mathematischer Genauigkeit so gestellt, daß Eins nicht um die Linie in das Gebiet des Andern rückte, es sei denn, daß der kochende Groll eine Veranlassung zum Ausbruch suchte. Suchte! Wie dieser Haß entstanden, ist dem Erzähler unbekannt, aber das ist erwiesen, geringe Leute hassen sich nicht, wie wir Andern uns hassen – in unserer Bildung! Wir Gesellschaftsfähiggewordenen gehen süß, [25] gehen lächelnd an einander vorüber, meiden uns wohl einmal in einem und demselben Salon, würden aber sogar in einer Küche mit einander fertig werden Jahre lang, wenn uns die Neigung würde, uns unsere Beefsteaks selber zu dämpfen. Aber Naturmenschen? Was wäre ihnen Mäßigung und ein Zügeln der Leidenschaft? Feigheit! Ein Scheitholz, das der Einen im Wege liegt, wird mit dem Fuß zur Andern hinweggeschleudert, als wär’ es eine giftige Otter. Ein kostbar Gericht, das die eine Mutter zum Sonntag ihren Kindern bescheeren will, wird bei der Enthüllung aus dem sonnabendlichen Marktkorbe von der Andern mit einer lauten Lache begrüßt. Da wird kein Epigramm in das innere Herz zurückgedrängt. Keine Diplomatie tritt an die Stelle des wilden Naturzustandes, der Alles sagt, was er denkt, alles austobt, was er fühlt, ja jede Gelegenheit ergreift, sich in jenen nervenanspannenden Zorn zu versetzen, der eine rechte, innere Nahrung mancher Seele zu sein scheint und auf sie wie ein berauschendes Opium wirkt. Dieser schlimme Krieg der Küche, dessen Schlachtfelder zuweilen die große mit Steinen gepflasterte Hausflur bildete, dauerte während des ganzen großen heiligen Befreiungskampfes und wurde, als Napoleon schon längst in St. Helena von Sir Hudson Lowe, vom Magenkrebs und der bittersten [26] Reue über seine verkehrte Menschen- und Welt-Auffassung promethëisirt wurde und die großmüthigen Sieger von Belle-Alliance noch immer in den Straßen die erbärmlichsten Pamphlete auf den am St. Helena-Kaukasus langsam Entleberten auszurufen duldeten, noch lustig fortgesetzt zum Jammer der beiden Freunde, die so engverbunden von Paris heimkehrten und durch ihre auf wilde Sitten, Unlust am Frieden, Kartenspiel und geringe Werthschätzung des Geldes begründete „gutbrüderliche“ Einigkeit das Hauskreuz dieses Zwiespaltes nur noch ärger machten. Die aus Frankreich heimkehrenden jungen Reiter fanden ihre Frauen wieder, aber beide gegenseitig in Zorn und Haß entbrannt. War es die alte Eifersucht, die seit Chriemhilden und Brunhilden die Frauen wetteifernder Kriegsgesellen gegeneinander aufstachelt, oder hatte reizbares Frauennaturell keine Veranlassung gefunden, für den Würfel und das Kartenspiel, das die Männer verband, eben so bindende Surrogate, den Kaffee, die Neugier, die Zuträgerei, die Klatschsucht, eintreten zu lassen; genug, die beiden Frauen der Freunde haßten sich. Und es war nicht etwa ein Haß wie bei uns, den Leuten der Bildung, gehaßt wird, der Schein einer kalten, oberflächlichen Gleichgültigkeit des Einen gegen den Andern, ein Hinterrücksangreifen, ein Mangel nur an sympathischer Stimmung; nein, es war ein Haß wie aus der Heldensage. Die Kinder der einen Frau, den Kindern der andern sich nähernd, wurden mit Gewalt fortgerissen. Frau Lorenz, eine hohe, schlanke Gestalt, mager, von brennend stechenden Augen wie ihr Gatte, bei dem aber nur die Kohlenaugen vor Lust und Freude funkelten, und die Mutter des Erzählers, kleiner, rundlicher, von blauen Augen, schwarzem Haar und schwarzen Augenwimpern und einer so gewaltigen Charaktererregung [28] fähig, daß sie auf ihrer Stimmung festhielt, ob dabei auch ein Schüreisen biegen oder brechen sollte. Das Pathos dieser Leidenschaft reichte bis an’s Tragische. Beide Frauen waren angewiesen auf Liebe, Schonung und Duldung! Denn – nach einer verhängnißvollen Wendung – jede hatte zwar ihre eigene Stube (ohne Kammer!) mit drei Kinderbetten oder wenigstens Plätzen oder Stühlen, aus denen man Abends Betten machen konnte, beide sahen diese Herbergen als Dienstwohnungen für eine große Wohlthat an, aber beide benutzten dabei nur eine und dieselbe Küche. Brunhild und Chriemhild in einer einzigen Küche! Zwei Feuerflammen vor einem und demselben Feuerherd! Beide auf einem und demselben steinernen Estrich ihre Gemüse putzend, ihre Kartoffeln schälend, ihre Erbsen, Linsen verlesend! Und Gemüse, Kartoffeln und Erbsen auf einem und demselben Herd zu kochen! Es ist wahr, eine kleine Scheidewand von Backsteinen trennte den Topf Brunhildens vom Topf Chriemhildens. Links knisterte an seltenen Tagen der Speck der Einen, rechts brotzelte die gebackene Leber der Andern. Die Kartoffeln, die Bohnen, die Erbsen dampften sich dicht neben einander in dieselbe Esse aus, in dieselben schwarzglühenden Wände, auf deren russige Krystalle immer gleich kalte, gleich starre Mienen des Hasses und des verweigerten Guten Morgens! fielen. Durch die kleine Küche war eine Demarkationslinie der Neutralität gezogen, die nur beim Eintreten durch die Thür von beiden Partheien überschritten werden durfte. Sonst standen Eimer und Scheuerfaß, Schrank und Holzklotz, Hackebrett und Marktkorb in mathematischer Genauigkeit so gestellt, daß Eins nicht um die Linie in das Gebiet des Andern rückte, es sei denn, daß der immer zurückgehaltene und nur von einem im Hause den Königlichen Vicewirth spielenden „Sattelmeister“ zur Ruhe verwiesene Groll eine Veranlassung zum Ausbruch suchte. Wie dieser Haß hatte entstehen können, ist dem Erzähler unbekannt. Soviel ist erwiesen, geringe Leute hassen sich nicht, wie wir uns hassen. Wir Gesellschaftsfähiggewordenen gehen süßlächelnd mit Complimenten an einander vorüber, während „wir uns vergiften könnten.“ Aber Naturmenschen – was wäre denen Mäßigung und ein Zügeln ihrer Leiden-[29]schaft! Es erschiene ihnen Feigheit. Ein Scheitholz, das der Einen im Wege liegt, wurde mit dem Fuß zur Andern hinübergeschleudert, wie eine giftige Otter. Ein kostbares Gericht, das die eine Mutter zum Sonntag ihren Kindern bescheeren will, wird bei der Enthüllung aus dem sonnabendlichen Marktkorbe von der Andern mit lauter Lache begrüßt. Da wird kein Epigramm in das innere Herz zurückgedrängt. Keine Diplomatie tritt an die Stelle des wilden Naturzustandes, der Alles sagt, was er denkt, Alles austobt, was er fühlt, ja jede Gelegenheit ergreift, sich in jenen nervenanspannenden Zorn zu versetzen, der erst die rechte Nahrung mancher Seele sein zu müssen scheint und auf sie wie berauschendes Opium wirkt. Dieser schlimme Krieg der Küche, dessen Schlachtfeld zuweilen auch die große mit Steinen gepflasterte Hausflur war, dauerte während des ganzen großen, heiligen Befreiungskrieges fort und wurde, als schon Napoleon längst in St. Helena von Sir Hudson Lowe, vom Magenkrebs und der bittersten Reue über seine verkehrte Menschen- und Welt-Auffassung zum gefesselten Prometheus geworden war und die großmüthigen Sieger von Belle-Alliance immer noch in den Straßen witzlose Pamphlete auf den Unschädlichgemachten auszurufen duldeten, noch lustig fortgesetzt zum Jammer der beiden Freunde, die so engverbunden von Paris heimkehrten und durch ihre auf wilde Sitten, Unlust am Frieden, Kartenspiel und sehr geringe Werthschätzung des Geldes begründete brüderliche Einigkeit den Zwiespalt nur noch ärger machten. 0.7431372549019608
60 Da geschah ein Wunder, das tief in die Herzen dieser Menschen und in die Seele des Knaben griff. Da geschah ein Wunder, das tief in die Herzen dieser Menschen und auch in die Seele des Knaben griff. 0.9411764705882353
61 Die Kinder beider Partheien liebten sich so innigst, so zärtlich wie die Väter. Und nun nahte sich auch den Müttern ein Engel des Friedens, in weißem Gewande, mit der Palme in der Hand, der Engel … des Todes. Des schönen Dorich jüngstes Kind, ein holder, kraushaariger Schelm von wenig Jahren, ein Mädchen erkrankte … starb. Die kleine lockige Marianne – des Prinzen Gemahlin hieß Marianne – hatte noch vor einigen Tagen so heiter mit dem Knaben gespielt. Dann hieß es: Mariannchen liegt zu Bett: Und dann: Mariannchen ist todt … Dorich, der Vater, weinte. Die Mutter, die kalte Brunhild, trug ihren Schmerz mit düstrem Ernst. Das Unglück [27] bei Armen ist noch etwas ganz Anderes, als das Unglück bei den Reichen. Das Unglück des Armen entmuthigt meist seine sittliche Kraft, während den Gebildeten das Unglück sittlich heben und anfeuern kann. Die Armen haben noch nicht unsre Vorstellung von einer allgemeinen gleichen Vertheilung von Leid und Freud. Sie nehmen jede Begegnung des Geschickes persönlich hin, wie etwas auf sie von bösen Mächten absichtlich Gemünztes, sie fliehen, verstecken sich wie vor der wirklich aus den Wolken langenden Hand des persönlichsten Gottes, sie bitten und flehen um gnädige Lebensloose an Gottes Thron, wie an den Stufen eines großen allmächtigen Weltenkönigs, und hoffen nur darum das Gute, das Freundliche, das Gnädige, weil ihnen Gott ein ernster, strenger, aber meist doch gütiger Vater ist. Der Jammer aber dann doch um ein Mißgeschick wirft den Armen nicht um den Verlust so sehr, wie uns zaghafte verhätschelte Ichmenschen, denen mit dem Verlornen gleich das ganze Dasein weggezogen scheint, nieder; sie wirft der Schrecken, das Entsetzen nieder, das Entsetzen, sich so räthselhaft schlimmen, unheilvollen Mächten verfallen zu sehen und den Finger Gottes so bedenklich grade auf sie ausgestreckt zu erblicken. Nun ahnen sie die Fülle des Elends, die über sie kommen wird. Sie sind starr, innerlich vernichtet. Und auch Das … [28] die strenge, kalte Dorich, eine vortreffliche Mutter, verbarg ihre Thränen, um ihren Schmerz – vor der Feindin nicht sehen zu lassen! Die Kinder beider Partheien liebten sich schon lange so innigst, so zärtlich wie die Väter. Und nun nahte sich auch den Müttern der Engel des Friedens, aber im weißen Gewande mit der Palme in der Hand, der Engel des Todes. Des schönen Lorenz jüngstes Kind, ein holder, kraushaariger Schelm von wenigen Jahren, ein Mädchen, erkrankte und starb. Die kleine lockige Marianne – des Prinzen Gemahlin hieß Marianne – hatte noch vor einigen Tagen so heiter mit dem Knaben gespielt. Dann hieß es: Mariannchen liegt zu Bett! und bald: [30] Mariannchen ist todt! Lorenz, der Vater, weinte. Die Mutter, die kalte Brunhild, verhüllte ihren Schmerz in düstern Ernst. Das Unglück bei Armen ist ebenfalls noch etwas Anderes als das Unglück bei Reichen. Das Unglück des Armen entmuthigt eine Weile fast ganz seine Kraft, während den Gebildeten das Unglück sichtlich heben und moralisch anfeuern kann. Die Armen haben nicht die geläufige Vorstellung von einer allgemeinen Vertheilung von Leid und Freud und deren Ausgleichung. Sie nehmen jede Begegnung des Geschicks persönlich, wie etwas auf sie allein von höheren Mächten, von Gott absichtlich Gemünztes. Sie fliehen, sie verstecken sich wie vor einer wirklich aus den Wolken langenden Hand des persönlichen Gottes. Sie bitten und flehen Gott um gnädige Lebensloose an, wie an den Stufen eines großen Weltkönigs. Sie hoffen nur darum das Gute, Freundliche und Gnädige, weil ihnen doch in der Regel Gott ein alter Bekannter, ein zwar ernster und strenger, aber doch meist gütiger Vater gewesen. Aber dann eben der Jammer um ein Mißgeschick, der Schrecken, das Entsetzen, sich in so unerwarteter Weise räthselhaft schlimmen, unheilvollen Mächten verfallen zu sehen und den Finger Gottes gerade auf sie ausgestreckt zu erblicken! Sie ahnen dann sogleich die Fülle des Elends, die nun über sie kommen würde. Die kalte Lorenz, sonst eine vortreffliche Mutter, verbarg ihre Thränen nur, um nicht ihren Schmerz vor der Feindin sehen zu lassen. 0.6748971193415638
62 Der Engel im weißen Gewande und der Friedenspalme hatte es eigen beschlossen. Er suchte der eben entschlummerten kleinen Marianne zunächst eine vorläufige Ruhestätte doch noch vor dem Grabe. Sie mußte doch irgendwie außerhalb des Zimmers liegen, wo die stilljammernde Mutter, der zerknirschte Vater, die weinenden Geschwister schliefen. Wo anders war das holde kaltgewordene Kind unterzubringen, als in der Küche? Diese zweien Herren gehörende Küche, sonst das Schlachtfeld des Hasses, wurde nun ein Versöhnungsplatz der Liebe. Die Simultanküche wurde Simultankirche, wo zwei Confessionen des Herzens zu demselben Gott der Liebe beteten und ein Glockengeläute jetzt für beide Partheien zum Frieden rief. Der Raum, so enge, so arm, so gedrückt, konnte zum Katafalk der kleinen Leiche – zwei Stühle und ein Strohsack – nur dann ausreichen, wenn von beiden Frauen eine jede etwas von ihrem Gebiete hergab und die gelbe Demarkationslinie des Hasses und der Eifersucht mit dem grünen Zweige der Liebe ausgeweht wurde. Und es geschah so. Die kleine Frau mit den blauen Augen unter schwarzen Wimpern hatte Mariannchen wie ihr eignes Kind geliebt. Sie rückte [29] trotz des Hasses gegen die Mutter immer schon fort, was dies liebe Kind zum Leben gebraucht hatte, sollte sie nun seinem Tode nicht Platz gönnen? So lag das Kind mit dem blonden Lockenhaupte halb im Gebiet seiner Mutter, halb im Gebiet der Nachbarin, hier das Haupt, dort die Füße und der Heerd wurde zum wirklichen Altar und die Küche ein Asyl der Versöhnung. Ueber dem weißgeschmückten, rosen- und myrtenumkränzten kleinen Kinde reichten die Mütter sich weinend die Hände. Sie blieben ihr Lebenlang verbunden, verbunden in einer Liebe. Ja sie holten das Verlorne gleichsam nach. Denn viel stärker, viel emsiger zum Dienen und gegenseitigen Helfen wurde nun ihr Herz, gleichsam um zu zeigen, als hätte schon von Anbeginn dessen beßre Regung bestanden. Aber der Todesengel hatte es anders beschlossen. Die eben entschlummerte Kleine bedurfte einer Ruhestätte noch vor dem Grabe. Irgendwo mußte die Leiche doch noch drei Tage außerhalb des Zimmers stehen, nicht neben der stilljammernden Mutter, dem zerknirschten Vater, den weinenden Geschwistern. Wo anders war sie unterzubringen, als in der Küche? Diese Küche, zweien Herren gehörig, sonst ein Tummelplatz des Hasses, wurde nun die Versöhnungsstätte der Liebe. Die Simultanküche wurde Simultankirche. Zwei Confessionen des Herzens beteten hier nun zu demselben Gott der Liebe und Ein Glockengeläute rief für beide Partheien zum Frieden. Der enge Raum konnte zur Errichtung eines Katafalks für die kleine Leiche – zwei Stühle und ein Stroh-[31]sack genügten – nur dann ausreichen, wenn von beiden Frauen eine jede etwas von ihrem Gebiet hergab. Und so geschah es. Die kleine Frau mit den blauen Augen unter den schwarzen Wimpern hatte ebenfalls Mariannchen wie ihr Kind geliebt. Die Demarkationslinie wurde aufgehoben. Das Kind mit dem Lockenhaupte lag halb im Gebiet seiner Mutter, halb im Gebiet der Nachbarin, hier das Haupt, da die Füße, der Feuerherd wurde zum wirklichen Altar. Ueber dem endlich dann nach zweimal vierundzwanzig Stunden, zum Tage der Bestattung weißgeschmückten, rosen- und myrtenumkränzten kleinen Kinde reichten sich die Mütter weinend die Hände und blieben ihr Lebenlang verbunden, verbunden in aller Liebe. Ja, sie holten das Verlorene nach. Denn viel stärker, emsiger zum Dienen und gegenseitigen Helfen wurde ihr Herz, gleichsam um zu zeigen, als hätte die bessere Regung schon von Anbeginn bestanden. 0.5811965811965812
63 Und wie bedurften sich diese beiden Frauen! Die Armen ahnen nicht mit Unrecht in einem Unglück den Anfang einer ganzen Unglückskette. Dunkelste Wetter ihres zornigen Gottes zogen über diese Frauen her. Der schalkhafte, muntre, im Trunke wilde und gefährliche Dorich verlor vom Tode seiner kleinen Marianne an, ja auch von der Rührung über die Versöhnung der Frauen, die alte vom Pariser Venusberg mitgebrachte Heiterkeit. Es ist diesen Menschen oft, als müßten sie ordentlich manche spitze und stachelnde Dinge im Leben haben, die ihnen Kraft und [30] Elastizität geben. Lassen diese Widerhaken nach, wird Alles weich und gut um sie her, so siechen sie hin. Dorich ist nicht der Einzige, den der Erzähler unter zuviel der Milde und der Güte, unter zuviel der Aufforderung zur Tugend und Mäßigung so zusammenbrechen sah. Wie dem schönen Dorich ging’s auch seinem Freunde, dem Vater. Die Gelegenheiten zu gewaltsamen Scenen nahmen ab. Der wilde Nachklang des Krieges verhallte in der Ordnung der Sitte und im bessern Gemüthe. Der Säbel, der oft noch gezogen wurde, wenn die charakterfeste Mutter auf ihrem Rechte oder ihrer Auffassung vom Rechte bestand, verrostete, wurde vergessen, verschenkt; er ging schon lange nicht mehr aus der Scheide und die Kinder gewannen an Kraft, dem entfesselten Zorn in die Arme zu fallen. Da sank der stolze Bart, das wilde Haar, die gute „Kameradschaft“ wurde kleiner, der Sinn trüber, düstrer, ernster … So trüb und düster wie beim Dorich freilich umwölkte sich der Sinn des Vaters nicht … Den Dorich suchte man eines Tages lange und vergebens. Es war Mittagszeit. Schon gegen ein Uhr. Das Essen wartete. Wo ist Dorich? Die Frau, die Mutter der todten kleinen Versöhnerin, suchte ihn, schickte die Kinder nach allen Orten, wo Dorich sonst wohl verkehrte. In allen Höhlen, wo Spiel, Trunk, Taback die Kumpane zu vereinigen [31] pflegte, in allen Ställen des Königs, der Prinzen wurde Nachfrage gehalten. Dorich war verschwunden. Die Frau jammerte, sie ahnte ein neues Entsetzliches, einen neuen Schlag von Oben. Es war auch so. Man fand den schönen Dorich gegen Abend in der dunkeln unheimlichen Sattelkammer. Dort an einem Riemzeugpfosten hatte er sich erhängt. Aber beide Frauen bedurften sich auch einander! Denn ach! Die Armen ahnen nicht mit Unrecht in Einem Unglück den Anfang einer ganzen Unglückskette. Dunkelste Wetter ihres zornigen Gottes zogen über diese Frauen herauf. Der schalkhafte, muntre, im Trunk freilich wilde und gefährliche Lorenz verlor vom Tode seiner kleinen Marianne an, ja auch von der Rührung über die Versöhnung der Frauen, die alte vom Pariser Venusberge mitgebrachte Heiterkeit. Denn diesen Menschen ist es, als müßten sie spitze und stachelnde Dinge im Leben haben, die ihnen erst Kraft und Elasticität geben. Lassen diese Widerhaken nach, wird Alles weich und gut um sie her, so fangen sie an leck zu werden („recht spack“ war der pommersche Ausdruck des Vaters) und siechen hin. Lorenz ist nicht der Einzige, den der Erzähler unter Zuviel Milde und Güte, unter Zuviel Aufforderung zur Tugend und Mäßigung zusammenbrechen sah. Wie dem schönen Lorenz ging’s auch seinem Freunde, dem Vater. Die Gelegenheiten zu gewaltigen Scenen nahmen ab. Der wilde Nachklang des Krieges verhallte in der Ordnung der Sitte und im bessern Gemüth. Der Säbel, der oft noch gezogen wurde, sogar wenn die charakterfeste Mutter auf ihrem Rechte oder ihrer Auffassung vom Rechte bestand, verrostete, wurde ver-[32]gessen, verschenkt; schon lange ging er kaum noch aus der Scheide, und die Kinder gewannen allmälig auch an Kraft, dem entfesselten Zorn des von seinem Jünglingsalter und in den „Campagnen“ nicht zur Selbstbeherrschung angeleiteten Vaters in die Arme zu fallen. Da sank allmälig der Kosakenbart, das wilde Haar, die „Kameradschaft“ wurde kleiner, der Sinn trüber, düstrer, ernster. 0.5648854961832062
64 Doch so trüb und düster wie bei Lorenz freilich umwölkte sich der Sinn des Vaters nicht. Jenen suchte man eines Tages lange und vergebens. Es war Mittagszeit, schon gegen ein Uhr. Das Essen wartete. Wo ist Lorenz? Die Mutter der todten kleinen Versöhnerin suchte ihn, schickte die Kinder nach allen Orten, wo Lorenz zu verkehren liebte. In allen Kellern, wo Spiel, Trunk, Taback die Kumpane zu vereinigen pflegte, in allen Ställen des Königs, der Prinzen. Lorenz war verschwunden. Erst gegen Abend fand man ihn in der dunkeln, unheimlichen Sattelkammer an einem Riemzeugpfosten aufgehängt.
65 Die Wirkung dieses Selbstmordes auf die ganze alte Genossenschaft des Krieges war gewaltig. Alle hatten den Unglücklichen geliebt, Alle ihn im Herzen gehegt, und doch – und doch? Es fehlte in diesem Kreise, erschreckend schon für das Kindesgefühl, gänzlich eine milde Vorstellung, die dem Gebildeten von so traurigem Ausscheiden aus dem Bereich der Lebenden geläufig ist. Der schöne Dorich hatte sich erhängt. Es war fast wie ein böser Verdruß, den er Allen damit gethan. Man fand es ganz natürlich, daß der Friedhof, der das kleine mit Blumen geschmückte Mariannchen aufgenommen, den erhängten Vater nicht auch aufnahm, man fand es natürlich, daß er nächtlicherweile von den Boten jenes schauerlichen Ortes abgeholt wurde, des „Thürmchens“ jenes später zu erwähnenden Selbstmörderkirchhofs, der in so naher Verbindung mit der anatomischen Flanke des Quadrats stand. Hier wurde nicht im Mindesten polemisirt gegen alte Sitte und übliche Gewohnheit. Der schöne Dorich, [32] allgeliebt, allumschmeichelt, war dem Gesetz der Selbstmörder verfallen. Er hatte durch den Schnallengurt in der Sattelkammer, an dem er sich erhängte, von der vorgezeichneten, altmoralisch bedingten Welt sich selber ausgestoßen, aus einer Welt, in der diese Menschen einmal gläubig lebten. Und geradezu hieß es: Es war eine Blendung der Hölle gewesen, der Dorich nicht widerstehen konnte. Man sah den Bösen selbst, der solche Opfer umlauert, beschmeichelt, allmälig verwirrt, lockt: Komm, komm in die Sattelkammer! Hier ist’s still, kühl, dunkel! Komm! Da, der Riegel, er ist stark genug! Nimm den Schnallenriemen! Um den Hals damit! Du kommst in mein schönes lustiges Reich, in ein ewiges Paris, in den ewigen Venusberg! Und diese Menschen sahen alle den Teufel, der mit eigner Hand dem Dorich die Schlinge zuzog, die doch nur sein Lebensüberdruß und ein Verzweiflungstaumel geknüpft hatte. Man erzählte, daß Unmuth über eine erfahrene Zurücksetzung, Schmerz um ein strafendes Wort des über die nicht aufhörende campagnemäßige Aufführung seiner Leute erzürnten Prinzen, die Bevorzugung mehrer neu angenommener glatter, geschorener, schmeichelnder Diener diese Katastrophe herbeigeführt hatte. Die Wirkung dieses Selbstmordes auf die alte Genossenschaft des Krieges war gewaltig. Alle hatten den Unglücklichen geliebt, Alle ihn im Herzen gehegt. Aber eine milde Vorstellung, die dem Gebildeten von einem so traurigen Ausscheiden aus dem Bereich der Lebenden geläufig ist, fehlte in diesem Kreise ganz. „Der schöne Lorenz hat sich erhängt!“ Das war ein Verdruß, den er Allen angethan. Man fand es natürlich, daß der Friedhof. der das kleine mit Blumen geschmückte Mariannchen aufgenommen, den erhängten Vater nicht aufnahm. Man fand es natürlich, daß er nächtlicherweile von den Boten jenes schauerlichen Ortes abgeholt wurde, des Selbstmörderkirchhofs, „Thürmchen“ genannt, der in so naher Verbindung mit der anatomischen Flanke des Akademiegebäudes stand. Da wurde nicht polemisirt gegen überlebte Sitte und Gewohnheit. Der schöne Lorenz, allgeliebt, allumschmeichelt, hatte sich durch den Schnallengurt in der Sattelkammer, an dem er sich erhängte, aus unsrer vorgezeichneten, altmoralisch bedingten Welt ausgeschieden. Es war eine Blendung der Hölle gewesen, die den Lorenz fortgerissen – der Teufel hatte ihn geholt! Die Kirchlichkeit, [33] die Orthodoxie war in jenen Tagen im Zunehmen. Der Knabe hörte Schilderungen, wie hier der Teufel sein Opfer umlauerte, beschmeichelte, allmälig verwirrte. Komm, komm in die Sattelkammer! Da ist’s still, kühl, dunkel! Der Riegel, er ist stark genug! Nimm den Schnallenriemen! Um den Hals damit! Du kommst in mein schönes lustiges Reich, in ein ewig Paris, den ewigen Venusberg! Der Knabe sah ihn, den Versucher, wie er mit eigener Hand dem Lorenz die Schlinge zuzog. Man erzählte, daß Unmuth über eine erfahrene Zurücksetzung, Schmerz um ein strafendes Wort des Prinzen, der über die nicht aufhörende campagnemäßige Aufführung seiner Leute erzürnt war, Schmerz um die Bevorzugung mehrer neu angenommenen, glatten, geschorenen, schmeichelnden Diener diese Katastrophe herbeigeführt hatte. 0.6184738955823293
66 Aber reif konnte sie diesen Menschen allmälig doch nur durch den innern ergrimmten Dämon werden, der in dieser Welt keine [33] behagliche Stätte mehr für seine Satanslust fand … Ja, und der Freund des schönen Dorich? Der Vater? Ihm ging das Begegniß des Kameraden nahe bis zum eignen Tod. Er wurde krank, sprach verwirrt, ja eine Weile konnte man für die Rückkehr seiner Besinnung fürchten. Dann erhob er sich vom Lager, feierlich, ernst bewegt. Er war ein in seinem Sinne neuer Mensch geworden. Ein Wort der Prinzessin Marianne hatte ihn schon längst auf Jesus Christus, den Heiland, das A und das O des Lebens, hingewiesen. Die Wehmuth über Dorichs Ende führte ihn auf seine Jugend, auf sein vielbewegtes, von Gott beschützt gewesenes Leben, und wenn nun auch wohl jene Zeit anbrach, wo die Aemter mit der erwachten „innern Wiedergeburt“ vergeben wurden, so war doch nicht des Vaters Ausscheiden von seinem alten Verhältniß zu den Pferden eines Prinzen und sein Uebertritt zu einem kleinen Beamtenposten in des General von Boyen Ministerium allein die Folge jener fürstlichen Aufforderung, sich dem Heiland zuzuwenden; es war wirklich die tiefste Erschütterung seines Innern durch des geliebten Dorichs jammervolles Ende und der Rückblick auf das wunderbar „behütet“ gewesene Leben seiner eignen Jugend. Dem Freund des schönen Lorenz, dem Vater des Knaben, ging das Begegniß des Kameraden nahe bis zum eigenen Tod. Er wurde krank, ja er sprach verwirrt, eine Weile konnte man um die Rückkehr seiner gesunden Vernunft besorgt sein. Doch erhob er sich vom Lager, blieb aber lange feierlich gestimmt und ernst bewegt. Die Prinzessin Marianne, eine tonangebende Pietistin, viel weiter gehend in ihrem kirchlichen Wühlen und Umgestalten, als König Friedrich Wilhelm III., ihr Schwager, hatte ihn schon öfters auf Jesus Christus, als das einzige A und O des Lebens, hingewiesen, ja nach Lorenzens Ende auch auf den HErrn. Wenigstens war die hohe Frau gewillt, den letztern zum Inhaber des ersten Paragraphen ihrer künftigen Dienstpragmatik, nach dem sich Jeder zu richten hätte, zu erheben. Da verfiel der Vater in’s Grübeln, kam täglich auf sein vielbewegtes, immer von Gott behütet gewesenes Leben zurück, auf die „Wiedergeburt“, und das Roß wurde ihm verleidet und das Reiten bot keine Freude mehr. Eines Tages kam er mit der Nachricht an von seinem Uebergang zu einem kleinen Beamtenposten beim Kriegs-Ministerium. Es war eine Belohnung für langjährige, dem „Staat“ – (L’état c’est la Cour) geleistete Dienste. 0.3021276595744681
67 [34] II. [34] II. 1.0
68 Es giebt und hat zahllose Menschen gegeben, die auf untern Lebensstufen dem Auge, das sich nur die Mühe giebt, auf sie zu achten, seltene und verhältnißmäßig ganz wunderbare Kräfte der Seele und Eigenthümlichkeiten des Herzens verrathen. Es hat zahllose Menschen gegeben, die auf untern Lebensstufen standen, und doch dem Auge seltene und zuweilen verhältnißmäßig ganz wunderbare Kräfte der Seele und Eigenthümlichkeiten des Herzens verriethen. 0.6285714285714286
69 Die gewöhnliche Lebenschronik eines Gebildeten verschwindet an Reiz für den Psychologen gegen viel Tausende von Entwickelungen, die sich nur im niedersten Striche hielten und doch niemals dumpf oder ganz bewußtlos brütend auf plattem Boden hinkrochen. Die gewöhnliche Lebenschronik eines Gebildeten ist meist monoton. Dagegen giebt es tausende von Entwicklungen, die sich nur im niedersten Striche des Strebens hielten und doch nie so dumpf oder bewußtlos auf plattem Boden hinkrochen wie die Lebensmomente der bevorzugten Klassen, die nur aus Vergnügen und Gähnen bestehen. 0.39285714285714285
70 Ja selbst der neuerdings zu so überschwänglichen, etwas unwahren poetischen Ehren gekommene deutsche Bauer und der seinen Auerbach und Jeremias Gotthelf noch suchende deutsche Handwerker kann lange so viel Eigenthümliches nicht erleben, wie manche abenteuerliche Lebensstellung und Beziehung zur gemeinsamen Existenz, [35] mancher Lebenslauf aus jenen Zwischenregionen, besonders der dienenden und auf eine gewisse Regellosigkeit im Gil-Blas-Style angewiesenen Klassen. Ein Streben nach Erfolgen hebt diese Menschen früh aus den Bahnen hervor, die sich den meisten Augen auch für bescheidene Lebensverhältnisse hier einsichtlich und zugänglich zeigen. Eine im Felde arbeitende Bauersmagd ist in dem Werth, den sie für den Menschenforscher oder Dichter ansprechen kann, sehr bald erschöpft oder man müßte denn erfindend übertreiben, künstlich hineintragen, Unmögliches dem Unkundigen als die rosigste, sauberste Aquarellfarben-Möglichkeit darstellen. Aber eine Bauersmagd, die zum Dienen in die Stadt kommt, eine andre, die für einen Fehltritt im Dorfe den Ort ihrer Beschämung verläßt, als Amme sich verdingt und aus wunderlichen und verschnörkelt-verworrenen Lebensverhältnissen oft nicht wieder herauskommt, regt das ganze Interesse an, das wir den zügellosen Abenteuern der spanischen Schelmenromane schenken, wo wir die Gil-Blas oft gescheuter und bedeutsamer antreffen, als die Prälaten und Hidalgos, die sie zu bedienen vorgeben, und wo manche Staatsaktion der Weltgeschichte geeignet ist, eher auf die Gran Tacanos, als auf die Alberonis zurückgeführt zu werden. Aber auch der Bauer, der deutsche Handwerker, welcher letztere seinen Auerbach oder Jeremias Gotthelf noch sucht, steht an Reiz zurück gegen gewisse Erscheinungen der Mittelsphäre, des Kaufmannstandes, des abenteuernden Unternehmers und der dienenden Klassen. Eine Bauersmagd auf dem Dorfe ist bald erschöpft in dem Werth, den sie für den Menschenforscher oder Dichter beanspruchen kann, oder man müßte denn bei Schilderung ihrer Lebensverhältnisse übertreiben, künstlich hinzusetzen, Unmögliches, wie seither genug geschehen, mit rosigsten, saubersten Aquarellfarben, die hier so selten passen, darstellen. Aber eine Bauersmagd, die zum Dienen in die Stadt kommt, eine andere, die nach einem Fehltritt den Ort, wo zu leben sie sich schämen muß, verläßt, sich als Amme verdingt und aus wunderlichen und verschnörkelt-verworrenen Lebensverhältnissen oft nicht wieder herauskommt, regt das ganze Interesse an, das wir den Abenteuern der spanischen Schelmenromane schenken, wo die Gil-Blas oft gescheuter und bedeutsamer sind als die Prälaten und Hidalgos, die sie zu bedienen vorgeben. Manche Staatsaction ist geeignet, eher auf die „Gran Tacanos“ (die Erzschelme), als die Alberonis zurückgeführt zu werden. 0.4842105263157895
71 An Begegnungen mit solchen wunderlichen Erscheinungen war die Jugend des Knaben ausnehmend reich. Seine Familie stammte väterlicher Seits aus Pommern. An Pom-[35]merns und der Ukermark Grenze liegen die Ortschaften Löcknitz, Klempenow, Dorotheenwalde. Sie müssen den ganzen Charakter der dortigen Landschaft tragen, müssen umgeben sein von feuchten, fruchtbaren Sumpfstellen („Bruuche“ genannt) und müssen walddurchwachsen sein. Denn so lebt diese grüne Urheimath in des Knaben Gedächtniß. Die Vorfahren müssen nichts Gewöhnliches gewesen sein. Kenner der pommerschen Geschichte wissen sogar, daß die Grafen Gutzkow die bekannte Stadt gleichen Namens gründeten, die jetzt zu Mecklenburg gehört, Greifswalde und Stralsund anlegten und eine Zeitlang Rügen beherrschten. Die Grafen Gutzkow kamen mit den Ottonen, denen Pommern sein Christenthum verdankt, aus Franken, sind auch kein slavisches Geschlecht gewesen. Sie ritten schon im neunten Jahrhundert beim Magdeburger ersten Turnier ein; dann wurden sie brandenburgische Amtshauptleute in Stendal und Salzwedel. Von dort die Elbe überschreitend, bekämpften sie die Reste des obotritischen Heidenthums, wurden in Pommern lehnspflichtig, blühten bis in die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, sahen sogar, daß die große Königin Margaretha, die alle drei Kronen Skandinaviens zugleich trug, eine Enkelin aus ihrem rügischen Stamme war, und verloschen mit unverheiratheten Frauen und Geistlichen. Der Schild des altdeutschen, nicht slavischen, ursprünglich Gutzgauch (Kuckuk) geheißenen Geschlechts, zwei gekreuzte Knochen mit vier Rosen in den Winkeln, kam mit dem Lehnheimfall in’s pommersche Wappen, dann in’s Königlich Preußische, wo es lange zu sehen war. Jetzt ist letzteres an Schilden so reich, daß auf den neugeprägten Thalern die Erinnerung an die Grafen Gutzkow nicht mehr vorkommt.
72 [36] Des – vergebt ihm! – ins Plaudern gerathenen Kindes Familie stammt Vaterseits aus dem kernfesten, „hanbüchenen“, plumpberufenen Pommerland. An des Pommerlands und der Uckermark Grenze sollen gewisse Ortschaften, Namens Löcknitz, Klempenow, Dorotheenwalde liegen, Gegenden, die den ganzen Charakter der dortigen Landschaft tragen müssen, feuchte, fruchtbare Sumpfstellen („Bruuche“ genannt), Wald- und Heidedurchwachsen; denn so lebt diese grüne Urheimath in des Knaben Gedächtniß. Vorfahren verlieren sich bis in urälteste, erst schwedische Zeit, dann berichtet die Geschichte Pommerns selbst von einem Bischof zu Wollin aus einem gleichnamigen Grafengeschlecht. Aber Hochmuth komm nicht vorm Fall! Du wirst von gräflichen Bischöfen des eilften Jahrhunderts vielleicht nur in Cölibatsumgehung abstammen! Diese Ahnung hat in der That etwas für sich; denn alle Vorvordern waren arm, aber gelehrt und selbst lehrend. Eine ununterbrochene Reihenfolge zeigt dies alte Pommergeschlecht bald entartet zu Gerichtsschreibern, bald zu Schullehrern und Küstern, stattlichen Armuths- und Kindergesegneten Lebensständen!
73 Der Großvater war Anfangs Patrimonialgerichtsschreiber in jener Zeit, wo zu den erlaubten Justizmitteln der ländlichen Gerechtigkeitspflege noch ein großes, dem Kinde oft geschildertes [37] Faß gehörte, in dessen einem Boden ein Loch geschnitten war, groß genug, um den Kopf des Inquisiten durchzulassen, während die Beine durch zwei entsprechende Löcher im andern Boden hinlänglich Kraft zur langsamen Bewegung, somit in einer Art von Zwangsjacke, behielten. Der junggestorbene Großvater muß trefflich geschrieben haben. Erst Protokollant irgend eines pommerschen Don Holzapfel und seines juristischen Beisitzers Magister Schleewein, wurde er „ob schwächlicher Gesundheit“ Schullehrer „wie auch“ Küster und scheint als solcher in Löckenitz, Klempenow und „Dortenwalde“ auf eine kräftige, männliche Handschrift – wie die Figura der Handschrift seiner Söhne zeigte – gesehen zu haben. Der Brave starb, wie Schullehrer sterben. Sie hinterlassen ein liebevolles Andenken und das Elend der Ihrigen. Den Großvater überlebten eine kranke bettlägerige Wittwe und zwei unmündige, kräftige, des Vaters „schwächliche Gesundheit“ nicht dokumentirende Knaben. August und Karl rangirten als Schulmeisterswaisen gradezu mit den Vögeln unter dem Himmel und mit den Lilien auf dem Felde. Sie fanden ihr Brod wohl nicht bettelnd vor den Thüren der andern Leute, aber wahrlich auch nicht in ihrer eignen Hütte. Ein auf Naturalien angewiesener Schulmeister ist schon an sich eine der ver-[38]zweifeltsten Stufen des modernen Musen-Proletariats; aber eine auf Naturalien angewiesene Schulmeisterwittwe mit zwei hungernden gesunden Schulmeisterwaisen, da müssen die Engel selbst vom Himmel kommen, Herzen erweichen, Mehlkästen aufschließen, um mitten in unsrer Civilisation keine Hungerleichen auf die Landstraße zu werfen. Ein Invalid Friedrichs des Großen, dem das Gnadenbrod einer Lehrerstelle die Schulranzen der benachbarten Dorfjugend zutragen durften, hatte doch noch seine Pension für einen bei Leuthen verstümmelten Fuß; aber ein Schulmeister, so von der Schreiberbank seines Wissens und wirklichen Könnens wegen weggenommen, ein wirklicher calligraphischer Dorfgelehrter hinterläßt seinen Kindern Regen und Schnee, Sturm und „Schlack“wetter, Zittern und Frieren auf der Haide, wenn sie die Reihherum bei vermöglichen und milden Bauersleuten die Kost bekommen und wandern müssen Tag ein Tag aus von Löckenitz nach Klempenow, von Klempenow nach Dortenwalde, pochen müssen an Gehöft und Amthaus und Jägerhütte und Müllerhof, und Abends, wenn ihnen die Engel durch das Herz guter Leute noch für die ewiglich auf’s Bett gebannte Mutter zulangen Brot, gedörrtes Obst, Eier, Speck, doch wieder damit weit, weit nach Hause zurücktrollen müssen. Da war kein Wind, kein Regen, [39] kein Schnee, kein Frost, der diesen beiden Schulmeisterwaisen einmal gesagt hätte: Ihr bleibt heute an diesem warmen Kachelofen, der Bauer duldet Euch, die Bäuerin gäbe vor dem Bettgang Sonntags gern noch Eierbier und einen brennenden Kiehnspahn, um ihr aus dem Pommerschen Gesangbuch ein Lied vorzulesen mit kindlichfrommem Stimmchen .… nein, die Jungen mußten zur Mutter zurück mit ihren eroberten Brosamen, mußten ihr Altes noch im Neste atzen, mußten sich selbst noch am Bett der Mutter zeigen, die nicht einschlafen konnte, wenn sie nicht den Abendsegen den Jungen abgehört und jeden Morgen ihnen die flachsblonden Haare selbst gestriegelt hätte von ihrem Bette aus. Es war eine in ihrer Art gebildete Frau, diese kranke Mutter. Alle liebten sie und gaben ihr und den Jungen gern. Im Novembersturm und Jännerschnee, in Julihitze oder Augustgewitter aßen ihre Söhne Reihherum bei einem Pfarrer, einem Jäger, einem Müller, einem Amtmann, drei bis vier Erbpachtbauern, jenen stattlichen fetten Bauern mit den silbernen Thalerreihen auf den langen Röcken, die nach Berlin oder Stettin ihren Roggen, ihren Weizen, ihre Wolle oder Gänsebrüste führen. Die konnten es. Die Kinder dankten mit allen Belohnungen des himmlischen Lebens, gingen von dannen und pochten Abends wieder, ob nun mit erfrornen Fingern [40] oder durchweichten Röcken, an der Hütte der Mutter, die noch Bericht verlangte, Bericht vom Erlebten, und mit diesem Erzählenmüssen in ihren Söhnen eine so übergewaltige Phantasie weckte, daß ein leiser Schimmer davon in einem ihrer Enkel nachbleiben konnte. Auf Wollin an der Ostsee führen die ersten Familiennachrichten zurück. Einer dieser, wie so viele mit den Ottonen nach Norden eingewanderten fränkischen Adligen und nur im Namen slavisirten Grafen war daselbst Bischof. Der Vermuthung, daß eine Cölibatübertretung ein bürgerliches Bastardgeschlecht des Namens erzeugte, entspricht das stete Leben der weiter verfolgbaren Ahnen in der Nähe der Kirchen – nicht als Bauer oder „Kossäten“ (Kothsassen, Beihufner), sondern als [36] Schreiber und Schulmeister. Wäre der alte Graf Moor in den „Räubern“ Bischof gewesen, er hätte seinem Bastard Hermann gewiß einen Küsterdienst verschafft. Der Kuckuk, der von Walter von der Vogelweide und allen Dichtern des Mittelalters wie die Nachtigall gepriesene Gutzegauch (der Name des holländischen Malers Koeckoeck kommt Euch weniger komisch vor, die Ihr doch an die Grafen Taube und Fink und Geyer gewöhnt seid), singt das monotone Lied von Armuth und Entbehrung in dem verkommenen Geschlecht. Gerichtsschreiber, Schullehrer, Küster sind armuths- und kindergesegnete Lebensstände. Der Großvater war Anfangs Patrimonialgerichtsschreiber in einer Zeit, wo zu den erlaubten Justizmitteln der ländlichen Gerechtigkeitspflege noch ein großes, dem Kinde oft geschildertes Faß gehörte, in dessen einen Boden ein Loch geschnitten war, groß genug, um den Kopf des Inquisiten hindurchzulassen, während die Beine durch zwei entsprechende Löcher im anderen Boden hinlänglich Kraft zur langsamen Bewegung behielten. Der Großvater, erst Protokollant irgend eines pommerschen Don Holzapfel und seines juristischen Beisitzers Magister Schleewein, wurde „ob schwächlicher Gesundheit“ Schullehrer „wie auch“ Küster in Löckenitz, Klempenow oder „Dortenwalde“. Frühgestorben hinterließ er, wie eben Schullehrer sterben, ein liebevolles Andenken und das Elend der Seinigen. Diesen Großvater überlebten die kranke bettlägerige Witwe und zwei unmündige, kräftige, des Vaters „schwächliche Gesundheit“ nicht documentirende Knaben. August und Karl rangirten als Schulmeisterswaisen mit den Vögeln unterm Himmel. Aber die Engel kamen von eben diesem Himmel und erweichten die Herzen, daß sie ihre Mehlkästen aufschlossen und ihre Fleischtöpfe öffneten und mitten in unsre Civilisation hinein keine Hungerleichen duldeten. Die Invaliden Friedrich’s des Großen, denen die Schulranzen der Dorfjugend das Gnadenbrot zutragen durften, hatten doch noch eine kleine Pension für einen bei Leuthen verstümmelten Fuß; aber ein Schulmeister, der so seines Wissens und wirklichen Könnens wegen von der Schreiberbank weggenommen wurde, ein kalligraphischer Dorfgelehrter, hinterläßt seinen Kindern Regen und Schnee, Sturm und „Schlack“-Wetter, Zittern [37] und Frieren auf der Haide, wenn sie reihherum bei den vermöglicheren Bauersleuten die Kost bekommen und wandern müssen Tag ein Tag aus von Löckenitz nach Klempenow, von Klempenow nach Dortenwalde, pochen müssen an Gehöft und Amtshaus und Jägerhütte und Müllerhof, und Abends, wenn ihnen die Engel durch das Herz guter Leute noch für die ewiglich auf’s Bett gebannte Mutter Brot, gedörrtes Obst, Eier, Speck mitgegeben, weit, weit damit nach Hause zurücktrollen müssen. Da war kein Wind, kein Regen, kein Schnee, kein Frost, der diesen beiden Schulmeisterwaisen einmal gesagt hätte: Ihr bleibt heut’ am warmen Kachelofen! Der Bauer hier duldet Euch! Die Bauersfrau gäbe gern noch Sonntags vor dem Bettgang Eierbier und einen brennenden Kienspahn, um ihr aus dem Pommerschen Gesangbuch ein Lied vorzulesen mit dem kindlichfrommen Stimmchen – die Jungen mußten durchaus zur kranken Mutter zurück mit ihren eroberten Brosamen. Denn sie konnte nicht einschlafen, wenn sie nicht die Jungen gesehen, ihnen den Abendsegen abgehört und jeden Morgen das flachsblonde Haar gestriegelt hätte von ihrem Bett aus. Es war eine in ihrer Art gebildete Frau, diese kranke Schulmeisterwitwe. Alle liebten sie und gaben ihr und den Jungen. Im Novembersturm und Jännerschnee, in Julihitze oder Augustgewitter aßen ihre Söhne bei einem Pfarrer, einem Jäger, einem Müller, einem Amtmann, drei bis vier Erbpachtbauern. Letztere waren jene stattlichen fetten Bauern mit den silbernen Thalerreihen auf den langen Röcken, die damals nach Berlin oder Stettin ihren Roggen, ihren Weizen, ihre Wolle oder ihre Gänsebrüste selbst einfuhren. 0.5206286836935167
74 Denn erzählen konnte der Vater! Erzählen! Sheheresade hätte an ihm einen Meister gefunden. Das war kein ungefähres Berichten, kein unbestimmtes Erinnern, das war das Leben, die Wahrheit selbst, handgreiflich die Thatsache vors Auge gerückt; nun sieh dich satt und vergiß dich selbst darüber! Denn wie käme es, daß der Knabe das niegesehene, autochthonische spickaal- und gansbrustgesegnete Urland der Pommern kennt wie etwa den Rhein oder seine Tasche! Säen, ernten, heuen, dreschen, das konnte auch die Umgebung Berlins, ja Berlin selbst lehren, in dessen Ringmauern wirklich gesäet, geerntet, geheut und gedroschen wird wie auf flachem Lande; aber du treues Pommerland, das du dich bei den Loyalitäts-Demonstrationen deiner Gutsbesitzer in so grundherrlicher Competenz durch deine tausendfachen Unterschriften bewährtest, woher lebt denn der abtrünnige Halbpommer wie leibhaftig in jenen „Bruuchen“, die soviel Heu für die Rindviehzucht abwerfen, sieht im Geiste diese Schaaren von Gänsen, die „mit den Flügeln [41] jauchzend,“ wie Homer singt, deine Stoppelfelder wie weiße Leinen bedecken und Winters mit ihren geräucherten Brüsten die Tafeln der Kenner schmücken? In des Vaters Schilderungen glänzte das dem Pommerland nahegelegene Boitzenburg, die Stammburg der stolzen Arnime, als das wahre Land der agronomischen Fabel, wo die Bodenkrume so fett wie mit Butter bestrichen ist, die Kühe in ihrer Milch schwimmen, das Gras von selbst auf die Heuböden wächst, das letzte Korn aus Mangel an Säcken ungeärntet bleibt und die Knechte vom Hofe die Linsen und den Speck Mittags Fuderweise aufgetragen bekommen. O du treues, biedres Pommerland, letzte Vendée des Kreuzzeitungs-Preußenthums! Wie gegenwärtig bist du, obgleich nie gesehen, dem geistigen Auge bis hinab an die Niederungen der Inseln Usedom und Wollin, wo am Strande die Kibitze dahinschießen, deren beinunterschlagenes Wie-der-Windlaufen in guten Stunden der Vater dem Sohn im Felde vormachte, dieselben Kibitze, die uns die kleinen delikaten grünen Eier mit dem goldgelben Dotter und grünlichen Eiweißgallert geben? Woher stammt das Alles so gegenwärtig her, als aus der Erzählerphantasie des Vaters, der der kranken Mutter Kunde aus der Welt von Löcknitz, Klempenow und Dortenwalde bringen mußte? Daher kam’s nun auch, daß der Vater des Knaben so wunderbar erzählen konnte. Sheheresade hätte an ihm ihren Meister gefunden. Sein Erzählen war kein bloßes Berichten von Allgemeinheiten, Erinnern an Unbestimmtheiten, Alles war Leben, die Wirklichkeit selbst, handgreiflich die Thatsache vor’s Auge gerückt; nun sieh Dich satt und vergiß Dich selbst darüber! Wie käme es anders, daß der Knabe das niegesehene, autochthonische, spickaal- und gansbrustgesegnete Urland der Pommern kennt, wie den Rhein oder seine Tasche! Säen, [38] ernten, heuen, dreschen, das konnte auch die Umgebung Berlins, ja Berlin selbst lehren, in dessen Ringmauern damals noch gesät, geerntet, geheuet und gedroschen wurde, wie auf dem flachen Lande. Aber Du treues Pommerland, das Du gar zu langsam und bedächtig dem Geist der Zeit nachschleichst, woher lebt denn der abtrünnige Halbpommer wie leibhaftig in jenen „Bruuchen“, die soviel Heu für die Rindviehzucht abwerfen, sieht im Geiste diese Schaaren von Gänsen, die „mit den Flügeln jauchzend“, wie Homer singt, Deine Stoppelfelder wie weiße Linnen bedecken und Winters mit ihren geräucherten Brüsten die Tafeln der Kenner schmücken? In des Vaters Schilderungen glänzte das dem Pommerland nahegelegene Boytzenburg, die Stammburg der stolzen Arnim, als das Land der agronomischen Fabel, wo die Bodenkrume so fett wie mit Butter bestrichen ist, die Kühe in ihrer Milch schwimmen, das Gras von selbst auf die Heuböden hinaufwächst, das letzte Korn aus Mangel an Säcken ungeerntet bleibt und die Knechte vom Hofe Mittags „kübelweise“ Linsen und Speck aufgetragen bekommen. Wie gegenwärtig bist Du Pommerland dem geistigen Auge bis hinab an die Niederungen der Insel Usedom und Wollin, wo am Strande die Kibitze dahinschießen, deren beinunterschlagenes Wie-der-Wind-laufen in guten Stunden der Vater dem Sohn im Felde vormachte, dieselben Kibitze, die uns die kleinen delikaten grünen Eier mit dem goldgelben Dotter und grünlichen Eiweißgallert geben. Woher stammt Alles das so gegenwärtig her, als aus der Erzählerphantasie des Vaters, der schon seiner kranken Mutter Kunde aus der Welt zwischen Löckenitz, Klempenow und Dortenwalde hatte bringen müssen? 0.6877323420074349
75 [42] Die beiden Brüder, August und Karl, kamen mit der Zeit aus dem Lande, das da heißt Vorpommern, in das andre Land, das da heißt Hinterpommern. Die Schulmeisterwaisen strebten Großes an. Sie hätten ja Bauernknechte werden können, die Kraft dazu hatten sie. Sie wollten aber dem Stammbaum des Hauses, der bis zu Grafen und einem Bischof reichte, Ehre machen. Der Aelteste lernte in Stettin deßhalb das Schneiderhandwerk, der Jüngste, des Erzählers Vater, folgte und wurde noch etwas Vornehmeres, ein Maurer. Für zwei so arme Existenzen, zwei solche Schneeflocken zur Osternzeit, die ein Sonnenstrahl wegthauen kann, war es eine Heldenlaufbahn, sich fünf Jahre lang bis zum „losgesprochenen“ Gesellen ehrlich und bieder oben auf zu erhalten; sie wurden mit einem Stolze, der auf ihrer Lebensstufe die vollste Berechtigung hatte, Gesellen und konnten nun auf die Wanderschaft gehen. Aber die unruhige abwechslungsgewöhnte Dorffreiherrlichkeit regte sich mit der gewonnenen Freiheit. Erst kommt der Mensch, der muß, dann doch wieder der Mensch, der will. Sie hatten jenen ausgehalten, nun kam dieser in die Versuchung. Der Aelteste, der Schneider, ging nach Berlin, suchte „Condition“ und wurde – der Diener eines Großen. Der Jüngste, der Maurer, folgte, arbeitete an einem Bau in der damaligen „Syrups-[43]straße“ – die Zeit Friedrichs des Großen hatte der ersten so hochgepflegten und blühenden Zuckersiederei (1749) zu Ehren diesen süßen Namen einer der Straßen gegeben, die den Spittelmarkt mit der Waisenhausbrücke verbinden – erlebte aber das Unglück, daß ihm das eine Auge von aufspritzendem heißem, eben gelöschtem Kalk halb geblendet wurde. Der Bruder machte Anträge, eine so gefährliche Lage zu verbessern. Er kannte längst des Maurergesellen schwache Seite. Es war das Pferd. Die Koppeljungen von Löcknitz waren des Vaters beste Freunde gewesen. Mit ihnen hatte er sich auf jungen Fohlen getummelt, mit ihnen war er bügellos in die Schwemme geritten. Der Maurergesell brauchte nur die Reitpferde des Grafen von Brühl zu sehen und schon griff er nach der Striegel und dem Wassertrog. Graf Brühl, Erzieher eines der Söhne des Königs, wußte den neuen jungen Freund seiner Pferde so zu schätzen, daß er ihn, als der hohe Zögling seinen ersten eignen Hofstaat erhielt, dem Prinzen selbst empfahl. Jetzt in der königlichen Manêge wurde die Kunst des Reitens noch einmal vom Sattelschluß bis zum Grabensprung theoretisch durchgemacht. Prinz Wilhelm, ein gemüthlicher und bei den traurigen zurückgezogenen Verhältnissen, in denen der in der Geschichte gewürdigte Vater die eigene königliche Familie zu leben [44] zwang, in Bescheidenheit aufwachsender Jüngling, gewöhnte sich so an den ersten Pfleger seines neuen Marstalls, den jungen pommerschen Dorfsohn, daß sie lebenslang sich nicht wieder aus dem Auge verloren. Die ersten selbstständigen Reisen nach Böhmen, Sachsen, Schlesien, den Feldzug von 1806, den Rückzug und den Aufenthalt in Königsberg, die Freiheitskriege und nach ihnen noch manches Jahr des Friedens und des gerüsteten Manövers hielten Herr und Diener, der Eine in Gnaden, der Andre in Treuen zusammen. Welche Fülle von Erlebnissen, deren Erzählung und winterabendlich hundertfach wiederholte Darstellung die Phantasie des Kindes mit allen Zaubern der Fremde und der buntesten Lebensbeziehungen erfüllte! In Berlin gab es keine ächten Berge zu sehen; aber lebendig, zum Greifen nahe hingen ächte Berge über dem Haupte, wenn die Rede war von den Engpässen Böhmens, den Schluchten des Riesengebirges, von Felsen, die über der Straße so weggingen, daß man sie im Reiten fast mit dem Hute berührte. Diese Schilderungen von himmelhohen Gebirgen, tiefen Thälern, siedendheißen Quellen, wildreißenden Strömen und den hunderterlei verschiedenen Benennungen für das dem gemeinen Mann überall zunächst Gerückte, Maaß und Gewicht, Brot, Butter, Fleisch, Eier, Käse und die hunderterlei Abweichungen in [45] der Volkssitte fürs Grüßen, fürs Danken, fürs Fluchen, fürs Schäkern und Necken, alles das stammte aus des Prinzen erster Bildungsreise mit seinem Gouverneur, dem Grafen von Brühl. Und nun kam die Erzählung vom sogenannten „unglücklichen Krieg.“ Erst der Jugendübermuth, als die Armee die alten Zöpfe opferte, dann die hohe Erwartung von der seltnen Kriegeskunst der alten Ueberbleibsel aus Friedrichs des Großen Sagenkreise, vom alten Möllendorf und seinem Schimmel, vor dem sich Napoleon nur ja verstecken sollte! Aber da schon ein dem Prinzen bei Auerstädt unterm Leibe erschossenes Pferd, der erste Kriegeskummer, wie er beim Cid nur um sein Roß Babièca empfunden werden konnte! Dann die Niederlage, dann die Flucht, dann der Jammer um den Prinzen Louis Ferdinand bei Saalfeld, dann die losplatzende Lächerlichkeit der alten Generale in Steifstiefeln, die die Leute weinend zur Ruhe verwiesen, der Rückzug über die Elbe, General L’Estocqs neues hoffnunggebendes Zusammenraffen der Trümmer, die Schlachten bei Eylau, Friedland, die Königsberger Zeit .… Alles das rollte sich in wildem Getümmel und in rasender Flucht vor dem Kinderauge auf und war das schauerliche Vorspiel einer folgenden, dann aber auch ganz himmlischen Wunderzeit der Siege und des Triumphes … Napoleon, [46] oft vom Vater in unmittelbarer Nähe gesehen, stand leibhaftig vor dem Knaben, der ihn wie den Teufel haßte. Gelbes Gesicht, weißlederne Hosen, dünnes schwarzes Haar, grüner Oberrock, dicker kurzer gedrungener Wuchs, hohe schwarze Steifstiefeln … Eins floß so ins Andre und immer war der Refrain dabei der: Man hatte ihn grade so, daß man ihn richtig treffen konnte, wenn Einer hätte schießen wollen oder in Tilsit, auf dem Niemen, beim Friedensschlusse 1807, wo Kaiser Alexander auf einem schwimmenden Flooß mit dem „Bonaparte“ zusammentraf, wo er, wenn da Einer gewollt hätte, mit einem Ruck hätte ins Wasser müssen – wie sein Landsmann Fiesko in Genua. Aber, setzte der Patriot hinzu, die Generale, die Gensdarmen, die Mamelukken, die Pracht und Herrlichkeit der gestickten Comödianten-Uniformen, worin die ehemaligen Schneider, Schuster, Friseurs staken! Jetzt beugten sich Kaiser und Könige vor dieser „Räuberbagage“ und „dankten ihrem Schöpfer“ für einen guten Frieden. Das ganze Leid der königlichen Familie lebte in dem mitfühlenden Manne fast wie ein persönliches. Diese Diener der „unglücklichen“ d. h. gedemüthigten Großen sahen die Thränen der Königin Louise wirklich fließen, sahen die Zurücksetzung auch wirklich ihren Herrschaften angethan. Die große zeitungsausposaunte Weltgeschichte, die Strategie der [47] Kabinette und Diplomaten, war diesen bescheidenen Umgebungen unbekannt, aber die unmittelbarste Wirkung aller neuen Zustände in den vornehmen Menschen selbst, in ihrem Stolz und ihren Leidenschaften, fühlten sie wie in sich selbst nach. Der vertriebene Kurfürst von Hessen, der Alte mit dem Zopf, und sein Sohn, der Spieler, von dem man nicht Haltloses und Verkehrtes genug erzählen konnte, mischten etwas Humor in diesen Schmerz. Die hessischen Herren guckten in die Kochtöpfe der Stallbediente, luden sich bei ihren Ehefrauen zu Gaste ein. Die populären Neigungen des künftigen Gemahls der Demoiselle Emilie Orlöp aus Berlin wurden viel belacht und eine eigne Erfahrung bestätigte sich dabei; die nämlich, daß die Kleinen an den Großen viel lieber haben, daß sie sich groß geben, als klein ohne Würde. Die beiden Brüder August und Karl kamen mit der Zeit aus dem Lande, das da heißt Vorpommern, in das andere Land, das da heißt Hinterpommern. Die Schulmeisterwaisen strebten Großes an. Sie hätten Knechte werden können, die Kraft dazu hatten sie. Sie wollten aber dem Stammbaum des Hauses, wenn auch nicht dem Grafen Hermann von Gutzgowe, der beim ersten deutschen Turnier in Magdeburg in die Schranken ritt (siehe Rüxner), und Margaretha der Großen, der bessern Semiramis des Nordens, [39] als jener andern in Petersburg, doch den Küstern, Schreibern und Schullehrern Ehre machen. Der Aeltere lernte daher in Stettin das Schneiderhandwerk und der Jüngere Maurer. Für zwei solche Schneeflocken zur Osternzeit, die ein Sonnenstrahl wegthauen konnte, war es eine Heldenlaufbahn, sich fünf Jahre lang bis zum „losgesprochenen“ Schneider- und beim Vater des Erzählers Maurer-Gesellen ehrlich und bieder in Stettin obenauf zu erhalten. Sie wurden mit einem Stolz, der auf ihrer Lebensstufe die vollste Berechtigung hatte, zünftig gesprochen und konnten auf die Wanderschaft gehen. Doch siehe! die unruhige, abwechslungsgewöhnte Dorffreiherrlichkeit regte sich mit der gewonnen Freiheit. Erst kommt ja allerdings der Mensch, der da muß, dann aber, wenn es irgend geht, der Mensch, der da will, und noch mehr, der Mensch, der das Eine lieber will als das Andere. Sie hatten jenen ausgehalten, nun kam dieser in Versuchung. Der Schneider ging nach Berlin, suchte „Condition“ und wurde – der Diener eines Grafen. Der Jüngere, der Maurer, folgte, arbeitete an einem Bau in der damaligen „Syrupsstraße“ – die Zeit Friedrich’s des Großen hatte der ersten so hochgepflegten und blühenden Zuckersiederei (1749) zu Ehren diesen süßen Namen einer der Straßen gegeben, die den Spittelmarkt mit der Waisenhausbrücke verbinden (Wallstraße) – erlebte aber das Unglück, daß ihm von aufspritzendem heißen, eben gelöschtem Kalk das eine Auge geblendet wurde. Die Heilung dauerte lange. Der Bruder besuchte ihn und pries seine Lage. Der Graf war ein Graf Brühl, Erzieher der Kinder des Königs. Die Bedingung war nur die, daß er sich vor keinem wilden Pferde fürchtete. Da war keine Noth. Die Koppeljungen von Löckenitz waren des Vaters beste Freunde gewesen. Mit ihnen hatte er sich auf jungen Fohlen getummelt, mit ihnen war er in die Schwemme geritten. Der Maurergesell brauchte nur die Reitpferde des Grafen zu sehen und schon griff er nach der Striegel und dem Wassertrog. Der Graf wußte den neuen jungen Freund seiner Pferde so zu schätzen, daß er ihn, als einer seiner hohen Zöglinge seinen ersten eigenen „Hofstaat“ erhielt, diesem Prinzen selbst empfahl, nicht minder auch den älteren [40] Bruder. In der königlichen Manège wurde die Kunst des Reitens noch einmal methodisch vom Sattelschluß bis zum Grabensprung durchgemacht. Prinz Wilhelm, ein gemüthlicher und bei den traurigen zurückgezogenen Verhältnissen, in denen der in Klio’s Annalen sattsam gewürdigte Vater die eigene königliche Familie zu leben zwang, in Bescheidenheit aufwachsender Jüngling, gewöhnte sich so an die beiden Brüder, an den ersten Kammerdiener, den er halten durfte, und an den ersten Pfleger seines neuen Marstalls, die jungen pommerschen Dorfsöhne, daß sie sich alle drei lebenslang nicht wieder aus dem Auge verloren. Die ersten selbstständigen Reisen nach Böhmen, Sachsen, Schlesien, den Feldzug von 1806, den fluchtartigen Rückzug, den dreijährigen Aufenthalt in Königsberg, die Freiheitskriege und nach ihnen noch manches Jahr des Friedens und des gerüsteten Manövers hielten Herr und beide Diener, der Eine in Gnaden, die Andern in Treuen zusammen. Eine Fülle von Erlebnissen, deren Erzählung und winterabendlich wiederholte Darstellung die Phantasie des Knaben mit allen Zaubern der Ferne und der buntesten Lebensbeziehungen erfüllte, war die Folge dieser neuen Lebenslage. In Berlin gab es keine echten Berge zu sehen. Aber zum Greifen nahe hingen echte Berge über dem Haupt, wenn die Rede war von den Engpässen Böhmens, den Schluchten des Riesengebirges, Felsen, die über die Straße hinweggingen, so daß man sie „im Reiten mit dem Hut berührte“. Himmelhohe Gebirge, tiefe Thäler, siedendheiße Quellen, wildreißende Ströme wechselten ab mit den verschiedenen Benennungen für das, was dem gemeinen Mann überall zunächst gerückt ist, Maß und Gewicht, Brot, Butter, Fleisch, Eier, Käse und die hunderterlei Abweichungen in der Volkssitte für Grüßen, Danken, Fluchen, Schäkern, Necken. Alles das stammte aus des Prinzen erster Bildungsreise mit seinem Gouverneur, dem Grafen Brühl, nach Sachsen, Schlesien, Böhmen. Nun aber kam die Erzählung vom „unglücklichen Krieg“. Wie wurde die spätere Ueberzeugung von einer Soldateska, die sich 1806 als überlebt gezeigt hätte, schon vorweggenommen und der siegsgewisse [41] Auszug der gezopften „Werbe“- und „Handgeld“-Soldaten als eitel Verblendung geschildert, das Gebahren der Potsdamer Garden als thörichter Uebermuth! Wie wurde die Kriegskunst der alten Ueberbleibsel aus Friedrich’s des Großen Sagenkreise verspottet, der alte Möllendorf auf seinem Schimmel! O was sollte Napoleon Ursache haben, – so hätten die „noch auf Spießruthen dressirten“ Regimenter geprahlt – sich vor diesem Schimmel zu verstecken! Aber da wurde dem Prinzen schon bei Auerstädt ein Pferd unterm Leibe erschossen, als er auf Befehl seines Bruders, des Königs, eine Attake mit Blücher’schen Husaren versuchte. Es war ein Kummer um den Braunen, wie solcher nur so beim Eid um sein Roß Babiéça empfunden wurde. Dann die Jenaer Niederlage, die Flucht, der Jammer um den Prinzen Louis Ferdinand bei Saalfeld, die nun losplatzende Lächerlichkeit der alten Generale in Steifstiefeln, die unter Thränen die Leute zur Ruhe und nur immer zur Ruhe verwiesen und dabei doch noch Augen hatten, sich über die Verwilderung der Bärte zu ärgern, wie denn General von Rüchel den Prinzen in Potsdam ersuchte, doch den Offizieren nicht mit so schlechtem Beispiel voranzugehen und sich einen Schnurrbart wachsen zu lassen. Erzählt wurde der Rückzug über die Elbe, General L’Estocq’s neues, hoffnunggebendes Zusammenraffen der Trümmer, die Schlachten bei Eylau, Friedland, die Königsberger Zeit. Alles rollte sich in wildem Getümmel und in rasender Flucht vor dem Kinderauge auf und war das schauerliche Vorspiel einer folgenden, dann aber auch ganz himmlischen Wunderzeit der Siege und des Triumphes. Napoleon wurde oft vom Vater in unmittelbarer Nähe gesehen. Er nannte ihn nur Bonaparte. Der Corse stand leibhaftig vor dem Knaben, der ihn mehr noch als der Vater, ja wie den Teufel haßte. Gelbes Gesicht, weißlederne Hosen, dünnes schwarzes Haar, grüner Oberrock, dicker, kurzer, gedrungener Wuchs, hohe schwarze Steifstiefel, ein lächerlich kleiner Hut – für den Vater war er, da ihn dieser in Tilsit auf dem Memel mit den von Gottes-Gnaden eingesetzten Kaisern und Königen ganz vertraulich hatte verkehren sehen, beinahe schon eine Respektsperson geworden – wenn auch wol einmal hin-[42]zugefügt wurde: Man hatte Ihn da grade so, daß man Ihn hätte treffen können, wenn Einer hätte schießen wollen. „Mit einem Ruck hätte Er da in’s Wasser müssen.“ „Aber,“ setzte der vorsichtige Patriot hinzu, „die Generale, die Gensdarmen, die Mamelukken, die Pracht und Herrlichkeit der gestickten Komödianten-Uniformen, worin die ehemaligen Schneider, Schuster, Friseurs staken, ließen dergleichen doch nicht gut zu!“ Jetzt beugten sich Kaiser und Könige vor dieser „Räuberbagage“ und „dankten ihrem Schöpfer“ für einen guten Frieden. Das ganze Leid der Königlichen Familie lebte im Vater wie eines, das ihn persönlich getroffen. Diese Diener der „unglücklichen“, d. h. gedemüthigten Großen sahen in der That die Thränen der Königin Louise fließen, sahen wirklich die Zurücksetzungen, ihren Herrschaften angethan. Die große zeitungsausposaunte Weltgeschichte, die Strategie der Cabinette und Diplomaten, war diesen bescheidenen Umgebungen unbekannt, aber die unmittelbarste Wirkung aller neuen Zustände in den vornehmen Menschen selbst, im gedemüthigten Stolz derselben, ihren ausbrechenden Leidenschaften, fühlten sie ganz in sich selbst wieder. Der vertriebene Kurfürst von Hessen freilich, der Alte mit dem Zopf, und sein Sohn, der spätere Spieler von Homburg, mischten Humor in diesen Schmerz. Man konnte namentlich vom Letzteren nicht Albernheiten genug erzählen. Der junge Prätendent guckte in die Kochtöpfe der Stallbedienten und lud sich bei den Frauen derselben zu Gaste ein. Demoiselle Emilie Orlöp, die künftige Gräfin Reichenbach, wurde vom Vater geradezu unter die „Appelsinenmamsells“ rangirt, die damals Unter den Linden hausiren gingen und nicht einmal jetzigen Bierkellnerinnen gleichkamen. Es bestätigte sich hier die alte Erfahrung, daß die Kleinen an den Großen es lieber haben, daß sie sich mit Impertinenz groß geben als klein ohne Würde. 0.5978128797083839
76 Wie wurde dagegen des Prinzen Art gerühmt! Der Vater erzählte: Du warst geboren. Ein schöner Märztag im Kometenjahr. Die Sonne schien auf’s Bett der Mutter. Sie wollte hinaus, so prächtig roch es nach Hyazinthen und Frühjahr. Nach acht Tagen war schon die Taufe. Neun Pathen; der zehnte war der Prinz. Am Abend, da der Sekretär eine goldne Bescheerung vom Schlosse in die Wiege warf, ging’s hoch her. Bis in die Nacht wurde getafelt, gesungen. [48] Die Mutter wird aber krank. Da bestellt der Prinz die braune Venus, eine Stute, die er selbst gekauft hatte. Bist traurig, redet er den Diener an. Ich weiß schon, du hast die Landkarte beim Manöver verloren … Hoheit – … Schon gut, es ist eine neue gekauft. Künftig Ledertaschen für Landkarten! … Man reitet eine Stunde. Der Prinz wendet sich alle zehn Minuten um und will die Venus gelobt haben. Er hatte sie selbst gekauft … Geht sie nicht superb? .. Hoheit, ein Punkt im Auge … Wetter, mit Euerm Punkt! Weil ich sie gekauft habe, hat sie einen Punkt im Auge … Sie wird blind werden, Hoheit … Ist nicht wahr! War ein armer Rittmeister, dem ich das Pferd abgekauft habe; hat keinen Punkt … Aber Hoheit … Hat keinen Punkt! Hättet Ihr das Pferd eingekauft, der Stallmeister und die Andern, dann hätte die Venus keinen Punkt. Nun hab’ ich einmal eingekauft, so soll sie einen Punkt haben! .. Damit die Sporen gegeben. Dann wieder inne gehalten … Bist so traurig? Was ist? … Hoheit … Der Junge gesund? … Die Frau … Krank? … Sterbenskrank … Leibarzt soll kommen. Und so lange sie stillt, soll sie von meinem Tisch essen und meinen Burgunder trinken! – So wurde der Junge mit Milch aus Prinzenkost getränkt und hatte in spätern Jahren auf die bittern Vorwürfe, wie man [49] bei solchen Verpflichtungen sich unter den Turnern, den Demagogen, den Liberalen und „Gottesleugnern“ betreffen lassen konnte, kaum eine andre Antwort als die: Was kann man gegen so nährende Muttermilch! Es giebt zwei Welten, die des Herzens und die des Geistes. Die Pflichten und Rechte beider gleichen sich hienieden nicht aus. Wie wurde dagegen des Prinzen Wilhelm Art gerühmt! Der Vater erzählte: Du warst geboren! Ein schöner Märztag im Kometenjahr! Die Sonne schien auf’s Bett der Mutter! Sie wollte hinaus, so prächtig roch’s nach Hyacinthen und Frühjahr! Nach acht Tagen war die Taufe. Neun Pathen; [43] der zehnte war der Prinz. Am Abend, da der Sekretär eine goldne Bescheerung vom Schlosse in die Wiege warf, ging es hoch her. Bis in die Nacht wurde gezecht, gesungen. Die Mutter wurde davon krank, recht krank. Eines Tages bestellte der Prinz die braune Venus, eine Stute, die er selbst gekauft hatte. Bist ja so traurig? redet er den Diener an. Ich weiß schon, Du hast die Landkarte beim Manöver verloren! – „Hoheit ­–“ Schon gut, es ist eine neue gekauft. Künftig für Landkarten Ledertaschen! – Eine Stunde wird geritten. Alle zehn Minuten wendet sich der Prinz und will seine Venus gelobt haben, weil er sie selbst gekauft hatte. Geht sie nicht süperb? „Königliche Hoheit, ein Punkt im Auge –“ Wetter mit seinem Punkt. Blos weil Ich sie gekauft habe, muß sie jetzt einen Punkt im Auge haben … „Sie wird blind werden, Königliche Hoheit!“ Ist nicht wahr! Es war ein armer Rittmeister, dem ich das Pferd abgekauft habe; hat keinen Punkt …! „Aber, Königliche Hoheit –“ Hat keinen Punkt! Hättet Ihr das Pferd gekauft, der Stallmeister und die Andern, dann hätte die Venus keinen Punkt. Nun Ich einmal eingekauft habe, nun soll sie einen Punkt haben!… Damit denn die Sporen gegeben. Und dann wieder inne gehalten. Bist ja aber so traurig? Was ist? „Hoheit –“. Ist der Junge nicht gesund? „Die Frau – die Frau –!“ – Krank? – Sterbenskrank! … O weh! Den Leibarzt kommen lassen! Und so lange sie stillt, von meinem Tisch essen und Burgunder trinken! – So wurde denn der Junge mit Milch aus Prinzenkost getränkt und hatte in späteren Jahren auf die bitteren Vorwürfe, die ihm gemacht wurden, namentlich vom Vater selbst, wie man sich bei solchen Verpflichtungen unter die „Turner“, „Demagogen“, die „Literaten“, ja „Gottesleugner“, begeben könnte, kaum eine andere Antwort geben können als die: Es giebt eben zwei Welten, die des Herzens und die des Geistes! Die Pflichten und Rechte beider gleichen sich hienieden nicht aus! 0.7262357414448669
77 Die Lichter, Farben, Raketen, Feuerwerke des Erzählungsstoffes aus den Befreiungskriegen lassen sich nicht wiedergeben. Das war eine Lichtgirandole der Begeisterung nach dem Brande von Moskau! Die Niederlage der „großen Armee“ durch Frost und Hunger wurde vom Vater mit dem ganzen parteiischen Gefühl vorgetragen, das im Naturmenschen das Unglück des Feindes für eine Quelle von Freude nimmt. Niemanden mehr, als den unter dem „Bonaparte“ kämpfenden Deutschen wurde das Elend des Winters 1812 in alle Gliedmaßen gewünscht, den Bayern zumeist, die „in Schlesien grausamere Wirthschaft getrieben, als die Franzosen.“ Die Erhebung war natürlich die Erhebung „Preußens“, nicht „Deutschlands“, das solcher angestammter Hohenzollersinn nicht kannte, sondern gewöhnlich nur unter dem Namen zusammenfaßte: „Aller Herren Länder.“ Preußen war es, das in Schlesien, der [50] Lausitz und in Sachsen das blutige Vorspiel eröffnete. Die zarteste Blüthe der schlesischen und märkischen Jugend wurde wie mit einem einzigen Sensenschnitt hinweggerafft. Der Prinz stand bei Blüchers Hauptquartier, als dessen Seele Scharnhorst dem Knaben wie ein grübelnder, denkender, ernster Genius des Schicksals geschildert wurde. Bei Großgörschen, wo der Prinz einen Cavallerieangriff commandirte, fiel jener gewissenhafte Kritiker der braunen Venus, ein Stallmeister, der den Eigennamen „Major“ führte, ein geliebter, beweinter, treuer, brandenburgischer „Froben.“ Nach dem Waffenstillstande und der mitgerittenen Schlacht an der Katzbach traf den Vater bei Leipzig, wo das knatternde Niederfallen der verklammenden Gewehrkugeln regelmäßig mit etwa in Kohlfeldern niederprasselnden Tausenden von Erbsen verglichen wurde, eine Prallkugel in den Rücken, die ihn nach schmerzlichem Aufschrei ohnmächtig vom sich bäumenden Pferde warf. Die besorglichst theilnehmenden, vom Prinzen und von Blüchern zugerufenen Worte der Hülfe und des Bedauerns standen, wenn auch unsichtbar, doch wie mit Gold geschrieben für ewig über des Hauses Schwelle. Der herzlichste Antheil des Prinzen kann ermessen werden nach einer Zeltkameradschaft, die in Schlesien des eignen Dieners Hemden trug und bei manchem einsamen Ritt aus [51] dessen Brodbeutel und Feldkessel aß. Die Lichter, Farben, Raketen, Feuerwerke des Erzählungsstoffes aus den Befreiungskriegen lassen sich nicht wiedergeben. Nach dreijähriger Abwesenheit von Berlin kehrte der Hof Weihnachten 1809 von Königsberg in die bis dahin von [44] den Franzosen gouvernirte Stadt zurück. Noch war die Zeit gar trübe. Schmalhans war der Küchenmeister selbst bei Hofe. Dann aber – nach dem Brande von Moskau! Die Niederlage der „großen Armee“ durch Frost und Hunger wurde vom Vater mit dem ganzen parteiischen Gefühl vorgetragen, das im Naturmenschen das Unglück des Feindes für eine Quelle vollkommen erlaubter Freude für sich selbst nimmt. Niemandem mehr als den unter dem „Bonaparte“ kämpfenden Deutschen wurde das Elend des Winters 1812 in alle Gliedmaßen gewünscht, zumeist den Bayern, die in Schlesien grausamere Wirthschaft getrieben haben sollten, als die Franzosen. Die Erhebung war natürlich nur die Erhebung „Preußens“, nicht „Deutschlands“, das ein solcher angestammter Hohenzollernsinn nur unter dem Namen: „Aller Herren Länder“ zusammenfaßte. Preußen war es allerdings allein, das in Schlesien, der Lausitz und in Sachsen das blutige Vorspiel eröffnete und wieder an die Möglichkeit einer Niederlage des Franzosenkaisers glauben lehrte. Die zarteste Blüthe der schlesischen und märkischen Jugend wurde wie mit einem einzigen Sensenschnitt bei Großgörschen hinweggerafft. Der Prinz stand bei Blücher’s Hauptquartier, dessen Seele Scharnhorst war, der dem Knaben als grübelnder, denkender, ernster Genius des Schlachtenschicksals geschildert wurde. Bei Großgörschen, wo der Prinz gegen Marmont’s Bataillone einen Cavalerieangriff commandirte, fiel jener gewissenhafte Kritiker der braunen Venus, ein Stallmeister, der sonderbarerweise den Eigennamen „Major“ führte, ein geliebter, lange beweinter, brandenburgischer zweiter „Froben“. Nach dem Waffenstillstand und der noch mitgerittenen Schlacht an der Katzbach, (denn auf’s Reiten kam es bei jenem Treibjagen allein an,) traf den Vater bei Leipzig, wo seine Erzählung regelmäßig das knatternde Niederfallen der Gewehrkugeln mit etwa in Kohlfeldern niederprasselnden Tausenden von Erbsen verglich, eine Prallkugel so empfindlich in den Rücken, daß er nach einem schmerzlichen Aufschrei ohnmächtig vom sich bäumenden Pferde fiel. Die besorglichst theilnehmenden, vom Prinzen und selbst von Blücher ihm zugerufenen Worte der Hülfe und des Bedauerns standen, wenn auch nicht sichtlich zu lesen, [45] doch über der Thür des Hauses für ewig geschrieben. Der herzlichste Antheil des Prinzen kann ermessen werden nach einer Zeltkameradschaft, die sogar in Schlesien des Dieners Hemden trug und bei manchem einsamen Ritt, wo die standesmäßige Verpflegung fehlte, aus dessen Brotbeutel und Feldflasche vorlieb nahm. 0.6373239436619719
78 Die Wirkung des Schusses ging über eine betäubende Erschütterung nicht hinaus. Thüringen, Hessen, Nassau wurden rasch durchschnitten. Oft klagte der Abenderzähler die Wildheit der Soldaten auf deutschem Boden an, von denen er wörtlich sagte: „Die Bauerlümmel denken immer, gleich hinter ihrer Garnison fängt Feindesland an.“ In Wiesbaden wurden die heißen Bäder, die an der Quelle gesottenen Eier und möglicherweise sogar gebrühten Hühner bewundernd erwähnt. Bei Caub ging es über den Rhein. Die Gefahren und Entbehrungen wuchsen; aber die neuen Menschen und neuen Sitten reizten nur um so mehr des Kriegers Lust. Zahlreiche Erzählungen folgten von einsamen Meierhöfen, verlassenen Dörfern, versteckten Waldhinterhalten, niedergebrannten Städtchen, Plünderungen, Gewaltthätigkeiten, Jammerscenen aller Art. Einreden von Humanität und Billigkeit wußte der Humor erlaubter Selbsthülfe achselzuckend zu pariren. Was halfs? Es war Krieg! Die Geschichte eines eroberten Kalbes, eines heimlich versteckten Schweins, die mit Marderspürkraft aufgefundenen versteckten Hühnerkörbe bildeten Episoden von tragikomischer Umständlichkeit und konnten im Drange der Verhältnisse nicht anders enden, als mit dem besten Wunsche, das Verstecken ihrer armen Habe möchte den unglücklichen [52] Einwohnern nicht im Mindesten gelungen geblieben sein. Stereotyp war bei diesen Begegnissen auch die Thatsache, daß die dem Vater widerwärtigsten Faullenzer, die großsprecherischsten Ordonnanzen oder „schnauzmäuligsten“ Offiziere, die feigsten Cavaliere im Gefolge der hohen Herrschaften, die Schreiber, die Federfuchser, die Oekonomen bei allen diesen Fouragirungen immer die gewaltsamsten und rücksichtslosesten Tyrannen waren. Hier wurde von den Beutelustigen derselbe Sarras gezogen, der sonst beim Kampf in der Scheide stecken blieb, hier drohte der Feigling mit Niederschießen und führte ein „großes Maul“, während er, sowie nur ein paar Kugeln herüberpfiffen, mäuschenstill davonschlich. Von einer großen Anzahl dieser „Heimtücker“, deren Heldenthaten nur in Essen und Trinken bestanden – wie sie später auch die ewigen Tafelhelden und mit dem patriotischen Zaunpfahl nach Orden und Gratificationen winkenden „Erinnerungsfresser“ zu bleiben schienen – wurmte es den Erzähler oft, daß sie später wirklich im Frieden die fettesten Anstellungen, für ihre krummen Buckel die einträglichsten Aemter bekamen. Es sind das die Menschen, die dem Knaben schon früh die ewige Niedertracht der menschlichen Natur zeigten und in andern Lagen, unter andern Bedingungen, bei unsern neuesten politischen Kämpfen [53] und dem mehrfachen Umschwunge der öffentlichen Meinung die bekannten scheußlichen Rollen von Menschenentwürdigung und Gesinnungslosigkeit gespielt haben. Die Wirkung des Schusses war glücklicherweise über eine betäubende Erschütterung nicht hinausgegangen. Bald schwang sich der Leibbereiter, der seine geladenen Pistolen im Halfter und den Säbel nie ungeschliffen trug, wieder auf seinen Braunen. Thüringen, Hessen, Nassau wurden mit Blücher rasch durchritten. Nun fanden sich die Katten, Bajuwaren, Alemannen bei ihrer vaterländischen Fahne ein. Aber oft klagte der Abenderzähler die Wildheit an, die sein Corps schon auf deutschem Boden zeigte. „Die Bauerlümmel dachten immer, gleich hinter ihrer Garnison finge Feindesland an.“ In Wiesbaden wurden die heißen Bäder, die an der Quelle gesottenen Eier und die sogar möglicherweise gebrühten Hühner bewundernd erwähnt. Bei Caub ging es in kalter Winternacht, als die erste Stunde des Jahres 14 schlug, über den Rhein. Es brach jene zweite Hälfte unsers glorreichen Befreiungskrieges an, die so viel Betrübendes brachte nach dem großartigen Anfang, die Uneinigkeit der Heerführer, die Leiden der Wintercampagne, die Unfähigkeit der Strategen gegenüber dem sich noch einmal in seiner ganzen Größe zeigenden Bonaparte. Gegenüber der Begeisterung im Bunde mit dem Verstande kämpfte bei den Preußen die Begeisterung im Bunde mit dem Gemüth, wiedergegeben in Blücher selbst, mit dem die große Sache wie der Schritt eines Nachtwandlers am Dachfirst entlang ging. Der Prinz commandirte eine Brigade, stand speciell unter Yorck, hatte den Major von Hedemann als Generalstabschef und durfte sich mancher schönen Waffenthat rühmen. Aber die Weisung, die ihm wurde, mit 14 Kanonen Metz zu nehmen, wird man nach dem Jahre 1870 in ihrer ganzen Komik zu würdigen wissen. Einen Theil der Schlachttage um Laon bildete ein glückliches Gefecht bei jenem Dorfe Athis, das damals vollständig abbrannte [46] und 1870 wieder verbrannt wurde, bekanntlich wegen der daselbst von den Ortsbewohnern ermordeten Husaren. Beim endlichen Vorgehen gegen Paris machte der Prinz einen Angriff auf La Villette. Bis dahin hatten alle Berichte des Vaters pessimistisch gelautet. Die Strapazen und Entbehrungen gingen über alle Kraft. Seine Erzählungen betrafen einsame Meierhöfe, verlassene Dörfer, versteckte Waldhinterhalte, niedergebrannte Städtchen, Plünderungen, Gewaltthätigkeiten, Jammerscenen aller Art. Einreden von Humanität und Billigkeit machte sich zuweilen der Erzähler selbst. Aber die Achsel zuckend sagte er, wie später Bismarck: „Es ist eben Krieg.“ Stereotyp war bei diesen Begegnissen, daß bei Fouragirungen die gewaltsamsten und rücksichtslosesten Tyrannen die Faullenzer waren, die Großsprecher, die „Schnauzmäuler“, die Cavaliere aus dem Gefolge der mitbummelnden Fürsten, die „Federfuchser“, die Wirthschaftsführer. Beute sollte gemacht werden und da wurde derselbe Sarras gezogen, der sonst zum Kampf in der Scheide blieb. Hier drohte ein Feigling mit Niederschießen und führte ein „großes Maul“, während er da, wo nur ein paar Kugeln herüberpfiffen, mäuschenstill davonschlich. Von einer großen Zahl dieser „Heimtücker“, deren Heldenthaten nur in Essen und Trinken bestanden – wie sie später auch die ewigen Tafelhelden und mit dem patriotischen Zaunpfahl nach Orden und Gratificationen winkenden „Erinnerungsfresser“ geblieben schienen – wie der Vater des Knaben charakterisirte – wurmte es oft den scharfen Kritiker, daß später, als der Friede hergestellt war, gerade diese in Patriotismus aufschneidenden „Kameraden“ die fettesten Anstellungen, die einträglichsten Aemter erhielten. Es ist die Menschenart, durch deren Schilderung dem Knaben früh ein Bild der ewigen Niedertracht der menschlichen Natur vorgeführt wurde, und in anderen Lagen, unter anderen Bedingungen, bei unseren neuesten politischen Kämpfen und dem mehrfachen Umschwunge der öffentlichen Meinung sind sie ihm ja auch oft genug wiedererschienen. 0.3540772532188841
79 Nach den Schlachten von Laon und Montmartre im Gefolge des Yorkschen Corps, bildete dann der Einzug in Paris den Glanz dieser Abenderzählungen, die die Geschichte von dem Ringe krönte. Die Boulevards! Das war etwas mehr, als das Berliner Unter den Linden! Das Palais-Royal, die Tuilerien, die Champs-elysees wurden Zauberworte für die Kindesseele, die in dem Gewühl von Kosaken, rothröckigen Engländern, beinbaaren Schotten, Ungrischen Husaren und der eigenthümlichsten aller Nationen, genannt die Pariser selbst, sich früh zurechtfand und auf die behaglichste Art sich bei einem elsasser Sattler auf dem Boulevard St. Marceau einnistete, wo der Erzähler im Quartier lag und von der französischen Gattin dieses Landsmannes so viel galante Späße berichtete, daß die Eifersucht der Mutter rege wurde und ein liebevoll nachdrücklicher Anstoß und das drohende Wort: „Schäme dich, Alter!“ diesen Schelmereien einen Uebergang zum Cirkus von Franconi bahnte. Die Pferdedressur blieb auch auf fremdem Boden des Pommers liebste Leidenschaft. Franconi’s berühmter Hirsch, der durch einen sprühenden [54] Feuerregen gejagt wurde, war das letzte und prächtigste Bouquet aller dieser Berichte, unter dessen glitzernden Lichtern und dabei wie unter einer rauschenden Musik dann endlich den gaffenden Jungen der „Sandmann“ mahnte, ins Bett zu gehen … Nach den Schlachten von Laon und Montmartre bildete der Einzug in Paris den Glanz dieser Abenderzählungen, die jene Geschichte vom Ringe krönte. Frankreich, seiner [47] Opfer, des Blutvergießens und der militairischen Despotie überdrüssig, öffnete durch Waffenstillstand und Friedensabschluß die Thore seiner Hauptstadt. Diese aber empfing die Verbündeten mit einer Begeisterung, die zu groß war, um sie anders zu erklären, als durch Veranstaltung der Royalisten und Emigranten. Jauchzen, Willkommen, Blumen, Kränze, ein Regen weißer Kokarden empfing die einziehende Armee. Der Vater blieb lebenslang von der Erinnerung wie berauscht. Die Boulevards, das war denn doch noch etwas Anderes als Berlins Unter den Linden! Das Palais-Royal, die Tuilerien, die Champs-Elysées – wahre Zauberworte für den jungen Hörer, der in dem Gewühl von Kosaken, rothröckigen Engländern, beinbaaren Schotten, Ungarischen Husaren und der eigenthümlichsten aller Nationen, genannt die Pariser selbst, sich früh zurechtfand, und sich auf die behaglichste Art bei einem Elsässer Sattler auf dem Boulevard St. Marceau einnistete, wo der Vater im Quartier lag und von der französischen Gattin des Landsmannes so viel galante Späße berichtete, daß die Eifersucht der Mutter rege wurde und ein liebevoll nachdrückliches Anstoßen und das drohende Wort: „Schäme Dich, Alter!“ diesen Schelmereien einen Uebergang zum Circus von Franconi bahnte. Denn auch auf fremdem Boden blieb des Pommers Leidenschaft die Pferdedressur. Franconi’s berühmter Hirsch, der durch einen sprühenden Feuerregen gejagt wurde, war das letzte und prächtigste Bouqet aller dieser Berichte. Unter den glitzernden Lichtern desselben, unter dem wie deutlich vernommenen Geschrei der Jäger und dem Lärm der Musik mahnte dann endlich den gaffenden Jungen der „Sandmann“ zum Gehen in’s Bett. 0.5754716981132075
80 Die später erst halb und halb verstandene Geschichte vom Ringe bestand aus Fragmenten, die vielleicht einen Zusammenhang gehabt haben mögen, wie dieser: Ein Elsässer Sattlergesell, Caspar Pfeffel, kommt nach Paris und sucht Arbeit. Er findet deren genug bei Michel le Long, Sellier anglais, d. h. einem Pariser Sattler, der in glänzenden Riemen, blanken Steigbügeln und leichten blaßgelben Sätteln nach englischer Art arbeitet. Michel le Long hat das blühendste Geschäft, ein schönes junges gutes Weib, aber eine elende Gesundheit. Er ahnt sein Uebel, die Schwindsucht, und bereitet sich vor, zu sterben. Voll Wehmuth bedenkt er, was aus seinem Weibe, seinem Geschäft werden wird. Mit Kindern war seine Ehe nicht gesegnet. Caspar Pfeffel, sein bester Gesell, konnte sein Bruder sein, aber er wurde gehalten wie der Sohn im Hause. Der deutsche Arbeiter war der geschickteste seiner Art, der fleißigste, der zuverlässigste. Michel le Long hustet des Nachts und stöhnt am Tage. Er berechnet das baldige Ende seines [55] Uebels und weist die Tröstungen seines liebenden Weibes zurück. Wie er abzehrte, wie seine Hand abmagerte, sah er einst recht an einem Ring, der ihm eines Tages, wie er still am Fenster sitzt und von der Sonne sich wärmen läßt, von den Fingern rollt. Caspar Pfeffel, in der Nähe arbeitend, hebt den Ring auf und behält ihn auch, denn der Meister wurde gerade am Fenster angerufen. Im Abwarten des Gespräches am warmen Boulevardfenster ist der Ring vergessen. Caspar Pfeffel hatte ihn so lange an den Finger gesteckt, bis der Besuch abgefertigt war. Er will ihn zurückgeben, er sieht sich um, Michel le Long aber ist in sein Kämmerchen gegangen, hat sich gelegt, bleibt liegen, bleibt acht, vierzehn Tage liegen … in drei Wochen ist der Meister todt. In dem Kämmerlein mußten eigne Worte mit dem Weibe gesprochen worden sein. Sie kam oft verweint aus der Thür, schwankte fast beschämt durch die Werkstatt, und wenn Caspar Pfeffel an den Ring des Meisters erinnerte, hörte sie nicht darauf. Jedes Mal zog er ihn ab und jedes Mal nahm sie ihn doch nicht und jedes Mal ging er langsamer von den verquollenen Fingern, denn Caspar Pfeffel war gesund und frisch und wohlgenährt. So behielt Caspar den Ring einen Tag, vier Wochen, sechs Monate, ein Jahr, fast lebenslang, denn nach diesem Jahre wurde die Wittwe sein Weib, [56] Caspar Pfeffel Michel le Long’s Nachfolger. So lebten beide manches Jahr, getröstet durch die heilende Zeit und das treugebliebene Glück im Geschäft. Nur daß auch ihnen Kinder fehlten, minderte das Maaß der Freude. Da führte das sinkende Gestirn des „Corsen“ die Fremden nach Paris. Caspar Pfeffel erhielt deutsche Einquartierung. Seine neuen Hausgenossen, Monsieur Charles und der schöne Dorich, konnten nicht angenehmer wohnen, als unter Riemzeug, Sätteln und Steigbügeln. Monsieur Charles, nicht so unzuverlässig wie der schwarzlockige Kamerad, wurde der Liebling des Hauses, der Gallopin Madame’s, der gemüthliche Anschluß bei jeder Lustparthie nach St. Cloud oder Versailles, der gelehrige Schüler der ganzen Firma le Long Veuve im französisch Parliren. Necken und galantes Schäkern muß da so um sich gegriffen haben, daß es kein Wunder nahm, als die dicke behäbige Frau Sattlermeisterin einst den vom Finger des guten Caspar zufällig abgestreiften und von Monsieur Charles zum Scherz angesteckten Ring als ein Omen für ihre Zukunft erklärte. Die Geschichte wurde erzählt und der Ring nun wirklich nicht dem gesundheitsstrahlenden Caspar Pfeffel zurückgegeben, sondern es hieß: Monsieur Charles sollte der dritte Gatte der schönen Pariserin werden! Vielleicht wollte der deutsche Reitersmann schon Rechte [57] in Anspruch nehmen und veranlaßte die Meisterin zu einer sinnigen Strafe. Sie holte ein Etui, verlangte den Ring, legte ihn hinein und übergab beides Monsieur Charles mit der Bedeutung, es daheim à Madame son epouse mitzubringen als Erinnerung an das schlimme und die Männer verwildernde Paris. Es war kein Trauring, sondern ein einfacher goldner Reifen zum Zierrath. Die Verlockung, ein solches Geschenk mitzubringen, war zu reizend und die deutsche Epouse trug wirklich den Ring mit sorgsamster Hut bis ins Grab. Im Ahnungsgefühl, daß der Ring den dritten Mann der Sattlerin bedeuten konnte, noch dazu ihren eignen, den Vater ihrer Kinder, wurzelte sich der Ring so fest ins Fleisch, verwuchs das Symbol der Pariser Gefahren und der schalkhafte Gruß einer guten und auf die gemeinsamen, durch alle Welt gehenden Frauenrechte bedachten Französin so in dem Finger der Mutter, daß man, als sie hochbetagt starb, den Ring geradezu hätte durchfeilen müssen, wenn man ihn nicht hätte mit in den Sarg geben wollen. Der Pariser Ring rostet auf dem Hallischen Kirchhof … Die später erst halb und halb verstandene Geschichte vom Ringe bestand aus Fragmenten, die wol einen Zusammenhang gehabt haben wie diesen: Ein Elsässer Sattlergesell, Caspar Pfeffel, kommt nach Paris und sucht Arbeit und findet deren genug bei Michel le Long, Sellier anglais, d. h. einem Pariser Sattler, der aber in glänzenden Riemen, blanken Steigbügeln und leichten blaßgelben Sätteln nach englischer Art arbeitet. Michel le Long hat das blühendste Geschäft, ein schönes junges, gutes Weib, aber eine [48] recht elende Gesundheit. Er ahnt sein Uebel, die Schwindsucht, und bereitet sich vor, nächstens zu sterben. Voll Wehmuth bedenkt er, was aus seinem Weibe, seinem Geschäft werden wird. Seine Ehe war nicht mit Kindern gesegnet. Caspar Pfeffel, der Elsässer, sein bester Gesell, konnte den Jahren nach sein Bruder sein, aber er wurde gehalten wie der Sohn im Hause. Der deutsche Arbeiter war geschickt, fleißig, zuverlässig. Michel le Long hustet des Nachts und stöhnt am Tage. Er berechnet das baldige Ende seines Uebels und weist die Tröstungen seines liebenden Weibes zurück. Wie er abzehrte, wie seine Hand abmagerte, sah er eines Tags an einem Ringe, wie ihm dieser, während er still am Fenster sitzt und sich von der Sonne wärmen läßt, vom Finger gleitet. Caspar Pfeffel, in der Nähe arbeitend, hebt den Ring auf und behält ihn vorläufig, denn der Meister wurde am Fenster gerade angerufen, bei sich. Im Abwarten des Gesprächs am warmen Boulevardfenster kam der Ring in Vergessenheit. Caspar Pfeffel hatte ihn an den Finger gesteckt, bis der Besuch abgefertigt war. Als er sich umsieht, war Michel le Long in seine Schlafkammer gegangen, hat sich gelegt, blieb liegen acht, vierzehn Tage lang, stirbt. Auf seinem Sterbebett mußte er seltsame Worte mit seinem Weibe gesprochen haben. Sie kam verweint heraus und schwankte, beschämt die Augen niederschlagend, durch die Werkstatt. Caspar Pfeffel erinnert an den Ring des Meisters. Sie hört nicht darauf. Oefter und öfter zog er ihn ab und jedesmal nahm sie ihn nicht und jedesmal ging der Ring auch langsamer von den dicken Fingern Caspar Pfeffel’s, der gesund und frisch und wohlgenährt war. So behielt Caspar den Ring einen Tag, vier Wochen, sechs Monate, ein Jahr und lebenslang. Denn nach einem Jahre wurde die Witwe sein Weib, Caspar Pfeffel Michel le Long’s Nachfolger. So lebten Beide manches Jahr, getröstet durch die heilende Zeit und das treugebliebene Glück im Geschäft. Nur daß ihnen Kinder fehlten, auch ihnen wie dem ersten Bunde, das minderte das Maß der Freude. Da führte das sinkende Gestirn des „Corsen“ die Fremden nach Paris. Caspar Pfeffel erhielt deutsche Einquartierung. Seine neuen Hausgenossen, Monsieur [49] Charles und der schöne Lorenz, konnten nicht angenehmer wohnen, als unter eitel Riemzeug, Sätteln und Steigbügeln. Monsieur Charles, nicht so unzuverlässig wie der schwarzlockige Kamerad, wurde der Liebling des Hauses, der Gallopin Madames, der gemüthliche Anschluß bei jeder Lustparthie nach St. Cloud oder Versailles, der gelehrige Schüler der Firma le Long Veuve im Französisch-Parliren. Necken und galantes Schäkern muß dabei so um sich gegriffen haben, daß es kein Wunder nahm, als die dicke behäbige Frau Sattlermeisterin einst den vom Finger des guten Caspar zufällig abgestreiften und von Monsieur Charles zum Scherz angesteckten Ring als ein Omen für ihre Zukunft erklärte. Charles sollte, es war ein Ausbruch des Uebermuths, zum Aerger des gesundheitstrahlenden zweiten Gatten ihr dritter werden. Möglich dann, daß der deutsche Reitersmann schon Rechte auf seine künftige Stellung hin in Anspruch nehmen wollte und die Frau Meisterin zu einer Strafe veranlaßte. Sie holte ein Etui, verlangte den Ring, legte ihn hinein und übergab das Geschenk Monsieur Charles mit der Bedeutung, es à Madame son epouse mitzubringen. Aber siehe da! beim Oeffnen war’s ein andrer Ring, kein Trauring, sondern ein goldner Reifen zum Zierrath. Das Geschenk war zu reizend und die deutsche Epouse trug den Ring bis in’s Grab. Im Ahnungsgefühl, daß dieser Ring denn doch den dritten Mann der Sattlerin bedeuten konnte, den Vater ihrer Kinder, wurzelte sich der Ring so fest in’s Fleisch der Mutter, verwuchs das Symbol der Pariser Gefahren und der schalkhafte Gruß einer guten und auf die gemeinsamen, durch alle Welt gehenden Frauenrechte bedachten Französin so in dem Finger, daß man, als die Mutter hochbetagt starb, den Ring hätte durchfeilen müssen, wenn man ihn nicht hätte mit in den Sarg geben wollen. Er rostet jetzt auf dem Dreifaltigkeitskirchhof vor dem Hallischen Thore in Berlin. 0.7067209775967414
81 Dem sanguinischen, leidenschaftlichen, abentheuerlich bewegten Charakter eines solchen Vaters hielt das schalkhaftblitzende, freundlichlächelnde, grübelndzweifelnde Auge der Mutter fast den Widerpart. Der [58] pommersche Reitersmann hatte etwas vom Beduinen; immer sich tummelnd, immer unruhig, rastlos, Morgens mit der Sonne auf, im Gespräch das Ende vergessend und dabei doch alles mit Umsicht und Eifer erledigend, ehrgeizig, schnell verletzt und leicht versöhnt. Sein Weib kam im Gegentheil von einem Prinzip der Stabilität her. Ihr Vater, ein Zuckersieder bei den Schicklerschen Entreprisen, der in den äußersten Vorstädten wohnte, hatte von einer einzigen Frau achtzehn Kinder. Die Aelteste war unsre Sophia. Viele von dieser wahrhaft biblischen Nachkommenschaft starben und verdarben. Die Ueberlebenden waren Weber, Handschuhmacher, Hutmacher, alle Gewerbe durcheinander. Alle Handgriffe der Arbeit, alle untern Lebensverhältnisse waren hier vereinigt. Wenn diese Onkels und Tanten kamen, schwirrte und summte es in der einzigen Stube, die hier eine Wohnung vorstellen mußte. Was gab es da nicht zu horchen, zu lauschen, allmälig erst zu begreifen! Wie oft wurde plötzlich leise gesprochen, wie oft leise geklagt und laut geweint! Was gab es da nicht zu rathen, zu fragen, zu mahnen, zu erinnern! Wie viel Leid und Freud hängt sich an das Leben so vieler geringer Menschen und was bringen sie nicht, wenn sie zusammenkommen, für seltsame Nachrichten aus ihrem Pygmäen-Leben mit! Wieviel Noth haben sie nicht zu tragen, wieviel [59] Kummer einzutauschen für nur geringe Freude, wie sie ihnen Sonntags und an einzelnen Festtagen wird! Und doch wie genügsam sind sie! Wie glücklich macht sie eine erwärmte Stube, ein knisterndes Feuer, ein brennendes Licht, ein Fidibus, eine Pfeife, ein Trunk Dünnbier, noch dünnerer Kaffee! … Wie glücklich sind sie in dem sonntäglichen Reichthum frischer Wäsche, wohl gar eines neuen Rockes, immer aber einer guten Predigt und zuweilen eines jener massenhaften Spaziergänge, die man Ueber-Land-Gehen nennt! Alle diese Menschen von der Mutterlinie hatten etwas Sinniges, Sanftes, Geregeltes, Feines, Bescheidenes … Der Eine von ihnen, ein Hutmacher, kam auf der Wanderschaft bis Siebenbürgen, hatte in Wien für die feinsten Gewölbe auf dem Graben gearbeitet, hatte Ungarn durchreist und würde nach der Türkei gewandert sein, wenn er Pässe bekommen hätte und die Zeit der Griechenerhebung den Fremden günstig gewesen wäre. Eines Tages, nachdem man ihn seit achtzehn Jahren todt und verschollen geglaubt hatte, erschien ein kleiner vertrockneter Mann, mit Knotenstock, um den Hut Wachstuch, ein Felleisen auf dem Rücken, und sagte: Kennen Sie mich nicht? Die Schwester erkannte ihn sogleich als den Christian. Er brauchte nur seine wie Leder gegerbte Hutmacherhand zu geben, um erkannt [60] zu sein. Er redete die Seinigen mit Sie an. Der Vetter aus Siebenbürgen war so still, so schweigsam, so freundlich. Er legte das Felleisen ab, schloß es auf und gab jedem ein kleines Angedenken von seinen wunderbaren Reisen. Er zog sich den Rock aus, man glaubte, es fröre ihn, er wollte sich am Ofen wärmen. Er zog aber auch die Stiefeln aus; man glaubte wohl, daß die Füße recht durchlaufen und vom Frost heimgesucht waren. Er zog aber auch die Hosen aus. Man dachte: Was hat denn der Vetter Christian vor? Endlich zog er auch noch das Hemd aus. Was soll das werden? Die Eltern merkten etwas und lachten schon. Bis der Vetter dann dastand in einem wunderbaren großen Lederkoller auf bloßer Haut. Kommt, sagte er lächelnd, faßt an! Man betastete ihn. Der Wamms war vom weichsten Ziegenleder, strich sich gar sanft, hatte aber überall harte curiose Buckeln. Die Eltern ahnten schon. Vetter Christian zog auch den Koller aus und stand nun so lange abgewandt splitternackt, bis er sich wieder neu gekleidet hatte. Die Eltern sahen wohl die Bescheerung. Ein Messer, eine Scheere herbei! Jetzt ging es an ein Auftrennen und Lösen. Die Buckeln in dem schweren Wamms waren über und über eingenähte harte Thaler. So geharnischt war der fleißige Hutmacher von seiner Wanderschaft nach achtzehn Jahren heim-[61]gekommen. So hatte der ehrliche deutsche Handwerksgesell sein Gespartes in den Herbergen gesichert und sich von den Gefahren frei gemacht, die sein Felleisen bei einer Rast im Walde, einem Nachmittagsschlaf auf kühlem Rasen oder einem Nachtquartier auf Scheunenstroh von schlimmen Kameraden hätte treffen können. Dem sanguinischen, leidenschaftlichen, abenteuerlich bewegten Charakter eines solchen Vaters hielt das schalkhaftblitzende, freundlichlächelnde, grübelndzweifelnde Auge der Mutter immer den Widerpart. Der pommersche Reitersmann hatte etwas vom Beduinen; immer sich tummelnd, [50] unruhig, rastlos, Morgens mit der Sonne auf, im Gespräch das Ende vergessend, dabei Alles mit Umsicht und Eifer erledigend, ehrgeizig, schnell verletzt, dann aufbrausend, lärmend, aber leicht begütigt und versöhnt. Sein Weib kam von den Principien der Stabilität her. Ihr Vater war ein Zuckersieder bei den Schickler’schen Entreprisen in jener Gegend, wo jetzt die Raupach- und die Wallnerstraße münden. Weiter noch hinaus wohnte der Siedemeister Berg mit seiner Gattin, einer Mutter von – achtzehn Kindern. Das älteste davon war unsre Sophia. Viele Mitglieder von dieser fast biblischen Nachkommenschaft starben frühzeitig. Die Ueberlebenden waren Weber, Handschuhmacher, Hutmacher, alle Gewerbe durcheinander schienen vertreten. Wenn diese Onkels, diese Tanten zusammen kamen, schwirrte und summte es in der einzigen Stube, die hier eine ganze Wohnung vorstellen mußte. Was gab es da nicht zu horchen, zu erlauschen, erst allmälig zu begreifen! Wie oft wurde plötzlich leise gesprochen, wie oft plötzlich leise geklagt und mit der Zeit ganz laut geweint! Was gab es da nicht zu fragen, zu errathen! Wie viel Leid und Freud hängt sich an das Leben so vieler geringen Menschen und was bringen sie nicht, wenn sie zusammenkommen, für seltsame Nachrichten aus ihrem Pygmäendasein mit? Wie viel Noth haben sie zu tragen, wie viel Kummer einzutauschen für ihre Freuden, die ihnen nur Sonntags und an Festtagen zutheil werden können! Aber wie genügsam sind sie auch! Wie glücklich macht sie schon eine erwärmte Stube, ein knisterndes Feuer, ein brennendes Licht, ein Fidibus, ein Trunk Dünnbier, noch dünnerer Kaffee! Wie glücklich sind sie in dem sonntäglichen Reichthum frischer Wäsche, wohl gar eines neuen Rockes, immer aber einer guten Predigt und zuweilen eines jener in Masse unternommenen Spaziergänge, die man Ueber-Land-Gehen nennt! All diese Menschen von der Mutterlinie hatten etwas Sinniges, Sanftes, Geregeltes, Feines, Bescheidenes. Der Eine von ihnen, ein Hutmacher, kam auf der damals noch zu Fuß mit dem Knotenstock und dem Felleisen auf dem Rücken unternommenen Wanderschaft bis nach Siebenbürgen. Er hatte in Wien für die feinsten Gewölbe auf [51] dem Graben gearbeitet. Er hatte Ungarn durchreist und würde noch in die Türkei gewandert sein, wenn er dahin hätte Pässe bekommen können und die Zeit der ausbrechenden Griechenerhebung Fremden günstig gewesen wäre. Eines Tages, nachdem man ihn seit achtzehn Jahren todt und verschollen geglaubt hatte, erschien ein kleiner vertrockneter Mann mit einem Knotenstock, den Hut mit Wachstuch umkleidet, ein Felleisen auf dem Rücken, und sagte: „Kennen Sie mich nicht?“ Die Schwester erkannte ihn sofort als den Bruder Christian. Brauchte er doch nur seine wie Leder gegerbte Hutmacherhand zu geben – die Hutmacher müssen in siedendes Wasser greifen – um erkannt zu sein. Er redete in der That die Seinigen mit Sie an. Der Vetter aus Siebenbürgen war still, schweigsam und eigenthümlich verheißungsreich. Als er sein Felleisen abgelegt hatte, schloß er es auf und gab Jedem ein kleines Andenken von seinen weiten Reisen und zog sich dann den Rock aus. Wir glaubten, es fröre ihn und er wollte sich am Ofen wärmen. Nun zog er aber auch die Stiefel aus; wir glaubten, er hätte sich die Füße durchlaufen oder hätte Frostballen, die ihn schmerzten. Jetzt zog er sogar die Beinkleider aus. Aber, Vetter Christian, was habt Ihr denn vor? Ja, es war zum Todtlachen, er stellte sich abseits gegen die Wand und zog sich auch noch das Hemd aus. Aber nun stand er erst recht bekleidet da. Ein Lederkoller vom feinsten, weichsten Ziegenleder bedeckte seinen bloßen Leib bis zu den Knieen. Kommt, sagte er lächelnd, faßt an! Wir betasteten ihn. Der Wamms strich sich hier und da gar sanft, hatte aber an anderen Stellen harte kuriose Buckeln. Die Eltern ahnten schon. Vetter Christian zog den Koller aus und stand nun so lange abgewandt splitternackt, bis er sich wieder ganz angekleidet hatte. Die Eltern sahen die Bescheerung. Ein Messer, eine Scheere herbei! Jetzt ging es an’s Auftrennen und Ausschälen. Die Buckeln in dem schweren Wamms waren eingenähte Thaler. So geharnischt war der fleißige und vorsichtige Hutmacher von seiner Wanderschaft nach achtzehn Jahren heimgekehrt. Auf die Art hatte er sein Gespartes in den Herbergen gesichert und sich von den Gefahren frei gemacht, die sein Felleisen bei einer Rast im [52] Walde, einem Nachmittagsschlaf auf kühlem Rasen oder einem Nachtquartier auf Scheunenstroh hätte treffen können. 0.6592292089249493
82 Aber Vetter Christian, was ist der Vetter Christian gegen den Vetter Wilhelm, Wilhelm, den Weber! Vetter Wilhelm, der Weber, war der Aelteste der Brüder und wandernd nur bis Würzburg gekommen. Vetter Wilhelm trieb jene feine Weberei der Musseline. Aber seinem mühsamerlernten Beruf traten für immer die Engländer und die Maschinen in den Weg. Wenn der Vetter – doch wie kann man einen Helden so einführen, einen merkwürdigen seltenen Originalmenschen so gewöhnlich, so ohne Anrufung der Muse, so ohne Beginn eines neuen Kapitels besingen! Steige herab, du heilige Muse der Christen! Klopstocks begeisternde Messiassängerin! Eloah, aus deinen Händen empfing David die Harfe und sang die Thaten Israels wider die Kinder der Philister, begeistre auch uns zum Preise eines Gottsohnes, der, wenn er die Feder ergriffen und nur ein klein, kleinwenig mehr Schulunterricht genossen hätte, zu den beiden weltberühmten Schustern von Nürnberg und Görlitz ein vollkommen ebenbürtiger Dritter gewesen wäre. Was ist aber Vetter Christian gegen Vetter Wilhelm, den Weber! Dies war der Aelteste der Brüder. Auch dieser war wandernd bis Würzburg gekommen. Seine Kunst war die feine Weberei auf Musselin. Aber seinem mühsamerlernten Beruf traten die Engländer und die Maschinen in den Weg. Wenn der Vetter – doch wie kann man einen Helden so einführen, einen merkwürdigen Originalmenschen so gewöhnlich, so ohne Anrufung der Muse, ohne Beginn eines neues Kapitels besingen! Steige herab, Klopstock’s begeisternde Messiassängerin! Denn Eloah, keine andre rufe ich an. Aus Deinen Händen empfing David die Harfe und sang die Thaten Israels wider die Kinder der Philister, auch Klopstock durfte sich Dir nahen, begeistre auch den Erzähler dieser Geschichten zum Preise eines Gottsohnes, der, wenn er die Feder ergriffen und nur ein klein, klein wenig mehr Schulunterricht genossen hätte, zu den beiden weltberühmten Schustern von Nürnberg und Görlitz, Hans Sachs und Jakob Böhme, ein ebenbürtiger Dritter gewesen wäre! 0.6617647058823529
83 [62] III. III. 0.5
84 Vetter Wilhelm war kein Schuster, sondern ein Musselinweber. Ob ihm der Musselin in Wolle oder Baumwolle, in pure laine oder laine coton besser gelang, weiß der Neffe nicht zu bestimmen, aber es lebte in diesem kleinen vertrockneten Männchen ein seltener Geist, vor allem ein Gottvertrauen und eine spekulative Mystik, die ihn zu einer der merkwürdigsten Personen macht, deren Kunde nur in ein junges Menschenleben dringen kann. Wenn wir die Kunst der Musselinweberei der Stadt Moßul in Mesopotamien verdanken, so lebte der Vetter in seinem Webstuhle auch wirklich nur wie in Mesopotamien. Seines Geistes Heimath waren die öden Steppen des Euphrat, die grünen Triften des Tigris. Von den Früchten des Oelbaumes und den Datteln der Palme, ja selbst von Heuschrecken, wie Johannes in der Wüste, hätte [63] unser Vetter allein leben können. Der kleine, magre, dürre, ewige Junggesell hatte schwarzumbuschte, feurige Augen. Sein Blick war voll Geist und Leben, seine Rede scharf und sicher, aber zurückhaltend, da sich ja zuviel des Heidenthums und der Weltlichkeit in üppiger Selbstsicherheit unter den Menschen bewegt. Vetter Wilhelm war seinem innersten Wesen nach ein aufrichtiger, von jeder Heuchelei entfernter, wirklich gläubiger Pietist aus der alten Spenerschen Schule und das mit theologischem Anstrich. Er kannte vollkommen Jacob Böhme, rühmte dessen Glauben und tadelte nur das Uebermaaß seines Witzes und das Spiel seiner Phantasie. Der Vetter hatte nicht die Spur von einem Kopfhänger, sondern lachte über jeden guten Spaß und seufzte nur, wenn er die reine Weltlichkeit der meisten, auch der guten Menschen so gar sicher sich ergehend sah. Keinem Unchristlichgestimmten war er etwa in offener Feindseligkeit gram. Er ließ die ganze Mannichfaltigkeit des Lebens und das Durcheinander dieses Menschengewühls gelten und wünschte nur, daß immer mehr bei Seite treten, immer mehr in ihr Kämmerlein gehen und vor Christo, dem Seligmacher, ihre eigne „Selbstgerechtigkeit“ bekennen möchten. Es war die Wiedergeburt, für die er nicht etwa richtend und eifrig, ketzermacherisch, sondern still und gelassen Proselyten warb. Er begnügte sich, wenn [64] er rathlose Zustände, blinde Leidenschaft und ihre Folgen sah, aus dem Winkelchen heraus, wo er saß und seine Pfeife schmauchte, die Achseln zu zucken und mit ruhiger Gelassenheit zu sagen: „Das ist es, wenn man Jesum Christum nicht erkennt!“ Vetter Wilhelm theilte alle Menschen in drei Klassen: in Solche, die wiedergeboren sind, in Solche, die ihren Tag von Damaskus noch erleben würden und in Solche, die „dahinfahren.“ Die letztere Klasse war ihm leider die große Mehrzahl aller Menschheit. Und er mußte leider nicht nur die Völler, die Säufer, die Lügner, die Ehebrecher allein zu den Dahinfahrenden rechnen, sondern auch so viele Vornehme, die Reichen, die Gewaltigen und die, denen es am Schlimmsten von Allen ergehen würde, die berühmtesten Schriftgelehrten und bewundertsten Hohenpriester und Pharisäer. Der Stall-Thurm lag dicht an der Universität. Unter ihren Professoren, wenn sie so selbstzufrieden aus ihren Collegien kamen, waren Wenige nur, die für den Vetter nicht zu den Dahinfahrenden gehörten. Dabei sei aber ausdrücklich bemerkt, daß er nicht etwa in blinder puritanischer Bibelklauberei so sicher sprach, sondern daß er ein in seiner Art gelehrter Mann war, wenigstens die ganze Geschichte Roms, Griechenlands, der Deutschen und der Franzosen kannte. Er hatte, so arm er war, sich die Ueber-[65]setzungen der Schriften von Pascal und Bossuet zu verschaffen gewußt. Er kannte Schröckhs Weltgeschichte, hatte alle nur erdenklichen Erbauungsschriften von Spener, Arndt, J. V. Andreä an bis zu den neuesten Werken von Neander, dem Berliner Strauß, Lisco, Couard, besonders aber dem Convertiten Goßner gelesen. Er kannte nicht nur Sokrates und die Allgemeinheiten der altgriechischen Philosophie, nicht nur manche Schrift von Jacob Böhme und Einiges von Tauler und den Scholastikern, sondern sogar allgemeinste Umrisse von Schelling und Hegel, bei denen er natürlich nur den ohnmächtig sich abmühenden Menschenwitz und ein gelehrtes Heidenthum belächelte. Er verwelschte dabei die wissenschaftlichen Ausdrücke auf die sonderbarste Art; doch ahnte er, was Subject und Object, Idealität und Realität heißen sollten. Auch in der Politik stand er weit über den Berliner Zeitungen. Es hat lange gewährt, bis der Knabe sich über eine seiner stehenden Terminologieen klar werden konnte. Sie hieß: „die Propriande“. Schon dem Kinde stellte nämlich der Vetter den Lauf der Welt im apokalyptischen Sinne dar. Er prophezeite mit ruhig lächelnder, unerschütterlich sicherer Ueberzeugung alle Weltalter nach der Offenbarung Johannis. Das große siebenköpfige Thier, mit dem die Könige buhlten, war ihm Rom, der Papst, der [66] Antichrist; Napoleon war ihm eines der größten Zeichen, die „der Wiederkunft des Herrn“ vorangingen. Die „Propriande“ nun arbeitete nach des Vetters Auslegung für die Zukunft des Gerichts, für den allgemeinen Sieg des Antichrists, dessen Zeit erst voll werden müsse, bis die Zornschaalen überliefen. Vetter Wilhelm verstand unter dieser Propriande, dieser wühlenden päpstlichen Genossenschaft, die Propaganda, und zwar in dem doppelten Sinne der reinrömischen und der weltlichpariserischen Propaganda. Die Propriande, die Krug in Leipzig bekämpfte, und die, die der Minister von Kamptz verfolgte, war ihm eine und dieselbe, die Jesuiten und die Turner, die an der Hausvogtei wagenweise abgeladen und wagenweise nächtlich nach Köpenick gebracht wurden, waren ihm Aeste und Ausläufer desselben Baumes, der in Rom wurzelte; die Aeste wußten es nur nicht. Vetter Wilhelm war ein Meister in der Kunst, alle Erscheinungen der Geschichte auf die einzelnen Zahlen und Begriffe der Apokalypse zu deuten. Er las auch nur darum in weltlichen Büchern, um überall das wiederzufinden, was ihm wie Felsen so fest in der Offenbarung Johannis und Bengels Auslegungen stand. Jeder große Factor der Geschichte hatte bei ihm seine apokalyptische Zahl. Gregor, Innocenz, Friedrich der Hohenstaufe, Papst Leo, Wallenstein, [67] Friedrich der Große, Voltaire, Napoleon, alle waren ihm stigmatisirt schon in der Geburt mit irgend einem Zeichen aus jenem Buche aller Bücher, von dem er nur bedauerte, daß sein Erklärer Bengel aus Ungeduld, die Wiederkunft Christi zu beschleunigen, in seinen Auslegungen Sprünge gemacht hätte, die durch die unendlich reiche gegenwärtige apokalyptische Zeit sich als übereilt erwiesen. Vetter Wilhelm war Musselinweber. Ob ihm pure laine oder laine coton, Musselin in Wolle oder Baumwolle, besser zu Handen war, weiß der Neffe nicht zu berichten, das aber kann er versichern, es lebte in dem kleinen vertrockneten Männlein ein seltener Geist, vor allem ein Gottvertrauen und eine spekulative Mystik, die ihn zu einer der merkwürdigsten Personen macht, deren Existenz je in ein junges Menschenleben eingetreten sein kann. Wenn wir die Kunst der Musselinweberei der Stadt Mossul in Mesopotamien verdanken, so lebte der Vetter in seinem [53] Webstuhle wirklich auch nur wie in Mesopotamien. Paulus war ein Teppichweber. Seines ihm nachstrebenden Geistesverwandten Heimath waren die öden Steppen am Euphrat, die grünen Triften des Tigris. Von den Früchten des Oelbaumes und den Datteln der Palme, ja selbst von Heuschrecken, wie Johannes in der Wüste, hätte dieser seltne Mensch leben können. „Vetter“ Wilhelm war klein, mager, dürr. Wie seine Schwester (wir hätten ihn Onkel nennen müssen, aber „Onkel“ Wilhelm hieß bereits der ältere Bruder des Vaters, der Kammerdiener des Prinzen) hatte er schwarzumbuschte, feurige Augen. Sein Blick war voll Geist und Leben, seine Rede scharf und sicher, doch zurückhaltend, da sich ja zuviel des Heidenthums und der Weltlichkeit in üppigster, durch keine Polemik auszurottender Selbstsicherheit unter den Menschen bewegt. Vetter Wilhelm, nie verheirathet, nie, wie man glauben mußte, verliebt gewesen, war seinem innersten Wesen nach ein aufrichtiger, von jeder Heuchelei entfernter, gläubiger Pietist der alten Spener’schen Schule und mit theologischem Anstrich. Er kannte Jakob Böhme. Er rühmte dessen Glauben und tadelte das Uebermaß seines Witzes und das Spiel seiner Phantasie. Der Vetter hatte nicht die Spur von einem Kopfhänger. Ueber jeden guten Spaß konnte er lachen und seufzte nur, wenn er die reine Weltlichkeit der meisten, auch der guten Menschen gar so sicher sich ergehen sah. Keinem Unchristlichgestimmten war er etwa in offener Feindschaft gram. Er ließ die Mannigfaltigkeit des Lebens, das Durcheinander dieses Menschengewühls, die volle Hanthierung und Gewerbefreiheit Satans, wie sie einmal Gott zugestanden hat, gelten und wünschte nur, daß immer mehr und mehr bei Seite treten möchten, immer mehr in ihr Kämmerlein gehen und vor Christo, dem Seligmacher, die „eigene Selbstgerechtigkeit“ bekennen. Die „Wiedergeburt“ war jener Revolutionszustand im menschlichen Gemüth, für welchen er nicht etwa richtend und eifrig, nicht ketzermacherisch, sondern still und gelassen Proselyten warb. Er begnügte sich, wenn er rathlose Zustände, Folgen blinder Leidenschaften aus dem Winkelchen heraus, wo er seine Pfeife schmauchte, sich winden und ächzen sah, die Achseln zu zucken [54] und mit Gelassenheit zu sagen: „So muß es kommen, wenn man Jesum Christum nicht erkennt!“ Vetter Wilhelm theilte alle Menschen in drei Klassen: in Solche, die wiedergeboren sind, Solche, die ihren Tag von Damaskus noch erleben werden, und Solche, die „dahinfahren“. Die letztere Klasse war ihm leider die große Mehrzahl der Menschheit. Satan mußte ja bis zum jüngsten Gericht fortleben. Da gehörten ihm nicht nur die Säufer, die Lügner, die Ehebrecher, sondern „Dahinfahrende“ waren auch viele Vornehme, Reiche, Gewaltige, und die, denen es obenein von Allen am schlimmsten ergehen würde, waren berühmte Schriftgelehrte und bewunderte Hohepriester und Pharisäer. Der Stallthurm der Akademie liegt nahe der Universität. Unter den Professoren, die da so selbstzufrieden aus ihren Collegien kamen, waren nur Wenige, die für den Vetter nicht zu den Dahinfahrenden gehörten. Hochmuth auf Wissen, Pfaueneitelkeit waren ihm schon allein die Anwartschaft auf nähere Bekanntschaft mit dem Satan. Diese Verurtheilung begründete sich nicht etwa auf blinde puritanische Bibelklauberei, nein, der Vetter war in seiner Art ein gelehrter Mann, der die Textkritik kannte. Er kannte die Geschichte Roms, Griechenlands, der Deutschen und der Franzosen. So arm er war und so schlecht „die Musselinweberei“ ging, so hatte er sich doch die Uebersetzungen der Schriften von Pascal und Bossuet zu verschaffen gewußt. Es gab auch Vereine, aus deren Bibliotheken der alte Webergesell (denn das blieb er, obschon Meister, und ohne socialistische Prätensionen) Bücher entlieh. Er kannte Schröckh’s Weltgeschichte, hatte alle nur erdenklichen Erbauungsschriften von Spener, Arndt, J. V. Andreä bis zu den neuesten Werken von Neander, dem „Glockentöne-Strauß“, Lisco, Couard, besonders aber dem Convertiten Goßner gelesen. Er kannte nicht nur Sokrates und die Allgemeinheiten der altgriechischen Philosophie, nicht nur das Meiste von Jakob Böhme und Einiges von Tauler und den Scholastikern, sondern sogar allgemeine Umrisse von Schelling und Hegel, bei denen er natürlich nur den sich ohnmächtig abmühenden Menschenwitz und ein gelehrtes Heidenthum belächelte. Die wissenschaftlichen Ausdrücke verwelschte er auf die sonderbarste Art, sprach auch in der [55] Regel berlinisch und würde es, wie ein echter Berliner, für Affectation gehalten haben, mich zu sagen, wo auch Blücher mir sagte, aber er ahnte, was Subject und Object, Idealität und Realität hieß. Auch in Politicis stand er weit über den damaligen Berliner Zeitungen. Doch hatte es lange gewährt, bis sich der Knabe über eine seiner stehenden Terminologieen klar werden konnte, „die Propriande“. Bei jeder Gelegenheit bezog er sich auf die Wirkungen der „Propriande“. Was Satan nicht that, that die „Propriande“. Doch war letztere nur die Avantgarde des ersteren. Wir müssen von seiner Geschichtsphilosophie ausführlicher sprechen. Vetter Wilhelm war Apokalyptiker. Mit ruhig lächelnder, unerschütterlich sicherer Ueberzeugung stellte er seinem Neffen die Weltalter nach den Gesichten der Offenbarung Johannis dar. Das große siebenköpfige Thier, mit welchem die Könige buhlten, war ihm Rom, der Papst, der Antichrist. Napoleon war ihm eines der Zeichen, die „der Wiederkunft des Herrn“ vorangingen. Die „Propriande“ arbeitete für die Zukunft des Gerichts dem allgemeinen Siege des Antichrists voraus. Denn der Antichrist (zuweilen wurde er auch mit dem Namen Voltaire bezeichnet) mußte ja siegen. Je mehr „Aufklärung“, desto mehr lachte der Vetter. „Nur zu! Nur zu!“ Das Maß konnte in seiner fast inbrünstigen Sehnsucht nach dem Ende aller Dinge und dem Tage der Auferstehung nicht voll genug werden. Dann kam die Periode der überlaufenden „Zornschaalen“. Der Vetter berechnete Alles chronologisch, wie nur Bengel gethan, in den er sich ebenfalls vertieft hatte. Die Propriande war die wühlende Genossenschaft der Propaganda, und zwar in dem doppelten Sinne der römisch-katholischen und der politisch-pariserischen Propaganda. Die Propriande, welche Professor Krug in Leipzig bekämpfte, und die, die der Minister von Kamptz nach Köpenick schickte, war ihm eine und dieselbe. Die Jesuiten und die Turner waren ihm Aeste und Ausläufer desselben Baumes, der in Rom wurzelte; die Aeste wußten es nur nicht. Vetter Wilhelm wäre Staatsrath geworden, hätte er diese loyalen Ansichten auf eine wissenschaftliche Ausbildung begründen können. [56] Der Knabe staunte der seltsamen Weisheit. Jede Thatsache seiner geliebten Becker’schen Weltgeschichte hatte beim Vetter ihre apokalyptische Zahl. Gregor, Innocenz, Friedrich der Hohenstaufe, Papst Leo, Wallenstein, Friedrich der Große, Voltaire, Napoleon, Alle waren stigmatisirt schon vor ihrer Geburt mit irgend einem Zeichen aus dem Buche aller Bücher. Seine eigene Schwäche nicht erkennend, klagte er Bengeln an, daß dieser aus Ungeduld, die Wiederkunft Christi zu beschleunigen, in seinen Auslegungen Sprünge gemacht hätte, die sich später, als eine so ungemein apokalyptische Zeit wie die der französischen Revolution und Bonaparte’s anbrach, als übereilt erwiesen. Das Verhältniß Bonaparte’s zum Papst, das gegenseitige Sichselbstauffressen der Köpfe jenes Thieres, auf welchem die Babylonische Cocotte thront, interessirte ihn außerordentlich. Natürlich waren die Jesuiten die Seele der „Propriande“. Sie grade arbeiteten in ihr à deux mains, kirchlich und politisch. Jahn, Arndt, Görres und ihr Anhang waren ihm Einfaltspinsel, die im Auftrag der Jesuiten handelten, sie wußten es nicht. 0.5436766623207301
85 Wenn Vetter Wilhelm „keine Arbeit“ hatte, schlief er dicht in der Nähe der Kinder. Er war zünftiger Meister seines Gewerbes, hatte aber mit dem ersten „Stuhle“, auf dem er für eigne Rechnung Musselin zu weben begann, Unglück und konnte sich in Zukunft nur noch als Gesell zu andern, meist fast eben so armen Meistern halten. Wenn der Vetter zu lange arbeitslos gewesen war, auch zu lange das Herz im Bruche der getäuschten Erwartung zucken mußte, so hörte der Knabe oft des Nachts ein so lautaufseufzendes, jammervolles Athmen neben sich, daß er davon erwachen mußte. Es rangen sich dann die tiefsten Wehrufe von des armen Vetters Herzen und ein fast hörbares Klopfen seiner Brust steigerte sich so, daß er zuletzt laut betete, und das fast so, als wüßte er selbst nichts von seinen Worten. Der Erzähler hört ihn noch jetzt, wie er in einer Nacht, wo sein Schmerz den neben ihm Schlafenden geweckt [68] hatte, mit auf der Brust gefalteten Händen sprach: „Du, mein Heiland, nimm mich zu dir, so es dein Wille ist! Laß mich in meines Herrn Freude eingehen, so es dein Wille ist! Laß mich sterben, o mein Gott, und deine Herrlichkeit schauen, so es dein Wille ist!“ Zitternd rief das Kind: „Vetter, schlafen Sie denn nicht?“ Er schwieg. Er hatte den Anruf nicht gehört. Es war, als lebte sein Geist schon gelöst in fremden Welten. Diese Nacht blieb dem Kinde unvergeßlich. Doch lebte Vetter Wilhelm noch viele Jahre darnach. Er nannte solche Zwiesprache mit Gott „das Gebet im Kämmerlein.“ Wenn Vetter Wilhelm „keine Arbeit“ hatte, so schlief er bei seinem Schwager und dicht in der Nähe der Kinder. Zünftiger Meister seines Gewerbes war er in jüngeren Tagen geworden, hatte aber mit dem ersten „Stuhle“, auf dem er für eigene Rechnung Musselin zu weben begann, Unglück und konnte sich in Zukunft nur noch als Gesell zu anderen, meist fast eben so armen Meistern halten. Wenn der Vetter zu lange arbeitslos gewesen und sein Herz im Drucke der getäuschten Erwartung auch zu lange hatte zagen müssen, so hörte der Knabe des Nachts ein so lautaufseufzendes, jammervolles Athmen neben sich, daß er davon erwachen mußte. Dann rangen sich die tiefsten Weherufe von des Vetters Herzen und ein fast hörbares Klopfen seiner Brust steigerte sich dermaßen, daß er zuletzt laut zu beten anfing, und fast so, als wüßte er selbst von seinen Worten nichts. Der Erzähler hört ihn noch, wie er in einer Nacht, wo sein Schmerz den neben ihn Schlafenden geweckt hatte, mit auf der Brust gefalteten Händen sprach: „Du, mein [57] Heiland, nimm mich doch zu Dir, so es Dein Wille ist! Laß mich doch in meines Herrn Freude eingehen, so es Dein Wille ist! Laß mich doch sterben, o mein Gott, und Deine Herrlichkeit schauen, so es Dein Wille ist!“ Zitternd rief der Neffe: „Vetter, schlafen Sie denn noch nicht?“ Er schwieg. Er hatte den Anruf kaum gehört. Es war, als lebte sein Geist in fremden Welten. Diese Nacht blieb dem Knaben unvergeßlich. Doch lebte Vetter Wilhelm noch viele Jahre darnach. Er nannte solche Zwiesprache mit Gott „das Gebet im Kämmerlein.“ Wie anders helfen sich jetzt die Arbeiter mit Strikemachen, Staatshülfe und Gewinnantheil! Der Vetter verlangte nichts für den Arbeiter, als hohe Zölle für die Production des Auslandes. 0.7277227722772277
86 Die Schwester eines so stillen und sinnigen Bruders mußte dem stürmischen Charakter des Vaters eine imposante Ruhe entgegenstellen. Aber diese Ruhe war nicht Phlegma, nicht einmal Selbstbeherrschung, es war vielmehr die Ruhe, die eine nicht minder lebhafte Beweglichkeit giebt, aber die Beweglichkeit eines Gemüths, wo Verstand und Herz im glücklichsten Gleichgewicht leben. Es ist hier von armen geringen Menschen die Rede, und wirkt es nicht wohlthuend und beruhigend, wenn wir in den Urquellen des Volkes so viel Reinheit, Lauterkeit und ohne alle wissenschaftliche Bildung einen doch immer flüggen Verstand antreffen? Es darf uns nicht gegenwärtig genug bleiben, was wir im Volke auf die meist allein [69] geschilderten Ausnahmen von der guten Regel doch im Großen und Breiten noch so viel Grundstoff und ächte Bodenkraft unsres Lebens verbreitet antreffen. Der Autor spricht von allen diesen Menschen nicht, weil sie in Beziehung zu ihm standen, sondern weil er meinen muß, es kann nur Freude gewähren, so auch einmal in das Gewöhnlichste und Unbelauschteste des Lebens einzublicken. Die Schwester eines so sinnigen Bruders mußte es in ihrem Naturell haben, dem stürmischen Charakter des Vaters eine imposante Ruhe entgegenzustellen. Aber diese Ruhe war nicht Phlegma, nicht einmal Selbstbeherrschung, es war die Ruhe, die eine nicht minder lebhafte Beweglichkeit giebt, die Beweglichkeit des Gemüths, wo Verstand und Herz im glücklichsten Gleichgewicht leben. Es ist hier von armen, geringen Menschen die Rede, aber wirkt es nicht wohlthuend und beruhigend, wenn wir noch in den Urquellen des Volks so viel Reinheit, Lauterkeit und ohne alle wissenschaftliche Bildung flüggen Verstand antreffen? Es darf uns nicht gegenwärtig genug bleiben, was wir im Volke (abgesehen von den meist allein geschilderten Ausnahmen von der Regel) im Großen und Ganzen noch so viel Grundstoff und echte Bodenkraft sittlichen Lebens antreffen. Der Autor spricht von diesen Menschen nicht, weil sie zu ihm in Beziehung gestanden haben, sondern weil er meinen muß, es kann nur Freude gewähren, so in das Gewöhnlichste und Unbelauschteste des Lebens einzublicken. Noch jetzt ist das ursprünglich Gesunde, echt Deutsche, ja man möchte zuweilen sagen, peinlich Pedantische im Charakter des Berliners nicht ganz verschwunden nach den moralischen Umwälzungen und dem sittlichen Bergab der Stadt seit 1848. 0.6710526315789473
87 Diese Mutter hatte fünf Kinder, von denen zwei früh starben. Sie war klein, von zarter Haut, sanften Gesichtsformen und einer Lebhaftigkeit der Mienen, die Freude und Schmerz, Furcht oder Liebe, Theilnahme oder Abneigung im Augenblick wiedergaben. Weiter aber als bis zur Miene erstreckte sich die Leidenschaft dieser immer regen Natur nur dann, wenn Beherrschung eine Niederlage gewesen wäre. Sonst ein immer strahlendes, bald dunkles, bald helles Auge, immer blitzend, die Gedanken fast mit einem eignen Blinken begleitend, einem Nicken, wo Zustimmung, einem Zusammenziehen des Auges, wo Abneigung verrathen wurde. Aber Alles verrieth sich nicht so bald. Die gutmüthigste Schlauheit ließ hier einen Narren plaudern, bis er ermüdet war und behielt sich doch die eigne Meinung, ohne darum eine andre falsche herauszuhängen. Die erlaubte List der Diplomatie wurde hier eben so klug geübt, wie die uner-[70]laubte verabscheut. Ruhig wurde entgegengenommen, was des Andern Absicht und Begehr. Stimmte sie nicht mit den eignen Wünschen oder Verhältnissen, so war die Abweisung kurz und bündig. Für neutrales Verhalten gab es sanfte und milde oder nur kurze, zum Abwarten rathende Worte. Der Befreundete wurde mit frohem herzinnigem Gruß empfangen, ohne Ueberschwall. Kam diese Mutter zu Andern, so brachte sie vor Allem sich selbst mit, und das galt mindestens so viel, wie ein ganzer Korb voll Neuigkeiten. Trotz der langstrichigen Haube, die sie trug, und trotz des kattunenen Kleides oder grobwollenen Ueberrockes war es eine Person und ein Wesen, das sie darstellte. Bescheiden gegen Vornehme und doch nicht unterwürfig. Nie zudringlich, nur zutraulich. Schnell gleich dem Menschlichen nahe und für Jedes Freud und Leid gewonnen. Hülfreich, aber nach dem Maße des Könnens, am liebsten mit der eignen Person dienend bei Kranken und Gebrechlichen. Bei einem weinenden Kinde auf der Straße nicht nur Trost spendend, sondern auch Nachfrage haltend, Untersuchung, Strafe oder Drohung äußernd gegen die Bedränger. Immer prüfend und auf der Hut gegen alles, was Schlimmes von Menschen oder vom Schicksal überhaupt kommen kann. Im Sommer Sorge für den Winter, im Winter Sorge für den Sommer. [71] Dem eignen Blut oder dem Gatten in gesunden, fröhlichen Zeitläuften ein scharfes Auge, oft mit schmählendem und lärmendem Munde über Thörichtes, Unerlaubtes, Willkürliches, oft auch genug strafend, dann aber mit vollem Ausbruch des eignen Ingrimms, nicht etwa mit pädagogischer Kühle oder dem grausamen, sogenannten „kalten Blute“. Wiederum dafür in Krankheit, beim geringsten angewehten Uebel oder auch nur bei Hülflosigkeit, und wäre der Jammer von einem fehlenden Knopfe gekommen, eine überströmend helfende Heilige, in allen Händen dann Rath und That und zuthunliche Liebe. Die Mutter hatte fünf Kinder, von denen zwei früh starben. Sie war klein, von zarter Haut, sanften Gesichts-[58]formen und einer Lebhaftigkeit der Mienen, die Freude und Schmerz, Furcht oder Liebe, Theilnahme oder Abneigung sofort widerspiegelten. Weiter als bis zum Mienenausdruck erstreckte sich die Leidenschaft dieser immer regen Natur nur dann, wenn eine Beherrschung eine Niederlage geworden wäre. Für gewöhnlich hatte sie ein strahlendes, bald dunkles, bald helles Auge, ein immer blitzendes, begleitet von einem Nicken, wo Zustimmung, von einem Zusammenziehen der Augenbrauen, wo Abneigung verrathen wurde. Doch das alles verrieth sich nicht so schnell. Hier ließ die gutmüthigste Schlauheit einen Narren plaudern, bis er ermüdet war, und behielt sich die eigne Meinung, ohne darum eine andere falsche herauszuhängen, vor. Die erlaubte List der Diplomatie wurde von ihr eben so klug geübt, wie die unerlaubte verabscheut. Ruhig wurde entgegengenommen, was des Andern Absicht und Begehr. Stimmte das Vernommene nicht mit den eigenen Wünschen oder Verhältnissen, so war die Abweisung kurz und bündig. Für neutrales Verhalten gab es sanfte und milde oder kurze, zum Abwarten rathende Worte. Der Befreundete wurde mit frohem Gruß empfangen, ohne Ueberschwall. Kam die Mutter zu Anderen, so brachte sie vor allem sich selbst mit, und das galt mindestens so viel, wie ein Korb voll Neuigkeiten. Trotz der langstrichigen Haube, die sie trug, trotz des kattunenen Kleides oder grobwollenen Ueberrockes war es eine Person, ein Ich, das sie darstellte. Bescheiden war sie gegen Vornehme und nicht unterwürfig. Nie zudringlich, nur zutraulich. Schnell dem Menschlichen nahe und für Freud und Leid gewonnen. Hülfreich nach dem Maße des Könnens, am liebsten mit der eigenen Person dienend bei Kranken und Gebrechlichen. Bei einem weinenden Kinde auf der Straße nicht nur Trost spendend, sondern auch Nachfrage haltend, Untersuchung, Strafe oder Drohung äußernd gegen die Bedränger. Immer prüfend und auf der Hut gegen alles, was von Menschen oder vom Schicksal überhaupt Schlimmes kommen könnte. Im Sommer Sorge tragend für den Winter, im Winter Sorge für den Sommer. Den Kindern und dem Gatten in gesunden, fröhlichen Zeitläuften ein scharfes Auge, oft mit schmählendem [59] und lärmendem Munde über Thörichtes, Unerlaubtes, Willkürliches, oft auch genug strafend. Strafte sie, so geschah es mit dem vollen Ausbruch des eigenen Ingrimms, nicht etwa mit jener pädagogischen Kühle oder dem grausamen, sogenannten „kalten Blute“. Wiederum dafür in Krankheit, beim geringsten angewehten Uebel oder auch nur bei Hülflosigkeit, und wäre der Jammer von einem fehlenden Knopf gekommen, eine überströmende Hülfe, in allen Händen dann Rath und That und zuthunliche Liebe. 0.7677419354838709
88 Diese Mutter konnte nur lesen, nicht schreiben, und kannte von wissenswürdigen Dingen nichts, als die nächste Sphäre ihres Lebens und einen kleinen Hausschatz von Kinderliedern, mit denen sie ihre Lieben zu wahren Paradiesesträumen einzusummen wußte. Je weniger sie auf dem Wissen ausruhte, je weniger sie für ihren Verstand konnte die Schule eintreten lassen, desto ureigner mußte auch ihr Geist wirken. Bei begabten Naturen ist das Wissen eine Waffe, bei minderbegabten oft ein niedergerissener Wall. Begabte, die nichts wissen, verschanzen sich mit sich selbst. Ihr Horizont ist eng, aber klar und rund übersehen. Diese Mutter hatte keine Vorstellung von der Größe der Welt und der Verschiedenartigkeit der Menschen [72] und Sitten. Sie ging auf Fernes, Fremdes nie besonders wagsam ein und fragte in aller Gelassenheit: „Ob doch in Wien auch eine Spree wäre?“ Das aber, was ihr scharfes Auge erreichen konnte, lag ihr dann auch um so klarer und offener vor. Sie war des Gatten unmittelbarer Gegensatz. Der immer schweifend, sich sehnend, unruhig, wie ein Strichvogel hin- und herschießend, voll Enthusiasmus, voll Liebe, voll Zorn, je nachdem; sie die Maaßhaltende, Besonnene, Vernünftige, Zügelnde und Lenkende. Es fehlten die heftigsten Conflicte nicht. Die Gutmüthigkeit und die Gewöhnung lösten sie immer glücklich wieder auf. Diese Mutter konnte nur lesen, nicht schreiben. Sie wußte von wissenswürdigen Dingen nichts als die nächste Sphäre ihres Lebens und einen kleinen Hausschatz von Kinderliedern, mit denen sie ihre Lieben zu wahren Paradiesesträumen einzusummen verstand. Je weniger sie auf dem Wissen ausruhte, je weniger sie für ihren Verstand die Schule eintreten lassen konnte, desto ureigener mußte ihr Geist wirken. Bei begabten Naturen ist das Wissen eine Waffe, bei minderbegabten ein niedergerissener Wall. Begabte, die nichts wissen, verschanzen sich mit sich selbst. Ihr Horizont ist eng, aber klar und rundum übersehen. Diese Mutter hatte keine Vorstellung von der Größe der Welt und der Verschiedenartigkeit der Menschen und Sitten. Sie ging nie auf Fernes oder Fremdes wagsam ein und konnte in aller Gelassenheit fragen: „Ob in Wien auch eine Spree wäre?“ Das aber, was ihr scharfes Auge erreichen konnte, lag ihr um so klarer und offner vor. Sie war des Gatten unmittelbarer Gegensatz. Ein immer Schweifender, Unruhiger wie ein Strichvogel, ein Herz voll Enthusiasmus, Liebe und Zorn, je nachdem, hatte sich die Maßhaltende, Besonnene, Vernünftige, Zügelnde und Lenkende gewählt. Es fehlten die heftigsten Conflicte nicht, aber die Gutmüthigkeit und die Gewöhnung entwirrten sie. Die Mutter verwaltete die Kasse und gab dem Vater sein tägliches Taschengeld. 0.7647058823529411
89 In einer solchen Welt, umgeben von so bunten Eindrücken erwachte des Kindes Bewußtsein mit jener Unbestimmtheit, die die Natur des Traumlebens ist. Das Wirkliche und Unwirkliche rinnt in erster Kindheit zusammen. Eine logische Aufeinanderfolge des allmäligen Erwachens aus dem vegetativen Leben wird sich Niemand nachrechnen können. Nur so einzelne Lichtstreifen fahren in der Erinnerung, oft bis zum Greisenalter bewahrt, über diese erste Nacht des schlummernden Bewußtseins. Es sind Erinnerungen das vom Zufälligsten und für die allmälige Menschwerdung vielleicht Unwesentlichsten. Oder bedingten grade diese unwesentlich scheinenden Lichtblitze doch die ganze spätere Hellung? Wer in seine erste Jugend [73] zurückgreift, Momente festhalten will, was hält ihm Stand? Nichts von dem, was ihm vielleicht Andre erzählen von seiner Art oder Unart, er hascht nur kleine fliegende blaue, rothe, grüne Flecken, wie Einer, der in die Sonne gesehen. Wie summt und singt das im Ohr von den Liedern, die man auf dem Mutterschooß vernahm! Wie gegenwärtig ist der Glaube an den „Reiter zu Pferd,“ den „Hobermann,“ den man „mit blanken Stiefeln“ auf dem Mutterknie spielen durfte! Wie heimisch ist man in dem baum-nest-vogel-eierreichen Zauberlande, das sich ankündigte: „Muhme Reelen hat ’en Garten, hier ’en Garten, dort ’en Garten, und das war ’en runder Garten!“ Ein gewaltiges Erlebniß wird sich freilich festhalten. Daß den Knaben eine Schwester auf ihrem Nacken reiten ließ, der Reiter aber niederstürzte, im Blute schwamm, lebenslang davon Narben behielt, steht selbst nach dem Orte noch, wo der Unfall geschah, vor dem Auge des damals Dreijährigen. Aber sonst sind die Erinnerungen bunt durcheinandergewürfelt und knüpfen sich an Spiele, Natureindrücke, Geschenke, Ueberraschungen, Besuche, heftige Strafen, besonders die ungerecht erlittenen, an. Zwischendurch tönt eine eigne Melodie, wie ein ewiges Klingen. Es ist das eine so eigne Musik, die uns aus der Jugend herübertönt, wie wenn man große Meer-[74]muscheln ans Ohr hält und ein räthselhaftes Brausen hört, das von fernen Welten zu kommen scheint. In einer solchen Welt, umgeben von so bunten Eindrücken, konnte des Knaben Bewußtsein nur wie von einem Traumleben in’s andere erwachen. Rinnen ohnehin doch Wirkliches und Unwirkliches in erster Kindheit zusammen. Eine logische Auf-[60]einanderfolge des allmäligen Erwachens aus dem vegetativen Leben wird sich Niemand gegenständlich machen können. Einzelne Lichtstreifen fahren in der Erinnerung, freilich oft bis zum Greisenalter treu bewahrt, über diese erste Nacht des schlummernden Geistes. Es sind Erinnerungen vom Zufälligsten und für die allmälige Menschwerdung manchmal Unwesentlichsten. Oder bedingten etwa gerade diese unwesentlich scheinenden Lichtblitze die spätere Hellung? Wer in seine erste Jugend zurückgreift, Momente festhalten will, was hält Stand? Nichts von dem, was z. B. Andere an ihm sahen. Zu unsrer Ueberraschung hören wir in späterer Zeit Andere erzählen von unserer jugendlichen Art oder Unart. Unsre eigne Erinnerung hascht nur kleine blaue, rothe, grüne Flecken, wie Einer, der in die Sonne gesehen. Wie summt und singt’s im Ohr von den Liedern, die man auf dem Mutterschooß vernommen! Wie gegenwärtig ist der Glaube an den „Reiter zu Pferd“, den „Hobermann“, den man „mit blanken Stiefeln“ auf dem Mutterknie spielen durfte! Wie heimisch ist man in dem baum-nest-vogel-eierreichen Zauberlande, das sich ankündigte: „Muhme Reelen, hat ’nen Garten, hier ’en Garten, dort ’en Garten, und das war ’en runder Garten!“ Manches Erlebniß hält sich nachdrücklich fest. Daß die Schwester den Knaben auf dem Nacken reiten ließ, der Reiter niederstürzte, im Blute schwamm, lebenslang davon Narben behielt, steht noch nach dem Orte, wo der Unfall geschah (vor dem jetzigen „Nationaltheater“), vor dem Auge des damals Dreijährigen. Aber sonst sind die Erinnerungen bunt durcheinandergewürfelt und knüpfen sich an Spiele, Natureindrücke, Geschenke, Ueberraschungen, Besuche, heftige Strafen, besonders die ungerecht erlittenen. Zwischendurch tönt fort und fort eine Art Melodie, ein einziges Klingen, wie wenn man sich eine große Meermuschel an’s Ohr hält. 0.6704980842911877
90 In stillen wehmüthigen Stunden des Alters ziehen die zitternden Klänge der ersten Jugend an uns vorüber. Es sind so glückliche, traumselige Klänge und Empfindungen, wenn sie auch von Dingen herkommen, für deren Aeußerung unsere Sinne jetzt sich völlig abgestumpft haben. Das Liegen im Grase! Haben unsre Geruchsnerven noch den Reiz, die Düfte nachzuempfinden, die dem Knaben die langen Blätter der Grashalme ausströmten, die gelben Butter- und Kuhblumen, die zarten Gespinnste des Löwenzahns, dessen Kronen man im Alter nur noch abbläst, um die Lungenkraft zu prüfen, in der Kindheit aber, um einfach zu zeigen, daß man „Lichter ausblasen“ könne und aus dessen weißsaftigen Stengeln man sich Ringelkränze windet? Hat man noch Appetit für jenes Kraut, dessen abgewirbelte Saamenstengel man wie die Ziegen selber zerknirschte und vor allen für jene wie Salep schmeckenden abgeschälten Fruchtknoten, die die Kinder, unter Schafgarbe und Camillen suchend, „Käse“ nannten? Hat unser Ohr noch einen Reiz für das Rascheln von welkem Laub, mit dem man im October und November sich Hütten, Stuben, Kammern baute und traulich sich einnistend in ihnen lagerte, bis die Pedelle der Universität kamen und die Vor-[75]steller dieser Jung-Iffland’schen Familiengemälde unter den entlaubten Bäumen des Kastanienwaldes mit dem kritischen Stock verjagten? Alle Reize unsrer jetzigen Sinne würden diesen Scenen keinen Genuß mehr abgewinnen. Was hört nicht alles das Ohr des Kindes mit Behagen, ja mit Wollust! Das einsame Sägen in einer Holzkammer, wie dringt das zum lauschenden Kinde so feierlich sicher und majestätisch consequent herüber! Alle Lehrworte, zum Fleiß ermahnend, wirken nicht soviel wie ein solches stilles Beispiel von hin- und herfahrender, treuer Ebenmäßigkeit, wie z. B. auch vom Heckselschnitt auf dem Stallboden. Man erinnere sich: Das Bersten des ersten Wintereises auf den Straßen unter dem vorsichtig prüfenden Fuße! Das Knirschen des gefrornen Schnees! Das Aechzen der Lastwägen über ihm her! Wie seligen Sinnenreiz gewährt das Ausschütten und Rütteln von Wallnüssen zur Weihnachtszeit! Die Vorstellungen, die sich mit diesen Lauten verbinden, sind es nicht allein, die uns wohlthaten, es sind die Laute selbst. Zu grelle Töne verwundeten das Ohr; fast physisch. Der musikliebende Mann konnte als Kind die Violine nicht streichen hören, ohne vor Schmerz zu weinen, aber vor wirklichem physischem Schmerz. Der langgehaltene Strich der Geige schien so sehr eine Resonanz im Unterleib zu suchen und [76] zu finden, daß dieser sich ordentlich krümmte und die Eltern von jedem Tanzorte, wo sie gern zusahen, fern hielt. Alle Sinne des Kindes sind noch im reizbarsten jungfräulichen Zustande. Alles Blitzende und wären es zertretene Glasscherbenatome auf dem Straßenpflaster, reizt sie wie Diamanten. Eine Zeichnung gefällt dem Kind an sich schon. Es ist ein Luxus, sie zu illuminiren. Die bunten Bilderbücher, so gar grell ausgemalt, stumpfen den Farbensinn des Kindes eher ab, als sie ihn heben. Welche Phantasie weckt auch ein unausgetuschter Bilderbogen! Der getuschte übersättigt. Man lasse dem Auge seine Lust und gestatte dem Kinde, aus dem bunten Kasten die Farben zu wählen, die ihm die wohlthuendsten sind und malte es den Soldaten auch grüne Stiefeln und den Rittern rothe Helme; die Welt, die der Wirklichkeit entspricht, findet sich schon. Man lasse sie, ohne pedantische Belehrung, durch diejenigen Anschauungen hindurch sich entwickeln, die dem Kinde die liebsten sind. Des Kindes Ohr findet mehr Wohllaut im Spatzenlärm, als im Gesang der Nachtigall. Es liebt die rüstige, rührige Welt, die sich rüstig und rührig austönt. Eine Wassernachtigall von Porzellan, die mit aufgegossenem Wasser beim Blasen einen schmetternden Ton giebt, war dem Knaben Anfangs noch lieber, als die wirklichen Sprosser, die sich die Nachbarn hielten, [77] oder die eigne Lerche, die in einem dunkelverhangenen Käfig ihre Sehnsucht nach dem Felde auswirbelte. Für Lerche und Nachtigall kommt das Ohr erst aus dem reifenden Herzen. Das Kind wälzt sich im Heu und Stroh mit einer Lust, die nicht blos ihre Quelle in der Ausgelassenheit selbst hat. Es strömen ihm aus Heu und Stroh Düfte entgegen, die das wahre Doppel-Patschouli und Luxus-Arom der Jugend sind. Das Naschen, das wir aus moralischen Gründen bestrafen, entspringt beim Kind meist aus physischen. Es liegen in Nüssen, Aepfeln, Birnen, in gedörrtem Obst so namenlose himmel- und höllenverlockende Wohlgeschmäcke, wie unsre Gaumen gar nicht mehr empfinden, während wir andrerseits jetzt Gefallen an Speisen haben, die dem Kinde immer widerstanden, besonders alles Schlüpfrige, Glatte, Gleitende, Molluskenartige, wozu gewiß bei den meisten Kindern der Kohlrabi und die in Fleischbrühe erweichten Kartoffeln gehören. In stillen, wehmüthigen Stunden des Alters ziehen die zitternden Klänge der ersten Jugend an uns vorüber. Es sind glückliche, traumselige Klänge und Empfindungen. Sie stammen von Dingen, für welche sich die Eindrucksfähigkeit unsrer Sinne jetzt völlig abgestumpft hat. Das Liegen im Grase! Haben unsre Geruchsnerven noch den Reiz, die Düfte [61] nachzuempfinden, die dem Knaben die langen Blätter der Grashalme ausströmten, die gelben Butter- und Kuhblumen, die zarten Gespinnste des Löwenzahns, dessen Kronen man im Alter nur noch abbläst, um seine schwindende Lungenkraft zu prüfen, in der Kindheit, um einfach zu zeigen, daß man „Lichter ausblasen“ könne, und aus dessen weißsaftigen Stengeln man sich Ringelkränze windet? Hat man noch Appetit für jenes Kraut, dessen abgewirbelte Samenstengel die Kinder wie die Ziegen zerkauten, und vor allen für jene wie Salep schmeckenden abgeschälten Fruchtknoten, die der Berliner Jugendtroß, unter Schafgarbe und Camillen suchend, „Käse“ nennt? Hat unser Ohr noch einen Reiz für das Rascheln von welkem Laub, womit man sich im October und November Hütten, Stuben, Kammern baute und sich traulich einnistend in ihnen lagerte, bis die Pedelle der Universität mit ihren Rohrstöcken kamen und die Vorsteller dieser Iffland’schen Familiengemälde unter den entlaubten Bäumen des Kastanienwaldes verjagten? Alle Reize unsrer späteren Sinne würden diesen Scenen keinen Genuß mehr abgewinnen. Was hört nicht Alles das Ohr des Kindes mit Behagen, ja mit Wollust! Das einsame Sägen in einer Holzkammer, wie dringt es zum lauschenden Kinde so feierlich sicher und majestätisch consequent herüber! Alle Lehrworte, zum Fleiß ermahnend, wirken nicht so viel, wie ein solches stilles Beispiel von hin- und herfahrender, treuer Ebenmäßigkeit, wie z. B. vom Häckselschneiden auf dem Stallboden. Man erinnere sich: Das Bersten des ersten Wintereises auf den Straßen unter dem vorsichtig prüfenden Fuße –! Das Knirschen des festgefrorenen Schnees –! Das Aechzen der Lastwagen über ihm her –! Wie gewährt das Ausschütten und Rütteln von Wallnüssen zur Weihnachtszeit einen so seligen Sinnenreiz –! Die Vorstellungen, die sich mit diesen Lauten verbinden, sind es nicht allein, die uns damals so wohl gethan, es waren die Laute selbst. Aber zu grelle Töne verwundeten dann auch das Ohr fast physisch. Der Knabe wurde ein Liebhaber der Musik, lernte sogar die Flöte blasen, aber die Violine konnte er nicht streichen hören, ohne vor Schmerz zu weinen, vor wirklichem physischen Schmerz. Der langgehaltene Strich der Geige schien sich eine [62] Resonanz im Nervengeflecht des Unterleibs gesucht und dort gefunden zu haben. Die Eltern mußten ihn von jedem Tanzort entfernt halten. Die Sinne der Kinder sind im jungfräulichen, reizbarsten Zustande. Alles Blitzende, und wären es zertretene Glasscherbenatome auf dem Straßenpflaster, reizt Kinderaugen wie Diamanten. Eine Zeichnung, die dem Kind schon an sich gefällt, wird zum Ueberfluß illuminirt. Die bunten Bilderbücher, so grell ausgemalt, stumpfen den Farbensinn des Kindes eher ab, als sie ihn heben. Welche Phantasie weckt ein unausgetuschter Bilderbogen! Der getuschte übersättigt. Man lasse dem Auge seine Lust und gestatte dem Kinde, aus dem bunten Kasten die Farben zu wählen, die ihm die wohlthuendsten sind, und malte es den Soldaten grüne Stiefel und den Rittern rothe Helme. Die Welt, die der Wirklichkeit entspricht, findet sich schon. Man lasse sie, ohne pedantische Belehrung, durch diejenigen Anschauungen hindurch sich entwickeln, die dem Kinde die liebsten sind. Des Kindes Ohr findet mehr Wohllaut im Spatzenlärm als im Gesang der Nachtigall. Es liebt die rüstige, rührige Welt, die sich rüstig und rührig auslebt. Eine Wassernachtigall von Porzellan, die mit aufgegossenem Wasser beim Blasen einen schmetternden Ton giebt, war dem Knaben Anfangs lieber als die wirklichen Sprosser, die sich die Nachbarn hielten, oder die eigene Lerche, die im dunkelverhangenen Käfig ihre Sehnsucht nach dem Felde auswirbelte. Für Lerche und Nachtigall kommt erst das Ohr aus dem reifenden Herzen. Das Kind wälzt sich im Heu und Stroh mit einer Lust, die nicht blos ihre Quelle in der Ausgelassenheit hat. Es strömen ihm aus Heu und Stroh Düfte entgegen, die das wahre Doppel-Patschouli und Luxus-Arom der Jugend sind. Das Naschen, das wir aus moralischen Gründen bestrafen, entspringt beim Kinde aus physischen. Liegen doch in Nüssen, Aepfeln, Birnen, in gedörrtem Obst so himmlisch- und höllischverlockende Wohlgeschmäcke, wie unsere Gaumen nicht mehr empfinden, während wir jetzt andrerseits Gefallen an Speisen haben, die dem Kinde widerstehen, besonders alles Schlüpfrige, Glatte, Gleitende, Molluskenartige, wozu gewiß bei den meisten Kindern der Kohlrabi und die in Fleisch-[63]brühe gekochten Kartoffeln gehören – Speisen, um die der in Rede stehende Knabe, weil er sie nicht essen konnte, oft genug hungern mußte. 0.7636363636363637
91 Und du, heilige Einsamkeit! Wie wiegst du die Kindesseele in überirdische Träume; nein in irdische; denn das Kind denkt sich grade hier, hier auf Erden noch Alles möglich. Der Erzähler war ein Virtuose im Alleinsein. Der Bruder Soldat geworden, die Schwester in der Schule, der Vater im Dienst, die Mutter zu Aller Nutzen auf dem Markt. Was [78] grübelt da nicht, eingeschlossen im Zimmer, einen hohen Fenstertritt erkletternd, hinausblickend auf eine nicht allzubelebte Straße, hinter dem Käfig der Lerche, hinter Blumenstöcken und an Fäden rankender türkischer Kresse, ein Kinderherz! Durch ein verpapptes Fenster schnoberten dabei die Rosse und rissen an ihren Ketten oder im großen Säulenstall lärmte die Trommel und gewöhnte die Thiere an kriegerische Welt. Wo ließ sich schauerlicher träumen, als innerhalb der großen Gebäulichkeit der Akademie, dicht unter dem Präparirtische der Anatomie, wo auf einer grünen kleinen Rundung die zu lüftenden Betten oder die trocknende Wäsche der einsamen Hut des Knaben taglang überlassen blieben! Die Cürassier- und Uhlanenrosse wieherten zwar dicht in der Nähe oder tummelten sich dicht daneben auf dem Sande im Kreise, aber Mittags wurde es doch still und gegen Abend traten die Sagen deutlich genug vor die Phantasie des Wächters, die Sagen von manchem dort oben noch wimmernden Selbstmörder, von manchem nächtlichen Hülferuf aus den großen, jetzt so vom Abendlicht durchblitzten Fenstern des Schlachtsaales, von manchem, der wieder erwacht war, an Stricken sich herabgelassen hatte, stürzte und doch geopfert blieb! Dort krächzten die Raben auf Bodes Sternwarte, wo die golden blinkende Himmelskugel ihrer Pracht-[79]liebe eine willkommene Behausung schien. Oder auf den jetzt mit Neubauten ganz verdrängten großen umzäunten Wiesen der Georgenstraße – früher Katzenstieg genannt – und des „Bauhofs“ fanden sich stille Plätze zum hingestreckten Dämmern an einem moosbewachsenen, umgestürzten und defecten, hieher verirrten Garten-Amor, hinter Remisen und Schobern, unter Kraut- und Lattich- und Brennnesselnumwachsenen Brettern und Balken, überall wo es nur etwas zu kauern, zu bauen, zu spielen, den Großen nachzuahmen gab. Das Winkelleben der Jugend weckt die ersten Regungen des Bewußtseins, die ersten Regungen der Sehnsucht nach künftigen Zielen. Wer stets das Auge auf seine Kinder oder seine Zöglinge wachend und sie immer und immer beschäftigend gerichtet hat, wird Maschienen erziehen. Die Jugend muß ihre Heimath kennen, wo sie zu Hause gehört. Aber die kleinen Nester, die sie sich da und dort in der Stille selbst schon aufbaut, darf man ihr nicht zerstören. Sie brütet dort ihr selbständiges Leben, ihr Bewußtsein, ihre Zukunft aus. Und Du, heilige Einsamkeit! Wie wiegst Du die Kinderseele in überirdische Träume – oder, richtiger, irdische; denn das Kind denkt sich gerade hier, hier auf Erden alles Himmlische noch möglich. Der Erzähler war ein Virtuose im Alleinsein. Der Bruder war Soldat geworden, die Schwester in der Nähschule, der Vater in seinem Dienst, die Mutter zu Aller Nutzen auf den Markt gegangen. Was grübelt sich da nicht, eingeschlossen im Zimmer, den hohen Fenstertritt erklettert, beim Hinausblick auf die damals nicht allzu belebte „letzte“ Straße, hinter dem Käfig der Lerche, hinter Blumenstöcken und der an Fäden rankenden türkischen Kresse! Durch ein verpapptes zweites, aber in den Stall gehendes Fenster schnoberten die Rosse des Prinzen und rissen an ihren Ketten oder in dem großen von Säulen getragenen Stall lärmte die Trommel und gewöhnte die Thiere an kriegerische Welt. Wo ließ sich schauerlicher träumen als innerhalb der großen Gebäulichkeit der Akademie, dicht unter dem Präparirtisch der Anatomie, wo auf einer grünen kleinen Rundung die zu lüftenden Betten oder die trocknende Wäsche der einsamen Hut des Knaben tagelang überlassen blieben! Die Cürassier- oder Ulanenrosse wieherten zwar dicht in der Nähe oder tummelten sich daneben auf dem Sande im Kreise, aber Mittags wurde es still und gegen Abend traten die Sagen deutlich vor die Phantasie des Wächters von manchem dort oben noch wimmernden Selbstmörder, manchem nächtlichen Hülferuf aus den großen, jetzt vom Abendlicht durchblitzten Fenstern des Schlachtsaales und von Manchem, der wieder erwacht sein sollte, sich an Stricken hinuntergelassen hatte, stürzte und nun doch den Professoren Rudolphi und Knape geopfert blieb! Dort krächzten die Raben auf Bode’s Sternwarte, wo die golden blinkende Himmelskugel der Prachtliebe der diebischen Vögel eine willkommene Behausung zu bieten schien. Oder auf den jetzt mit Neubauten noch nicht ganz verdrängten großen umzäunten Wiesen der Georgenstraße – früher „Katzenstieg“ genannt – und des „Bauhofs“ fanden sich stille Plätze zum [64] hingestreckten Dämmern an einem moosbewachsenen, umgestürzten und defecten, hierher verirrten Garten-Amor, hinter Remisen und Schobern, unter kraut- und lattich- und brennesselumwachsenen Brettern und Balken, überall wo es nur etwas zu kauern, bauen, spielen, den Großen nachzuahmen gab. Das Winkelleben der Jugend weckt die ersten Regungen des Bewußtseins, die ersten Regungen der Sehnsucht nach künftigen Zielen. Wer das Auge auf seine Kinder oder seine Zöglinge stets überwachend und sie immer und immer beschäftigend gerichtet hat, wird Maschinen erziehen. Die Jugend muß zwar ihre Heimath kennen, wo sie zu Hause ist, aber die kleinen Nester, die sie sich da und dort in der Stille schon selbst aufbaut, muß man ihr nicht stören. Dort brütet sie ihr selbstständiges Leben, ihr Bewußtwerden, ihre Zukunft aus. 0.728125
92 O kennt ihr die heiligen Schauer, die zuweilen plötzlich, Ihr wißt nicht wie, Eure Seele durchrieseln? Kommen sie Euch in den Jahren der Reife, so sind es, gewiß nicht anders zu deuten, die Vorahnungen des Todes, die entschleierten Geheimnisse der über-[80]sinnlichen Welt. Kommen sie aber in den Jahren der Kindheit, so sind es die entschleierten Geheimnisse des Lebens, die Vorahnungen von der Größe der Welt. Das Kinderherz sinnt und träumt. Es schafft aus Sonnenstäubchen sich zauberische Welten. Wie genügt ein kleines Spielzeug seiner Phantasie, wie ergänzt der verschönerndste Gestaltensinn, ein bergeversetzender Glaube, in den großartigsten Umrissen das Kleinste, Häßlichste, Unbedeutendste! Des Kindes Auge sieht nicht wie das Auge des Erwachsenen. Was ein Stäbchen mit einem Lappen ist und eine Fahne sein soll, ist ihm eine wirkliche Fahne, die prächtigste, die etwa dem Heere des Propheten nur je von Gold und Seide vorangetragen wurde. Ein ausgestopfter häßlicher Balg ist dem Kinde kein Surrogat für das Schöne, sondern selbst etwas Madonnenschönes. So reich weiß es aus sich zu borgen, aus seiner Einbildungskraft, seinem Herzen zu entlehnen. Unendlich weit ist der Blick ins Leben von der kleinen Warte der ersten Umsicht aus. Redet dem Kinde von Gott, dem Himmel voll seiner Englein; es mag doch nicht gern sterben. Die Furcht vor dem Tode erfüllte wenigstens unsern Knaben oft quälend wie einen Verbrecher. Wie kam ihm nur diese entsetzliche Angst vor dem zu frühen Uebergang in ein himmlisches Leben, das er doch so gut kannte! Er kannte doch den Eingang [81] des Himmels, wo Petrus mit dem Schlüssel stand. Wie oft klopfte er im Geiste schon an das Wolkenthor und dachte sich das Haupt des Apostels durch die Pforte lugend. Wer ist da? Ein kleines Kind! Er wußte, wie sich das Thor öffnet, wie die Wege links und rechts so verklärt, so lichtumflossen aufwärts gingen und eine wunderherrliche Musik den Kommenden begrüßte. Er sah den dreieinigen Gott, so schön, wie ihn drüben die Malersäle zeigten, er fühlte sich angeredet und geliebkost von dem in blauen und rothen Gewändern strahlenden Heiland und doch ängstigte ihn der Tod. Die Furcht vor der Hölle und vor der doch immer ungewissen möglichen schlimmen Entscheidung drückte vielleicht, aber noch beklemmender war das Gefühl der Entsagung. Diese Erde, so groß und so schön! Diese Welt, so rauschend, so herausfordernd zur That, so reizend zur Bewährung! Bei jedem Krankenlager bat der doch im Himmel wie in den Berliner Kirchen gleich heimische Knabe: Nur nicht sterben! Kennt Ihr die heiligen Schauer, die zuweilen urplötzlich, Ihr wißt nicht wie, Eure Seele durchrieseln können? Kommen Euch in den Jahren der Reife solche Stimmungen des Sinkens und Vergehens, so sind es, gewiß nicht anders zu deuten, die Vorahnungen des Todes, die entschleierten Geheimnisse der übersinnlichen Welt. Kommen sie aber in den Jahren der Kindheit, so sind es die entschleierten Geheimnisse des Lebens, die Vorahnungen der Größe einer uns zu Gebote gestellten Welt. Das Kinderherz schafft sich aus Sonnenstäubchen zauberische Welten. Wie genügt ein kleines Spielzeug seiner Phantasie, wie erweitert der verschönerndste Gestaltensinn, ein bergeversetzender Glaube das Kleinste, Häßlichste, Unbedeutendste in die großartigsten Umrisse! Des Kindes Auge sieht nicht wie das Auge des Erwachsenen. Was ein Stäbchen mit einem Lappen ist und eine Fahne sein soll, ist ihm eine wirkliche Fahne, die prächtigste, wie sie je dem Heer des Propheten vorangetragen wurde. Ein ausgestopfter häßlicher Balg ist dem Kinde kein Surrogat für das Schöne, sondern selbst madonnenschön. So reich weiß es aus sich zu ergänzen, aus seiner Einbildungskraft, seinem Herzen hinzuzufügen. Unendlich weit geht von einer kleinen Warte der ersten Umsicht der Blick in’s Leben, immer weiter und weiter. Redet dem Kinde von Gott, vom Himmel und all’ seinen Engeln; [65] es mag nicht gern sterben. Die Furcht vor dem Tode erfüllte wenigstens unsern Knaben wie einen zur Hinrichtung abgeführten Verbrecher. Er kannte doch das himmlische Leben so gut, den Eingang des Himmels, wo Sanct Peter mit dem Schlüssel steht, im Geiste klopfte er schon so oft an das Wolkenthor und dachte sich das Haupt des Apostels durch die Pforte lugend: Wer ist da? – Er wußte, wie sich das Thor öffnet, wie die Wege links und rechts verklärt, lichtumflossen aufwärts gehen und eine wunderherrliche Musik den Kommenden begrüßt; er sah den dreieinigen Gott, wie ihn drüben die Malersäle zeigten, fühlte sich angeredet und geliebkost von dem in blauen und rothen Gewändern strahlenden, aus hundert Bildern ihm geläufigen Heiland; aber bei alledem erschreckte ihn der Tod. Theils sah er so oft die Leichenwagen, die dicht in seiner Nähe, in der gespenstischen Georgenstraße, dem Katzenstieg, ihren Stand hatten, theils war ihm die Hölle, die ihm möglicherweise doch beschieden werden konnte, kein Wahn. Am meisten aber war der Reiz der Erde so groß. Diese Welt, so schön, so rauschend, so herausfordernd zur That, so reizend zu jeder Bewährung –! Bei jedem Krankenlager bat der im Himmel wie in den Berliner Kirchen heimische Knabe: Nur nicht sterben! Nebenbei bemerkt, er wollte auch zuvörderst erst noch „Bildhauer“ werden. 0.6410256410256411
93 Es zittert als wehmüthige Ahnung im Alter nach, was dem Knaben Dinge bedeuteten, die ihm jetzt die gleichgültigsten sind. Muscheln! Diese schlanken hohlen Ovale mit den blanken Perlmutterrändern! Paßten sie gar aufeinander, welch ein seliges Zusammenklappen! Kastanien! Grüne Dornenhülsen und der braunglän-[82]zende „scheckige“ Kern! Schmetterlinge! Unter den Fichten der Hasenhaide, auf dem dürren, glattgetretenen Sand- und Nadelboden gab es herrliche Trauermäntel und Todtenköpfe. Selbst der Fang der gemeinen, einfachen, gelbweißen „Kalitte“ mit den abfärbenden Flügeln machte schon glücklich. Schilfrohrblätter: lang, scharf, schneidend durch die prüfenden Finger gezogen! Fische, daumengroß, am Spreeufer mit freier Hand gefangen, scharfbewehrt mit zwei Stacheln, Ikleie oder Steckerlinge genannt, einen Moment in der Hand zappelnd, lustig, fast gefährlich, dann todt und dann sogleich reizlos! Ein Vogel, gefangen nach tagelanger, wochenlanger Fallen-List! Endlich das warme, unter den Federn klopfende zarte Leben in der Hand, ein Königreich gewonnen; aber wie elektrisch unruhig ist das Thier, wie den Kopf um sich werfend, wie die Krallen rund einziehend, wie zermartert durch Rathschlagen über seine gefangene Zukunft, wie durch die Wärme der liebenden und doch gewaltthätigen Hand schon abgemattet und zuletzt nach tausend Plänen die Freiheit gewinnend, da – neue Kostgänger von der Mutter verbeten werden! Und ein Lamm, irgendwo durch ein Gitter blöckend, eine Ziege an Nesseln nagend, ein Kaninchen, wühlend unter Kohlstrünken in einer Küche! Diese Welt, nur noch einmal nachempfunden in den Schicksalen Robinsons, noch einmal aufblitzend aus den Augen seines ge-[83]liebten Lama’s! Das erste gehörte Märchen vollends war dann gradezu die ganze Weltgeschichte. Es klingt wol noch im Alter nach, was uns Dinge bedeuteten, die uns später die gleichgültigsten wurden. Muscheln! Diese schlanken hohlen Ovale mit den blanken Perlmutterrändern! Paßten sie gar aufeinander, welche Freude über das zusammenklappende Paar! Kastanien –! Die grünen Dornenhülsen und der braunglänzende entschälte „scheckige“ Kern! Schmetterlinge –! Unter den Fichten der Hasenhaide, auf dem dürren, glattgetretenen Sand- und Nadelboden gab es Trauermäntel und Todtenköpfe! Selbst der Fang der gemeinen, einfachen, gelbweißen „Kalitte“ mit den abfärbenden Flügeln machte glücklich. Schilfrohrblätter –! Lang, scharf, schneidend durch die prüfenden Finger gezogen –! Fische, daumengroß, am Spreeufer mit freier Hand gefangen, scharfbewehrt mit zwei Stacheln, Ikleie oder Steckerlinge genannt, einen Moment in der Hand zappelnd, lustig, fast durch ihre [66] Stacheln gefährlich, dann sogleich todt, reizlos! Ein Vogel, gefangen nach tagelanger, wochenlanger Fallen-List –! Endlich das warme, unter den Federn klopfende zarte Leben in der Hand, ein Königreich schien gewonnen! Wie elektrisch unruhig das Thier, wie wirft es den Kopf, wie zieht es die Krallen ein, wie zermartert wird es unter Berathschlagungen der Buben über des Gefangenen Zukunft, wie durch die Wärme der liebenden und doch gewaltthätigen Hand abgemattet und zuletzt – nach tausend Plänen gewinnt es die Freiheit, da – „neue Kostgänger“ von der Mutter verbeten werden! Ein Lamm, irgendwo durch ein Gitter blökend, eine Ziege an Nesseln nagend, ein Kaninchen, wühlend unter Kohlstrünken in einer Küche –! Diese Welt, nur noch einmal nachempfunden in den Schicksalen Robinson’s, nur noch einmal aufblitzend aus den Augen seines geliebten Lama, sie war für den Jungen Märchen und erste Weltgeschichte zugleich. 0.6923076923076923
94 Und du stillbeseligtes Aufblicken zum Sternenhimmel! Da glitzern dem Kinde die Tausende von Himmelsleuchten im weißen funkelnden Zitterschimmer, glitzern wie Thautropfen im Sonnenschein, und oft ist es, als bewegten sie sich wie Lichter im Zugwinde. Daß diese Sterne Welten sind, faßt der an diese Erde gebannte Kindessinn nicht gern. Wie könnte außer dieser großen Erde mit ihren Millionen von Menschen, mit ihren Strömen, Gebirgen und Meeren noch eine Existenz vorhanden sein, in der das Erdenleben wie ein Tropfen verschwände! Nein, dem Kinde ist die Erde der liebste Aufenthalt Gottes, der Schemel seiner Füße. Jene Strahlenpracht des Himmels ist ihm nur die äußere Zier und Herrlichkeit des im Freien schwebenden Wolkenthrones. Unter allen Sternen sucht sich das Kindesauge den funkelndsten aus und nennt ihn den Stern des Morgenlandes. Das ist der Wegweiser, der die Weisen einst nach Bethlehem geleitete und über der Krippe mit dem Jesuskinde stille stand. Dies Wandeln und Stillestehn eines Sternes, dies Führen und Leiten, dies Wissen von einem Sterne um eine Begebenheit der Erde und der Himmel übertrug sich bald auf alle diese stillen Wächter der Nacht und niemals glaubte der Knabe allein zu sein, wenn er auch einsam stand und [84] ging und nur die Sterne auf ihn niedersahen. Im Monde vollends suchte er die Züge jenes Mannes, der aus ihm niederschauen sollte und von dem man früh genug Dinge hört, die fast glauben machen könnten, er hätte es auf jeden Einzelnen der Menschen ganz allein abgesehen. Die Nacht lehrt uns den Tag verstehen, wie später das Denken über das Nichts das Denken über das Sein. Früh schon zitterten durch den Knaben die plötzlichen Schrecken von einem möglichen Nichtvorhandensein aller Dinge. Wenn diese Erde einmal nicht wäre! Wenn diese Sterne erlöschten, diese Fackel des Mondes verglimmte, die Sonne im Meere auf ewig unterginge und alles, alles verschwände und nur Gott bliebe, nur Gott, der Herr, der Schöpfer allein für sich. – Was wäre das? Was wäre dann? Wer wäre Gott? Der Gedanke war furchtbar, schwindelerregend, die Hand mußte sich aufstemmen, halten am Nächsten, das absolute Nichts zog den Boden unter den Füßen weg, es war ein Gedanke, der auch wenig über eine Terzie lang sich festhalten ließ. Ja, erwähnt darf auch werden der beseligte Aufblick zum Sternenhimmel. Dem Kinde glitzern die Tausende von Himmelsleuchten im weißen zitternden Funkeln wie Thautropfen im Sonnenschein, und oft ist es ihm, als bewegten sie sich wie Lichter im Zugwinde. Daß diese Sterne ebenfalls noch Welten sind, faßt der an diese Erde gebannte Kindersinn nur mit Widerstreben. Wie kann außerhalb dieser großen Erde mit ihren Millionen Menschen, ihren Heilsveranstaltungen von Seiten der Gottheit, ihrer besonderen Auszeichnung, den Sohn Gottes gesandt bekommen zu haben, noch eine Existenz vorhanden sein, gegen welche das Erdenleben wie ein Tropfen verschwindet! Nein, dem Kinde ist die Erde der liebste Aufenthalt Gottes, der Schemel seiner Füße. Jene Strahlenpracht des Himmels ist ihm nur die äußere Zier und Herrlichkeit des im Freien schwebenden göttlichen Wolkenthrons. Unter allen Sternen sucht sich das Kindesauge dann den funkelndsten aus und nennt ihn den Stern des Morgenlandes. Das ist der Wegweiser, der die Weisen nach Bethlehem geleitete und über der Krippe mit dem Jesuskinde stand. Dies Wandeln und Stillestehn eines Sternes, Führen und Leiten, Wissen des Sterns um eine Begebenheit der Erde und des Himmels übertrug sich auf all’ [67] die stillen Himmelswächter der Nacht und nie glaubte der Knabe allein zu sein, ob er auch einsam stand, wenn nur die Sterne auf ihn niedersahen. Ja im Monde suchte er die Züge jenes Mannes, der aus ihm niederschauen sollte, und von dem man früh genug Dinge hört, die glauben machen können, er hätte es auf jeden Einzelnen unter den Menschen ganz besonders abgesehen. Neumond, Vollmond waren ständig in Frage. Wind und Wetter wurden darnach bestimmt, das Wohlbefinden des Körpers, das Einnehmen manches Arzneimittels. Die Abwechslung von Tag und Nacht (und wie lag die Nacht so schwarz auf dem „Kastanienwald“, dem „Bauhof“ und den Fronten und Flanken der Universität!) führte frühe auf die Vorstellung vom Nichts. Es war ein Schrecken für den Knaben, sich zu denken, wenn einmal die Erde nicht wäre. Wenn diese Sterne erlöschten, diese Fackel des Mondes verglimmte, die Sonne im Meere auf ewig unterginge und Alles, Alles verschwände und nur Gott bliebe, allein Gott, der Herr, der Schöpfer ganz für sich. Was wäre dann noch? Was bliebe? Und was ist eigentlich Gott? Der Gedanke war schwindelerregend, die Hand mußte sich aufstemmen, am Nächsten halten, denn die Ahnungen des absoluten Nichts zogen den Boden unter den Füßen weg. Es war ein Gedanke, der sich wenig über einen Augenblick festhalten ließ, aber den Träumer unendlich oft beschlich. 0.5770491803278689
95 Wie stark des Kindes Heimathstrieb ist, sieht man an der behutsamen Erweiterung der Kreise, die sich um den Mittelpunkt des häuslichen Heerdes ziehen. Ein größerer Umweg, den sich ein Kind erlaubt, um in seine Schule zu kommen, ist ein Ereigniß für seine ganze Entwickelung. Es dünkt ihn dieser Umweg sicher eine [85] große That, ja nicht selten ein Wagniß, fast ein Verbrechen. Lange glaubte der Tropf, der Ausdruck: „hinter die Schule gehen,“ bedeutete so viel, als wenn man, um in die Mittelstraße nach der Dorotheenstädtischen Kirche zu kommen, hinten herum durch die Linden und die jetzige Schadowstraße gehen wollte. Denn wie neu sind nicht die Eindrücke, die ein solcher Umweg zur Folge hat! Ganz andre Häuser, andre Menschen, andre Straßen werden erblickt und im Anstaunen und Angaffen verspätet sich wohl der kühne Columbus, der neue Welten sucht. Es entspricht diese Beklommenheit unsrer gezähmten sittlichen Natur. Das Thier des Waldes schweift quer über alle Stege und Wege hin, der Wolf mit eingeklemmtem Schweife rennend schlägt überall sein Lager auf, aber das Hausthier ängstigt sich ab, wenn es die gewohnte Welt nicht sieht. Diese allmälige Welterweiterung des Kindes geht so subtil von Statten. Da war das große Gebäude mit seinen Höfen allen. Aber es war ein Argonautenzug, wenn der Knabe einmal wagte, nur in die akademischen Hofräume zu treten und in die Fenster zu lugen, wo die Gipsabgüsse standen oder die Bücher der Akademiker. Der Garten der Universität, damals eingefriedigt von einer oft erkletterten Mauer, war ein erlaubter Tummelplatz, aber nur einige Schritte vorwärts an die Fenster, wo die Schleiermacherschen Vorlesungen gehalten wurden [86] und eine große Uhr die Stunden ohrennervenzerreißend ankündigte, wagte sich der Knabe nur wie in einen verbotenen Hesperidengarten. Da, wo jetzt die Singakademie steht, floß früher ein Spreearm, bedeckt mit Floßhölzern, die die gemeinen Leute „Carinen“ nannten, als hätte ihnen ein Professor den Namen gegeben. Welche herrliche, lange „Tafelbirnen“ hingen in den jetzt Magnus’schen Gärten und links und rechts in denen des Finanzministers Kleewitz! Wer da hinaus sich wagte über die „Carinen“! Und in der That wurden die Spreearme „geschützt“, d. h. des Fischfanges und der Reinigung wegen ohne Wasser gelassen, so watete man wohl wie im Nilschlamm über die „Carinen“ hinweg zu dem Abfall jener Gärten; gefahrvolle Unternehmungen, die meist mit Strafgerichten endeten. Die Welt wurde immer größer, immer weiter, immer reicher. Wußte man doch, daß der Regenbogen, der sich über dem Zeughause und dem neuerbauten Dome und den Pappeln des „Lustgartens“ hindehnte, an seinen beiden zur Erde sich neigenden Enden Gold auffinden ließ. Warum nicht streben, hinauszukommen über die so enge Gränze der „Letzten“ und der Mittelstraße! Aber jenseits der Dorotheenstädtischen Kirche, wo die neun Pathen im Kometenjahr Gevatter gestanden hatten, jenseits dieser Heimath wurde es schon höchst schauerlich. Da verbreitete gleich dicht an die Frei-[87]maurerloge Royal-York ein eigenthümlich düstres mystisches Wesen. Der große Garten dieses von Schlüter im idealsten Kommoden-Styl gebauten Hauses zog sich zur Spree bis an den unheimlichen Katzenstieg wie ein Mysterium. Hier war noch alles unangebaut, nichts als lange, einsame Strecken von Holzhöfen, nichts als Wiesen zum Bleichen und Trocknen der Wäsche… Die äußerste bekannte Gränze seines Horizontes nach Norden wurde dem Knaben die Kaserne der Artillerie, wo der Bruder, ein sogenannter Freiwilliger, in Hoffnung auf die doch wohl bald losbrechende Kriegsfurie kanonirte, bombardirte und feuerwerkerte… Dies Kasernenleben war dem Knaben das erste selbstständige sich regende „Anderssein“ außerhalb der Prinzenställe. Die langen dunklen Gänge der Kaserne mit den numerirten Thüren, in der Küche unten Soldaten in Kitteln, Rüben schabend, Kartoffeln schälend; der Pommer, der Polack, der Schlesier, Westphale durcheinander. (Die Garde rekrutirte sich überall.) In den nicht allzugroßen Zimmern immer ein Unteroffizier mit acht bis zehn Mann, deren Betten am Tage übereinander aufgethürmt bis an die Decke reichten; dicht an den Wänden entlang für jeden Gemeinen ein Plätzchen für Uniform, Gewehr, (damals trug die Artillerie noch Gewehre) Riemzeug, Schuhwerk und ein Schränkchen für seine nächsten Habseligkeiten und die Löhnung und sein Commisbrod; am Fenster ein [88] freundlicherer Platz für den Unteroffizier. Unten im großen Hofe die Kanonen, meist abgeprotzt, zum Exercieren eingerichtet. Stundenlanges Bewundern des „Man so Thuns“ im Richten, Auswischen, Laden, Zünden, Bewundern der Donnerwetter, die dabei mit Stentorstimme geschnarrt wurden und desto lauter ertönten, je näher die Offiziere standen. Dies Kasernenleben erzeugt in seinen Theilnehmern eine Gemeinschaftlichkeit der Stimmung, die auf den Geist schließen läßt, dessen Offenbarungen wir in unsrer Prätorianerzeit kennen gelernt haben. Der Gemeine blickt auf den Sergeanten, der Sergeant auf den Leutenant, der Leutenant auf den Hauptmann, der Hauptmann auf den Major. Da von oben herab nur Fanatismus niederwärts strömt, so breitet sich dieser auch behaglich in den untern Schichten, so wie er gewünscht wird, aus. Die kleine Chronik des Appells, der Wache, des Exercierens, der Parade, des Kirchenbesuchs, des Manövers, der Revision der Armatur und Kleidungsstücke, die Ankunft von Rekruten, das Avancement erfüllen hunderttausend Seelen wie die alleinigen Fragen der Welt und des ganzen Lebens. Wie stark der Heimathstrieb des Kindes ist, ersieht man aus der behutsamen Erweiterung der Kreise, die sich um den Mittelpunkt des häuslichen Heerdes ziehen. Ein größerer Umweg, den sich ein Kind erlaubt, um in seine Schule zu kommen, ist ihm schon ein Ereigniß, und kann es in der That für seine ganze Entwicklung werden. Ein solcher Umweg bringt Eindrücke und Zerstreuungen ganz neuer Art hervor. Verspätungen wecken den Lügengeist. Man lernt erfinden und bemerkt mit Behagen, daß die Erfindungen geglaubt werden. Jeder Umweg veranlaßte ein böses Gewissen. Die allmälige Welterweiterung des Kindes geht langsam von Statten. Es war ein Argonautenzug, wenn einmal der Knabe wagte, in die akademischen inneren Hofräume zu treten [68] und in die Fenster zu lugen, wo die Gipsabgüsse standen oder die Bücher der gelehrten Akademiker. Der Garten der Universität war damals eingefriedigt von einer oft erkletterten Mauer. Er galt für einen erlaubten Tummelplatz, doch nur in seinen äußersten Grenzen. Zu nahe an die Fenster, wo die Schleiermacher’schen Vorlesungen gehalten wurden und eine große Uhr die Stunden ohrenzerreißend ankündigte, fing der verbotene Hesperidengarten an. An der Stelle, wo jetzt die Singakademie steht, floß früher ein Spreearm, bedeckt mit Floßhölzern, die von den gemeinen Leuten „Karinen“ genannt wurden, als hätte ihnen ein Professor den Namen aus Scheller’s Wörterbuch gegeben. Die herrlichen langen „Tafelbirnen“ in den jetzt Magnus’schen Gärten und links und rechts in denen des Finanzministers Klewitz, dem Friedrich Wilhelm IV. einst die Charade aufgegeben haben soll: „Rathen Sie einmal! Das Erste frißt das Vieh, das Zweite haben Sie nie und das Ganze sind Sie!“ – der Finanzminister verbat sich sehr die Deficits seiner Obsternte und stellte Wachen aus. Aber dann trat die herrliche Zeit ein, die man nannte: „Die Spree ist geschützt.“ Des Fischfanges und doch wol noch mehr der Baggerung wegen wurden die Spreearme ohne Wasser gelassen. Das war dann wonnig, in dem schwarzen Schlamme zu waten. Dann waren alle Gärten zugänglich. Bis häusliche Strafgerichte der Verwilderung ein Ende machten. Ueber die „Karinen“ hinweg ging die Sonne auf. Und wenn sich der Regenbogen über dem Zeughause, dem neuerbauten Dom und den Pappeln des „Lustgartens“ dehnte, mußte an seinen beiden sich zur Erde neigenden Enden Gold zu finden sein. Das war der Kinderglaube. Warum da nicht streben, hinauszukommen über die so enge Grenze der „Letzten“ und der „Mittelstraße“! Aber jenseits der Dorotheenstädtischen Kirche, wo die neun Pathen im Kometenjahr Gevatter gestanden hatten, wurde die Orientirung abenteuerlich. Eine Freimaurerloge lag dieser Kirche gegenüber. Der große Garten dieses von Schlüter im idealsten Kommoden-Styl gebauten Hauses zog sich wie ein Mysterium bis zur Spree und an den unheimlichen Katzenstieg hin. Hier war Alles unangebaut. Nichts [69] sah man, als lange einsame Strecken von Holzhöfen, nichts als Wiesen zum Bleichen und Trocknen der Wäsche. Die äußerste bekannte Grenze seines Horizontes nach Norden wurde dem Knaben die Artilleriekaserne, wo der Bruder in Hoffnung auf eine bald wieder ausbrechende Campagne kanonirte, bombardirte, feuerwerkerte. Dies Kasernenleben war dem Knaben das erste selbstständig sich regende „Anderssein“ außerhalb der Prinzenställe. Die Kaserne der Garde-Artillerie zu Fuß bildet ein Viereck, von welchem zwei Schenkel nach der Georgenstraße und dem Kupfergraben zu liegen. Hier eintreten zu dürfen an der Hand eines schützenden „Freiwilligen“ konnte mit Stolz erfüllen. Eindruck machte hier Alles. Die langen dunklen Gänge mit den numerirten Thüren, in der Küche unten die Soldaten in Kitteln, Rüben schabend, Kartoffeln schälend; der Pommer, der Polack, der Schlesier, der Westfale durcheinander – denn die Garde rekrutirte sich überall. In den nicht allzu großen Zimmern befand sich immer ein Unteroffizier mit acht bis zehn Gemeinen, deren Betten am Tage übereinander aufgethürmt bis an die Decke reichten. An den Wänden entlang hatte jeder Gemeine ein Plätzchen für Uniform, Gewehr (damals trug die Artillerie noch Gewehre), Riemzeug, Schuhwerk und ein Schränkchen für seine nächsten Habseligkeiten, die Löhnung, sein Commisbrod. Am Fenster befand sich für Alles das ein freundlicherer Platz für den Unteroffizier. Unten im Hofe, meist abgeprotzt, standen die Kanonen. Stundenlanges Bewundern des „Man so Thuns“ im Richten, Auswischen, Laden, Zünden. Bewundern der Donnerwetter, die dabei mit Stentorstimme von den Unteroffizieren geschnarrt wurden und desto lauter ertönten, je näher die Offiziere standen. Dies Kasernenleben erzeugt in seinen Theilnehmern eine Gemeinschaftlichkeit der Stimmung, die auf den Geist schließen läßt, dessen Offenbarungen wir in unsrer Prätorianerzeit kennen gelernt haben. Der Gemeine blickt auf den Sergeanten, der Sergeant auf den Lieutenant, der Lieutenant auf den Hauptmann, der Hauptmann auf den Major. Die laufende Chronik des Appells, [70] der Wache, des Exercirens, der Parade, des Kirchenbesuchs, des Manövers, der Revision der Armatur und Kleidungsstücke, die Ankunft von Rekruten, das Avancement erfüllen hunderttausend Seelen wie die alleinigen Fragen der Welt und des ganzen Lebens. Bewundrer unsres wieder eisern gewordenen Zeitalters finden darin ein großes Erziehungsmoment unsres Volkes, eine Rückwirkung solcher Regelmäßigkeit auf die Sitten des Lebens. Andere wollen dagegen finden, daß sich mit diesem Formalismus die Liebe zum Müßiggang einstellt und das Verlernen der Handgriffe und Fertigkeiten, die wieder zum späteren Erwerb dienen sollen. Die nachgerade für die Gesellschaft bis zum Unerträglichen gesteigerte „Arbeiterfrage“ hängt mit der allgemeinen Militairpflicht mehr zusammen, als man bisher dargestellt hat. 0.49697885196374625
96 Durch den Bruder erschloß sich manches Kasernenzimmer. Da fanden sich Stätten, wo auch die Familie ihren Heerd aufgeschlagen hatte. Ein Unteroffizier hatte sogar wieder die Nadel ergriffen und war für das Wohl [89] seines Weibs und seiner Kinder wieder ein Schneider geworden. Es war ein eigner Anblick, die Heldengestalt, die man oft vor der Haubitze mit kräftiger Stimme hatte commandiren hören, so nun mit untergeschlagenen Beinen an einer feinen Interimsuniform für irgend einen mit Mutterpfennigen gesegneten Fähnrich sticheln und Zwirn wichsen zu sehen. Der Unteroffizier würde ohne die Liebe zu den Seinen sich wohl gehütet haben, zu einem Handwerk zurückzukehren, das er haßte und dem er hatte entfliehen wollen, als er in den Soldatenstand trat. Wie hatte er den Ziegenbock, auf dem er als Knabe reiten mußte, verwünscht und nun zwingt ihn das weinende Geständniß einer armen, ehrlichen Nätherin, die er liebte, sie zum Weibe zu nehmen und um sie und seinen gesegneten Nachwuchs von Kindern zu erhalten, wieder seinen garstigen Bock zu besteigen. Des Armen Leben wechselte zwischen Kartätschen und Nähnadeln ab, zwischen Bomben und besponnenen Knöpfen. Das war wirklich Prometheus an den Felsen geschmiedet! Zum Unglück wurde dem Armen, Richter hieß er, noch die geliebte Mutter seiner Kinder krank. Eine Entzündung der Brust bekam eine gefährliche Wendung. Schon setzten die Chirurgen ihre Messer an, um die zartesten Theile, die edelsten Werkstätten der Natur, auf Leben oder Tod wegzuschneiden, als sich ein Wunderdoktor meldet, ein ehemaliger Schäfer, der in der Vorstadt die Armen kurirt und [90] die Brust zu heilen verspricht. Die Chirurgen lächeln und entfernen sich. Glück schon genug, daß sie nicht die Sanitätspolizei von dem Nebenbuhler in Kenntniß setzten. Und der Schäfer beginnt sein Werk, er heilt die Brust. Womit? Mit welchem Balsam? Mit dem Balsam der Geduld und Liebe. Wohl strich er kräuterreiche Salben auf die eiternden Wunden, aber sein wirksamstes Kraut war das treue Kommen, Gehen, Wiederkommen, Abwarten, Pflegen, Sorgen, Mühen und das ein ganzes Jahr hindurch. Die Chirurgie ist nur zu oft jene Heilkunde, der die Geduld gebricht. Sie schneidet weg, was sie zu heilen sich keine Zeit nimmt. Richter konnte nicht anders, als diesem wirklich „treuen Schäfer“ für eine Pflege, die über ein Jahr gedauert hatte, zwanzig Thaler geben. Zwanzig Thaler! Ein Krösus-Kapital! Ein unerschwingliches, wenn der arme Held nicht ein Schneider blieb. Seinen frohen Sinn, seinen witzigen Verstand, seinen aufstrebenden glühenden Ehrgeiz, alles mußte der Arme hingeben und Westen und Uniformen nähen und Buchführen über seine schlimmen Kunden, die sich von der Löhnung nur wenig abziehen lassen konnten. Richter trieb diese Doppelexistenz lange Jahre bis er Gensdarm wurde. Er hat der Sicherheit des Staates durch unermüdliches Ausjäten von allerlei Menschenunkraut treu gedient, vortreffliche Kinder erzogen und harrt nun, da das Licht der Augen von seinem mühevollen Jugend-[91]leben fast erloschen ist, auf eine Anerkennung der Großen, die ihm wohl in Ehrenzeichen und einem Wartegeld zu Theil wurde, aber in keinem ruhigen, sein Alter fristenden Amte. Der Staat könnte aber auch seine Dienste als Krieger und Gensdarm reicher belohnen, als er that; dafür, daß er den feurigsten Jugendehrgeiz und seinen soldatischen Kastendünkel überwand, einem kranken Weibe und der Bildung seiner Kinder zu Liebe im Waffenrock noch ein Schneider blieb, dafür kann ihn nur eine jener Kronen lohnen, die auf Erden bekanntlich nicht zu finden sind. Durch den Bruder erschloß sich manches Kasernenzimmer, wo Familien ihren Heerd aufgeschlagen hatten. Ein Unteroffizier hatte in Mußestunden wieder die Nähnadel ergriffen und war für das Wohl seiner Kameraden, zunächst seines Weibes und seiner Kinder, in aller Stille auch ein Schneider. Eine Heldengestalt, die vor der Haubitze mit kräftiger Stimme kommandirte, saß er mit untergeschlagenen Beinen und wichste den Zwirn und stichelte an einer feinen Interimsuniform für irgend einen mit Mutterpfennigen gesegneten Fähnrich. Wie hatte der Treffliche den Schneider-Ziegenbock noch kurz zuvor verwünscht und sich verschworen, ihn je wieder zu besteigen! Da zwingt ihn das weinende Geständniß einer ehrlichen Nähterin, die er liebte, sie Hals über Kopf zum Weibe zu nehmen. Um sie und seinen gesegneten Nachwuchs zu erhalten, mußte er wieder auf seinen Bock. Sein Leben wechselte zwischen Kartätschen und Nähnadeln, zwischen Bomben und besponnenen Knöpfen. Das war wirklich Prometheus an den Felsen geschmiedet! Zum Unglück wurde dem Armen, er hieß Richter, die geliebte Mutter seiner Kinder obenein krank. Eine Entzündung der Brust bekam eine gefährliche Wendung. Schon setzten die Chirurgen ihre Messer an, um die edelsten Werkstätten der Natur auf Leben und Tod wegzuschneiden. Da meldete sich ein „Wunderdoctor“, ein ehemaliger Schäfer, der in der Vorstadt [71] die Armen kurirte und die Brust zu heilen versprach. Die Chirurgen entfernten sich spöttisch. Glück schon genug, daß sie nicht die Sanitätspolizei von dem Nebenbuhler in Kenntniß setzten. Der Schäfer beginnt sein Werk, er heilt die Brust. Womit? Mit dem Balsam der Geduld. Wohl strich er auch Salben auf die eiternden Wunden, aber sein wirksamstes Kraut war treues Kommen, Gehen, Wiederkommen, Abwarten, Pflegen, Sorgen, Mühen und das ein ganzes Jahr hindurch. Die Chirurgie ist nur zu oft jene Heilkunde, der die Geduld gebricht. Sie schneidet weg, was zu heilen sie sich keine Zeit nimmt. Richter konnte zum Dank nicht mehr thun, als diesem „treuen Schäfer“ für eine Pflege, die über ein Jahr gedauert hatte, zwanzig Thaler geben. Aber zwanzig Thaler! Ein Krösus-Kapital für einen Unteroffizier – selbst bei der Garde-Artillerie! Ein unerschwingliches, wenn nicht der arme Held ein Doppeltuch-Schneider geblieben wäre! Seinen frohen Sinn, seinen witzigen Verstand, seinen aufstrebenden glühenden Ehrgeiz, Alles mußte er hingeben und Westen und Uniformen nähen und Buchführen über seine schlimmen Kunden, die sich von der Löhnung nur wenig abziehen lassen konnten. Diese Doppelexistenz trieb Richter lange Jahre bis er Gensdarm wurde – ein Belohnungs-, ein „Ruheposten“! Das sind so Lebensläufe in ab- und aufsteigender Linie, wie deren ringsum von dem kleinen Helden dieser Geschichte genug beobachtet und damals für ganz normal gehalten wurden. 0.5424164524421594
97 Vom Soldatenleben wurde die Poesie mehr verstanden als die Prosa. Der Wachtdienst, die Ablösung, das geheimnißvolle Mittheilen einer Parole oder der betreffenden Dienstanweisung für das zu bewachende Lokal, das weiß und schwarz gestreifte Schilderhaus mit seinem darin aufbewahrten Nachtmantel, das ewige Forschen und Umblicken des Postens nach militärischen Honoratioren, die durch Geradestehen oder gar ein Präsentiren geehrt werden mußten, das Alles war Gegenstand stiller andächtiger Forschung, als wenn es sich dabei um das Wohl der Welt handelte. Von manchen Wachtlokalen erfuhr der Knabe, daß es auf ihnen spuke oder spüke, wie man im Volke sagt. Das Spüken in den Berliner Schloßgängen ist bekanntlich historisch bedeutsam und [92] traditionell bei allen Schildwachen. Aber es spükte noch an vielen andern Orten, wo Schilderhäuser einsam standen und die Wachen mitten in Novembernächten, unter sausendem Sturm und stürzendem Regen, von ihren Bretterhäuschen aus in „pechdunkle“ Nacht hinauslugen mußten. Diese Schilderhäuser vererbten ihre Spük-Tradition ebenso wie die Regel ihres Wachdienstes. So waren fast alle Wachen in der einsamen Gegend an der untern Spree spukhaft. Am Artillerie-Laboratorium, der Pulvermühle, den Pulvermagazinen, den Train- und Wagenhäusern, die jetzt alle die Hamburger Eisenbahn rasirt hat, lauerte nicht nur der Tod, dem ein einziger glimmender Funke hier eine furchtbare Feuerhochzeit bereiten konnte, sondern auch der Begleiter des Todes, das Gespenst. Mancher junge Rekrut schnürte gern aus seinem Beutelchen einen Mutterpfennig heraus und bezahlte ältere beherztere Kameraden, um nur nicht auf einem der äußersten einsamen Posten am Laboratorium Wache zu stehen. Die Posten hatten Nummern und wurden von der Hauptwache aus nach den Nummern besetzt. Auf Nummer sieben und Nummer dreizehn spükte es gewiß. Auf Nummer dreizehn „schilderte“ einst der Bruder. Für sieben und einen halben Silbergroschen erbot sich ein älterer Kamerad, ihm diesen Dienst, der grade auf die Geisterstunde fiel, abzunehmen. Meine Mittel erlauben mir das nicht, sagte der junge Rekrut [93] und ging auf Nummer dreizehn. Er stammte aus der rationalistischen Zeit Berlins und wollte es getrost mit den Geistern wagen. Rings tiefe Stille. Der junge Artillerist stützt sich auf sein Gewehr; die Nacht „stichdunkel.“ Fern herüber rauschten zuweilen die Tannen. Birken schimmern geisterhaft. Ein Erdwall umgiebt das pulvergefüllte Magazin. Einige Rundgänge auf ihm hin und her … Der rationalistische Zweifler sieht, hört nichts, geht in sein Schilderhaus, schläft ein. Ein Schlaf im Stehen währt nicht lange. Eben summen von den Kirchthürmen der Stadt die Glockenschläge Zwölf herüber, als der Artillerist erwacht. Die Angst des Dienstvergehens vergrößert die Vorstellung möglicher Gefahr. Der Zweifler sieht in der That, erwachend, ein langes riesiges Gespenst. Wer da! ruft donnernd die Furcht, die bekanntlich immer lauter schreit, als der Muth – Alles still. Die lange schmale Gestalt bleibt unbeweglich. Mit gefälltem Bajonett rückt der Zweifler aus dem Schilderhause vorwärts. Einige beherzte Schritte und das Gespenst ist entflohen. Es war nicht etwa jener mit einem Laken verhüllte Kamerad, der seine sieben und einen halben Silbergroschen zu Ehren bringen wollte, sondern es war ein schmaler, langer sandiger Fußsteig, der sich zwischen dem grünen Rasen hinzog und vom Schilderhause aus gesehen leicht eine perspektivische Täuschung möglich machen konnte. Am Soldatenleben wurde das Poetische mehr verstanden als die Prosa. Der Wachtdienst, die Ablösung, das geheimnißvolle Mittheilen einer Parole oder der betreffenden Dienstanweisung für das zu bewachende Lokal, das weiß- und schwarzgestreifte Schilderhaus mit dem Nachtmantel, der darin aufbewahrt wurde, das ewige Forschen und Umblicken des Postens nach militairischen Honoratioren, die durch Geradestehen oder Präsentiren geehrt werden mußten, Alles das war Gegenstand still andächtiger Forschung. Von manchen Wachtlokalen oder Schilderhäusern erfuhr der Knabe, daß es auf ihnen spuke oder „spieke“, wie man im Volk sagt. Das „Spieken“ in den Berliner Schloßgängen ist historisch [72] geworden und noch jetzt traditionell bei allen Schloß-Schildwachen. Aber es spukte noch an vielen anderen Orten, wo Schilderhäuser einsam standen und die Wachen mitten in Novembernächten, unter sausendem Sturm und stürzendem Regen, von ihren Bretterhäuschen aus in „pechdunkle“ Nacht hinauslugen mußten. So waren fast alle Wachen in der einsamen Gegend an der unteren Spree, wo jetzt der Hamburger Bahnhof liegt, spukhaft. Am Artillerie-Laboratorium, der Pulvermühle, den Pulvermagazinen, den Train- und Wagenhäusern, die alle um den jetzigen Humboldthafen lagen, lauerte nicht nur der Tod, dem ein einziger glimmender Funke hier eine furchtbare Feuerhochzeit hätte bereiten können, sondern der Begleiter des Todes, das Gespenst. Mancher junge Rekrut schnürte gern aus seinem Beutelchen einen Mutterpfennig und bezahlte ältere beherztere Kameraden, um nur nicht auf einem der äußersten Posten am Laboratorium Wache zu stehen. Die Posten hatten Nummern und wurden von der Hauptwache aus nach den Nummern besetzt. Auf Nummer sieben und Nummer dreizehn „spukte“ es gewiß. Auf Nummer dreizehn „schilderte“ einst der Bruder. Für sieben einen halben Silbergroschen erbot sich ein älterer Kamerad, ihm diesen Dienst, der grade auf die Geisterstunde fiel, abzunehmen. Meine Mittel erlauben mir das nicht! sagte der junge Rekrut und ging entschlossen auf Nummer dreizehn. Er stammte aus der rationalistischen Zeit Berlins und wollte es mit den Geistern wagen. Ringsum lag tiefe Stille. Der junge Artillerist stützt sich auf sein Gewehr; die Nacht ist stichdunkel. Fern herüber rauschen zuweilen die Tannen. Birken schimmern geisterhaft. Ein Erdwall umgiebt das pulvergefüllte Magazin. Einige Rundgänge auf ihm hin und her und das Auge immer auf etwaige glimmende Funken gerichtet. Wehe dem Wandrer, der hier etwa mit einer brennenden „Tobacks“-Pfeife oder „einem Cigaro“ (so sagte man früher – Betonung wie „Figaro“) gekommen wäre. Der rationalistische Zweifler sieht, hört nichts, geht in sein Schilderhaus, schläft ein. Ein Schlaf im Stehen währt nicht lange. Eben summen von den Kirchthürmen der Stadt zwölf Glockenschläge. Die Angst des Dienstvergehens (auf Posten schlafen!) [73] vergrößert die Vorstellung möglicher Gefahr. Der Zweifler sieht, erwachend, ein langes riesiges Gespenst. Wer da! ruft donnernd die Furcht, die bekanntlich immer lauter schreit als der Muth. Alles ist still. Die lange schmale Gestalt bleibt unbeweglich. Mit gefälltem Bayonnet rückt der Zweifler aus dem Schilderhause vorwärts. Einige beherzte Schritte und das Gespenst ist entschwunden. Er war nicht etwa jener mit einem Laken verhüllte Kamerad, der seine sieben einen halben Silbergroschen zu Ehren bringen wollte, sondern ein schmaler, langer sandiger Fußsteig, der sich zwischen dem grünen Rasen dahinzog und vom Schilderhause aus, zumal mit schlaftrunkenen Augen betrachtet, eine perspectivische Täuschung veranlassen konnte. 0.7342105263157894
98 [94] Im Soldatenleben scheint Alles von Außen wie über einen Kamm geschoren. Nach Innen aber giebt es keine buntere Mannichfaltigkeit der Charaktere, der Sitten, der Lebensweisen. Man hält diese gewaffneten, geschmückten Menschen für mechanisch abgerichtete willenlose Wesen zum Verwechseln und in der Kaserne, im geheimen Getriebe des Dienstes treten alle Temperamente und alle Philosophieen in lebendigst nüançirten Exemplaren zum Vorschein. Geizhälse, Stoiker, Epicuräer, Melancholiker, Alles durcheinander. Früh machte es dem Knaben einen eignen Eindruck zu wissen, daß dieser dort so steif und todt mechanisch marschierende Soldat gestern erst von einem Arrest aus der Linienstraße kam, jener hübsche Junge mit dem silbernen Portepee ein Junker war, dessen Eltern Niemand nennen wollte, weil wenigstens sein Vater ein Prinz sein sollte, jener Leutenant, der so heiter seinen Degen schwang, voller Schulden steckte, jener Capitän, der so martialisch kommandirte, zu Hause unter dem Pantoffel seiner Frau stand, und jener Oberst zu Pferde gar, der den runden blitzenden Hut voller Federn trug, daheim ein Liebhaber der Hühnerzucht, der türkischen Enten, der Tauben und der Pfauen war. Das Negligée aller dieser so kerzengrad zusammenhaltenden Menschen gab von Jedem ein anderes Bild, als er jetzt exercirte oder mit klingendem Spiel vorüberzog an dem Könige, hinter dem man, an [95] den Pfeilern des Opernhauses sich anklammernd, wie einer von der „Suite“ die Parade mitvorbeidefiliren ließ. Das da ist der tolle, lustige Langheinrich, von dem noch mancher Schwank erzählt werden soll! Das da ist der verhaßte und gehässige Fähnrich von Haase! Das da ist der treffliche, liebenswürdige, dem gemeinen Soldaten gegen die kleinen Offiziere immer beistehende Major! Wißt Ihr Alle, die Ihr hier herum„drängelt“ auf den Stiegen des Opernhauses, unter den Larven und Bildsäulen der Musen, Ihr, die Ihr hier Skizzen aufnehmt zu den in jenen Jahren so beliebten Paradebildern, die von Saarlouis bis St. Petersburg mit Gold, rothen Adlerorden und Wladimirs bezahlt wurden, wißt Ihr Alle wohl so wie der Knabe, daß vor drei Tagen beim Manöver zu jener goldgelbglänzenden Kanone hinter Rixdorf die jungen Prinzen, die Söhne des Königs, herangeritten kamen und den Fähnrich von Haase gar arg in’s Gebet nahmen? Was bedeuten, spricht zu ihm der jetzige Prinz von Preußen, was bedeuten die beiden Buchstaben C. F. da vorn am Mundstück Ihres Kanons? Fähnrich von Haase, über und über erröthend, erwiederte nach längerem Besinnen: Ich weiß es nicht, Königliche Hoheit! Der Prinz von Preußen will mit seinen Brüdern weiter, da sagt der Unteroffizier Langheinrich: „C. F. , Königliche Hoheit, bedeutet Canon Français. Dies Geschütz war eine zeitlang in [96] französischer Gewalt.“ Die Prinzen lobten die Auskunft. Aber wer hier ringsum kennt nun des dort marschierenden Herrn von Haases böse Rache? Das Manöver ist vorüber. Jene selben dahinreitenden Pferde, Langheinrichs treuer Rinaldo an der Spitze, sollen den Staub abspühlen und in die Schwemme reiten, sich auch erquicken am klar rinnenden Wasser des – lieblichfluthenden, schilfumrandeten Schaafgrabens. Der Fähnrich von Haase commandirt vom Ufer aus: Da! Dort! Zum Himmeldonnerwetter, reiten Sie da, wo ich sage! Aber der Schaafgraben hat seine schwarzen Stellen. Er ist nicht immer, wie Rückert von der Spree am Oberbaum singt, rein wie ein Schwan, sondern nicht selten auch, wie Hafis, selbst doch aus Schweinfurt gebürtig, von der Spree am Unterbaum sagt, schmutzig wie ein u. s. w. Genug! Langheinrich will weder sein Geschütz, noch sein Gespann, noch seinen eignen treuen Rinaldo in den Morast führen. Er biegt von der kommandirten Stelle ab, sucht jenes klare Rückert’sche Schwanenwasser, findet’s, ruft allen Kameraden ihm zu folgen. Aber den aus dem Wasser mit den triefenden erquickten Pferden nun zurückkehrenden, herrscht der für den erkrankten Leutenant Dienst thuende Fähnrich von Haase an: Langheinrich! Dafür sollen Sie Arrest besehen! Er meldet die Insubordination dem Capitän. Der Fall kommt an den Major. Jener brave, dort eben [97] den Degen zum Präsentiren schwenkende Herr auf dem Apfelschimmel sagt: Herr von Haase, woher kommandirten denn Sie? Vom Ufer aus? Sie waren also nicht mit im Wasser? Künftig, wenn wir wieder manövriren werden, soll jeder Capitän seine Batterie vom Kirchthurm aus kommandiren. Im Soldatenleben scheint, von Außen aus betrachtet, Alles wie über einen Kamm geschoren. Aber nach Innen giebt es die bunteste Mannigfaltigkeit der Charaktere, Sitten, Lebensweisen. Man hält diese gewaffneten, buntgeschmückten Menschen für mechanisch abgerichtete, willenlose Wesen zum Verwechseln. In der Kaserne aber, im geheimen Getriebe des Dienstes treten alle Temperamente, alle moralischen Systeme in lebendigst nüancirten Exemplaren zum Vorschein. Geizhälse, Verschwender, Stoiker, Epikuräer, Lustigmacher, Melancholiker, Alles durcheinander. Früh machte es dem Knaben einen eigenen Eindruck, zu wissen, daß dieser dort so steif und mechanisch marschirende Soldat gestern erst von einem Arrest aus der Lindenstraße gekommen war, jener hübsche Junge mit dem silbernen Portepee „keine Eltern hatte“, weil „sein Vater ein Prinz“ sein sollte; jener Lieutenant, der so heiter seinen Degen schwang, „voller Schulden steckte“; jener Capitain, der so martialisch kommandirte, zu Hause „unter dem Pantoffel seiner Frau“ stand; und jener Oberst zu Pferde gar, der den runden blitzenden Hut mit Federn trug, daheim ein Liebhaber der Hühnerzucht war, der türkischen Enten, der Tauben und der Pfauen. Das Negligé aller dieser so kerzengrad zusammenhaltenden Menschen gab von Jedem ein anderes Bild, als das, wie er jetzt exercirte oder mit klingendem Spiel vorüberzog an seinem König, hinter dem man, an den Pfeilern des Opernhauses sich anklammernd und wie zur „Suite“ gehörig, die [74] Parade mitvorüberdefiliren ließ. Das da ist der verhaßte, weil so gehässige Fähnrich von Haase! Das der treffliche, liebenswürdige, dem gemeinen Soldaten gegen die kleinen Offiziere immer beistehende Major! Wißt ihr Alle, die Ihr hier herum „drängelt“ auf den Stiegen des Opernhauses, hier unter den Larven und Bildsäulen der Musen, Ihr, die Ihr hier Skizzen aufnehmt zu den damals beliebten Paradebildern, die den Malern mit Gold, rothen Adlerorden und Wladimirs bezahlt wurden, wißt Ihr so, wie der kleine Bursche hier, daß vor drei Tagen beim Manöver zu jener goldgelbglänzenden Kanone hinter Rixdorf die jungen Prinzen, die Söhne des Königs, herangeritten kamen und den Fähnrich von Haase arg in’s Gebet nahmen? Was bedeuten, sprach zu ihm der spätere Kaiser Wilhelm I. von Deutschland, was bedeuten da vorn am Mundstück Ihres Kanons die beiden Buchstaben C. F.? Fähnrich von Haase, über und über erröthend, erwiderte nach längerem Besinnen: Ich weiß nicht, Königliche Hoheit! Prinz Wilhelm will mit seinen Brüdern, den Fähnrich bemitleidend, weiter, da sagt der Bruder des Knaben: „C. F., Königliche Hoheit, bedeutet Canon Français. Dies Geschütz war erst preußisch, dann eine Zeitlang in französischer Gewalt und ist jetzt wieder unser.“ Die Prinzen lobten die Antwort. Aber wer hier ringsum kennt nun des dort marschirenden Herrn von Haase’s Rache? Das Manöver ist vorüber. Jene selben dahinreitenden Pferde, des Bruders treuer Rinaldo an der Spitze (die Unteroffiziere der Fuß-Artillerie waren damals beritten) sollen den Staub abspülen und in die Schwemme reiten, sich auch erquicken am klar rinnenden Wasser des damals in jener Gegend noch appetitlicher dahinfluthenden, schilfumrandeten Schafgrabens. Der Fähnrich von Haase kommandirt vom Ufer aus: Da! Dort! Zum Himmeldonnerwetter, reiten Sie da, wo ich sage! Aber der Schafgraben war auch damals schon nicht überall besser als sein Ruf. Auf jene Stelle paßte Rückert’s Wort vom Berliner Unterbaum – die Spree käme zum Oberbaum herein wie ein Schwan und ginge zum Unterbaum hinaus wie ein – Rückert war aus Schweinfurt, ein gewisses Wort war ihm geläufiger. Der Bruder will weder sein Geschütz [75] noch sein Gespann, noch seinen eigenen treuen Rinaldo in den Morast führen, biegt von der kommandirten Stelle ab, sucht jenes klare Schwanenwasser Rückert’s, findet’s und ruft allen Kameraden, ihm zu folgen. Aber wehe dem aus dem Wasser mit den triefenden, erquickten Pferden Zurückkehrenden! „Für diese Ihre Insubordination werden Sie Arrest besehen!“ Haase meldet den Vorfall, nicht aber das Examen des künftigen Deutschen Kaisers dem Capitain. Der Fall kommt an den Major. Jener brave, dort eben den Degen zum Präsentiren schwenkende Herr auf dem Apfelschimmel sagt: Herr von Haase, woher kommandirten denn Sie –? Woher? antwortete der schon wieder Examinirte. Vom Ufer aus, Herr Major! Ach so, Sie waren also nicht mit im Wasser? Künftig, wenn wir wieder manövriren werden, soll jeder Capitain seine Batterie vom Kirchthurm aus kommandiren! 0.6565040650406504
99 Aber die Parade ist noch nicht zu Ende. Dort beim vierten Geschütz reitet unser braver Richter. In spätern Jahren würde der Knabe sich vorgestellt haben, es hinge ihm trotz seines martialischen Königl. Preußischen Aussehens hinten eine Zwirnrolle aus der Tasche, jetzt ist es ihm nur, als wäre bei dem herrlichsten Sonnenschein ein Regenschirm über ihm ausgespannt. Denn er kennt von ihm folgende Geschichte: Der Quälgeist der Compagnie, Fähnrich von Haase, läßt sich einfallen, eine Revision der Kasernenzimmer zu unternehmen. Er kommt in Richters Zimmer und findet unter dessen Geräthschaften einen Regenschirm. Wem gehört dies Mobilar? frägt der junge Stutzer. Vorläufig mir, sagt Richter. Von Haase öffnet das Fenster und will einen Act im Style Blüchers von Wahlstatt ausführen. Er will den Regenschirm zum Fenster hinauswerfen. Halt da! ruft Richter. Der Schirm gehört meiner Braut. Von Haase, durch die kräftig zugreifende Hand des Unteroffiziers an der Ausführung eines „genialen“ Einfalls [98] verhindert, der bei Josty unter der Stechbahn würde Furore gemacht haben, beschließt Richter zu strafen. Er ergreift dessen Gewehr, untersucht es, findet die Reste der letzten Schüsse noch nicht getilgt. Richter mußte schweigen. Von Haase stürmt, als wenn er eine Fahne erbeutet hätte, hinunter in den Kasernenhof; dem gerade anwesenden Major wird die Meldung gemacht. Richter mußte folgen. Mit dem Gewehr bei Fuß steht der Arme seines Urtheils gewärtig. Aber wiederum unser herrlicher, trefflicher Major, der dort eben auf seinem Apfelschimmel zur Sonnenseite der Linden abbiegt! Wie lange ist es her, Herr von Haase, daß die Leute geschossen haben? Vierzehn Tage, Herr Oberstwachtmeister, antwortet ein Nahestehender statt von Haase’s, der erblaßt. Und seit diesem Zeitraum haben Sie die Gewehre nicht revidirt? sagt der Major. Hm! Hm! Das könnte leicht die französische Comödie stören, in der Sie bei Perponchers mitspielen, wenn ich Sie dafür mit drei Tagen Stubenarrest … doch genug – Morgen früh um 8 Uhr ist die ganze Compagnie hier zur Stelle. Nun werd’ ich selbst revidiren. Die Parade ist aber noch nicht zu Ende. Dort beim vierten Geschütz reitet der Bruder! Heute scheint dem Knaben beim herrlichsten Sonnenschein ein Regenschirm über ihm ausgespannt. Denn es war soeben folgende Geschichte passirt: Der Quälgeist der Compagnie, Fähnrich von Haase, läßt sich einfallen, eine Revision der Kasernenzimmer vorzunehmen. Er kommt in des Bruders Zimmer und findet unter dessen Geräthschaften einen Regenschirm. Wem gehört dies niederträchtige Civil-Mobiliar? Vorläufig mir, sagt der Bruder etwas patzig. Von Haase öffnet das Fenster, will einen Act im Style Blücher’s von Wahlstatt ausführen und den Regenschirm zum Fenster hinauswerfen. Halt da! ruft der Bruder. Der Schirm gehört meiner Braut! Von Haase, durch die kräftig zugreifende Hand des Unteroffiziers an der Ausführung eines „genialen“ Einfalls verhindert, dessen Erzählung bei Josty unter der Stechbahn unterhalten haben würde, beschließt, den Bruder zu strafen. Er ergreift die Gewehre einiger Gemeinen ringsum, untersucht sie und findet die Reste der letzten Schüsse noch nicht getilgt. Von Haase stürmt, als wenn er eine Fahne erbeutet hätte, hinunter in den Kasernenhof; dem grade anwesenden Major wird die Meldung gemacht. Der Bruder mußte folgen. Aber wiederum unser herrlicher, trefflicher Major, der dort eben auf seinem Apfel-[76]schimmel zur Sonnenseite der Linden abbiegt! Wie lange ist es her, Herr von Haase, daß die Leute geschossen haben? Vierzehn Tage, Herr Oberstwachtmeister, antwortet ein Nahestehender statt von Haase’s. Haase erblaßt schon. Und seit diesem Zeitraum haben Sie die Gewehre nicht revidirt? fragte der Major. Da werden Sie – Ja so, unterbrach er sich, wenn ich Sie jetzt mit drei Tagen Stubenarrest belegte, könnte das die französische Komödie stören, in der Sie bei Perponchers mitspielen. Morgen früh um 8 Uhr ist die ganze Compagnie hier zur Stelle! Dann werde ich selbst die Gewehre revidiren! 0.6733067729083665
100 O du von Haase! Schreite nicht so kühn, dilettirender Bühnenkünstler! Stolpre nicht! Deine Thaten sind aufgeschrieben noch in andern, als nur in den Parolebüchern! Unsern braven Langheinrich wolltest du für das, trotz der Comödie bei Perponchers, nicht er-[99]klärte Canon français gradezu verderben! Einem Schneider unter den Linden, dem du, beim Prinzen von Preußen ewig Verlorner, schuldetest, schuldete auch der freiwillige und auf Avancement dienende Langheinrich. Herr, sagtest du zu dem Verfertiger deiner eignen reizenden Taille, Herr, wozu haben Sie die Langmuth mit solchem Volk, das es wagt, bei einem Schneider für den hohen Adel arbeiten zu lassen? Ehrgeizig ist der Hund! Machen Sie ihm irgendwo unter seinen Kameraden eine Scene und er wird Sie bezahlen. Der vornehme Schneider bildet sich ein, eine Scene würde nirgends auffallender wirken, als irgendwo auf der Wache. Langheinrich hat die Wache am Oranienburger Thor mit acht Mann und dicht in der Nähe der „reitenden Artillerie-Kaserne“. Der elegante Adelsschneider von unter den Linden tritt ein, beginnt seine Rechnung vorzulegen, mahnt. Langheinrich thut, als wär’ er taub. Aber, ich muß Ihnen sagen, länger halt’ ich es nicht aus; ich verklage Sie. Langheinrich schweigt. Der Schneider erhitzt sich, lärmt. Langheinrich trommelt auf den Fensterscheiben. Der Schneider kennt keine Gränzen, sein Zorn wächst, er schlägt auf die hölzernen Tische. Langheinrich giebt den Kanonieren einen Wink. Der Schneider flucht. Er hatte Eile. Er wollte in feinster Toilette jetzt noch ins Opernhaus, um die Milder und die Seidler im Wettkampfe zu hören. Ich muß in die [100] Olympia, Herr, wann bezahlen Sie mich oder hier die Uniform… Langheinrich schwankt jetzt, ergreift den ihm die allerdings noch nicht ganz bezahlte Uniform angreifenden Ruhestörer, öffnet eine Thür, öffnet noch eine, drückt den Schneider in ein dunkles Loch und bedeutet ihn, dort so lange zu warten, bis die dienstthuende Ronde käme, die den Störer eines öffentlichen Wachtpostens auf die Hauptwache führen solle. Der Schneider wehrt sich, kratzt, donnert an der Thüre, ruft, droht; vergebens. Langheinrich hat den Buchstaben des Gesetzes für sich. Es schlägt sechs Uhr. Olympia beginnt. Bader hat seine erste Arie. Der vornehmste Adels- und hohe Militär-Schneider sitzt in der dunklen Wachtstube des Oranienburger Thores und zerknittert vor Wuth und Verzweiflung sein Sperrsitzbillet. Um acht Uhr kommt die Ronde, aber ohne Leutenant. Der Schneider hat nur die Wahl zu warten oder sich zu entschließen, mit diesen Leuten über die Straße zu gehen. Zu letzterem kann er sich nicht bestimmen. Man reicht ihm Wasser und Brod. All sein Bitten erlöst ihn nicht. Erst um zehn Uhr rettet ihn der Ronden-Offizier, der ihm die Freiheit giebt, ohne jedoch Langheinrich irgendwie für seine vollkommen erlaubte Selbsthülfe zu tadeln. Am folgenden Morgen kündigte aber der so schmerzlich um die Olympia und den Wetteifer der Milder und [101] der Seidler betrogene vornehme „Civil- und Militär-Kleidermacher“ auch dem schlechtesten aller Zahler, dem Fähnrich von Haase, den Credit. O Du von Haase! Schreite nicht so kühn, dilettirender Bühnenkünstler! Stolpre ja nicht! Deine Thaten sind aufgeschrieben noch in anderen als nur in den Parolebüchern! Den braven Bruder wolltest Du für das, trotz der französischen Komödie bei Perponchers, nicht erklärte Canon français verderben! Es geschah Folgendes: Einem Schneider unter den Linden, dem Du, wahrscheinlich beim Prinzen von Preußen ewig Verlorner, schuldetest, schuldete auch der freiwillige, auf bescheidenes Avancement dienende Bruder, als er nur noch „Bombardier“ war. Herr, sagtest Du zu dem Verfertiger Deiner eigenen reizenden Taille, Herr, wozu haben Sie die Langmuth mit solchem Bürgerpack, das es wagt, bei einem Schneider für den hohen Adel ebenfalls arbeiten zu lassen? Ehrgeizig ist der Hund, der Sohn eines prinzlichen Bereiters! Machen Sie ihm irgendwo unter seinen Kameraden eine eclatante Scene, dann ist er beschämt, sie ziehen ihn auf, ob er wol auch von Adel wäre, dann wird er Sie bezahlen. Der vornehme Schneider bildet sich ein, eine Scene würde nirgends auffallender wirken als auf der Wache. Der Bruder hatte die Wache am Oranienburger Thor mit acht Mann, und das dicht in der Nähe der „reitenden Artillerie-Kaserne“. Der elegante Adelsschneider von Unter den Linden tritt in die Wache, dem jetzigen Borsig-Etablissement gegenüber (sie ist abgerissen), beginnt seine Rechnung vorzulegen, mahnt. Der Bruder thut, als wär’ er taub. Der Schneider erhitzt sich, lärmt. Der Bombardier trommelt auf die Fensterscheiben. Der Schneider kennt keine Grenzen, sein Zorn wächst, er schlägt auf die hölzernen Tische. Der [77] Bombardier giebt den Kanonieren einen Wink. Der Schneider flucht. Er hatte Eile. Er wollte noch in feinster Toilette in’s Opernhaus, um die Milder und die Seidler im Wettkampf singen zu hören. Ich muß in Olympia, Herr, wann bezahlen Sie mich oder hier diese Uniform… Was? Um Gotteswillen – eine Königliche Uniform wird hier angetastet –? Ein Preußischer Soldat unziemlich berührt? Und noch dazu auf der Wache? Der Bruder ergreift den Attentäter, öffnet eine Thür, öffnet eine zweite, drückt den Schneider in ein dunkles Loch und bedeutet ihn, dort so lange zu warten, bis die dienstthuende Ronde käme, die den Störer eines öffentlichen Wachtlokals mit auf die Hauptwache nehmen würde. Der Schneider wehrt sich, kratzt, donnert an die Thür, ruft, droht; vergebens. Es schlägt sechs Uhr. Spontini’s Olympia hat begonnen. Bader hat seine erste Arie. Der erste Adels- und Militair-Schneider Berlins sitzt in der dunklen Wachtstube des Oranienburger Thors und zerknittert vor Verzweiflung sein Sperrsitzbillett. Um acht Uhr kommt die Ronde, unglücklicherweise ohne Lieutenant. Neue Verzweiflung. Der „Hofkleidermacher für Civil und Militair“ hat nur die Wahl zu warten oder sich zu entschließen, mit diesen Leuten über die Straße zu gehen. Zu letzterem ist er nicht fähig. Man reicht ihm als Nahrung, was man selbst hat, Wasser und Commisbrod. All’ sein Bitten erlöst ihn nicht. Erst um zehn Uhr rettet ihn der Ronden-Offizier, der ihm die Freiheit giebt, ohne den Bombardier für seine Selbsthülfe zu tadeln. Am folgenden Morgen kündigte aber auch der so schmerzlich um die Olympia Betrogene dem schlechtesten seiner Zahler, dem Fähnrich von Haase, den Credit. 0.6430594900849859
101 Die Compagnie ist vorüber. Das Rollen der Kanonen nimmt kein Ende. Reißen wir uns los von diesen Schwänken, die allein in ihrer ganzen militärischen Einseitigkeit von dem Knaben aufgefaßt wurden. Denn in der Jugend wiegt man im Urtheil nichts ab. Die ganze schöne Parteilichkeit der Liebe und des Hasses steht für Jedes und Alles ein, was sie einmal erfaßt hat, was sie einmal bewundert oder verabscheut. Die Compagnie ist vorüber. Das Rollen der Kanonen nimmt kein Ende. Reißen wir uns los von diesen Schwänken, deren militairische Einseitigkeit in der Darstellung dem Knaben noch nicht faßlich war. In der Jugend wiegt man im Urtheil nicht ab. Die Parteilichkeit der Liebe und des Hasses steht für Jedes und Alles ein, was sie einmal erfaßt hat, was sie einmal bewundert oder verabscheut. 0.7076923076923077
102 [78] IV.
103 Die geographischen Gränzen des Kinderhorizontes dehnte nicht allein das neugierige Gelüst, sondern allmälig auch schon mancher glückliche Zufall oder eine besondere Gunst der Eltern aus. Da wurde wohl ein neues aus Aken oder Trakehnen gekommenes Pferd eingeschirrt, ein andres für die Cabrioletfahrt eingeschult. Da jagte man wohl einmal um alle Thore und sahe Felder und Hügel, riesengroße Windmühlen, einsame gräberbedeckte Kirchhöfe, ja in einiger Entfernung schoß man sogar an dem Galgen vorbei … Dieser Galgen ist jetzt von einer Eisenbahn wegrasirt. Die geographischen Grenzen des Kinderhorizonts dehnte nicht allein das neugierige Gelüst, sondern allmälig auch schon mancher glückliche Zufall oder eine besondere Gunst der Eltern aus. Da wurde ein neues aus Aken oder Trakehnen angekommenes Pferd eingeschirrt, ein andres für die Cabrioletfahrt eingeschult. Nun jagte der Vater um alle Thore Berlins. Man sah unbekannte Felder und Sandhügel, riesengroße Windmühlen, andere Stadtthore, einsame gräberbedeckte Kirchhöfe, ja in einiger Entfernung ragte sogar der Galgen auf. Jetzt ist er von der Eisenbahn und der neuen Strafgerichtsordnung wegrasirt. 0.6333333333333333
104 Ein Spielgenosse lockte einst den Knaben, als er schon zur Schule und mit ihm etwas in’s „Bubenhafte“ ging, zum Rosen-[102]thalerthor hinauszuwandern. Beide kommen zuerst in die Gegend, wo sich einer ausmündenden Straße gegenüber ein niedriges altes Haus mit einem Thürmchen erhebt. Dies Haus selbst, das Thürmchen genannt, stand in jener geheimnißvollen Wechselbeziehung mit dem westlichen Quadratflügel der Akademie. Zwischen dem Thürmchen und der Anatomie ging in stillem Abenddunkel regelmäßig ein polternder, dumpfhallender Karren hin und her. Da bringen sie schon wieder Einen! sagte der Vater, wenn unterm Fenster um die neunte Stunde das Rollen des schauerlichen Karrens erklang. Es war dann ein Selbstmörder, der gefahren kam, entweder zur Anatomie vom Thürmchen oder von dorther, geöffnet, zerschnitten, stückweise zurück zum Thürmchen, um dort sein stilles Grab zu finden. Wer in Berlin Hand an sein Leben legte, wurde damals zum Thürmchen gebracht. Wohl dem müden Leichnam, wenn die Prosektoren und der alte Knape aus der Charlottenstraße gemeldet hatten, sie hätten noch Material genug! Diese Art Verzeichniß von Menschen, die sich selber tödten konnten, diese laufende, unterm Fenster so hinrollende Chronik von stillen, lebensmüden oder verzweifelnden Entfernungen aus dem täglichen heitern Sonnen-Dasein prägte sich tief und schmerzenvoll in dem Kinderherzen ein. Der Vater „richtete“ beim Rollen des Karrens [103] immer streng, die Mutter seufzte milde. Jener sah den Teufel selbst hohnlachend vor dem Karren als lustigen Fuhrmann peitschen, diese blickte gen Himmel und sprach von der Gnade Gottes. Nun stand aber das Kind selbst einmal vor dem Kirchhof der Mörder am eignen Leben, vor dem grauenvollen Thürmchen. Der vorwitzige viel ältere Kamerad behauptete, man könnte Einlaß finden, wenn man nur sagte, man wollte die „Leichen“ sehen. An einem großen, mit Nägeln beschlagenen Holzthor klingelte auch schon der Muthige. Schlorrende Tritte ließen sich vernehmen. Eine Alte, anzusehen wie eine Hexe, öffnete und musterte die Jungen mit unheimlichem Auge. Als der Führer sein Begehren nach den „Leichen“ stotterte, schnarrte die Alte die vorwitzige junge Brut an, sagte, „die Leichen“ wären nur für die Herrschaften zu sehen und würde die Uebermüthigen nicht weiter eingelassen haben, wenn nicht eine unterirdische Stimme gerufen hätte: Den Kirchhof könnt Ihr sehen! Die Stimme kam aus einem Keller im Hofe. Die Knaben schossen wie der Blitz auf den großen grünen Anger, der sich sogleich hinter einer halboffenen Thür frei und breit darbot. Hier auf dem baum- und blüthenlosen Kirchhof hing allerlei Wäsche, wurde Linnen gebleicht. Zur Rechten lagen aber die Gräber. Sie waren wohl hie und da mit dünnem verbranntem Rasen bedeckt, aber namenlos alle, ohne Kreuze, ohne den Schatten eines Baumes, ohne [104] den Schmuck einer Blume. Vergiftet, erhängt, ersäuft alle diese Opfer der Verzweiflung. Eine offne Grube erwartete einen neuen Ankömmling, der vielleicht eben noch auf der Berliner „Morgue“, der Stadtvogtei, oder schon auf dem Sezirtische der Anatomie lag. Die Knaben hätten nun über die Mauer in die Linienstraße springen können. Sie sahen aber in dem alten Vorderhause, das nach Art eines von der noch unangebauten Stadt entlegenen Hospitals, eines klösterlichen Siechenhauses oder „Gutleuthofs“, wie man im südlichen Deutschland ähnliche Herbergen der geistig und körperlich Aussätzigen nannte, errichtet war, Welche von jenen Herrschaften eintreten, für die allein die „Leichen“ des Thürmchens da sein sollten. Sie kehrten um, schlichen sich näher und wagten es, dem inzwischen aus dem Keller hervorgekrochenen freundlichen Todtengräber und den Fremden sich anzuschließen. Es hieß, diese wollten die „Muhmen“ sehen. Die Kinder staunten nicht wenig, daß die weltbekannten „Leichen“ des Thürmchens die Muhmen dieser Fremden sein sollten. Sie wußten noch nichts von den Mumien, weder den ägyptischen, noch denen der Hospitalstraße. Mumien aber, d. h. ausgedörrte, nicht verweste alte Leichname waren die von den Fremden besichtigten und von den Knaben an der Thür eines Kellergewölbes belauschten Merkwürdigkeiten des Thürmchens. Der Todtengräber öffnete einen alten Sarg und [105] zeigte auf zwei braunlederne, wie von Wäscherinnenhand zusammen „gewrungene“ große Lappen, die sicher Menschen gewesen waren. Die Kinder faßten die Sache fast so, als wenn diese ehemaligen Stiftsverwalter des Thürmchens noch so so, noch halb vielleicht lebten, ob sie doch gleich seit viel über hundert Jahren schon gestorben waren. Beklommen und doch neugierig traten sie näher und schüttelten sich vor Entsetzen über Menschen, die man wie gefrorne große Waschlappen hätte aufgreifen und sich damit ordentlich jagen können. Der Todtengräber versicherte wenigstens, diese „Muhmen“ wären leicht wie „Flederwische“. Nach Entrichtung eines Trinkgeldes von Seiten der Fremden wurde der Rückzug angetreten. Die Knaben schossen pfeilschnell und halb bösen Gewissens voraus und wurden von der am großen düstern Holzthor wartenden Sibylle mit etwas gemilderteren Scheltworten entlassen, als anfangs begrüßt. Wie rannten sie über die Hospitalstraße zum Rosenthaler Thor hinaus! Wie übermüthig waren sie, als ihnen dieser „kühne Wurf“ gelungen! Wie ging es an ein Ausmalen des Gesehenen! Die Mumien wurden jetzt die schönsten und gefälligsten Gestalten von der Welt und noch wie lebend! Der Schauer, sie gesehen zu haben, wurde ins Großartigste übertrieben und so war man denn, wie unwissentlich, gut vorbereitet, plötzlich auch an dem Galgen angekommen, auf dem noch erst kürzlich [106] der Mörder Jakobi „gerichtet“ war. Nun rieselten vollends erst Schrecken über die Rücken der jungen Melodramenliebhaber. Links lag die niedrige Scharfrichterei, rechts erhoben sich auf einem steinernen Unterbau drei hohe Balken, die oben in einem Dreieck verbunden waren. Ringsum die Korn- und Kartoffelfelder mit frohen jubilirenden Lerchen und blauen und rothen Blumen, nichts von Raben oder anderm unheimlichen Galgengeflügel. Der Kamerad war vorwitzig. Er forderte seinen jüngern Gefährten auf, mit ihm die steinerne Plattform zu besteigen. Zu groß war dessen Zagen, zu schreckend die Erinnerung an den geräderten Jacobi. Er blieb in der Ferne und bat den Freund himmelhoch, solchen Uebermuth zu unterlassen. Ha! Ha! rief dieser, ich gehe hinauf! Der Kleinere hielt den Freund zurück, sah die Vorbedeutung eines Unglücks, flehte mit ängstlich sich anklammernder Hand. Vergebens! Louis war wie Macbeth, als er sich vor den Zauberinnen nicht mehr fürchtete, seit er „mit Geistern zu Nacht gespeist.“ Er verlachte alle Bedenken, sprang auf die steinernen Stufen und rief, wie aus seiner Schornsteinluke ein Essenkehrer, ein prahlendes lautschallendes Hoho! mitten auf dem Galgen, an derselben Stelle, wo Jakobi gerädert war. Dann aber plötzlich hinunterspringend von der Plattform, mußte ihn, wenn nicht das ominöse Wagniß, doch der volle, gewaltige Rundblick über alle diese Felder, [107] Windmühlen, Häuser, Thürme hinweg doch erschreckt und plötzlich wie mit unsichtbaren Armen gefaßt, gepackt, emporgehalten haben. Es war ihm, als hätte er wirklich etwas geschaut. Es war ohne Zweifel nur das eigenthümliche Gefühl, das Jeden, der zum Reden auf eine Erhöhung tritt, die von unten hinauf gesehene Umgebung in ganz anderm Lichte erscheinen läßt. Louis wurde im Heimweg einsylbig. Lange hat sein zaghafter Gefährte das Gefühl nicht bewältigen können, daß sein Freund von dieser Versuchung noch sicher etwas Schlimmes würde zu befahren haben und Louis gerieth in der That auf irrende Bahnen, wurde wild, frech, trotzte seinen Eltern, schlug sie sogar. Immer dachte sein früherer Kumpan an das herausfordernde Hoho! auf dem Galgen und wagte nicht, Andern, die dem Wildling ein schlimmes Ende prophezeiten, davon zu erzählen. Aber die Orakel lügen zuweilen. Louis trat in die Königliche Eisengießerei vorm Oranienburger Thor als Maschinenarbeiter und brachte es durch Fleiß und Talent bis zum Ciseleur. Leider verhob er sich einst an einem schweren Eisenblock und fing trotz seiner Riesennatur an zu kränkeln. Dennoch erwarben ihm seine allgemein anerkannten Verdienste eine ehrenvolle Berufung nach Schlesien auf die Zinkwerke des Grafen Henckel von Donnersmark. Louis war dort einer der zuverlässigsten, bravsten Werkführer, heirathete, that Gutes auch seinen [108] früher geschlagenen, jetzt ausgesöhnten armen Eltern, siechte dahin und starb in der Blüthe seiner Jahre. Als der Knabe schon zur Schule ging, verführte ihn eines Tages ein Kamerad, zum Rosenthaler Thor hinauszuwandern. Die Gegend war entlegen genug. Das Voigtland hatte den übelsten Ruf. Auf dem Wege dorthin lag ein niedriges altes Haus mit einem Thürmchen – jetzt ist davon nur ein Denkmal, dem Begründer eines Armenhauses, Koppe, gesetzt, und die „Thurmstraße“ übrig geblieben. Das „Thürmchen“ stand in geheimnißvoller Wechselbeziehung zu dem westlichen Quadratflügel der Akademie. Zwischen dem Thürmchen und der Akademie ging in stillem Abenddunkel ein polternder, dumpfhallender Karren. Da bringen sie schon wieder Einen! sagte der Vater, wenn unterm Fenster um die neunte Stunde das Rollen des schauerlichen Wagens erklang. Dann war es ein Selbstmörder oder ein Hospitalit, der zur Anatomie vom Thürmchen geliefert wurde, oder von der Anatomie schon geöffnet, zerschnitten und stückweise wieder zurück zum Thürmchen gefahren wurde, um dort sein Grab zu finden. Diese unterm Fenster so nächtlich dahinrollende Chronik von stillen, lebensmüden oder verzweifelnden Entfernungen aus dem täglichen heitern Sonnen-Dasein prägte sich schmerzensvoll dem Hörer ein. Der Vater „richtete“ streng, die Mutter milde. Jener sah den Teufel vor dem Karren als lustigen Fuhrmann peitschen, diese blickte gen Himmel und sprach von Gottes Gnade. [79] Der vorwitzige, viel ältere Kamerad, der den Knaben zum Rosenthaler Thor hinaus lockte, behauptete, man könnte hier Einlaß finden, wenn man nur sagte, man wollte die „Leichen“ sehen – an derselben Stelle, wo jetzt auf „Koppens-Platz“ die Kinder spielen. Schon klingelte der Muthige an einem großen, mit Nägel beschlagenen Holzthor. Schlorrende Tritte ließen sich vernehmen. Eine Alte, anzusehen wie eine Hexe, öffnete und musterte die Jungen mit unheimlichem Auge. Als der Führer sein Begehren nach den „Leichen“ herausstotterte, schnarrte die Alte die „vorwitzige junge Brut“ an und sagte, „die Leichen“ wären nur für Herrschaften zu sehen. Sie würde auch nicht die Uebermüthigen weiter gelassen haben, wenn nicht eine unterirdische Stimme gerufen hätte: Den Kirchhof können sie ja sehen! Die Stimme kam aus einem Keller im Hofe. Die Knaben schossen wie der Blitz auf den großen grünen Anger, der sich sogleich hinter einer halboffenen Thür frei und ausgedehnt darbot. Hier, wo jetzt ein freundlicher Square mit Bäumen und Brunnen liegt, rings hohe Häuser stehen, Ammen und Wärterinnen mit ihren Kindern verkehren, sah man einen baum- und blüthenlosen Kirchhof. Da trocknete man Wäsche, Linnen wurden gebleicht. Zur Rechten lagen Gräber. Sie waren hie und da mit dünnem verbrannten Rasen bedeckt, doch alle namenlos, ohne Kreuze, ohne den Schatten eines Baumes, den Schmuck einer Blume. Aber inzwischen waren „Herrschaften“ gekommen, um „die Leichen“ oder, wie sie jetzt hießen, die „Muhmen“ zu sehen, „Mumien“, wie erst in späteren Jahren verstanden wurde. Die Mumien des Thürmchens in der Hospitalstraße waren ausgedörrte, nicht verweste alte Leichname. Wir Knaben schlossen uns schnell an. Der Todtengräber öffnete einen Keller, in diesem einen alten Sarg und zeigte auf zwei braunlederne, wie von Wäscherinnenhand zusammen-„gewrungene“ große Lappen, die einst Menschen gewesen sein sollten. Beklommen und doch neugierig traten die Knaben näher und schüttelten sich vor Entsetzen über Menschen, die man wie gefrorne große Waschlappen hätte aufgreifen und sich damit jagen können. Der Todtengräber versicherte [80] wenigstens, diese „Muhmen“ wären so leicht wie „Flederwische“. Nach Entrichtung eines Trinkgeldes von Seiten der „Herrschaften“ wurde der Rückzug angetreten. Nun ging’s zum Rosenthaler Thor hinaus. Wie ging es an ein Ausmalen des Gesehenen! Die Mumien wurden jetzt die schönsten und gefälligsten Gestalten von der Welt und noch „wie lebendig.“ Der Schauer, sie gesehen zu haben, wurde in’s Großartige übertrieben. Da war man denn, wie unwissentlich und gut vorbereitet, am Galgen angekommen. Noch kürzlich war auf ihm ein Mörder, Namens Jakobi, „gerädert“ worden. Ja, in Wahrheit, man nahm das Ermorden anderer Menschen früher ernster! Auge um Auge, Zahn um Zahn! Die Statistiker sagen die Unwahrheit, wenn sie durch Zahlen beweisen wollen, die Todesstrafe schreckte nicht ab. Der Galgen stand einige Schritte von der Scharfrichterei entfernt. Auf einem steinernen Unterbau erhoben sich drei hohe Balken, die oben zu einem Dreieck vereinigt waren. Ringsum lagen die Korn- und Kartoffelfelder mit blauen und rothen Blumen, die Lerchen jubelten, nichts sah man von Raben oder anderm Galgengeflügel. Der Kamerad war vorwitzig. Er forderte seinen jüngeren Gefährten auf, mit ihm die steinerne Plattform zu besteigen. Da jedoch bei diesem die vom Vater mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit der Schilderung wacherhaltene Erinnerung an den geräderten Jakobi zu abschreckend war, so ging der Verführer allein, ungeachtet ihn der Jüngere angelegentlichst bat, den Frevel zu unterlassen. Der Freund verlachte alle Bedenken, sprang auf die steinernen Stufen und rief wie ein Essenkehrer aus seiner Schornsteinluke heraus ein prahlendes, lautschallendes Hoho! mitten auf dem Galgen, an derselben Stelle, wo Jakobi gerädert wurde. Dann sprang er mit einem Mal hinunter. Es mußte ihm etwas in die Quere gekommen sein. Nicht die Vorstellung seines ominösen Beginnens schien es gewesen zu sein, sondern der volle, gewaltige Rundblick über all diese Felder, Windmühlen, Häuser, Thürme hinweg. Er hatte prahlend und laut sprechen wollen. Da blieb er stecken wie Einer, der „vom Platze“ ganz sicher spricht, aber „von der Tribüne aus“ sich nicht sammeln kann. Louis wurde auf dem Heimweg einsylbig. Lange hat sein [81] zaghafterer Gefährte das Gefühl nicht bemeistern können, daß sein Freund von dieser Versuchung noch etwas davon tragen würde. Er gerieth in der That auf irrende Bahnen, wurde ein wilder Bube, der seinen Eltern trotzte, sie sogar schlug. Immer dachte sein früherer Kumpan an das herausfordernde Hoho! auf dem Galgen und wagte nicht davon Anderen, die dem Wildling ein schlimmes Ende prophezeiten, zu erzählen. Aber die Orakel lügen. Louis wurde Schlosser, trat in die Königliche Eisengießerei vor’m Oranienburger Thor als Maschinenarbeiter und brachte es durch Talent und geändertes Betragen bis zum Ciseleur. Leider verhob er sich an einem schweren Eisenblock und fing trotz seiner Riesennatur zu kränkeln an. Seine allgemein anerkannten Verdienste erwarben ihm dennoch eine Berufung nach Schlesien auf die Zinkwerke des Grafen Henkel. Louis wurde einer der zuverlässigsten, bravsten Werkführer, heirathete, that Gutes, auch an seinen früher von ihm geschlagenen alten Eltern, die ihm vergeben hatten, siechte jedoch hin und starb in der Blüthe seiner Jahre. 0.515970515970516
105 Wir übersprangen einen längeren Zeitraum und im ersten Kindesleben zählt doch ein Jahr für zehn, im Jüngling ein Jahr für fünf, im Mann eins nur für Eins, im Greise ein Jahr kaum noch für drei Monate … zurück zu der ersten noch halb bewußtlosen Altersstufe! Wir übersprangen einen längeren Zeitraum – (im ersten Kindesleben zählt ein Jahr für zehn, im Jüngling ein Jahr für fünf, im Mann eins für eins, im Greise ein Jahr kaum noch für drei Monate) zurück also zur ersten, halb bewußtlosen Altersstufe! 0.7647058823529411
106 … Die Gegend vor dem Oranienburger Thor war die früheste sichre Eroberung des schweifenden Entdeckers. Vom unheimlichen Voigtland, den Höhlen des Pauperismus, zogen sich damals einsame, wie endlos scheinende Sandflächen bis nach Tegel, wo die Geister der Wöllnerschen Zeit „dem dicken König“ den Muth zu religiöser Reaction eingespielt hatten, bis zum Gesundbrunnen und einer Saharawüste, die man den Wedding nennt, auf dessen tief im Sande angelegten Laufgräben, Schanzen und kleinen Belagerungsforts die Artillerie zu exerciren pflegte und jährlich an jedem dritten August oder „Königsgeburtstage“ ein Feuerwerk abbrannte, bei dessen Licht- und Farbenzaubern, Kanonenschlägen und Transparent-Inschriften der Bruder des Bombardiers nicht fehlen konnte, so sehr ihm vor Müdigkeit fast die Glieder zusammenbrachen. Auch die Nordwestseite Berlins wurde erforscht. Dort, wo jetzt neue Straßen und ganze Stadtviertel angebaut sind, lagen sonst Wiesen, Hecken, Kornfelder, Holzhöfe und theilweise mitten in den Ring-[109]mauern der Stadt. Da gab es einen Apollosaal, das schwache erste Vorbild jetziger Tempel bacchanalischer Lust, da erhob sich die erste Anlage jener königlichen Eisengießerei an der kleinen Panke und ihren sumpfigen, mit Birken bepflanzten Ufern; da lag in stiller Zurückgezogenheit das dem Laeso, sed invicto militi gewidmete Haus, wo Friedrich des Großen Invaliden ihre hölzernen Beine im Sonnenschein ausstreckten oder auf ihnen von einigen Gewerben heimkehrten, die sie, als im Handel mit Binsen zum Ausräumen der Pfeifen, in der Stadt, wenn auch blind oder einarmig, betrieben. Da lag die schreckenerregende Charité, das große von Friedrichs des Großen Vater so schon benannte Krankenhaus, das, wie dem Volke alle Krankenhäuser, gleichbedeutend mit dem Vorzimmer des Todes war und dem Kinde auch darum so schreckhaft erschien, weil es gehört hatte, daß seine Todten in „Nasenquetschern“ begraben wurden. So nannte das Volk Todtenladen, denen kein Maaß nach der Beschaffenheit der Leiche genommen wurde, sondern die passen mußten, ob auch die Nase dabei zu Grunde ging. Der Kindeslogik schien freilich den Nasenquetschern ein ganz absichtlicher Angriff grade auf die Nasen der Armen zum Grunde zu liegen. In den Garten der Narren wagte der Knabe zuweilen von der Thierarzneischule aus einzublicken. Diese großen Gartenanlagen existiren nicht [110] mehr. Links von der Friedrichsstraße abseits betrat man ein Thor, das in eine anmuthige Wiesengegend führte, durch die sich eine Allee von Kastanienbäumen zog. Da wo jetzt die Couplets des Friedrich Wilhelmstädtischen Theaters gesungen werden, wurden sonst kranke Pferde obducirt, thierische Mißgeburten ausgebälgt, sogar einst ein großer, in voller Verwesung begriffener Wallfisch zur Schau gestellt. Diese geheimnißvolle, den kranken Thieren gewidmete Gegend gränzte an einen Garten, wo zum Thiere herabgesunkene Menschen wahnsinnig hin- und herrannten, aus Büchern laut predigten, boshaft auflachten, schnöde sich einander begrinzten und maßen oder auch still mit dem Spaten im Boden gruben und dabei weltliche und geistliche Lieder sangen. Die Astlöcher der Bretterwand erlaubten dem Knaben den Durchblick; aber die Bosheit manches Tollen, der die Lauscher bemerkte, hatte schon arge Verwundungen herbeigeführt. Die Narren lauerten mit Nadelspitzen, Holzsplittern, mit Sand, um die neugierigen Augen der übermüthigen Vernünftigen zu strafen. Die Gegend vor dem Oranienburger Thor war die früheste sichere Eroberung des jungen Columbus. Vom unheimlichen Voigtland, der damaligen Höhle des Pauperismus, zogen sich einsame, endlos scheinende Sandflächen bis nach Tegel hin, wo die Geister der Wöllner-Periode „dem dicken König“ Muth zu religiösen Reactionen eingespukt hatten. Da lag der Gesundbrunnen und eine Saharawüste, die man den Wedding nennt, auf dessen tief im Sande angelegten Laufgräben, Schanzen, kleinen Belagerungsforts die Artillerie zu exerciren pflegte und jährlich an jedem dritten August oder „Königsgeburtstag“ ein Feuerwerk abbrannte, bei dessen Licht- und Farbenzaubern, Kanonenschlägen, Transparent-Inschriften der Bruder des Bombardiers, spätern Unteroffiziers, Feuer- und Oberfeuerwerkers nicht fehlen konnte, so [82] sehr ihm dabei vor Müdigkeit beinahe die Glieder zusammenbrachen. Auch die Nordwestseite Berlins wurde erforscht. Ueberall, wo jetzt neue Straßen und Stadtviertel erstanden sind, lagen sonst Wiesen, Hecken, Kornfelder, Holzhöfe und theilweise innerhalb der Ringmauern der Stadt. Er bewunderte einen „Apollosaal“, das schwache erste Vorbild der jetzigen Tempel bacchantischer Lust. In der Nähe erhob sich an der Panke die erste Anlage jener königlichen Eisengießerei, die den Anfang eines ganz dem Maschinenwesen gewidmeten Stadtviertels bildete. Immer unruhiger wurde es um die stille Zurückgezogenheit des dem Laeso, sed invicto militi gewidmeten Hauses, wo Friedrich des Großen Invaliden ihre hölzernen Beine im Sonnenschein ausstreckten oder wohin sie vom Betreiben einiger Gewerbe zurückkehrten, die sie in der Stadt, wenn auch blind oder einarmig, betreiben durften, z. B. den Handel mit Binsen zum Ausräumen der Pfeifen. Da lag die schreckenerregende „Charité“, das große von Friedrich des Großen Vater so benannte Krankenhaus, das dem Volke wie alle Krankenhäuser gleichbedeutend mit dem Vorzimmer des Todes war und auch darum dem Kinde so schreckhaft erschien, weil die Sage ging, seine Todten würden in „Nasenquetschern“ begraben. So nannte das Volk Todtenladen, denen kein Maß nach der Beschaffenheit der Leiche genommen wurde. Sie mußten passen, wenn auch beim Zunageln des Deckels die Nase zu Grunde ging. In den Garten der „Narren“ wagte der Knabe zuweilen einzublicken von der Thierarzneischule aus. Diese großen Parkanlagen existiren nicht mehr. Links von der Friedrichsstraße abseits betrat man ein Thor, das in eine anmuthige Wiesengegend führte, durch die sich eine Allee von Kastanienbäumen zog. An der Stelle, wo jetzt die Couplets des Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters gesungen werden, wurden sonst kranke Pferde obducirt, thierische Mißgeburten ausgebälgt, einst sogar ein großer, in voller Verwesung begriffener Wallfisch zur Schau gestellt. Diese geheimnißvolle, den kranken Thieren gewidmete Gegend grenzte an einen Garten, wo die Geisteskranken hin- und herrannten, aus Büchern laut lasen, zuweilen boshaft auflachten, schnöde sich einander [83] maßen und angrinzten oder auch still mit dem Spaten im Boden gruben und weltliche oder geistliche Lieder sangen. Die Astlöcher der Bretterwand erlaubten dem Knaben den Durchblick; aber die Bosheit manches Tollen, der die Lauscher bemerkte, konnte arge Verwundungen herbeiführen. Die Narren lauerten mit Nadelspitzen, Holzsplittern, Sand, um die neugierigen Augen der übermüthigen Vernünftigen zu strafen. 0.6820512820512821
107 Nun wuchs auch die Kenntniß der lärmenden, menschengedrängten innern Stadt. Heu und Stroh holen zu helfen vom Königlichen Magazin an der Waisenhausbrücke, welche Lust! Dies schwankende und doch sichre Thronen auf dem hochbeladenen Wagen mit vier stattlichen Rossen! Oder ein Ausflug nach der Alexan-[111]derstraße, an dem unheimlichen „Ochsenkopf“, dem Arbeitshause der Bettler, Vagabunden und rettungslos Verarmten vorüber, in die große Brodbäckerei, wo die Commis-Brod-Laibe wie Mauersteine aufgeschichtet standen und auch wie Mauersteine beim Bauen von Mann zu Mann geworfen und eben so aufgeladen wurden. Die innere stoßende und drängende Stadt, die handelsreiche Königsstraße, das alterthümliche Rathhaus mit dem Prangerhalseisen, die düstre Stadtvogtei, der Mühlendamm mit seinen mehlstaubbestreuten Colonaden, die alten ehrwürdigen Kirchen, der freundlichheitre Spittelmarkt mit seinen Obstverkäufern, runden Fischfässern, Buden, Vögelverkäufern, Kaninchenfütterern und seiner Bürgerschützenwache, den sogenannten „Rauhbeinigen“, deren Hauptquartier der Schützenplatz, eine Art Jahrmarkt von Plundersweilern war, wo gewürfelt, gezecht, gesungen, georgelt und manche Mordthat von der bemalten Leinewand erklärt und dicht über den Todten der ringsumliegenden Kirchhöfe hinweg nach dem „Vogel“ geschossen wurde; der Dönhofsplatz mit seinen langen exercierenden Soldatenreihen, die Jakobsstraße und der Durchgang über den pappelbepflanzten, hollunderbuschreichen Friedhof der Louisenkirche hinüber in das gelobte Land der damaligen Jugend, die Hasenhaide der Jahnschen Turner, … das Rondeel am Hallischen Thore mit seinem Echo, die [112] schweigsamehrwürdige Lindenstraße mit ihrem mystischen Kammergericht, das Köpenicker Thor mit seiner einsamen, gewiß recht das Schweizerheimweh der früheren Bewohner weckenden Neufchatellerkaserne, das jenseitige Spreeufer mit seinen endlosen Gassen, wenn man den Stralower Fischzugtummelplatz erreichen wollte … und alle diese breiten Flächen, durchzogen von so vielen geheimnißvollen Gärten mit hohen Mauern oder Zäunen, durch die blinzelnd allerlei vornehme poetische Idylle sich in dieser schwatzhaften Stadt als möglich erwies, so viel Wasser, so viel kleine Brückchen, so viel grau Alterthümliches, so viel Rokoko-Geschnörkeltes mit Hermensäulen, Karyatiden, steinernen Helmen und Medusenköpfen, so viel Winkelwerk, so viel Unbenennbares, so viel dem Kindessinn tiefinnerlichst Anonymes, selbst wenn es einen Namen hatte … Alles, Alles das war grade deshalb eine so reiche, so vielbewegte Welt, weil diese Hauptstadt in ihrer gewaltigen bequemen Ausdehnung damals eigentlich nirgend etwas so eigentlich imposant Großstädtisches hatte, wie Paris oder London oder auch seine jetzige Uebervölkerung, sondern sich in dieser reichen Mannichfaltigkeit selbst von einem Kinde allmälig traulich und gemüthlich übersehen ließ. Immer mehr wuchs die Kenntniß der lärmenden, menschengedrängten innern Stadt. Heu und Stroh holen zu helfen vom Königlichen Magazin an der Waisenhausbrücke, war eine Lust. Ein solches schwankendes und doch sichres Thronen auf dem hochbeladenen Wagen mit vier stattlichen Rossen war ein Siegeszug. Oder es ging in die Alexanderstraße, wo sich neben dem unheimlichen „Ochsenkopf“, dem Arbeitshause der Bettler, Vagabunden und rettungslos Verkommenen eine große Brodbäckerei erhob, wo die Commis-Brod-Laibe wie Mauersteine aufgeschichtet standen, auch wie Mauersteine beim Bauen von Mann zu Mann geworfen und ebenso aufgeladen wurden. Das Hungerjahr 1817 machte den Knaben wöchentlich zweimal zum Träger eines solchen mehre Pfund schweren Brotes. Die innere, stoßende und drängende Stadt, die handelsreiche Königsstraße, das alterthümliche Rathhaus mit dem Prangerhalseisen, das damals noch betrügerischen Bankerottirern in Aussicht gestellt werden konnte, die düstre Stadtvoigtei, der Mühlendamm mit seinen mehlbestreuten Colonnaden, die alten ehrwürdigen Kirchen Nikolai und Marien, der freundlichheitere Spittelmarkt mit seinen Obstverkäufern, runden Fischfässern, Buden, Vogelverkäufern, Kaninchenfütterern und seiner Bürgerschützenwache, deren Hauptquartier, der Schützenplatz, eine Art Jahrmarkt von Plundersweilern war, wo gewürfelt, gezecht, gesungen, gedrehorgelt und manche Mordthat von der bemalten Leinwand erklärt und dicht über die Todten der ringsumliegenden Kirchhöfe hinweg nach dem „Vogel“ geschossen wurde; der Dönhofsplatz mit seinen langen, damals noch auf ihm einexercirten Soldatenreihen; die Jakobsstraße und der Durchgang über den pappelbepflanzten, hollunderbuschreichen Friedhof der Luisenkirche hinüber in das gelobte [84] Land der damaligen Jugend, die Hasenhaide der Jahn’schen Turner; das Rondeel am Hallischen Thor mit seinem jetzt verklungenen Echo; die schweigsamehrwürdige, todtenstille Lindenstraße mit ihrem, wie ein delphisches Orakel so heilig gehaltenen Kammergericht; das Köpnicker Thor mit seiner vereinsamt liegenden und deshalb ohne Zweifel das Schweizerheimweh und das Desertiren befördernden Neufchatellerkaserne; das jenseitige Spreeufer mit seinen endlosen Gassen, wenn man den Stralower Fischzugtummelplatz erreichen wollte – und all diese breiten Flächen durchzogen von so vielen geheimnißvollen Gärten mit hohen Mauern oder Zäunen, die allerlei vornehme poetische Idylle, Landhäuser, behagliche Existenzen verbargen – die zahllosen Brücken, hie und da manches grau Alterthümliche, Rokoko-Geschnörkelte mit Hermensäulen, Karyatiden, steinernen Helmen und Medusenköpfen, so viel Unbenennbares, wenigstens dem Kinde Anonymes und, wenn es einen Namen hatte, doch Unverständliches – Alles das deshalb eine so reiche, vielbewegte Welt, weil damals die Hauptstadt in ihrer gewaltigen bequemen Ausdehnung nirgend etwas imposant Großstädtisches hatte, wie Paris oder London oder auch seine jetzige Außenseite, sondern sich in dieser reichen Mannigfaltigkeit selbst von einem Kinde traulich und gemüthlich übersehen ließ. 0.6163141993957704
108 Mit ganz besondern reizenden Schauern erfüllten das Knabenherz drei schon entlegenere Oertlichkeiten, [113] das Dorf Schönhausen, die Residenz Charlottenburg, die Festung Spandau. Die Umstände, unter denen diese Orte gesehen wurden, waren keine gewöhnlichen und führen den Demokraten wieder in die Sphäre der Hohenzollern zurück. Mit ganz besonderen reizenden Schauern erfüllten des Knaben Herz drei entlegenere Oertlichkeiten, das Dorf Schönhausen, die Sommerlust-Residenz Charlottenburg und die Festung Spandau. Die Umstände, unter denen diese Orte gesehen wurden, waren keine gewöhnlichen und führen wieder in die engere Familiensphäre der Hohenzollern zurück. 0.6875
109 V.
110 [114] IV.
111 Sommerlich wohnte in Schönhausen jener Prinz, in dessen Diensten nun sogar beide Schulmeisterwaisen aus Pommerland standen, der Maurer und auch der ehemalige Schneider. Letztrer sogar in einer den hohen Herrschaften unmittelbarsten Nähe. Dies kleine hinter Pankow gelegene Schloß Schönhausen war von einem Parke eingefriedigt, der seine Alleen, Boulingreens, Blumenterrassen, Wasserfälle, kleinen Springbrunnen, seine künstlichen Felsen und von Birkenholz gezimmerten Brückchen hatte wie nur im größeren Style ein Park von Kassel, von Stuttgart oder Versailles. Dem Schlosse gegenüber lagen zwei Reihen Wirthschaftshäuser, die zur Hofhaltung gehörten. Ringsum Felder, Wiesen, Dörfer wie eben die märkischen sind, mit Stroh- und Schindeldächern, großen Wassertümpeln in der Mitte für die Gänse und die Dorfjugend, einer freund-[115]lichen, gewiß uralten Kirche, aber sonst wenig Rührsamkeit oder Geist oder Geschmack der Bewohner verrathend … Jener Prinz, in dessen Diensten beide Schulmeisterwaisen standen, der Maurer und der ehemalige Schneider, wohnte des Sommers in Schönhausen, einem kleinen, hinter dem Dorf Pankow bei Berlin gelegenen Schlosse. Von einem Parke [85] eingefriedigt, der seine Alleen, Boulingreens, Blumenterrassen, Wasserfälle, kleinen Springbrunnen, seine künstlichen Felsen und von Birkenholz gezimmerten Brückchen hatte, wie nur im größeren Styl ein Park von Kassel, Stuttgart oder Versailles, hatte dies Schlößchen ehedem zum Aufenthalt der Gemahlin Friedrich’s des Großen gedient, einer Braunschweigerin, die in den ihr aufgedrungenen und mit sanftester Weiblichkeit ertragenen Mußestunden französisch zu schriftstellern versuchte, während sie, die Schwester der Amalie von Weimar, kein deutsches Wort orthographisch schreiben konnte. Dem Schlosse gegenüber lagen Wirthschaftshäuser, die zur Hofhaltung gehörten. Ringsum lagen nichts als Felder, Wiesen, Dörfer, wie eben die märkischen Dörfer sind, mit Stroh- und Schindeldächern, mit großen Wassertümpeln in der Mitte für die Gänse und die Dorfjugend, mit einer freundlichen, oft uralten Kirche. Die herrlichen Eichen am Parkrande sollten schon allein zu einer kaiserlicheren Erhaltung Schönhausens auffordern. 0.45
112 In diese prinzliche Herrlichkeit ging es schon des Morgens in aller Frühe. Von einem Wirthschaftswagen mitgenommen zu werden und unter den Blüthen und Zweigen der Pankower Landstraße so hinfahren, daß die Hand Blüthen und Zweige im raschen Fluge haschen, abstreifen konnte; so schon des Morgens, wenn alle Glocken läuteten, hinaus aus der staubigen Stadt in die Welt der Lerchen und Schmetterlinge – das gab einen unvergeßlichen Tag der Freude! Alles so still, so feierlich, so morgenfrüh und sonntagsgeweiht in der Natur. In Pankow links schnurrte die Orgel in der kleinen Kirche. Man fuhr vorüber nach Schönhausen, dessen Park mit seinen alten Linden- und Buchenbäumen zur Rechten sich öffnete. Der Onkel in der Livree empfing die Ankommenden unter einem Heck von weißem Flieder, das sich an den Wänden der Dienstwohnungen hinzog und die Aussicht nach den Kirschenbäumen von Französisch Buchholz bot. Wie brannte da die Sonne! Wie summten die Käfer! Wie klopfte das Herz, als der Tisch im Freien gedeckt wurde und es aus blendweißem Prinzen-Porzellan mit den gemalten goldenen Wappen des gebietenden Herrn drüben im Schlosse, Reis in Milch oder gar eine Tafelreliquie zu verzehren gab! Hier waltete ein Arka-[116]dien. Hier sollte der Mensch mit dem Menschen gehen. Wie lieblich diese Niederlassung! Ein poetischer Schmerz hatte sie geschaffen, die Entsagung gepflegt. Die Gattin Friedrichs des Großen, ohne Anspruch auf Liebe, suchte Trost hier in der Natur. Das von dem intriguanten Eosander von Göthe einst gebaute Schloß wurde von der schon bei Lebzeiten ihres Gatten wie Wittwe gewordenen Königin von Grund aus verändert, die Umgebung wie neu geschaffen. Sonst gab es hier Orangerieen, Fasanen, sogar Seidenbau. Von dieser Herrlichkeit hatte sich nur, was reine freie Natur, erhalten. Uralte Eichenbäume, Akazien mit wilden Rosen umrankt, muntre Bäche durch Schilf und an Vergißmeinnichtufern sich hinschlängelnd. Vom Seidenbau blieben die Maulbeerbäume. Welche paradiesische Welt! Bienen, Käfer, Blumen! Und daß man halb hierher gehörte, halb hier heimisch war, mehr als geduldet! Die Fürstin Marianne lud alles was jung und frisch, besonders die Dorfkinder von Schönhausen, zu sich ein und ließ sie mit den eignen Söhnen und Töchtern, – unter ihnen jetzt eine Königin – auf einige Stunden Kameradschaft schließen. Die Lakaien putzten natürlich erst den Bauernjungen die Nasen und die Kammerjungfern untersuchten die Mädchen, ob sie ordentlich gewaschen und gekämmt waren. Dann durfte der ganze Troß mit den größeren und kleineren Hoheiten an langgedeckten Tischen frischgestrichene But-[117]tersemmeln schmausen, Milch trinken oder Kirschen und Birnen essen. Arme Täuschung einer gewiß wohlgemeinten Absicht! In dieser Form kann allerdings die künftige vornehme Herablassung angebahnt werden, aber ob auch die wahre Demuth und die Bescheidenheit der Großen? Es wurde gespielt zwischen Arm und Reich, Gering und Vornehm. Aber nur der wilde Necksinn und Haschegeist tobt sich doch wohl allein da bei dem vornehmen Blute aus. Es wird ihm die erste Gelegenheit geboten, seine Kraft, sein Vorrecht zu üben. Die Unbill der jungen Löwen muß schon sehr wild und übermüthig werden, wenn die zuschauende Brille des Hofgelehrten bei einer Gewaltthat den Ausschlag nach der leidenden Seite hin giebt. Die jungen Herrscher im Wüstenreich üben in diesem Spiel mit kleinen Hunden und Katzen doch nur ihre erste Kraft, erhalten ihre erste Ahnung von der Allmacht des künftigen Riesen, nicht von seiner Schwäche und seiner oft so nothwendigen Demuth. Im fünfzehnten Jahre hört doch all diese angebahnte „Popularität“, all dieser Umgang mit Menschenspielzeug auf. Dann bekommen die jungen Göttersöhne „ebenbürtige“ Gesellschaft und grade umgekehrt – wäre besser gewesen. Bei erwachender Kraft sogleich Aufforderung zur Selbstbeschränkung, im ersten Vollgefühl gleich der Bruch durch feinere Spielkameradschaft, die sich nicht unbedingt ergiebt, sondern zu wehren weiß, und dem gereiften [118] Jüngling dann immerhin Bauernknaben und die Armuth, nicht aber zum Spiel und Umgang, sondern zum Studium! In diese Herrlichkeit ging es schon des Morgens in aller Frühe. Zwar nicht in einem Staatswagen, aber auch vor einem Wirthschaftswagen holten die muthigen edlen Rosse kräftig aus. Eine herrliche Fahrt, wenn sich die blühenden Kastanienbäume der von Berlin abführenden Allee damals noch fast zu einem Dache zusammenschlossen. Auf Naturleben, Lerchen, Amseln, Kuckuk zu achten, hatte des Vaters Beispiel jeder Zeit gelehrt. Unvergeßliche Tage der Freude! Alles ringsum still, feierlich, morgenfrüh, sonntagsweihevoll. In Pankow schnurrte schon die Orgel in der kleinen, erst jetzt wieder neu erbauten Kirche. Der Onkel empfängt die Ankommenden unter einem Heck von weißem Flieder, das sich an den gelbgetünchten Wänden der Dienstwohnungen hinzog und die Aussicht nach den Kirschbäumen von „Deutsch-Buchholz“ bot. Wie brannte die Sonne! Wie summten die Käfer! Wie klopfte das Herz, als im Freien der Tisch gedeckt wurde und aus blendweißem Prinzen-Porzellan mit gemalten goldenen Wappen Reis in Milch oder gar eine Tafelreliquie verzehrt werden konnte. Hier waltete ein Arkadien. Der Mensch ging mit dem Menschen. Alles war Idylle, selbst bei den Bewohnern des von dem intriguanten Schweden Eosander [86] von Goethe erbauten, durch Friedrich’s des Großen Gemahlin vielfach veränderten Schlosses. Damals, als es hier Orangerieen und Fasanerieen gab, wurde selbst Seidenbau betrieben. Von letzterem hatten sich nur die Maulbeerbäume erhalten. Die Prinzessin lud die Dorfkinder von Schönhausen ein und ließ sie mit den eigenen Söhnen und Töchtern auf einige Stunden Kameradschaft schließen. Wenn die Lakaien den Bauernjungen die Nasen geputzt und die Kammerjungfern die Mädchen untersucht hatten, ob sie ordentlich gewaschen und gekämmt waren, durfte der Troß mit den größeren und kleineren Hoheiten an langgedeckten Tischen frischgestrichene Buttersemmeln verzehren, Milch trinken oder Kirschen und Birnen essen. Gewiß wird in dieser Form das Talent zur Herablassung bei den Großen herangebildet; ob aber auch wahre Demuth und Bescheidenheit, läßt sich bezweifeln. Wenn Arm und Reich, Gering und Vornehm zusammen gehen, so tobt sich der Necksinn, der Haschegeist der Jugend bei den letzteren allein aus. Der Vornehme erhält die erste Gelegenheit, seine Kraft, sein Vorrecht zu üben. Die Unbill der jungen Löwen müßte schon besonders wild und übermüthig werden, wenn die zuschauende Brille des Hofgelehrten bei einer Gewaltthat den Ausschlag nach der leidenden Seite hin geben sollte. Und mit dem fünfzehnten Jahre hört auch all diese angebahnte „Popularität“, dieser Umgang mit Menschenspielzeug auf. Dann bekommen die jungen Göttersöhne „ebenbürtige“ Gesellschaft, und grade umgekehrt – wäre besser gewesen. Bei erwachender Kraft sogleich Aufforderung zur Selbstbeschränkung, im ersten Vollgefühl sogleich der Bruch durch feinere Spielkameradschaft, die sich nicht unbedingt ergiebt, sondern zu wehren versteht, und dann dem gereiften Jüngling Bauer- oder Bürgerknaben – als Einblick in die Werkstätten der Arbeit und zum Studium des wirklichen Lebens! 0.464818763326226
113 In Prinzessin Marianne wohnte ein wirklich idyllischpoetischer gemüthvoller Sinn. Diese hohe Dame hätte am liebsten immer im Freien gelebt unter blauem Himmelszelt und wäre auf grünem Wiesenteppich am liebsten durchs Leben gewandelt. Ihre Tafel wurde, wenn irgend möglich, unter einigen Orangebäumen und Blumenterrassen an der Gartenfronte des kleinen, dumpfdüstern und etwas feuchten Schlosses aufgeschlagen. Ihr hoheitsvoller Schritt wandte sich gern mit werkthätiger Theilnahme mitten ins Leben der Armen. Sie suchte da auch für die christliche Wiedergeburt zu wirken, die damals den Pietismus in Preußen zu so hoher Geltung brachte. Daß aber ein freigewordenes Bewußtsein auch hier wieder von den wohlmeinenden Menschen leider abweichen muß! Die Gottseligkeit trat in dieser Sphäre nicht als das dürre Skelett auf, wie sich der Pietismus schon in einigen Kirchen und den Conventikeln zeigte oder mit jenem Cynismus, wie bei unserm apokalyptischen Vetter Wilhelm. Die Bedürfnisse des Luxus verschönerten ja das Prinzip der weltlichen Entsagung und hauchten auch darüber eine Grazie, die ihren eigenen speziellen Reiz hat. Der Erlöser wird hier nicht nur im Herzen getragen, sondern auch auf ihm, und ist dieß in Gestalt einer [119] Mosaik-Broche nach Carlo Dolce, was ist da groß Entsagung? Es schwebt dem gläubigen Blick nicht nur das Kreuz unsichtbar im Gehen und Wandeln vorm Auge, sondern an der Wand vermittelt ein Gemälde von Wach oder Begas, in schwerem goldnen Rahmen, das innere Bedürfniß des Herzens auch mit dem äußern des Auges. Die Großen haben gut ausrufen: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen!“ Der Herr schmückt ihnen ihr Haus mit Crucifixen von Silber, Breviarien voll reizender Miniaturen, Bibeln voll Handzeichnungen von Cornelius, mit bunten gebrannten Fensterscheiben nach Werken von Overbeck, mit geschnitzten Betstühlen aus Jacarandenholz. Sammetpolster erleichtern das Knieen. Franzen spielen um die zum Beten gekreuzten Hände. Der vornehme Pietismus kann an Pascal, an Paul Gerhard, an Angelus Silesius ein allgemein-literarisches, ein poetisch-geistreiches Interesse wie an Göthe und Jean Paul nehmen, während Schmolke und Arndts wahres Christenthum für die geistige und leibliche Armuth spezifisch völlig anders wirken, als Pascal, Paul Gerhard, Angelus Silesius für die vornehme Bildung wirken. Ein bekannter Monarch unter seinen Kupferstichmappen, unter seinen Grundrissen zu byzantinischen Bauten, unter seinem Studium des Puseyismus und der anglikanischen Kirche befriedigt mit diesem exclusiven Geschmack in sich ein spezifisch andres Bedürfniß, als sein Volk mit [120] dem Oberkirchenrath, der Gemeindezucht und der Sonntagsfeier oder der Arme mit seinem Porstenschen Gesangbuch befriedigen soll. Die grünen Pfingstmaien, die das Haus des Armen schmücken sollen, werden nicht von jenem Cedernbaum gebrochen, unter dessen heiligen Schatten sich die exclusive Bildung in reizendster Geistigkeit gehoben fühlt. Euch tischt der Pietismus goldne Früchte in silbernen Schalen auf, dem Armen aber auf kahlem Sandboden nur die ewig dürren Tannenzapfen der Entsagung! In Prinzessin Marianne wohnte ein idyllisch-poetischer, gemüthvoller Sinn. Die hohe Dame, aus Süddeutschland gebürtig, hätte am liebsten allzeit im Freien gelebt unter dem blauen Himmelszelt und wäre auf Wiesenteppichen durch’s Leben gewandelt. Wenn irgend möglich, so wurde ihre Tafel unter einigen Orangenbäumen und Blumenterrassen an der [87] Gartenfront des kleinen dumpfdüstern, etwas feuchten Schlosses aufgeschlagen. Sie trat gern mit werkthätiger Theilnahme mitten in’s Leben der Armen hinein und suchte dabei für christliche Wiedergeburt zu wirken, die damals immer mehr im Preise stieg. Diese Prinzessin hat viel zu verantworten für die Zeit des preußischen Abwärtsgehens von den Bahnen des Lichtes und des Fortschritts. Solche hochgestellte Günstlinge des Glücks haben gut reden von Wiedergeburt! Bei ihnen sorgt selbst für das Princip der Entsagung die Kunst, der Luxus. Die Einen decoriren ihre Zimmer mit frivolem Tande, die Anderen im nazarenischen Geschmack, wofür aus Gold, Silber, Bronze, Sammet, Seide, Holz genug Kostbarkeiten geschaffen werden. Die Großen haben leicht ausrufen: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen!“ Der Herr schmückt ihnen ihr Haus mit Crucifixen von Silber, Breviarien mit Miniaturen, Bibeln mit Handzeichnungen, bunten gebrannten Fensterscheiben, geschnitzten Betstühlen aus Jacarandenholz. Sammetpolster erleichtern das Knieen. Franzen spielen um die zum Beten gekreuzten Hände. Der vornehme Pietismus kann auch an Pascal, Paul Gerhard, Angelus Silesius ein allgemein-literarisches, poetisch-gestimmtes Interesse, wie nur an Goethe und Jean Paul, nehmen, während Schmolke und Arndt’s wahres Christenthum für die geistige und leibliche Armuth ganz anders wirken als Pascal, Paul Gerhard, Angelus Silesius für die vornehme Bildung. Friedrich Wilhelm IV., unter seinen Kupferstichmappen, seinen Grundrissen zu byzantinischen Bauten, dem Studium des Puseyismus und der anglikanischen Kirche hingegeben, befriedigte mit diesem exclusiven Geschmack ein spezifisch anderes Bedürfniß seiner innersten Natur, als sein Volk mit dem Oberkirchenrath, der Gemeindezucht und der Sonntagsfeier oder der Arme mit seinem Porst’schen Gesangbuch befriedigen soll. Die grünen Pfingstmaien, die das Haus der Armen schmücken, werden nicht von jenem Cedernbaum gebrochen, unter dessen Schatten sich die exclusive Bildung in reizendster Geistigkeit gehoben fühlt. Euch tischt der Pietismus goldene Früchte in silbernen Schalen auf, dem Armen auf kahlem Sandboden nur die ewig dürren Tannenzapfen der Entsagung! 0.5139664804469274
114 Die Heuchelei und der Fanatismus beißen freilich auch auf diese Tannenzapfen an. Was wird nicht in der Nähe der Großen geheuchelt und schaamlos gelogen! Diese edle Fürstin mahnte überall zur Bekehrung. Die Sünder schlugen die lügenden Augen nieder, andre Wiedergeborne hoben sie verzückt empor. Und leider läßt sich eine gute Seite selbst der Heuchelei nicht absprechen. Die äußern Sitten mildern sich; wenigstens scheinbar kehrt man einen Menschen heraus, der seine Leidenschaften bekämpft. Wie lange es währt, wie lange man den innern morschen Schwamm verbirgt, wie lange sich die Großen ihre Umgebung künstlich wie eine grüne stille Vegetation erschaffen, endlich wird doch die Wahrheit an den Tag kommen und die grüne Fläche sind dann Wasserlinsen auf einem Sumpf gewesen. Sie wollen es aber nicht hören, sie suchen keine Aufklärung, sie lassen [121] Alles ununtersucht hingehen, wenn nur nicht die Täuschung sich von selber aufdeckt und die Heuchler, denen Güte und Vertrauen die meisten Wohlthaten zuwandte, sich zuletzt auch zu scheußlich undankbar und grauenvoll unwürdig zeigen. An Beispielen für diese bittere Erfahrung fehlte es nicht in jenem hohen, von einem Kinde beobachteten Kreise. [88] Freilich beißen Heuchelei und – zugegeben – der Fanatismus auch auf solche Tannenzapfen an. Was wird nicht in der Nähe der Großen geheuchelt und gelogen! Diese Fürstin mahnte Jeden zur Bekehrung. Sie fuhr aus einer pietistischen Predigt in die andere. Bei Schleiermacher sah man sie nicht. Wie schlugen die Sünder ihre lügenhaften Augen vor ihr nieder, andere Wiedergeborne wieder entzückt empor! O wohl! Eine einzige gute Seite läßt sich der Heuchelei nicht absprechen. Sie mildert wenigstens zum Schein die Sitten; sie läßt einen Menschen herauskehren, der seine Leidenschaften bezwingt. Die Großen brauchen lange, bis sie den faulen Grund um sich her, die Lüge und Verstellung erkennen; ja sie wollen auch lieber Alles ununtersucht lassen, wenn nur nicht die Täuschung von selbst sich aufdrängt und die Heuchler, denen Güte und Vertrauen die meisten Wohlthaten geschenkt hatte, sich zuletzt so scheußlich undankbar und als gemeine Betrüger enthüllen. Von dem Tage an, wo die hohe Herrin pietistisch wurde, trat in ihrem und ihres Gatten Hofstaat, von den hohen Regionen bis in die untersten, Veränderung über Veränderung ein. 0.33668341708542715
115 Der Apokalyptiker hatte auch hierin den rechten Maaßstab. Er machte kein Wesens von der Frömmigkeit der Großen. Wenn die Carossen an der Spittel- oder Georgen- oder Böhmischen Kirche so dicht gedrängt standen, daß die Armen kaum zur Thüre einkonnten, lächelte er über die geputzte Herrlichkeit und kam meistentheils auf die Pharisäer zurück und den Spruch vom Nadelöhr, durch das eher ein Kameel hindurch käme, als daß ein Reicher ins Himmelreich käme. Er erklärte, den Wahn der Großen wohl zu kennen, die sich einbildeten, auch dermaleinst im Himmel, wie in der Spittelkirche, die ersten Plätze, wie der Kanzel so dem Throne Gottes gegenüber, zu erhalten. Sehr verdächtig war ihm die neue Hof- und Dom-Agende mit ihrer katholischen Liturgie. Er witterte auch darin etwas von den geheimen Künsten seiner „Propriande“, die nicht eher ruhen würde, als bis in Berlin ein römischer Bischof säße. Sind die apokalyptischen Zeiten nun nicht da? Auch hier hatte der Apokalyptiker den richtigen Maßstab. Vom Frommsein der Großen machte er nicht viel Wesens. Wenn an der Spittel- oder Georgen- oder Böhmischen Kirche die Carossen dicht gedrängt standen, so daß die Armen kaum zur Thür hineinkonnten, lächelte er über so viel geputzte Herrlichkeit und kam auf die Pharisäer zurück und den Spruch vom Nadelöhr, durch das eher ein Kameel hindurchginge, als daß ein Reicher in’s Himmelreich käme. Er erklärte, wohl den Wahn der Großen zu kennen, daß sie sich einbildeten, dermaleinst auch im Himmel, wie in der Spittelkirche, die ersten Plätze reservirt zu bekommen. Sehr verdächtig war ihm die neue Hof- und Dom-Agende mit ihrer katholisch anmuthenden Liturgie. Auch darin witterte er etwas von den geheimen Künsten der „Propriande“, die immerfort im Geheimen wühle und nicht eher ruhen würde, bis nicht „in Berlin ein römischer Bischof säße“. Sind diese apokalyptischen Zeiten nicht schon da? 0.7022900763358778
116 Charlottenburg und die Veste Spandau wurden dem Bruder zu Lieb besucht, der alle zwei Jahre dort [122] in Garnison stand. Diese Reisewanderungen mit allem Reiz der buntesten Abwechselung begannen Sonntags in erster geheimster Morgenfrühe. Grau und leichenfahl lag noch Dämmerung auf allen Straßen; sogar der weltberühmte Berliner Staub war noch vom Thau befeuchtet niedergeschlagen. Durch den grünen Kastanienwald der Universität schimmerte ein lichter Streifen purpurgelber Frühröthe. Schlimme Vorbedeutung, wenn auf dem nahen „Hühnerhof“ die Hähne krähten und es Regen geben konnte! Unter den Linden, in den Palästen der Vornehmen alles noch im tiefsten Schlummer, selbst diejenigen Läden noch geschlossen, die sich am ersten zu öffnen pflegen, die der Bäcker. Im Thiergarten dann, wie zwitscherte es von allen Zweigen! An der breiten, wohlgepflegten Kunststraße entlang rechts und links ziehen sich niedere Wege, die in frohem Gleichschritt erwartungsvoll glückselig durchmessen wurden. Durch die Säulen des Brandenburger Thores mehrte sich schon die Gluth der erwachenden Sonne. Die Hähne hatten Unrecht. Es giebt das herrlichste Wetter. Der Thiergarten, damals noch so wild, so verworren, so sumpfigüppig. Noch herrschte hier Herr Fintelmann, nicht der Parkologe Lenné. Hinter dem früheren „Venusbassin“, späteren prosaischeren Karpfenteich, linker Hand vom Wege, wucherte es von Schaafgarben, Winden, Farrenkräutern, Schirling und [123] Wolfsmilch. Eidechsen huschen in die hohen Gräser. Rechts der Blick nach dem sogar von Delille besungenen Bellevüe und der vielbewunderten bronzenen Kanone, die Prinz August, ein berühmter Held (in der Prusse galante), eigenhändig von Franzosen erobert haben soll. Nun kam das freundliche Rondeel, das mit einigen finger- und nasenlosen Sandsteinfiguren geziert war und vom Volke ohne besondere Kunstneigung: „Die Puppen“, („hochdeutsch“: „Die Pupfen“) genannt wurde, sonst aber, zu Knobelsdorfs Zeiten, auch poetischer, der „große Stern“ hieß. Rings geschnittene Hecken. Die Gränze Bellevües mit einem erhöhten chinesischen Pavillon. Weiter schreitend mehrte sich die wilde Sumpfvegetation. Lazerten und Frösche huschen erschreckend vor den Frühwanderern in das bergende Dickicht, wo auf moorigem Boden die fächerpalmenartigen Farrenkräuter sich strecken, die lockenden Blüthen der giftigen Aaronswurzel auf schwarzbraunem Stengel sich wiegen, gelbweiße große Pilze sich von einem inzwischen abgebrochenen grünen Wanderstecken eine rasche Zerstörung gefallen lassen müssen. Endlich war der Schlagbaum der Wegegeldabgabe erreicht, wo ein Wagenlenker des Königs noch kürzlich, an den Säulen anstreifend, den Hals bricht. Der Unfall wird vom Vater in den kleinsten Details erzählt, ganz so, wie die Mutter seine schauerliche Ausführlichkeit und allzulebhafte Phantasie „in [124] den Tod“ nicht leiden konnte. Schon blitzten die Sonnenstrahlen inzwischen in voller Kraft und vergoldeten die Fasanerie, das Crelingerberühmte „Knie“ und vor dem Blicke liegend nun Charlottenburg, wo es schon lebendig geworden. Rüstete sich hier Sonntags doch alles auf die Gäste der großen Residenz. Da öffneten sich die Jalousieen der Sommerwohnungen, Blumen, besonders die Lieblinge jener Epoche, die Hortensien, wurden erfrischt, die Wege vorm Hause gegen den drohenden Sonntagsstaub im Voraus benetzt. Links belebte sich schon der große Platz, wo der berühmte Kolter seine halsbrechenden Seiltänzerkünste zeigte. Und die Bäckerläden sind offen! Vorräthe für Spandau werden frisch vom heißen Brett gekauft! Wie knistert das warme gelbe Brod! Wie wird die Waare von Charlottenburg gerühmt, mit der Berliner verglichen, wie wird die großstädtische Bäckerinnung als die selbstsüchtigste, hochmüthigste und „bredalste“ (brutalste) aller Berliner Gilden attakirt! Das stolze Schloß zur Rechten mit seinem grünen Kupferdach und der goldnen Krone unterbricht diese Vergleiche. Jetzt würde sich der Blick an dem Wetteifer laben, der in diesem stattlichen Gebäude zwischen seinen beiden sich so feindlichen Erbauern, Schlüter und Eosander von Göthe, erkennbar ist; damals lag die ganze Herrlichkeit dieses Schlosses nur in einer großen Gartenglocke, die im Parkteiche uralte be-[125]mooste Karpfenhäupter auf den obern Wasserspiegel lockt. Das Ohr lauschte dem Wiehern und Kettenrasseln an den linksliegenden Ställen der helmbebuschten Eisenreiter. Diese gewaltigen Reisige ruft eben die Trompete zum Füttern der Pferde. Wie solche Morgenreveilletöne, ob nun in Kirchenvigilien oder im zweiten Akt von Mehuls Joseph in Egypten oder wie hier bei Kriegern, so liebevoll beredsam zum Leben aufrufen! Die Reveillecadenz der Berliner Signalhörner, aufsteigend erst, dann sich senkend, dann so lang hingezogen und in den Sonnenaufgang hinein melancholisch verhallend, ist des Knaben süßeste erste musikalische Erinnerung. Hier bei den Reitern hatte die schmetternde Trompete nicht den schönen Tonfall wie das Signalhorn von der Königswache in Berlin herüber durch den Kastanienwald, aber mit frohem Muthe ging es doch hinter den Magazinen der Gardes du Corps jetzt der steigenden Sandebene zu, die damals ein mühseliger Weg nach Spandau durchschnitt. Jetzt braust hier die Locomotive; damals war noch nicht einmal jene Kunststraße gebaut, von der man erzählte, daß sie ein gewaltthätiger bürgerlicher Gutsbesitzer, der im Jähzorn einen Knecht erschlagen, zur Ablösung der Todesstrafe hatte erbauen müssen. Diese mühselige Wanderung über die sandige Steppe, die dünngesäeten Kornfelder und die allein nur hier ganz gedeihenden, blühenden Kartoffeln! Dennoch sang die Lerche hier so gut, [126] wie sie nur auf der goldnen Aue singen mag, sie hob sich, sie schwebte, sie wirbelte nieder und machte Muth, tapfer auszuharren. Kam doch hinter einer großen einsamen Windmühle bald eine Waldstrecke, die gegen den nun schon immer heißeren Sonnenstrahl Schatten bot. Es waren nur Tannen, nur Birken, aber sie standen dichtgeschaart. Ueber ihre knorrigen aus der Erde starrenden Wurzeln hinweg schritt sich’s wohlig und heiter und oft betrachteten wir die Stelle, wo in dieser verrufenen, bis nach Potsdam sich hinziehenden Waldwildniß bei nächtlicher Rückkehr von Berlin der Bruder von „Räubern“ angefallen war und mit seinem Säbel sich erst hatte Weg bahnen müssen. Endlich öffneten sich die Niederungen, die zur rechtsherum mit gefälligster Waldumkränzung sich ziehenden Spree führten. Der Weg ging abwärts und bot in den sich niedersenkenden Baumgruppen, durch die die Sonnenlichter, die grünen Wiesen, die Wogen des Flusses und schon die Thürme Spandau’s mit ihren goldnen Zifferblättern blitzten, während links der Wald an Dichtigkeit zunehmend, emporstieg zu der „Gebirgskette“ der Pichelsberge, einen malerischen Anblick. Nun quer um Heck und Zaun herum über die Wiesen. An einem langen Erdwall wurde still gehalten. Hier unter hunderttausenden weißer Sternblümchen lagen die gefallenen jungen Freiwilligen, die 1813 Spandau von den [127] Franzosen zurückerobern wollten. Es läuteten schon die Glocken der nahen Stadt herüber zur Kirche. Rechts lag schon die wasserumgürtete uralte, von Italienern unter Leitung des Florentinischen Grafen von Lynar erbaute Festung mit der schwarzweißen Fahne. Der von der Jungfernheide malerisch umkränzte Fluß belebte sich oder „Schifferkähne“ hielten Sonntagsrast an seinen Ufern. Eine schwarzweiß bemalte Zugbrücke führte endlich in die Stadt, deren Thor ein gewaltiger Thurm schützte, den sich die Knaben-Phantasie nur als über und über mit Pulver angefüllt dachte. Der Vater öffnete den Deckel seiner Pfeife, schüttete die Asche in den Zusammenfluß der Spree mit der Havel, steckte den noch heißen Pfeifenkopf in die Tasche, wünschte dem Brückenmeister einen guten Morgen! Man war in Spandau. Charlottenburg und die Veste Spandau wurden dem [89] Bruder zu Liebe besucht, der alle zwei Jahre dort in Garnison stand. Diese Reisewanderungen begannen gewöhnlich Sonntags in erster Morgenfrühe. Grau und leichenhaft lag noch die scheidende Nachtdämmerung auf allen Straßen; sogar der weltberühmte Berliner Staub war vom Thau niedergeschlagen. Durch den grünen Kastanienwald der Universität schimmerte ein lichter Streifen, der purpurrothgelbe Herold der Sonne. Schlimme Vorbedeutung, wenn auf dem nahen „Hühnerhof“, neben dem jetzigen chemischen Universitätslaboratorium, die Hähne krähten. Dann konnte es Regen geben. In solchen Fällen vertauschten sich die Charaktere der Eltern; der Vater wurde Optimist, die Mutter Pessimist. Unter den Linden, in den Palästen der Vornehmen lag Alles noch im tiefsten Schlummer, selbst diejenigen Läden, die sich am ersten zu öffnen pflegen, die der Bäcker, waren noch geschlossen. Im Thiergarten zwitscherte es von allen Zweigen. Die breite, wohlgepflegte Kunststraße entlang ziehen sich rechts und links niedere Wege, die in frohem Gleichschritt erwartungsvoll durchmessen wurden. Durch die Säulen des Brandenburger Thores mehrte sich die Gluth der erwachenden Sonne. Die Hähne hatten Unrecht gehabt. Es giebt das herrlichste Wetter. Der Thiergarten, wildverworren, sumpfigüppig, wurde noch von einem Herrn Fintelmann, nicht dem Parkologen Lenné beherrscht. Hinter dem früheren „Venusbassin“, späteren prosaischeren Karpfen-, dann Goldfischteich, linker Hand vom Wege, wucherte es von Schaafgarben, Winden, Farrenkräutern, Schierling und Wolfsmilch. Es war die volle Vegetation des Sumpfes. Eidechsen huschten unter den hohen Gräsern dahin. Rechts hatte man den Blick nach dem Schloß Bellevue, das sogar Delille besungen hat, mit der vielbewunderten bronzenen Kanone, welche Prinz August (ein berühmter Held auch in der Prusse galante) eigenhändig von den Franzosen erobert haben soll. Nun kam das freundliche „Rondeel“, das mit einigen finger- und nasenlosen Sandsteinfiguren geziert war und vom Volke: „die Puppen“ (hochdeutsch: „die Pupfen“) genannt wurde, sonst aber schon zu Knobelsdorf’s, des Thiergartenschöpfers, Zeiten poetischer der „große Stern“ hieß. Rings geschnittene Hecken. Die Grenze Bellevues [90] bezeichnete ein erhöhter chinesischer Pavillon, im Volke Regenschirm genannt. Weiter schreitend mehrte sich die Sumpfvegetation. Lazerten, Frösche huschten vor den Frühwanderern in ein Dickicht, wo auf moorigem Boden die fächerpalmartigen Farrenkräuter sich streckten, die lockenden Blüthen der giftigen Aaronswurzel auf schwarzbraunem Stengel sich wiegten, gelbweiße große Pilze sich von einem inzwischen abgebrochenen grünen Wanderstecken eine rasche Zerstörung gefallen lassen mußten. Endlich war der Schlagbaum der Wegegeldabgabe erreicht. Hier hatte noch vor Kurzem ein Wagenlenker des Königs, anfahrend an Säulen, die nicht mehr vorhanden sind, den Hals gebrochen. Dieser Unfall wurde vom Vater in den kleinsten Details und ganz so erzählt, wie die Mutter seine schauerliche Ausführlichkeit und allzu lebhafte Phantasie „in den Tod nicht leiden konnte“. Schon blitzten inzwischen die Sonnenstrahlen mit voller Kraft und vergoldeten Charlottenburg, wo sich bereits Leben zeigte. Rüstete sich doch der fast ganz aus einstöckigen Häusern bestehende Ort, in seinen Wirthschaften und Tanzböden die Gäste der großen Residenz zu empfangen. Eben öffneten sich die Jalousieen der „Sommerwohnungen“, die Blumen vor’m Fenster, die Lieblinge jener Epoche, die Hortensien, wurden erfrischt, die Wege vor’m Hause wurden gegen den drohenden Sonntagsstaub im Voraus benetzt. Links belebte sich der große Platz, wo der berühmte Kolter seine halsbrechenden Seiltänzerkünste zeigte. Die Bäckerläden sind offen! Vorräthe für Spandau werden vom noch heißen Brett gekauft! Wie knisterte das warme gelbe Brot! Wie wird die Waare von Charlottenburg gerühmt, verglichen mit Berlins so „elender“! Wie wird die Berliner Bäckerinnung als die selbstsüchtigste, hochmüthigste und „bredalste“ (brutalste) aller Berliner Gilden nächst der Schlächter- und Brauerinnung attakirt! Das stolze Schloß zur Rechten mit seinem grünen Kupferdach und der goldnen Krone unterbricht diese mit den baldigen Strafgerichten der Polizei drohenden Vergleiche. Schlüter und Eosander von Goethe bauten es gemeinschaftlich, obschon sie sich haßten; für den Knaben aber lag die ganze Herrlichkeit dieses Schlosses nur in einer Gartenglocke, die in einem Teiche des daran ge-[91]legenen Parks alte bemooste Karpfenhäupter auf den oberen Wasserspiegel lockte. Aber diesmal gab es hier keine Rast. Immer vorwärts, und immer zu Fuß! Zwei Meilen hin und zwei Meilen am Abend zurück –! Die Trompete aus den linksliegenden Ställen der helmbebuschten, zu Charlottenburg in Garnison liegenden Eisenreiter giebt Muth –! Morgenreveilletöne – ach! ob in Kirchenvigilien oder im zweiten Act von Mehul’s Joseph in Egypten oder wie hier bei den Kriegern – wie rufen sie so beredsam zum Leben auf –! Die Reveillecadenz der damaligen Berliner Signalhörner, erst aufsteigend, dann sich senkend, dann lang hingezogen und in den Sonnenaufgang hinein melancholisch verhallend, ist des Knaben erste musikalische Erinnerung. Hier bei den Reitern hatte die Trompete nicht den schönen Tonfall wie das Signalhorn von der Königswache in Berlin herüber durch den Kastanienwald hindurch. Aber! Vorwärts! Vorwärts! Keine Träumerei! Es geht den Sandberg hinauf, der jetzt als „Westend“ für die Berliner ein Paradies geworden ist, wenigstens in den Prospecten der Actienbaugesellschaften. Damals existirte noch nicht einmal die Chaussee, von welcher man erzählte, daß ein gewaltthätiger bürgerlicher Gutsbesitzer, der vielberufene Grützmacher, der im Jähzorn einen Knecht erschlagen hatte, zur Ablösung der Strafe sie hätte erbauen müssen. Die mühselige Wanderung über diese sandige Steppe, diese dünngesäeten Kornfelder, diese unabsehbaren Kartoffeln! Das ist wahr, die Lerche sang so gut wie auf der goldnen Aue in Thüringen. Sie hob sich, schwebte, wirbelte nieder und machte Muth, tapfer auszuharren. Hinter einer großen, einsam gelegenen Windmühle kam endlich eine Waldstrecke, die gegen den nun schon immer heißeren Sonnenstrahl Schatten bot. Nur Tannen, nur Birken sah man, aber sie standen dichtgeschaart. Ueber ihre knorrigen, aus der Erde starrenden Wurzeln hinweg schritt sich’s so wohlig. Hier, wo sich der Buchhändler Schaefer, geadelt als Herr „von Schäfer-Voit“, von den Erträgnissen seines Modejournals „Bazar“ eine Villa erbaut hat, war für den Knaben die classische Stelle, wo der Bruder, von Berlin nach Spandau wandernd, trotz seiner Uniform von „Räubern“ angefallen wurde und sich erst mit dem [92] Säbel hatte Weg bahnen müssen. Endlich öffneten sich die Niederungen zur Spree, die sich mit gefälligster Waldumkränzung darbietet. Vom „Spandauer Bock“ (oder „Bug“ oder „Beuge“ –?) ging der Weg abwärts und bot in den sich senkenden Baumgruppen, durch welche die Sonnenlichter, die grünen Wiesen, die Wogen des Flusses und schon die Thürme Spandaus mit ihren goldenen Zifferblättern blitzten, während links der Wald an Dichtigkeit zunahm und emporstieg zur „Bergkette“ der Pichelsberge, einen malerischen Anblick. Nun ging es quer um Heck und Zaun herum über die Wiesen, wenn diese trocken waren. An einem langen Erdwall wurde still gehalten. Hier, unter hunderttausenden weißer Sternblümchen, lagen die gefallenen jungen Freiwilligen, die 1813 Spandau von den Franzosen säubern wollten. Schon läuteten die Glocken der bald erreichten Stadt herüber zur Kirche. Rechts lag die wasserumgürtete, uralte, von Italienern, unter Leitung des Florentinischen Grafen Lynar, erbaute Festung mit der schwarzweißen Fahne. Der Fluß, malerisch umkränzt vom dunkeln Grün der Jungfernheide, belebte sich mit kleinen Booten. Die größeren „Schifferkähne“ hielten Sonntagsrast um die schwarzweiß bemalte Zugbrücke, die endlich in die Stadt führte, deren Thor ein gewaltiger Thurm schützte. Knaben-Phantasie dachte sich ihn über und über mit Pulver gefüllt. Der Vater öffnete sogleich den Deckel seiner Pfeife, schüttete vorsichtig die Asche in den Zusammenfluß der Spree mit der Havel, steckte den noch heißen Pfeifenkopf ein, wünschte dem Brückenmeister einen frisch aus Berlin gekommenen Guten Morgen! und wir waren in Spandau. 0.6196172248803827
117 Diese mühselige dreistündige Wanderung mit Weib und Kind, mit Verwandten und liebendem Anhang! Und Abends zu Fuß zurück mit gleichem Muthe! Die Belohnung, den Bruder mit dem stolzen schwankenden Federbusch auf dem Appell zu sehen, seine kommandirende Stimme bei der Kirchenparade zu hören, sein Quartier hinterm Kinkel-berühmten Zuchthause zu besuchen, Nachmittags in die innere Festung zu wandern, den Juliusthurm, die Baukünste der Italiener und jenes poetischen, abenteuerlichen Lynar, der am Tassohofe von Ferrara erzogen, die Mark mit Italien vermit-[128]telte, zu bestaunen, sich dort wiegen und im uralten Wagebuch notiren zu lassen, dann auf dem Schützenhause die Philister kegeln zu sehen, welche Reisebelohnung! Zu fragen und zu träumen, zu gaffen und zu hören gab es da Unermeßliches. Nicht nur die großartigen Thatsachen vom Glaçis, von den Laufgräben, von Pallisaden, Schanzkörben, den Ueberschwemmungsschleusen, den Kasematten, den Mörsern, den Bomben – die Festung hat mit ihrem Wasser, ihren Bauholzplätzen, pappelgeschmückten Eingangsthoren etwas Holländisches und würde sich mit Winterstaffage ganz wie ein Vandervelde ausnehmen – nicht nur die Chronik des Zuchthauses, die von den galgenwürdigsten Verbrechern, die Chronik der Festung, die von Studenten mit langen Haaren und Bärten erzählte, sondern auch die kleine Bürgerwelt nahm den gaffenden, horchenden, lauernden Kindersinn gefangen und wär’ es nur eine Spandauer Tischler- oder Schusterwerkstatt gewesen, durch deren sonntägliche Ruhe man hindurchschreiten mußte, um in’s Quartier des Bruders zu kommen, oder ein Kamerad, der von seiner schlesischen Heimath erzählte, oder die Frau des Feldwebels, die die Großartige spielen wollte und die fremden Gäste lukullisch zu bewirthen sich tummelte. Wie wurde inzwischen wieder das Brod von Spandau gerühmt! Wie wurden diese schlichten kleinstädtischen Bäcker wieder den Berlinern [129] zum Muster empfohlen! Wie wurden Fleisch, Mehl, Hülsenfrüchte in ihren laufenden Preisen und ihrer unverfälschten, quellenreinen Güte mit der Theurung in der sündenverlornen, lug- und trugergebenen Hauptstadt verglichen! Die halbe Welt der Kleinen dreht sich ja um nichts, als um die nächste Existenz und die Chronik des Marktes. Man reichte sich wonnevoll das Weißbrod im Kreise, pries die Krume, wie locker, wie ausgebacken sie war. Man bewunderte den Reichthum an kleinen, weißen, rothflossigen Fischen, den die zur Havel gewordene Spree wohlfeil abwarf. Konnte man einen so glücklichen Ort verlassen, ohne sich noch einen Sack voll gedörrten Obstes mitzunehmen? Wie glücklich wurde der gepriesen, der hier im Bunde mit vier oder fünf Nachbarn ein Schwein sich mästen, für sich allein drei Gänse im Koben „nudeln“ konnte! Welch ein unerschöpfliches Thema dieser Kampf der geringen Mittel mit dem großen Bedürfniß des Lebens! Und wie weiß es Einer immer besser, als der Andre! Wie reich sind diese Erfahrungen, wie mannichfach diese Methoden zum Leben! Sparen, zu Etwas kommen, sich einrichten, das sind die gemeinsamen Ziele des gemeinsamen Wettlaufes, wo es aber die kleine runde Frau des Einen so, die magere lange des Andern ganz anders anfängt. O die Männer müssen denken und sollen auch denken, sie hätten Hennen mit goldnen Eiern geheirathet. Die [130] Männer schweigen zu all den Frauenprahlereien, blicken nur ernst, hören den Zungenherrlichkeiten mit holländischer Geduld zu, rauchen gläubig oder lächelnd ungläubig aus den kurzen thönernen Staatspfeifen, trinken ihr leckeres Spandauer Bier und erfahren jetzt erst, was ihnen eigentlich in ihren Ehehälften für eine wunderbare Bescheerung wurde. Manche schäkern wohl auch mit den fremden Weibsen, verlassen die Parthie ihrer Frau, schmunzeln mit der redseligen Spandauer Frau Meisterin, die ein so windschnelles Mundwerk hat. Das setzt dann hintennach tragische Heimgangsdialoge, schmollende, ohnehin prickelnde Ermüdungsvorwürfe, zankende Gardinenpredigten … und die sonnenhellsten Tage endeten dann wohl gar, wie die Hähne prophezeit hatten, wirklich mit Blitz und Donner … und „kein Mensch mehr brächte Einen dahinüber nach Spandau …“ und um das Unglück voll zu machen, kochen sich hintennach die mitgebrachten gebackenen Dürrfrüchte ganz erbärmlich, sind steinhart und reichen nicht im Entferntesten an die Waare, die man von dem großstädtischen Vorkosthändler an der Friedrichs- und Dorotheenstraßenecke geliefert bekommt. Durchzieht diese Staffage mit einigen wunderlichen Lebensverwickelungen, so habt Ihr die ganze Welt des norddeutschen kleinen Bürgers und seines Lebens einzige bescheidene Romantik! Diese mühselige vierstündige Wanderung mit Weib und Kind, mit Verwandten und allerlei liebendem Anhang! Und Abends wieder zu Fuß zurück und mit gleicher Ausdauer! Nichts von Eisenbahn oder Tramway oder „Kremser!“ Die Belohnung, den Bruder mit dem stolzen schwankenden Haarbusch auf dem „Czako“ beim Appell zu sehen, seine kommandirende Stimme bei der Kirchenparade zu hören, sein Quartier hinter’m Zuchthause (Kinkel’schen Andenkens) zu besuchen, Nachmittags in die innere Festung zu wandern, den Juliusthurm, die Baukünste der Italiener und jenes poetischen, aben-[93]teuerlichen Lynar, der am Tassohofe von Ferrara erzogen, die Mark mit Italien vermitteln wollte, zu bestaunen, sich daselbst wiegen und seine Schwere in einem uralten Wagebuch notiren zu lassen, dann auf dem Schützenhause die Philister kegeln zu sehen, alles das war die Reisebelohnung! Zu fragen und zu träumen, zu gaffen und zu hören gab es hier die Fülle. Nicht nur die großartigen Thatsachen vom „Glacis“, von den „Laufgräben“, „Pallisaden“, Schanzkörben, den Ueberschwemmungsschleusen, Kasematten, Mörsern, Bomben (die Festung hat mit ihrem Wasser, ihren Bauholzplätzen, pappelgeschmückten Eingangsthoren einen holländischen Charakter, zumal mit Winterstaffage würde sie sich wie ein Vandervelde ausnehmen –), nicht nur die Chronik des Zuchthauses gehörte dazu, die von den galgenwürdigsten Verbrechern, oder die Chronik der Festung, die von Studenten mit langen Demagogenhaaren und Bärten erzählte, sondern auch die kleine Bürgerwelt, das ganze menschliche Sein in Spandau. Alles nahm den gaffenden, horchenden, lauernden Kindersinn gefangen, eine Spandauer Tischler-, eine Schmiedewerkstatt, durch deren sonntägliche Ruhe man hindurchschreiten mußte, um in’s Quartier des Bruders zu gelangen. Da erzählt ein Kamerad des Bruders von seiner schlesischen Heimath Wunderdinge. Oder die Frau des Feldwebels entwickelt Großartigkeit und tummelt sich, die fremden Gäste lukullisch zu bewirthen. Wie wurde jetzt wieder das Brot von Spandau gerühmt! Letztres war nun noch vollkommner als das Charlottenburger. Wie wurden Fleisch, Mehl, Hülsenfrüchte in ihren laufenden Preisen, ihrer unverfälschten, quellenreinen Güte mit der Theurung in der schon damals, bei nur 200,000 Einwohnern schon als sündenverloren, lug- und trugergeben bezeichneten Hauptstadt verglichen! Die halbe Welt der Kleinen dreht sich um nichts als um die eigene Existenz, um die Chronik des Markts. Man reichte sich das Weißbrot im Kreise, pries die Krume, wie locker, wie ausgebacken sie sei. Man bewunderte einen Reichthum an kleinen, weißen, rothflossigen Fischen, den die hier zur Havel gewordene Spree abwarf. Konnte man einen so glücklichen Ort verlassen, ohne sich nicht noch einen Sack gedörrten Obstes mitzunehmen? Wie glücklich wurde der gepriesen, der sich hier [94] im Bunde mit vier oder fünf Nachbarn ein Schwein mästen oder für sich allein im Koben drei Gänse „nudeln“ konnte! Ein unerschöpfliches Thema dieser Kampf der geringen Mittel mit dem großen Bedürfniß des Lebens. Und wie weiß es Einer besser als der Andre! Wie reich sind die Erfahrungen, wie mannigfach die Methoden zum richtig und gut leben! Sparen, zu Etwas kommen, sich einrichten, das sind die gemeinsamen Ziele des gemeinsamen Wettlaufs, doch fängt es dabei die eine kleine runde Frau so an, die andre magere lange anders. Die Männer müssen denken und sollen es auch, sie hätten mit ihren Hälften Hennen, die goldne Eier legen, geheirathet. Sie schweigen höchstverwundert zu all’ den Frauenprahlereien, blicken ganz verdutzt, hören den Zungenherrlichkeiten mit holländischer Geduld zu, lange thönerne Staatspfeifen dabei im Munde, und erfahren erst jetzt, was ihnen in ihren Ehehälften für wunderbare Bescheerungen zu Theil wurden. Fällt ihnen aber dann, im Bewußtsein, daß ihr Schweigen zu so viel Prahlerei Anerkennung verdient haben müßte, ein, ein wenig mit der Frau des Feldwebels zu schäkern, sich mit der Frau Tischlermeisterin von nebenan zu necken, schmunzeln sie mit einer Witwe, die schon zwei Männer begraben hat, so entwickeln sich auf all die Herrlichkeit, all den idyllischen Genuß, tragische Heimgangsdialoge, schmollende Ermüdungsvorwürfe, zuletzt Gardinenpredigten. „Kein Mensch mehr brächte Einen dahinüber nach Spandau –“ heißt es dann wol. Und kochen sich dann gar hintennach die mitgebrachten gebackenen Dürrfrüchte ganz erbärmlich, sind sie steinhart und reichen nicht im Entferntesten an die schöne ausgezeichnete Waare, die man von dem großstädtischen Vorkosthändler an der Friedrichs- und Dorotheenstraßenecke geliefert bekommt, so ist die Bescheerung voll und vor Jahr und Tag wird ein Ereigniß nicht wiederholt, das man nur noch mit einigen wunderlichen Lebensverwicklungen zu verbinden hat, um die Welt des norddeutschen kleinen Bürgers und seines Lebens bescheidene Romantik mit „dorfgeschichtlicher Treue“ vor Augen zu haben. 0.6069364161849711
118 [131] Wohin horcht nicht alles ein Kinderohr und schleicht sich leise in die Menschenzustände ein! Es ahnt so früh, so früh schon auch die zerreißende Dissonanz des Lebens. Das Kind schreit auf, wenn der Druck des rauhen Daseins und der Unbildung auf die zarte Seele auch zu hart, zu plump gewaltthätig wird. Es möchte so gern in Liebe alles verbinden, jeden Zwiespalt versöhnen, überall nur Glück und Freude sehen. Die Vögel können aber im Sturm nicht ängstlicher flattern, wie ein Kinderherz zittert, wenn nur schon die Wolken heraufziehen, die Leidenschaften so im Voraus erst plänkeln, erst schußfertig sind, noch gar nicht pelotonweise losstürmen. Aber kommen dann die Salven, kommen dann die rechten Kreuzfeuer, Ladung auf Ladung, wie fliegen die jammernden Friedensstifter hin und her und beschwören die Partheien bei allen Himmeln, allen Paradiesen, abzulassen von der schnöden, wilden Menschennatur! Und immer schwerer wird das Weh in der Kinderbrust. Es ballt sich beim Anblick so vieler Wildheit die Wolke zusammen, die nun gleich regnen muß. Sie kann sich nicht mehr halten in der freien Luftschwebe, sie muß hernieder, muß weinen. Armer Narr! Gewöhne dich nur an den Einblick in die bewußte Thatkraft des mündigen Lebens, an dies Unglück, an jenes Verbrechen, an tausend Rechnungen, die nicht mehr so aufgehen, wie deine ersten Exempel auf der schwarzen Schiefertafel! Da kommt ein Haufe Men-[132]schen. Ein Reiter stürzte, wird getragen, das Pferd zerschlug ihm mit dem Huf die Brust; er sieht noch etwas wie irr im Kreise um sich, das Auge bricht, er ist todt. Ein lieber Gespiele legt sich aufs Krankenlager, sie fahren ihn im Sarge hinaus auf den Friedhof. Die Erfüllung eines Wunsches, die ein Großer den Eltern verspricht, schlägt fehl. Der Vater kommt händeringend, er hat einen Brief mit Geld verloren, der nicht ihm gehörte. Bei einem Verwandten wird gestohlen, eingebrochen, der Armuth noch ihre Dürftigkeit geraubt. Der Druck schlechter Zeiten, das Zurückgehen der Geschäfte sind Dämonen, die sich mit kummervoller Miene, das Haupt aufstützend in einem Winkel der Stube wie der jüdische Dalles hocken, keine Antwort geben, wenn man sie anredet, starr zur Erde niederblicken und im Kinde die ersten Zweifel an Gottes liebendem Vaterherzen wecken. O wie verdunkelt sich immer mehr der blaue Wolkengrund, in dem sich das Kind leibhaftig thronend auf goldnen Sonnenstreifen den Herrn der Erde, den Vater im Himmel dachte! So leibhaftig, so wie gemalt im Bilde schwebt im Abendsonnenlicht der ernste Patriarch mit ehrwürdigem Bart, der die Welt geschaffen hat, vor dem vertrauenden Auge des Kindes. Aber Satans Macht wächst, wächst immer höher, immer weiter rückt das Gute hinweg und das Böse siegt zu oft. Die Sorge klopft an die Thür. Sie kommt auch ohne unser Herein! Sie wird Gast im [133] Hause, täglicher, sie bläst alle Kartenhäuser des Kindes um, wirft alles Spielzeug in die Ecke, rauft alle Blumen aus, beirrt den Wuchs, den freiaufstrebenden Wuchs des jungen Lebensmuthes, legt Bleigewicht an jede zu weit ausholende Pendelschwingung, verkümmert, verringert, beängstigt alle Athemzüge. Die Sorge kann sogar den Trieb der Freiheit für immer auslöschen wie ein Licht. Wohin horcht nicht alles das Kinderohr und schleicht sich in die Menschenzustände ein! Früh ahnen Kinder und nehmen [95] wahr die zerreißende Dissonanz des Lebens. Dem Erzähler wenigstens kann der Glaube nicht genommen werden, daß das Kind eine ursprüngliche Anlage nur zum Aufnehmen des Schönen, Guten, Harmonischen hat. Die Verwilderung muß schon eine weitausgedehnte sein im Bereich seiner Existenz, wenn Unschönes, Böses, Unharmonisches ihm nicht mehr wehe thut. Es schreit auf, wenn der Druck des rauhen Daseins und der Unbildung zu hart, zu gewaltthätig wird. Es möchte ja so gern Alles in Liebe verbinden, jeden Zwiespalt versöhnen, überall nur Glück und Freude verbreitet sehen. Nicht ängstlicher können die Vögel vor dem Sturm flattern, als ein Kinderherz bangt, wenn die Wolken ehelichen Unfriedens heraufziehen, die Leidenschaften schon im Voraus zu plänkeln anfangen, noch nicht einmal pelotonweise losstürmen. Kommen dann aber die vollen Salven, die Kreuzfeuer, Ladung auf Ladung, o wie fliegen da die jammernden Friedensstifter hin und her und beschwören die Partheien bei allen Himmeln, bei allen Paradiesen, abzulassen von so schnöder, wilder Menschennatur, die selbst Eltern, nächst Gott den heiligsten Begriff, entstellen kann! Mit der Zeit freilich kommt die Gewöhnung, die Gewöhnung selbst an ein solches Familienunheil. Ja, es kommt die Gewöhnung an tausend Rechnungen, die nicht mehr aufgehen. Was ist das Leben so ernst! Da kommt ein Haufe Menschen. Ein Reiter stürzte, er wird herbeigetragen, das Pferd zerschlug ihm mit dem Huf die Brust; er sieht noch etwas wie irr im Kreise um sich, das Auge bricht, er ist todt. Ein lieber Gespiele legt sich auf’s Krankenbett, sie fahren ihn im Sarge hinaus auf den Kirchhof. Die Erfüllung eines Wunsches, die ein Großer den Eltern versprochen, trifft nicht ein. Eines Tages kommt der Vater händeringend, er ist eben in den Staatsdienst getreten und debütirt mit dem Verlieren eines Geldbriefes. Der letzte Heller wird geopfert, ein vermögender Verwandter mit großem Umstand um Hülfe angegangen. Bei einem Andern aus der Familiensippe wird eingebrochen, gestohlen, der Armuth noch ihre geringe Habe geraubt. Der Druck schlechter Zeiten, das Zurückgehen der Geschäfte sind Dämonen, die sich mit kummervoller Miene, das Haupt aufstützend, in einem Winkel der Stube wie der jüdische Dalles zeigen, keine Ant-[96]wort geben, wenn man sie anredet, starr zur Erde blicken und im Kinde die ersten Zweifel an Gottes „Vatergüte“ wecken. Wie verdunkelt sich immer mehr der blaue Wolkengrund, wo man sich leibhaftig thronend auf goldnen Sonnenstrahlen den Herrn der Erde, den „Vater im Himmel“ gedacht hatte! So leibhaftig, wie im Bilde gemalt, schwebte im Abendsonnenlicht der ernste Patriarch mit ehrwürdigem Bart, der die Welt geschaffen hat, vor dem vertrauenden Auge des Kindes; aber die Macht Satans wächst, immer weiter rückt das Gute hinweg, und das Böse siegt. Und immer, immer klopft die Sorge an die Thür. Sie kommt auch ohne unser Herein! Sie wird Gast im Hause, ein täglicher, sie bläst alle Kartenhäuser des Kindes um, wirft alles Spielzeug in die Ecke, rauft alle Blumen aus, beirrt den Wuchs, den freianstrebenden des jungen Lebensmuthes, legt Bleigewicht an jede zu weit ausholende Pendelschwingung, verkümmert, verringert, beängstigt die Athemzüge. Und warum? Für dreißig Thaler mußten dem Verwandten („der sie selbst von Andern geborgt hatte“) fünfzig gezahlt werden. Darüber kam Alles in Verwirrung. 0.5388235294117647
119 Der große sichtbare Gottvater in farbestrahlenden Wolken verschwindet auch dem rationellen Glauben des Kindes allmälig. Die innere Offenbarung regt sich. Es fangen Stimmen mit uns zu reden an, die nur von Geistern kommen können. Gott ist ein Geist und Unsichtbares auch umweht den jungen Keim, der sich vielmehr als Durchgang des Erdengeheimnisses noch fühlt, als der erstarkte künftige Stamm. Die räthselhafte unerklärliche Wehmuth des Kinderherzens überschleicht den Einsamen. Das Ziel des Lebens ist so hoch, die Welt so weit und du bist allein und hülflos! Wer wird deine Hand ergreifen, wer dich führen durch dies dunkle Labyrinth! Diese Kinderwehmuth … ist sie ein unerklärtes Heimweh zurück zum räthselhaften Lande des Nichts oder eine Vorahnung zukünftigen Lebens? Debetur puero reverentia! Wir schulden heilige Scheu dem Kinde! Darin liegt mehr, als nur die Aufforderung, dem Kinde sich nicht zu zeigen, wie Noah sich seinen Töchtern zeigte, mehr als die Aufforderung zu [134] moralischer Schicklichkeit. Ein sinniges Kind nimmt jeden Schmerz wie mit seinem ganzen offnen Nervengeflecht der Empfindung hin. Es geht ihm tief ins Leben, wenn es leidet. Eine Kinderkränkung wirkt nicht etwa blos äußerlich auf den Stolz und duckt etwa nur ein Stehaufmännchen in seine Schachtel nieder; nein, sie erzeugt eine so tiefe Verlassenheit des Gemüthes, eine solche Wehmuth aller Stimmungen, daß es mehr als Rohheit ist, wenn man glaubt, durch Spott oder lachende Zurede den innern Brand des doch großgeglaubten Unglücks zu kühlen. Die Armuth, die bürgerliche Armuth eines Strebsamen weckt Klagetöne der Seele, die sich in Worten nicht aussprechen lassen. Die Schwere des allgemeinen, so endlichen, so halben Menschenlooses fällt schon beim Kinde so gewaltsam oft ins Herz nieder, daß der Erzieher nicht sanft und mitleidsvoll genug die zagende Seele zu sich emporrichten kann. Dann verschwindet der große sichtbare Gottvater in den farbestrahlenden Wolken auch schon allmälig dem rationellen Glauben des Kindes. Die von innen kommende Offenbarung regt sich. Stimmen fangen mit uns zu reden an, die nur vom zweifelnden Geiste kommen können. Gott ist ein Geist und das Unsichtbare und darum dennoch Vorhandene mehrt sich im Bewußtsein des jungen aufstrebenden Keims. Oder glaubt Ihr nicht, daß sich ein Kind mehr als Durchgang des Weltgeheimnisses fühlt als der erstarkte kräftige Stamm? Räthselhafte, unerklärlich entstehende Wehmuth überschleicht oft des Kindes Herz. Das Ziel des Lebens ist so hoch, die Welt so weit und Du bist so allein und so hülflos! Wer wird Deine Hand ergreifen, wer Dich durch dies dunkle, weglose Labyrinth führen? Ist Kinderwehmuth ein Heimweh zurück zum räthselhaften Lande des Nichts oder eine Vorahnung zukünftigen Lebens in Kraft und Bewährung? Debetur puero reverentia. Darin liegt mehr als nur die Aufforderung, sich nicht dem Kinde zu zeigen, wie sich Noah seinen Töchtern zeigte. Das Zarteste in eines Kindes geistiger [97] Constitution ist zu schonen. Denn wenn es sinnig ist, so nimmt es jeden Schmerz wie mit dem ganzen Nervengeflecht seiner Empfindung hin. Es geht ihm an’s Leben, wenn es leiden, vollends unrecht leiden sehen soll. Unverdiente Kinderkränkung wirkt nicht etwa blos äußerlich auf den Stolz und duckt gleichsam ein Stehaufmännchen in seine Schachtel; sie erzeugt eine so tiefe Verlassenheit des Gemüthes, eine solche Wehmuth der Stimmung, daß es mehr als Rohheit ist, wenn man glaubt, durch Spott oder lachende Zurede den inneren Brand des Schmerzes zu stillen. Schon allein die Armuth eines Strebsamen weckt Klagetöne des Gemüths, die sich in Worten nicht aussprechen lassen. Die Schwere des allgemeinen, so endlichen, so halben Menschenlooses fällt bei den Kindern der Armen so gewaltsam auf sie nieder, daß die Erzieher, die Lehrer nicht sanft genug die ihnen anvertrauten Pflänzchen emporrichten können. 0.5884615384615385
120 Wie ist ein Kind so rührend, wenn es krank wird! Der leise Ton der Stimme dann, die lächelnde Ergebung und dieser zehrende, liebesuchende Blick! Sonst der wilde frohe Uebermuth und nun diese Bändigung! In Krankheiten entwickelt sich das Gemüth der Kinder. Sie erstehen reifer, innerlicher vom Lager, als sie sich legten. Die Entwickelung des Körpers steht fast still und läßt dem Wachsen der Seele Zeit. Wie dem Knaben schon das Klingen im Ohr eine wunderbare Wir-[135]kung war! Dies von Erkältung plötzlich eintretende Singen und Summen war ihm wie das Rauschen eines unsichtbaren Meeres, das halb dem Leben, halb der Geisterwelt angehört. Es weckte Melodie und Farbe, Sehnsucht ins Unendliche, etwas so Ideales, etwa wie bei späteren klareren Vorstellungen ein Anblick der Laokoongruppe in der Akademie als der berauschendste Vorzauber Italiens empfunden wurde. Die grünen, blauen, rothen Flecken vor einem Auge, das zu lange in die Sonne geblickt hatte, verzauberten die ganze Welt und schon früh reizte es den Träumer, sich absichtlich die Augen zuzudrücken und an jenen wunderbaren kaleidoskopischen Bildungen sich zu weiden, die die Sehnerven sich im Dunkeln selber schufen. Das war eine Pracht von bunten Formen und Lichtern, wie gestickte Teppiche oder gemalte Fensterscheiben, in den reichsten symmetrischen Mustern, viel schöner als die zum Sticken bestimmten, die am Wittich’schen Laden in der Jägerstraße hingen. Bei Erkältungsfiebern begann sogleich jenes „Phantasieren“, das bis in die Jünglingszeit eine ängstliche Plage der Eltern blieb. Dann schien dem Erkrankten Abends das Bett umzingelt wie von lauter kleinen dicken Männern mit langen gräulichen Nasen, wo einer den andern wegdrängte, oder es begann jenes Gefühl des Schwebens, Aufsteigens in die Luft, das jammernde Hülferufen um Rettung vor dem Niederstürzen. Dies [136] Schweben in den Lüften und Niederfallen aus allen Wolken wiederholte sich regelmäßig bei jedem Unwohlsein. Der Knabe wußte dabei mit offnem Auge, daß ihn Vater und Mutter in den Armen hielten und doch jammerte er, daß er stürzen, stürzen müsse ins Unendliche und sich nicht halten könne hoch in allen Lüften. Ein pommersches Gegenmittel: Ein Kübel Wasser über den Kopf! wurde von der Mutter zurückgewiesen. Sie tröstete und sprach so lange dem fiebernden Knaben zu, bis dieser sich sammelte und erschöpft einschlief … Alles höhere, geistige, innerlichste Wachsen des Menschen ist halbe Krankheit. Ein Kind wird krank. Dann der leise Ton der Stimme, die Ergebung, der zehrende, liebesuchende Blick! Sonst der wilde frohe Uebermuth und nun ein solches Gebändigtsein! Bei den Krankheiten entwickelt sich das Gemüth und der Geist der Kinder. Sie erstehen reifer vom Lager, innerlicher, als sie sich legten. Die Entwicklung des Körpers steht still und läßt dem Wachsen der Seele Raum. Dem Knaben machte schon das Klingen im Ohr eine wunderbare Wirkung, es war ihm wie das Rauschen eines unsichtbaren Meeres, das halb dem Leben, halb der Geisterwelt angehörte. Melodie und Farbe zugleich, Sehnsucht in’s Unendliche, Anzustrebendes oder Geahntes weckte dieser Ton. Die grünen, blauen, rothen Flecken vor einem Auge, das zu lange in die Sonne gesehen hatte, verzauberten ihm nicht minder die Welt. Den Träumer reizte es, sich die Augen zuzudrücken und sich an jenen kaleidoskopischen Bildungen zu weiden, an den bunten Formen und Lichtern, gestickten Teppichen, gemalten Fensterscheiben, die dann aus dem Dunkel aufstiegen in den reichsten symmetrischen Mustern, schöner als die zum Sticken bestimmten, die am Wittich’schen Laden in der Jägerstraße hingen. Bei Erkältungsfiebern begann das „Phantasiren“, das bis in die Jünglingszeit eine Plage der Eltern blieb. Dann schien [98] dem Erkrankten das Bett umzingelt von kleinen dicken Männern mit langen, gräulichen Nasen, einer drängte den andern; oder es begann ein Gefühl des Schwebens, des Aufsteigens in die Luft, das jammernde Hülferufen um Rettung vor dem jähen Niedersturz. Dies Schweben in den Lüften und Niederfallen aus den Wolken wiederholte sich bei jedem Unwohlsein. Der Knabe wußte, daß ihn Vater und Mutter in den Armen hielten, und doch jammerte er, er müßte in’s Unendliche sinken und könnte sich nicht halten. Ein pommersches Gegenmittel: Einen Kübel Wasser über den Kopf! vom Vater angerathen, wurde von der Mutter zurückgewiesen. 0.6148409893992933
121 Die Vermittelung mit dem Arzte ist bei manchen Lebenslagen dann ohnehin die einzige, die eine ganze Schicht der Gesellschaft überhaupt einmal in unmittelbare Bildungsnähe bringen kann. Es kann so arme Existenzen geben, daß der Arzt der Einzige ist, der jemals aus der Welt des Fracks und der Handschuhe mit ihnen in Berührung kommt, der Einzige, der in gewählter Sprache nach ihrem Wohl und Wehe frägt. So sehr Paria war der Knabe nicht; aber in dem Vorfahren und dem Eintreten jenes kleinen, strengen, kurzangebundenen, scharfblickenden, raschbefehlenden Hofrath K. lag etwas so unendlich Vornehmes und Erschreckendes, daß darin allein schon jeder Krankheit ein momentanes Halt! geboten wurde. Hofrath K. wurde bei jedem Uebel angegangen, aber die Eltern gehörten, wie alle Men-[137]schen aus dem Volke, weniger der lateinischen Heilkunde, als der traditionellen Hausmittellehre an. Sie hörten am liebsten von alten Frauen, die Drüsen heilten und Kindern den Zapfen hoben, von alten Schäfern, die die Rose besprachen, und, wie jener Schäfer in der Kaserne, schlimme Entzündungen mit Salben sanft auflösen konnten. Die liebsten Formen des Heilmittels sind dem Volke der Kräutertrank und die Salbe. In Salben besonders liegt ihm ein Auszug aller feinen Kräfte der Natur. Einfache Kräutermischungen und gewisse Fetttheile des Thieres, Biebergeil, zerriebene Gallensteine oder ähnliche Mischungen scheinen ihm allein bestimmt, den Heil-Segen Gottes zu tragen. Und das Allerheilsamste bleibt dem Volk das Wunder. Die Sympathie entfernt die Rose, die Warzen, die Ausschläge und greift in den Organismus der Schöpfung selbst ein. Die medizinische Polizei ist beständig auf der Jagd gegen die Volksärzte, aber sie entstehen doch immer wieder in den Winkeln und Hinterhöfen und einsamen Vorwerken vor den Thoren. Man tritt bei solchen unzünftigen Aerzten ein. Sie sitzen bei ihrer sonst üblichen Gewerbesarbeit und fahren uns rauh und hart an, wenn wir von ihnen Bewährung ihrer Heilkraft erbitten. Theils ist dies die Furcht vor Verrath, theils aber auch der alte schon in Delphi bekanntgewesene Drang der sträubenden Ablehnung jeder übernatürlichen Zumuthung von Seiten [138] solcher Uebernatürlichbegabten. Allmälig beschwichtigt man die Polternden und sie rücken mit ihren Künsten hervor. So lernte der Knabe einst eine Art von Hexe kennen und sogar eine, die dicht im Schatten des Domes und des Königlichen Schlosses wohnte. Die Vermittelung mit dem Arzte ist bei manchen Lebenslagen die einzige, die eine ganze Schicht der Gesellschaft in die Nähe der Bildung bringt. In solchem Grade arme Existenzen kann es geben, daß der Arzt der Einzige ist, der aus der Welt des Fracks und der Handschuhe je mit ihnen in Berührung kommt, der Einzige, der in gewählter Sprache nach ihrem Wohl und Wehe fragt. So sehr Paria war der Knabe nicht; aber in dem Vorfahren und dem Eintreten jenes kleinen, strengen, kurzangebundenen, scharfblickenden, raschbefehlenden Hofraths Kunzmann lag etwas so Vornehmes und Erschreckendes, daß allein schon damit jeder Krankheit ein momentaner Halt geboten schien. Hofrath Kunzmann wurde bei jedem Uebel gerufen, doch hinderte das nicht, daß die Eltern, wie alle Menschen aus dem Volke, weniger der lateinischen Heilkunde als der traditionellen Hausmittellehre trauten. Auch sprachen sie gern von alten Frauen, die die Drüsen heilten und Kindern „den Zapfen hoben“, von alten Schäfern, die die Rose besprachen oder Warzen durch Sympathie vertrieben. Daß ein Stückchen rohes Fleisch, in die Dachtraufe gelegt, und eine Warze am Finger in Verbindung stehen können und eines das andre vertreibt, dafür fehlte es am festesten Glauben nicht. Die liebsten Formen des Heilmittels sind dem Volke Kräutertrank und Salbe. In Salben liegt ihm der Auszug aller Kräfte der Natur. Kräutermischungen, gewisse Fetttheile des Thieres, „Biebergeil“, zerriebene Gallensteine oder ähnliche Mischungen sind ihm Panaceen. Die medizinische Polizei war damals auf ständiger Jagd gegen [99] die Volksärzte, aber sie entstanden immer wieder in den Winkeln und Hinterhöfen und einsamen Vorwerken vor den Thoren. Jetzt scheint die Polizei alles Quacksalbern freigegeben zu haben. Wer betrogen sein will, mag es also werden? 0.4584717607973422
122 Die altergraue, von Bäumen beschattete Hofapotheke liegt in dem mittelalterlichen Flügelreste des Schlosses. Neben dieser Werkstatt Aeskulaps, wo mit scheuer Ehrerbietung die ausgestopften Vögel des Vorgemachs bewundert wurden, bis die Arzneien durch das Fenster des Provisors abgeliefert waren, lag die bescheidene Hütte einer Heilkundigen, die sich geradezu als eine Zauberin dem Kinde darbot. An derselben Stelle, wo jetzt die Grundmauern des Campo Santo sich erheben und die kleine „Laufbrücke“ nach der Burgstraße noch nicht geschlagen war, stand im Schutze des neugebauten Domes ein Durcheinander kleiner Hütten und Baracken und dicht hier am Schlosse, dicht an einer zünftigen Werkstatt Aeskulaps, dicht an der Hof- und Domkirche vertrieb eine alte, lange, hagre Frau, der man sich nur nach vielem Bitten und Betteln um Hülfe nähern durfte, den Kindern die Drüsen, drehte ihnen die steifen Hälse um, „hob die Zapfen“, wahrsagte aus Karten oder Kaffeesatz, lehrte Sympathie mit rohem Fleisch, das in die Erde unter eine tröpfelnde Dachrinne begraben werden mußte und trieb ähnliche wunderbare Abacadabras der Volks-[139]heilkunde. An derselben Stelle, wo Cornelius die Heilwunder Christi malen wird, nahm diese finstre, unfreundliche Alte vier Groschen für einen „eingerenkten“ steifen Kinder-Hals. Auf dem lichthellen Lustgarten, jenseits der so morsch und mürbe gewordenen, jetzt entfernten Pappeln, über den alten, nun auch dislocirten Dessauer Zopf hinweg lag dieser stille mystische Winkel ohnehin wie ein schauerliches Geheimniß, welches sich dem damals vielleicht sechsjährigen Knaben so eingeprägt hat, daß er nicht nur den Besuch im kleinen düstren Zimmer der Hexe selbst bis in’s kleinste Detail der wachstuchumhüllten Vogelbauer, des Bettes im Zimmer, der Schränke, des Stuhls, auf den er sich setzen mußte, beschreiben könnte, sondern auch noch deutlich jene braunglänzenden ausgeplatzten Kastanien vor sich sieht, die er auf dem Heimwege an der Universität in die Taschen steckte, da sein steifer Hals, gedreht, bestrichen, gedrückt von der schnarrenden griesgrämlichen Wunderthäterin sich in der That wieder bücken konnte. Denn was auch in der Erinnerung aus der Kinderzeit im Gedächtniß Alles parallel läuft, (Kastanien und ein steifer Hals) das könnte allenfalls nur von der Logik eines Straußenmagens verdaut werden. Man mag wol noch selten solche allein wohnende Hufelands oder Schönleins der Vorstadt antreffen, wie sonst nicht selten einen Schuster, einen Weber. Erschrocken, weil immer der Polizei gewärtig, springt der unzünftige Asklepiade von seiner Arbeit auf, fährt uns rauh und hart an, was man wolle, und hört mit Unmuth, daß man ihn um Bewährung seiner Heilkraft bittet. Ist es die alte, schon in Delphi bekannt gewesene, sich sträubende Ablehnung jeder übernatürlichen Zumuthung von Seiten solcher Uebernatürlichbegabten, oder nur Verstellung? Jedenfalls beschwichtigt man die Polternden und sie rücken mit ihren Künsten heraus. So lernte der Knabe eine Art Hexe kennen, die, fast unglaublich, dicht im Schatten des eben neu gebauten Domes und des Königlichen Schlosses wohnte. Museum, altes und neues, Kiß’sche Amazone und dergleichen existirten noch nicht. Nur ein Quadrat von Pappeln, Lustgarten genannt, und auf einer seiner Flanken der jetzt auf den Wilhelmsplatz versetzte „Alte Dessauer“. Die altersgraue, von Bäumen beschattete Hofapotheke liegt in dem mittelalterlichen Flügelreste des Schlosses. Neben dieser Werkstatt Aeskulap’s, wo mit scheuer Ehrerbietung die ausgestopften Vögel des Vorgemachs bewundert wurden, lag die bescheidene Hütte einer Heilkundigen. Eine alte, lange, hagere Frau, der man sich nur nach vielem Bitten und Betteln um Hülfe nähern durfte, vertrieb hier den Kindern die Drüsen, drehte ihnen die steifen Hälse um, „hob die Zapfen“, wahrsagte auch aus Karten oder Kaffeesatz, trieb Sympathie und ähnliche wunderbare Abracadabras der Volksheilkunde. Die finstre, unfreundliche Frau nahm für einen „eingerenkten“ steifen Hals vier Groschen. Der Knabe hat den Besuch im kleinen düstern Zimmer der Hexe bis in’s kleinste Detail behalten. Das wachsumhüllte Vogelbauer, das Bett mit dem gewürfelten Ueberzug, hohe Schränke, ein Stuhl mit Lehne wie bei einem Zahnarzt und – seltsam, doch gehört’s in die ersten Kapitel einer Mnemotechnik – mit [100] der Erinnerung an diesen Besuch hingen jahrelang braunglänzende, ausgeschälte Kastanien zusammen, die auf dem Heimwege an der Universität gesammelt wurden. Des Jungen steifer Hals, gedreht, bestrichen, gedrückt von der griesgrämlichen Wunderthäterin, hatte sich schon wieder bücken können. So wurden die Kastanien mit dem Halse in der Erinnerung Eines und Dasselbe. Ganz ebenso behält man später die Jahreszahlen der Hohenstaufenzeit und denkt dabei an irgend eine verhängnißvoll gewesene Hausnummer in der Großen Friedrichsstraße. 0.32065217391304346
123 Dem innern Drängen des Geistes, der endlich über die dämonische Macht des Körpers einige nach-[140]haltigere Kraft gewinnt, kommt die Schule, die Kirche und die Bücherwelt mit kräftig helfenden Armen entgegen. Das sind denn so gewaltige Liebkosungen, so lang sich ausstreckende Hülfeleistungen der bereits bestehenden Welt, daß sie bald das ganze Jugendleben allein gefangen nehmen. Dem inneren Drängen des Geistes, der endlich über die dämonische Macht des Körpers nachhaltigere Kraft gewinnt, kommt die Schule, die Kirche, die Bücherwelt mit kräftig helfenden Armen entgegen. Das sind dann Liebkosungen und sich so gewaltig ausstreckende Hülfeleistungen der bereits bestehenden Welt, daß sie bald ausschließlich das ganze Jugendleben gefangen nehmen. 0.7735849056603774
124 VI.
125 [141] V.
126 Als der siebenjährige Knabe zum ersten Male in die Schule sollte, erhob er das kläglichste Geschrei. Die Schwester sollte ihn zu einem Meister Schubert führen, der an der Dorotheenstädtischen Kirche eine achtbare „Klippschule“ unterhielt. Weiter aber, als hundert Schritte vom Hause, brachte den Schulrefractär die Schwester nicht. Dicht hinter der Eingangspforte zur Astronomie, fast schon an den düstern Fenstern der Anatomie, da, wo einst Maupertuis oder Voltaire die Sternwarte besteigen wollte und mit einer Leiche carambolirte, so daß ein für allemal die Akademiker einen eignen Eingang zum Sternenhimmel und die Anatomen einen eignen Eingang zu ihren Obductionen von Friedrich dem Großen angewiesen erhielten; an derselben Stelle warf sich ein widerspenstiger junger Rekrut des Lernens auf die Erde, schrie, schlug mit Händen [142] und Füßen um sich und schien unter keinerlei Umständen etwas vom Wissen wissen zu wollen. Der Junge schien als Ignorantiner überhaupt eine Ahnung der Gefahr alles Wissens zu haben. Seine eigentliche Marotte war die, zu Jedem, der ihn um seinen künftigen Beruf fragte, zu sagen: „Ich werde ein Bildhauer.“ Was brauchte ein Bildhauer in die Schule zu gehen? Auf die Frage der Vorübergehenden, die zahlreich still standen, was der Junge da so gezerrt würde, hieß es: Er will nicht in die Schule. Da gab es Verwünschungen und Spottreden genug. Keiner hörte aber auf den wahren Grund der Weigerung. Es war dies kein andrer, als das ihn noch heute in furchtbarer Todesangst sehr oft anwehende Wort: „Er wisse Nichts!“ Die Schwester wagte kaum den Leuten diesen dummen Grund mitzutheilen. „Ich weiß nichts!“ sagte der Bruder, jammerte, erhob sich nur auf sanftes allmäliges Zureden, faßte die Hände der Schwester und folgte weinend. Du ehrgeiziger Jugendtropf! Du wußtest noch nichts! Dies Leergefühl, diese Nichtswissens-Wehmuth war hoffentlich nur eine von den Durchgangsstationen jener räthselhaften Seelenstimmungen, die Kinder dem Geheimniß des Lebens eben so nahe stellen, wie den alternden Greis. Wie dieser den Ballast des Wissens aus seinem morschen Lebenskahn mit unbewußter Vergeßlichkeit nach und nach hinauswirft, nimmt ihn das Kind auch nur mit Zagen ein … Der [143] Knabe folgte zuletzt. Kameraden mit Pennal und Schiefertafel näherten sich voll Zutrauen. Meister Schubert, ein stattlicher Herr, bei dem sich Mildes oft mit dem Strengsten paarte, redete dem Kinde sanft zu. Es setzt sich. Aber bald zeigt sich’s, es hatte nur zu wahr gefühlt, daß es noch nichts wisse. Die A-B-C-Schützen buchstabiren aus einem Buche mit großgedruckten Lettern. Einer nach dem Andern kommt an die Reihe. Je näher die Fortfahrenden dem Neuling rücken, desto unruhiger wird dieser. Man merkt noch nichts. Aber immer näher, immer näher rückt das Buchstabiren, wieder der Folgende, immer der Folgende und jetzt nur noch zwei oder drei Zwischenmänner; da schreit der seine Bildhauerlaufbahn Verfehlende auf, heult, jammert und erklärt auf erstauntes Befragen: Es käme ihm ja da immer näher und er wisse Nichts! Auf sanftes Zureden begriff der Narr, daß er noch als ein völlig unbeschriebenes Blatt hier säße und in der Schule erst zu lernen hätte. Als der Knabe siebenjährig zum erstenmal in die Schule geführt werden sollte, erhob er ein solches Zetermordio, daß die Leute auf der Straße stillstanden und in Erfahrung brachten: Die treue Schwester sollte ihn zu einem Lehrer Namens Schubert führen, der an der Dorotheenstädtischen Kirche eine achtbare Schule, nicht „Klippschule“, sondern Parochialschule, Bürgerschule, unterhielt. Eine „Klippschule“ hielt ihm gegenüber ein Lehrer Namens Cajêri. Aber weiter als hundert Schritte vom Hause brachte den widerspenstigen Schulrefraktär die Schwester nicht. Ja, an den düstern Fenstern der Anatomie, da, wo einst Maupertuis (oder Voltaire) die Sternwarte besteigen wollte und mit einer Leiche karambolirte, worauf ein für alle Mal die Akademiker von Friedrich dem Großen einen eigenen Eingang zum Sternenhimmel und die Anatomen einen eigenen zu ihren Obductionen angewiesen erhielten, warf sich der Unhold auf die Erde, schrie, schlug [101] mit Händen und Füßen um sich und schien unter keinerlei Umständen etwas vom Wissen wissen zu wollen. Denn was brauchte ein „Bildhauer“ in die Schule zu gehen? – „Ich kann ja nicht in die Schule gehen! Denn ich weiß nichts!“ Mit Zittern und Flehen versicherte der Knabe, er müßte ja das Lesen und Schreiben schon mitbringen. Das Zureden der Umstehenden half. Zuletzt folgte der Junge. Andere Kinder mit Pennal und Schiefertafel näherten sich ihm zutraulich. Meister Schubert, ein schöner, stattlicher Mann, redete ihm sanft zu. Aber kaum hatten die A-B-C-Schützen aus einem Buche mit großgedruckten Lettern angefangen zu buchstabiren, kaum bemerkte der Noviz, daß von den Aufgerufenen Einer auf den Andern folgte und daß die, die schon etwas wußten, ihm immer näher und näher saßen, so plärrte er wieder los und meldete sich schon vor der Zeit, ehe an ihn die Reihe kam, mit seinem verzweifelnden: Er wisse noch nichts. Auf sanftes Zureden wurde allmälig begriffen, daß man hier mit Ehren als unbeschriebenes Blatt sitzen konnte. 0.34048257372654156
127 Ein guter Lehrer wird wohl nicht fehlgreifen, wenn er ein Kind zunächst von diesem Gefühl des gänzlichen Verlassenseins und einer totalen geistigen Hülflosigkeit anfäßt. Die Vorstellung von einer schüchternen und bebend haltlosen Kinderseele wird ihm zuvörderst schon im Ton die rechte Liebe geben. Das rauhe Wort, das mit Recht dem unbändigen Massengeiste gilt, muß dem Einzelnen gegenüber sich mildern. Bleibt der Lehrer immer [144] bei der Vorstellung von einer wilden, zuchtlosen Heerde, tobt und droht er immer im Ganzen und im Einzelnen, so kann sich auf eine solche Schule kein Segen niedersenken. Meister Schubert war im Allgemeinen streng, sogar etwas vornehm kalt, aber beim Einzelnen stieg er zu milder Freundlichkeit herab und ließ sich’s viel Mühe kosten, ein Kind auch über die Schule hinweg wieder mit seinen Angehörigen zurück zu vermitteln. Wollte ein Zögling den Geburtstag seiner Eltern feiern, so zeichnete, malte und schrieb der brave Mann mit dem Gratulanten voll emsigster Geduld. Er scherzte auch zuweilen mit den Kindern, aber es war immer etwas Königliches in seinem Scherz. Er scherzte nie mit der Masse. Die Masse nahm er diktatorisch, den Einzelnen liebevoll. Von dem Thron, auf dem er Federn schnitt und sie nummerweise in’s Federbrett steckte, erfolgte zum Allgemeinen nur dann eine Herablassung, wenn er milde rührende Geschichten vorlas, den Robinson und Gumal und Lina. Seine biblische Geschichte war weniger auf Glaubensstärkung als auf das Herz gerichtet. Alles weinte, wenn Meister Schubert von Joseph und seinen Brüdern sprach. Er strich die Geige zu den Chorälen, die gesungen wurden, er betete andachtsvoll, aber ohne Muckerei. Die Stimme war dafür schon viel zu voll und bestimmt .… ein schönes volles Männerorgan kann gar nicht muckerisch winseln; dazu gehören Fistelstimmen, hektische Stoß-[145]seufzer, schartige Kratzorgane. Meister Schubert hatte ein scharfes Auge, einen raschen Ueberblick der Klasse, besonders mußten ihm die Hände aller Jungen klar und offen darliegen. Es gab oft seltsame Untersuchungen, wo die Mehrzahl der Kinder selbst nicht wußte, um Was es sich eigentlich handelte, wo aber regelmäßig einige als räudige Schaafe erkannt und unter spezielle Aufsicht gestellt wurden. Am liebevollsten erschien Schubert in schwüler Sommerzeit. Dann wurde ein Eimer Wasser von zwei Auserwählten heraufgetragen und aus einem blechernen Becher bankweise die ganze Kinderheerde getränkt. Zu Weihnachten, wo der Beginn des Weihnachtsspruchlernens eine unendliche, namenlose Vorseligkeit in alle Gemüther ergoß und kurz vor dem Feste, wenn die gedruckten, mit bunten blanken Umschlägen, auf denen ein grober Holzschnitt eine Scene der Bibel vergegenwärtigte, versehenen „Wünsche“ ausgetheilt wurden, war Schubert ganz Liebe, ganz Väterlichkeit. Er fühlte die Wonne seiner Kinder nach, wenn ein solches: Lasset die Kindlein zu mir kommen! oder ein „Christus als Kind im Tempel lehrend“ im Bilde ausgetheilt, bescheiden entgegengenommen, mit fast katholischer Andacht verehrt wurde. Die Kinder nahmen diese Weihnachtsbilder, wie Katholiken ihre Heiligen hin, oder wie der Knabe sah, daß Muttergottesbilder aus bemaltem Gyps verehrt wurden, bei katholischen Jugend-[146]gespielen, unter Gläsern und Tassen auf der „Kommode“, den Rücken an den Spiegel gelehnt, überragt von einer großen schwankenden Pfauenfeder … Meister Schubert konnte wohl mit seinem Rohre oder der viereckten „Kantel“ auf der ausgestreckten Hand bitterbös strafen, aber eben so väterlich gab er wieder an der Hausthür jedem Zögling die Hand, wenn die Klasse zu Ende war und der Ordnung wegen Alles an ihm vorüberdefiliren mußte. Es war ein Lehrer wie er sein soll. Ein guter Lehrer wird nicht fehlgreifen, wenn er den Schüler zunächst von diesem Gefühl des Verlassenseins und einer totalen geistigen Hülflosigkeit angreift. Die Vorstellung von einer schüchternen und haltlosen Kindesseele wird ihm schon im Ton die rechte Liebe geben. Das rauhe Wort, das mit Recht dem unbändigen Massengeiste gilt, muß sich dem Einzelnen gegenüber mildern. Bleibt der Lehrer immer bei der Vorstellung von einer wilden, zuchtlosen Horde, tobt und droht er im Ganzen und im Einzelnen, so kann über eine solche Schule kein Segen kommen. Meister Schubert war für die Allgemeinheit streng, sogar vornehmkalt, aber für den Einzelnen stieg er zu milder Freundlichkeit herab und ließ sich’s viel Mühe kosten, ein Kind zur Freude seiner Eltern zu machen. Wollte ein Zögling den Geburtstag seiner Eltern feiern, so zeichnete, malte und schrieb der gute Mann nach der Lehrzeit mit dem Gratulanten voll emsigster Geduld. Scherzte er mit den Kindern, so hatte seine Herablassung etwas Königliches. Aber mit der Masse scherzte er nie. Die Masse wurde dictatorisch behandelt. Von dem Thron, auf dem er ständig Federn schnitt und [102] diese nummernweise in’s Federnbrett steckte – lauter antiquarisch gewordene Begriffe – erfolgte zum Allgemeinen nur dann eine Herablassung, wenn er rührende Geschichten vorlas, den Robinson und Gumal und Lina. Seine „biblische Geschichte“ ging in’s Herz. Wenn er von Joseph und seinen Brüdern erzählte, weinte Alles. Auch strich er die Geige zu den Chorälen, die gesungen wurden, betete andächtig und ohne Muckerei. Seine Stimme, möchte ich sagen, war für Muckerei zu voll und zu bestimmt. Dazu gehören Fistelstimmen, Hektik. Aber auch ein scharfes Auge hatte Meister Schubert, einen raschen Ueberblick der Klasse, besonders mußten ihm die Hände der Jungen klar und offen zu Tage liegen. Zuweilen gab es seltsame Untersuchungen, wo die Mehrzahl der Kinder selbst nicht wußte, worum es sich handelte, wo aber regelmäßig einige als räudige Schafe erkannt und unter specielle Aufsicht gestellt wurden. Am liebevollsten erschien Schubert in schwüler Sommerzeit. Dann wurde von zwei Auserwählten ein Eimer Wasser heraufgetragen und bankweise die ganze Kinderheerde aus einem großen blechernen Becher getränkt. Zu Weihnachten, wo der Beginn des Weihnachtspruchlernens schon an sich eine namenlose Vorseligkeit in alle Gemüther ergoß, und kurz vor dem Feste, wenn die gedruckten, mit bunten blanken Umschlägen, auf denen ein grober Holzschnitt eine Scene der Bibel vergegenwärtigte, versehenen „Wünsche“ ausgetheilt wurden, war Schubert die Liebe und Väterlichkeit selbst. Er fühlte die Wonne seiner Kinder nach, wenn ein solches: „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“ oder ein „Christus als Kind im Tempel lehrend“, im Bilde ausgetheilt, entgegengenommen, mit beinahe katholisch zu nennender Andacht verehrt wurde. Katholiken waren, nebenbei bemerkt, für den Knaben ganz aparte Geschöpfe. Einige Jugendgespielen waren Chorknaben in der nahen Hedwigskirche. Bei ihnen zu Hause gab es auf der Kommode mystischen Hausrath, Crucifixe, Madonnen von bunt angestrichenem Gips, kleine Heiligenbildchen am Spiegel, eine Pfauenfeder breitete sich über dem Ganzen. All das erschien höchst interessant, aber bemitleidenswerth. 0.5875299760191847
128 Was lernt man in solchen „Klippschulen“? Damals nach alter Methode lesen, in liegenderem antisächsischen Ductus nach Heinrigs schreiben, nach dem Schwiegersohn des Meisters, dem vielberühmten „Ferbitz“ rechnen, sogar zeichnen, sogar von einem alten Franzosen, Monsieur Horré, französisch, lateinisch sogar von einem alten cynischen und höchst schmutzigen Sonderling. Fand bei diesen Lehrgängen wohl ein System statt? Ein Kind weiß davon nichts. Es lernt geistig schwimmen und sieht die Leine nicht. Was da über ein Kind conferenzelt und theoretisirt wird, das ist ihm wie die geheime Kramerei des Christkindes. Der Knabe lebt nur in den Wirkungen und weiß von den Ursachen nichts. Nur die Festtage, die Ferien, das Kommen von neuen, das Gehen von alten Lehrern, das sind so einzelne Einschnitte des ersten Schullebens, wo man zur Noth schon sich selbst an Anderen allmälig vergleichen lernt. Dieses hingegebene, [147] das ganze Herz anbietende Begrüßen eines neuen Lehrers! Dieser oft eine ganze Klasse in Weinen versetzende Abschied von einem alten! Es sind das schon die ersten Ringe, die ein wachsendes Bäumchen ansetzt. Wie herzzerreißend weh thun dem Kinde diese ersten Abschiede! Ein milder, ein wenig frömmelnder Lehrer, er hieß Gädike, erklärte eines Tages, er wäre Missionär geworden, würde den Kindern bald Lebewohl sagen, würde hinüber zu den blinden Heiden über’s weite Meer gehen. Ach, und er ging! In der Klasse mußte beim Abschied, als er Jedem wirklich die Hand gab und dabei betete und schon heidenpredigte, Ordnung walten; als sie aber geschlossen war, als unten auf der Straße sich Alles noch einmal an „Herrn Gädike“ andrängen konnte … welche Thränen, welche Küsse, welche Aufforderungen, für ihn zu beten, und welche Versicherungen, es auch zu thun! Gädike, Du zogst in die Welt von Gumal und Lina! Finde so edle, so gütige Mohren, wie Gumal fand! Gädike, und sollte Robinsons guter Freitag eine Fabel seyn? [103] Was lernt man in solchen Elementar-Schulen? Damals nach alter Methode buchstabiren und lesen, in einem antisächsischen Ductus (nach Heinrigs) schreiben, nach dem Schwiegersohn des Meisters Schubert, dem vielberühmten „Ferbitz“, rechnen, sogar zeichnen, sogar von einem alten Franzosen, Monsieur Horré, französisch, lateinisch sogar von einem cynischen schmutzigen Sonderling, dessen Namen der Erzähler vergessen. Fand bei diesen Lehrgängen ein System statt? Ein Kind weiß nichts davon. Es lernt schwimmen und sieht die Leine nicht. Was da conferenzelt und theoretisirt wird, ist ihm wie die geheime Kramerei des Christkindes. Man lebt nur in den Wirkungen und weiß von den Ursachen nichts. Nur die Festtage, die Ferien, das Kommen von neuen, das Gehen von alten Lehrern, das sind einzelne Einschnitte des ersten Schullebens, wo man zur Noth sich selbst an Anderen allmälig zu vergleichen lernt. Dieses hingegebene, vertrauensselige, das ganze Herz anbietende Begrüßen eines „neuen Lehrers“! Ach und wie oft dann der Abschied von einem alten, wo eine ganze Klasse in Weinen versetzt werden kann! Da setzen sich die ersten Ringe an das wachsende Bäumchen. Ein milder, etwas frömmelnder Lehrer, namens Gädicke, erklärte eines Tages, er wäre Missionair geworden und würde den Kindern Lebewohl sagen. Er wollte zu den blinden Heiden über’s Meer. Als er ging, war das ein Abschied! Erst ein solenner in der Klasse. Da ging der Scheidende zu Jedem einzeln und gab ihm die Hand und betete und heidenpredigte schon. Dabei mußte Ordnung walten. Als er aber nach Schulschluß noch einmal ad libitum attakirt werden konnte, gab es eine Iffland’sche Scene auf der Straße. Thränen, Küsse, Umarmungen. Gädicke zog in die Welt von Gumal und Lina! O, finde, so empfand man, so edle, so gütige Mohren, wie Gumal sie fand! Gädicke, und sollte Robinson’s guter Freitag eine Fabel sein? Gott behüte dich, daß dich die Wilden nicht fressen! 0.6245059288537549
129 Ohne Mechanismus prägt sich in die erste geistige Empfänglichkeit des Kindes nichts ein. Die falsche Aufklärung hat uns zu manchem Blendwerke neuer Methoden verholfen, aber die Gefahr, die sich mit ihrer Anwendung für die Einwurzelung des Wissensstoffes ergibt, ist keine geringe. Das erste Lernen in der Schule soll [148] ein mechanisches Exercieren des Verstandes sein. Alle Individualisirung, das sogenannte „Eingehen“ auf die Kinder und ihre spezielle „Natur“ erzeugt das gefährlichste Dilettiren und versetzt die ohnehin noch weiche Gehirnmasse in einen Brei von Geschwätz und unbestimmter Halbheit. Wie will man einem halben Hundert Kindern mit Demonstrationen beikommen? Wenn man Kinder von heute rechnen sieht, so wird man eine fortgeschrittene Klarheit in der Analyse nicht verkennen, aber es scheint uns fast, als wär’ es nur diejenige Klarheit, die dem Lehrer nöthig ist zur Prüfung der Exempel, selten die, die das Kind bedarf, um sie zu machen. Man findet in diesen jetzigen Rechnenmethoden viel Worte. Das Kind fußt nicht auf einem mechanisch sichern Einmaleins, sondern wirft und wälzt sich umher in einer improvisirten Rechnungslogik, die nur im allerglücklichsten Falle bei einem anschlägigen Kopfe zur Klarheit kommt. Der offenbarste Mangel an Seelenkunde zeigt sich darin, daß man beim Kopfrechnen nicht nur gestattet, sondern verlangt, das Kind wiederhole wörtlich das aufgegebene Exempel. Man muß die auf Worten ausruhende Trägheit des Auffassens der Kinder sehr wenig kennen, wenn man eine Operation gestattet, wo der lebhafte, unruhige oder zerstreute Lehrer sich fast immer von dem denkfaulen Kinde täuschen läßt, das statt schon zu rechnen durch das auseinandergezerrte und altklugwich-[149]tig vorgetragene Wiederholen der Aufgabe den Schein Wunder einer Präcision, die doch nicht stattfindet, annimmt. Im Kopfrechnen ist weniger auf algebraisch-richtige Analyse, als auf Intuition der Phantasie zu sehen. Das Kind muß nicht den abstract-logischen Prozeß der Rechnung durchmachen, sondern es muß vor den halbgeschlossenen Augen die schwarze Tafel sehen, an der Dasjenige gleichsam geschrieben steht, was es sich nur durch den Gedanken vergegenwärtigen soll. Das Auge muß rechnen, nicht der Verstand, der noch nicht beim Kinde durchgebildet genug ist. Vollends verlangt der erste Elementarunterricht Mechanik. Die Kinder sollen massenweise und im einzelnen Aufruf dem Lehrer die Demonstrationen nachmachen, und zwar lange und oft. Das ungeduldige Hin- und Herspringen in der Denkmethode kommt von Lehrern, die für die Erziehung nicht geschaffen sind. Ein Kranker, der Langeweile empfindet, ist auf dem Wege der Genesung.*) Ein Lehrer, der die Langeweile von Lesen, Schreiben und Rechnen nicht ertragen kann, paßt für seinen Beruf nicht. Ich finde Schulpläne, die so bunt wie Theaterbenefizzettel aussehen. Ich würde zufrieden sein, für ein gewisses Kindesalter nichts als stündlich Rechnen, Lesen und [150] Schreiben darauf zu sehen … Und was soll man gar erst von den Kindergärten, vom Fröbel’schen Papperlapap des Denkspielens und Spieldenkens sagen? Ohne Mechanismus prägt sich in die erste geistige Empfänglichkeit des Kindes nichts ein. Die falsche Aufklärung hat uns zu manchem Blendwerk neuer Methoden verhelfen wollen, aber die Gefahr, die sich mit ihrer Anwendung für die Einwurzelung des Wissensstoffes ergiebt, ist keine geringe. [104] Das erste Lernen in der Schule muß ein mechanisches Exerciren sein. Alle „Individualisirung“, sogenanntes „Eingehen“ auf die Kinder und ihre specielle „Natur“ erzeugt Unzulänglichkeit und versetzt die ohnehin noch weiche Gehirnmasse in einen Brei von unbestimmter Halbheit. Wie will man einem halben Hundert Kindern mit Demonstrationen beikommen? Wenn man Kinder von heute rechnen sieht, so wird man eine fortgeschrittene Klarheit in der Analyse nicht verkennen, aber es scheint uns fast, als wäre es nur diejenige Klarheit, die dem Lehrer selbst nöthig ist zur Prüfung der Exempel, selten die, die das Kind bedarf, um die Exempel zu machen. Man findet in diesen Rechnenmethoden viel Worte. Das Kind fußt nicht auf einem mechanisch sichern Einmaleins, sondern wirft und wälzt sich umher in einer improvisirten Rechnungslogik, die nur im glücklichsten Falle bei einem anschlägigen Kopfe zur Klarheit kommt. Der offenbarste Mangel an Seelenkunde zeigt sich darin, daß man beim Kopfrechnen nicht nur gestattet, sondern verlangt, daß das Kind wörtlich das aufgegebene Exempel wiederholt. Man muß die auf Worten ausruhende Trägheit des Auffassens der Kinder wenig kennen, wenn man eine Operation gestattet, wo sich der lebhafte, unruhige, zerstreute Lehrer leicht von einem denkfaulen Kinde täuschen läßt, das, statt schon zu rechnen, jetzt erst durch das auseinandergezerrte und altklugwichtig vorgetragene Wiederholen der Aufgabe den Schein einer Präcision annimmt, die nicht stattfindet. Im Kopfrechnen ist weniger auf algebraisch-richtige Analyse als auf Intuition und Phantasie zu sehen. Das Kind muß nicht den abstract-logischen Prozeß der Rechnung durchmachen, sondern soll vor den halbgeschlossenen Augen gleichsam die schwarze Tafel sehen, wo dasjenige angeschrieben steht, was es sich in Gedanken zu vergegenwärtigen hat. Das Auge muß rechnen, nicht der Verstand, der beim Kinde noch nicht durchgebildet genug ist. Vollends verlangt der erste Elementarunterricht Mechanik. Die Kinder sollen massenweise und im einzelnen Aufruf dem Lehrer die Demonstrationen nachmachen, und zwar lange und oft. Das ungeduldige Hin- und Herspringen in der Denkmethode kommt von Lehrern, die für die Erziehung [105] nicht geschaffen sind. Ein Kranker, der Langeweile empfindet, ist auf dem Wege der Genesung. Ein Lehrer, der die Langeweile von Lesen, Schreiben und Rechnen und immer wieder von Lesen, Schreiben, Rechnen nicht ertragen kann, paßt für seinen Beruf nicht. Ich finde Schulpläne, die so bunt wie Theaterbenefizzettel aussehen. Ich würde zufrieden sein, für ein gewisses Kindesalter nichts darauf zu sehen, als stündlich: Rechnen, Lesen, Schreiben. Und was soll man von den Kindergärten, vom Fröbel’schen Gepappel des Denkspielens und Spieldenkens sagen? Erst künftige Epochen werden im Stande sein, unsre Generation vorurtheilsfrei zu beurtheilen. Ich will wünschen, daß die „Kindergärten“ vor diesem Gericht bestehen. Lautet ohnehin der Spruch desselben für Manches, das – Manchem schon jetzt an den Deutschen der jungen Generation mißfällt, ungünstig, so wäre nicht unmöglich, daß sich herausstellte, wie wenig die Kindergärten den Erwartungen, die man auf sie setzte, entsprochen haben. 0.7672955974842768
130 In Rücksicht des Masselernens und des geistigen Gesammtexercierens geht nichts über den Schulbesuch. Der Schulbesuch ist aber auch die unschuldigste und nützlichste Form des ersten Eintritts in die Welt. Ein Schritt aus dem Hause in ein kleines begrenztes Leben und aus diesem kleinen neuen Leben sogleich wieder in’s Haus zurück. Der gesteigerte Trieb zum Lernen, der Sporn des Ehrgeizes liegt da auf der Hand. Und auch schon von diesem Vortheil abgesehen, wie harmlos erweitert sich der Einblick in das Leben andrer Menschen! Das Wissen ist für Alle, und wie mannichfach sind alle diese kleinen Wettläufe nach demselben Ziele! Arm und Reich, Vornehm und Gering, Sauber und Schmutzig, Sanft und Zornig durcheinander. Es regt sich das erste Bedürfniß der Liebe und Freundschaft. Man nimmt nicht nur die zu der Familie daheim einmal gegebenen Menschen, sondern man wählt sich schon neue. Ein gewonnener Freund führt das Kind in sein Haus. Wie ist da alles so anders, als daheim! Wieviel Brüder, wieviel Schwestern hat der! Wieviel Lärm oft und an andern Orten wieviel Einsamkeit, Stille, Pedanterei! Man hat noch kein Urtheil über die alten Tanten des Gespielen, die über ihre Stuben-[151]diele keinen fremden Schuh lassen wollen, aber es bilden sich Stimmungen und Ahnungen über die Mannichfaltigkeit des Lebens. Der Horizont erweitert sich und der Schulbesuch regelt den Sinn für die Ordnung und das Gesetz. Das Kind lernt sich selbst bestimmen. Es lernt, sein Schicksal in eigner Hand haben. Was man an sich selbst nicht fühlt, entdeckt man an Andern. An schlechten Heloten, die einst dem jungen Spartaner die Erziehung des Sklaven zeigen sollten, bietet die moderne Schule freiwillige Exemplare genug. In Rücksicht des Massenlernens und des geistigen Gesammtexercirens geht nichts über den Besuch einer vollgültigen Schule, keiner Spielschule. Der Schulbesuch ist die unschuldigste und nützlichste Form des ersten Eintritts in die Welt. Ein Schritt aus dem Hause in ein kleines begrenztes Leben und aus diesem neuen kleinen Leben sogleich wieder in’s Haus zurück. Der gesteigerte Trieb zum Lernen, der Sporn des Ehrgeizes liegt auf der Hand. Und auch schon von diesem Vortheil abgesehen, wie harmlos erweitert sich der Einblick in das Leben andrer Menschen! Das Wissen ist für Alle, und wie mannigfach sind diese kleinen Wettläufe nach demselben Ziele! Arm und Reich, Vornehm und Gering, Sauber und Schmutzig, Sanft und Zornig durcheinander. Es regt sich das erste Bedürfniß der Liebe und Freundschaft. Man nimmt nicht nur die zu unsrer Familie daheim einmal gegebenen Menschen, sondern man wählt sich schon neue. Ein gewonnener Freund führt das Kind in das Haus seiner Eltern. Wie ist da Alles so anders als daheim! Wie viel Brüder, wie viel Schwestern giebt’s da! Wieviel Lärm oft und an anderen Orten wie viel Stille, Pedanterie! Man hat noch gar kein Urtheil über die alten unausstehlichen Tanten des Ge-[106]spielen, die über ihre Stubendiele keinen fremden Schuh lassen wollen, aber es bilden sich schon Stimmungen und Ahnungen über die Mannigfaltigkeit der Charaktere. Der Horizont erweitert sich und der Schulbesuch regelt den Sinn für Ordnung und Gesetz. Das Kind lernt sich selbst bestimmen. Es lernt, sein Schicksal in eigner Hand haben. Was man an sich selbst nicht fühlt, entdeckt man an Anderen. An Heloten, die dem jungen Spartaner die niedre Natur des Sklaven zeigen sollten, bietet die moderne Schule freiwillige Exemplare. Persönlichkeiten, die ihre Bildung außerhalb der Schule empfingen, etwa vornehme nur durch Hauslehrer, entbehren großer Vortheile für die Charakterbildung. 0.7441860465116279
131 Der Heimgang aus der Schule! Wie belehrend, seelen-erfüllend, charakterbildend dies Schlendern zur Häuslichkeit zurück! An sittlichen Gefahren für den Wanderer fehlt es freilich nicht. Ein Umweg rächt sich nicht selten. So fand der Knabe einst mit einem Troß Kameraden ein Hufeisen, das eben einem Pferde mußte entfallen sein. Er fand es nicht auf der geraden Straße zur Schule, sondern auf einem Umwege. Schon durch diesen Umweg kam in den Fund ein schlimmer Charakter, eine teuflische Versuchung, die die ganze Seele in eine noch jetzt deutlich empfundene Gewissensangst versetzte. Ein Glück auf einem bösen Wege! Was mit solchem Glück, von der Hölle geschenkt, anfangen? Das Hufeisen war eine mit gieriger Lust festgehaltene Trophäe für den ganzen Schwarm und sogleich begann flüsternd und tuschelnd die zweite Versuchung: man will das Huf-[152]eisen an einen Schmied verkaufen. In Masse, schweigsam, lauernd, wendet man sich einer bekannten Schmiede zu. Aber je näher von dorther die arbeitenden Hämmer erklingen, desto zager der Vorsatz. Das Gefühl, man ist auf unrechten Wegen, spricht sich schon nur noch in der übertreibenden Keckheit einzelner Tonangeber aus. Endlich dicht an der Schmiede berathschlagt man, wie Spitzbuben so heimlich, was sich für das Hufeisen erwarten ließe. Ein Ausweg, etwa einen Tauschhandel mit Nägeln einzugehen, fiel Niemanden ein, nur Geld wollte man haben und mit dem Gelde dann irgend einen Genuß. Mit einem schon sehr kleinlauten Ton tritt man in die Schmiede, bringt sein Begehr an; der Gesell nimmt das Hufeisen, wirft es in eine Ecke, schwingt den Hammer und jagt die ganze „Bande“ zum Tempel hinaus. Auf fünfzig Schritt halten die Flüchtigen Stand und rufen ein Halloh mit dem Muth, der Ausreißern eigen ist, wenn sie über die Schußweite weg sind. Das Hufeisen war fort, aber auch – eine Centnerlast vom Herzen. Das Abenteuer, wenn es gelungen wäre, hätte leicht eine Klippe für’s ganze Leben werden können. Die Seligkeit des wieder frei und erlöst aufathmenden reinen Gewissens wurde bei jedem scheuen Einblick in die Schmiede Monate lang in Wonnezügen empfunden. Der Heimgang aus der Schule! Wie belehrend, seelenerfüllend das Schlendern in die liebe Häuslichkeit zurück! An sittlichen Gefahren für den Wanderer fehlt es nicht. Ein „Umweg“ straft sich. Der Knabe fand einst mit einem Troß Kameraden auf einem Umwege ein Hufeisen, das eben einem Pferde entfallen. Es war eine mit gieriger Lust festgehaltene Trophäe. Man will das Hufeisen an einen Schmied verkaufen. In Masse, aber schweigsam, lauernd, wendet man sich einer Schmiede zu. Aber je näher von dorther die arbeitenden Hämmer erklingen, desto zager wird der Vorsatz. Das Gefühl, man ist auf unrechten Wegen, spricht sich schon in der übertreibenden Keckheit einzelner Tonangeber aus. Endlich dicht an der Schmiede berathschlagt man, was sich für das Hufeisen erwarten ließe. Ein Ausweg, etwa einen Tauschhandel mit Nägeln einzugehen, fiel Niemand ein, nur Geld wollte man haben und mit dem Gelde irgend einen Genuß. Mit schon kleinlautem Ton tritt man in die Schmiede, bringt sein Begehr an; der Gesell nimmt das Hufeisen, wirft es in eine Ecke, schwingt den Hammer und jagt die ganze „Bande zum Tempel“ hinaus. Auf fünfzig Schritt halten die Flüchtlinge Stand und schreien ein Halloh! mit jenem Muth, der Ausreißern eigen ist, wenn sie über die Schußweite hinaus sind. Das Hufeisen war fort, aber auch eine Last vom Herzen. Die Seligkeit des wieder frei und erlöst aufathmenden reinen Gewissens wurde bei jedem scheuen Einblick in die Schmiede lange empfunden. 0.652542372881356
132 [153] Lesen, Bücherlesen, Märchenluxus, Thatsachenschwelgerei, das kommt später. Aber studieren! Das erste Buch, das gekannt sein will, vorn und hinten, rasch aufgeschlagen, wie das Gedächtniß selbst, heimisch dem Auge, wie ein Spielplatz, bekannt dem mächtigsten Ortssinn selbst in seinen Druckfehlern und confus verbundenen Alphabeten! Es ist noch nicht die Bibel. Das Bibelaufschlagen ist erst eine spätere Meisterschaft, in der es bis zur Hexerei eines Rabbi Hirsch Dänemark gebracht werden muß. Bibelaufschlagen ist ein Wettrennen, wie in Epsom zwischen Pferden, so in den kleinen Schulen zwischen Ohren, Händen, Augen, Mund und bei dem, der kurzsichtig ist, auch der Nase. Welche Listen, welche Handgriffe gewinnt man sich ab, um in diesem heiligen Bäumchenverwechselspiel der Erste bald bei den großen, bald bei den kleinen Propheten zu sein und die fünf Bücher Mosis am Schnürchen zu haben! Aber das erste Studium galt doch dem ersten Lesebuch, dem brandenburgischen Kinderfreund. Dieses Buch, später als ganz künstlich von einem Prediger Namens Wilmsen zusammengestellt erkannt, erschien dem Kinde wie etwas rein Uranfängliches. Gott schuf die Welt und gleich nach ihr den brandenburgischen Kinderfreund. Dreihundert zerrissene, beschmutzte Seiten mit einer Fülle von unumstößlichen Grundwahrheiten des jungen Lebens, als da sind: „Dieses Buch ist mein! Es be-[154]steht aus Blättern. Auf diesen Blättern sind Buchstaben. Diese Buchstaben verstehen nennt man lesen u.s.w…“ Diese dreihundert Seiten sind die Encyklopädie des ganzen Wissens, die wahren Diderot, d’Alembert und Bayle der Kinderweisheit. So wird selbst die Bibel in späterer Zeit dem Kinde nicht mehr heimisch, wie der brandenburgische Kinderfreund mit seinen Klexen, eingekritzelten Namen, Eselsohren und sich mehrenden Defecten, Resten mancher kriegerischen Abwehr oder wohl gar eines sonnabendlichen Zwölf-Uhr-Mittagsangriffes, wenn die morgende Sonntagsfreude schon in allen Gliedern rumorte. O brandenburgischer Kinderfreund, wie liegst du so offen da der Erinnerung! Wie durchblättert sie dich in deinen ersten metaphysisch-juristischen Denkübungen („Dies Buch ist mein!“) bis zu den Wanderungen durch die Thier- und Pflanzenwelt! „Pastinak“ hieß eines deiner aufgezählten Gemüse. Der Knabe kannte Schoten und Erbsen, Linsen und Bohnen, aber „Pastinak“! Pastinak und „Artischocken“! Welche Wunderwelt der Küche! Und die Geräthschaften der Gewerbe, die großen Denkwürdigkeiten der Geschichte, des Weltalls, Deutschlands und Preußens, und endlich die in lateinischen Lettern erzählten gereimten Anekdoten von Hanns Taps, der sich „vor Gespenstern fürchtete“! Gespenster und Fenster reimte sich nicht nur in dem Buche, sondern von nun an durch’s ganze Leben. [155] Lieder beschlossen das Buch. „Mein erst Gefühl sei Preis und Dank“! (Preußsch Courant! sang einst ein getaufter Jude beim ersten Kirchenbesuch) und am Schluß, hinweg über das liebliche: „Da hab’ ich es, das Hänflingsnest!“ das majestätische, wie mit Pauken und Trompeten am Auferstehungsmorgen gesungene: „Lobet den Herrn, den mächtigen König der Erde!“ Wahrlich! Die Schreibtafel unterm Arm und den Kinderfreund im Kopf – kommt der junge Pflanzenkeim cedernstolz zum Bewußtsein seines Wachsthums. [107] Lesen, Bücherlesen, Märchenluxus, Thatsachenschwelgerei, alles das kommt erst später. Jetzt dreht sich Alles um den „brandenburgischen Kinderfreund“ und die Bibel. Auch das „Bibelaufschlagen“ kommt erst später, wenn uns das „Buch der Bücher“ erst bekannt geworden ist in all’ seinen Druckfehlern und „verbundenen“ Paginas und einigen vielleicht ganz „fehlenden Seiten“. Dann wird’s aber auch eine wahre Hexerei à la Rabbi Hirsch Dänemark, ein Wettrennen wie in Epsom zwischen Pferden, so zwischen Ohren, Händen, Augen, Mund und bei dem, der kurzsichtig ist, der Nase. „Sprüche Samuelis 1, 15!“ Hurrah! Die Blätter fliegen! Welche Listen, Handgriffe gewinnt man sich ab, um in diesem Bäumchenverwechselspiel der Erste bald bei den großen, bald bei den kleinen Propheten zu sein und die fünf Bücher Mosis am Schnürchen zu haben! Der brandenburgische Kinderfreund erschien dem Kinde wie etwas Uranfängliches. Gott schuf die Welt und gleich nach ihr den brandenburgischen Kinderfreund. Dreihundert zerrissene, beschmutzte Seiten mit einer Fülle von unumstößlichen Grundwahrheiten des jungen Lebens, als da sind: „Dieses Buch ist mein! Es besteht aus Blättern. Auf diesen Blättern sind Buchstaben. Diese Buchstaben verstehen, nennt man Lesen u. s. w. …“ – sie sind die Encyklopädie des ganzen Wissens, die wahren Diderot, d’Alembert, Bayle der Kinderweisheit. So wird selbst die Bibel in späterer Zeit dem Kinde nicht mehr heimisch wie der brandenburgische Kinderfreund mit all’ seinen Klexen, eingekritzelten Namen, Eselsohren und sich mehrenden Defecten, Resten mancher kriegerischen Abwehr oder wohl gar eines sonnabendlichen Zwölf-Uhr-Mittagsangriffes, wenn die morgende Sonntagsfreude schon in allen Gliedern rumorte. Brandenburgischer Kinderfreund, wie liegst Du so offen da der Erinnerung! Wie durchblättert sie Dich in Deinen ersten metaphysisch-juristischen Denkübungen („Dies Buch ist mein!“) bis zu den Wanderungen durch die Thier- und Pflanzenwelt! „Pastinak“ hieß eines Deiner aufgezählten Gemüse. Der Knabe kannte Schoten und Bohnen, aber „Pastinak“! Und gar „Artischocken“! Eine Wunderwelt der Küche! Und die Geräthschaften der Gewerbe, die großen Denkwürdigkeiten der Geschichte, des Weltalls, Deutschlands, [108] Preußens und endlich die in lateinischen Lettern erzählten gereimten Anekdoten von Hans Taps, der sich „vor Gespenstern fürchtete“! Gespenster und Fenster reimte sich nicht nur in dem Buche, sondern gleich wie für’s Leben. Lieder beschlossen das Buch. „Mein erst Gefühl sei Preis und Dank!“ („‚Preuß’sch Courant’ sang einst ein getaufter Jude beim ersten Kirchenbesuch!“, spottete der Bruder) und am Schluß, hinweg über das liebliche: „Da hab’ ich es, das Hänflingsnest“! das majestätische, wie mit Pauken und Trompeten am Auferstehungsmorgen gesungene: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“! Wahrlich! die Schreibtafel unter’m Arm und den Kinderfreund im Kopf – habt Respekt vor dem werdenden Beherrscher der Erde! 0.6752136752136753
133 Von Kirchen wurden alle besucht und fast alle ihre Geistliche gehört. Das Kind kennt alle Winkel der Chöre, alle Schiffe vom großen theatralischen Dome an bis zur kleinen Spittelkirche, die in ihrer Demuth später noch sogar ihren Thurm abgelegt hat. Die Kirche, wo der Täufling mit neun Pathen in das unsichtbare Gottesreich eintrat, umgiebt ein stiller Friedhof mit verfallenen Gräbern und steinernen Monumenten. Die Kirche ist klein, niedrig, stellenweise dunkel, in Form eines Malteserkreuzes gebaut. Schadow’s Parzen, die dem jungen Grafen von der Mark so früh den Lebensfaden abschnitten, umgiebt ein Gitter, an das sich lehnend so schön sich träumen ließ, wenn die Predigt des alten Superintendenten Küster nicht fesselte. Die Garnisonkirche – die ist lang und leer und ausdruckslos wie eine Kaserne. Die Marienkirche aber, alt und ehrwürdig, [156] an Nürnberger Bauart erinnernd, kunstlos freilich und märkisch kahl, aber sagenreich und in dem Kreuz, das an den vom Volk erschlagenen Probst von Bernau erinnert, allein schon eine ganze Pforte alter erschlossener Ritterzeit. Die Nicolaikirche mit ihren hohen Wölbungen, dunkeln vergitterten Grabmälern und dem nadelspitzen Thurm, ihr ehrwürdiger Doppelgänger. Beide liegen in schrägen Dimensionen an kleinen Plätzen, wie der Straßburger Münster. Freilich sind sie arm und gering an architektonischem Schmuck, haben nichts zur Zierde als ihr Alter und ihre majestätischen Pfeiler, von denen Schlüter den Muth hatte, einen in der Marienkirche mitten durchzuschneiden, um vier freilich hierher nicht gehörende antike Säulen zu einer Kanzel anzubringen. Der Dom war eben neu gebaut, von innen reich geschmückt mit Sammtdecken, mit Bildern, mit zwölf Aposteln, die das Altargitter zieren, aber fesselnd war doch nur das eherne doppelte Kurfürstengrab, vom Knaben in seiner gothischen Umschrift oft mühsam entziffert, während Sack oder Ehrenberg mit wenig Kunst und viel Behagen predigten. Die Werdersche Kirche, noch die alte, simultan mit einer französischen verbunden, aber in einem Style, so schaal, so ledern, wie ein altes Porstensches Gesangbuch oder eine Pastor Hermessche Hauspostille von Anno 1740. Der äußern Pracht der „neuen“ Kirche entsprach die innere Armuth nicht. Dürf-[157]tiger, hölzerner, armenhausmäßiger kann man sich keinen Gottestempel denken, als diese von Friedrich dem Großen an die stattlichen Gensdarmenmarktthürme gebauten Schwalbennester. Auch die Jerusalemerkirche, wie arm, wie dürftig, wie hölzern! Der einzige Glanz, die glänzend glattgesessenen Bänke! Etwas frischer machten sich die runden Wölbungen der Dreifaltigkeits- und böhmischen Kirche. Jene trug am Altar, der Kanzel und der Orgel Spuren ihrer fashionableren Bestimmung für Schleiermachers vornehmere Gemeinde. Der schönste Schmuck der Louisenkirche, wo Koblank, ein cynischer Epikuräer predigte, war ein stiller, mit hohen feierlichen Pappeln und Blüthenbüschen geschmückter Kirchhof, über den jener „Diener am Wort“ oft zu seiner Wohnung hin schritt, während ihm vom Talar herab das Wasser von dem in die Tasche gesteckten nassen Taufbeckengroschen tröpfelte. Ein solcher inschriftenreicher Kirchhof schmückte auch die entlegene hellfreundliche Sophien- und die Georgenkirche. Das Glockenspiel der Parochialkirche war für den Knaben eines der mehreren Weltwunder, das erst bei später gebildeterem Geschmack der nebenan befindlichen uralten Kirche zum wahrhaft sagenduftumzogenen grauen Kloster wich. Von dieser kirchlichen Topographie darf selbst der versteckte Judentempel mit seinen Lichtern auf bronzenen im eigenthümlichsten Rokoko gewundenen Leuchtern, dem Tabernakel, den ge-[158]schriebenen Thoratafeln, den aufbehaltenen Hüten, dem beklemmenden Singsang von hundert Stimmen durcheinander und draußen dem Vorhofe, wo geschächtet wurde, nicht ausgeschlossen bleiben; am wenigsten aber die katholische St. Hedwigskirche, die am Palmensonntag oder an einem Tage der Leidenswoche nicht unbesucht blieb, freilich immer mit dem Gefühl der Beklemmung, beim Unterlassen der von der Gemeinde gemachten Ceremonien als ein Ketzer entdeckt und wohl gar ausgewiesen zu werden. Die Pracht des Hochaltars, die Kleidung der Geistlichen, das Klingeln der Chorknaben, der Duft des Weihrauchs, das Opfer am Altar, wo der Priester für Alle trank, die gebrochene Hostie aber an der Balüstrade wie ein Manna austheilte, nach dem die heiligste Sehnsucht sich drängte, das Ausbieten und Darreichen des Kruzifixes zum Küssen, alles das war ebenso ergreifend und doch wieder zur stolzlutherischen Prüfung mahnend, wie auf der Freitreppe draußen, unter dem vom Cardinal Quirini auf eigne Kosten erbauten Portal und den drei steinernen Aposteln das Eintauchen der „Palmen“, der jungen Ruthen mit sammetweichen Frühlingskeimen, in Weihwasser. Sich aus diesem Weihrauchsdufte und dem nachtönenden In Saecula Saeculorum wieder in eine Königlich Preußische Wachtparade zu finden, in die Janitschaarenmusik der Garde oder eine aus den Fenstern des Opernhauses schmetternde Sponti-[159]nische Opernprobe, währte lange und konnte eine gewisse Stimmung im Kinde nicht unterdrücken, die, durch die Akademie genährt, gradezu italienische Sehnsucht war. Die Kirchen wurden fast alle besucht und fast alle berliner Geistliche gehört. Der Junge kennt alle Winkel der Chöre, alle Kirchenschiffe des damaligen Berlin, vom großen theatralischen Dom an bis zur kleinen Spittelkirche, dieser neuen „Gerichtslaube“ am Spittelmarkt, die vor lauter Demuth später noch sogar ihren Thurm ablegte und sich am besten jetzt ganz empfehlen würde. Die Dorotheenstädtische Kirche, wo der Täufling mit neun Pathen in das unsichtbare Gottesreich eintrat, ist jetzt übergothisirt worden. Innen war die Kirche Zopf, klein, niedrig, stellenweis dunkel. Sie war in Form eines Malteserkreuzes gebaut. Schadow’s Parzen, die dem jungen Grafen von der Mark, einem unehelichen Sohn des sogenannten „dicken Wilhelm“, früh den Lebensfaden abschnitten, umgiebt ein Gitter, an das sich oft der Knabe lehnte und träumte, bis die Predigt des alten Superintendenten Küster zu Ende war. Die Garnisonkirche ist lang und ausdruckslos wie eine Kaserne. Die Marienkirche alt und ehrwürdig, an Nürnberger Art erinnernd, kunstlos freilich und märkisch kahl, aber sagenreich. In ihrem Kreuz, das an den Propst von Bernau erinnert, den das Volk erschlug, lag allein schon eine Pforte alter erschlossener „Ritterzeit“. Die Nikolaikirche mit ihren hohen Wölbungen, dunkeln vergitterten Grabmälern und dem nadelspitzen Thurm, ist ein ehrwürdiger Doppelgänger von St. Marien. Beide liegen in schrägen Dimensionen an kleinen Plätzen wie der Straßburger Münster. Sie haben [109] nichts zur Zierde als ihr Alter und ihre majestätischen Pfeiler. Schlüter hatte den Muth, in der Marienkirche einen derselben durchzuschneiden, um vier hierher nicht gehörige antike Säulen zu einer Kanzel anzubringen. Der Berliner Dom war innen reich geschmückt mit Sammetdecken, Bildern, zwölf bronzirten Aposteln, die das Altargitter zieren. Doch blieb nur fesselnd das eherne doppelte Kurfürstengrab, vom Knaben in seiner gothischen Umschrift oft mühsam entziffert, während Sack oder Ehrenberg, Reste der alten theologischen Zeit, predigten. Die Werder’sche Kirche, noch die alte, simultan mit einer französischen verbunden, in einem Styl, so schaal, so ledern wie ein altes Porst’sches Gesangbuch oder eine Pastor Hermes’sche Hauspostille von Anno 1740. Sie wurde abgerissen und neu gebaut. Der äußern Pracht der „neuen“ Kirche entspricht die innere Armuth nicht. Dürftiger, hölzerner, armenhausmäßiger kann man sich keinen Gottestempel denken als diese von Friedrich dem Großen an die stattlichen Gensd’armenmarktthürme gebauten Schwalbennester. Auch die Jerusalemer Kirche war arm und dürftig. Ihr einziger Glanz waren die glänzendglattgesessenen Bänke. Etwas frischer machten sich die runden Wölbungen der Dreifaltigkeits- und böhmischen Kirche. Jene trug am Altar, der Kanzel und der Orgel Spuren ihrer Bestimmung für Schleiermacher’s vornehmere Gemeinde. Der schönste Schmuck der Luisenkirche, wo Koblank, ein cynischer Lebemann, predigte, war ein stiller, mit hohen feierlichen Pappeln und Blüthenbüschen geschmückter Kirchhof, über welchen Koblank zu seiner Wohnung zu schreiten pflegte, während ihm noch vom Talar herunter das Wasser von den nassen Taufbeckengroschen troff, die er in der Sakristei eingesackt hatte. Ein inschriftenreicher Kirchhof schmückte auch die entlegene hellfreundliche Sophienkirche. Das Glockenspiel der Parochialkirche war für den Knaben eines der mehreren Weltwunder. Von dieser kirchlichen Topographie darf selbst der versteckte Judentempel mit seinen Lichtern auf bronzenen, im eigenthümlichsten Rokoko gewundenen Leuchtern, dem Tabernakel, den geschriebenen Thoratafeln, den aufbehaltenen Hüten der Männer, den nirgends gesehenen Frauen, dem beklemmenden Singsang von hundert Stimmen durcheinander und drau-[110]ßen dem Vorhofe, wo geschächtet wurde und Gänseblut für Liebhaber von sogenanntem „Schwarzsauer“ abgegeben wurde, nicht ausgeschlossen bleiben. Am wenigsten aber die katholische St. Hedwigskirche, die am Palmsonntag oder an einem Tage der Leidenswoche nicht unbesucht blieb, immer mit dem Gefühl der Beklemmung, daß man beim Unterlassen der von der Gemeinde mitgemachten Ceremonien als Ketzer erkannt und ausgewiesen werden könnte. Die Pracht des Hochaltars, die Kleidung der Geistlichen, das Klingeln der Chorknaben, der Duft des Weihrauchs, das Opfer am Altar, wo der Priester für Alle trank und die gebrochene Hostie an der Balustrade wie ein Manna austheilte, wonach sich die Sehnsucht drängte, das Ausbieten und Darreichen des Kruzifixes zum Küssen, alles das war an sich ergreifend, doch schüttelte den Schauer die Erinnerung an Luther ab und mahnte zur Prüfung. Auf der Freitreppe draußen, unter dem von Cardinal Quirini auf eigene Kosten erbauten Portal und den drei steinernen Aposteln umwehte uns wieder die Königlich Preußische Welt. Die Janitscharenmusik der Garde schmetterte von der Wachtparade oder aus den Fenstern des Opernhauses lärmte eine Spontinische Opernprobe. 0.6205035971223022
134 Die neueste Waarenliste kann der Kaufmann, den Börsencourszettel der Capitalist nicht aufmerksamer durchlesen, als wöchentlich an jedem Sonnabend in großen Städten das unverdorbene stille und gottergebene Volk die Liste der Geistlichen liest, die am nächsten Sonntage predigen werden. Diese Menschen suchen sich da nicht nur den Lieblingsredner, den sie hören wollen, heraus, sondern sie erläutern auch die vorkommenden Gast- und Antritts- und Communionreden, die Probeversuche von Candidaten, das lange Schweigen bekannter Namen und das zu häufige Auftreten Anderer. Vetter Apokalyptiker wußte noch eine schärfere Kritik zu halten. Er sah auch unter diesen „berufenen und verordneten“ Dienern am Worte seine drei Menschheitsgattungen, die Wiedergebornen, die noch Christum erkennen werdenden Halbwüchsigen und die Dahinfahrenden. Die Letzteren waren ihm die Irrlehrer der reinen Vernunft, deren Zahl jedoch bei dem immer mehr heraustretenden kirchlichen Systeme der Regierung nicht besonders groß sein konnte. Der Wiedergebornen gab es schon so viele, daß die Wahl schwer wurde und oft an einem Sonntage zwei Kirchen besucht wurden ohne die Wochenerbauungen. Die beliebtesten waren auch beim Vater diejenigen Redner, die [160] offen und frei mit der Sprache herausrückten und bekannten, daß wir allzumal Sünder wären und des Ruhmes ermangelten, den wir vor Gott haben sollten. Die Selbstgerechtigkeit, hieß es, wäre der alte Adam, der ausgezogen werden müsse. Keine „Rechtfertigung“ ohne Christi Dazwischenkunft. Die Gnade Gottes wußte der in allen Dingen, so auch hier wieder feurige, bildergewaltige und aufbrausende Sinn des Vaters als einen Akt der erhabensten und großartigsten Willkür darzustellen. Wen Gott selig machen wolle, den nehme er sich schon heraus und über alle Andre ließe er den Teufel schalten. Die hohe königliche Frau im Schlosse hatte dem Vater gesagt: Hat nicht der Heiland für uns Alle sein Blut dahingegeben? Und von Stund’ an waren alle Sprüche der Bibel wieder im Vater erwacht, alle Lehren seiner kranken, bettsiechen Mutter standen wie gefaltete Kinderhände vor ihm und unter den heißesten Thränen wußte er stundenlang nun Nichts mehr von Paris, der galanten Sattlermeisterin und dem Cirque Franconi, sondern nur noch von Golgatha und dem Oelberge zu erzählen. Die grübelnde Genugthuungslehre des herrnhutherischen Vetters in ihrem Seelenläuterungs-Calvarienberge blieb dem Vater allerdings verschlossen; aber die Geschichte, die Chronik des alten und neuen Bundes ging ihm in dem ganzen phantastischen Reize auf, dessen seine lebhafte Einbildungskraft [161] auch hier wieder bedurfte. Der Neu-Erweckte erzählte von den Juden und den Pharisäern so lebendig, daß die kritischere Mutter, die auch hier wieder das Maaß verletzt sah, oft einwandte: Du bist nicht dabei gewesen! Jene lebhaften feurigen Redner, die mit dem „heiligen Bibelbuch“ unaufhörlich auf den Kanzelrand schlugen, waren dem Vater und dem Vetter die liebsten. Sie rannten zu diesen kräftigen Nierenprüfern und Zuchtmeistern im Herrn und in deren immer volle Kirchen, wie Ihr in ein Gastspiel von Sängern und Tänzerinnen rennt! Sie verlangten vom geistlichen Redner die Gabe des Geistes fast sichtbar anzuschauen wie am Pfingsttage, als die feurigen Zungen auf die Apostel niederfuhren. An den Wundern durfte nicht gedeutelt werden. Dem Vater kam es, wenn einmal Christus Gott der Herr selber war, auf ein paar Unglaublichkeiten mehr oder weniger nicht an. Sein Glaube war cavaliermäßig, in Bausch und Bogen. Entweder Christus ist Gottes Sohn oder nicht, und ist er es, so ist ihm ein Lazaruswunder Kleinigkeit. Die Mutter seufzte kritisch zu Manchem, was sie glauben sollte und tröstete ihre immer flügge Vernunft mit Gottes einmal nicht zu ergründender Allmacht. Der Vater aber bedurfte des Wunders. Steine in Brod, Wasser in Wein verwandelt, Todte auferweckt, Kranke geheilt, das gehörte ihm von Rechtswegen zu einer reputirlichen Reli-[162]gion, die den Menschen scharf zusammenreiten, mit Sporen tüchtig kitzeln und ihm die Zügel so kurz halten sollte, daß man auf den Kandaren der Zucht sich die Leidenschaften zerbiß. Luther war der Held des Hauses. Luther, der Mann des Volkes, auf dem wiederum sichtbar Gottes Hand ruhte. Luther faßte alles zusammen, was diese deutsche Volksbildung von einem Propheten verlangt. Luther kam von der Armuth, hatte Muth, trotzte den Fürsten, schimpfte Kaiser und Reich wacker zusammen, erlebte bunte, romantische Abenteuer, sprach kernige, kurze Schlagworte und war mit der Bibel, die er übersetzt hatte, fast identisch. Elias, Paulus, Luther standen ganz auf derselben Linie. Es waren das die wilden Feuer- und Hitzköpfe der Religion, wie der deutsche gemeine Mann seine Helden in allen Fragen, auch im Staat, in der Schule, in Kunst und Poesie, einmal haben will. Die neueste Waarenauctionsliste kann der Kaufmann, den Börsencourszettel der Capitalist nicht aufmerksamer durchlesen, als wöchentlich an jedem Sonnabend in großen Städten das unverdorbene, stille und noch gottergebene Volk die Liste der Geistlichen liest, die am nächsten Sonntag predigen werden. Diese Menschen suchen sich da nicht nur den Lieblingsredner, den sie hören wollen, heraus, sondern sie erläutern auch die vorkommenden Gast- und Antritts- und Communionreden, die Probeversuche von Candidaten, das lange Schweigen bekannter Namen und das zu häufige Auftreten Anderer. Vetter Apokalyptiker wußte noch eine schärfere Kritik zu üben. Er sah auch unter diesen „berufenen und verordneten Dienern am Worte“ seine drei Menschheitsgattungen, die Wiedergebornen, die noch Christum erkennen werdenden Halbwüchsigen und die Dahinfahrenden. Die Letzteren waren ihm die Irrlehrer der reinen Vernunft, deren Zahl jedoch bei dem immer mehr heraustretenden kirchlichen System der Regierung nicht beson-[111]ders groß sein konnte. Der Wiedergebornen gab es schon so viele, daß die Wahl schwer wurde und oft an einem Sonntage zwei Kirchen besucht werden mußten, ohne die Wochenerbauungen. Die beliebtesten waren auch beim Vater diejenigen Redner, die offen und frei mit der Sprache herausrückten und bekannten, daß wir allzumal Sünder sind und des Ruhmes ermangeln, den wir vor Gott haben sollten. Die Selbstgerechtigkeit, hieß es, wäre der alte Adam, der ausgezogen werden müßte. Keine „Rechtfertigung“ ohne Christi Dazwischenkunft und den Glauben. Die Gnade Gottes wußte der in allen Dingen so auch hier wieder feurige, bildergewaltige und aufbrausende Sinn des Vaters als einen Akt der erhabensten und großartigsten Willkür darzustellen. Wen Gott selig machen wollte, den nähme er sich heraus und über die Anderen ließe er den Teufel schalten. Die hohe fürstliche Frau im Schlosse hatte dem Vater gelegentlich gesagt: Hat nicht der Heiland für uns Alle sein Blut dahingegeben? Und von Stund’ an waren alle Sprüche der Bibel im Vater wieder erwacht, alle Lehren seiner bettsiechen, kranken Mutter, und unter den heißesten Thränen wußte er stundenlang nichts mehr von Paris, nichts von der Sattlermeisterin und dem Cirque Frankoni, sondern nur noch von Golgatha und dem Oelberge zu erzählen. Die grübelnde Genugthuungslehre des Herrnhuterischen Vetters in ihrem Seelenläuterungs-Calvarienberge blieb dem Vater verschlossen; aber die Geschichte, die Chronik des alten und neuen Bundes ging ihm in dem ganzen phantastischen Reize auf, dessen seine lebhafte Einbildungskraft auch hier bedurfte. Der Neu-Erweckte erzählte von den Juden und den Pharisäern so lebendig, daß die kritischere Mutter, die auch hier wieder das Maß überschritten sah, oft einwendete: Aber du bist ja nicht dabei gewesen! Jene lebhaften, feurigen Redner in der Georgen- und Spittelkirche, die mit dem „heiligen Bibelbuch“ unaufhörlich auf den Kanzelrand schlugen, diese waren dem Vater und auch dem Vetter die liebsten. Zu den Nierenprüfern, zu den Zuchtmeistern im Herrn und in deren immer volle Kirchen rannten sie, wie Ihr in ein Gastspiel von Sängern und Tänzerinnen rennt! Sie verlangten vom geistlichen Redner die Gabe des Geistes wie sichtbar anzu-[112]schauen am Pfingsttage, als über die Apostel die feurigen Zungen herniederfuhren. An den Wundern durfte nicht gedeutelt werden. Dem Vater kam es, wenn einmal Christus Gott der Herr selbst gewesen war, auf ein paar Unglaublichkeiten mehr oder weniger nicht an. Sein Glaube war cavaliermäßig: Entweder Christus ist Gottes Sohn oder nicht, und ist er das, so ist ihm ein Lazaruswunder eine Kleinigkeit. Die Mutter seufzte zu Manchem, was sie glauben sollte, und tröstete ihre immer flügge Vernunft mit Gottes einmal nicht zu ergründender Allmacht. Der Vater dagegen bedurfte förmlich das Wunder. Steine in Brot, Wasser in Wein verwandelt, Todte auferweckt, Kranke geheilt zu wissen, das gehörte ihm zu einer reputirlichen Religion. Ihre Moral mußte den Menschen scharf zusammenreiten, mit den Sporen kitzeln, ihm die Zügel so kurz halten, daß man auf den Kandaren der Zucht sich die Leidenschaften zerbiß. Luther war der Held des Hauses. Luther, der Mann des Volkes, auf dem wiederum ganz sichtbar Gottes Hand geruht hatte. Luther faßte Alles zusammen, was solche Volksbildung von einem Propheten verlangt. Luther kam von der Armuth, hatte Muth, trotzte den Fürsten, putzte Kaiser und Reich tüchtig herunter, erlebte romantische Abenteuer, sprach kernige, kurze Schlagworte und war mit der Bibel, die er übersetzt hatte, gradezu identisch. Elias, Paulus, Luther standen auf derselben Linie. Es waren die wilden Feuer- und Hitzköpfe der Religion, wie der deutsche gemeine Mann seine Helden in allen Fragen haben will, auch im Staat, in der Schule, in der Kunst und in der Poesie. 0.8177874186550976
135 Wie sehr das deutsche Volk geneigt ist, im Geistlichen dann auch seine ganze Vermittelung mit der Oeffentlichkeit wiederzufinden, beweist die Nachsicht, die man eigenthümlichen und wunderlichen, aber frischwegredenden Predigern zollt. Es wurde doch von der Familie keine Nachmittagspredigt in der Böhmischen Kirche versäumt, so lange sie ein seltsamer Geistlicher der mährischen Brüder hielt, der bekannte, von Weltkindern vielbelachte Jänicke. Dieser greise Sonderling [163] vertrat anfangs ziemlich allein die pietistische Richtung Berlins. Nach den Befreiungskriegen währte es geraume Zeit, bis sich die plötzlich aufgeregte Kirchlichkeit aus ihrem Zusammenhang noch mit den großen Erlebnissen der Epoche, aus ihrem Verbande mit der Philosophie und Poesie, der Romantik und von Herder, Fichte, Schleiermacher loswand und ganz in jenes ausschließlich „Evangelische“ überfloß, das bald darauf Alles, selbst das Unkirchliche, allein verklären sollte. Jänicke, lange der einzige Pietist auf Berlins Kanzeln, wußte seine Zuhörer zu fesseln, trotzdem, daß seine Predigten Conversationen waren, bei denen es ihm wohl geschah, Diesen oder Jenen in der Gemeinde geradezu selbst anzureden oder auf Stühle zu verweisen, wo er Menschen erblickte, die nicht aufmerksam genug oder wohl gar nur gekommen waren, um hinter den Hüten ihr Lachen zu verbergen. Seinem Publikum gefiel diese Natürlichkeit. Diese Schuhmacher, diese Weber, diese „Raschmacher“, besonders aus dem obern Theil der Wilhelmsstraße, den man der mährischen Einwanderer wegen spottweise die „Wallachei“ nannte, fanden es ganz im Style der Volksberedsamkeit, wenn Jänicke sagte: „Der Geist Gottes fuhr auf die Jünger herab nicht im Sturmgebraus, wie ein Donnerwetter, sondern sanft und lieblich wie eine Taube, … zirp, … zirp, … zirp!“ Jänicke, Vorstand des Missionsvereins, vermittelte [164] auch die Phantasie seiner Gemeinde mit den fernsten Völkern der Wildniß. Er wußte insofern die eigentliche und beste Wirkung alles Missionswesens zu treffen, die Erhebung und Erregung derer, die die Missionen versenden. Eigenthümliche und wunderliche, aber frischweg redende Prediger erhielten ungetheilten Beifall. Es wurde in der Böhmischen Kirche keine montagliche Nachmittagspredigt versäumt, so lange sie ein seltsamer Geistlicher der in Berlin früher eingewanderten „mährischen Brüder“ hielt, der bekannte, von den Weltkindern vielbelachte Jänicke. Dieser greise Sonderling, Vorgänger des heut’ an derselben Stelle wirkenden Knaak, vertrat Anfangs ziemlich allein in Berlin die pietistische Richtung. Nach den Befreiungskriegen währte es immer noch einige Zeit, bis sich der öffentliche Geist aus [113] seinem Zusammenhang mit den großen Erlebnissen der Epoche, aus dem Verbande mit unsrer classischen Philosophie und Poesie, der Romantik, Herder, Fichte, Schleiermacher losriß und ganz in jenes ausschließlich „Evangelische“ überfloß, das bald darauf Alles, selbst das Unkirchlichste, verklären sollte. Jänicke, lange Zeit der einzige Pietist auf Berlins Kanzeln, wußte seine Zuhörer zu fesseln, trotzdem, daß seine Predigten Conversationen waren, bei denen vorkam, daß er Diesen oder Jenen in der Gemeinde anredete oder auf Stühle verwies, wo Menschen von ihm erblickt wurden, die ihm nicht aufmerksam genug oder wol gar nur gekommen waren, „um hinter den Hüten ihr Lachen zu verbergen“. Seinem Publikum gefiel diese Natürlichkeit. Schuhmacher, Weber, „Raschmacher“, besonders aus dem oberen Theil der Wilhelmsstraße, den man dieser mährischen Einwanderer wegen mit wenig Kenntniß der Geographie „die Walachei“ nannte, fanden es ganz im Style der Volksberedsamkeit, wenn Jänicke sagte: „Der Geist Gottes fuhr auf die Jünger herab nicht im Sturmgebraus wie ein Donnerwetter, sondern sanft und lieblich wie eine Taube, zirp, zirp, zirp!“ Als Vorstand des Missionsvereins vermittelte Jänicke die Phantasie seiner Gemeinde mit den fernsten Völkern der Wildniß. Er wußte insofern die eigentliche und beste Wirkung alles Missionswesens zu treffen, die eben keine andere ist, als die Erhebung und Begeisterung derer, welche die Missionen absenden. 0.6431372549019608
136 An seinen geliebten Lehrer Gädicke, den die Wilden schon längst verzehrt haben konnten – nach Robinson und Gumal und Lina war schon grausamere Lectüre gefolgt – dachte der Knabe mit Wehmuth, wenn er an des Vaters Hand in eines jener Conventikel getreten war, die damals sich überall eröffneten; Betstunden hießen sie beim gemeinen Mann. Meist in dem entlegenen Klassenzimmer einer Winkelschule versammelten sich Abends einige fünfzig Gläubige beim Schein eines einzigen Talglichts und hörten die Rede oder das Gebet eines Inspirirten an, der seinen Vortrag zuletzt mit „Nachrichten aus dem Reiche Gottes“, die über Nürnberg und Basel kamen, und mit Sammlungen für die fernen Heidenbekehrer endete. Diese Betstunden wurden anfangs untersagt oder nur dann geduldet, wenn der Erleuchtete, der auftrat, (meist ein Schullehrer, nicht selten auch ein Handwerker) einen gedruckten Vortrag ablas oder aus dem Stegreif nur ein Gebet hielt. Die Redner wollten aber lieber ihre eignen Gaben zeigen und frei vom Herzen sprechen. So blieb ihnen nichts übrig, als der Rede die Form [165] eines Gebetes zu geben. Welche ergreifende Form der Rede, welcher rhetorische Schwung des Vortrags dann! Man betete sich förmlich von der Erde weg. Man begann mit einer einfachen Apostrophe an den Heiland, der hier überhaupt ganz die Stelle des ziemlich fernentrückten „Vaters“, des gleichsam abgesetzten und nur den Schatz verwaltenden „Alten vom Berge“ vertrat, und strömte sich dann in eine solche herzzerreißende, dringendinnerliche Unterhaltung mit dem Angerufenen aus, daß das Gebet den Umfang einer Predigt gewann. Unstreitig liegt in einer solchen Anrede an den Heiland, die fast eine Stunde dauerte, eine alle Weltlichkeit rein zerbröckelnde und auflösende Wirkung. In der engen Stube, unter den ernsten, dunkelgekleideten Männern, bei dem einzigen Talglicht, das oft am Erlöschen war, in fahlem Dunkel eine solche Unterhaltung mit dem Bräutigam der Seele … es mußte sich aller „Brüder“ ein heiliger Schauer und allerdings auch jene so gefährliche Selbstzufriedenheit, die den Pietisten eigen ist, wenn sie von ihrer Gottfreundschaftshöhe auf andre Menschen niederblicken, bemächtigen. Bei diesen langgezogenen Tönen eines einstündigen Gebetes, die so aus der Tiefe des innersten Elends kamen, „wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“, mußte der angerufene Erlöser wohl dem geistigen Auge wie persönlich erfaßbar entgegentreten. Es war in diesen [166] dumpfen Stuben, wie wenn der „Herr“ plötzlich den Zween auf dem Wege nach Emaus erschien oder wie wenn er durch verschlossene Thüren trat und den zagenden Jüngern die Nägelmaale zeigte. Wer wird in diesem seltsamen Gottesdienst allein nur eine Heuchelei sehen wollen? Er war bei der Mehrzahl dieser Menschen eine wirkliche Erquickung ihrer zagenden Seele. Ein guter Redner wußte in dies einzige Gebet das ganze Leiden der Armuth hineinzuziehen. Schlechte Zeiten, Arbeitslosigkeit, die drückenden Abgaben, Krankheiten und Unglücksfälle, alles sprach sich hier in diesem Hülferufe des Herzens aus. Hätten sich die Vornehmen nicht hineingemischt, hätte der Staat nicht verrathen, daß er für diese Auffassung des Himmels eine Menge Belohnungen schon auf Erden in Bereitschaft hätte, diese Gottverehrung hätte sich nicht sobald getrübt, wie es später geschah. Und wer könnte läugnen, daß die freien Gemeinden und der Deutschkatholicismus auf ganz ähnlichen und gleichen Seelenstimmungen beruhen, auf diesem deutschen Reize des Separatismus, der richtig organisirt die Quelle einer neuen Menschwerdung der Generation und einer tiefgreifenden Erlösung unsres Jahrhunderts werden könnte? An seinen geliebten Lehrer Gädicke, den schon längst die Wilden verzehrt haben konnten – nach Robinson und Gumal und Lina war grausamere Lectüre gefolgt – dachte immer der Knabe mit Wehmuth, wenn er an des Vaters Hand in eines jener Conventikel trat, die damals sich überall eröffneten. Beim gemeinen Mann hießen sie Betstunden. Auch sie hingen zunächst mit dem Missionswesen zusammen. Unstudirte Missionaire übten sich im Sprechen. Aber auch Handwerker sprachen. Meist in dem entlegenen Klassenzimmer einer Schule oder in einem sonstigen Privatlokal versammelten sich Abends fünfzig bis sechzig Gläubige beim Schein eines einzigen Talglichts und hörten die Rede oder das Gebet eines Inspirirten an, der seinen Vortrag zuletzt mit „Nachrichten aus [114] dem Reiche Gottes“, die über Nürnberg und Basel gekommen, und mit Sammlungen für die fernen Heidenbekehrer endete. Diese Betstunden wurden Anfangs untersagt, oder nur dann geduldet, wenn der Erleuchtete, der auftrat, einen gedruckten Vortrag ablas oder nur ein Gebet aus dem Stegreif hielt. Die Redner wollten aber nichts Fremdes ablesen; so blieb ihnen nichts übrig, als der Rede die Form des Gebetes zu geben. So beteten sich hier dann manche Schuster und Schneider rein von der Erde hinweg. Die Verzückung sah den Himmel offen. Die Dringlichkeit betete den Himmel zur Erde nieder. Man sah Christus den Herrn (Gott Vater war in diesem Kreise nicht grade abgesetzt, hatte aber mehr die Rolle des „Alten vom Berge“, der hinten, im äußersten Libanon, in einer dunkeln Höhle sich in den Ruhestand versetzt hatte) leibhaftig auf seinem Throne sitzen. Herzzerreißende Klagetöne, die fast eine Stunde dauerten, lösten hier alle Weltlichkeiten auf. In der engen Stube, unter den ernsten, dunkelgekleideten Männern, bei dem einzigen Talglicht, das oft am Erlöschen war, im fahlen Dunkel so sich zu unterhalten mit dem Bräutigam der Seele – es mußte sich aller „Brüder“ und „Schwestern“ ein heiliger Schauer, aber auch jene Selbstzufriedenheit bemächtigen, die den Pietisten eigen ist, wenn sie von ihrer Gottesfreundschaftshöhe auf andere Menschen herabblicken. Wer wird aber in diesem seltsamen Gottesdienst lediglich Heuchelei sehen wollen? Ein guter Redner wußte in dies einzige Gebet, das er halten durfte, das ganze Leiden der Armuth hereinzuziehen. Schlechte Zeiten, Arbeitslosigkeit, die Maschinen als Stellvertreter der Händearbeit, die neuen Moden, die z. B. die Filzhüte verdrängten und nur noch die Seidenhüte gelten ließen, die drückenden Abgaben, Krankheiten und Unglücksfälle, Alles sprach sich hier in diesem Hülferuf aus. Hätten sich nicht die Vornehmen eingemischt, hätte nicht der Staat verrathen, wie gerade ihm an dieser Auffassung des Himmels schon auf Erden gelegen war und er eine Menge Belohnungen dafür in Bereitschaft hielt, diese Gottesverehrung hätte sich nicht so bald getrübt, wie später geschah. Denn wer könnte leugnen, daß auch die freien Gemeinden und der Deutschkatholicismus auf gleichen Seelenstim-[115]mungen beruhen, so verschiedenartig der Inhalt des Bekenntnisses auch ist? Es ist der Reiz des Separatismus, der richtig organisirt die Quelle einer neuen Menschwerdung der Generation und einer tiefgreifenden Erlösung unseres Jahrhunderts werden könnte. 0.496551724137931
137 Schon war die Ausartung über diesen Isolirungstrieb des religiösen Bedürfnisses gekommen, als der Knabe zu einem langen, hageren Studenten geführt [167] wurde, der in einem Hinterhofe auf seiner „Kneipe“, wie weltlichere Musensöhne sagen würden, eine Gemeinde von vielleicht sechs Erwachsenen und eben so vielen Kindern zu „erbauen“ suchte. Für dies kleine Auditorium gab es mindestens vier Lichter, lange, schlanke, neue Wachskerzen. Ein Klavier stand unter einem Spiegel. Ein Tisch war theatralisch als Altar aufgestellt und mit einer grünen Decke belegt. Dieser junge Gottselige mit gescheiteltem Haar und feuchten Händen empfing die armen Narren, die er sich als Gemeinde gepreßt hatte, mit feierlichem Gruße und zählte wie ein Taschenspieler auf seiner Uhr die Minuten, bis sich hinlänglich viel Auditorium zu seiner Komödie versammelt hatte. Dann schlug er auf seinem Klimperkasten eine Kirchenmelodie an, ließ die Menschen in einem dichtbevölkerten Hinterhofe rücksichtslos laut einen Choral singen und trat nun feierlich an den Altar, um seinen Text zu lesen und ihn möglichst frei zu paraphrasiren. Es war der Bibelspruch vom verglimmenden Docht und vom zerstoßenen Rohr, dessen breitgetretener inhaltsloser Anwendung der Knabe sich noch wie heute erinnert. War das Ganze eine homiletische Uebung des jungen Mannes? Oder war der laute Gesang und das Aufsehen, das diese Feier im Hofe machen mußte, für einen im Vorderhause der Kurstraße wohnenden Geheimerath bestimmt? Oder lag dem [168] Allem wirklich ein innerliches Bedürfniß der Schwärmerei zu Grunde, wie es auch ohne irdischen Nebenzweck in einer feierlich angeregten Jünglingsseele leben kann? Für dieses jungen Prädikanten reine Absicht möchte man kaum einstehen, aber erwiesen ist es, daß die religiöse Stimmung des Jugendgemüthes ihm doch zuweilen kommt, wie die erste Regung der Liebe. Es ist diese Religionsschwärmerei ein fast physisches Erlebniß, ein Wachsen, ein krankes Wachsen der Seele, ein neues Bedingtwerden und Umstimmen des krankreizbaren Nervensystems. Es ist mit dieser jungen Himmelssehnsucht wie mit dem Frühlingstrieb der Bäume, wo ihre Rinde harzige Tropfen ausläßt oder die Birke einen hellen Saft verspritzen kann. Die poetischen Mitbedingungen unsrer christlichen Offenbarung werden unter diesen Umständen wie die neuerschlossene poetische Welt des geistigen Auges und des jungen ringenden Studiums selbst ergriffen und so nachgefühlt, daß nur das Schöne und Tiefe an dem geoffenbarten Glauben, nichts mehr von seiner Entstellung im Gemüthe haften bleibt. Und manche Traumselige – bleiben sie nicht ewig in diesem jugendlichen Religionswahne und können nie wieder aus dem Bann des einseitigsten Verschönerns und Zerflossenseins zur besonnenen Prüfung sich herausfinden? Schon war eine Ausartung über diesen Isolirungstrieb des religiösen Bedürfnisses gekommen, als auch einmal der Knabe zu einem langen, hagern Studenten geführt wurde, der auf seiner „Kneipe“ in einem Hinterhofe der Kurstraße eine Gemeinde von vielleicht sechs Erwachsenen und eben so viel Kindern zu erbauen suchte. Für dies kleine Auditorium gab es mindestens vier Lichter, lange, schlanke, neue Wachskerzen. Ein Klavier stand unter einem Spiegel. Ein Tisch war theatralisch als Altar aufgestellt und mit einer grünen Decke behangen. Der junge Gottselige mit gescheiteltem Haar empfing seine kleine Gemeinde mit feierlichem Gruß und zählte wie ein Taschenspieler auf seiner Uhr die Minuten, bis sich hinlänglich viel Auditorium versammelt hatte. Dann schlug er auf seinem Klavier eine Kirchenmelodie an, ließ in einem dichtbevölkerten Hinterhofe rücksichtslos laut einen Choral singen und trat feierlich an den Altar, um seinen Text zu lesen und diesen zu paraphrasiren. Es war der Bibelspruch vom verglimmenden Docht und vom zerstoßenen Rohr, dessen breitgetretener inhaltsloser Anwendung der Knabe sich noch wie heute erinnert. War das Ganze eine homiletische Uebung des jungen Mannes? Oder war der laute Gesang und das Aufsehen, das die Feier im Hofe machen mußte, für einen im Vorderhause wohnenden Geheimrath bestimmt? Oder lag dem Ganzen die erste Schwärmerei eines Theologen zu Grunde, wie sie allerdings auch ohne irdischen Nebenzweck in einer angeregten Jünglingsseele leben kann? 0.5224913494809689
138 Für dieses jungen Prädikanten reine Absicht möchte kaum einzustehen sein, aber erwiesen ist, daß die religiöse Stimmung des Jugendgemüths wie die erste Regung der Liebe kommt. Dem in Rede stehenden Knaben wurde seine Religionsschwärmerei wie ein physisches Erlebniß. Es war ein Wachsen, ein krankes Wachsen der Seele, ein neues Bedingtwerden und Umstimmen des reizbaren Nervensystems. Diese Himmels-[115]sehnsucht ist wie der Frühlingstrieb gewisser Bäume, wo die Rinde harzige Tropfen ausläßt, die Birke einen Saft von sich geben kann. Die Mitbedingungen unserer christlichen Offenbarung sind poetisch. Sie werden in der Jugend so nachgefühlt, daß nur das Schöne und Tiefe, nichts von ihren Mißlichkeiten im Gemüthe haften bleibt. Manche Glaubensselige bleiben ewig in diesem jugendlichen Religionsbann und können sich nie wieder aus dem einseitigsten Verschönern und Zerflossensein zur besonnenen Prüfung erheben.
139 Eine Erziehung von so viel Religiosität konnte als erste Außerschullectüre auch nur religiöse darbieten. [169] Die Bibel, das Gesangbuch und eine alte Hauspostille, wirklich eine solche Hanstein’sche von 1740, waren die ersten Nahrungsquellen des Wissenstriebes. In der Bibel stand auch, wie in allen deutschen Hütten, die Chronik des Hauses geschrieben, der Vermählungstag der Eltern, die Geburt der Kinder mit allen Zeugen, allen Taufpathen. Im untern Volke hat man Regungen, wie sie nur der Adel kennt. Man stemmt sich da auch gegen die Woge der Allgemeinheit, man will nicht so mitfortgespühlt werden von der Masse des Nichtsbedeutenden. Man führt Buch über den festen Grund und Boden, auf dem man in der Welt steht und wäre das Fleckchen Erde noch so klein. In der Bibel selbst fesselte Alles, auch der rothe Druck des Titels, auch das Privilegium des Königs Friedrichs des Ersten von Preußen mit allen seinen Würden und Besitzungen, auch die kleinen Vignetten zwischen den einzelnen Hauptstücken und die kunstvoll verschnörkelte Arabeske am Ende mit dem geheimnißvollen vor- und rückwärtsgelesenen Anagramm des Wortes E. N. D. E., lautend: Er Nahm Das Ei – (rückwärts) Er Darfs Nicht Essen, (vorwärts) Eine Nonne Darfs Essen! Dieser radikale Unsinn, ein vollkommener Hexenwiderspruch „gleichbedeutsam für Weise und für Thoren“ schien aus irgend einer Faustischen Küche zu kommen und bedeutete dem Kinde ohne Zweifel ein Abracadabra der Art, wie auch [170] wirkliche Zauberei mit der Bibel getrieben worden ist. Den Finger in die Bibel bohren, eine Stelle festhalten und nach ihrem Wortlaute handeln, das haben selbst große Geister gethan, die als Atheisten vom Zufall nichts wissen wollten. Die Bibel ist dem Volke das ganze Menschenleben von seiner kindlichen Märchenzeit an bis zur grübelnden theosophischen Zukunftsforschung. Die Bibel ist leider aber auch die erste Anlehnung des Gelüstes und der Leidenschaft. Die Bibel ist das Paradies, aber auch der Baum der Erkenntniß und die Schlange der Verführung. Ehe noch der Knabe von bösen Leidenschaften der Sinne weiß, pflanzt die Bibel schon die Versuchung in sein Herz. Es werden gewisse Kapitel beim Lesen in der Schule überschlagen, die lüsternste Neugier wird gereizt und bald zeigen sich Buben und Mädchen die grellen Verse im Ezechiel, wo in orientalischer Rücksichtslosigkeit die Bilder der Unzucht und Buhlerei beschrieben werden. Es gehören diese und ähnliche Momente unserer Erziehung zu dem großen Pathengeschenk, das uns einmal die Geschichte für unsre Geburt auf dieser Erde mit eingebunden hat. Es ist das Christenthum in seiner ganzen historischen Erscheinung, mit dem wir stehen, gehen, laufen, denken, fühlen, handeln, unterlassen lernen. Mit dieser ebenso heilsamen wie gefährlichen Tinctura aurea ist unser ganzes Blut durchzogen. Sie aus-[171]zuscheiden würde eine Revolution der Erde kosten, die noch über die Völkerwanderung hinausgehen könnte. Eine Erziehung von so viel Religiosität konnte als erste Außerschullectüre nur eine religiöse darbieten. Die Bibel, das Gesangbuch und eine alte Hauspostille, eine echte Hanstein’sche von 1740, waren die ersten Nahrungsquellen des Wissenstriebes. In der Bibel stand, wie unter allen deutschen Hütten, die Chronik des Hauses geschrieben, der Vermählungstag der Eltern, die Geburt der Kinder mit allen Zeugen, allen Taufpathen. Im untern Volk hat man Regungen, wie sie nur der Adel cultivirt. Auch da stemmt man sich gegen die Woge der Allgemeinheit, will nicht so mit fortgespült werden von der Masse des Nichtsbedeutenden. Man führt Buch über den festen Grund und Boden, wo man in der Welt steht, und wäre das Fleckchen Erde auch noch so klein. In der Bibel selbst fesselte dann Alles, auch der rothe Druck des Titels, das Privilegium des Königs Friedrich des Ersten von Preußen mit allen seinen Würden und Besitzungen, auch die kleinen Vignetten zwischen den einzelnen Hauptstücken und die kunstvoll verschnörkelte Arabeske am Ende mit dem geheimnißvollen vor- und rückwärtsgelesenen Anagramm des Wortes E. N. D. E., lautend: Er Nahm Das Ei – (rückwärts) Er Darf’s Nicht Essen, (vorwärts) Eine Nonne Darf’s Essen! Dieser Unsinn, ein „vollkommener Widerspruch, gleichbedeutsam für Weise wie für Thoren“, schien aus irgend einer Faustischen Küche gekommen und bedeutete dem Kinde ein Abracadabra der Art, wie wol wirkliche Zauberei mit der Bibel getrieben wurde. Den Finger in die Bibel bohren, eine Stelle festhalten und nach deren Wortlaut handeln, das haben selbst große Geister gethan, die als Atheisten vom Zufall nichts wissen wollten. Die Bibel ist dem Volke das [117] Menschenleben von seiner kindlichen Märchenzeit an bis zur grübelnden theosophischen Zukunftserforschung. Leider wird dann aber auch die Bibel die erste Anlehnung des Gelüstes und der Leidenschaft. Die Bibel ist das Paradies, der Baum der Erkenntniß und die Schlange der Verführung. Ehe der Knabe noch von den Leidenschaften der Sinne weiß, pflanzt schon die Bibel die Versuchung in sein Herz. Gewisse Kapitel werden beim Lesen in der Schule überschlagen, die Neugier wird gereizt und bald zeigt man sich heimlich die grellen Verse im Ezechiel, wo mit orientalischer Rücksichtslosigkeit die Bilder der Unzucht beschrieben werden. Diese und ähnliche Momente unsrer Erziehung gehören zu dem großen Pathengeschenk, das uns Geschichte und Tradition für unsre christliche Geburt mit eingebunden hat. 0.7302631578947368
140 Aus der großen „Postille“ wurde jeden Sonntag Nachmittags eine endlos lange Predigt laut und deutlich vorgetragen. Diese Aufgabe war wenigstens die gesundeste Stärkung, nicht etwa der Seele, sondern der Lunge, sie hob die physische Stimme, gab ihr Kraft und Nachdruck. Die Mutter nickte dabei ein und entschlummerte, aber am Schluß wachte sie auf und hörte die Nutzanwendungen dieser Sammlung von Berliner Musterpredigten aus den ersten Regierungsjahren Friedrichs des Großen (Propst Hanstein, Rath Hecker, Consistorialrath Silberschlag u. s. w.) doch noch mit einem kräftigen Amen! und einem erhebenden Lobe des Vortrags. Nebenbei hatte der Knabe eine geheime christliche Lieblingslectüre. Es war dies ein einzelner Band eigenthümlichgedruckter Predigten. Dieß Buch übte von Innen und Außen einen wunderbaren Zauber auf den jungen Leser aus. Es war gut gebunden, inwendig mit einem Wappen der Familie Steiner aus Winterthur in der Schweiz, zwei Arme hielten aus einem Helme einen Stein empor. Das Buch selbst war 1782 in der Schweiz verlegt und von Häfeli, einem Geistlichen aus Lavaters Schule verfaßt. „Predigten und Predigtfragmente“ hießen diese Betrachtungen, die in einem völlig andern [172] Style geschrieben waren, als die alten Sermone von Propst Hanstein, aber auch völlig anders lauteten, als man noch jetzt in sämmtlichen Berliner Kirchen predigt. Diese Predigten waren in einem Schwunge gehalten, dem selbst der Vetter nicht folgen mochte, obgleich dies Buch doch wohl nur ihm gehörte und auch im Interesse der strengsten Orthodoxie geschrieben war. Aber die Bilder des Verfassers, die aphoristische, phantasievolle Schreibweise, die plötzlich im Uebermaaße der Rhetorik abbrechend oft Wort nur an Wort stellte, aber so bedeutungsvoll mit Schwabacher Schrift gedruckt, daß man erkennen mußte, hier sollten Centnergewichte liegen, die Bilderpracht, die Fingerzeige auf die allgemeine Weltgeschichte, die Einmischung von Polemik gegen die Voltaire-Zeit: das alles war so eigenthümlich, so neu, daß es auch zunächst schon einen eignen Vortrag bedingte, in dem sich der Knabe in stiller Einsamkeit übte. Der durchgehende Ton dieser Predigten war: „Ob Jesus von Nazareth lebender Retter und König, Souverain der Schöpfung, Erlöser von Sünd und Tod oder ein hingerichteter Rabbi aus Galiläa sei? Das ist die Frage!“ Und diese Gegensätze standen sich poetisch schroff gegenüber, in dem Styl, der später erst aus der Schweiz und dem deutschen Süden über Westphalen und Bremen nach Norddeutschland gekommen ist. Lavater und Klopstock sprachen ganz vernehmlich aus diesem Buche, dessen [173] Motto auch lautete: „Gesäet dem Tage der Garben.“ Hier war von Betrachtungen zu lesen über die heilige „Einsamkeit,“ über den Christ als „neue Kreatur,“ über Jesus, als die „Auferstehung und das Leben,“ über die Erwartung „des neuen Himmels und der neuen Erde,“ über „die Nahrungsmittel des himmlischen Lebens“ und ähnliches Ueberschwängliche, das mit poetischem Feuer bilderreich und blendend ausgemalt wurde. Hier hieß es: „Wer ihn gefühlt hat den Fluch des dornigten Ackers und Adams auf all seinen Söhnen ruhende Strafe; wer gesehen hat Mammons Ehre und Trug und den blinden, tauben Götzen Baal mit dem Schwarm seiner Anbeter – sich müde gehört hat an stolzen Worten, da nichts hinter ist und an dem Freiheitspreis der Sklaven des Verderbens, an dem Seufzen der mißbrauchten Kreatur und an dem tieferen Seufzen des mißbrauchten Brudergeschlechts und dem stolzen Gewühl ihrer Tyrannen – – wie flieht der so gern in die Einöde ohne Menschen, unverspottet seine Thränen zu weinen, in der leblosen Natur zu suchen, was ihm die lebendige so oft versagt – Einfalt, Harmonie, Größe, Adel, Gottesstrahl und ungekränkt sich mit dem Trost einer bessern, wenn auch fernen, Zukunft zu trösten! Siehe, der Herr verließ das Gewirr seiner ihn mißkennenden, hassenden Welt, wandelte am einsamen Gestade, im Schatten der Oelbäume, und schöpfte – was ihm keiner seiner Jünger, [174] auch sein Johannes nicht geben konnte – aus seinem Vaterland Stärkung und Muth auf Gethsemane, Gabbatha und Golgatha.“ Aus der „Postille“ wurde Sonntag Nachmittags eine endlos lange Predigt laut und deutlich vom Knaben vorgetragen. Diese Aufgabe war die gesundeste Stärkung, wenn nicht der Seele, doch der Lunge. Sie hob die physische Stimme, gab ihr Kraft und Nachdruck. Die Mutter entschlummerte sanft. Doch gegen den Schluß wachte sie auf und hörte noch die Nutzanwendung und das erlösende Amen. Worauf der Kaffee erfolgte. Nebenbei hatte der Knabe noch eine geheime Lieblingslectüre. Es war ein einzelner Band eigenthümlich gedruckter Predigten, der durch einen Zufall in’s Haus gekommen war. Das Buch war schön gebunden, inwendig mit einem Wappen der Familie Steiner aus Winterthur in der Schweiz, zwei Arme hielten aus einem Helm einen Stein empor. Das Buch selbst war 1782 in der Schweiz verlegt und von Haefeli, einem Geistlichen aus Lavater’s Schule, verfaßt. „Predigten und Predigtfragmente“ hießen diese Betrachtungen, die in einem völlig andern Styl geschrieben waren als die alten Sermone von Probst Hanstein. Sie lauteten aber auch völlig anders, als man in sämmtlichen Berliner Kirchen predigte. Haefeli’s Predigten waren in einem Schwung geschrieben, dem selbst der Vetter nicht folgen mochte, obschon sie nur im Interesse der strengsten Orthodoxie verfaßt waren. Die Bilder, die aphoristische, phantasievolle Diction, die plötzlich im Uebermaße der Rhetorik abbrechend oft [118] Wort nur an Wort reihte, aber so bedeutungsvoll mit Schwabacher Schrift gedruckt, daß man erkennen mußte, hier sollten Centnergewichte liegen, die Fingerzeige auf die allgemeine Weltgeschichte, die Einmischung von Polemik gegen die Voltaire-Zeit, alles Das war so eigenthümlich neu, daß es auch zunächst schon einen eigenen Vortrag bedingte, worin sich der Knabe in stiller Einsamkeit zu üben versuchte. Der Prediger mußte für diese Reden Schauspieler sein. „Ob Jesus von Nazareth lebender Retter und König, Souverain der Schöpfung, Erlöser von Sünd und Tod oder ein hingerichteter Rabbi aus Galiläa war? Das ist die Frage!“ Diese Gegensätze standen sich dann poetisch schroff in langer Ausführung gegenüber, ganz in dem Styl, der später erst aus der Schweiz und dem deutschen Süden über Westphalen und Bremen nach Norddeutschland gekommen ist. Vernehmlich sprachen Lavater und Klopstock aus diesem Buche, dessen Motto denn auch lautete: „Gesäet dem Tage der Garben“. Hier waren Betrachtungen zu lesen über die „heilige Einsamkeit“, über den Christ als „neue Creatur“, über Jesus als die „Auferstehung und das Leben“, über die „Erwartung des neuen Himmels und der neuen Erde“, über „die Nahrungsmittel des himmlischen Lebens“ und ähnliches Ueberschwängliche, das mit Feuer, bilderreich und blendend ausgemalt wurde. „Wer ihn gefühlt hat den Fluch des dornigen Ackers und Adam’s auf all’ seinen Söhnen ruhende Strafe; wer gesehen hat Mammons Ehre und Trug und den blinden, tauben Götzen Baal mit dem Schwarm seiner Anbeter – sich müde gehört hat an stolzen Worten, da nichts hinter ist, und an dem Freiheitspreis der Sklaven des Verderbens, an dem Seufzen der mißbrauchten Creatur und an dem tieferen Seufzen des mißbrauchten Brudergeschlechts und dem stolzen Gewühl ihrer Tyrannen – – wie flieht der so gern in die Einöde ohne Menschen, unverspottet seine Thränen zu weinen, in der leblosen Natur zu suchen, was ihm die lebendige oft versagt – Einfalt, Harmonie, Größe, Adel, Gottesstrahl, und ungekränkt sich mit dem Trost einer besseren, wenn auch fernen Zukunft zu trösten! Siehe, der Herr verließ das Gewirr [119] seiner ihn mißkennenden, hassenden Welt, wandelte am einsamen Gestade, im Schatten der Oelbäume, und schöpfte – was ihm keiner seiner Jünger, auch sein Johannes nicht geben konnte – aus seinem Vaterland Stärkung und Muth auf Gethsemane, Gabbatha und Golgatha.“ 0.7369668246445498
141 Schon in diesen letzten Namen der Bibel ein majestätischer Schwung! Diese Oelbäume, ihr Schatten und dieser Gottesstrahl! „Endlich, endlich kommt doch Ein Wort Erklärung der harten Rede,“ heißt es in einer Textauslegung, „aber ein wie andres Wort, als man erwartet hatte! So kurz! So abgebrochen! So hingeworfen!“ … In diesem Tone ging das ganze, noch vorliegende Buch fort. Es ist der erste geistige grüne Anger gewesen, auf den sich die Knabenseele aus dem dürren häuslichen Leben endlich flüchtete. Es war wohl das Lamm Christi, das auch hier wieder weidete, aber die dumpfe, erstickende Stubenluft schnürte nicht mehr die Brust zusammen. Dieser zerrissene, einzelne Theil einer Schweizerischen Predigtsammlung von 1782 mit den angehängten Aphorismen über Christus, den „Weltenheiland,“ wurde dem Kinde die Eingangspforte in neue und reinere Anschauungen. Es war des Knaben liebstes Buch. Die Feder kritzelte auf dem innern Einband unter dem Wappen von Winterthur ihre ersten Schreibversuche. Immer wurde einsam dies Buch gelesen, laut gelesen, in der Einsamkeit so laut, daß man’s ein Predigen nennen konnte. Hier thronte Gott über allen Wolken und Wassern und Christus unter ihm schwang die „Blut-[175]fahne“ mit dem Wappen des Lamms. Der Gekreuzigte stand über allen Thronen und richtete Majestäten und Verbrecher, die Reichen und die Armen, die Adler in den Lüften und den Wurm im Staube. Sein Kreuz stand riesenhoch und im Erdbeben zitterte Jerusalem. Düstre Wolken rauschten über die Häupter der Welt und die Vorhänge des Tempels zerrissen. Dies war kein leidender, nur redender Christus, sondern ein handelnder, selbst im Leiden triumphirender. Und unser Buch stellte ihn der Geschichte gegenüber, rief: „Sesostris, Cyrus, Pythagoras, Aristoteles – Copernicus und Luther – Cartesius und Grotius – Gustav Adolph und Friedrich!“ Sie sollten zeugen, daß „kleine ohnmächtige Kinder“ Männer werden könnten, wieviel mehr dieser Christus, der „Zimmermannssohn“ und doch in Gott Purpurgeborne! Das Kind kannte nur wenige von jenen Helden, aber die Vorstellungen erweiterten sich, die Geschichte rollte sich auf, diese Christusauffassung ging über die Spittelkirche und die Sonntags-Nachmittags-Postille hinaus. „Können wir uns einen anmuthigeren, traulicheren Auftritt denken, als Jesus – unter der Mütter- und Kinderschaar? Alle Herrlichkeit des Eingebornen vom Vater, allen Ernst des Lehrers, alle Majestät des Wunderthäters, zur mildesten Huld, zur zartesten Liebe, zur trautesten Einfalt gemildert – voll [176] einladender Zärtlichkeit sein Blick, sein Mund Allen freundlich zulächelnd, seine Hände nach Allen sich ausstreckend. Und um Ihn die Mütter mit ihren Lieblingen – auf den Armen die Einen, auf der Hand die Andern – drängen sich zu Ihm, berühren seine Knie, blicken schüchtern erst, dann froh lächelnd an Ihm auf, mit jedem Blicke zutraulicher, froher, gesprächiger – und von Jesus aufgehoben, geherzet, gesegnet, mit einem liebreichen Glückwunsch, mit einer väterlichen Lehre den Müttern wiedergegeben! Können wir uns einen lieblicheren, wehmüthig erquickenderen Auftritt denken! Einen lieblicheren und erquickenderen für Mütter, für Kinder, für englische und menschliche Zuschauer! Seelig sind die Kinder, die Jesus also segnete, die auf seinem Schooße saßen, seine Wange berührten, mit seinen Haarlocken spielten! Ja, selig wird er uns zurufen, wenn Ihr werdet, wie die Kinder.“ Schon in diesen letzten Namen der Bibel lag ein majestätischer Schwung! „Endlich, endlich kommt doch Ein Wort Erklärung der harten Rede, aber ein wie andres Wort, als man erwartet hatte! So kurz! So abgebrochen! So hingeworfen!“ Hier waren Lessing und Goethe zu spüren. Das ganze Buch ist der erste geistige grüne Anger gewesen, auf dem sich die Knabenseele schon von zehn bis zwölf Jahren aus dem dürren häuslichen Leben flüchtete. Das Lamm Christi weidete auch hier, aber die dumpfe erstickende Stubenluft schnürte nicht mehr die Brust zusammen. Die Alpen standen in der Ferne. Sie waren der Schemel für Gottes Fuß, dessen Krone über allen Wolken und Wassern glänzte, und unter ihm schwang Christus die „Blutfahne“ mit dem Wappen des Lamms. Der Gekreuzigte stand auch über allen Erdenthronen und richtete Majestäten und Verbrecher, die Reichen und die Armen, die Adler in den Lüften und den Wurm im Staube. Sein Kreuz stand riesenhoch, und im Erdbeben zitterte Jerusalem. Düstere Wolken rauschten über die Häupter der Welt und die Vorhänge des Tempels zerrissen. Es war kein leidender, nur redender Christus, den der freie Schweizer predigte, sondern ein handelnder und selbst im Leiden triumphirender. „Sesostris, Cyrus, Pythagoras, Aristoteles – Copernikus und Luther – Cartesius und Grotius – Gustav Adolph und Friedrich!“ Ihr bezeugt, daß „kleine ohnmächtige Kinder“ Männer werden konnten. Wieviel mehr dieser Christus, der „Zimmermannssohn“ und doch in Gott Purpurgeborene! Das Kind kannte erst wenige von jenen Helden, aber die Vorstellungen erweiterten sich, diese Christusauffassung ging über die Spittelkirche und die Sonntags-Nachmittags-Postille hinaus. „Können wir uns einen anmuthigeren, traulicheren Auftritt denken, als Jesus – unter der Mütter- und Kinderschaar? Alle Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater, allen Ernst des Lehrers, alle Majestät des [120] Wunderthäters, zur mildesten Huld, zur zartesten Liebe, zur trautesten Einfalt gemildert – voll einladender Zärtlichkeit sein Blick, sein Mund Allen freundlich zulächelnd, seine Hände nach Allen sich ausstreckend. Und um Ihn die Mütter mit ihren Lieblingen – auf den Armen die Einen, an der Hand die Anderen – sie drängen sich zu Ihm, berühren seine Kniee, blicken erst schüchtern, dann froh lächelnd an Ihm auf, mit jedem Blicke zutraulicher, froher, gesprächiger – und von Jesus aufgehoben, geherzt, gesegnet, mit einem liebreichen Glückwunsch, mit einer väterlichen Lehre den Müttern wiedergegeben! Können wir uns einen lieblicheren, wehmüthig erquickenderen Auftritt denken! Einen lieblicheren und erquickenderen für Mütter, für Kinder, für englische und menschliche Zuschauer! Selig sind die Kinder, die Jesus also segnete, die auf seinem Schooße saßen, seine Wange berührten, mit seinen Haarlocken spielten! Ja, selig wird er uns zurufen, wenn Ihr werdet wie die Kinder.“ 0.6878453038674033
142 Du herrliches Buch! Was hast du die Seele des Kindes wie mit Engelsfittichen und in Himmel unendlicher Entzückung gehoben! Du Schweizermund voll Pracht und Hoheit, voll Lieblichkeit und Poesie! War’s das Alpenglühen der schneebedeckten Firnen, das aus deinen wurmstichigen Blättern in die ahnungsvolle Einsamkeit des träumenden Kindes blitzte? Waren es die Heerdenglocken von Zürich, die den armen Sohn der nordischen Steppe wie auf grüne Bergeshalden lockten [177] und ihm die Schauer einer Welt voll heiligeren Schwunges und reinerer Schönheit zauberten? O du erstes, frühstes, einzigstes Buch! Labsal einer nachtumhüllten Sehnsucht! Ein Schatz! Ganze Bibliothek eines Kindes! Ein einziger in eine Herberge der Armuth verlorner „dritter Band“ und doch so vollständig, so groß, so umfassend, wie alle Bücherschätze der Weltweisen! Braucht das Auge lange zu wählen und weilt nicht voll Thränen auf einer Stelle, wie dieser: Herrliches Buch! Was hast du die Seele des Kindes wie mit Engelsfittichen und in Himmel unendlicher Entzückung gehoben! Schweizermund voll Pracht und Hoheit, Lieblichkeit und Poesie! War’s das Alpenglühen der schneebedeckten Firnen, das aus vergilbten Blättern in die ahnungsvolle Einsamkeit des träumenden Kindes blitzte? Waren es die Heerdenglocken von Zürich, die den Sohn der nordischen Steppe wie auf grüne Bergeshalden riefen und ihm die Schauer einer Welt voll heiligeren Schwunges und reinerer Schönheit zauberten? Braucht das Auge lange zu wählen und weilt nicht mit Rührung auf einer Stelle wie dieser: 0.625
143 „In der lieblichen Abenddämmerung der Einsamkeit erscheinen sie wieder die Rosen unter der Morgenröthe – die seeligen Tage der Kindheit und Unschuld, wo unser Leben hinfloß, wie durch Blumenauen der klare Bach, wo keine Wolke den reinen, lachenden Himmel trübte, kein feindseliger Sturm unser Inneres zerriß – wo wir im Schooß unsrer Mutter frohlockten und mit den jugendlichen Gespielen um den blühenden Baum unsres mildgepflegten Gartens Eines Herzens jauchzten. Da kommen sie wieder hervor aus dem verschlingenden Strome der Zeit alle die Stunden genossener Freuden – und die dunklern Stunden der Trauer, die durchkämpften Nächte, die Thränen, die noch die Morgenröthe beschien – das ungezählte Heer der Sünden, bereut und unbereut, verziehen und unverziehen – vom ersten Lustgenuß am Baum der Erkenntniß bis zur Untreu im letzten Tagwerk. Alles zieht im namen-[178]losen Schauer unsrer Seele vorüber – ein Vorschmack des Weltgerichts – wir genießen wieder und leiden wieder, frohlocken und trauern wieder. Und aus diesem Bilde des Vergangenen geht das Bild unsrer Zukunft hervor, die Pfade öffnen sich, die wir noch wandeln sollen, die Kämpfe, die uns fürgelegt sind – wir trinken itzt schon aus dem Becher der fernsten Freuden und Leiden und unsre Seele faßt in lebendiger Hoffnung und Furcht das Unsichtbare, wie wenn es sichtbar wäre.“ „In der lieblichen Abenddämmerung der Einsamkeit erscheinen sie wieder, die Rosen unter der Morgenröthe – die seligen Tage der Kindheit und Unschuld, wo unser Leben hinfloß wie durch Blumenauen der klare Bach, wo keine Wolke den reinen, lachenden Himmel trübte, kein feindseliger Sturm unser Inneres zerriß – wo wir im Schooß unserer Mutter frohlockten und mit den jugendlichen Gespielen um den blühenden Baum unsres mildgepflegten Gartens Eines Herzens jauchzten. Da kommen sie wieder hervor aus dem verschlingenden Strom der Zeit all’ die Stunden genossener Freuden – und die dunkleren Stunden [121] der Trauer, die durchkämpften Nächte, die Thränen, die noch die Morgenröthe beschien – das ungezählte Heer der Sünden, bereut und unbereut, verziehen und unverziehen – vom ersten Lustgenuß am Baum der Erkenntniß bis zur Untreu im letzten Tagwerk. Alles zieht in namenlosem Schauer unsrer Seele vorüber – ein Vorschmack des Weltgerichts – wir genießen wieder und leiden wieder. Und aus diesem Bilde des Vergangenen geht das Bild unsrer Zukunft hervor, die Pfade öffnen sich, die wir noch wandeln sollen, und die Kämpfe, die uns fürgelegt sind – wir trinken itzt schon aus dem Becher der fernsten Freuden und Leiden und unsre Seele faßt in lebendiger Hoffnung und Furcht das Unsichtbare, wie wenn es sichtbar wäre.“ Stundenlang stellte der in der Stube eingeschlossene Knabe mit lauter Stimme diese Lectüre an. Er ahmte dabei den Berliner Predigern nach. 0.8159509202453987
144 VII.
145 Mit diesem wunderbaren Buche brachen in die religiöse Nacht des Kindes Strahlen der Morgenröthe.
146 [179] VI.
147 Das fünfte und sechste der Bücher, die dem Knaben von Bedeutung werden mußten, waren Göthes Faust und Don-Quixote. Das fünfte und sechste der Bücher, die dem Knaben von Bedeutung werden sollten, waren Goethe’s Faust und der Don Quixote. 0.6666666666666666
148 Daß sich Göthes Faust in die bescheidenste Welt der Armuth verlieren konnte, war ein Wunder. Bei einem Spielkameraden, der in demselben Thurmpavillon wohnte, dem Sohne eines Dienstangehörigen des Königs, fand sich ein nie wieder so kostbar gesehenes, rundum in hellgelbes feinstes Leder gebundenes, auf stärkstem Velinpapier gedrucktes Exemplar des Faust, eine Prachtausgabe. Und wie, wenn dieser Faust Sr. Majestät selbst gehört hätte? Das kostbare Buch war ohne Zweifel in irgend einem der königlichen Wägen liegen geblieben und hatte (nach doch wohl erfolgter Anmeldung) keinen Herrn gefunden. Magnus hieß des Königs Rosselenker, bei dem der Knabe diesen Faust [180] entdeckte. Von Potsdam nach Berlin, von Berlin nach Charlottenburg fahrend, hatte der König oder die Königin vielleicht in diesem Prachtexemplar geblättert. Es war im Wagen vergessen worden, die Königin war todt, der König liebte bekanntlich weder den Faust noch den Geheimerath von Göthe; so blieb unser Buch dem Kutscher Magnus und wurde das Lieblingsbuch seiner Kinder und deren Gespielen. Daß sich der erstere in die bescheidenste Welt verlieren konnte, war wie ein Wunder. Bei einem Spielkameraden, der in demselben Thurmpavillon der Akademie wohnte, dem Sohn eines Dienstangehörigen des Königs, fand sich ein nie wieder so kostbar gesehenes, rundum in hellgelbes feinstes Leder gebundenes, auf stärkstem Velinpapier gedrucktes Exemplar des Faust, eine Prachtausgabe. Wie, mußte der Erzähler sich später sagen, wenn dieser Faust Sr. Majestät dem König selbst gehört hatte? Das kostbare Buch war vielleicht in einem der königlichen Wagen liegen geblieben und hatte keinen Herrn gefunden. Friedrich Wilhelm III. machte sich wenig aus Goethe. Magnus hieß des Königs Rosselenker, bei welchem der Knabe diesen Faust vorgefunden. 0.518796992481203
149 Natürlich zwingt die Wahrheit sogleich zu dem Geständniß, daß dem Kind das einzig Gefällige und Verständliche im Faust sein rein Unverständliches war. Die Hexenküche, da war man heimisch. Da sah man die Töpfe und Kessel, den Blasebalg, den Rührlöffel und die Meerkatzen. Und diese Meerkatzen interessirten um so mehr, als eine Treppe höher, fast unterm Dache, noch ein unmittelbarer Dienstmann der Hohenzollern wohnte, der seinerseits Meerkatz hieß. Was sich in einem Kindskopfe aus so zusammentreffenden Umständen für ein logisches Ungeheuer bildet, ist nicht wiederzugeben. Ein Kind verknüpft das Fremdartigste mit einem Parallelismus, der selbst in späteren Jahren immer an der selben Stelle wieder auftaucht und bei gewissen Vorstellungen immer wieder dieselben tollen Unzusammengehörigkeiten vor dem Auge tanzen läßt, wie z. B. auch die, daß der Knabe den bekannten Preußischen Königsnamenszug Friedrich Wilhelm Rex, in drei verschlun-[181]genen Buchstaben dargestellt, immer nur mit einem vielgenannten Berliner Schullehrer und Cantor Namens Rex in Verbindung bringen konnte und noch ehe er etwas von dem schwäbischen Ursprung der Hohenzollern erfuhr, sich in demokratischer Vorahnung auch bei Königen einen ursprünglichen Familiennamen als nothwendig dachte und dabei nicht übel Lust verspürte, jenen Cantor Rex für einen irgendwie anzuerkennenden Seitenverwandten der majestätischen Herrschaften zu nehmen, die sonderbarerweise alle nur nach ihrem Vor- und nicht nach ihrem eigentlichen Familien-Namen Rex gerufen wurden … Kehren nicht noch im Alter, wo doch diese Irrthümer alle amputirt sind, wie in Gliedmaßen, die man nicht mehr besitzt, dieselben tollen Empfindungen wieder, falls der correlate Nerv der Seele berührt wird? Und haben nicht unsre Träume noch bis zu jenem letzten, aus dem man nicht wieder erwacht, ihre ganz eigne, immer und immer mit gleichen Bedingungen wiederkehrende Topographie, dieselben nicht existirenden Straßen, Plätze, Gärten, und kann man sich der regelmäßigen Wiederkehr einer und derselben Traumvorstellung erwehren, z. B. der wahrhaft folternden, daß man noch einst einmal ein großes Abiturientenexamen zu bestehen hat? Diese Traum- und Kinderlogik brauchte lange, bis sich der alte hüstelnde Meerkatz in der Dachstube mit den [182] sprechenden Meerkatzen des Faust allmälig auseinander fand. Die Thiere, die mit Kronen spielten, wie mit Glasscherben, die den Brei am Feuer rührten und zuletzt von einer durch den Schornstein fahrenden Hexe für ihr Ueberlaufenlassen der Töpfe gezüchtigt wurden, traten endlich unabhängig von dem Kutscher Meerkatz und in solcher Lebendigkeit vor die Augen, daß nach Anschauung regelmäßiger Puppenspiele in der Mittelstraße mit Göthes Faust eine dramatische Darstellung versucht wurde. Es that dabei nichts, daß ein aufgestürzter Stuhl, ein Fußschemel, ein paar Fensterkissen das Theater und anderweitig eroberte Figuren, die an sich Ritter oder Neufchateller Jäger darstellten, diesmal Hexen und Meerkatzen bedeuten mußten. Die Auslegung macht nicht blos beim Kinde das wahre Sein. Der reine Glaube ist das absolute Wissen. Die Vollendung der dargestellten Hexenküche, die dem jungen Dramaturgen als vollkommen erreicht vorschwebte, hat spätere Bühnenanschauung im Opernhause nie wiedergegeben. Die an sich vergebliche Mühewaltung der wirklichen Reproduction verschwand gegen das Ideal einer Inscenirung, das so gut wie die Wirklichkeit selbst war. Wie sich die mit Kattunschürzen verhangenen Stühle vor dem Auge zu so mächtigen Rundbögen wölbten! Wie die Küche so schwarzberußt wirklich gesehen wurde! Wie diese den Neufchateller Jägern substituirten Meer-[183]katzen sich balgten und mit dem Besen stäupten, weil „die Frau“ nicht zu Hause war! Und dann jener Brei, den sie rührten, diese bekannten breiten „Bettelsuppen“, die die Kinder nur auf Mehlbrei, nicht grade ihr Leibgericht, beziehen konnten. Jetzt läuft der Kessel über, die Hexe, vom Schornstein herabfahrend, verbrennt sich und schreit: „Au, au, au, au! Verdammtes Thier, verfluchte Sau!“ … Diese cynische Stelle, sei es nur gestanden, wurde als die classischste in allen Tonarten, in Dur, Moll, in Grunz- und Fisteltönen nachmodulirt. Diese Stelle war die sprechendste Anmuthung an die trunkene Freude, so schauderhaft Natürliches, so rein der eignen unmittelbarsten Gegenwart und dem Selbsterlebniß Angehöriges gedruckt zu lesen! Das beschämendste Geständniß muß einräumen, daß vom ganzen Faust nur diese Salva-Venien als das erste Material der Poesie bis zur Ueberseligkeit durchgekostet wurden. Nächstdem das Hexen-Einmaleins, das dem Schul-Einmaleins so nahe stand und dabei wie die tiefste Anfangsahnung der Metaphysik lautete und feierlich, ja mit einem gewissen Respect vor der – man konnte nicht wissen, ob doch nicht hoch erhabenen – Hexenweisheit vorgetragen wurde. Schließlich erwarb sich noch der Prolog der Dichtung, der Herr unter den himmlischen Heerschaaren, ein eignes Interesse. Das Drama selbst, wo Mephistopheles dem Kinde lange nicht bocksfüßig [184] und hörnermäßig genug auftrat, mundete nicht. Aber „der Himmel schließt, die Erzengel vertheilen sich“ … Das klang so selig und weckte goldensonnige Bilder! Dies Vorspiel war eine der Phantasieen, in deren lichtreine Sphären aus der Hexenküche man sich eben so flüchtete, wie der Knabe selbst in das Vordergebäude des Akademie-Quadrates schlich, wenn sein Gespiele, der Sohn des Kastellans, ihm eine geheime Thür öffnete und er zu einer Stunde, wo nur Maler, nur Kunsteingeweihte die Ausstellung der Gemälde besuchten, sich durch die goldrahmige bunte Farbenpracht, diese heilenden und lehrenden Jünger, diese Christuswunder, diese bunten Scenen der patriarchalischen Urzeit, die Abrahamsopfer und kanaanitischen Brunnengrüße hinschleichen durfte. Natürlich zwingt die Wahrheit sogleich zu dem Geständniß, [122] daß dem Kinde das einzig Gefällige und Verständliche darin die Hexenküche war. Und auch in ihr sah man nur die Töpfe und Kessel, den Blasebalg, den Rührlöffel und die Meerkatzen. Und diese Meerkatzen interessirten um so mehr, als eine Treppe höher, fast unterm Dache, noch ein andrer unmittelbarer Dienstmann der Hohenzollern wohnte, der seinerseits Meerkatz hieß. Was sich in einem Kindskopfe aus so zusammentreffenden Umständen für ein logisches Ungeheuer bildet, ist nicht wiederzugeben. Ein Kind verknüpft des Fremdartigste mit einem Parallelismus, der selbst in späteren Jahren immer an derselben Stelle wieder auftaucht und bei gewissen Vorstellungen immer wieder dieselben Unzusammengehörigkeiten vor dem Auge tanzen läßt, wie z. B. daß der Knabe den bekannten Preußischen Königsnamenzug Friedrich Wilhelm Rex, in drei verschlungenen Buchstaben dargestellt, nur mit einem vielgenannten Berliner Schullehrer und Cantor Namens Rex in Verbindung bringen konnte und noch ehe er etwas von dem schwäbischen Ursprung der Hohenzollern erfuhr, sich in demokratischer Vorahnung bei den Königen doch einen ursprünglichen Familiennamen als nothwendig dachte und dabei nicht übel Luft verspürte, den Cantor Rex für einen irgendwie anzuerkennenden Seitenverwandten der majestätischen Herrschaften zu nehmen, die sonderbarer Weise alle nur nach ihrem Vor- und nicht nach ihrem eigentlichen Familiennamen Rex gerufen wurden… Und kehren nicht noch im Alter, wo doch diese Irrthümer amputirt sind, wie in Gliedmaßen, die man nicht mehr besitzt, solche tollen Empfindungen wieder, falls der correlate Nerv der Seele berührt wird? Haben nicht unsere Träume noch bis zu jenem letzten, aus welchem wir nicht wieder erwachen, ihre eigne, immer und immer mit gleichen Bedingungen wiederkehrende Topographie, dieselben nicht existirenden Straßen, dieselben Plätze, Gärten, und kann man sich der regelmäßigen Wiederkehr einer und derselben Traumvorstellung erwehren, z. B. der, daß man noch einst ein großes Examen zu bestehen hätte? Diese Traum- und Kinderlogik brauchte lange, bis sich der alte hüstelnde Meerkatz in der Dachstube mit den sprechenden Meerkatzen des Faust auseinander fand. Die Thiere, die mit Kronen spielten wie [123] mit Glasscherben, die den Brei am Feuer rührten und zuletzt von einer durch den Schornstein fahrenden Hexe für ihr Ueberlaufenlassen der Töpfe gezüchtigt wurden, traten mit der Zeit unabhängig von dem Leibkutscher Meerkatz und in solcher Lebendigkeit vor die Augen, daß nach Anschauung regelmäßiger Puppenspiele (in der Mittelstraße „Theater von Freudenberg“ genannt) mit Goethe’s Faust eine dramatische Darstellung versucht wurde. Ein Stuhl, ein Fußschemel, ein paar Fensterkissen bildeten das Theater und anderweit eroberte Figuren, die an sich Ritter oder Neufschateller Jäger darstellten, bedeuteten Meerkatzen und Hexen. Die Auslegung macht, und nicht blos beim Kinde, das wahre Sein. Hier wenigstens war Glaube absolutes Wissen. Soviel Vollendung der dargestellten Hexenküche, die dem jungen Dramaturgen als vollkommen erreicht vorschwebte, hat spätere Bühnenanschauung im Opernhause nicht wiedergegeben. Die an sich vergebliche Mühewaltung der wirklichen Reproduction verschwand gegen das Ideal einer Inscenirung, das so gut wie die Wirklichkeit selbst war. Wie sich die mit Kattunschürzen verhangenen Stühle vor dem Auge zu mächtigen Rundbogen wölbten! Wie die Küche so schwarzberußt wirklich gesehen wurde! Wie diese, den Neufschateller Jägern substituirten Meerkatzen sich balgten und mit dem Besen stäupten, weil „die Frau“ nicht zu Hause war! Und dann jener Brei, den sie rührten, diese bekannten breiten „Bettelsuppen“, die die Kinder nur auf Mehlbrei, nicht gerade ihr Leibgericht, beziehen konnten. Jetzt läuft der Kessel über, die Hexe, vom Schornstein herabfahrend, verbrennt sich und schreit: „Au, au, au! Verdammtes Thier, verfluchte –!“ Jetzt kam ein cynischer Reim. Grade dieser wurde angestaunt und bewundert in der Möglichkeit, gedruckt zu werden und ordentlich in Büchern zu stehen. Sei es nur gestanden, diese Stelle wurde als die classischste in allen Tonarten, Dur, Moll, in Grunz- und Fisteltönen nachmodulirt. Sie war die sprechendste Anmuthung an die trunkene Freude, so schauderhaft Natürliches, so rein der eigenen unmittelbarsten Gegenwart und dem Selbsterlebniß nur zu oft Angehöriges gedruckt zu lesen! Dann aber kam das Hexen-Einmaleins, das dem Schul-Einmaleins so nahe stand und dabei wie die tiefste [124] Ahnung einer Einleitung zur Metaphysik klang und wirklich schon feierlich, ja mit einem gewissen Respect vorgetragen wurde. Konnte man doch nicht wissen, ob nicht hinter dieser Hexenweisheit etwas steckte. Schließlich erwarb sich noch der Prolog der Dichtung, der Herr unter den himmlischen Heerschaaren, ein besonderes Interesse. Das Drama selbst, wo Mephistopheles dem Kinde lange nicht bockfüßig und hörnermäßig genug auftrat, mundete nicht. Aber „der Himmel schließt, die Erzengel vertheilen sich“... das klang selig und weckte goldensonnige Bilder. Dies Vorspiel war eine der Phantasieen, in deren lichtreine Sphären aus der Hexenküche man sich eben so flüchtete, wie der Knabe selbst sich zuweilen in’s Vordergebäude des Akademie-Quadrates schlich, wenn ihm sein Gespiele, der Sohn des Kastellans, eine geheime Thür öffnete und er sich zu einer Stunde, wo nur Maler, Kunsteingeweihte die Ausstellung der Gemälde besuchten, bei dieser goldrahmigen bunten Farbenpracht einstehlen durfte, unter diese heilenden und lehrenden Jünger, diese Christuswunder, die Abrahamsopfer und kanaanitischen Brunnengrüße des damaligen beginnenden Düsseldorfer Geschmacks. 0.7518518518518519
150 Die allmälige Erlösung von dem gewaltigen Druck einer dumpfen überreligiösen Stimmung förderte auch eine alte zerrissene Uebersetzung des Don-Quixote, die dem Oheim gehörte, der in der nächsten Umgebung des Prinzen lebte. Die Schwänke des sinnreichen Junkers von La Mancha wurden Abends von der Cousine und dem Vetter vorgelesen, noch öfter vom heitern und von aller christlichen Selbstqual entfernten Oheim unter Lachen wieder erzählt. Das Barbierbecken als Helm, die Windmühlen als berittene Feinde, eine Bauernmagd als Prinzessin und Sancho Pansa, der ebensogut [185] ein Bauernlümmel aus Pommern oder der Uckermark hätte sein können, als Knappe, das waren Spässe, die zwar nicht so greifbar auf der Hand lagen, wie die Hexenküche und die Meerkatzen im Faust, im Gegentheil Spässe, die schon Sinn für Contrast, Ironie und Satyre erforderten, aber bei allem Kopfschütteln und starrem Gaffen eines im Grunde schon nur für sublimere Dinge empfänglichen Gemüthes verfehlten die Anpreisungen des Buches ihre Wirkung nicht und voll Emsigkeit wurde der Don-Quixote nicht ein, sondern mehre Male durchgelesen. Der Vater verlegte dabei die Scene wirklich nach Pommern. Diese Amtleute, Wirthe, Fuhrmannsausspannungen, diese Windmühlen, bebrillte Pastoren, steifen und nasehochtragenden Gutsherrschaften, alle spanischen Figuren des Cervantes fanden sich ebensogut auch in dem Andalusien Preußens wieder und wieviel wirkliche Don-Quixotes noch jetzt in Pommerns löblicher Ritterschaft leben, beweisen hinlänglich die Geschichten des Tages. Die allmälige Erlösung von dem Druck einer dumpfen überreligiösen Stimmung förderte auch eine alte zerrissene Uebersetzung des Don Quixote, die dem Oheim gehörte, der in der nächsten Umgebung des Prinzen lebte. Die Schwänke des sinnreichen Junkers von La Mancha wurden Abends von der „Cousine“ und dem „Cousin“ vorgelesen, noch öfter vom heitern und von christlicher Selbstquälerei weit entfernt gebliebenen Onkel unter Lachen wiedererzählt. Das Barbierbecken als Helm, die Windmühlen als berittene Feinde, eine Bauernmagd als Prinzessin und Sancho Pansa, der eben so gut ein Bauerlümmel aus Pommern oder der Ukermark hätte sein können, als Knappe, das waren Späße, die zwar nicht so greifbar auf der Hand lagen wie die Hexenküche und die Meerkatzen im Faust, im Gegentheil Späße, die schon Sinn für Contrast, Ironie und Satyre erforderten; aber bei allem Kopfschütteln und starrem Gaffen eines im Grunde nur für sublimere Dinge empfänglichen Gemüths verfehlten die Anpreisungen des Buches ihre Wirkung nicht, und voll Em-[125]sigkeit wurde der Don Quixote nicht ein-, sondern mehrmal durchgelesen. Der Vater verlegte dabei die Scene nach Pommern. Diese Amtleute, Wirthe, Fuhrmannsausspannungen, diese Windmühlen, bebrillten Pastoren, steifen und nasehochtragenden Gutsherrschaften, alle spanischen Figuren des Cervantes fanden sich ja eben so gut auch in dem Andalusien Preußens, und wie viel wirkliche Don Quixotes noch jetzt in Pommerns löblicher Ritterschaft anzutreffen sind, beweist ja die Geschichte des Tages. 0.7189189189189189
151 Die Zahl der gelesenen Bücher mehrte sich nun schon von Tage zu Tage. Sie zogen die Seele nach zwei Richtungen, dem Märchenlande der Poesie und der Welt der geschichtlichen Thaten und muthigen Unternehmungen. Das einfache Wissen von todtaufzuspeichernden Fakten schmeichelt sich dem Gedächtniß des [186] Kindes nicht ein. Zwischen die wunderthätigen Feen, die Siebenmeilenstiefel des kleinen Däumlings und die Wilmsen’schen Heldensäle, Bardenhaine und die Abenteuer Robinson-Crusoes drängte sich allmälig noch eine dritte Gattung, man möchte sie die pädagogische Romanenwelt nennen. Es sind dieß die ländlichen Idyllen, die Pfarrersbesuche in Friedheim, die Familienabenteuer einer Reise des Amtsmanns Gutmann und seiner Kinder, Campes durch glückliche Zufälle eroberte Jugendbibliothek. Letztere bot noch den reizendsten Genuß durch seine dramatisirten Familiengeschichten. Der bei Campe auftretende arme Thüringer Bergmannsknabe, der mit seinem ländlichen Dialekt und seiner Kunstfertigkeit auf der Geige sich die Freundschaft und Liebe eines vornehmen Hauses erwirbt und seinen ihm dargereichten Teller mit Kuchen und Wein erst nach einem Dank an Gott in die Hand nimmt, wird jedes gutgeartete Kind rühren. Bald wird sich zeigen, wohin die junge Seelenschwinge sich vorzugsweise getragen fühlt. Zu Aladdins Wunderlampe und den verschlossenen Bergen, die auf des Zauberers Geheiß sich öffnen, zum lieben Tischlein deck’ dich! Oder zu den Thaten Herrmanns des Cheruskers, den Siegen der Deutschen über die Hunnen, der Heldenbahn Luthers, dem Tode Gustav Adolphs und dem ebenso lieblichen wie rührenden Ende Theodor Körners. Oder in der [187] That zu dem kleinen Bergmannsknaben, dessen naive Treuherzigkeit dialektisch auf einem später eroberten Antheil an einem Theater nach Kräften bis zur nie ausbleibenden Selbstrührung wiedergegeben wurde .… Die pädagogische Unterhaltungsliteratur des Tages tastet hin und her und bringt uns in jeder Weihnachtszeit neue Experimente mit dem Kindergemüth. Immer mehr aber greift die Sucht um sich, mit der Kinderkost weit mehr die Alten zu sättigen. Die Neigung der Großen, sich zuweilen von ihren Mühen auszuspannen und zum Scherz ein wenig läppisch zu werden, verwechselt sich nur zu oft jetzt mit dem Unterhaltungsbedürfniß des Kindes, dem allerdings auch das Läppische, wenn es bunt gemalt ist, gefällt, wie Alles, was ihm geschenkt wird, aber die Nachwirkung auf die Seele wird doch die leerste und die flachste. Das Kind bedarf Thatsachen und diese Thatsachen nicht todt und nur aufgespeichert, sondern in Bewegung gebracht durch irgend eine Handlung, irgend ein Lebensschicksal. Das Märchen sei ohne Ironie, ohne zuweitausgesponnene Zwecklosigkeit und romantische Träumerei, es lehre den Glauben an gute und böse Kräfte des Lebens, große gewaltige Elementarwirkungen und die Ausgleichung einer ewigen Gerechtigkeit! Die Thatsachenliteratur für Kinder schildre Männer, die Einziges wollten und Großes zu dulden verstanden, Helden des Geistes, die sich von unten [188] herauf durch tausend Hindernisse emporarbeiteten, Forscher, die wie Columbus, keine Gefahr scheuten, ihr gläubigstes Ahnen zu verwirklichen! Das Familiengenre endlich hüte sich vor der Nachahmung fremder Erziehungstöne, wie sie besonders jetzt aus Frankreich herüberklingen! Diese geleckten übermalten Berliner Lithographieen mit den nach dem Pariser Modejournal geputzten jungen Herrchen und Dämchen, mit Knaben in Sammtgilets und Spitzenmanschetten, in englischen Lovely-Mützen und eng am Halse schließenden gebrannten Spitzenkrausen sind eine arge Vervornehmung der alten gemüthlichen bürgerlichen Jugend-Romantik Campes, Löhrs und Andrer, die zur deutschen Kinderwelt vielleicht etwas philisterhaft, aber in der einmal vorausgesetzten herrschenden deutschen Art und Sitte redeten. Die Zahl der gelesenen Bücher mehrte sich von Tag zu Tage. Sie zogen das Gemüth nach zwei Richtungen hin, nach dem Märchenlande der Poesie und nach der Welt der geschichtlichen Thaten und muthigen Unternehmungen. Das einfache Wissen von todtaufzuspeichernden Facten schmeichelt sich dem Gedächtniß des Kindes nicht ein. Zwischen die wunderthätigen Feen, die Siebenmeilenstiefel des kleinen Däumlings und die Wilmsen’schen Heldensäle, Bardenhaine und die Abenteuer Robinson-Crusoe’s drängte sich dann allmälig noch eine dritte Gattung ein, man möchte sie die pädagogische Romanwelt nennen. Es waren die ländlichen Idyllen, die Pfarrersbesuche in Friedheim, die Familienabenteuer einer Reise des Amtmanns Gutmann und seiner Kinder, Campe’s durch glückliche Zufälle eroberte Jugendbibliothek. Letztere bot noch den reizendsten Genuß durch seine dramatisirten Familiengeschichten. Der bei Campe auftretende arme Thüringer Bergmannsknabe, der mit seinem ländlichen Dialekt und seiner Kunstfertigkeit auf der Geige sich die Freundschaft und Liebe eines vornehmen Hauses erwirbt und seinen ihm dargereichten Teller mit Kuchen und Wein erst nach einem Dank an Gott in die Hand nimmt, wird jedes gutgeartete Kind rühren. Und bald wird sich dann auch zeigen, wohin sich die junge Seelenschwinge vorzugsweise getragen fühlt. Zu Aladdin’s Wunderlampe und den verschlossenen Bergen, die auf des Zauberers Geheiß sich öffnen, zum Tischlein deck’ dich – oder zu den Thaten Hermann’s des Cheruskers, den Siegen der Deutschen über die Hunnen, der Heldenbahn Luther’s, dem Tode Gustav Adolph’s und dem rührenden Ende Theodor Körner’s? Oder in der That zu dem kleinen Bergmanns-[126]knaben, dessen naive Treuherzigkeit dialektisch auf einem später eroberten Antheil an einem Theater nach Kräften bis zur nie ausbleibenden Selbstrührung wiedergegeben wurde –? Die pädagogische Unterhaltungsliteratur des Tages tastet hin und her und bringt uns in jeder Weihnachtszeit neue Experimente mit dem Kindergemüth. Immer mehr aber greift die Sucht um sich, mit der Kost für Kinder weit mehr die Alten zu sättigen. Die Neigung der Großen, sich zuweilen von ihren Mühen auszuspannen und zum Scherz ein wenig kindisch zu werden, verwechselt sich nur zu oft mit dem Unterhaltungsbedürfniß des Kindes, dem allerdings auch das Läppische, bunt gemalt, gefällt, wie Alles, was ihm – geschenkt wird, aber die Nachwirkung auf die Seele wird die leerste, die flachste. Das Kind bedarf Thatsachen und diese Thatsachen will es nicht todt und nur aufgespeichert, sondern in Bewegung gesetzt sehen durch irgend eine Handlung, ein Lebensschicksal. Das Märchen sei ohne Ironie, ohne zu weit ausgesponnene Zwecklosigkeit und romantische Träumerei, es lehre den Glauben an gute und böse Kräfte des Lebens, schildre große, gewaltige Elementarwirkungen und die Ausgleichung durch eine ewige Gerechtigkeit. Die Literatur für Kinder schildre Männer, die Einziges wollten und Großes zu dulden verstanden, Helden des Geistes, die sich von unten herauf durch tausend Hindernisse emporarbeiteten, Forscher, die, wie Columbus, keine Gefahr scheuten, ihr gläubigstes Ahnen zu verwirklichen! Das Familiengenre endlich hüte sich vor Nachahmung fremder Erziehungstöne, wie sie besonders jetzt aus Frankreich herüberklingen! Diese geleckten gemalten Berliner Lithographieen mit den nach dem Pariser Modejournal geputzten jungen Herrchen und Dämchen, mit Knaben in Sammtgilets und Spitzenmanschetten, in englischen Lovely-Mützen und eng am Halse schließenden gebrannten Spitzenkrausen sind eine Vervornehmung der alten gemüthlichen bürgerlichen Jugend-Romantik Campe’s, Löhr’s und anderer Schriftsteller, die zur deutschen Kinderwelt vielleicht etwas philisterhaft, aber in der einmal vorausgesetzten herrschenden deutschen Art und Sitte geredet haben. Ob die „Münchner Bilderbogen“ mit ihren Caricaturen gut auf die Kinder wirken, mögen Pädagogen entscheiden. 0.8411458333333334
152 Die Freuden der Natur und die alten Kriegs-Erinnerungen waren es, die gegen eine allzudüstre, gefährlich drohende Bigotterie auch im Hause selbst zuweilen fröhlichen Einspruch thaten. Selbst der apokalyptische Vetter konnte dem Reize einer Sonntagswanderung nach dem Dorfe Lichtenberg nicht widerstehen. Kornblumen und Lichtenberg waren dem Knaben ein und derselbe Begriff, und fast möchte man an die neue Lehre von einer materiell sich abdrückenden Einsammlung der geistigen Erfahrungen glauben; denn bei jeder Kornblume wird noch dem Manne Lichtenberg, wie [189] bei jeder Heuschrecke, die in den Herbstesstoppeln singt, das Dörfchen Tempelhof einfallen. Eine Wanderung nach Lichtenberg begann um die Mittagszeit und zog sich durch die entferntesten Stadttheile. Unterwegs stieß zu der frohbewegten Karavane dieser oder jener Verwandte: Der Vetter Christian mit dem Lederwamms aus Ungarn, der inzwischen schon einen Buckel nach dem andern hatte auftrennen müssen und freudvoll und leidvoll eine sonderbare Heirath schloß, die im Zusammenhange mit dem ihm wirklich tieftragischen Weh, daß die Filzhutmacherei plötzlich von den Seidenfelbelhüten, das zünftige gründlich erlernte Handwerk von Seidenhutnätherinnen und Papparbeitern verdrängt wurde, durch eigenthümliche Umstände den Griffel eines städtischen Dorfgeschichten-Dichters herausfordern müßte; der Vetter Wilhelm, der heute schon zwei Kirchen und die Rechtgläubigkeit ihrer Kanzeln geprüft hatte und mancher Andre. Vorüber ging es dann regelmäßig an einem Erdgeschoß in den Vorstädten, in dem eine andre unheimliche Jugenderinnerung und wieder etwas Seltsames aus der Sphäre des schönen Geschlechtes hauste. Es war dieß die gespenstersehende sogenannte „alte Cichorien-Liese.“ [127] Die Freuden der Natur und die alten Kriegserinnerungen waren es, die gegen eine allzu düstre, gefährlich drohende Bigotterie auch im Hause selbst zuweilen fröhlichen Einspruch thaten. Selbst der apokalyptische Vetter konnte dem Reiz einer Sonntagswanderung nach dem Dorfe Lichtenberg nicht widerstehen. Kornblumen und Lichtenberg waren dem Knaben ein und derselbe Begriff. Man möchte in der That an die Lehre von einer sich materiell abdrückenden Einsammlung der geistigen Erfahrungen glauben. Denn bei jeder Kornblume wird noch dem Manne Lichtenberg, wie bei jeder Heuschrecke, die in den Herbststoppeln singt, Tempelhof bei Berlin einfallen. Eine Wanderung nach Lichtenberg begann um die Mittagszeit und zog sich durch die entferntesten Stadttheile. Unterwegs stieß zur frohbewegten Karavane dieser oder jener Verwandte: Der Vetter Christian, der inzwischen aus seinem Lederwamms schon einen Buckel nach dem andern hatte auftrennen müssen und freud- und leidvoll eine höchst sonderbare Heirath geschlossen hatte, die im Zusammenhange mit dem ihm tieftragischen Weh, daß die Filzhutmacherei von den Seidenfelbelhüten, das zünftige, gründlich erlernte Handwerk von Seidenhutnätherinnen und Papparbeitern verdrängt wurde, durch eigenthümliche Umstände den Stoff zu einer städtischen Dorfgeschichte abgeben könnte; der Vetter Wilhelm, der heute schon zwei Kirchen und die Rechtgläubigkeit ihrer Kanzeln geprüft hatte. Vorüber ging es dann regelmäßig an einem Erdgeschoß in den (damaligen!) Vorstädten, in dem eine andre unheimliche Jugenderinnerung, etwas Seltsames aus der Sphäre des schönen Geschlechts hauste. Es war die gespenstersehende sogenannte „Cichorien-Liese.“ 0.7631578947368421
153 Diese lange hagre „alte Cichorien-Liese“ hatte noch einen imposanteren Wuchs, als die Hexe am Königlichen Schloß. Knochig, spitznasig, langfingrig, mit Habicht-[190]augen, scharfredend und dabei stocktaub. Sie war vermögend diese holde Dame und wollte durch einen Handel mit Cichorien, den sie in einem kleinen Kreise von regelmäßigen Abnehmern mit Hülfe einer sie begleitenden Dolmetscherin, die ihr den Korb tragen mußte, trieb, sich nur zerstreuen und unterhalten. Diese Cichorien-Liese schritt wie eine Königin so stolz, schnupfte wie ein Minister und beschäftigte sich nur mit den wichtigsten Angelegenheiten des Lebens, mit der großen europäischen Politik und mit den Gespenstern. Die Cichorien-Liese konnte in der That die Göttin des Jahrhunderts vorstellen; denn stocktaub und lautkreischend hielt sie gewöhnlich eine großmächtige Messingtrompete wie Frau Fama in der Hand. Diese Trompete setzte sie aber nicht an den Mund, sondern ans Ohr. Es war eine Schalltrompete, durch die sie ihre Taubheit mit einer Welt vermittelte, deren sichtbare und unsichtbare Dinge ihr leidenschaftlichstes Interesse erregten. Die Cichorien-Liese kam nicht zu oft zu den Eltern des Knaben, denn ihr Handelsartikel diente diesen nur zur angenehmeren „Färbung“ des Kaffées und zur Herstellung jenes pikanten Geruches, der der gebrannten radix cichorea selbst von halben Türken im Mokkagenuß nicht abzusprechen ist. So oft sie aber kam, war es immer ein wirkungsvolles Ereigniß. Ihre dienende Famula trug den verdeckten Korb, sie selbst schritt stolz voran, setzte sich feierlich und begann, [191] wenn sie eine Priese zur Nase und dann die Trompete zum Ohr genommen hatte, regelmäßig eine Conversation über die höchsten Interessen der Menschheit. Entweder war es „Boneparte“, über dessen Pläne auf St. Helena sie die genauesten Mittheilungen besaß, oder sie hatte, als gebornes Sonntagskind, wieder Geister gesehen. Die Politik und die Geister waren ihr Steckenpferd. Sie näselte im Sprechen, sprach aber so stark, daß es fast dasselbe Schreien war, mit dem in die Trompete die Fragen oder Antworten gerufen werden mußten. Die Erhebung der Griechen erfüllte die Cichorien-Liese mit einem Interesse, das ihr Handel mit Caffee-Surrogaten doch sonst an der Levante nicht nehmen konnte. Ihre Phantasie sah nur türkische Kriegsschiffe unter Brandern in die Luft springen und griechische Kinderköpfe, von den Türken zu Tausenden abgesäbelt. Es schien ihr unwiderleglich, daß „Boneparte“ jetzt ebenso die Griechen gegen die Türken commandirte, wie er späterhin bei Varna und Schumla die Türken gegen die Russen commandirte. Die Cichorien-Liese sprach von den Congressen in Carlsbad und Verona, vom Fürsten Hardenberg und, auf innere Angelegenheiten übergehend, von der Erhöhung der Miethsabgaben mit derselben Gewißheit, wie sie regelmäßig unter einem seufzend abwehrenden „Ach lieber Gott!“ der Mutter auf ein Hereinragen der Geisterwelt in die [192] unsrige so ruhig und glaubenfest überging, daß Justinus Kerner seine Freude daran gehabt hätte. Die Cichorien-Liese bewohnte eine anständig eingerichtete comfortable Kellerwohnung, von der sie behauptete, daß es in ihr „spüke“. Es war dabei seltsam, daß sie stocktaub doch Geister immer deutlich hörte, auch ohne ihre Trompete. Mit überzeugungstreuer Sicherheit erzählte sie, daß es erst vorgestern wieder in der Nacht, wo sie nicht hätte schlafen können, ganz deutlich und vernehmlich hinter, in oder an der Wand gerufen hätte: „Wilhelm! Wilhelm! Ach Wilhelm!“ Sie erzählte, daß sie zwar gegen das „Spüken“ ein Bannungskraut, die „Spieke“, in ihre Betten verstecke, aber da sie ein Sonntagskind wäre, hülfe es nicht viel. Es kämen ihr die Gesichter wie über den Weg. Wenn sie allein säße und sich nur umdrehte, so könnte sie Köpfe mit langen Bärten sehen, die sie um Erlösung anbettelten. Sie ging ohne alle Metaphysik rein durch Erfahrung von der Idee des Zwischenreiches aus, in dem eine Menge von Seelen haltlos umherirrte und ihre Stunde oder passende Unterkunft suchte. Längst verstorbene Verwandte nicht nur, sondern auch noch lebende, nur nicht grade anwesende, sah die Cichorien-Liese sehr deutlich hinter ihrem Kachelofen sitzen, andre beim Aufblicken vom Studium ihrer Vossischen Zeitung „justement in die Kammer“ gehen. Die Geisterseherin schritt nach ihrer Erzählung gewöhnlich auf [193] die Erscheinungen herzhaft zu und verjagte sie eben nur durch diese Herzhaftigkeit. Es stand ihr fest, daß die Seelen der Todten die unglaublichste Unruhe hätten und sich um jeden Preis gern wieder in dieser Welt zu schaffen machten. Auch könnte man überzeugt sein, es lägen so viel geheime Schätze in der Erde vergraben, so viele Verbrechen blieben unentdeckt, daß es schon darum keinen Menschen Wunder nehmen könnte, wenn es des Nachts an ihrer Wand raschelte und mit herzzerreißendem Jammer riefe: „Wilhelm, Wilhelm, ach Wilhelm!“ Unser Apokalyptiker, der wirkliche Vetter Wilhelm, wenn er „arbeitslos“ war, traf oft mit der geistersehenden Cichorien-Liese zusammen und es entspannen sich dann die schauerlichsten Gespräche über das dunkle Dießseits und das allerklarste Jenseits. Beide hatten die gleiche Neigung für die Politik, für „Boneparte“, die Griechen, die Türken, den Papst und die Miethsabgaben, allein in ihren Prinzipien wichen sie von einander ab. Die Cichorien-Liese war durchaus weltlich und beinahe heidnisch. Der Apokalyptiker dagegen ließ die Geister nur unter gewissen Umständen gelten – kannte er doch Swedenborg und sprach mit Ehrfurcht von ihm! Er verlangte eine religiöse Färbung dieses Geisterglaubens. Er unterschied die Selbsttäuschung und die Offenbarung. Vetter Wilhelm erklärte, es gehörte zum Geistersehen mehr als nur [194] Taubheit oder ein Geburtstag am Sonntage oder der narkotisch betäubende Duft der gebrannten Cichorie; es gehörte ein reines Herz dazu und gottseliger Wandel und Gottes besondere Geneigtheit und spezielle Vorliebe für irgend einen zum Geistersehen erwählten Menschen. Ihm war das Geistersehen eine pure Gottesgnade. Die Cichorien-Liese pflegte solche Einwendungen im schnarrendsten Schreitone abzuweisen und blieb bei ihren Visionen, die ihr auch ohne Kirchenbesuch und Bibel kämen und nur destomehr kämen, je mehr sie „Spieke“ legte. Die Spieke und das „Spüken“ blieben seither dem Knaben wieder so Eins, daß ihm noch in allen Stunden, wenn er ein Gartenbeet mit Lavendel eingefaßt sieht, die Dämonologie der Cichorien-Liese einfällt, ebenso wie beim Namenszuge der Preußischen Könige auf Kanonen und Patrontaschen, wie schon erzählt, der alte Cantor Rex. Diese lange hagre Frau hatte noch einen imposanteren Wuchs als die Heilkünstlerin am Dom. Sie war knochig, mager, spitznasig, langfingrig, von Habichtaugen, scharfredend und dabei stocktaub. Nicht unbemittelt, wollte sie durch einen Handel mit Cichorien, den sie in einem Kreise von regelmäßigen Abnehmern mit Hülfe einer sie begleitenden Dolmetscherin, die ihr den Korb tragen mußte, trieb, sich nur zerstreuen und unterhalten. Diese Cichorien-Liese schritt wie eine Königin so stolz, schnupfte wie ein Minister und beschäftigte [128] sich nur mit den wichtigsten Angelegenheiten des Lebens, mit der großen europäischen Politik und mit den Gespenstern. Die Cichorien-Liese konnte in der That die Göttin des Jahrhunderts vorstellen; denn stocktaub und lautkreischend hielt sie fast immer eine großmächtige Messingtrompete wie Frau Fama in der Hand. Diese Trompete setzte sie nicht an den Mund, sondern an’s Ohr. Es war eine Schalltrompete, durch welche sie ihre Taubheit mit einer Welt vermittelte, deren sichtbare und unsichtbare Dinge ihr leidenschaftlichstes Interesse erregten. Die Cichorien-Liese kam nicht zu oft zu den Eltern des Knaben, denn ihr Handelsartikel diente diesen nur zur „angenehmeren Färbung“ des Kaffees und zur Herstellung jenes pikanten Geruches, der der gebrannten radix cichorea selbst von halben Türken im Mokkagenuß nicht abgesprochen werden kann. So oft sie aber kam, war es ein wirkungsvolles Ereigniß. Ihre dienende Famula bewachte den verdeckten Korb, sie selbst schritt stolz voran, setzte sich feierlich und begann, wenn sie eine Prise zur Nase und dann die Trompete zum Ohr genommen hatte, regelmäßig eine Conversation über die höchsten Interessen der Menschheit. Entweder war es „Boneparte“, über dessen Pläne auf „St. Helêna“ sie die genauesten Mittheilungen besaß, oder sie hatte, als gebornes Sonntagskind, wieder Geister gesehen. Die Politik und die Geister waren ihr Steckenpferd. Sie näselte im Sprechen, sprach aber so stark, daß es fast dasselbe Schreien war, womit in die Trompete die Fragen oder Antworten gerufen werden mußten. Die Erhebung der Griechen erfüllte die Cichorien-Liese mit einem Interesse, das im Widerspruch mit ihrem eigenen stand; denn ihr Handel mit Kaffee-Surrogaten hätte sich eigentlich wenig aus den Vorgängen in der Levante machen sollen. Aber ihre Phantasie sah nur türkische Kriegsschiffe unter Brandern in die Luft springen und griechische Kinderköpfe, von den Türken zu Tausenden abgesäbelt. Es schien ihr unwiderleglich, daß „Boneparte“ jetzt ebenso die Griechen gegen die Türken kommandirte, wie derselbe späterhin bei Varna und Schumla die Türken gegen die Russen kommandirte. Die Cichorien-Liese lachte laut auf, wenn Einer behauptete, die Engländer würden den „Boneparte“ schon auf „St.-Helêna“ [129] festhalten. „Na Den?“ hieß es. „Sie haben ja eenen janz falschen –!“ Sie sprach von den Congressen in Carlsbad und Verona, vom Fürsten Hardenberg und, auf innere Angelegenheiten übergehend, von der Erhöhung der Miethsabgaben mit derselben Gewißheit, wie sie regelmäßig unter einem seufzend abwehrenden „Ach lieber Gott!“ der Mutter auf ein Hereinragen der Geisterwelt in die unsrige so ruhig und glaubensfest überging, daß Justinus Kerner seine Freude daran gehabt hätte. Die Cichorien-Liese bewohnte in der „Kurzen Straße“ eine anständig eingerichtete Kellerwohnung, von welcher sie behauptete, es „spükte“ in ihr. Es war seltsam, daß sie bei ihrer Stocktaubheit deutlich die Geister hören konnte, auch ohne ihre Trompete. Mit überzeugungstreuer Sicherheit erzählte sie, daß es erst vorgestern wieder in der Nacht, wo sie nicht hätte schlafen können, ganz vernehmlich hinter, in oder an der Wand gerufen hätte: „Wilhelm! Wilhelm! Ach Wilhelm!“ Sie erzählte, daß sie zwar gegen das „Spüken“ ein Bannungskraut, die „Spieke“, in ihre Betten versteckte, da sie aber ein Sonntagskind wäre, hülfe es nichts. Es kämen ihr die Gesichter wie über den Weg. Wenn sie allein säße und sich nur umdrehte, so könnte sie Köpfe mit langen Bärten sehen, die sie um Erlösung anbettelten. Ohne alle Eschenmayer’sche Metaphysik, rein durch Erfahrung, ging sie von der Idee des Zwischenreiches aus, in welchem eine Menge von Seelen haltlos umherirrten und ihre Erlösungsstunde und bis dahin auf Erden irgend eine passende Unterkunft suchen sollten. Längst verstorbene Verwandte nicht nur, sondern auch noch lebende, nur nicht grade anwesende, sah die Cichorien-Liese hinter ihrem Kachelofen sitzen, andere beim Aufblicken vom Studium der Vossischen Zeitung „justement in die Kammer“ hineingegangen. Die Geisterseherin schritt nach ihrer Erzählung gewöhnlich auf die Erscheinungen herzhaft zu und verjagte sie so. Es stand ihr fest, daß die Seelen der Todten die unglaublichste Unruhe hätten und sich um jeden Preis in dieser Welt wieder zu schaffen machen möchten. Auch könnte man überzeugt sein, daß so viele geheime Schätze in der Erde vergraben lägen, so viele Verbrechen unentdeckt geblieben, daß es schon um [130] deßwillen keinen Menschen Wunder nehmen könnte, wenn es des Nachts an den Wänden raschelte und mit herzzerreißendem Jammer riefe: „Wilhelm, Wilhelm, ach Wilhelm!“ Man müßte nur das Ohr dafür haben. Unser Apokalyptiker, der ja auch Wilhelm hieß, traf, wenn er „arbeitslos“ war, oft mit der geistersehenden Cichorien-Liese zusammen. Dann entspannen sich die schauerlichsten Gespräche über das dunkle Diesseits und das allerklarste Jenseits. Beide hatten die gleiche Neigung für Politik, „Boneparte“, die Griechen, die Türken, den Papst und die Miethsabgaben, aber in ihren Principien wichen sie von einander ab. Die Cichorien-Liese war durchaus weltlich und beinahe heidnisch. Der Apokalyptiker ließ die Geister nur unter gewissen Umständen gelten – kannte er doch Swedenborg und sprach mit Ehrfurcht von dem alten Schweden. Er verlangte eine religiöse Färbung des Geisterglaubens, unterschied Selbsttäuschung und Offenbarung. Vetter Wilhelm erklärte, es gehörte zum Geistersehen mehr als nur Taubheit oder ein Geburtstag am Sonntage oder der narkotisch betäubende Duft der gebrannten Cichorie; es gehörte ein reines Herz dazu und gottseliger Wandel und Gottes besondere Geneigtheit und specielle Vorliebe für irgend einen zum Geistersehen auserwählten Menschen. Ihm war das Geistersehen Gottesgnade. Die Cichorien-Liese pflegte solche Einwendungen im schnarrendsten Schreiton abzuweisen und blieb bei ihren Visionen, die ihr auch ohne Kirchenbesuch und Bibel kämen, je mehr sie „Spieke“ legte. Die Spieke und das „Spüken“ blieben dem Knaben seitdem wieder und das in solchem Grade Eines, daß ihm noch in allen Stunden, wo ihm ein Gartenbeet mit Lavendel eingefaßt begegnet, die Dämonologie der Cichorien-Liese einfällt, ebenso wie beim Namenszuge der Preußischen Könige auf Kanonen und Patronentaschen der Cantor Rex. 0.7633851468048359
154 Bei den Wanderungen nach Lichtenberg wurde in den Geisterkeller der Cichorien-Liese ein rascher Blick geworfen; aber nur flüchtig; denn ihre Lebhaftigkeit, ihre Abgeschlossenheit von der Welt durch die Taubheit hätte zu langen Aufenthalt gekostet. Man wanderte weiter. Zum Landsberger Thor hinaus. Flach, flach, kahl, kahl ist der Weg nach Lichtenberg! Und doch lebt er im Jugendgedächtniß nur als eitel wogendes, sonnenbeglänztes Kornfeld, als Schmetterlingstummelplatz, als [195] blauer Cyanen- und rother Mohnblumengarten. Dies Durchschreiten durch hohe Aehren, die sich in der Sonne wiegen und schwadenweise bald auf diese oder auf jene Seite sich im Winde senken, wie wonnevoll dem Knaben, der noch so klein, daß er in ihrem Schatten wandelt, nur blauen Himmel über sich sieht und neben sich die Kornblumen mit ihrem blauen Johanniterkreuz auf der grünen Basthülle der Knospe, die rothen Flatterrosen, die Mohnblüthen, die er pflückt und dabei über die Löcher der Maulwürfe stolpert. Rings die wogende gelbe Saat. Dies freundliche Grüßen der Vorübergehenden, diese schallende höfliche Erwiederung der ganzen Karavane. Die Männer ziehen die Röcke aus und tragen sie auf Stöcken. Die Frauen drängen zur Eile, um bei einem Bauern noch einen guten Gartentisch oder einen Sitz dicht unter seinem strohgedeckten Giebeldache zu erobern. Endlich sieht man das Dorf mit seinem Kirchthurm und dem seit Jahren bekannten großen Storchennest, das so unvordenkliche Rechte und Erbpachtsansprüche der dorthausenden Storchenfamilie zu haben scheint, wie einst der alte General Möllendorf hier in seinem Schloßparke am Ende des Dorfes hatte, oder jener Liebhaber von Pfauen und türkischen Enten, die linker Hand einen großen hellen Wirthschaftsraum und ein stattliches Anwesen zieren. Eine spröde Opposition des märkischen Bauern gegen Berlin und Ber-[196]linerthum macht sich auch darin geltend, daß fast bis dicht unter die Thore der Stadt der Landbewohner seine allgemeine bäuerliche Art behalten hat und daß man sich auf eine halbe Meile von Berlin schon wie mitten in die Altmark oder die Priegnitz versetzt glaubt. Kleine niedrige Lehmhäuser mit dichten Strohdächern, eine düsterschattende Linde vor dem Thor, Räder, Deichseln, Latten den Eingang hemmend. Die Tracht ganz ländlich, kurze Jacken, lederne Hosen, bunte Nachtmützen, die Sprache plattdeutsch, frei von dem scheußlichsten aller deutschen Dialekte, dem der Hauptstadt, auf dessen nicht unmögliche Ausrottung eine Regierung, die wahre Volksgröße liebt, Prämien setzen sollte. Was gab es bei einer solchen Wanderung nicht zu behorchen, zu belauschen! Der Knabe steckte die Nase in alle düngerduftenden Ställe, in alle so eigenthümlich trockenluftigen Scheunen, kletterte auf die würzigathmenden Heuböden, sammelte im Garten an den Kirschbäumen vergessene gedörrte, von Vögeln angepickte Reste, sammelte Harz, das man mit den Fingern zu kunstvollen Geweben abspann, ging auf die Raupenjagd im Kohl- und Rübenfeld und dämmerte so hin in jener traumseligen Gedankenlosigkeit der Kinder, die das Große und Wichtige übersieht und sich an einer kleinen aus Steingerüll hervorgesuchten Blume oder einem Brombeerheckengewirr, durch das sich blaßrothe oder [197] blaue Winden schlängeln, oder einem Marienkäfer, den man sich in irrender Emsigkeit über die Hand laufen läßt, die größten und beneidenswerthesten Welten ausspinnt. Bei den Wanderungen nach Lichtenberg wurde in den Geisterkeller der Cichorien-Liese ein rascher Blick geworfen; aber nur flüchtig; denn ihre Lebhaftigkeit, ihre Abgeschlossenheit von der Welt durch die Taubheit hätte zu langen Aufenthalt gekostet. Man wanderte zum Landsberger Thore hinaus. Flach, flach, kahl, kahl ist der Weg nach Lichtenberg! [131] Und doch lebt er im Jugendgedächtniß nur als eitel wogendes, sonnenbeglänztes Kornfeld, als Schmetterlingstummelplatz, als blauer Cyanen- und rother Mohnblumengarten. Dies Hinwegschreiten durch hohe Aehren, die sich in der Sonne wiegen, bald auf diese, bald auf jene Seite vor’m Winde sinken, wie wonnevoll dem Knaben, der noch so klein, daß er in ihrem Schatten wandelnd nur blauen Himmel über sich sieht, neben sich die Kornblumen mit ihrem blauen Johanniterkreuz auf der grünen Basthülle der Knospe, die rothen Flatterrosen und die Mohnblüthen, die er pflückt und dabei über die Löcher der Maulwürfe stolpert! Dann das damals noch gebotene freundliche Grüßen der Vorübergehenden, die schallende höfliche Erwiderung der ganzen Karavane. Die Männer ziehen die Röcke aus und tragen sie auf Stöcken. Die Frauen drängen zur Eile, um bei einem Bauern noch einen guten Gartentisch oder einen Sitz dicht unter seinem strohgedeckten Giebeldach zu gewinnen. Endlich sieht man das Dorf mit seinem Kirchthurm und dem seit Jahren bekannten großen Storchennest, das so unvordenkliche Rechte und Erbpachtsansprüche der dort hausenden Storchenfamilie zu haben scheint, wie sie nur einst der alte General Möllendorf hier in seinem Schloßparke am Ende des Dorfes hatte, oder jener Liebhaber von Pfauen und türkischen Enten, die linker Hand einen großen hellen Wirthschaftsraum und ein stattliches Anwesen zieren. Eine spröde Opposition des märkischen Bauern gegen Berlin und Berlinerthum machte sich damals auch darin geltend, daß fast bis dicht unter die Thore der Stadt der Landbewohner seine allgemeine bäuerliche Art beibehalten hatte. Bis auf eine halbe Meile von Berlin glaubte man sich schon wie mitten in die Altmark, die Priegnitz versetzt. Kleine niedrige Lehmhäuser mit dichten Strohdächern, eine düster schattende Linde vor dem Thor, Räder, Deichseln, Latten den Eingang hemmend. Die Tracht nur ländlich, kurze Jacken, lederne Hosen, bunte Nachtmützen, die Sprache plattdeutsch, frei noch von dem scheußlichsten aller deutschen Dialekte, dem der Hauptstadt, auf dessen nicht unmögliche Ausrottung eine Regierung, die wahre Volksgröße liebt, einen Fonds für Prämien aussetzen sollte. Was gab es bei einer solchen Wanderung nicht zu [132] behorchen, zu belauschen! Der Knabe steckte die Nase in alle düngerduftenden Ställe, in alle so eigenthümlich trockenluftigen Scheunen, kletterte auf die würzigathmenden Heuböden, sammelte im Garten an den Kirschbäumen vergessene gedörrte, von den Vögeln angepickte süße Reste, sammelte Harz, das man mit den Fingern zu kunstvollen Geweben abspann, ging auf die Raupenjagd im Kohl- und Rübenfeld und dämmerte hin in jener traumseligen Gedankenlosigkeit der Kinder, die das Große und Wichtige übersieht und sich an einer kleinen aus Steingeröll hervorgesuchten Blume oder einem Brombeerheckengewirr, durch das sich blaßrothe oder blaue Winden schlängeln, oder an einem Marienkäfer, den man sich über die Hand laufen läßt, die größten und beneidenswerthesten Welten ausspinnt. 0.8452722063037249
155 Die Kraft der geistigen Sinne wächst. Sechs Jahre war der Knabe alt, als ihn schon ein Weltereigniß aus dem dumpfen Chaos des kindischen Ichs wachrief. Es war dies die Jubelfeier der Reformation. Die Bedeutung dieses Festes wurde vollkommen verstanden. Der lebhafte Sinn des Vaters wußte das Verbrennen des Tezelschen Ablasses, das Anschlagen der freien Glaubenssätze an die Wittenberger Kirchenthür und alle Fingerzeige Gottes in dem Leben des großen und deutschesten Volksmanns so anschaulich zu machen, daß diese Glockentöne, die drei Tage lang wie ein bewegtes Meer der Lüfte zu wogen und zu brausen nicht aufhören wollten, auch die ganze Seele ergriffen und zum protestantischen höchsten Hochgefühl hoben. Voll eitel Sonnenschein und wie ein einziger dreitägiger Glockenton ist diese erste historische Erinnerung. Die Kraft der geistigen Sinne wächst. Sechs Jahre war der Knabe alt, als ihn ein Weltereigniß aus dem ersten dumpfen Chaos des kindischen Ichs wachrief. Es war die Jubelfeier der Reformation. Die Bedeutung dieses Festes wurde vollkommen verstanden. Der lebhafte Sinn des Vaters wußte das Verbrennen des Tezel’schen Ablasses, das Anschlagen der freien Glaubenssätze an die Wittenberger Kirchenthür und alle Fingerzeige Gottes in dem Leben des großen Volksmannes so anschaulich zu machen, daß die Glockentöne, die drei Tage lang wie ein bewegtes Meer der Lüfte zu wogen und zu brausen nicht aufhören wollten, auch die ganze Seele ergriffen und zum protestantischen Hochgefühl erhoben. Voll eitel Sonnenschein und wie ein einziger dreitägiger Glockenton ist denn auch diese erste historische Erinnerung. 0.900990099009901
156 Ihr folgte die Kunde von Napoleons Tod, der auf den Straßen nicht eben mit Siegergroßmuth ausgerufen wurde. Dann der Kampf der Griechen und Türken, nachgeahmt in allen Kinder-Spielen, wo Jeder Grieche, Niemand Türke sein wollte und zuletzt das Abzählen entscheiden mußte. Sand’s Ermordung Kotzebues fand dann schon [198] im Knaben die ganze parteiische Würdigung, der selbst berühmte und ernste Männer wie De Wette nicht widerstehen konnten. An allen Bilderläden, hinter Fenstern und auf offener Straße hingen die Darstellungen der Ermordung Kotzebues, wiedergegeben in allen Einzelheiten, bald im Moment der Anmeldung Sand’s, bald im Ueberfall und Niederwerfen des Schlachtopfers oder in der Gefangennehmung des Mörders, wo dieser vergebens sich zu tödten suchte. Dann noch gesellten sich später alle Momente der Urtheilsverkündigung, die Fahrt zum Hochgericht und des „Richtens“ hinzu. Ueberall hing Sand’s Bildniß. Von hundert Rauchern hatten fünfzig gewiß einen Pfeifenkopf mit dem Abbilde des Mörders, der vom Vater mit unbedingtem Abscheu verurtheilt, von der Mutter mit den Worten bemitleidet wurde: „Der schöne junge Mensch!“ Die Nähe der Universität brachte mit der damaligen Studentenschaft in die unmittelbarste Berührung. Der Vater nahm an der altdeutschen Tracht den entschiedensten Anstoß, verspottete mit der bittersten Abneigung Jahn, den Turnlehrer, und erstickte die heißeste Neigung des Knaben, sich im Zwillichkittel für die Hasenhaide anwerben zu lassen, unbedingt. Der Altpommer that dies mit einer Fluth von Verwünschungen so gottlosen, hochmüthigen „Narrentreibens“. Es stellte sich schon allmälig in der Zeit der Bruch zwischen Stillstand und [199] Bewegung heraus, ein Bruch, der einem nun in die Nähe von hohen Stabsoffizieren gerückten Manne früher zum Bewußtsein kommen mußte, als der Masse, die erst durch die Einkerkerungen der akademischen Jugend stutzig wurde. Auch die bis zum neuesten Datum so angewachsene Verachtung der Volkswehr durch die disciplinirte Armee gab sich in den Worten kund, daß diese jungen Boxer und Balger in der Hasenhaide, mit ihrem „Hansnarrn“, dem Professor Jahn, an der Spitze, beim ersten Kanonenschuß, den sie von den Franzosen hören würden, alle davonliefen. Das Turnen wurde für die überflüssigste Spielerei erklärt, die noch dazu die Gefahr der Verwilderung brächte, wofür es freilich Beispiele genug gab. Der Kriegstaumel spukte noch so in allen Köpfen nach, daß von der Schuljugend in den Straßen die wildesten Scharmützel geliefert wurden. Vor dem eignen Hausthor erlebte man eine dieser Schlachten, die von einem Turner mit einem grünen italienischen Fischernetze auf dem langbehaarten Haupte masanielloartig befehligt wurde und einige blutende Opfer zur Folge hatte. Dem militärischen Sinne des Vaters waren schon diese langen Haare ein Gräuel. Er nannte diese neue Mode Lichtstecken, Talglichter, Besenreiser, Flachswocken – Junker Tobias von Rülp konnte von Junker Christoph von Bleichenwangs Perrücke nicht anzüglicher reden. Die grauen Kittel und [200] Hosen der Turner wurden mit den Zwillichkitteln der Festungssträflinge verglichen. Von Jahn hieß es, dieser Mann „sollte sich der Sünden schämen, so niederträchtige Narrenstreiche mit den Kindern aufzuführen.“ Ein einziger „Bauerjunge aus Klempenow oder Löcknitz bräche diesen Taugenichtsen in der Hasenhaide alle Rippen entzwei.“ Stangenklettern, Reckspringen, Boxen und Ringen waren diesem Zuchtprediger „brodlose“ Künste. Und als dann Kotzebue von einem solchen Turner, von einem solchen Studenten in altdeutschem Rock und langen „Lichtstecken“ wirklich ermordet wurde, da „hatte man die Bescheerung.“ Die Hasenhaide wurde geschlossen, Jahn gefänglich eingezogen, die Turnerei als staatsgefährlich für lange Jahre verbannt. Ihr folgte die Kunde von Napoleon’s Tod, der auf den Straßen mit nicht viel Siegergroßmuth angekündigt und ausgerufen wurde. Dann kam der Kampf der Griechen und Türken. Er wurde nachgeahmt in allen Kinderspielen, wo Jeder Grieche, Niemand Türke sein wollte und zuletzt das Abzählen entscheiden mußte. Sand’s Ermordung Kotzebue’s fand schon im Knaben die ganze partheiische Würdigung, welcher selbst berühmte und ernste Männer wie de Wette nicht haben widerstehen können. An allen Bilderläden, hinter Fenstern und auf offener Straße hingen die Darstellungen [133] der Ermordung Kotzebue’s, wiedergegeben in allen Einzelheiten, bald im Moment der Anmeldung Sand’s vor Kotzebue’s Wohnung in Mannheim, bald im Ueberfall und Niederwerfen des Schlachtopfers oder in der Gefangennehmung des Mörders, wo sich dieser vergebens zu tödten versucht hatte. Später gesellten sich noch alle Momente der Urtheilsverkündung, die Fahrt zum Hochgericht und das „Richten“ selbst hinzu. Ueberall hing Sand’s Bildniß. Von hundert Rauchern hatte der vierte Theil gewiß einen Pfeifenkopf mit dem Abbilde des Mörders, der vom Vater mit unbedingtem Abscheu verurtheilt, von der Mutter mit den Worten bemitleidet wurde: „Der arme junge Mensch!“ Die Nähe der Universität brachte mit der damaligen Studentenschaft unmittelbare Berührung. Der Vater nahm den entschiedensten Anstoß an der altdeutschen Tracht, verspottete den Turnlehrer Jahn mit der bittersten Abneigung und erstickte die heiße Sehnsucht des Knaben, sich im Zwillichkittel für die Hasenhaide anwerben zu lassen, durch eine Fluth von Verwünschungen so gottlosen, hochmüthigen „Narrentreibens“. Es stellte sich immer mehr ein Bruch zwischen Stillstand und Bewegung im Hause heraus, ein Bruch, der einem in die Nähe von hohen Stabsoffizieren gerückten Manne früh zum klaren Bewußtsein kam. Auch die bis zum neuesten Datum so angewachsene Verachtung der Volkswehr durch eine disciplinirte Armee gab sich in den Worten kund, daß diese jungen Boxer und Balger aus der Hasenhaide mit ihrem „Hansnarren“, dem Professor Jahn, an der Spitze, beim ersten Kanonenschuß, den sie von den Franzosen hören würden, davonlaufen würden. Das Turnen wurde für eine überflüssige Spielerei erklärt, die Soldaten hätten springen und laufen können auch ohne Turnerei. Ja was sähe man denn? hieß es – Verwilderung! Straßenjungen werden’s! Darin hatte das strenge Urtheil Recht, daß der Kriegstaumel noch in allen Köpfen spukte und von der Schuljugend die wildesten Scharmützel in den Straßen geliefert wurden. Vor dem eigenen Hausthor erlebte man eine dieser Schlachten, die von einem Turner mit einem grünen italienischen Fischernetz auf dem langbehaarten Haupte befehligt wurde und zur Folge hatte, daß einige Kämpen bluteten. [134] Dem militairischen Sinne des Vaters waren schon allein diese langen Haare ein Gräuel. Er nannte sie, da sie sich bei den meist blonden Köpfen nicht lockten, Lichtstecken, Talglichter, Besenreiter, Flachswocken – Junker Tobias von Rülp konnte von Junker Christoph von Bleichenwang’s Haarwuchs nicht anzüglicher reden. Die grauen Kittel und die Hosen der Turner wurden mit den Zwillichkitteln der Festungssträflinge verglichen. Von Jahn hieß es, dieser Mensch „sollte sich der Sünden schämen, mit den Kindern solche Narrenstreiche auszuführen“. Ein einziger „Bauernjunge aus Klempenow oder Löcknitz bräche diesen Taugenichtsen in der Hasenhaide alle Rippen entzwei“. Stangenklettern, Reckspringen, Boxen und Ringen waren „brotlose“ Künste. Und als dann gar Kotzebue von einem solchen Turner, einem solchen Studenten im altdeutschen Rock und mit langen „Lichtstecken“ von Haaren ermordet wurde, da „hatte man die Bescheerung“. Auch wurde die Hasenhaide geschlossen, Jahn gefänglich eingezogen, die Turnerei als staatsgefährlich für lange Jahre verbannt. Jahn, hundertmal in frühester Kindheit gesehen, steht dem Erzähler so lebhaft mit seinem gleichsam viereckig gezogenen Gesicht vor Augen, daß er erstaunen muß, in seinem Standbild in der Hasenhaide wenig Aehnlichkeit anzutreffen. 0.649164677804296
157 Ein Weltereigniß war ferner der Brand des Schauspielhauses. Wie sich das Reformationsfest eingeprägt hat als ein ewiges von den Linden abwärts herübersummendes frommes Läuten und Brausen im glücklichsten Sonnenschein, so zwei Jahre später der schwarze wieder von den Linden abwärts wallende den ganzen Himmel schwärzende Rauch, der Tagelang nicht weichen wollte. „Ihr bleibt zu Hause!“ Dieß mächtige Mutterwort steht wie in Erz geschrieben aus dem Getümmel noch jetzt im Gedächtniß. Das war ein Trommeln, ein Blasen, ein Fahren, ein Lärmen, ein Sturmläuten und diese Flammen, diese knisternden tausend Funken, diese [201] verwehten angebrannten Papierstreifen, Ifflands alte Rollen, Kotzebues beliebteste Stücke, alle herumfahrend, diese Zindelschnitzelchen, die der Knabe weit vom Schauplatze des Brandes entfernt noch auf dem Boden glitzernd fand, diese ihm noch unbekannte „wirkliche Welt“ der Bühne, diese Wunder des Geheimnisses so ausgestreut und verzettelt über alle Straßen im Tageslicht … es war eine Begebenheit, die sich noch in ihren Folgen lange durch die Knabenzeit hinzog, denn auf den Brand folgte das Besichtigen der Brandstätte und der Schinkelsche Wiederaufbau, der zwei Jahre die Straßen versperrte. Beide Eltern, uneinig über die Turner und Kotzebues Ermordung, waren in der Abneigung gegen die „Komödie“ einiger. In den Kirchen predigte der immer mehr um sich greifende Pietismus gegen die Bühne und nahm den Brand der Stätte, wo der sündige Iffland gehaust hatte, für ein Zeichen der endlich einmal erschöpften göttlichen Geduld und Langmuth. Ein „Weltereigniß“ war auch der Brand des Schauspielhauses. Wie sich das Reformationsfest eingeprägt hat als ein ewiges von den Linden abwärts herübersummendes Glockenläuten und das bei glücklichstem Sonnenschein, so zwei Jahre später der schwarze, wieder von den Linden abwärts wallende, den ganzen Himmel schwärzende Rauch, der Tagelang nicht weichen wollte. „Ihr bleibt zu Hause!“ Dies mächtige entscheidende Mutterwort steht wie in Erz geschrieben aus dem Getümmel noch jetzt im Gedächtniß. Das war ein Trommeln, ein Blasen, ein Fahren, ein Lärmen, ein Sturmläuten und diese Flammen, diese knisternden tausend Funken, diese verwehten angebrannten Papierstreifen, Iffland’s alte Rollen, Kotzebue’s beliebteste Stücke, alle herumfahrend in der Luft, Zindelschnitzelchen, die noch der Knabe weit vom Schauplatz des Brandes entfernt glitzernd auf dem Fußboden fand, Atome [135] der dem Knaben noch unbekannten „wirklichen“ Bühne, Wunder des Geheimnisses so ausgestreut und verzettelt über alle Straßen im Tageslicht! Es war eine Begebenheit, die sich noch in ihren Folgen lange durch die Knabenzeit hinzog, denn auf den Brand folgte das Besichtigen der Brandstätte und der Schinkel’sche Neubau, der mehre Jahre lang alle benachbarten Straßen versperrte. Die Eltern, uneinig über die Turner und Kotzebue’s Ermordung, waren einig in der Abneigung gegen die „Komödie“. In den Kirchen predigte der immer mehr um sich greifende Pietismus gegen die Bühne. Den Brand der Stätte, wo Iffland gehaust hatte, Iffland, der dem Volk mit Sünden bis über die Ohren behaftet gewesen zu sein schien, nahm man für ein Zeichen der endlich erschöpften göttlichen Geduld und Langmuth. 0.7407407407407407
158 Der in der größeren Welt noch völlig blinden Umsicht ging für die kleinere doch immer mehr das Auge auf. Es wird eine entsetzliche Erfahrung des Kindes, daß die Welt so voll schlimmer Elemente ist! Diese Erfahrung wird nicht auf einmal gemacht, sie kommt langsam, sie schleicht sich erst allmälig in das gläubige, überall nur gute Menschen voraussetzende Gemüth. Man fürchtet wohl Böses, aber erst sind es doch nur [202] Hunde oder Katzen oder Schornsteinfeger, von denen man Schlimmes gewärtigen kann. Dann hört man aber von wirklichen Uebelthätern, sieht sie sogar im nächsten Kreise, wird gewarnt, soll sich vor ihnen hüten. Und nun bei erwachender größerer Denkkraft werden Neid, Mißgunst, Verläumdung, Hinterlist, Verstellung, Schmeichelei, Geiz und Habgier an den täglichen Begegnungen unverkennbar. Welche Scenen, wenn böse, lügnerische Ankläger zur Rede gestellt werden! Die väterlichen Dienstverhältnisse zeigten eine Menge Menschen im Wettlauf nach demselben Ziele der Anerkennung und Auszeichnung. Einer sucht den Andern zu überflügeln und nicht selten wird nach schlechten Mitteln gegriffen. Schmeichelei gegen Vorgesetzte verfehlt selten ihren Zweck. Liebedienerische Unterwürfigkeit wird willkommener geheißen als biedre Gradheit und eine dem Vater eigne humoristische Vertraulichkeit selbst mit den vornehmsten Personen, mit Excellenzen und Hoheiten. Den Meisten der Untergebenen geht der Blick für das Menschliche auch an den Vornehmen gänzlich ab und die Vornehmen sehen es gern, sehen es lieber, daß sie als Begriffe, nicht als Menschen genommen werden. Wie liebte und rühmte man die wenigen gemüthlichen Ausnahmen! Und wieviel Wunderkraft, glücklich zu machen, besitzen doch die Großen! Sie brauchen Nichts [203] zu thun, als sich würdevoll menschlich zu geben. Da schon gewinnen und beseligen sie. Der in der größeren Welt noch völlig blinden Umsicht ging für die kleinere immer mehr das Auge auf. Es wird eine entsetzliche Erfahrung des Kindes, daß die Welt so voll böser Elemente steckt! Diese Erfahrung wird nicht auf einmal gemacht, sie kommt langsam. Erst allmälig schleicht sie sich in ein Gemüth, das von Natur voll Glauben ist und überall gute Menschen voraussetzt. Böses wird wol gefürchtet, aber das kommt aus den Zuchthäusern, aus keinem Zusammenhang mit der Welt des Kindes. Aber die Zuchthauswelt rückt näher und näher. Neid, Mißgunst, Verleumdung, Hinterlist, Verstellung, Schmeichelei, Geiz und Habgier werden an täglichen Begegnungen erkannt. Welche Scenen, wenn böse, lügnerische Ankläger zur Rede gestellt wurden! Die väterlichen Dienstverhältnisse zeigten die Menschen im Wettlauf nach demselben Ziel der Anerkennung und Auszeichnung. Einer suchte den Andern zu überflügeln, und nicht selten wurde dabei nach schlechten Mitteln gegriffen. Schmeichelei gegen Vorgesetzte verfehlte selten ihren Zweck. Liebedienerische Unterwürfigkeit wurde willkommener geheißen als biedre Gradheit und eine dem Vater eigene humoristische Vertraulichkeit selbst mit den vornehmsten Personen, Excellenzen und Hoheiten. Den Meisten der Untergebenen geht auch der Blick für das Menschliche an den Vornehmen ab, und die Vornehmen wieder sehen es lieber, wenn sie als Begriffe, nicht als Menschen genommen werden. [136] Wie liebte und rühmte man die wenigen gemüthlichen Ausnahmen bei einzelnen hohen Offizieren und Kriegsräthen! Und wie viel Wunderkraft, glücklich zu machen, besitzen nicht die Großen! Sie brauchen eben Nichts zu thun, als sich rein menschlich zu geben. 0.6173913043478261
159 Das Beklemmendste war, daß aus dem Bann der überlieferten Ordnung und der Leidenschaften der Existenzförderung heraustretend der Mensch sogleich auf klippenreicher Schwindelbahn erblickt wurde. Die grübelnden, brummischen, geizigen, gehässigen Berufsmenschen zogen den Knaben nicht an; aber von denen, die immer Lachen, immer Freude verbreiteten, stellte sich nur zu bald heraus, daß doch alle ihre Lust eine schlimme Kehrseite hatte. Der warf blanke Thaler auf den Tisch und rief nach Geigen und Flöten; der kam mit blitzenden Geschenken und gewann sich jedes Herz allein schon durch seine blitzenden, frohgemuthen Augen. Aber wehe! Bald ergab sich, daß der liebenswürdige Schelm ein Spieler, ein Schlemmer war. Seine Heiterkeit wurde frostiger, sein Auge matter, seine Hand magrer, seine Rede zerstreuter, sein Kleid ärmlicher. Der, der sonst gab, nimmt nun. Der, der sonst lustig tanzte, sitzt nun grübelnd hinterm Ofen, glücklich, wenn man ihn duldet und Niemand ihn um sein Befinden anredet. Das Volksleben ist so reich an diesen traurigen Gegensätzen. In jener Hauptstadt zumal, wo die Mehrzahl der Bewohner aus Armen und Unbemittelten besteht, giebt es die reichste Chronik verkommener Menschenschicksale. Der Strudel des Elends, der diese Menschen verschlingt, ist [204] vorzugsweise die allgemeine Gewerbefreiheit, das viel zu leicht erworbene Meister- und Bürgerrecht. Der Trieb der Isolirung, der auf dem Lande auch Halt und Zusammenhang schon in einzelnes Elend aufgelöst hat, reizt auch hier zum selbstständigen Lebensversuch die schwächsten Kräfte. Der Gesell, nach Freiheit, Besitzstand trachtend „etablirt“ sich und wirft den Köder seiner am Hause angeschlagenen Stiefeln oder Kämme oder Nägel wie in ein großes Meer aus. Oft beißt der Zufall an, noch öfter strömt aber nur die große Woge vorüber. Die erste Meisterschaft wird nicht ohne Selbstgefühl empfunden. Man hat ein Mädchen, eine Wittwe geheirathet, die einige hundert Thaler einbrachte. Gesellen arbeiten nun sogleich statt des Meisters. Dieser genießt seine Freiheit, lebt unter dem Vorwande des Kundenbesuches außer dem Hause und geräth in die Unsumme der kleinen Verführungen, die aus Kellern und Spelunken heraus ihre verderbenbringenden Arme strecken. Und Gott, was sind diese Verführungen! Wie unschuldig scheinen sie! Wie erlaubt dünkt ihr Genuß! Eine in einer Pfanne schmorende brenzliche übersalzene Bratwurst … warlich, in einer Stadt, wo man um zwölf Uhr zu Mittag ißt, kann eine um eilf Uhr genossene Bratwurst der Ruin eines ganzen Lebens werden. Ihr lacht? Aber der Stufengang ist einfach. Der „kundenbesuchende“ junge Meister tritt in eine jener „Früh-[205]stücksstuben,“ wo die Bratwurst in der Pfanne so verlockend schmort. Er wird sich ein „zweites Frühstück“ geben lassen. Mit diesem „zweiten Frühstück“ beginnt sein Verderben. Das scharfe Salz und der Pfeffer weckt den Durst. Der Trunk und der halb schon gesättigte Appetit hebt die Kraft und Unternehmungslust des sonst so genügsam dahinschlendernden Gesellen. Auf einen Exceß folgt der andre. Die Mittagszeit, wird sie nicht versäumt, kommt nun zu früh, der häusliche Tisch mundet nicht. Nichts verletzt die Gattin mehr, als das Verschmähen ihrer Kost. Vielleicht auch überbietet sie ihre Kraft. Im günstigsten Falle löst der Nachmittagsschlaf die Verstimmung. Der Meister erwacht gegen Abend, wo die angezündeten Straßenlichter zu neuem Leben außer dem Hause reizen. Wer in dieser Stufenfolge den allmäligen Ruin eines Handwerkers schildern und diese Schilderung mit den einfachen Worten: „Das zweite Frühstück“ überschreiben wollte, würde das Elend von Tausenden treffen und ein Volksbuch liefern. Das Beklemmendste war, daß so viele Menschen aus dem Bann der überlieferten Ordnung herauszutreten schienen und sogleich auf klippenreicher Schwindelbahn erblickt wurden. Die grübelnden, brummischen, geizigen, gehässigen Berufsmenschen zogen den Knaben nicht an. Aber von denen, die immer Lachen, immer Freude verbreiteten, stellte sich nur zu bald heraus, daß ihre Lust eine schlimme Kehrseite hatte. Der warf blanke Thaler auf den Tisch und rief nach Geigen und Flöten; der kam mit blitzenden Geschenken und gewann sich jedes Herz allein schon durch seine frohgemuthen Augen. Aber wehe, bald ergab sich, daß der liebenswürdige Schelm ein Spieler, ein Schlemmer war. Bald wurde auch seine Heiterkeit frostiger, sein Auge matter, seine Hand magrer, seine Rede zerstreuter, sein Kleid ärmlicher. Der, der sonst gab, nahm nun. Der, der sonst lustig tanzte, saß nun grübelnd hinter dem Ofen, glücklich, wenn man ihn duldete und ihn Niemand um sein Befinden anredete. Das Volksleben ist so reich an diesen traurigen Gegensätzen. Zumal in jener Hauptstadt, wo die Mehrzahl der Bewohner aus Armen und Unbemittelten besteht. Berlin ist recht eigentlich die Stadt der verkommenen Menschen. Als der Strudel des Elends, der rasch verschlingende, erschien damals vorzugsweise die allgemeine Gewerbefreiheit, das viel zu leicht und viel zu früh erworbene Meister- und Bürgerrecht. Der Trieb der Isolirung, der ebenfalls auf dem Lande den alten Halt und Zusammenhang schon genug in Elend aufgelöst hat, reizt auch hier zum selbstständigen Lebensversuch die allerschwächsten Kräfte. Der Gesell, nach Freiheit, Besitzstand trachtend, „etablirt“ sich und wirst den Köder seiner vor dem Hause ausgestellten Stiefel oder Kämme oder Nägel wie in ein großes Meer aus. Oft hält der Zufall vor’m Laden an, noch öfter aber strömt die große Woge vorüber. Die erste Meisterschaft wird nicht ohne Selbstgefühl empfunden. Man hat ein Mädchen, eine Witwe ge-[137]heirathet, die einige hundert Thaler einbrachte. Nun arbeiten statt des jungen Meisters Gesellen. Jener genießt seine Freiheit, lebt unter dem Vorwande des Kundenbesuchs außerhalb des Hauses und geräth in die Unsumme der kleinen Verführungen, die aus Kellern und Spelunken aller Art heraus ihre verderbenbringenden Arme strecken. Und was sind diese Verführungen! Wie unschuldig scheinen sie! Wie erlaubt dünkt ihr Genuß! Eine in einer Pfanne schmorende brenzliche übersalzene Bratwurst – wahrlich, in einer Stadt, wo man um zwölf Uhr zu Mittag ißt, kann diese um elf Uhr genossene Bratwurst der Ruin eines Lebens werden. Ihr lacht und spottet des Erzählers? Der Stufengang ist einfach. Der „kundenbesuchende“ junge Meister tritt in eine jener „Frühstücksstuben“, wo die Bratwurst in der Pfanne so verlockend schmort. Er wird sich ein „zweites Frühstück“ geben lassen. Mit diesem „zweiten Frühstück“ beginnt sein Verderben. Das scharfe Salz und der Pfeffer weckt den Durst. Der Trunk und der schon halbgesättigte Appetit hebt die Kraft und Unternehmungslust des sonst so genügsam dahinschlendernden Gesellen. Auf einen Exceß folgt der andre. Die Mittagszeit, wird sie nicht versäumt, kommt zu früh, der häusliche Tisch mundet nicht. Nichts verletzt die Gattin mehr, als das Verschmähen ihrer Kost. Auch überbietet sie vielleicht ihre Kraft. Im günstigsten Fall löst der Nachmittagsschlaf die Verstimmung. Der Meister erwacht gegen Abend, wo die angezündeten Straßenlichter zu neuem Leben außer dem Hause reizen. Wer in dieser Stufenfolge den allmäligen Ruin eines Handwerkers schildern und diese Schilderung mit den einfachen Worten: „Das zweite Frühstück“ überschreiben wollte, würde das Elend von Tausenden treffen und ein Volksbuch liefern. Vom Spiel und der Bauernfängerei, die hier im natürlichen Gefolge sind, haben wir dabei noch nicht gesprochen. 0.7536585365853659
160 Es ist so wohlthuend und so erschreckend zu gleicher Zeit, daß unter diesen wildwachsen aufschießenden Meistern der wahre Stachel des Fleißes und der guten Sitten so oft entweder nur die Umsicht der Frau oder die Religion oder nur der Geldgeiz ist. Der letztere Trieb muß in der Natur des Betreffenden angeboren liegen und findet sich, in diesem Falle glücklicherweise, [206] oft genug. Die Religion aber stirbt immer mehr als Bindemittel des Hauses ab und schlimm genug ist es, daß man die Form, in der man von Oben her jetzt diese so bedeutungsvolle Stütze des Volkslebens vor dem Wanken und dem Zusammenbrechen sichern will, als Freund des Bildungsfortschrittes nicht im Geringsten billigen kann. An die Stelle dieses schwankenden Haltes der positiven Religion sollte man entweder das tiefreligiöse Gemeinschaftsgefühl des Deutschkatholicismus und der freien Gemeinden, oder die politische Emancipation, das Bewußtsein bürgerlicher Rechte, das veredelnde, den ganzen Menschen hebende Gefühl einer unmittelbaren Beziehung zum großen Ganzen setzen. Das freie unverkümmerte Stimmrecht, das Stimmrecht, das uns die Reaction verkürzte, das Stimmrecht in einem wahrhaft neugebornen Staatsleben wird auch eine rückwirkende Kraft auf die religiöse und sittliche Weihe des Volkes üben. Denn unwiderleglich ist es, daß die unverkümmerte gesetzlich organisirte Theilnahme am Staat die untern Stände hebt, läutert, zur innern Sammlung führt, den Wetteifer in allem Guten fördert. Die Proletarier des Handwerks, zu denen man die kleinen Meister zählen muß, hat man sich zu unversöhnlichen Feinden gemacht, als man ihnen das eine Zeitlang genossene Stimmrecht wieder nahm. Es ist nicht das beleidigte Ehrgefühl allein, das in ihnen auf [207] Rache sinnt, sondern das Gefühl der weggezogenen Stütze ihrer sittlichen Erhebung. Sie ahnten, daß sie leichter entbehren, leichter arm sein konnten, wenn doch irgend etwas an ihnen geachtet wurde, ihr Name, ihr Gewerbe, ihr Miethzins, ihre Miethsteuer, ihre Gewerbsteuer. Sie ahnten, daß durch das erst so glückliche, dann unterbrochene Experiment an ihrem sittlichen Menschen gerüttelt wurde, und werden noch lange unversöhnte Feinde unsrer jetzigen Ordnung bleiben, während die Intelligenz sich längst in ihre Verstimmung gefunden und in andern Erleichterungen für das, was auch in ihr verletzt wurde, Trostgründe gesucht hat. Es ist erschreckend, wenn auch wohlthuend zu gleicher Zeit, daß unter diesen wildwachsen aufschießenden Meistern der wahre Stachel des Fleißes und der guten Sitten meistentheils die Umsicht der Frau ist. Der Erwerbstrieb geht von ihr aus. Die Religion kommt zuweilen zu den häuslichen Springfedern hinzu, aber sie verliert in unseren Tagen immer [138] mehr an Elasticität. Dies ist nur die Folge des Pietismus, der dem Menschen des Strebens und Schaffens, wie ihn die Zeit braucht, widerstrebt. Und Religionsbedürfniß ist da. Nur sollte man an die Stelle des schwankenden Haltes der positiven Religion entweder das Gemeinschaftsgefühl des Deutschkatholicismus und der freien Gemeinden oder die politische Emancipation, das Bewußtsein der bürgerlichen Rechte, das veredelnde, den ganzen Menschen hebende Gefühl einer unmittelbaren Beziehung zum großen Ganzen setzen.*) Das freie, unverkümmerte Stimmrecht, das Stimmrecht, das uns die Reaction verkürzte, das Stimmrecht in einem wahrhaft neugebornen Staatsleben wird eine rückwirkende Kraft auf die religiöse und sittliche Weihe des Volkes werden. Denn unwiderleglich ist es, daß die unverkümmerte gesetzlich organisirte Theilnahme am Staat die unteren Stände hebt, läutert, zur innern Sammlung führt, den Wetteifer in allem Guten fördert. Die Proletarier des Handwerks, zu denen man die kleinen Meister zählen muß, hat man sich zu unversöhnlichen Feinden gemacht, als man ihnen das eine Zeitlang genossene Stimmrecht wieder nahm. Es ist nicht das beleidigte Ehrgefühl allein, das in ihnen auf Rache sinnt, sondern das Gefühl der weggezogenen Stütze ihrer sittlichen Erhebung. Sie ahnten, daß sie leichter entbehren, leichter arm sein konnten, wenn irgend etwas an ihnen geachtet wurde, ihr Name, ihr Gewerbe, ihr Miethszins, ihre Mieths-, ihre Gewerbesteuer. Sie ahnten, daß durch das erst so glückliche, dann unterbrochene Experiment an ihrem sittlichen Menschen gerüttelt wurde, und werden noch lange unversöhnte Feinde der jetzt in unserm Lande waltenden Ordnung bleiben, während sich die Intelligenz in ihre Verstimmung leicht gefunden und in andern Dingen Trostgründe gesucht hat für das, was auch bei ihr verletzt wurde.**) 0.6704119850187266
161 So ist denn nur der einzige wahre Halt des kleinen Handwerkers noch seine häusliche Ordnung, sein Heerd, seine Familie, sein Weib. Die königliche und priesterliche Kraft des Weibes, einst so heilig gehalten von den alten Celten und Germanen, hat sich wohl in der Hysterie, der Nervenschwäche und der Salonbildung des modernen Frauenthums, aber doch noch nicht ganz im Strickstrumpf und dem Nähzeug verloren. Zum Glück findet der Handwerker, wenn er ein Weib nimmt und dazu entweder eine dienende Magd oder eine Nätherin wählt, in den meisten Fällen ein Wesen, das ihm den gewagten Schritt, ihr zu Liebe sein Gesellen- mit dem Meisterthume zu vertauschen, nicht bis zum Untergang gefahrvoll macht. Diese Frau nimmt sich der [208] Küche, der Ordnung und Reinlichkeit des Hauses, der Wäsche ebenso an, wie des Geschäftes. Sie drängt zum Fleiß, sie spekulirt auf Kundschaft, sie kauft Vorräthe und hat ihr Auge überall. Der Mann, oft ein Simpel, steht verlegen da, wenn sein Weib Kunden zu gewinnen, zu vertrösten, ihnen zu „flattiren“ sucht. Ihr Mundwerk hilft da ebenso nach wie ihre rührige Hand. Diese Frauen sind die Musterbilder ihres Geschlechts. Sie tragen alle Tugenden und alle Fehler der Gattung an sich. Sie erzürnen sich in dem Grade rasch, wie sie nur langsam zu gewinnen sind. Sie sind der Verstand und die Leidenschaft des Mannes, der nur in einzelnen Fällen wild, dann bis zum Thiere wird, sonst aber weit mehr, als das Weib, das Herz des Hauses darstellt. Mildthätig sind diese Frauen mit vorsichtiger Prüfung. Geben sie, so rührt sie das allgemeine Loos menschlichen Elends, das sie überhaupt mehr zu fürchten haben, als der Mann. Dem allgemeinen Fluch des Menschengeschickes steht das Weib näher, als der Mann, der nur das Einzelne sieht. Die Paradieseserinnerung lebt in dieser Sphäre lebendiger, als in der Region der Bildung. Bei dem Arbeiter ist die Frau wirklich die „Gehülfin“ des Gatten und hält am Baume der Erkenntniß wirklich die Wache. Sie kann des Mannes Glück, sie kann sein Verderben werden. So ist denn nur der einzige wahre Halt des kleinen Handwerkers seine häusliche Ordnung, sein Heerd, seine Familie, sein Weib. Allerdings hat sich die königliche und priesterliche Kraft des Weibes, einst so heilig gehalten von den Celten [139] und Germanen, verloren bei Hysterie, Nervenschwäche, Salonbildung, aber doch noch nicht ganz am Strickstrumpf und Nähzeug. Zum Glück findet der Handwerker, wenn er ein Weib nimmt und dazu entweder eine dienende Magd oder eine Nähterin wählt, in den meisten Fällen ein Wesen, das ihm den gewagten Schritt, ihr zu Liebe sein Gesellen- mit dem Meisterthum zu vertauschen, nicht bis zum Untergang gefahrvoll macht. Diese Frau nimmt sich der Küche, der Ordnung und Reinlichkeit des Hauses, der Wäsche ebenso an wie des Geschäftes. Sie drängt zum Fleiß, speculirt auf Kundschaft, kauft Vorräthe und hat ihr Auge überall. Der Mann, oft ein Simpel, steht verlegen, wenn bereits sein Weib im Zuge ist, Kunden zu gewinnen, zu vertrösten, ihnen zu „flattiren“. Ihr Mundwerk hilft ebenso nach wie ihre rührige Hand. Diese Frauen sind die Musterbilder ihres Geschlechts. Sie tragen alle Tugenden, freilich auch alle Fehler der Gattung an sich. Ohne Flunkerei, geringes Werthschätzen einer gegebenen Versicherung geht es dabei nicht ab. Sie erzürnen sich schneller als sie zu gewinnen sind. Sie sind der Verstand und die Leidenschaft des Mannes, der nur in einzelnen Fällen wild, dann freilich bis zum Thier werden kann, sonst aber mehr als das Weib das Herz des Hauses ist. Mildthätig sind diese Frauen mit vorsichtiger Prüfung. Geben sie, so rührt sie das allgemeine Loos menschlichen Elends, das sie überhaupt mehr zu fürchten haben als der Mann. Dem allgemeinen Fluch des Menschengeschicks steht das Weib näher als der Mann. Beim Arbeiter ist die Frau noch die „Gehülfin“ des Gatten, wie es die Bibel will, und hält am Baum der Erkenntniß die Wacht. Sie kann des Mannes Glück und Verderben werden. 0.7312775330396476
162 [209] Nur einzelne, glücklicherweise seltene Ausnahmen sind diejenigen Frauen im Volke, die sich in die Lage ihres arbeitenden Mannes nicht finden können. Putzsucht und die Näscherei bleiben glücklicherweise seltne Klippen. Die Frau des Armen spreche immerhin viel und nütze ihr Mundwerk! Sie besitzt oft nicht mehr an Bildung, als eben diese Sprache, deren Worte sie sich als einzigen Luxus nun auch recht zu Statten kommen läßt. Ueberschreitet sie aber auch hier das Maaß, so fängt mit der Schwätzerin der Ruin des Hauswesens an. Die Schwätzerinnen reden ein „Loch in die Wand“. Der Mann muß ihnen oft drohen, ihnen „das Mundwerk zunähen“ zu lassen. Sie verschwätzen die Zeit auf dem Markt, am Brunnen, mit der Nachbarschaft. Sie überrühmen sich selbst, ihr Hauswesen, ihre Ordnung, und doch geht alles „hinter sich“. Die allzu lebhafte Phantasie, die solche ungebundene Zunge oft allein entfesselt, bricht „Rand und Band“. Nicht selten hilft schon der Trunk den erschlaffenden Geistern nach, die das Bedürfniß haben, so immer außer sich zu sein. Dann ergiebt sich das jammervollste Bild des Volkslebens. Ein ehrsamer, friedlich-still arbeitender Mann und ein Weib, das ihm Schande bringt, das er züchtigen muß, das ihm das „Bett unterm Leibe“ verkauft, versetzt und überall Unsegen stiftet. Im glücklichsten Falle wird ein solches Weib zuletzt geistesschwach, kindisch, [210] verkehrt und erlischt wie ein Licht unter ihren Kindern, die mit dem Vater gegen die eigne Mutter wie in einer angebornen Verschwörung aufwachsen müssen. Scheidung von einer unglücklichen Wahl durch die Gerichte? Wie kostspielig das! Der spätere Aushalt einer Geschiedenen ist gar nicht zu erschwingen. Nicht selten erbittern sich zwei ungleiche Ehegatten zu solchem Haß, daß Einer des Andern überdrüssig wird und ein Verbrechen sich entweder leise in die Seele einschleicht oder rasch einmal die verzweifelnde Leidenschaft überkommt. Und wie tief liegt dann meist im Volke das Bewußtsein des ewigen Unrechtes und der nie zu vergebenden Schuld! Selten, daß der Mörder eines Weibes, das ihm zur Lebensplage geworden, von seiner unerträglichen Qual, seinem tiefsten und sich von Gott zum Richteramt berufenglaubenden Abscheu vor dem Opfer seiner Wuth spricht. Er giebt seine Schuld ruhig zu, bietet sein Leben zur Sühne, hält sich an sonstige Fehle seines Innern, die wohl auf sein Armensünderbild passen und erst das stille Forschen des Menschenfreundes kommt auf die Spur, wie grauenhafte Thaten so allmälig wachsen und in der Vorstellung wurzeln konnten von dem angebornen, „von Gott eingesetzten“ Richteramt der Familie unter sich selbst. Sonst waren im Volke Frauen, die sich in die Lage ihres arbeitenden Mannes nicht finden können, einzelne seltene Ausnahmen. Putz-, Vergnügungssucht und die Näscherei waren die Klippen. Jetzt sind diese Untugenden der Weiber, verbunden mit der Trunk- und Unabhängigkeitssucht der Männer, maßgebender geworden für die ganze Lage des Arbeitsstandes, seine moralische Bildung, seine überspannten Forderungen. Dem Knaben fiel zu seiner Zeit die Schwatzsucht der Frauen [140] aus dem Volk auf. Die Schwätzerinnen redeten „ein Loch in die Wand“. Oft mußte ihnen der Mann drohen, ihnen „das Maul zunähen“ zu lassen. Sie verschwätzten die Zeit auf dem Markt, am Brunnen, mit der Nachbarschaft. Sie überrühmten sich selbst, ihr Hauswesen, ihre Ordnung, und doch ging Alles „hinter sich“. Die allzu lebhafte Phantasie, die es oft allein ist, welche eine solche ungebundene Zunge entfesselt, bricht „Rand und Band“. Nicht selten hilft schon der Trunk den erschlaffenden Geistern nach, die das Bedürfniß haben, so immer außer sich zu sein. Dann ergiebt sich das jammervollste Bild des Volkslebens. Ein ehrsamer, friedlichstill arbeitender Mann und ein Weib, das ihm Schande bringt, das er züchtigen muß, das ihm das „Bett unter’m Leibe“ verkauft, versetzt und überall Unsegen stiftet. Im glücklichsten Falle wird die Unwürdige zuletzt geistesschwach, kindisch und erlischt wie ein Licht unter ihren Kindern, die mit dem Vater gegen die eigne Mutter wie in steter Verschwörung aufwachsen müssen. Scheidung von einer unglücklichen Wahl durch die Gerichte? Wie kostspielig das, der spätere Aushalt einer Geschiedenen ist gar nicht zu erschwingen! Nicht selten erbittern sich zwei ungleiche Ehegatten zu solchem Haß, daß sich entweder der Vorsatz zu einem Verbrechen langsam in die Seele schleicht oder einmal plötzlich die Verzweiflung und Leidenschaft zum Ausbruch kommen. Wir entschuldigen jetzt so viele Motive zum Verbrechen und wahrlich auch hier! Aber das Volk denkt nicht so. Das Bewußtsein des Unrechtes und der nie zu vergebenden Schuld liegt ihm doch tiefer. Der Mörder eines Weibes, das ihm zur Lebensplage geworden, wird seine Schuld zugestehen, wird sein Leben zur Sühne bieten, sich an sonstige Fehler seines Innern halten, die auf sein Armensünderbild passen. Ist auch die Vorstellung von einem angebornen, „von Gott eingesetzten“ Richteramt der Familie unter sich, des Vaters über den Sohn, des Gatten über die Frau tief eingewurzelt, zur Entlastung wird sie vom Schuldigen selbst nicht benutzt. Die eleganten Mörder aus der Pariser Jockeyklubwelt, die ihre untreuen Gattinnen niederstechen, verlassen sich jetzt auf Freisprechung und finden sie auch. 0.5404624277456648
163 Oft führt der Dämon der Eitelkeit und des Vergnügens, der nun auch den Mann ergreift, dann zum [211] Bettelstab. Die Zwischenstationen dieser Wanderschaft sind mannigfach und nicht alle sind sogleich von zerrissenen Lumpen behangen. Da schmettert die Trompete zu einem Ball, da klimpert ein geschniegeltes Töchterchen am Klavier, da bricht bei einem Gastgebot fast der Tisch von Speisen und den rauchenden Punschbowlen. Die kleinen Meister, die es leidlich „zu etwas gebracht“ haben, werden meist durch ihre Weiber zur Theilnahme an einem Grundverderb des Volkslebens geführt, den „geschlossenen Gesellschaften“. Diese unschuldigen „Kränzchen“ sind Ketten, die in’s Armenhaus zerren. Irgend ein verdorbener Gelegenheitspoet, irgend ein Privatschreiber, ein Winkeladvokat, ein leichtsinniger Schulmeister, der seine Stelle verlor und Groschenweise bei diesen Volksklassen Stunden im Französischen und im Klavier ertheilt, giebt den Namen zu diesen Kränzchen, die zehn, zwölf, zwanzig armselige Familien von eingebildet wohlhabenden Handwerkern (eingebildet, weil momentan ihre Gesellen zu thun haben) zu Sommer- und Wintervergnügungen vereinen. Lebte hier die unschuldige Freude und die harmlose Erholung, wer würde diese „Uranias“, „Thalias“, „Odeons“, „Museums“, „Erheiterungen“, „Erholungen“, „Eintrachten“ u. s. w. verpönen! Aber sie werden die traurigen Tummelplätze des allmäligen sittlichen und gesellschaftlichen Verderbens. Da werden die Läden eines ein-[212]samen Tanzbodens geschlossen, um acht Uhr finden sich aufgeputzt die Familien ein, Mann und Weib und Kind, die Geige lockt, der Brummbaß schnurrt, die Trompete schmettert, der Tanz beginnt. Noch jetzt wären die Wirbel und Strudel zu passiren, noch hat das Fahrzeug keinen zu großen Leck. Aber der tolle verdorbene Sprachmeister oder Winkeladvokat, der den herrlichen Namen dieser Freuden erfunden hat, ohne ihn richtig aussprechen zu können, ruht nicht. Sein Genius will noch eine ganz andre freie Zeche haben. Er macht den Petitmaitre, den Tanzmeister des Clubbs, den Kuppler. Er bringt die Gesundheiten aus, läßt die Subscriptionsbögen wandern zu einem Extraball, an dem auch andre „Anständige“ für Entree Theil nehmen können. Die Ansprüche der Rivalität steigern sich. Die Frauen, ihre Töchter, überbieten sich in Ausschmückung ihrer welkenden oder knospenden Reize, die Männer zechen nicht mit jenem Maaß, das ihnen die Börse oder der Durst mißt, sondern in dem erwachenden altdeutschen Trinkmaaß des Uebermuthes, der Wettlust und der leeren hirntollen Prahlerei. Diese Ressource, dies Kränzchen, dies Casino, das als eine „Erholung“ von zwölf ehrbaren Schlosser-, Tischler- und Schneidermeisterfamilien anfing, hat nach drei Jahren kein einziges Mitglied der ersten Stifter mehr, sondern wuchs über die entweder zur Erkenntniß Gekommenen oder [213] die bürgerlich Gescheiterten zu einem immer üppigeren Gelage empor, das ganz in die Hände der Gesellen, der Schwindler, der Lustigmacher, der Friseure, Barbiere gerieth und in Berlin meist mit Errichtung eines Liebhabertheaters endet. Dies Unwesen duldet man in Berlin seit fünfzig Jahren und zählt jetzt mindestens dreißig solcher erschlossenen Spelunken der komischen Muse … Wie würdig ernst wollte doch auch da die neueste Zeit aufräumen! Wie hatten die Handwerkervereine auch das Familienleben des Arbeiterstandes zu veredeln gesucht! Die Männer vereinigten Weib und Kind nicht nur zu Vergnügungen, sondern auch zu einer mit der geselligen Erholung verbundenen geistigen Anregung. In den neuesten Revolutionszeiten brachten die „Bezirksversammlungen“ den gemeinen und gebildeten Mann zusammen; der Handwerker sah in seinen Reihen den Gelehrten, den Beamten, den Kaufmann und eine Stimme nur herrscht darüber, wie veredelnd für den Niedrigen, wie anregend für den Höhergestellten diese harmlosen, oft wissenschaftlich eingeleiteten „Bezirks-Kränzchen“ der Handwerker und kleinen Leute wirkten. Die Gewehrkolben der Reaction haben aber auch mit diesem Fortschritt der Volksbildung den bekannten staatsrettenden Kehraus gespielt und die alte Bettelwirthschaft der Ueppigkeit ist wieder in solcher Blüthe aufgeschossen, daß wir aus innerster Ueberzeu-[214]gung erklären müssen, Religion und Christenthum im Volk sind nur noch durch die sinnigste Cultur der freien Gemeinden, Bürgertugend und Volkssittlichkeit nur durch die staatsrechtlich begründete Demokratie zu retten. Oft führt der Dämon der Eitelkeit und des Vergnügens, [141] wenn er auch den Mann ergreift, an den Bettelstab. Die Zwischenstationen dieser Wanderschaft sind mannigfach. Nicht alle sind sogleich von zerrissenen Lumpen bezeichnet. Da schmettert die Trompete zu einem Ball, da klimpert ein geschniegeltes Töchterlein am Klavier, da bricht bei einem Gastgebot fast der Tisch von Speisen und von rauchenden Punschbowlen. Die kleinen Meister, die es leidlich „zu etwas gebracht“ haben, wurden meist durch ihre Weiber zur Theilnahme an einem damaligen Grundverderben des Volkslebens geführt, den „geschlossenen Gesellschaften“. Diese „Kränzchen“ sind Ketten, die in’s Armenhaus ziehen. Irgend ein verdorbener Gelegenheitspoet, ein Privatschreiber, ein Winkeladvocat, ein leichtsinniger Schulmeister, der seine Stelle verlor und für wenige Groschen Unterricht im Französischen und auf dem Klavier ertheilt, giebt die erste Anregung, wo sich dann zehn, zwölf, zwanzig armselige Familien von eingebildet wohlhabenden Handwerkern (eingebildet, weil ihre Gesellen momentan zu thun haben) zu Sommer- und Wintervergnügungen vereinigen. Lebte hier die unschuldige Freude und die harmlose Erholung, wer würde diese „Uranias“, „Thalias“, „Odeons“, „Museums“, „Erheiterungen“, „Erholungen“, „Eintrachten“ u. s. w., wie sie damals hießen, verpönt haben! Aber sie wurden die Tummelplätze sittlichen und gesellschaftlichen Verderbens. Da werden die Läden eines einsamen Tanzbodens geschlossen, um acht Uhr finden sich aufgeputzt die Familien ein, Mann und Weib und Kind, die Geige lockt, der Brummbaß schnurrt, die Trompete schmettert, der Tanz beginnt. Noch jetzt wären die Wirbel und Strudel zu passiren, noch hat das Fahrzeug keinen zu großen Leck. Aber der tolle verdorbene Sprachmeister oder Winkeladvocat, der den herrlichen Namen dieser Freuden erfunden hat, ruht nicht. Sein Genius will freie Zeche haben. Er macht den Petitmaitre, den Tanzmeister, den Kuppler. Er bringt die Gesundheiten aus, läßt die Subscriptionsbogen wandern zu einem Extraball. Die Ansprüche der Rivalität steigern sich. Die Frauen, ihre Töchter, überbieten sich in Ausschmückung ihrer knospenden oder welkenden Reize, die Männer zechen nicht mit jenem Maß, das ihnen die Börse oder der Durst mißt, sondern im er-[142]wachenden Trinkmaß des Uebermuthes, der Wettlust, der Prahlerei. Diese Ressource, dies Kränzchen, Casino, das als eine „Erholung“ von zwölf ehrbaren Schlosser-, Tischler- und Schneidermeisterfamilien anfing, hat nach drei Jahren kein einziges Mitglied der ersten Stiftung mehr, sondern wuchs über die entweder zur Erkenntniß Gekommenen oder die bürgerlich Gescheiterten hinweg zu einem immer üppigeren Gebahren, das in die Hände der Gesellen, Schwindler, Lustigmacher, Friseure, Barbiere gerieth und zuletzt mit der Errichtung eines Liebhabertheaters endet. Nach mancher Richtung hin hat da die Zeit würdig aufgeräumt. Die Handwerkervereine haben auch das Familienleben des Arbeiterstandes zu veredeln gesucht. Die Männer vereinigten Weib und Kind nicht nur zu Vergnügungen, sondern auch zu geistiger Anregung, die mit der geselligen Erholung verbunden ist. Schon in den 48er Zeiten brachten die „Bezirksversammlungen“ den gemeinen und gebildeten Mann zusammen; der Handwerker sah in seinen Reihen den Gelehrten, den Beamten, den Kaufmann und nur Eine Stimme herrscht darüber, wie veredelnd für den Niedrigen, wie anregend für den Höhergestellten diese harmlosen, oft wissenschaftlich eingeleiteten „Bezirks-Kränzchen“ der Handwerker und kleinen Leute gewirkt haben. Die Gewehrkolben der Reaction machten auch mit diesem Fortschritt der Volksbildung den bekannten staatsrettenden Kehraus und die alte Wirthschaft der gedankenlosen Genußsucht war wieder in solcher Blüthe aufgeschossen, daß wir schon damals aus innerster Ueberzeugung erklären mußten, das Leben der Religion und des Christenthums im Volk sei nur zu retten durch die Cultur der freien Gemeinden, durch die bewußte Bürgertugend, die staatsrechtlich begründete Demokratie. Dann kehrte man den Spieß um, entfesselte Alles, nur nicht die Demokratie der anständigen Leute, und hat nun mitten in Genußsucht und Schwindel unser gegenwärtiges „sociales“ Chaos, aus welchem uns weder die österreichisch-deutschen Ministerial-Conferenzen noch die „Kathedersocialisten“ retten werden. 0.676923076923077
164 Der Ruin der um ihren innern sittlichen Halt gekommenen Handwerkerfamilien ist kein plötzlicher Bankerott, wie bei dem Kaufmann. Der schleppt sich eine Reihe von Jahren in bald ab- bald aufsteigender Linie so hin. Die aufsteigende Linie ist zuweilen ein plötzlicher Credit, ein Lotteriegewinn, eine Lieferungsarbeit mit eroberten Vorschüssen, ein vermietheter Halbtheil der Wohnung, eine zweideutige Hausfreundschaft, eine unzweideutige Bekanntschaft des inzwischen aufgeschossenen „Fräulein Tochter“. Die absteigende Linie ist das Mißverhältniß zwischen der Einnahme von den Kunden und der Abzahlung an die Lieferanten des Materials und des Handwerkzeuges, ein Zusammenstürmen der Forderungen von allen Seiten, ein sittlicher Eclat, den entweder die Eifersucht des Ehegatten oder ein andres Urrecht der Natur bei der Tochter herbeiführt. Dann sieht man plötzlich Handwerker ihre ganze arbeitende Existenz aufgeben. Sie springen in die zweideutige Gesellschaftsklasse der kleinen Spekulanten und Krämer und werden entweder „Restaurateurs“ oder „Kafetiers“, Gastwirthe oder Händler mit täglichen und gemeinen Lebensbedürfnissen; meist eröffnen sie [215] Läden mit Cigarren. Der Taback ist nicht nur in seiner Consumtion ein neuer Culturhebel geworden und hat in der Denkungsart der Zeitgenossen Revolutionen hervorgerufen, sondern auch seine Production, sein Betrieb wenigstens in den großen Städten, ist da, wo die Gewerbefreiheit herrscht, der gewöhnliche Uebergang zur sozialen Misere geworden. Einige Jahre schleppt sich so ein neuer „Kaufmann“ durch das Mißverhältniß von Kundschaft, baarer Auslage, Credit, Kündigungsfrist der auf Accord gelieferten Waaren hin, bis sich sein Lädchen schließt, ihm einige Kisten Cigarren von seinem Bankerott zu eignem Consumo noch übrigbleiben und er auf der Wanderschaft durch’s Leben eine neue Station betritt, nicht selten die des bewußten Schwindlers, des Spielers, des Gauners in feineren Umrissen, worauf sich bald auch die gröberen einstellen und all der Müh und Sorge das Zucht-, im glücklichsten Falle das Arbeitshaus ein Ende macht. Der Ruin der um ihren innern sittlichen Halt gekommenen Handwerkerfamilien ist kein plötzlicher Bankrott wie beim Kaufmann. Der Handwerker schleppt sich eine Reihe von [143] Jahren hin, in bald ab-, bald aufsteigender Linie. Die aufsteigende ist zuweilen ein plötzlicher Credit, ein Lotteriegewinn, eine Lieferungsarbeit mit Vorschüssen, ein vermietheter Halbtheil der Wohnung, eine zweideutige Hausfreundschaft, eine Bekanntschaft des inzwischen aufgeschossenen „Fräuleins Tochter“. Die absteigende ist das Mißverhältniß zwischen der Einnahme von den Kunden und der Abzahlung an die Lieferanten des Materials und des Handwerkszeuges, ein Zusammenstürmen der Forderungen von allen Seiten, ein sittlicher Eclat, den entweder die Eifersucht des Ehegatten oder ein anderes Urrecht der Natur bei der Tochter herbeiführt. Dann sieht man plötzlich Handwerker ihren bisherigen Erwerb aufgeben. Im Falle des Glücks springen sie in die zweideutige Gesellschaftsklasse der kleinen Spekulanten und Krämer und werden „Restaurateur“ oder „Kafetier“, Gastwirthe oder Händler mit täglichen Lebensbedürfnissen. In Berlin hat die Anlegung von Vergnügungs- und Trink- und Speiselokalen einen Umfang erreicht, der weder für die Statistik des Nationalreichthums noch für die der Moral erfreuliche Thatsachen abwerfen kann. 0.4189189189189189
165 Das großstädtische feinere Gewerb- und Handelsproletariat ist besonders deßhalb so schwer zu bekämpfen, weil seine vorzüglichste Eigenschaft in dem Heldenthum besteht, das im Volke gemeiniglich „das große Maul“ genannt wird. Dies feine Proletariat klagt nicht. Es geht nicht in Lumpen, blickt nicht hohläugig, schleicht sich nicht furchtsam an den Häusern entlang. Dies Proletariat des Schwindels und des „großen Mauls“ trägt [216] Siegelringe an den Fingern, goldne Ketten über rothe Sammetwesten, schnurbesetzte Paletots über dem wohlgenährten Embonpoint. Es ist überall zugegen, im Theater, in den Weinstuben, auf den Promenaden, es führt das große Wort und war das eigentliche Verderben auch der Märzbewegung. Die Gesinnungslosigkeit dieser Menschenklasse ließ sie das, was grade die Ordnung des Tages war, gleich „großmäulig“ proklamiren, ob es sich nun um die Demokratie oder die Reaction handelte. Dies lasterhafte, freche Menschengeschmeiß von existenzlosen Schwindlern, halben Bankerottirern, Goldarbeitergesellen, die sich Juweliere nennen und Läden mit erborgtem Krame eröffnen, verdorbenen Bäckern, die sich zu Kornmäklern aufwerfen, Schreibern, die Häuser administriren, Pflastertretern aller Art vom „bummelnden“ Geheimsekretär an, der seine eigne Frau zu den vortragenden Räthen schickt, wenn er um eine Gratification eingekommen ist, bis zum wirklich begüterten, wirklich verdienenden Maurer-, Steinmetzen-, Bäcker-, Fleischermeister, der aber aus Eitelkeit seine Kräfte überspannt, wenn er sich Pferde, Wagen, Bediente hält, dies ganze feine Proletariat der Großstädte griff ebenso rasch nach den Büchsen der Bürgerwehr, wie sie sie wieder wegwarf, gab Adhäsionsadressen den Advokaten oder den Soldaten, den [217] Märzministern oder den Novemberministern, fügte sich in Alles, was ihm nur erlaubte, sich mit seinem hohlen, übergoldeten Elend immer in den Vordergrund zu drängen und durch sein im Volke bekanntes „großes Maul“ den tiefinnern Schaden der ächten Bürgertugend und des häuslichen stillen Wirkens zu verdecken. Das großstädtische feinere Gewerb- und Handelsproletariat ist besonders deshalb so schwer zu bekämpfen, weil seine vorzüglichste Eigenschaft in dem Heldenthum besteht, das im Volk „das große Maul“ genannt wird. Dies Proletariat klagt nicht. Es geht nicht in Lumpen, blickt nicht hohläugig, schleicht sich nicht furchtsam an den Häusern entlang. Das Proletariat des Schwindels und des „großen Mauls“ trägt Siegelringe an den Fingern, goldne Ketten über rothe Sammetwesten, schnurbesetzte Paletots über dem wohlgenährten Embonpoint. Es ist überall zugegen, giebt den Ton im Theater an, in den Weinstuben, auf den Promenaden, schreit und perorirt und war auch das eigentliche Verderben der Märzbewegung. Die Gesinnungslosigkeit dieser Menschenklasse ließ sie das, was grade die Ordnung des Tages war, „großmäulig“ proclamiren, ob es sich nun um Demokratie oder Reaction handelte. Lasterhaftes, freches Menschengeschmeiß von existenzlosen Schwindlern, halben Bankerottirern, Goldarbeitergesellen, die sich Juweliere nennen und Läden mit [144] erborgtem Kram eröffnen, verdorbenen Bäckern, die sich zu Kornmaklern aufwerfen, Schreibern, die Häuser administriren, Pflastertretern aller Art, vom „bummelnden“ Geheimsekretär an, der seine eigene Frau zu den vortragenden Räthen schickt, die entscheiden müssen, ob ihm eine Gratification bewilligt werden kann, bis zum wirklich begüterten, wirklich verdienenden Maurer-, Steinmetzen-, Bäcker-, Fleischermeister, der aber aus Eitelkeit seine Kräfte überspannt, wenn er sich Pferde, Wagen, Bediente hält, dies ganze noble großmäulige Publikum der Großstädte griff 1848 eben so rasch nach den Büchsen der Bürgerwehr, wie sie diese wieder wegwarf, gab Adhäsionsadressen den Advocaten oder den Soldaten, den März- oder den Novemberministern und fügte sich in Alles, was ihm erlaubte, sich mit seinem hohlen, übergoldeten Elend in den Vordergrund zu drängen und durch sein im Volk bekanntes „Maul“ den tiefinnern Schaden der echten Bürgertugend und des häuslichen stillen Wirkens zu verdecken. In unsrer Zeit ist allen diesen Elementen, wenn nicht der Zutritt, doch die engste Verbindung mit der Börse ermöglicht worden. Die „Bauwuth“ und der „Häuserschwindel“ haben neue Felder der Bewährung für das seidne Lumpenthum eröffnet. 0.7137096774193549
166 Das Wühlen und Ringen um Existenz auf diesem Gebiete erschien selbst dem Kindesauge schon wie etwas Ungeheuerliches und dem Leben alle Farbe und allen Duft Abstreifendes. Ein schwerer, furchtbarer Druck, der auf dem ganzen Dasein ruht, wurde bis zum Jammer gefühlt. Ein naturwüchsiges Walten des Fleißes verbirgt sich still in seiner friedlichen Werkstatt. Die Rouerie aber lärmt auf dem Schauplatz und schneidet den Blick ins ächte Leben ab. Am Staate nun vollends will eines jeden Scheiternden Hand zur Rettung sich klammern. Dem Staate und seiner Aemterfülle trägt sich diese Menschheit mit ihrer ganzen Käuflichkeit und um jeden Preis zu habenden Gesinnung an. Da wird nicht untersucht, wer da giebt, in welchem Sinne gegeben wird, in welcher Voraussetzung; man nimmt nur, langt nur zu und beschwört Alles, thut Alles, was der „Brodgeber“ fordert. Was sollen auch die Sprossen jenes goldenen Proletariats thun, wenn auch sie nicht untersinken wollen? Der Vater lügt und heuchelt für den [218] Sohn. Der Sohn, im glücklichsten Falle, quält sich ab, die Verheißungen des Vaters wahr zu machen. Ein ungeheurer Jammer stöhnt sich so leise ächzend aus der Brust von Tausenden aus, wenn sie diesen Jammer nur noch fühlen, aber die Meisten haben schon den Fluch eines solchen Lebens für seinen Segen hingenommen, spielen mit den Ketten, klirren sich mit ihnen eine angenehme Musik, denken total nur nach dem allgemeinen Nonsens, fühlen in Selbstabtödtung nur nach dem herrschenden Kanon der öffentlichen Moral und bringen Urtheile zu Tage, die alle Menschenwürde in Frage stellen. Das Wühlen und Ringen um Existenz erschien bereits dem Kindesauge wie etwas Ungeheuerliches, das dem Leben Farbe und Duft abstreift. Der Druck, der auf dem Dasein liegt, wurde leidvoll nachgefühlt. Ein naturwüchsiges Walten des Fleißes verbirgt sich so still in einer friedlichen Werkstatt. Die Rouerie aber lärmt auf dem Schauplatz und schneidet den Blick in’s echte Leben ab. Am Staate nun vollends will sich eines jeden Scheiternden Hand zur Rettung anklammern. Dem Staate und seiner Aemterfülle trägt sich die Noth mit Käuflichkeit und mit einer um jeden Preis zu habenden Gesinnung an. Da wird nicht untersucht, wer giebt, in welchem Sinne gegeben wird, in welcher Voraussetzung; man nimmt, langt zu und beschwört Alles, was der „Brotgeber“ fordert. Was sollen die Sprossen jenes goldenen Proletariats thun, wenn sie nicht untersinken wollen? Der Vater heuchelt für den Sohn. Der Sohn quält sich, die Verheißungen des Vaters wahr zu machen. Ein ungeheurer Jammer stöhnt sich [145] von der Brust von Tausenden los, wenn sie ihn noch fühlen. Die Meisten haben den Fluch eines solchen Lebens schon für Segen hingenommen, spielen mit den Ketten, klirren sich mit ihnen eine angenehme Musik, denken nur nach dem allgemeinen herrschenden Kanon der öffentlichen Moral und bringen Urtheile zu Tage, die unsre Menschenwürde in Frage stellen. 0.7382198952879581
167 Der Knabe entdeckte mehr Servilismus bei den Gebildeten, die er bald kennen lernen sollte, als bei den Armen, die ihm charaktervoller schienen. Die dienenden Volksklassen besonders sind auf ein frühes Herausstellen wirklichen inneren Werthes angewiesen. Eines Handwerkers Tochter, die nicht zu dienen nöthig hat, scheidet sich ihre sittlichen Momente nicht so früh und selten so rein aus, wie es die zu thun vom Leben gezwungen wird, die dienen muß. Fleiß, Güte, Treue, gehorsame Charaktererforschung, Fügen in fremde Art erfordert eine höhere sittliche Kraft, als das einfache Vegetiren selbst des noch Aermeren, der aber zufällig für sich freier dasteht. Ein Handwerker, der eine Die-[219]nende heirathet, sorgt besser für sich, als wenn er die Tochter eines Meisters gewinnt. Ein guter Diener ist besser, als ein schlechter Freiherr. Wir sind mehr in den Händen Derer, die uns leiblich bedienen, als Derer, denen wir geistig gehorchen. Daß aber Kleider Leute machen, sieht man am ersten an Dienenden. Je schmucker die Uniform, desto leerer der Inhalt. Je mehr der Herr verräth, daß sein geputzter Diener eine Erfindung seiner Eitelkeit ist, desto mehr wird sich auch der Diener als bloßer Statist zeigen. Wer Diener wie Herren kleidet wird des Dieners Diener, wenigstens muß er ihm noch geringere Kräfte miethen, die das thun, was der geputzte Hallunk selber thun sollte. Jede blanke Tresse am Rock ist ein gereinigtes Tischmesser weniger. Köchinnen sind komische Figuren der dienenden Welt. Sie ersparen in kleinem Betrug und werden im Großen selbst betrogen. Schwarz am Heerde, glänzen sie gern bei Licht. Sie haben die kostbarsten Kleider, tanzen am eifrigsten, müssen aber, je älter sie werden, für ihre Liebenswürdigkeit desto stärkere Ausgaben machen. So mancher Soldat, so mancher junge Handwerker betrügt sie um ihre Ersparnisse. Eine dem Knaben fast unverständliche Klasse von Dienstboten waren die Ammen. Es gab ihrer von allen Sorten. Ammen, die wie scheue Tauben ängstlich auf einem Hofe schlichen, [220] Andre, die wie aufgeblähte Kalekuten einhertraten. Wie es möglich war, daß diese geputzten, in den besten Zimmern verweilenden Wesen außer dem vornehmen Kinde noch ein eignes daheim haben konnten, war vom Kinde schwer begriffen, aber manches Weinen wurde doch beobachtet, wenn ein junges Wesen, das „als Amme diente,“ irgend in einem dunklen Dachstübchen erschien und rasch ein gleichsam im vornehmen Hause Erspartes an Nahrung ihrem eignen verschmachtenden, bei ärmsten Leuten oder Verwandten „auf die Ziehe“ gegebenen Kinde darreichte. Und trotzdem ist dies von 1815 bis 1855 servile Berlin eine demokratische Stadt geworden! Schon früh entdeckte der Knabe mehr Gesinnungslosigkeiten bei den Gebildeten, die er bald kennen lernen sollte, als bei den Armen, die ihm charakterfester erschienen. Die dienenden Volksklassen sind auf ein frühes Herausstellenmüssen wirklichen inneren Werthes angewiesen. In des Erzählers Jugend waren die Dienstboten noch „treu, fleißig, ehrlich“, was ihnen jetzt nur formell bescheinigt wird, wenn sie auch alle vier Wochen wechseln. Fleiß, Güte, Treue, gehorsame Charaktererforschung der Obern, Fügen in fremde Art hebt die sittliche Kraft. Ein Handwerker, der eine Dienende heirathet, sorgt besser für sich, als wenn er die Tochter eines Meisters gewinnt. Ein guter Diener ist besser als ein schlechter Freiherr, sagt das Sprichwort. Daß aber Kleider Leute machen, sieht man am ersten am Dienenden. Je schmucker die Uniform, desto leerer der Inhalt. Je mehr der Herr verräth, daß sein geputzter Diener eine Erfindung seiner Eitelkeit ist, desto mehr wird sich der Diener als bloßer Statist fühlen. Wer Diener wie Herren kleidet, wird des Dieners Diener, wenigstens muß er ihm noch geringere Kräfte miethen, die das verrichten, was der geputzte Hanswurst selbst sollte. Jede blanke Tresse am Rock ist ein gereinigtes Tischmesser weniger. Köchinnen sind komische Figuren der dienenden Welt. Sie ersparen in kleinem Betrug und werden meist im Großen selbst betrogen. Schwarz am Heerde, glänzen sie gern Sonntag Abends bei Licht. Sie haben die kostbarsten Kleider, tanzen am eifrigsten, müssen aber, je älter sie werden, für ihre „Liebenswürdigkeit“ desto stärkere Ausgaben machen. Der Soldat, der junge Handwerker betrügt sie um ihre Ersparnisse. Eine dem Knaben halb noch unverständliche Klasse von Dienstboten waren die Ammen. Es gab ihrer von allen [146] Sorten. Ammen, die wie scheue Tauben ängstlich auf einem Hofe einherschlichen, Andre, die wie aufgeblähte Kalekuten stolzierten. Wie es möglich war, daß diese geputzten, in den besten Zimmern verweilenden Wesen außer dem vornehmen Kinde noch ein eignes daheim haben konnten, wurde vom Kinde schwer begriffen, aber manches Weinen wurde beobachtet, wenn ein junges Wesen, das „als Amme diente“, irgend in einem dunkeln Dachstübchen erschien und rasch ein gleichsam im vornehmen Hause Erspartes an Muttermilch ihrem eignen verschmachtenden, bei ärmsten Leuten oder Verwandten „auf die Ziehe“ gegebenen Kinde darreichte. 0.6752411575562701
168 Vom Volke kann man nicht sprechen, ohne die Juden zu erwähnen. Man hat sie für den Landbewohner recht als die Boten der Hölle geschildert, die mit Mephistopheles, dem Seelenfänger, in nächstem Accord stünden. Von seiner Vaterstadt kann der Knabe so grelle Jugendbilder nicht heraufbeschwören. Der Jude ist wohl dem Kinde früh ein Wort des Schreckens; nähert er sich aber, selbst im Barte, der früher noch öfter getragen wurde, und das Kind hält Stand und wechselt die Hand und einige Worte des Vertrauens mit dem Juden, so gewinnen die blitzenden Augen, die scharfen bestimmten Mienen des Antlitzes, die wohlklingenden Accorde der Betonung jedes Kind für den seltsamen Freund. Der bärtige Mann steht, das ist wahr, dem [221] Kinde in unmittelbarer Descendenz von den „Jüden“, die den Heiland kreuzigten und des Guten möchte man sich von dem lauernden scharfen Blicke nicht eben viel versehen, noch weniger in seiner Christen-Herrlichkeit begreifen können, daß ein Getaufter mit solchem Völkerüberbleibsel auf einer und derselben Menschheitsstufe stünde. Aber ein freundlicher Gast wird der Jude doch. Er bringt Schalkhaftigkeit im Gespräche mit, Neuigkeiten, Wunder aus der Welt, er frägt so beflissen nach den Fortschritten in der Schule und spricht so liebevoll von seinem eignen Jungen, der grade so groß wäre wie der da und das nächste Mal woll’ er ihn mitbringen. Freilich wenn er ihn mitbringt, ist die Art doch eine sehr andre. Der kleine Moses ist gar verstimmt, gar verdrießlich, frägt vorwitzig, fäßt Alles an, kennt keinen Respekt und macht dem Vater zu schaffen, der an seinem Moses Etwas zu tadeln oder zu strafen niemals in Versuchung kommt und doch auch will, daß Moses bei den Leuten, wo der Vater handelt, einen guten Eindruck hinterläßt. Früh bemerkt der Christen-Knabe, daß sich die Juden, selbst die ärmsten und ihre Kinder vollends, für vornehmer halten, als die Christen, selbst wenn sie den Christen schmeicheln. Es ist keine Täuschung, wenn die Christen klagen, daß sich die Juden für das auserwählte Volk Gottes halten. Es liegt ein Stolz selbst im niedrigsten Juden, ein Stolz auf seinen einigen [222] Gott, seine lebensweise Religion, sein, man möchte sagen, diätetisch-kosmetisches Ceremonialgesetz. Der ärmste Trödeljude hat etwas vom Gefühl seiner Verwandtschaft mit den Erzvätern. Das Blut Abrahams rollt in ihm, sein erweislicher Stammbaum macht ihn nach Christensitte zum Adligen. Aber noch mehr, der ärmste Jude hat einen Zusammenhang mit seinem Volke, der nicht blos im Allgemeinen, sondern auch durch die Familie im engeren Verbande für ihn erhebend ist. Es sind „Leute“ seiner Verwandtschaft, seines Namens wohlhabend, oft reich. Sein Moses hat Vettern und Onkel, die ihn vielleicht einst in ihr Geschäft nehmen. Diese Rückwand, wenn auch ohne Vortheile für den Augenblick, giebt eine Anlehnung für die Fälle des Unglücks. So treibt der Jude denn ganz vertrauensvoll sein Geschäft von Haus zu Haus, von Thür zu Thür. Er kauft Kleider, altes Geräth, er leiht auf Pfand, er giebt Vorschüsse auf Theilnahme am Gewinn, er bringt Loose zur Lotterie. Der weise Vater des kleinen vorwitzigen Moses kann mit der Zeit ein wichtiges Moment eines armen Christenlebens werden. Er klappert mit den „harten Thalern“ und gebehrdet sich freilich oft genug als eine Art Seelenverkäufer, wenn er auch den Mund voll herrlicher Sprüche über seine Mäßigung, seine Liebe zu ehrlichen Leuten und seine enthaltsamen Zinsen hat. Aber zwingt ihn nicht wirklich der eigene Vortheil zur [223] Mäßigung? Was hilft ihm der Ruin einer Familie, die zuletzt das Hemd vom Leibe versetzen müßte? Käme es zum völligen Bruche, was hätte er? Was sagten die Gerichte zu seinen „Zetteln“? Freilich sind diese Zettel klug abgefaßt. Wer zehn Thaler entleiht, schreibt nicht selten zwölf, wohl auch fünfzehn. Er nimmt statt der gesetzlichen Prozente der Fünf vom Hundert, Sieben, Zehn vom Hundert. Aber was konnte der Vater des kleinen Moses dafür? Hat er denn das Geld selbst? Ist er nicht auch ein „armer Mann“? Er bringt wohl das Darlehn, aber von Freunden, von „guten Freunden“, von denen er selbst borgen muß! Was ist zu thun? Der Bedürftige giebt dem Schelme nach, weil er muß, verschreibt Fünfzehn und erhält nicht einmal Zehn, sondern nur Neun, denn auch sogleich der Zins muß im Voraus abgezogen werden. Nun freilich, am nächsten „Ersten“ beginnen die Rückzahlungstermine von Zins und Kapital. … Das heitergeschlossene Geschäft nimmt, wie Shylock sagt, „zu oftermalen“, eine tragische Wendung, aber es giebt auch weise Daniels und freundliche Levis. Sie mäßigen sich und spielen, wenigstens sagen sies, ein Stückchen göttliche Vorsehung bei ihren Freunden. Sie lieben, wenigstens sagen sies, die braven, redlichen Arbeiter, die zuverlässigen Kunden, die ehrlichen, wenn auch zuweilen rauhen Familienväter, die schmucken Hausfrauen, die reinlichen Kinder, [224] die dem kleinen Moses kürzlich ihr Spielzeug mittheilten, und die braven und sorgsamen Hausstände. Und über Alles geht ihnen das Glück, das goldne Glück, Fortuna, die holdlächelnde, die blinde Gunst des Nummerrades und das große Loos! Denn gespielt muß doch werden, Menschen müssen doch da sein, die das Glück versuchen. Was hülfen ihnen, wenn sie sie auch allein spielen wollten, alle Loose ihrer Collection, was hülfe ihnen der Versuch? Sie kommen nicht heraus, sie haben kein Glück, sie sind nicht geboren unter dem und dem wunderthätigen Sterne, bei der und der Constellation des Himmels; denn ohne Aberglaube keine Lotterie. Einen blinden Zufall giebt es in einer Volkscollecte nicht. So „zieht“ denn eine reine Jungfrau oder ein dummer Knabe oder ein alter Großvater oder man träumt das zu spielende Loos, eine Nummer mit drei Sieben nebeneinander oder nicht nebeneinander, je nach den Neckereien des Gottes Morpheus. Ist der Jude wohl jemals Atheist? Glaubt der Sohn der Erzväter nicht am gläubigsten an Gotteswunder und an himmlische Rathschlüsse? Das Lotto bindet was der Wucher trennen würde. Geduld, Sanftmuth, Nachsicht dürfen nicht fehlen. Die Wechsel werden prolongirt und die Ziehungen der Lotterie schweben über dem dunklen Lebenshorizont der Armuth und Entbehrung wie siebenfarbige Hoffnungsbogen, zerstiebend oft in Nieten und doch [225] wieder neu sich bunt zusammenziehend, bis einmal ein wirklicher Gewinn aus den Wolken niederfällt, ein Gewinn, von dem zehn Menschen ein Jahr in Wirklichkeit leben, tausend Menschen aber, die nicht gewannen, doch den Gewinn sahen, geistig zehren, denn alle zünden ihre Hoffnungslämpchen an diesem Phosphorscheine an. Die Lotterie! Man bekämpft sie, nennt ihre Einwirkung verderblich. Möglich beim Uebermaaß der Leidenschaft. Mäßig aber angerufen scheint diese Versuchung des Glücks in der That im Leben der modernen Menschheit etwas auszudrücken, was sie sonst nicht besitzt und doch so innig bedarf. Bei aller Mühe, allem Trachten nach dem vom Auge festgehaltenen, von der arbeitenden Pflicht nothwendig erstrebten Ziele doch eine einzige Hoffnung auf die aus den Wolken langende Hand des Geschicks! Bei allem Nothwendigen, dem der Arme nicht entgehen kann, ein Zufälliges, das in sein Leben so reizend hineinspielt, wie in das Leben des Gebildeten nur seine Hoffnungen auf die Liebe eines schönen Weibes, die Gunst eines Großen, die Berechnungen öffentlicher Umstände! Mit der Abschaffung des Lottos, zumal bei der Verbesserung desselben und der Abdämpfung der allzugespannten Erwartung durch das Klassensystem, stirbt selbst dem bessern Theile des Volkes ein letzter Rest von Poesie, eine letzte Vergoldung seines dunklen Erdenlooses. Man muß sich aus Erfahrung [226] überzeugt haben, wie das im Schrank verwahrte Loos, an dem vielleicht drei, vier Nachbarn spielen, gehütet wird, wie sorgfältig die Einsätze gespart, aufgesammelt, berichtigt werden, wie erwartungsvoll die Ziehungsliste in der Hand des Juden begrüßt wird, der selbst wenn er die Niete bringt, seine ganze angeborne Geisteselastizität zu unverzagtem Glauben an künftiges besseres Geschick in Thätigkeit zu setzen weiß. Und bringt er endlich wirklich einen Gewinn, wie kann man die seltnen Beispiele toller Anwendung des großen Looses bei den Armen für einen Beweis der Verwerflichkeit eines mit Besonnenheit überwachten Lottos nehmen? Wohl, das große Loos fällt in zwanzig Parcellen auf kleine Leute. Seine Wirkungen sind wundersam. Der Eine wird Verschwender, der Andre Geizhals, der Eine läßt sich von seiner Frau scheiden, der Andre, eben im Begriff, sich von ihr scheiden zu lassen, versöhnt sich mit ihr (durch das Glück! Denn das Glück macht die Menschen der Liebe und Güte zugänglicher); ein Letzter erhängt sich wohl gar, weil er vergessen hatte, die fünfte Klasse zu berichtigen. Das ist Alles vorgekommen. Aber diese seltenen Fälle entscheiden nichts. Der kleine Gewinn kann heben und wirklich fördern. Der Knabe sieht noch jetzt jenen Tisch, der einst mit einigen Doppelfriedrichsdoren belegt war, die die Eltern gewonnen hatten. Er war so geblendet von dem Glanz, so über-[227]rascht davon, daß ein einziges dieser kleinen Stücke mehr als eilf „harten“ Thalern gleichkommen sollte, daß er eines davon nahm und genauer betrachten wollte. Der Vater des kleinen Moses, aufgeregt von der Erwartung seines Gewinn-Antheils, verwies die Neugier mit dem kurzen scharfen epigrammatischen Wort: „Nun? Sind sie nicht ächt?“ Die Mutter bekräftigte diese Goldprobe des Vertrauens durch einen gewaltigen Schlag auf die Hand des vorwitzigen jungen Kritikers, bei dem man wie später im Leben oft Kritik voraussetzte, wo er nur harmlos und glücklich sein wollte. Diese Aufwallung des Augenblicks war die einzige Unbill, die jener Gewinn ins Haus brachte. Sonst ging alles seinen geraden Weg fort, wie immer. Nur die Hoffnung auf jene himmlischen Mächte, die doch vielleicht unser Erdenloos so eigen führen, hatte zugenommen. Vom Volke kann man nicht sprechen, ohne die Juden zu erwähnen. In jenen Tagen schienen sie dem gemeinen Mann noch mit dem Seelenfänger, dem Teufel, in Verabrechnung zu stehen. „Der Jude kommt!“ war noch ein Schreckwort für den Knaben. Bald aber hielt man selbst einem mit einem Barte Stand, wie dieser noch ab und zu in der Spandauer-, Bischofs-, Jüden-, Kloster- und Münzstraße heimisch war. Die blitzenden Augen, die scharfen bestimmten Mienen des Antlitzes, die wohlklingenden Accorde der Betonung nahmen sogar bald für einen Freund des Hauses ein, der zwar auch in unmittelbarer Descendenz von jenen „Jüden“ der Bibel stand, die den Heiland gekreuzigt hatten, aber Herr Levi brachte Schalkhaftigkeit mit, Neuigkeiten, Wunder aus der Welt, fragte so beflissen nach den Fortschritten in der Schule und sprach so liebevoll von seinem eigenen Jungen zu Hause, der grade so groß wäre wie unsereins, und das nächste Mal wollte er den kleinen Moses mitbringen. Bringt ihn dann Herr Levi mit, so greint er allerdings, ist ganz das Gegentheil dessen, was der Vater erwartete, fragt verdrießlich, faßt Alles an, kennt keinen Respect und macht dem Vater zu schaffen, der an seinem Moses etwas zu tadeln oder zu strafen nie in Versuchung gekommen ist, aber denn doch will, daß er bei den Leuten, mit denen der Vater handelt, einen guten Eindruck hinterläßt. Früh bemerkt der Knabe, daß sich die Juden, selbst die ärmsten, und ihre Kinder vollends, für vornehmer halten als die Christen, selbst wenn sie den Christen schmeicheln. Es ist nicht ohne Grund, daß sich die [147] Christen beklagen, die Juden hielten sich für das auserwählte Volk Gottes. Das Blut Abraham’s rollt in seinen Adern. Und hat er doch vermögende Verwandte, der kleine Moses, Vettern, Onkel, die ihn in’s Geschäft nehmen werden. Diese Rückwand, wenn auch ohne Vortheile für den Augenblick, giebt eine Anlehnung für die Zukunft. Das Unglück ist unter den Juden nie ohne Beistand. Levi kaufte alte Kleider und altes Geräth, er lieh auf Pfand und brachte Lotterieloose. Der weise Vater des vorwitzigen Moses, der nur deshalb so mürrisch und mopsig war, weil man ihm nicht genug schmeichelte, gebehrdete sich, wenn er mit seinen „harten Thalern“ klimperte, wie ein Versucher, ob er auch den Mund noch so voll herrlicher Sprüche über seine Mäßigung, seine Liebe zu ehrlichen Leuten und seine enthaltsamen Zinsen hatte. Er zwang die Darlehne auf. Wer zehn Thaler entlieh, schrieb zwölf, wohl auch fünfzehn. Statt der damals limitirten Procente, die Fünf vom Hundert, nahm er Sieben, Zehn vom Hundert. Denn was konnte der Vater des kleinen Moses dafür? Hat er doch das Darlehn nur von „guten Freunden“, von denen er selbst erst borgen mußte. Am nächsten Ersten beginnen die Rückzahlungstermine von Zins und Kapital. Das heiter geschlossene Geschäft nimmt, wie Schlegel im Munde Shylock’s sagt, „zu oftermalen“ eine tragische Wendung, aber es giebt auch weise Daniels. Diese mäßigen sich und spielen, wenigstens sagen sie’s, ein Stückchen Vorsehung bei ihren Freunden. Sie „lieben die braven, redlichen Arbeiter“, die „zuverlässigen Kunden“, die „ehrlichen, wenn auch zuweilen rauhen Familienväter“, die „schmucken Hausfrauen“, die „reinlichen Kinder“, die dem kleinen Moses kürzlich von ihrem Spielzeug schenkten, und „die braven und sorgsamen Hausstände“ überhaupt. So stunden sie denn und stunden, und der Zins wächst und neues Capital kommt hinzu, und mit siebzig bis achtzig Thalern Deficit wäre der Ruin einer solchen Familie an den Tag – der „Exekutor“ holt sich, was nicht niet- und nagelfest ist – falls nicht Fortuna, die holde, zuweilen in’s Mittel tritt, die Gunst des Nummernrades und „das große Loos“! Denn das duldet Levi nicht, daß seine Hauptthätigkeit umgangen wird. Ein Lotterieloos muß gespielt werden. [148] Menschen müssen da sein, die das Glück versuchen. Und das hat ja der Staat selbst angeordnet und hält die „Ziehungen“ feierlich. Auch Aberglaube darf ein wenig dabei sein. Die Cichorien-Liese räth Nummern an, die sie geträumt hat, oder lehrt den Beistand der Geister gewinnen. Eine Jungfrau oder ein Knabe oder ein Großvater „zieht“, wobei man jedoch jede Berührung mit dem Freitag vermeidet. Man sucht auch z. B. kurz vor Georgi einen weißen Schmetterling, in Berlin „Kalitte“ genannt, aus freier Hand zu fangen, worauf man immer gewinnt. Es kam dann auch richtig eines Tages die Jubelbotschaft über „herausgekommene“ 1000 Thaler – im Viertellose 250. Als der Knabe die Zahlung, die in Gold gemacht wurde, bewunderte, aber auch einen der Friedrichsdore zu nahe betrachten wollte, rief Herr Levi mit malitiösem Ernst: „Sie sind echt!“ Diesen siebenfarbigen Hoffnungsbogen, der nie sichtbar zu greifen sich über dem Volksleben breitet, die Lotterie wollt Ihr zerstören! Man nennt die Einwirkung derselben verderblich. Möglich beim Zahlenlotto und beim Uebermaß, bei Spielleidenschaft. Mäßig aber angerufen, in längeren Intervallen, die mehrere Ziehungen unterbrechen, scheint diese Versuchung des Glücks in der That im Leben der Menschheit etwas auszudrücken, was sie sonst nicht besitzt und vielleicht bedarf. Immerhin! Bei aller Mühe, allem Trachten der Pflicht, das immer sein Ziel fest im Auge behalten muß, doch eine Hoffnung auf die aus den Wolken langende Hand des Geschicks! Bei allem Nothwendigen, dem der Arme nicht entgehen kann, ein Zufälliges, das in sein Leben hineinspielt wie in das Leben des Gebildeten seine Hoffnungen auf die Liebe eines schönen Weibes, die Gunst eines Großen, die Berechnungen öffentlicher Zustände! Mit der Abschaffung des Lotto, jedenfalls bei der Abdämpfung der allzu gespannten Erwartung durch das Klassensystem, stirbt selbst dem bessern Theile des Volkes ein letzter Rest von Poesie, eine letzte Vergoldung seines Erdenlooses. Man muß sich aus Erfahrung überzeugt haben, wie das im Schrank verwahrte Loos, an welchem vielleicht drei, vier Nachbarn spielen, gehütet wird, wie sorgfältig die Einsätze gespart, aufgesammelt, berichtigt [149] werden, wie erwartungsvoll die Ziehungsliste in der Hand des Collecteurs begrüßt wird, der seinerseits, wenn er wie gewöhnlich eine Niete bringt, seine ganze angeborne Geisteselasticität zu einem unverzagten Glauben an ein künftiges besseres Geschick in Thätigkeit zu setzen weiß. Wohl, das große Loos fällt in zwanzig Parcellen auf kleine Leute. Seine Wirkungen sind wundersam. Der Eine wird Verschwender, der Andre Geizhals; der Dritte läßt sich von seiner Frau scheiden; ein Andrer, eben im Begriff, sich von ihr scheiden zu lassen, versöhnt sich mit ihr (durch das Glück! Das Glück macht die Menschen für Liebe und Güte zugänglicher); ja Einer erhängt sich, weil er vergessen hatte, die fünfte Klasse zu berichtigen, und nichts bekam. Alles das kam vor und wurde lebhaft besprochen. Durch jene 250 Thaler, die indessen bald zusammenschmolzen, hatte das Vertrauen auf himmlische Mächte, die unser Erdenloos mit Liebe führen, zugenommen. 0.4164004259850905
169 Damals wurden die Sparkassen eröffnet. Sie erregten unter den von Hause aus zum Geiz geneigten Gemüthern nicht geringen Antheil. Unter den minder Geldbegierigen, nur Sparsamseinwollenden, ließ aber der Eifer bald nach. Man bringt, man holt wieder. Das geht einige Male, bis die Lust erkaltet. Könnte man in den Einfluß der Juden auf die untern Volksklassen eine gewisse Ordnung, eine Regel, eine Art Organisation bringen! Die Bilder von Juden, die die Treppe heraufschleichen und an die Küchenthüren pochen [228] mit freundlichem Gruß und auch wie Sendboten einer schöneren Weltordnung von den Armen empfangen werden, wollen dem Knaben nicht vom Auge weg. Er sah zu oft, daß diese Auserwählten Witz, Laune, Heiterkeit, goldne Lebensfarben mit sich brachten und wie Kuppler des Glücks die Armuth aus ihrer aschgrauen Welt in eine schöne leuchtende der Feen versetzten! Oder bleibt ihr, die ihr das Bild von „blutsaugenden Wucherern“ festhalten zu müssen glaubt, doch bei dem Spruche: „Sie lispeln englisch wenn sie lügen?“
170 Sie lispeln englisch, wenn sie lügen! Ein Engländer übersetzte den Vers: They lisp in English, when they lie. Das führt den Erzähler auf die Freihändler. In den städtischen untern Volksschichten ist vom Freihandel schwerlich eine gute Meinung verbreitet. Das Seufzen über „die englischen Waaren“ verband sich beim apokalyptischen Vetter nicht selten mit seinen Weherufen über die eigne sündige Brust. Er war sehr ergeben in Gottes Fügungen, der Vetter; aber zu eifrig las er doch in den Büchern der Geschichte, um zuzugeben, daß Gottesverfügungen und Ministerverfügungen gleiche Verehrung verdienten. Die Lieblosigkeit des Staates gegen seine Kinder entsprang ihm aus dem allgemein herrschenden Unglauben, der nach ihm nirgends finstrer waltete als in den Köpfen der Staatsmänner. Und nicht nur die kleine Zahl der Musselin-[229]weber klagte über die Politik der Hardenberge und Kleewitze, sondern durch alle Stände der Arbeitenden ging dies Seufzen und Jammern und Trauern über die „hereinkommenden“ Waaren. Wenn diese Menschen sich auf der andern Seite selbst gern ein wohlfeiles Pfund Fleisch vom Lande hereinschmuggelten und die Zollstätten und die Metzger betrogen, so kamen sie unbewußt auf den reinen politischen Naturzustand zurück: Schütze die Arbeit, erleichtre die Nahrung! Freilich sagen unsre Nationalökonomen, daß hierin ein sich selbst auflösender Gegensatz läge, aber der Volksverstand könnte erwiedern: Diese Selbstauflösung verschuldet nur das Budget des Staates. Und diese Schlußfolgerung bleibt auch im Volke selbst nicht aus. Das Volk sagt ganz einfach: Die Soldaten und die Beamten kosten zu viel. Und um dieser auf der Hand liegenden Wahrheit zu entgehen, erfindet man so viel nationalökonomische Systeme, die der Lüge a posteriori den Schein der Wahrheit a priori geben! Die Consumenten, die Bauern und Rittergutsbesitzer sollten dem Staatsbudget die Polemik widmen, die sie dem Produzenten widmen. Man lehrt uns das Evangelium von der Ausgleichung und freilich, der apokalyptische Vetter starb nicht Hungers, er hatte keine Familie und hätte von Wasser und Brod leben können, da ihn weit mehr nach himmlischer Speise hungerte und dürstete. Aber ganze [230] Vorstädte verschmachteten doch im Elend. Man sagt: Setzt die Zölle herab im Interesse der Consumenten! Allein man vergißt, daß im Staatsleben es nicht darauf ankommen sollte, wer zuletzt lacht, sondern auf den, wer zuerst weint. Oder beruht der moderne Staat nicht auf einer solchen Gesittung, daß man den Satz aufstellen könnte: Im Leben leidet immer der am meisten, der den ersten Stoß empfindet –? Die Avantgarde ist immer am übelsten daran. Die spätere Ausgleichung kommt allerdings, aber sie kommt auf dem Kirchhof. Dem gesitteten Staate muß erst an der Arbeit und dann erst am Genuß gelegen sein. Wo Werthe geschaffen werden, wo Menschenhände thätig sind, da ist es Pflicht des Staatsmannes, so behutsam und zart aufzutreten, wie in der Nähe von Kranken, die geschont sein wollen. Ferner: Es ist nicht nur grausam, auf die Ausgleichung der sozialen Kirchhöfe, Hunger und Elend zu verweisen; es ist auch höchst prekär mit dieser Lehre für dasjenige selbst beschaffen, was sie anstrebt. Die Consumtion und die Production gehen nicht mit gleichem Schritt. Sie marschieren, wenn es also auch über Leichen gehen soll, nicht in gleichem Takte. Die Production hat ein rasches Tempo, sie schafft, um zu leben. Die Consumtion geht unendlich langsamer, träger. Man kann tausend Produzenten getödtet haben, ehe ein Consument sich entschließt, den Vortheil, den der Tod Jener [231] ihm eintrug, wirklich zu genießen. Denn wie sich der Mensch gewisse Dinge, und wenn sie noch so theuer sind, dennoch kauft, so versagt er sich wiederum andere und wenn sie noch so wohlfeil werden. Ihr bietet dem sterbenden Arbeiter wohlfeile Kleiderstoffe. Gütiger Himmel, ist das Eure Ausgleichung? Er kann von wohlfeilerem Kattun nicht leben, wenn seine Hand überhaupt nichts verdient. Freihändlerische Gutsbesitzer thun, als wenn sich ein Fabrikarbeiter mit Baumwollenzeug nähren könnte. Aber das Handwerkszeug wird wohlfeiler, sagt man dem Arbeiter, der eiserne Geräthschaften braucht. Ihr Lieben, das Handwerkszeug ist für einen Arbeiter meistentheils eine Ausgabe, wie wenn Ihr alle fünf Jahre einmal Euch eine Badereise gestattet! Alle Tage schafft sich der Tischler keine Stemmeisen und Sägen an. Die Lehre von der Ausgleichung macht sich auf dem Papiere so richtig wie ein mathematisches Exempel, aber in der Wirklichkeit geht sie nicht auf; denn der, der den ersten Stoß einer Neuerung empfindet, soll und muß im gesitteten Gesellschaftsleben so viel voraus haben, als hätte er statt eines Stoßes deren so viele erhalten, als ihm fast den Tod bringen. Es ist leider sehr betrübend, daß man, wenn man gegen die Freihändler schreibt, in die Lage kommt, scheinbar jenes Schutzsystem zu vertheidigen, das nur für unsre Heere von Soldaten und Beamten erfunden ist. In den städtischen untern Volksschichten war vom Freihandel keine gute Meinung verbreitet. Das Seufzen über „die englischen Waaren“ verband sich beim apokalyptischen Vetter mit seinen Weherufen über seine Sünden. Er war ergeben in Gottes Fügungen, las aber doch zu eifrig in den Büchern der Geschichte, um zuzugeben, daß Gottesverfügungen und Ministerialverfügungen gleiche Verehrung verdienten. Die Lieblosigkeit des Staates gegen seine Kinder entsprang ihm aus dem allgemein herrschenden Unglauben, der nach ihm nirgends finstrer waltete als in den Köpfen der Staatsmänner. Und nicht nur die kleine Zahl der Musselinweber, die aus der Mode gekommen waren, klagte über die Politik der Hardenberg, Schuckmann, Klewitz, sondern durch alle Stände der Arbeitenden ging Seufzen und Jammern über die „hereinkommenden“ Waaren. Wenn diese Menschen sich auf der andern Seite selbst gern ein wohlfeiles Pfund Fleisch vom Lande hereinschmuggelten und die Zollstätten und Metzger umgingen, so drückten sie den Naturzustand aus: Schütze die Arbeit, erleichtre die Ernährung! Freilich sagen unsere Nationalökonomen, daß hierin ein sich selbst aufhebender Gegensatz läge. Der Volksverstand könnte jedoch erwidern: Diese Selbstaufhebung verschuldet das Budget des Staates. Eine Schluß-[150]folgerung, die auch im Volke nicht ausbleibt. Dies sagt einfach: Die Soldaten und die Beamten kosten zu viel! Und um dieser auf der Hand liegenden Wahrheit zu entgehen, erfindet man so viel national-ökonomische Systeme, die der Lüge a posteriori den Schein der Wahrheit a priori geben sollen! Dem Staatsbudget, diesem allein sollten die Consumenten, die Bauern, Rittergutsbesitzer, jetzt die Socialisten die Polemik widmen, die sie dem Producenten widmen. Man lehrt uns das Evangelium von der Ausgleichung. Freilich, der apokalyptische Vetter starb nicht Hungers, er hatte keine Familie und hätte von Wasser und Brot leben können, da ihn weit mehr nach himmlischer Speise hungerte und dürstete. Aber ganze Vorstädte verschmachteten im Elend. Man sagt: Setzt die Zölle herab im Interesse des Consumenten! Allein man vergißt, daß es im Staatsleben nicht darauf ankommen sollte, wer zuletzt lacht, sondern auf den, wer zuerst weint, nicht auf die Begünstigten, sondern auf die Beschädigten. Oder beruht der moderne Staat nicht auf so viel Gesittung, daß man den Satz aufstellen könnte: Im Leben leidet immer der am meisten, der den ersten Stoß bekommt –? Die Avantgarde ist am übelsten dran. Die spätere Ausgleichung kommt; ja; sie kommt auf dem Kirchhof. Dem gesitteten Staat muß erst an der Arbeit, und dann erst am Genuß gelegen sein. Wo Werthe geschaffen werden, Menschenhände thätig sind, da ist es Pflicht des Staatsmannes, so behutsam und zart aufzutreten, wie in der Nähe von Kranken, die geschont sein wollen. Ferner: Nicht nur grausam ist es, auf die Ausgleichung der socialen Kirchhöfe, Hunger und Elend, zu verweisen; es sieht auch prekär mit dieser Lehre für dasjenige selbst aus, was sie anstrebt. Die Consumtion und die Production gehen nicht mit gleichem Schritt. Sie marschiren ohnehin, da es über Leichen geht, nicht in gleichem Tact. Die Production hat ein rasches Tempo, sie schafft, um zu leben. Die Consumtion geht langsamer, träger. Man kann tausend Producenten getödtet haben, ehe sich ein Consument entschließt, den Vortheil, den ihm der Tod Jener eintrug, wirklich anzutreten und zu verwerthen. Denn wie sich der Mensch gewisse Dinge, und wenn sie noch so theuer sind, doch kauft, so versagt er sich andere, [151] und wenn sie noch so wohlfeil werden. Ihr bietet dem sterbenden Arbeiter wohlfeile Kleiderstoffe. Gütiger Himmel, ist das Eure Ausgleichung? Er kann von wohlfeilerem Kattun nicht leben, wenn seine Hand überhaupt nichts verdient. Freihändlerische Grundbesitzer thun, als wenn sich ein Fabrikarbeiter mit Baumwollenzeug ernähren könnte. Aber das Handwerkszeug wird wohlfeiler, sagt man dem Arbeiter, der eiserner Geräthschaften bedarf. Ihr Lieben, das Handwerkszeug ist für einen Arbeiter meistentheils eine Ausgabe, wie wenn Ihr Euch alle fünf Jahre einmal eine Badereise gestattet! Alle Tage schafft sich der Tischler Stemmeisen und Sägen nicht an. Die Lehre von der Ausgleichung macht sich wie ein mathematisches Exempel, das richtig auf dem Papier aufgeht, aber in Praxis geht sie nicht auf; denn der, der den ersten Stoß einer Neuerung empfängt, soll und muß im gesitteten Gesellschaftsleben so viel voraus haben, als hätte er statt Eines Stoßes deren so viele erhalten, als genug sind, um ihm den Tod zu geben. Es ist betrübend, daß ein Protest gegen die Freihändler wie eine Vertheidigung jenes Schutzsystems herauskommt, das nur für die Aufstellung unserer Heere von Soldaten und Beamten erfunden ist. 0.7157676348547718
171 [232] In alle diese Schauer einer nun schon immer bewußter hindämmernden Jugend, in diese oft physischschmerzende Sehnsucht nach einem Leben voll reinerer und höherer Anschauungen, in diese gebundene ohnmächtige Knechtschaft eines schon früh mit seinen gegebenen Lebensbedingungen zerfallenden Jugendmuthes fiel endlich ein Sonnenstrahl, der Licht, Erlösung, Freiheit brachte. Die Geschichten von Feen und mildthätigen Zauberern, die der Knabe aus entliehenen Märchenbüchern der Mitschüler las, schienen sich plötzlich zu verwirklichen. Es rauschten Pforten einer bunten Zauberwelt auf, goldne Pforten eines Lebens, wo man die Armuth, die Leidenschaft, den Fluch der ewigen Mühe nicht kannte. Wohl hatte das zitternde Verlangen des Kindes schon oft wie durch Thürritzen aus seinem Dunkel in die Regionen des Lichtes und der Schönheit geblickt. Da und dort zeigten sich leise Schimmer, daß das immer mehr im tiefsten Innern aufrauschende Singen und Klingen von einer gewählteren Welt kein Traum, sondern ein durch das Leben wirklich zu ermöglichendes Ahnen sein konnte. Die zerstreuten Glasscherben auf der Straße, die in der Sonne oder Nachts im Sternenlicht schimmerten, mußten irgendwo sich zu ganzen Krystallen vereinigen. Wahre Columbushoffnungen weckt ein buntes Glas, durch das sich das Kind die Bäume und Häuser in gelbem oder blauem Lichte ansieht. [233] Diese bunten Flimmer sogar, die angebrannt vom alten Schauspielhause herüberflogen, mußten Sendboten einer andern Weltpracht sein. Ja einmal war es dem Knaben geschehen, daß er am Opernhause in ein Fenster lugte und er entdeckte wunderschöne Männer in Harnischen und andre mit schwankenden bunten Feder-Kronen auf dem Haupte. An dem Eingang des Opernhauses las er fiebernd über diesen Götter-Anblick aufgeregt: Heute: Ferdinand Cortez. Aber nicht nur die Welt des Scheines blitzte zuweilen wie durch eine rasch sich öffnende Thür, sondern auch die wirkliche der Größe, des Reichthums und der Bildung sollte sich erschließen. Es war die Knospe zum Zerspringen reif, um aus der Dumpfheit der Kirche, der Betstunden, der schweizerischen Mystik und des zitterndbeängstigten Kleinlebens im armen niedrigen Volke erlöst zu werden zu endlicher Freiheit. Diese Erlösung kam wunderbar. In alle diese Eindrücke einer nun schon immer bewußter werdenden Jugend, in diese oft wie ein physischer Druck schmerzende Sehnsucht nach einem Leben voll reinerer und höherer Anschauungen, in diese gebundene ohnmächtige Knechtschaft eines schon früh mit seinen gegebenen Lebensbedingungen zerfallenen Jugendmuthes fiel endlich ein Sonnenstrahl, der dem Knaben Licht, Erlösung, Freiheit brachte. Siehe da! Die Geschichten von Feen und mildthätigen Zauberern, deren der Knabe so manche aus den entliehenen Märchenbüchern seiner Mitschüler gelesen hatte, schienen sich plötzlich zu verwirklichen. Die Pforten einer Zauberwelt, goldene Pforten eines Lebens, wo man die Armuth, die Leidenschaft, den Fluch der ewigen Mühe nicht kannte, rauschten auf. Es erfüllte sich die Ahnung einer andern Welt, die der Knabe geträumt, seit er eines Sommerabends am Opernhause in ein Fenster lugte und wunderschöne Männer in Harnischen, andere mit schwankend bunten Feder-Kronen auf dem Haupte gesehen. An dem [152] Eingang des Opernhauses las er, über diesen Götter-Anblick aufgeregt: Heute: Ferdinand Cortez. Aber nicht die Welt des Scheines allein that sich mit so mächtigen Wirkungen auf, es war die wirkliche, die Welt des Reichthums und der Bildung. 0.43775100401606426
172 VIII.
173 Dem mit Blumen die morsche Zerbröckelung der Mauer verbergenden Fenster der Wohnung des Knaben, einem hohen, rundgewölbten, noch jetzt vorhandenen, gegenüber lagen stattliche Häuser. Da wohnten Bode, der Astronom, Osann, der Mediciner, Hufeland’s Schwiegersohn, Hufeland selbst, der Leibarzt des Königs, neben ihm der Generalstabsarzt der Armee, ein wohlwollender Herr, Dr. Göhrke, (der den Knaben in seinen Zimmern duldete, falls sich dieser die über einer großen befestigten Schuhbürste geschriebene Weisung am Eingang des Hauses „Merks“ gründlichst gemerkt hatte) und des Königs Zahnarzt, Lautenschläger. Alle diese gelehrten Asklepiaden besaßen Gärten. Göhrke, in dem Hause, das jetzt eine Königliche Hebammenschule und Entbindungsanstalt geworden ist, besaß nur einen bescheidenen, der lediglich seinem Bedienten genügen konnte, von welchem sich der in dem Hause eingebürgerte und fragsame Knabe die Lazarethzettel der Garnison deuten ließ, die regelmäßig hierher abgeliefert werden mußten. Der Knabe fand da alle Krankheiten wieder, die zu gewissen Zeiten auch die Mutter, der Vater, die Tante haben wollten. Nur Eine „lateinisch“ genannte Krankheit, von welcher er nie gehört hatte, kam ihm merkwürdig vor, weil an dieser die meisten „Gemeine und Spielleute“ erkrankt waren. Der Bediente war discret. Nie hat er den Knaben aufgeklärt, welches das Leiden gewesen, das regelmäßig auf jedem Zettel den halben Krankenbestand bildete. „Das wirst du schon noch erfahren, wenn du älter bist!“ Hufeland’s Garten war düster, von einer hohen Mauer umgrenzt; die Beete waren zierlich ab-[153]gesteckt und mit Buchsbaum eingefaßt. Die ganze Wohnung des berühmten Mannes hatte etwas Schweigsamfeierliches und entsprach der Antwort, die er einst seinem Bedienten gegeben hatte, als ihn dieser zu seinem Befremden nicht mehr mit Guten Morgen, Herr Geheimerath! begrüßte. „Sie antworten ja nicht, Herr Geheimerath!“ hatte der alte Diener erwidert. „Was!“ antwortete Hufeland, „Ich antwortete nicht? Sag’ Er nur immer Guten Morgen! Die Antwort denk’ ich mir!“
174 [234] VII.
175 Dem hohen rundgewölbten, mit Blumen die morsche Zerbröckelung der Mauer verbergenden Fenster der Wohnung des Knaben lagen stattlichere Häuser gegenüber. Da wohnten Bode, der Astronom, Osann, der Arzt, Hufeland, Osanns Schwiegervater, der Generalstaabsarzt der Armee, der alte greise Göhrke, (der den Knaben gern in seinen Zimmern duldete, falls er sich die über einer großen befestigten Schuhbürste geschriebene Weisung „Merks“ gründlichst gemerkt hatte) und des Königs Zahnarzt, Lautenschläger. Alle diese gelehrten Herren besaßen Gärten. Göhrke einen bescheidenen, der mehr nur seinem Bedienten genügen konnte, von dem der sich einbürgernde und fragsame Knabe die Lazarethzettel der Garnison zu lesen bekam und auf sein unausgesetztes Erstaunen, daß an einer lateinischen Krankheit, von der er nie gehört hatte, fast [235] eben so viel Gemeine und „Spielleute“ krank waren, wie an allen andern Krankheiten der Welt zusammengenommen, die regelmäßige Vertröstung einer lichtbringenden Zukunft erhielt … Hufelands Garten war düster, mit hoher Mauer umgränzt; die Beete sehr zierlich abgesteckt und mit Buchsbaum eingefaßt. Die ganze Wohnung hatte etwas Schweigsamfeierliches und entsprach der Antwort, die Hufeland einst seinem Bedienten gegeben hatte, als dieser ihn zu seinem Befremden nicht mehr mit Guten Morgen, Herr Geheimerath! begrüßte. Sie antworten ja nicht, Herr Geheimerath! hatte der alte Bediente erwiedert. Das thut nichts, antwortete Hufeland, sag’ er nur immer guten Morgen! Die Antwort denk’ ich mir!.. Die Gärten der andern Gelehrten lagen nach dem Katzenstieg hinaus hinter Höfen, deren gepflegte fast holländische Sauberkeit bei gewissen geschlossenen Häusern in Berlin Demjenigen besonders erinnerlich sein muß, der sich damit eine pedantische Eigenheit und fast einsiedlerische Menschenfeindlichkeit der Bewohner in Einklang zu bringen weiß. Es giebt in Berlin kleine geschlossene von außen sehr gepflegte Häuser, die den Eindruck machen, als hätte nie ein menschliches Auge in sie eingeblickt, außer dem Bewohner, der dann sicher zur französischen Kolonie gehört … Von jenen Katzenstieg-Gärten war der eine besonders geheimnißvoll. Ueber seine hohe Mauer hinweg rankte [236] der Weinstock. An Stäben hochgezogen sah man die braunen Trauben an der Sonne reifen. Die Obstbäume neigten sich unter so schwerer Last, daß der Besitzer, der Zahnarzt des Königs, die Gaumen und Zähne der benachbart einkasernirten Uhlanen fürchtete und die Mauer noch höher zog, als sie schon war, ja sie am obersten Rande noch mit zerschlagenen Flaschen wie verkitten und verzahnen ließ. Nun glitzerte wohl auch noch immer eine hochstrebende Traube über die Mauer hinweg, aber auch die grüngläserne Pallisadirung und Mauer-Plombirung des Zahnarztes, der sich indessen doch gefallen lassen mußte, daß die Uhlanen nächtlich mit ihren Lanzen an dem Glase pickten und stocherten und stellenweise den Diebeskitt wieder losbröckelten. Wie hätte der Knabe ahnen können, daß er in diese hermetisch verschlossene Herrlichkeit jemals würde eintreten, an diesen Rosen, Lilien, Maiblumenbeeten, später an dieser Obstesernte wenigstens in unmittelbarer Nähe den Blick würde erlaben können! Die Gärten der anderen Gelehrten lagen nach dem Katzenstieg (Georgenstraße) hinaus hinter Höfen, deren gepflegte, fast holländische Sauberkeit bei gewissen geschlossenen Häusern in Berlin Demjenigen besonders erinnerlich sein muß, der sich damit eine pedantische Eigenheit und fast einsiedlerische Menschenfeindlichkeit der vermöglichen Bewohner verbinden kann. Es gab in Berlin kleine geschlossene, von außen gepflegte Häuser, die den Eindruck machten, als hätte nie ein menschliches Auge in sie eingeblickt, außer dem Bewohner, der dann sicher zur französischen Colonie gehörte oder „Rentier“ hieß oder ein dilettirender Gelehrter war. Von jenen Katzenstieg-Gärten war der eine besonders geheimnißvoll. Ueber seine hohe Mauer hinweg rankten Weinreben, ja man sah manche braune Traube an der Sonne reifen. Die Obstbäume neigten sich unter so schwerer Last, daß der Besitzer, es war der Zahnarzt des Königs, die Gaumen und Zähne der benachbart einkasernirten Ulanen fürchten mußte, und die Mauer noch höher zog, als sie schon war, ja sie am obersten Rande mit zerschlagenen Flaschen verkitten ließ. Nun glitzerte die Mauer in der Sonne. Aber selbst die grüngläserne Mauer-Plombirung des Zahnarztes mußte sich gefallen lassen, daß nächtlich die Ulanen mit ihren Lanzen daran stocherten und stellenweise die Bahn zum Uebersteigen frei machten. Wie hätte der Knabe ahnen können, daß er in diese hermetisch verschlossene Herrlichkeit je würde eintreten, an diesen Rosen, Lilien, Maiblumenbeeten, später an dieser wunderbaren Obsternte wenigstens in unmittelbarer Nähe würde den Blick erlaben können! 0.4254658385093168
176 Dies Heil widerfuhr ihm nicht von dem Zahnarzte des Königs, sondern von einem bei ihm einwohnenden Hausmiether, einem reichen, vornehmen Manne, der ursprünglich ein Maler war, aber die Malerei mehr nur noch als Dilettant trieb. Der Sohn des Malers wurde des Knaben Gespiele, wie des Knaben Schwester die Gespielin der Tochter. Ein neuer seltsamer Lebens-[237]kreis öffnete sich für Kinder, die diese auffallende Bevorzugung nur der über ihre Lebensverhältnisse hinaus sichtbaren Ordnungsliebe und dem gewählten Kleidergeschmack der Eltern verdankten. Das Haus des Malers wurde zur neuen Heimath. In ein Doppeldasein verspannen sich nun alle Lebensfäden. Eine Alltags- und eine Sonntagsexistenz begann. Beide kämpften mit einander und die reine, schöne, blaue Luft der letzteren stieg über die erste wie über trübe Nebel empor. Statt Blei sah das Auge nun Silber, die Hand faßte nicht mehr das Rauhe allein, sondern auch das Weiche, Seide und Sammt, das Ohr hörte nicht mehr das Wiehern der Rosse allein und die rauhen Laute der zankenden Leidenschaften, sondern Musik, wirkliche Musik und die Musik der feineren Sitte und der anstandsvollen Selbstbeherrschung. Ein wunderbar neues Dasein brach an. Und wenn auch die Hülle der gewöhnlichen Existenz nicht ganz abgestreift werden konnte, die freie Psyche versuchte doch ihre wachsenden Schwingen oder, wenn die Schlacken des angebornen Looses auch wohl noch lange den Körper niederzogen, der Silberblick war dem Geist gewonnen, das reinere Metall schied sich vom Groben. Dieser Gegensatz war märchenhaft. Dies Heil widerfuhr ihm nicht durch den Zahnarzt des Königs, sondern durch einen bei ihm einwohnenden Miether, [154] einen reichen, „vornehmen“ Mann, der ursprünglich ein Maler war, doch die Malerei nur als Dilettant betrieb. Der Sohn des Malers wurde des Knaben Gespiele, wie des Knaben Schwester die Gespielin der Tochter. Ein neuer seltsamer Lebenskreis öffnete sich für zwei Kinder, die diese auffallende Bevorzugung keinem andern Verdienst als der über ihre Lebensverhältnisse hinaus auffallenden Ordnung und „Propreté“ ihres Erscheinens verdankten. Das Haus des Malers wurde allmälig eine förmliche neue Heimath. Alle Lebensfäden verspannen sich in ein Doppeldasein. Eine Alltags-, eine Sonntagsexistenz begann. Beide kämpften miteinander. Die reine, schöne, blaue Luft der letzteren stieg siegreich über die erste wie über trübe Nebel empor. Statt Blei sah das Auge Silber, die Hand faßte nicht mehr das Rauhe allein, sondern auch das Weiche, Seide und Sammt an, das Ohr hörte nicht mehr das Wiehern der Rosse und die rauhen Töne der zankenden Leidenschaften, sondern Musik, Hausmusik, auch die Musik der feineren Sitte und der anstandsvollen Selbstbeherrschung. Es war ein wunderbar neues Dasein. Konnte auch die Hülle der gewöhnlichen Existenz nicht ganz abgestreift werden, so versuchte doch selbst in ihrer Gebundenheit die Psyche das Wachsen ihrer Schwinge zu erproben. 0.5628140703517588
177 Der Maler und seine Gattin waren seltsamerweise ebenfalls aus Pommern. Das allein schon wurde ein Band des wohlwollendsten Zufalls für die Eltern. Der Sohn führte denselben Vornamen wie der Gespiele, die Tochter denselben wie die Gespielin. Auch das war ein so überraschender Zufall, daß nun die vier Kinder fast dem Maler zu eigen gehörten. Dieser Mann selbst war einer der eigenthümlichsten Menschen und einer von Denen, die bis noch in spätere Zeit die Signatur des alten Regimes trugen. Es war wieder der Vater des Knaben, noch Einmal wiedergegeben, nur höher potenzirt. Dieselbe Lebhaftigkeit, dieselbe ehrgeizige Unruhe, derselbe rastlose Eifer. Auch dieselben Auffassungen vom Leben, der Zeit, den Pflichten des Menschen und Staatsbürgers. Vermögend durch seine wohlwollende Gattin, die im Talent der behaglichen Lebenseinrichtung eine Meisterin war, hatte sich Herr Cleanth, wie wir ihn nennen wollen, ohne Selbstbetrug gestehen dürfen, [155] daß die Malerkunst in ihrer höheren Bedeutung sein Beruf nicht war. Er portraitirte mit Geschick, gab jedoch nichts „auf die Ausstellung“, und ergriff vielmehr vorzugsweise die untergeordneten Branchen der Malerei, besonders die eben neuentdeckte, von München gekommene Lithographie. Hier sah er unangebrochene Schätze. Die Lithographie konnte den Buchdruck ersetzen. Was hatten die Verwaltungsbehörden nicht alles an Formularen zu drucken! Cleanth’s schaffender Trieb ging immer auf das Nützliche beim Schönen. Reine Idealität ohne Zweck konnte ihn nicht erwärmen. Ein Nutzen aber, der durch die Kunst oder Wissenschaft für das praktische Leben gewonnen wurde, erfüllte sein Auge mit blitzendem Feuer. Cleanth war durch und durch ein Mann der Methode und des Systems. Bestünde die Malerei allein in der Anwendung der Albrecht Dürer’schen Meßkunst, so wäre der Vater des Gespielen ein Meister geworden. Der Zirkel, das Richtmaß, der Zollstock waren ihm geläufiger als die Palette und der Pinsel, welchen letztern er denn auch in späteren Jahren ganz niederlegte. Immer näher kam ihm die große umsichgreifende polytechnische Strömung des Zeitalters, der Fortschritt in allen seinen realistischen Offenbarungen, Dampf, Elektricität; jeder Tag schien ihm Neues zu bringen. Die Zeitbewegung auf dem technologischen und physikalischen Gebiete riß ihn mit all seinen Bildern und Bossierversuchen so fort, daß sich aus ihm der gewandteste technische Fabrikant entwickelte. Dabei spekulirte er damals, wie man jetzt spekulirt. Er kaufte Häuser, verbesserte sie etwas und verkaufte sie wieder. Sein letztes Haus war das jetzt ein Palais gewordene Nr. 12 und 12 a auf dem Leipziger Platz.
178 Der Maler und seine Gattin seltsamerweise auch Pommern.… Das allein schon ein Band des wohlwollendsten Zufalls. Der Sohn führte denselben Namen, [238] wie der Gespiele. Die Tochter denselben Namen, wie die Gespielin. Das traf so überraschend zu, daß nun vier Kinder fast dem Maler zu eigen gehörten. Es war dieser Mann einer der eigenthümlichsten Menschen, die aus der Zeit älterer Charakterbildung sich noch in der Gegenwart bewegen mochten. Es war der wiedergeborne, höher potenzirte Vater, mit derselben Lebhaftigkeit, derselben ehrgeizigen Unruhe, demselben rastlosen Streben und denselben Auffassungen vom Leben, von der Zeit und den Pflichten des Menschen und Staatsbürgers. Sehr vermögend durch seine freundliche, gute, wohlwollende Gattin, die im Talent der behaglichen Lebenseinrichtung eine Meisterin war, hatte er sich glücklicherweise gestehen dürfen, daß die Malerkunst in ihrer höheren Bedeutung nicht für seinen Beruf gelten konnte. Er porträtirte mit Geschick, gab aber nichts in die Ausstellungen und ergriff vielmehr vorzugsweise nur die untergeordneten Branchen der Malerei, besonders die eben neuentdeckte, von München gekommene Lithographie. Sein schaffender Trieb ging auf das Nützliche im Schönen. Reine Idealität ohne Zweck konnte ihn nicht erwärmen; ein Nutzen aber, der durch die Kunst oder Wissenschaft für das praktische Leben gewonnen wurde, erfüllte sein Auge mit blitzendem Feuer. Herr Cleanth, wie wir ihn nennen wollen, war ein Mann des Systems. Wenn die Malerei allein in der [239] Anwendung der Albrecht Dürer’schen Meßkunst bestanden hätte, wäre Herr Cleanth ein großer Meister geworden. Der Cirkel, das Richtmaaß, der Zollstock waren ihm geläufiger, als die Palette und der Pinsel, welche letztere er in späteren Jahren auch ganz niederlegte. Immer allmälig näher kam ihm die große umsichgreifende polytechnische Strömung des Zeitalters und riß ihn zuletzt mit all seinen Bildern und Bossierversuchen so fort, daß sich aus ihm der gewandteste technische Fabrikant entwickelte. Herrn Cleanths Bildung wurzelte in der neologischen, starkgeistigen Richtung des endenden vorigen Jahrhunderts. Er war Freimaurer und reizte durch seine große Vorliebe für diesen Bund und die vertrauliche geheimnißvolle Freundschaft mit einem kleinen Kreise von engverbundenen Brüdern die Neugier der Knaben nicht wenig, die vor Royal York immer mit dem Schauer vorübergingen, daß sich hier in dem seltsamen Gebäude, auf der grünen mit Kastanien und Ulmen bepflanzten schönen Wiese Menschen versammelten, deren erstes Lernprobestück darin bestünde, in einen großen, ausgehöhlten, mit Spinnen und Würmern angefüllten Apfel zu beißen. Herr Cleanth war ein Freigeist, unterhielt nicht die geringste Verbindung mit der Kirche und ängstigte dadurch nicht wenig die Glaubenstreue der erstberechtigten Eltern des Kindes. Religion war hier die Wohlanständigkeit und das all-[240]gemeine moralische Verhalten. Diesen „Mangel“ mußte man nun so hinnehmen, sich auch sonst alle Eigenheiten des strengen Herrn gefallen lassen. Er duldete keinen Widerspruch, war Erzieher nach Grundsätzen und gab durch eine unvergeßliche Ohrfeige dem neuen Gespielen seines Sohnes sogleich beim Beginn ihrer Freundschaft einen Vorschmack, wie sich die Charaktere nach ihm zu entwickeln hatten. Diese Ohrfeige erzeugte eine Art von Revolution. Erst eine wilde, stürmische nach Außen hin. Der passive Held derselben, der sich nur von angebornen Eltern handgreiflich strafen lassen wollte, schrie, tobte, stieß mit den Füßen aus, rannte davon und wollte von dem glänzenden Parquet, von der Welt der Teppiche, Consolen, Bronzeleuchter, Spieluhren, Gemälde, wenn man davon Ohrfeigen bekäme, nichts wissen. Solche Früchte des erschlossenen neuen Paradieses hatte das bei aller Zerflossenheit oft böse und trotzige und widerhaarige Kind von außen auf den Bäumen des Gartens am Katzenstieg nicht blühen sehen. Es hätte die Hand, die ihm diese unerwartete Frucht geboten, fast gebissen und wollte vorerst, davon gerannt, nie wieder kommen. Lange Verhandlungen, vielfache Congresse, stillangestellte Vergleiche mit den doch so reichen häuslichen Kopfnüssen, zutraulichste Anreden führten den Gedenkzettelten endlich in sein Paradies zurück. Er folgte von Herzen gern, aber die Lehre war für beide Theile [241] von Nutzen gewesen, für den armen „Geduldeten“ und den reichen „Duldenden“. Herrn Cleanth’s Bildung wurzelte in der neologischen, freigeistigen Richtung des endenden vorigen Jahrhunderts. Freimaurerei trieb er mit Leidenschaft. Durch seine große Vorliebe für die Logensitzungen und die vertrauliche geheimnißvolle Freundschaft mit einem Kreise engverbundener Brüder reizte er die Neugier seiner beiden Knaben nicht wenig, die schon vor „Royal York“ immer mit dem Schauer vorübergingen, sich denken zu sollen, daß sich hier in dem seltsamen Gebäude, [156] auf der grünen, mit Kastanien und Ulmen bepflanzten schönen Wiese, Menschen versammelten, deren erstes Lernprobestück darin bestünde, in einen großen, ausgehöhlten, mit Spinnen und Würmern angefüllten Apfel zu beißen. So war die Neugier der Knaben befriedigt worden. Herr Cleanth unterhielt nicht die geringste Verbindung mit der Kirche, und ängstigte dadurch nicht wenig die Glaubenstreue der Eltern seines halben Adoptivsohnes. Religion war bei ihm Wohlanständigkeit und das allgemeine moralische Verhalten. Diesen Mangel an Christlichkeit mußte man bei ihm hinnehmen, sich auch sonst Eigenheiten des strengen Herrn gefallen lassen. Er duldete keinen Widerspruch, war Erzieher nach Grundsätzen und gab dem neuen Gespielen seines Sohnes durch eine unvergessene Ohrfeige sogleich beim Beginn ihrer Freundschaft einen Vorschmack, wie sich nach seinem System Charaktere zu entwickeln hätten. Diese Ohrfeige erzeugte eine Art Revolution. Erst eine wilde, stürmische nach Außen hin. Der passive Held derselben, der sich handgreiflich nur von den angebornen Eltern strafen lassen wollte, schrie, rannte davon und wollte von dem glänzenden Parquet, von der Welt der Teppiche, Consolen, Bronzeleuchter, Spieluhren, Gemälde, nichts wissen, wenn man dort Ohrfeigen bekäme. Solche Früchte des erschlossenen neuen Paradieses hatte der bei aller Zerflossenheit oft „böse“ und trotzige und widerhaarige Junge von außen auf den Bäumen des Gartens am „Katzenstieg“ nicht blühen sehen. Der Entflohene wollte nicht wiederkommen. Erst lange Verhandlungen, Congresse, stillangestellte Vergleiche mit den doch so reichlichen Kopfnüssen, die auch zu Hause hingenommen werden mußten, zutraulichste Anreden führten den Gedenkzettelten endlich in sein Paradies zurück. Er folgte „nicht mehr wie gern“, aber die Lehre war für beide Theile gut, für den armen „Geduldeten“ und für den reichen „Duldenden“. 0.46261682242990654
179 Herr Cleanth hatte in seiner Wohnung kein gutes Malerlicht – er malte eine geraume Zeit „oben“ auf dem Schlosse. Sein Vermögen erlaubte ihm, sich in der Behrenstraße ein eignes Haus zu kaufen. Diese Trennung von der „Stallstraße“ störte den Verkehr der Kinder keinesweges. In der Behrenstraße wurde mit beginnendem Frühjahr ein Versuch gemacht, dem Hofraum einen Garten abzugewinnen; Spaten, Rechen, Egge waren schon zu Weihnachten dafür erobert worden. Kaum ließen sich die grünen Halme der Sämereien auf der frischumzäunten Erdfläche erblicken, so wurde das Haus mit Gewinn verkauft und ein neues erstanden. Es regte sich Herrn Cleanths spekulative Unruhe. An das verlassene Haus knüpfte sich dem Knaben eine romantische Erinnerung, die auf die Einbildungskraft wirkte. Im untern Stockwerk war einem Offizier – dem spätern Commandeur der „Reichsarmee“, General von Peucker – seine junge Frau gestorben. Der Wittwer war von diesem Unglück so erschüttert, daß er sich zum Andenken an die theure Geschiedene ein Zimmer mit schwarzem Flor ausschlagen ließ. Auf einer Art von bleibendem Katafalk und vor dem mit Wachskerzen erleuchteten Bilde der schönen jungen Gattin, sagte man, sprach er täglich knieend [242] seinen Schmerz aus. Diese Situation eines betenden jungen Officiers, diese schwarzen Flöre, diese Kerzen, dieses Bild, dies Knieen; das alles lebte noch lange in der aufgeregten Einbildungskraft, lebte selbst da noch, als der poetischgestimmte Wittwer schon längst eine neue Gattin genommen hatte. Herr Cleanth behauptete, in seiner Wohnung kein gutes Malerlicht zu haben – er malte eine geraume Zeit auf dem Königlichen Schlosse an einer Copie eines Krüger’schen Königsbildes in Lebensgröße – und kaufte sich in der Behrenstraße (Nr. 54) ein eigenes Haus. Diese Trennung von der „Stall-[157]straße“ störte keineswegs den Verkehr der Kinder. In der Behrenstraße wurde mit dem beginnenden Frühjahr ein Versuch gemacht, dem Hofraum einen Garten abzugewinnen; Spaten, Rechen, Egge waren dafür bereits zu Weihnachten erobert worden. Kaum ließen sich aber auf der frischumzäunten Erdfläche die ersten grünen Halme der ausgestreuten Sämereien blicken, so wurde bereits das Haus mit Gewinn verkauft. An das verlassene knüpfte sich dem Knaben eine romantische Erinnerung. Im unteren Stockwerk starb einem Offizier – dem spätern Commandeur der „Reichsarmee“ von 1848, General von Peucker – seine junge Frau. Der Witwer war so erschüttert, daß er sich zum Andenken an seine theure Geschiedene ein Zimmer mit schwarzem Flor ausschlagen ließ. Auf einer Art von Katafalk und vor dem Bilde seiner schönen jungen Gattin, das von Wachskerzen erhellt wurde, sprach er, so sagte man, täglich knieend seinen Schmerz aus. Diese Situation eines betenden jungen Offiziers, die Draperie des Zimmers mit schwarzem Flor, die Erleuchtung des Bildes mit Kerzen, alles Das lebte noch lange in der aufgeregten Einbildungskraft des Knaben und lebte selbst da noch, als der poetisch gestimmte Witwer längst wieder eine neue Gattin genommen hatte. 0.6363636363636364
180 Herrn Cleanths neues Haus war nun ein Pallast, fast die Wohnung eines Fürsten. Eine große freie Treppe mit eisernem Geländer führte von zwei Seiten zu einem zwar nur zweistöckigen, aber in der Länge imposanten und einen ganzen Schenkel des „Achtecks“ am Potsdam-Leipziger Thore einnehmenden Gebäude. Ein geräumiger Hof mit Stallungen trennte dies Wohnhaus von einem Garten, der sich bis an die Besitzungen des Fürsten Radziwill in der Wilhelmsstraße zog. Hier ließ sich schwelgen in Glückseligkeit. Trotz der weiten Entfernung von der Universität über die Linden, den Wilhelmsplatz, die Leipzigerstraße hinaus, wurde doch in der doppelten Existenz fortgelebt und die trübselige Hülle der Armuth immer mehr abgestreift. Der reiche Gespiele erhielt seinen Unterricht daheim. Herr Cleanth selbst übte sich im Lehren, im Anwenden pädagogischer Systeme. Mittelbar floß dabei vieles, was der Sohn lernte, auf dessen Genossen über. Kinder tauschen gern ihr erstes Wissen. Erst der vom Ehrgeiz gestachelte ältere Jüngling behält sein Wissen für sich und ist eher [243] versteckt und heimlich damit. Sonntags wurden die Frühstunden nicht mehr in den Kirchen, sondern im sonnigen Zimmer des Gönners zugebracht, wo unter Blumen und Gemälden die beiden Freunde von ihm im Zeichnen unterrichtet wurden. Es war dabei eine strenge Methode, die Herr Cleanth befolgte. Jeder Aufblick von der Arbeit wurde gerügt, jedes Versehen durch irgend eine Ehrenstrafe wettgemacht. Während die Knaben Augen, Nasen, Lippen, Ohren, Köpfe, später auch „allerlei Vieh“ zusammenzeichneten, schritt Herr Cleanth mit knarrenden Hausschuhen durchs Zimmer, las polytechnische Zeitungen und beaufsichtigte die Zöglinge zwei Stunden lang mit einer Strenge, die der endlichen Erlösung und dem Sichtummelndürfen im Garten einen doppelten Reiz verlieh … Kinder der Armen wachsen viel natürlicher und freier auf, als Kinder der Reichen. Diese sollen um jeden Preis eine vorzügliche Bildung erhalten und sind das stündliche Augenmerk ihrer Eltern und Erzieher. Jene, den Eltern oft eine Last, müssen für sich selbst sorgen und lernen dabei leichter, sich ihr Leben frei bestimmen. Herrn Cleanth’s neues Haus war ein Palast, es konnte die Wohnung eines Fürsten sein. Eine große Freitreppe mit eisernem Geländer führte von zwei Seiten zu einem damals zwar nur zweistöckigen, aber in der Länge imposanten und einen ganzen Schenkel des „Achtecks“ am Potsdam-Leipziger-Thore einnehmenden Gebäude. Ein geräumiger Hof mit Stallungen trennte es von einem Garten, der sich bis an die Parkgärten der Wilhelmsstraße zog. Hier ließ sich in Glückseligkeit schwelgen. Trotz der weiten Entfernung von der Universität über die Linden, den Wilhelmsplatz, die Leipzigerstraße hinweg, wurde doch in der doppelten Existenz fortgelebt und die trübselige Hülle der Armuth für Stunden, ja Tage abgestreift. Der reiche Gespiele erhielt seinen Unterricht daheim. Herr Cleanth übte sich selbst im Lehren, im Anwenden pädagogischer Systeme. Vieles, was der Sohn lernte, kam auch dem Genossen zu Gute. Kinder tauschen gern ihr erstes Wissen aus. Erst der vom Ehrgeiz gestachelte ältere [158] Jüngling behält sein Wissen egoistisch für sich, ja ist zum Verheimlichen seiner Fortschritte geneigt. Sonntags wurden nun die Frühstunden seltener in den Kirchen und fast immer im sonnigen Zimmer des Gönners zugebracht, wo von diesem die beiden Freunde unter Blumen und Gemälden im Zeichnen unterrichtet wurden. Die Methode, die Herr Cleanth befolgte, war streng. Jedes Aufblicken von der Arbeit wurde gerügt, jedes Versehen bestraft. Während die Knaben Augen, Nasen, Lippen, Ohren, Köpfe, später auch Thiere zeichneten, schritt Herr Cleanth mit knarrenden Hausschuhen durch’s Zimmer, las polytechnische Journale und beaufsichtigte die Zöglinge zwei Stunden lang mit einer Strenge, die der endlichen Erlösung und dem Sichtummelndürfen im Garten einen doppelten Reiz verlieh. Kinder der Armen wachsen natürlicher und freier auf als die der Reichen. Diese sollen um jeden Preis eine vorzügliche Bildung erhalten und sind darum das stündliche Augenmerk ihrer Eltern und Erzieher. Jene, den Eltern oft eine Last, müssen für sich selbst sorgen und lernen dabei leichter, sich ihr Leben frei bestimmen. Fürstensöhne vollends werden auf ihre künftige Würde wie Sklaven vorbereitet. 0.7148148148148148
181 Immer mehr lockerte sich nun die Brücke der Rückkehr zu der Existenz der Eltern. Die häusliche Lage wurde dem Knaben gegenständlich, er urtheilte, seitdem er vergleichen konnte. Von dem Naturgeheimniß der Liebe und kindlichen Anhänglichkeit an das Vaterhaus [244] wurde nichts eingebüßt, aber der grelle Reiz früherer Eindrücke dämpfte sich ab. Man lauschte nicht mehr so aufmerksam, wenn Vetter Wilhelm von der Selbstgerechtigkeit und der Gnadenwahl, Vetter Christian von seinem Ehewirrsal und den neuen Seidenhüten sprach. Man lachte nicht mehr über einen lustigen Verwandten, der zu Hause ein kranker Hypochonder, in Gesellschaft ein ausgelassener Schnurrenreißer war und nichts lieber that, als sich einen Besen kommen lassen, ihn verkehrt zwischen die Beine klemmen, als Spinnrocken gleichsam abspinnen und dazu ausgelassene Lieder singen. Die neue Lebenssphäre stand unter andern Bedingungen. Da kamen Besuche von allerlei Hofräthen, Hofräthinnen, Hofraths-, Geheimerathstöchtern, Professoren, Künstlern, Offizieren, jungen Studierenden, die aus Stettin ihre Empfehlungsbriefe brachten und wöchentlich an einem bestimmten Tage zu Tisch erscheinen durften. Herr Cleanth übersah rasch seine Leute. Romantik und Altdeutschthum waren ihm nicht minder verhaßt, wie dem Vater. Chimärische Träumerei erschien dem Manne der praktischen Nützlichkeit als verderblicher Mehlthau jeder Jugendentwickelung. Die Lectüre von Märchen duldete er nicht. Raffs Naturgeschichte und die Kupfer zum Büffon standen ihm höher, als Tausend und eine Nacht. Die einzige Beschäftigung der Phantasie, die Herr Cleanth zuließ, war die mit der Geschichte, zu der [245] seine Knaben durch Beckers damalige zehn Bände und dessen Erzählungen aus der alten Welt frühzeitig angeleitet wurden. Herr Cleanth haßte die gewöhnliche Methodik der Schulen und zog seinen Sohn nur durch Privatunterricht auf, dem er meistentheils selbst beiwohnte. In der Musik mußte ihm die damalige neue Logier’sche, von Stöpel angewandte militärische Methode ganz nach Wunsch kommen. Herr Cleanth war dabei ein Aeolus. Er hatte rauhe und sanfte Winde zugleich. Er konnte sich in furchtbar dunkle Gewitterwolken hüllen, oft aber auch sanft und milde wie eitel Sonnenschein aufgehen. Immer unsichrer wurde die Brücke der Rückkehr zur Existenz der Eltern. Die häusliche Lage wurde dem Knaben gegenständlich. Er urtheilte darüber, seitdem er vergleichen konnte. Von dem Naturgeheimniß der Liebe und kindlichen Anhänglichkeit an das Vaterhaus ging nichts verloren, aber der grelle Reiz der Eindrücke dämpfte sich ab. Nicht mehr wurde so aufmerksam gelauscht, wenn Vetter Wilhelm von der Selbstgerechtigkeit und der Gnadenwahl, Vetter Christian von Ungarn, seinem Ehewirrsal und den neuen Seidenhüten sprach. Man lachte nicht mehr über einen lustigen Verwandten, der zu Hause ein kranker Hypochonder, in Gesellschaft ein ausgelassener Schnurrenreißer war und nichts lieber that, als sich einen Besen kommen zu lassen, diesen verkehrt zwischen die Beine zu klemmen, ihn als Spinnrocken gleichsam abzuspinnen und dazu ausgelassene Lieder zu singen. Die neue Lebenssphäre stand unter anderen Bedingungen. Hier im Cleanth’schen Hause kamen nur die Besuche von Hofräthen, Hofräthinnen, Geheimerathstöchtern, Professoren, Künstlern, [159] Offizieren, jungen Studirenden, die aus Stettin ihre Empfehlungsbriefe brachten und wöchentlich an einem bestimmten Tage zu Tisch erscheinen durften. Herr Cleanth übersah schnell seine Leute. Romantik und Altdeutschthum waren ihm in demselben Grade verhaßt wie dem Vater. Chimärische Träumerei erschien dem Mann der praktischen Nützlichkeit als verderblicher Mehlthau für jede Jugendentwicklung. Die Lectüre von Märchen duldete er nicht. Raff’s Naturgeschichte und die Kupfer zum Büffon standen ihm höher als Tausend und Eine Nacht. Die einzige Beschäftigung der Phantasie, die Herr Cleanth zuließ, war die mit der Geschichte, zu welcher seine Knaben durch Becker’s Weltgeschichte in zehn Bänden und dessen Erzählungen aus der alten Welt angeleitet wurden. Herr Cleanth verwarf die gewöhnliche Methode der Schulen und bildete seinen Sohn nur durch Privatunterricht, dem er meist selbst beiwohnte. Wehe dem Lehrer, der seinen Erwartungen nicht entsprach. In der Musik mußte ihm die damals neue Logier’sche, von Stöpel angewandte Methode ganz besonders erwünscht kommen. Doch war Herr Cleanth wie Aeolus. Rauhe und sanfte Winde hatte er zugleich. In so furchtbare dunkle Gewitterwolken er sich hüllen konnte, eben so oft konnte er sanft und milde wie eitel Sonnenschein sein. 0.7094339622641509
182 Welch ein Reiz liegt in der traulichen Geselligkeit eines gebildeten Hauses! Kein Patschouli oder Moschus und doch ein eigner Duft, keine strahlenden Lüstres und doch ein heller Glanz! Die Ordnung und die Pflege verbreiten überall eine Wärme und Behaglichkeit, die neben den äußern Sinnen auch das Gemüth ergreift. Die kleinen Arbeitstische der Frauen am Fenster, die Nähkörbchen mit den kleinen Zwirnrollen, mit den blauen englischen Nadelpapieren, den buntlakirten Sternchen zum Aufwickeln der Seide, die Fingerhüte, die Scheeren, das aufgeschlagene Nähkissen des Tischchens, nebenan das Piano mit den Noten, Hyacinthen in Treibgläsern am Fenster, ein Vogel in schönem Messingbauer, ein Teppich im Zimmer, der jedes Auftreten [246] abmildert, an den Wänden die Kupferstiche, die Beseitigung alles nur vorübergehend Nothwendigen auf entfernte Räume, die Begegnungen der Familie unter sich voll Maaß und Ehrerbietung, kein Schreien, kein Rennen und Laufen, die Besuche mit Sammlung empfangen, Abends der runde, von der Lampe erhellte Tisch, das siedende Theewasser, die Ordnung des Gebens und Nehmens, das Bedürfniß der geistigen Mittheilung … im Zusammenklang aller dieser Akkorde liegt eine Harmonie, ein sittliches Etwas, das jeden Menschen ergreift, bildet und veredelt. In der traulichen Geselligkeit eines gebildeten Hauses liegt ein unendlicher Reiz. Kein Patschouli ist dafür nöthig, kein strahlender Lüstre. Duft und Glanz liegt schon allein in der ganzen Weise eines solchen Hauses selbst. Die Ordnung und die Pflege verbreiten eine Behaglichkeit, die ebenso das Gemüth wie die äußeren Sinne ergreift. Die kleinen Arbeitstische der Frauen am Fenster, die Nähkörbchen mit den Zwirnrollen, mit den blauen englischen Nadelpapieren, mit den buntlackirten Sternchen zum Aufwickeln der Seide, die Fingerhüte, die Scheeren, das aufgeschlagene Nähkissen des Tischchens, nebenan das Piano mit den Noten, Hyacinthen in Treibgläsern am Fenster, der gelbe Vogel in schönem Messingbauer, ein Teppich im Zimmer, der jedes Auftreten mildert, an den Wänden Kupferstiche, das Verweisen alles nur vorübergehend Nothwendigen auf entfernte Räume, die [160] Begegnungen der Familie unter sich voll Maß und Ehrerbietung, kein Schreien, kein Rennen und Laufen, die Besuche mit Sammlung empfangen, Abends der runde, von der Lampe erhellte Tisch, das siedende Theewasser, die Ordnung des Gebens und Nehmens, das Bedürfniß der geistigen Mittheilung – in dem Zusammenklang aller dieser einzelnen Akkorde liegt eine Harmonie, ein Etwas, das jeden Menschen sittlich ergreift, bildet und veredelt. 0.6928104575163399
183 Die Gartenlust wurde wie von Bienen genossen. Aber bei der Freude am Laufen und Rennen in den symmetrischen Wegen, unter hohen Rosenbüschen, Stachelbeer- und Himbeerhecken hin durfte auch die wirkliche Pflege der Blumen und Beete nicht fehlen. Man pflanzte und säete, man führte die Gießkanne, wenn die Sonne sich senkte, man half ernten und arbeitete nach bestimmten, von dem mathematischen Herrn Cleanth gestellten Aufgaben. Da war ein Salatbeet von Unkraut auszujäten, da waren Stöcke für die Nelken zu schneiden und aufzustecken, da waren die zerstreuten Blätter der abgeblühten Centifolien zu sammeln, eine Arbeit, die dadurch belohnt wurde, daß man diese Rosenblätter den Apothekern und korbweise verkaufen durfte. Lange Weinspaliere wurden nach den neuen Kechtschen Grund-[247]sätzen gezogen. Ein Gärtner führte die Oberaufsicht, mußte aber den jungen Freunden immer etwas von seiner leichteren Arbeit zuweisen; denn Herr Cleanth duldete keine gedankenlosen Spiele. Wie frucht- und blumenreich war dieser Garten! Wie malerische Sträuße von weißen und rothen Lilien, von Rosen und Nelken, von Hollunder und Maiblumen in erster Frühlingszeit wurden zusammengestellt! Und dies Leben mit den Fröschen in einem kleinen Bewässerungstümpel, mit den Maikäfern, die je nach der Farbe der Halsschienen und der Fühlfäden in mehr Gattungen eingetheilt wurden, als Buffon klassificirt hat, mit den Goldkäfern, die so träg und duftberauscht in der Mittagssonnenhitze auf Blumenkelchen in allen Regenbogenfarben schillerten! Das Kind horcht auf alles, was nur in der Natur wispert und knuspert und raschelt. Es ist auf einer ewigen Schleichjagd nach Allem, was sich im Grase und auf und unter der Erde regt. Ausgerüstet nun gar mit einem scharfstechenden Spaten ist der Knabe ein König der Natur. Er legt den Spaten über die Schulter wie ein heimkehrender beutestolzer Nimrod seine ruhende Waffe, ißt nach der Arbeit sein Obst, sein Butterbrod, trinkt sein Glas Wasser mit einer Zufriedenheit, als hätte er seinen Lohn heute um die ganze Ordnung der Welt verdient. Die Gartenlust wurde wie von Bienen genossen. Aber bei der Freude am Laufen und Rennen in den symmetrisch angelegten Wegen, unter hohen Rosenbüschen, Stachelbeer- und Himbeerhecken durfte durch die Knabenhand auch die wirkliche Pflege der Blumen nicht vernachlässigt werden. Da pflanzte und säete man, man führte die Gießkanne, wenn sich die Sonne senkte, man half ohne Naschhaftigkeit den Erntesegen einbringen und arbeitete immer nach bestimmten, vom mathematischen Herrn Cleanth gestellten Aufgaben. Da war an einem Salatbeet Unkraut auszujäten, Stöcke waren für die Nelken zu schneiden, die zerstreuten Blätter der aufgeblühten Centifolien zu sammeln, eine Arbeit, die sich den Knaben dadurch belohnen durfte, daß sie die Rosenblätter dem Apotheker am Ziethenplatz korbweis verkauften. Lange Weinspaliere wurden nach der neuen Kecht’ schen Grundregel der häufigen Entfernung der Blätter gezogen. Ein Gärtner führte die Oberaufsicht, die jungen Freunde mußten helfen. Herr Cleanth duldete keine Spiele, höchstens solche, bei denen etwas gelernt, irgen deine geistige Thätigkeit oder mechanische Fertigkeit zugleich gebildet wurde. Wie frucht- und blumenreich war dieser Garten! Malerische Sträuße von weißen und rothen Lilien, Rosen und Nelken wurden im Sommer, von Hollunder und Maiblumen in erster Frühlingszeit zusammengestellt. Der Thau haftete noch an ihnen um Mittag. Was giebt es in einem Garten für Thatsachen, die Kindern merkwürdig sind! Frösche verbargen sich in einem Tümpel, Maikäfer wurden je nach der Farbe der Halsschienen und der Fühlfäden in mehr Gattungen eingetheilt, als vielleicht Büffon nennt, Goldkäfer, die träge und duftberauscht in der Mittagssonnenhitze auf Blumenkelchen in allen Regenbogenfarben schillerten, wurden auf-[161]gescheucht. Kinder horchen auf Alles, was da wispert und knuspert und raschelt. Sie sind auf einer ewigen Schleichjagd nach Allem, was sich im Grase und auf und unter der Erde regt. Ausgerüstet mit einem scharfstechenden Spaten ist ein Knabe König der Natur. Den Spaten über die Schulter gelegt verläßt er den Garten, ißt nach der Arbeit sein Obst, sein Butterbrot, trinkt sein Glas Wasser mit einer Zufriedenheit, als hätte er seinen Lohn um die Ordnung der Welt verdient. 0.5460992907801419
184 [248] Die Blume und der Sonnenschein sind Geschwisterkinder. Sie ähneln sich zum Verwechseln, gehören zusammen, spielen miteinander. Und doch gewinnt die Blumenwelt einen so eignen Ausdruck durch den Regen. Nach einem Gewitter in den Garten treten, dessen sandige Wege rasch die herabgestürzten Güsse aufgesaugt hatten, und nun diese Rosen, diese Nelken, diese Levkoien in ihren nassen Gewändern wie gebadet! Der Staub ist niedergeworfen, die Blumen sind neugeboren und durchwürzen die gereinigte Luft. Jetzt erst haben sie Kraft, durch alle Räume ihren Werth zu zeigen! Die Käfer schweigen, die schwüle Luft ist erstickt, nun duftet alles mit doppelter Macht. Tritt dann die Sonne hervor, so kommt nichts den nassen Blumen gleich. Am Jasmin hängen die Tropfen wie gebannt. Sie müssen lange ihre Kraft sammeln, bis sie schwer genug sind auf die grünen Blätter niederzurollen. Je ölhaltiger die Blume, desto länger glitzert das Naß in solchen Einzeltropfen auf ihrem Kelche. Eine hundertblättrige Rose, sich eben entfaltend aus der stachligten grünen Hülle, besäet von kleinen Regentropfen, die nicht weichen wollen und in der wolkenfrei wieder heraustretenden Sonne blitzen, das ist wohl das lieblichste Bild der Blumenwelt, dessen Schmelz kein Mignon, kein Redouté wiedergeben kann. Nach einem Gewitter in einen Garten zu treten, wenn die sandigen Wege rasch die herabgestürzten Güsse aufgesaugt haben und die Rosen und Nelken und Levkoien alle wie gebadet stehen, das ist ein besonders fesselnder Genuß. Die Blumen sind dann wie neugeboren und durchwürzen die gereinigte Luft. Jetzt erst haben sie Kraft, gleichsam durch alle Räume in Farbe und Duft ihren Unterschied zu zeigen. Tritt dann die Sonne hervor, so kommt nichts den nassen Blumen gleich. Am Jasmin hängen die Tropfen wie gebannt. Sie müssen lange ihre Kraft sammeln, bis sie schwer genug sind, auf die grünen Blätter zu rollen. Je ölhaltiger die Blume, desto länger glitzert das Naß in solchen Einzeltropfen auf ihrem Kelch. Eine hundertblättrige Rose, sich eben entfaltend aus der stachlichten grünen Hülle, besät von kleinen Regentropfen, die nicht weichen wollen und in der wolkenfrei wieder heraustretenden Sonne blitzen, ist wol das lieblichste Bild der Blumenwelt, das kein Mignon, kein Redouté vollkommen treffend wiedergeben würde. 0.6234567901234568
185 [249] Die heilige, herrliche, schnee- und frostpoetische Winterzeit bewegt sich zumeist um die Weihnachtsfreude. Das Hoffen vorher und das Genießen nachher. Die Weisheit des Herrn Cleanth duldete um Weihnacht kein rasches Zerpflücken des Genusses. Er gab reichlich, aber seine Gaben waren nicht für flüchtige Zerstreuung bestimmt, die ein Kind sobald ermüdet. Die Spiele, die er gestattete, waren solche, die entweder das Nachdenken oder den Fleiß anregten. Er gab Bauhölzer und ließ nach bestimmten Vorschriften bauen. Er gab Kirchen, die sehr prächtig durch gläserne Fenster und ein inwendig aufgestelltes Licht erleuchtet werden konnten, aber man mußte sie aus einzelnen Stücken erst selbst behutsam zusammensetzen. Er ließ aus Thon allerliebste Steine brennen, um der Bibernatur der Kinder noch gefälligere Nahrung zu geben. Soldatenspiele gestattete er nicht. Sie waren ihm leer, nichtssagend. Alles Schreien, Toben, Lärmen um Nichts war ihm verhaßt. Das Theaterspiel gestattete er, vielleicht eine Conzession der Liebe, da seine Gattin die Bühne liebte. Die Figuren hatten die Knaben sich meist selber zu coloriren, aufzukleben, mit Dräthen zu versehen. Ein chinesisches Schattenspiel hinter einem ölgetränkten Rahmen wurde Sonntagsabendlich aufgeführt. Der „König von Kinderland“ hieß das barocke Drama, zu dem die Knaben Text und Figuren geliefert erhielten und im Komödien-[250]spielen das Mögliche leisteten. Bei diesen ästhetischen Spielen ließ der Freund die Initiative seinem Gespielen, während dieser, wenn Häuser oder Kirchen gebaut werden sollten oder sogenannte Geduldspiele zusammengesetzt wurden, dann dem Andern die Vorhand gestattete. Kartenspiel und Damenbrett gestattete Herr Cleanth als eine Uebung des Verstandes, als eine Anreizung zur Behauptung seiner persönlichen Vortheile. Er ging in allen seinen Theorieen von dem Gedanken aus, daß das Leben uns zum Fortkommen die Nothwehr bedinge. Sein Lieblingsspruch war von den Tauben, die gebraten Keinem in den Mund flögen. Das grade damals erwachende Regen und Ringen für die materiellen Interessen, die Erfindungen, die vielen Bauten der Regierung, die neuen Anlehen, die Hoffnungen eines dauernd befestigten Friedens zeigten ihm überall Gewinne und Vortheile, die man durch Fleiß, Eifer und resolutes Zugreifen sich erobern könnte. Das war ein Spornen, Stacheln, Lehren, Strafen, Ermuntern! Beispiele von großen Erfolgen, die eine kluge Berechnung der Umstände, ein scharfes Aufpassen auf Constellationen erzielt hatte, wurden mit fast leckrer, schlauer und eulenspiegelhafter Behaglichkeit erzählt, als Triumphe der Klugheit dargestellt. Dem Gespielen des Sohnes ging meistens davon die Erzählung ins eine Ohr hinein und zum andern hinaus. War ihm selbst die Existenz in diesem [251] Hause doch ein Märchen, wie sollte er nicht an Märchen glauben! Ihm waren diese große Tischtafeln mit den blendenden Servietten, den silbernen Löffeln, den gestickten Serviettenbändern, den mehrfachen Gängen der Speisen und den Desserttorten ebenso wunderbar, wie die hellen Lampen mit Gaçeschirmen, die Klingelzüge, die Krystallcaraffen, die Teppiche, die Gemälde, das Pianoforte, die Besuche, die Conversationen.… wie sollte ihm dies verzauberte Haus den Realismus predigen? Alle Lehren des Herrn Cleanth weckten ihm nur die Phantasie. Ein Beweis, wie jede Theorie in der Erziehung von den Grundlagen abhängt, auf die man sein System baut. Es giebt keine absoluten Methoden, sondern nur solche, die relativ auf die Umstände anzupassen sind. Die herrliche schnee- und frostpoetische Winterzeit bewegt sich zumeist um die Weihnachtsfreude. Das Hoffen geht vorher und das Genießen folgt. Die Weisheit des Herrn Cleanth duldete um Weihnacht kein gieriges Tilgen des Genusses. Reichlich wurde gegeben, aber seine Gaben waren nicht für flüchtige Zerstreuung, wovon die Kinder so bald ermüdet sind. Die Spielmaterialien, die angeschafft wurden, waren solche, die entweder das Nachdenken oder den Fleiß anregten. Kirchen zum Auseinandernehmen, Thonsteine zum Bauen wurden geschenkt. Soldatenspiele erschienen leer und nichtssagend. Alles Schreien, Toben, Lärmen um Nichts war ihm verhaßt. [162] Theaterspiel gestattete er allerdings, das war eine Conzession der Liebe, da seine Gattin die Bühne liebte. Aber die Figuren hatten sich die Knaben selbst zu coloriren, aufzukleben, mit Drähten zu versehen. Zeitweilig wurde ein chinesisches Schattenspiel hinter einem ölgetränkten Rahmen aufgeführt. Der „König von Kinderland“ hieß das barocke Drama, wozu die Knaben Text und sogar die Figuren geliefert erhielten und im Komödiespielen das Mögliche leisteten. Bei diesen ästhetischen Spielen ließ der Freund die Initiative seinem Genossen, dem Erzähler, während dieser, wenn Häuser oder Kirchen gebaut werden sollten oder sogenannte Geduldspiele zusammengesetzt, dem Andern die Vorhand gab. Kartenspiel und Damenbrett gestattete Herr Cleanth als Uebung des Verstandes und Anreizung zur Behauptung – seiner persönlichen Vortheile. Er ging in allen seinen Theorieen von dem Gedanken aus, daß das Leben zum Fortkommen die Nothwehr bedingt. Sein Lieblingsspruch war von den Tauben, die Keinem gebraten in den Mund flögen. Grade damals war ein Ringen und Regen für die materiellen Interessen erwacht; Erfindungen, die gewerblichen Künste, die vielen Bauten der Regierung, die neuen Anlehen, die Hoffnungen eines dauernd befestigten Friedens, Alles zeigte ihm Gewinne und Vortheile, die man durch Fleiß, Eifer und vorzugsweise rasches Zugreifen erobern könnte. Beispiele von großen Erfolgen, die eine kluge Berechnung der Umstände, scharfes Aufpassen auf Constellationen erzielt hätten, wurden mit fast schlauer, eulenspiegelhafter Behaglichkeit erzählt und als Triumphe der Klugheit dargestellt. Dem Gespielen des Sohnes ging meistens die Erzählung davon in’s eine Ohr hinein und zum andern hinaus. War ihm doch selbst die Existenz in diesem Hause ein Märchen, wie sollte er nicht an noch höher liegende Märchen denken! Ihm waren diese großen Tischtafeln mit den blendenden Servietten, den silbernen Löffeln, den gestickten Serviettenbändern, den mehrfachen Gängen der Speisen und Desserttorten, die hellen Lampen mit Gazeschirmen, die Klingelzüge, die Krystallkaraffen, die Teppiche, die Gemälde, das Pianoforte, die Besuche, die Conversationen vollkommen genug, wie sollte ihm dies verzauberte Haus ein weiteres Tummle Dich! und noch [163] dazu auf dem Gebiet des Realismus predigen? Alle Lehren des Herrn Cleanth gingen ihm nur in die Phantasie. Ein Beweis, wie in der Erziehung jede Theorie von den Grundlagen abhängt, auf die man baut. Es giebt keine absoluten Methoden, sondern nur solche, die auf die Umstände anzupassen sind. 0.6896551724137931
186 Die frühe Neigung für die Bühne fand in diesem Hause die volle Nahrung. Sonst hatte sich der Knabe mit den Puppenspielen begnügt, die bald in dieser, bald jener „Tabagie“ von zu drittel lebensgroßen Figuren auf einem mannshohen Theater aufgeführt wurden. Nach langem Schmeicheln und Bitten erst pflegte der Junge sich die Licenz, ja die kirchliche Absolution zu erobern, diesen „gottlosen“ Spielereien, die noch dazu zwei Groschen Eintrittsgeld kosteten, sonst beizuwohnen. Sicher war er der Erste, der in dem noch dunkeln Saale erschien und sich dicht an der Brüstung des noch stillen, [252] gespenstigen Gerüstes auf der ersten Bank postirte. Allmälig gesellten sich dann andre Freunde der Puppenkomödie hinzu und darunter Viele, die nicht der Jugend angehörten. Ehrbare Alte, Männer und Frauen, erwarteten mit ernsthaftester Spannung die heutige gute Laune Caspars, des Lustigmachers. Inzwischen wurde der Saal durch einige Blendlampen erhellt und schon hörte man ein Klopfen und Hämmern auf der Bühne, deren belebende Kräfte hinten ihren eignen Eingang hatten. Zuweilen plumpste irgend etwas Schwerfälliges nieder. Es war das einer der Acteurs, der eben seine Garderobe vervollständigt bekam. Ein lautes Sprechen hinter dem Vorhange störte keinesweges, sondern reizte nur die Spannung desto mehr. Denn es wurde nun immer regsamer und heitrer ringsum; die Zahl des Parterres mehrte sich, in der Ferne begann eine Musik und durch die Ritzen des Vorhangs schimmerten schon die Lichter. Der Vorhang rauschte, zuweilen nicht ohne Verwickelungen, endlich auf und die Scene begann meist mit dem Exordium Caspars, der Stimmung ins Publikum und wohl auch hinten in die Darsteller bringen mußte. Es wurden dann die herrlichen Trau-, Schau- und Rührspiele vom bayrischen Hiesel, von den Kreuzfahrern, vom Abällino, besonders aber das Zug- und Modestück des Tages, der Freischütz, sogar mit Gesang und sicher nie ohne Feuerwerk, [253] in etwa zwei Stunden kurz und bündig abgespielt. Der bayrische Hiesel war besonders deßhalb des Knaben Lieblingsstück, weil in ihm ein sanfter, zarter, mit Noth zum Räuber gepreßter Knabe, das liebe Anderle, vorkam, das sich der besonderen Zuneigung des grimmen Hiesels erfreute und nur mit Thränen im Auge an Mord, Raub, Brand und Ueberfall Theil nahm. Anderle sang einen Schnaderhüpfer von seiner Feder auf dem Hut, seiner Büchse zum Schießen, seinem Straußring zum Schlagen, von seiner jugendfrohen Waidmannslust. Dies Lied wurde die Lieblingsarie des Knaben und oft dem lieben Anderle nachgejodelt. Der Brand der Mühle, wo die Soldaten den Hiesel endlich einfiengen, wurde auf dem Theater im Cleanthschen Hause mit Hülfe von Kolophonium oder Bärlapp nicht ohne Feuersgefahr zuweilen nachgeahmt. Auch der Freischütz mit dem Samiel und der Wolfsschlucht war für die Geschichte der deutschen Marionettenbühne epochemachend. Kaspars, des Unvermeidlichen, Dialekt bestand dabei aus einem Gemisch von Sächsisch, Oesterreichisch und Berlinisch. Auch Faust kehrte hier wieder, und eigenthümlicher als bei Goethe, obgleich ohne Meerkatzen. Es war der alte deutsche Puppenspiel-Faust mit den Geistern Vitzliputzli und Auerhahn, die auf ein Halippe! des Zauberers ebenso rasch aus der Luft geflogen kamen, wie sie auf ein Haluppe! wieder verschwanden. [254] Caspar, Faustens Diener, hat diese allmächtige Zauberformel seinem Herrn abgelauscht und wendet sie erst mit glücklichem Erfolge an. Das Erscheinen und Verschwinden macht ihm aber zuletzt so viel Spaß, daß er die Teufel auf Halippe und Haluppe in athemlose Bewegung setzt, sie bald kommen, bald verschwinden läßt und sie dadurch so erzürnt, daß sie sich grimmig auf ihn werfen und ihn unter Hülfeschreien halb zu Tode massakriren. Der Vorhang fällt. Ohne Zweifel ein sehr wirksamer Aktschluß. Melancholisch war das Ende des Faust. Faust hat alle Wunder verrichtet, in denen ihn der Teufel nur unterstützen konnte. Seine Stunde rückt heran. Man hört gespenstisch die Uhr schlagen. Caspar ist Nachtwächter geworden und singt im Mondenschein auf nächtlichstiller Straße sein Hört ihr Herren! Da kommt Faust seufzend und wehklagend. Es entspinnt sich ein Dialog, der etwas mit dem des Valentin und Flottwell im letzten Akt des Verschwenders Aehnlichkeit hat. Aber hier helfen alle guten Grundsätze, alle reuigen Entschließungen nichts mehr. Die Uhr wiederholt ihre Schläge, halb, drei Viertel. Es liegt eine unvergeßliche, herzzerreißende Oede auf den Straßen. So einsam ist es zwischen der gemalten Leinwand! Ach, so still, so unglücklich, so schauerlich! Man glaubt die Brunnen nächtlich rieseln zu hören; nur die Sterne leben, Caspar, Faust und die Strafe des Him-[255]mels. Endlich schlägt es zwölf und die Hölle öffnet sich und ein Feuerregen verschlingt den weltstürmenden und wunderthätigen Doctor und Caspar kann froh sein, mit ein paar versengten Haaren davon zu kommen und für den nächsten Dienstag noch das Repertoir ankündigen zu können. Die frühe Neigung für die Bühne fand in diesem Hause Nahrung. Sonst hatte sich der Knabe mit den Puppenspielen begnügt, die in einer „Tabagie“ der Mittelstraße auf einem mannshohen Theater aufgeführt wurden. Diesen „gottlosen“ Spielen, die noch dazu zwei Groschen Eintrittsgeld kosteten, beiwohnen zu dürfen, war erst die Folge langen Bittens und Bettelns bei den Eltern. Sicher war der Knabe immer der Erste, der im noch dunkeln Saale erschien und sich dicht an die Brüstung des noch stillen, geheimnißvollen Gerüstes setzte. Allmälig gesellten sich dann andere Freunde des Puppenspiels hinzu, darunter Viele, die nicht der Jugend angehörten. Man hatte die ersten Symptome eines mit Bier und Taback verbundenen Kunstgenusses, wie diesen jetzt die Berliner Nebentheater ausbeuten. Ehrbare Alte, Männer und Frauen, erwarteten mit ernsthafter Spannung Casper’s heutige gute Laune. Der Saal wurde allmälig durch einige Blendlampen erhellt, man hörte ein Klopfen und Hämmern auf der Bühne, zuweilen plumpste irgend ein schwerer Gegenstand auf. Das war dann gewöhnlich einer der Acteurs, der seine Garderobe vervollständigt bekam. Ein lautes Sprechen hinter dem Vorhange störte keineswegs, sondern reizte nur die Spannung. Ringsum wurde es immer regsamer und heitrer, in der Ferne begann eine Musik, der ganze Saal füllte sich mit Publikum, und durch die Ritzen des Vorhangs schimmerten schon die Lichter. Der Vorhang rauschte auf, zuweilen nicht ohne Verwickelung der Gardine, der dann von innen eine Hand nachhelfen mußte. Und die Scene begann. Meist mit dem Exordium Casper’s, der mit einem Jodler und He! Holla Wirthshaus! hereinbrach und in’s Publikum Stimmung, vielleicht auch in die Darsteller selbst bringen mußte. Dann kamen die herrlichen Trau-, Schau- und durch den überall eingeschmuggelten Casper halben Lustspiele vom bayrischen Hiesel, [164] von den Kreuzfahrern, Abällino, besonders aber das Zug- und Modestück des Tages, der Freischütz, dieser sogar mit Gesang und niemals ohne Feuerwerk, was sich der Wolfsschlucht wegen ja von selbst verstand. Besonders war dem Knaben der bayrische Hiesel sympathisch. Ein sanfter, lieber, mit Noth zum Räuber gepreßter Knabe, das Anderle, nahm darin nur mit Thränen im Auge an Mord, Raub, Brand und Ueberfall Theil, sang Schnaderhüpferln von seiner Feder auf dem Hut, seiner Büchse zum Schießen, seinem Straußring zum Schlagen, seiner jugendfrohen Waidmannslust. Dies Lied wurde die Lieblingsarie des Knaben und oft dem Anderle nachgejodelt. Der Brand der Mühle, wo endlich die Soldaten den Hiesel einfangen, wurde auf dem Theater im Cleanth’schen Hause nicht ohne Blicke auf die Feuerversicherungspolice nachgeahmt. Auch Faust kehrte im Puppenspiel wieder, ohne Meerkatzen zwar, aber mit den handgreiflichen Geistern Vitzliputzli und Auerhahn, die auf ein Halippe! ebenso rasch aus der Luft geflogen kamen, wie sie auf Haluppe! wieder verschwanden. Casper, Faustens in’s Bayrische übersetzter Wagener, hatte diese Zauberformel seinem Herrn abgelauscht und wendet sie einige Mal, wo ihn hungert und dürstet, mit glücklichem Erfolge an. Das Erscheinen und Verschwinden der ihn sofort mit Speise, Trank und allen Bequemlichkeiten erfreuenden Geister macht ihm dann so viel Spaß, daß er die Teufel auf Halippe und Haluppe in athemlose Bewegung setzt, sie bald kommen, bald verschwinden läßt, sie aber dadurch auch dermaßen erzürnt, daß sie sich zuletzt grimmig auf ihn selbst werfen und ihn unter Hülfeschreien massakriren, während dessen der Vorhang fällt. Ein gewiß wirksamer Actschluß. Melancholisch war das Ende des Faust. Faust hatte alle Wunder verrichtet, wobei ihn der Teufel unterstützte. Endlich aber rückt seine Stunde heran. Gespenstisch hört man die Uhr schlagen. Casper hat einen Ruheposten als Nachtwächter gefunden und singt im Mondenschein auf nächtlichstiller Straße sein Hört, ihr Herren! Da begegnet er dem seufzenden und wehklagenden Faust. Es entspinnt sich ein Dialog, der etwas mit dem des Valentin und Flottwell im letzten Act des Verschwenders Aehnlichkeit hat. Aber hier [165] helfen alle guten Grundsätze, alle reuigen Entschließungen nichts mehr. Die Uhr wiederholt ihre Schläge, halb, dreiviertel. Es liegt eine dem Knaben unvergeßliche, herzzerreißende Oede auf den Straßen. So einsam ist es zwischen dieser gemalten Leinwand, die einen Marktplatz, etwa den Spittelmarkt um Mitternacht, bedeutet. Ach, so still, so unglücklich, so schauerlich Alles! Man glaubt die Brunnen nächtlich rieseln zu hören; nur die Sterne leben, Casper, Faust und die Strafe des Himmels. Endlich schlägt es zwölf und die Hölle öffnet sich. Ein Feuerregen verschlingt den weltstürmenden, wunderthätigen Doctor. Casper kann von Glück sagen, daß er mit ein paar versengten Haaren davon kommt und für den nächsten Dienstag noch das Repertoire ankündigen kann, ohne welche Rückkehr in die Welt der Alltäglichkeit keine Vorstellung abläuft. Gerade wie sonst im Theater Schröder’s und der ersten Zeit Iffland’s auch am Schluß die Regie das am folgenden Tage zu gebende Stück ankündigte. 0.5726495726495726
187 Der Sohn des Gärtners im Cleanthschen Hause spielte auch Komödie. Mit vielem Geschick hatte der junge Mann sich eine kleine Bühne gebaut, Figuren geschnitzelt, sie artig costümirt. Es war eine hohe Vergünstigung für die Knaben und auch für ihn, daß sie seinem Debüt in einem Hause an der Potsdamer Mauer unter ein paar Dutzend Arbeiterkindern beiwohnen durften. Auch hier wurde der unvermeidliche Faust gegeben. Die Abweichungen von dem Faust Göthes wie von dem der Herren Linde und Freudenberg waren nicht unerheblich. Des Gärtners Sohn hatte mehr Geschmack als die gewöhnlichen Puppenspieler der Tabagieen. Seine Beschwörung der Helena und anderer außerordentlicher Staatsgeister gerieth wundervoll. Die Ausstattung mußte aus einer Menge geschenktbekommener kleiner seidener Lappen bei den zierlichen Figuren reicher ausfallen, als bei den Puppenspielern von Profession, die wie die großen Theaterdirektoren in der Garderobe knauserten und lange nicht so brillante Erleuchtung boten, wie der Gärtnersohn, dessen Lichter [256] und Feuerwerke opernhaft waren. Aber nur für Einmal litt Herr Cleanth die Theilnahme an den sinnigen und mit Takt arrangirten Leistungen des Gärtnerburschen, in dem ein Regisseur steckte. Der Theatersehnsucht gab er bald einen bedeutenderen Ausdruck. Er nahm die Knaben in die große Komödie mit, die seit dem Brande des Schauspielhauses immer im Opernhause gegeben wurde. Die beiden Vorgeschmäcke wirklicher „lebendiger“ Bühnenkunst, die Jungfrau von Orleans und Iphigenia von Gluck, wirkten so großartig, so mächtig auf den Erzähler, daß er von Stund an eine Gleichgültigkeit, ja einen förmlichen Haß gegen alles Puppenspielwesen bekam. Der Sohn des Gärtners im Cleanth’schen Hause war ein leidenschaftlicher, kunstgerechter Puppenspieler. Er hatte sich eine kleine Bühne gebaut, Figuren geschnitzelt, sie artig costümirt. Eine hohe Vergünstigung für die Knaben und auch für ihn, wenn man seinen Vorstellungen in einem Häuschen an der jetzt abgerissenen Potsdamer Mauer, dicht in der Nähe der Bolzani’schen Conditorei auf der Königgrätzerstraße, beiwohnen durfte. Das Häuschen steht ja wol noch und gehört zu den bekannten Verschönerungen der Via triumphalis. Auch hier wurde der unvermeidliche Faust gegeben. Die Abweichungen vom Faust Goethes und dem der Herren Linde und Freudenberg waren nicht unerheblich. Des Gärtners Sohn hatte mehr Geschmack als die gewöhnlichen Puppenspieler der Tabagieen. Bei ihm kam auch die Beschwörung der Helena und anderer außerordentlicher Staatsgeister vor. Die Ausstattung mußte aus einer Menge geschenktbekommener kleiner seidener Lappen bei den zierlichen Figuren reicher ausfallen als bei den Puppenspielern von Profession, die wie die großen Theaterintendanten in der Garderobe knauserten und lange nicht so brillante Erleuchtung boten wie der Gärtnersohn, dessen [166] Lichter und Feuerwerke uns opernhaft erschienen sein würden, wenn wir Opern gekannt hätten. Aber ach! nur für einige Male litt Herr Cleanth die Theilnahme an den sinnigen und mit Tact arrangirten Leistungen des Gärtnerburschen „hinter’m Potsdamer Thor“. Er verfuhr wieder systematisch. Er war im Begriff, der Theatersehnsucht seiner vier Kinder bald einen bedeutenderen Ausdruck zu geben. Er nahm die Knaben und Mädchen in die richtige Komödie mit, die königliche, die seit dem Abbrennen des Schauspielhauses im Opernhause gegeben wurde. Die beiden Vorgeschmäcke wirklicher „lebendiger“ Bühnenkunst, die Jungfrau von Orleans und – die Iphigenie“ von Gluck –! wirkten so großartig und so mächtig auf den Erzähler, daß er von Stund’ an Gleichgültigkeit, ja einen förmlichen Haß auf alles Puppenspielwesen bekam. 0.6026200873362445
188 Der erste Theaterabend! Eine neue Welt! Und nicht die Welt des Scheines. Denn welches Kind verstünde, was an Eurer wirklichen Welt die Wirklichkeit ist? Nicht Schein, nicht Lüge sind jene Wälder und Kirchen und Städte und Festungswälle; nicht Schein, nicht Lüge sind jene Harnische und Fahnen und Schwerter und Krummstäbe; es ist das die wirkliche Welt, die das Kind als solche nur im Theater anschaut. Das war, das ist Alles und wird sein und bleiben! Eure Leidenschaften, die sich austoben, Eure Thränen, die um Nichts geweint werden, versteht das Kind erst allmälig. Was ist ihm Eure Wirklichkeit! Aber die gewaltige Bewegung dort auf den Brettern, dies Gehen und Kommen, [257] dies Siegen oder Sterben, dies Rufen und Handeln und Wagen ist der erste Einblick in die Größe unsrer Bestimmung, die erste Ahnung des Gewinnes, um den es sich verlohnt ein Mensch zu sein. Die Kirche nicht, nicht die Schule, nicht die ersten Bilderbücher erschließen das Reich der Wahrheit, sondern die unwahre Bühne thut es, sie, eine Halle der Kunst, die dem Kinde das wahre Leben scheint.
189 Wer ist dieser Dünois im glänzenden rasselnden Harnisch? Ein Schauspieler etwa, der „sich spreizt und ächzt bis sein Stündchen abgelaufen?“ wie Shakespeare sagt? Ein Schauspieler, der sich Rebenstein nennt? Wer ist dem Kinde Rebenstein? Rebenstein kann sichs zur Ehre rechnen, daß ihm Dünois gestattet, Dünois zu sein. Ihm ist Dünois Dünois, die Jungfrau nicht Frau Stich, die damals auf und von den Brettern so vielbesprochene große und bewunderte Stich, sondern Jeanne d’Arc, die Jungfrau! Der Krönungszug ist ihm kein Statisten-Mummenschanz, sondern das wirkliche Fest von Rheims. Des Kindes liebste Erinnerung außer dem jedesmaligen Blechgerassel beim Auftreten und Gehen der Helden war der Kampf der Jungfrau mit Lionel, der schwarze Ritter, vor allem aber die irrende Jungfrau im Walde, wo ihm der Köhlerbube noch jetzt in seiner ganzen frischen Kinderstimme im Ohre lebt. Von der großen, nur halbverstandenen [258] Tragödie ruhte sich das Ohr des Kindes im Munde des Kindes, in den herzigen Worten des Köhlerbuben aus, in dem Hereinragen seiner eignen Welt in diese fast handgreiflich wirkliche Welt. Die Schlacht, die der Soldat auf dem Walle des Gefängnisses der Jungfrau nur beschreibt, war dem Auge sichtbar wie eine wirklich gelieferte. Der „Wüthende auf einem Berberroß“ war Dünois, man sah ihn. „Am Graben ist ein fürchterlich Gedräng.“ Es wimmelte vorm Auge. „Ein schwer Verwundeter wird dort geführt!“ Man sieht den Zusammensinkenden. Und jetzt zerreißt die Jungfrau ihre Ketten! Es sind nicht Zwirnsfäden, die diese Theaterketten zusammenhalten, es ist das wirkliche Wunder, das ein Gebet an Gott geschehen läßt. Johanna stemmt die Arme an, zerreißt die eisernen Bande und stürzt hinaus, das Vaterland zu retten. Wer erinnert sich nicht noch seines ersten Theaterabends! Des Einblicks in eine neue Welt! Und nicht die Welt des Scheines! Nein, nicht Schein, nicht Erfindung und Nachahmung sind diese Wälder und Kirchen und Städte und Festungswälle; nicht Schein, nicht Nachahmungen sind diese Harnische und Fahnen und Schwerter und Krummstäbe; es ist die wirkliche Welt, die das Kind als solche im Theater anschaut. Der Vorhang wickelt sich auf. Das Alles da war, ist, wird sein und bleibt! Wer ist dieser Dünois in dem glänzenden rasselnden Harnisch? Etwa ein Schauspieler, der, wie Shakespeare sagt, „sich spreizt und ächzt bis sein Stündlein abgelaufen?“ Ein Schauspieler, der sich Rebenstein nennt? Nein, Dünois ist Dünois, die Jungfrau ist nicht Frau Stich, spätere Crelinger, sondern Jeanne d’Arc, die Jungfrau selbst! Der Krönungszug ist kein Statisten-Mummenschanz, sondern das wirkliche von Glockenklang begleitete Fest von Rheims. Des Knaben am längsten gepflegte Erinnerung außer dem jedesmaligen Blechgerassel beim Auftreten und Gehen des Bastards war der Kampf der Jungfrau mit Lionel, der schwarze Ritter, vor Allem die irrende Jungfrau im Walde, wo ihm der Köhlerbube noch jetzt mit seiner frischen Kinderstimme im Ohre lebt. Daß die Schlacht, die der Soldat auf dem Walle des Gefängnisses der Jungfrau beschreibt, dem Auge ganz sichtbar war wie eine wirklich geschlagene, [167] verstand sich von selbst. Der „Wüthende auf einem Berberroß“ war Dünois, man sah ihn. „Am Graben ist ein fürchterlich Gedräng.“ Es wimmelte wie beim Manöver vor’m Hallischen Thor. „Ein schwer Verwundeter wird dort geführt!“ Man sah das Zusammenbrechen, wie manchmal bei den prinzlichen Reitknechten. Und jetzt zerreißt die Jungfrau ihre Ketten! Es sind nicht Zwirnsfäden, die diese Theaterketten zusammenhalten. Selbst das Lächeln des alten Freigeistes, des Herrn Cleanth, der neben uns sitzt, stört diesen Glauben nicht. Johanna stemmt die Arme an, zerreißt die eisernen Bande und stürzt hinaus, das Vaterland zu retten. Das Alles hat ein bloßes Gebet zu Gott möglich gemacht. 0.5163934426229508
190 Um die Wirkung dieser bunten Bilder auf die Phantasie zu erhöhen war das alte, später dann auch abgebrannte Opernhaus mehr als die neuen Theater geeignet. Die Beleuchtung war so düster, so ölig, so qualmig. Man befand sich in einem großen, an sich königlichen Saale mit Stukkaturarbeiten, Karyatiden, Plafondmalereien, Goldverzierungen; aber verräuchert war alles, „angeblaakt“ vom Lampenruß, die Holzsessel mit den Jahren glatt zersessen, die Eingänge in die Logen wie in eine ägyptische Finsterniß; tasten mußte man, [259] um sich nur irgend zurecht zu finden, hülfreiche Hände mußten zugreifen, um uns zu zeigen: hier ist noch ein Platz, da oder dort! Und hatte man endlich seinen Sitz erobert, wie lange währte es, bis das Auge sich an diese Dämmerung gewöhnte und die Logen und Sperrsitze unterschied! In diesen Nebeln war, wie es eben sein soll, die Bühne der einzige lichte Punkt. Von der Beleuchtung des Podiums brach unterm Vorhang hinweg ein dichter Strahl über das Orchester und Parkett und erweckte die zaubervollsten Ahnungen. Auf dem Vorhang wurde schon die Malerei wie ein halbes Schauspiel, wie eine Einleitung zum erwarteten Genuß betrachtet. Wie würdig und im Grunde nothwendig, daß dieser Vorhang dem noch nicht abgestumpften Beschauer die hohe Bedeutung der Musen vergegenwärtigte! Ein Altar des Apollo, mit opfernden Verehrern des Gottes, eine sinnige Scene der Mythologie in einfachen architektonischen Umrissen gehalten, weckte die Stimmung, wie sie sein sollte. Geht in solcher Dämmerung die Gardine in die Höhe, so tritt das Bild der Bühne mit seiner helleren Beleuchtung siegreich über die Umgebung hervor. Sinkt sie nieder, so fällt das in Dunkel eingehüllte Publikum in sein Nichts zurück. Wie anders damals als jetzt! Wie dem Glauben an die Kunst und die Poesie förderlicher als heute, wo die Scene nicht mehr weiß, wie sie gegen den Glanz, das Licht und die Pracht der [260] Auditorien und demzufolge gegen die Selbstgenügsamkeit des Publikums aufkommen soll. Um die Wirkung der vorgeführten bunten Bilder zu erhöhen, war das alte, in späteren Jahren ebenfalls abgebrannte Opernhaus mehr als die neuen Theater geeignet. Die Oelbeleuchtung ließ allerdings erkennen, daß man sich nicht im „dustern Keller“, sondern in einem großen Saale mit Stuccaturen, Karyatiden, Plafondmalereien, Goldverzierungen befand; aber verräuchert war Alles, „angeblaakt“ von Lampenruß, die Holzsessel waren mit den Jahren glatt zersessen, die Eingänge in die Logen führten in eine egyptische Finsterniß; man mußte tasten, hülfreiche Hände mußten zugreifen, um uns zu zeigen: Hier ist noch ein Platz, da oder dort! Hatte man dann endlich seinen Sitz erobert, so währte es lange, bis sich das Auge an diese Dämmerung gewöhnte und die Logen und Sperrsitze unterschied. Eigentlich war es in diesen Nebeln, wie es sein sollte. Die Bühne allein soll der lichte Punkt sein. Der Knabe, schwachen Auges, fand sich nur mühsam zurecht. Auf dem Vorhang der Bühne wurde schon die Malerei wie ein halbes Schauspiel, eine Einleitung zum erwarteten Genuß betrachtet. Ein Altar des Apollo, mit opfernden Verehrern des Gottes, eine sinnige Scene der Mythologie in einfachen architektonischen Umrissen gehalten, weckte die Stimmung, wie sie sein sollte. Geht bei solcher Dämmerung die Gardine in die Höhe, so tritt das Bild der Bühne mit seiner nun schon helleren Beleuchtung siegreich über die Umgebung hervor. Sinkt sie nieder, so fällt das in Dunkel eingehüllte Publikum wieder in sein Nichts zurück. [168] Wie anders damals als jetzt, wo die Scene nicht mehr weiß, wie sie gegen den Glanz, das Licht und die Pracht der Auditorien und demzufolge gegen die gesteigerte Souveränetät des Publikums aufkommen soll. An manchen Abenden möchte man glauben, die Bühne sei nur noch der Toiletten des weiblichen Publikums wegen da. 0.6275303643724697
191 Schinkel hat später durch sein kleines, winkliges Schauspielhaus den Sinn für eine große theatralische Massenwirkung der Tragödie in Berlin fast gänzlich untergraben. Sein neues Schauspielhaus war für Blum, Töpfer, Raupach, nicht mehr für Schiller, Göthe und Shakspeare gebaut. Der Verfasser verweist auf seine frühere Anklage in: Vermischte Schriften, Band IV. S. 151 flg. Die Jungfrau von Orleans, Macbeth, Egmont, Tell, Wallenstein irren in Berlin ohne Obdach hin und her. Das Schinkelsche Schauspielhaus läßt sie für seine Zwecke zu groß, das neue Opernhaus für die seinen zu klein erscheinen. Wenn einst ein Nationaltheater in Berlin sollte eröffnet werden, ein würdiger Tempel der Tragödie, so verweist der Verfasser auf einen Platz, den schon Schlüter für eine Verschönerung Berlins im Auge hatte. Schlüter rieth, die Häuser von der Langenbrücke bis zur breiten Straße abbrechen und den königlichen Marstall hier mit einer prächtigen antiken Façade, die linke zur Spree gehende Seite mit einem Quai verschönern zu lassen.*) Für die gewöhnlichen Pferde wähle man den Pegasus und errichte hier [261] einen würdigen Musentempel! Unter Friedrich dem Ersten schon sangen die Italiener in diesen alten Gebäuden. Jetzt siedle sich dem Schlosse gegenüber die in Berlin unterkunftlose tragische Muse an! Später hat Schinkel durch sein kleines, nach innen aus nichts als abscheulichem Winkelwerk bestehendes Schauspielhaus den Sinn für die große Wirkung der Tragödie in Berlin untergraben. Sein neues Schauspielhaus war für Blum, Töpfer, Raupach, nicht mehr für Schiller, Goethe und Shakspeare gebaut. Die Jungfrau von Orleans, Macbeth, Egmont, Tell, Wallenstein irrten in Berlin vor der endlich erlangten Theaterfreiheit ohne ein entsprechendes Obdach umher. Wenn einst ein neues Königliches Schauspielhaus erstehen, die Unzulänglichkeit des Schinkel’schen nicht durch gänzliches Einreißen seiner inneren Wände und eine Verbindung der Räume des „Concertsaales“ mit denen des Schauspiels aufgehoben werden sollte, so möchte der Verfasser auf einen Platz aufmerksam machen, den schon Schlüter für eine Verschönerung Berlins im Auge hatte. Schlüter rieth, die Häuser von der Kurfürstenbrücke bis zur breiten Straße abzubrechen, den königlichen Marstall mit einer antiken Façade, die linke zur Spree gehende Seite mit einem Quai verschönern zu lassen.*) Statt den königlichen Pferden zu huldigen, huldige man dem Pegasus und errichte da einen würdigen Musentempel. 0.43455497382198954
192 Glucks Iphigenia, zu der dem Knaben wohl nur durch Zufall der Einlaß geschenkt wurde, war ihm leider unverständlicher, als die blechrasselnde Jungfrau. Es war diese Wahl vielleicht ein gutes Abschreckungsmittel der für die Bühne zu lebhaft erwachenden Leidenschaft. Die Jungfrau ließ kaum noch schlafen. Sie wurde zunächst in ihrem Personal bei allen Buchbindern als „Bilderbogen“ erstanden, ausgetuscht, aufgeklebt, ausgeschnitten und im Papp-Theater bei Herrn Cleanth nach Kräften gespielt. Auf diesen Enthusiasmus goß dann eine Oper und noch dazu diese ein abkühlendes Sturzbad. Das Haus war leer. Diese Zelte der Griechen am Aulisstrand, diese nur halbe Rüstung des Achill, diese Priestertoga des Kalchas weckte lange nicht die romantischen Schauer des bunten Schiller. Da sangen Helden, – was kümmerte den Knaben Bader! – da gurgelten, trillerten Heldinnen, – was waren ihm die Milder und die Seidler! – Iphigenia sollte den Göttern geopfert werden, Agamemnon, ihr Vater, war bereit dazu, Achill nur leistete Widerstand, Kalchas drohte mit Bann und Interdikt, und zuletzt legte sich aus den Wolken über dem schon entzündeten [262] Holzstoß Diana in’s Mittel. Es wurde diese Geschichte wohl allmälig verstanden, aber wie langsam entwickelte sich’s, wie umständlich, wie unnatürlich durch den Gesang und die weichen Violinen, die zum Glück dem Zwerchfell des Knaben nicht mehr wehe thaten. Eine Oper, eine klassische, eine in reiferen Jahren mit Entzücken gehörte, wurde Schuld, daß die raschaufgeschossene Neigung für die Bühne verflog, in die Puppenspiele von Linde oder Freudenberg zwar nicht mehr zurück mochte, sich aber auch beruhigte, als die Bühne viele Jahre ganz aus des Knaben Gesichtskreise verschwand und erst mit neuem Reiz vor’s Auge trat, als die Königstädter Bühne ihre epochemachende Entwickelung begann und sich fast in die Straßen und Plätze Berlins die gemalte Theaterkoulisse, das Lampenlicht und die Chronik der Ankleidezimmer drängte. Gluck’s Iphigenie in Aulis, zu welcher dem Knaben wol nur durch Zufall ein Parterrebillet geschenkt wurde, war ihm leider unverständlicher als die Jungfrau. Ja, diese Wahl war ein Abschreckungsmittel, das dazu dienen konnte, der zu lebhaft empfundenen Neigung für die Bühne nachzugeben. Denn die Jungfrau ließ anfangs kaum schlafen. Sie wurde zunächst in ihrem Personal beim Buchbinder als „Bilderbogen“ erstanden, ausgetuscht, aufgeklebt, ausgeschnitten und im Papptheater bei Herrn Cleanth nach Kräften nachgespielt. [169] Auf diesen Enthusiasmus goß eine Oper und obenein eine Gluck’sche, mythologische, ein abkühlendes Sturzbad. Das Haus war leer. Diese Zelte der Griechen am Aulisstrand, diese nur halbe Rüstung des Achill, die Priestertoga des Kalchas weckte lange nicht die romantischen Schauer des bunten Schiller. Da sangen Helden, gurgelten, trillerten Heldinnen, – was waren dem Knaben Bader, die Milder und die Seidler! – Iphigenie sollte den Göttern geopfert werden, Agamemnon, ihr Vater, war dazu bereit, Achill nur leistete Widerstand, Kalchas drohte mit Bann und Interdict; zuletzt legte sich aus den Wolken über dem schon entzündeten Holzstoß Diana in’s Mittel. Hier fehlte es doch dem glaubensstarken Knaben an Glauben. Das waren die Ketten der Johanna nicht. Doch war der Enttäuschte froh, daß ihm die Violinen keine Unterleibsschmerzen mehr verursachten wie früher. Eine Oper, eine classische noch dazu, eine in reiferen Jahren mit Andacht gehörte, erstickte so sehr alle Bühnenlust, daß Komödie auf Jahre wieder ganz aus des Knaben Gesichtskreis verschwand, bis die neue Königstädter Bühne eröffnet wurde und sich da Theatercoulisse, Lampenlicht, Chronik der Ankleidezimmer und die Nothwendigkeit, Parthei zu nehmen fast auf die Straßen und Plätze Berlins drängte. 0.5317460317460317
193 Herr Cleanth war ein sehr weiser Mann. Er lenkte die beiden Knaben an Fäden, die sie selbst nicht sahen. So abgemessen seine Grundsätze in der Frage des Lernens und der Vorbereitung zu einem künftigen Berufe waren, so viel Freiheit gestattete er für das Leben selbst, die Formen der Geselligkeit, besonders aber den Umgang mit dem schönen Geschlecht. Es ist Zeit, etwas von den Frauen zu beichten. Herr Cleanth lenkte seine beiden Knaben an Fäden, die diese selbst nicht sahen. Wer weiß, ob Gluck nicht eine tückische Berechnung von ihm war! So strenge Grundsätze er auch für’s Lernen und für die Vorbereitung zu einem künftigen Beruf einhielt, so viel Freiheit gestattete er für das Leben selbst, für die Formen der Geselligkeit, besonders den Umgang mit dem schönen Geschlecht. Es ist Zeit, auf ein delicates Kapitel zu kommen. 0.5512820512820513
194 IX.
195 Daß es „zweierlei Leute in der Welt giebt“ – bemerkt ein Kind erst allmälig. Vater und Mutter – sind ihm Eins, jede Hälfte gilt ihm für das volle Ganze.
196 [170] Allmälig ahmen dann Kinder die Familie nach. Sie spielen Vater und Mutter und geben sich sogar selbst wieder, ihre eigenen Personen mit allen Unarten. Der Trieb zur Strafe zeigt sich da als ein angeborener. Jedes Kind züchtigt. Man muß ihm oft zurufen, aus dem ewigen Criminalton herauszukommen.
197 [263] VIII.
198 Die erste Aussaat der Liebe schon im Kinderherzen geht so geheimnißvoll vor sich, wie sich der Thau auf Blumen senkt. Spielend und scherzend tastet die Unschuld im Gebiete der Nacht. Worte, Empfindungen, Begriffe, die dem Erwachsenen voll gefährlichster Widerhaken scheinen, fäßt das Kind mit sorgloser Sicherheit an und nimmt das geschlechtliche Doppelleben der Menschheit wie ein Urewiges, mit ihm selbstredend auf die Welt Gekommenes, das keiner Erklärung bedarf. Aus dem Schooß der Mutter geboren ist dem Kind die Mutter die sichre Brücke über alle Räthsel des Weibes hin. Das Kind ahmt die Liebe des Vaters zur Mutter nach, spielt Familie, spielt Vater, Mutter, spielt sich selbst als Kind. Aus raschelndem Herbstlaub, aus zerlassenen Strohbündeln werden Hütten und Nester gebaut und halbstundenlang kann ein völlig unschuldiger [264] Knabe neben seiner Gespielin stumm und wie von Liebesahnung magnetisirt daliegen. Die Gefahr steht einem solchen Bilde kindlicher Naivetät freilich nicht fern, sie lauert wohl und sucht sich die Gelegenheit der Verführung. Aber niemals versteht ein Kind ganz die Bedeutung der harten Strafe, die es oft für sein nachgeahmtes Ifflandsches Familienleben trifft. Das Liebesleben der Erwachsenen erst bricht auf die Phantasie des Kindes und sein stilles Grübeln wie mit der Thür ins Haus. Man schont so wenig die Unschuld, man zeigt sich leidenschaftlich, man kos’t in Kindernähe. Das Kind stutzt, es grübelt, horcht. Gewisse Hieroglyphen erschrecken es, Erzählungen werden belacht, Erzählungen, die plötzlich über ganz befreundete Menschen ein wunderlich fremdartiges Licht werfen. Der Knabe wird bemerken, daß seine ältere Schwester irgend eine Freude oder ein Leid hat, das er ganz nicht fassen kann. Ein älterer Bruder nimmt geschwellt von Lebensübermuth, Jugendlust, Abenteuerdrang kein Blatt vor den Mund. Früh sah der Knabe um Liebe weinen, früh aber auch wurden Geschichten gehört, wie folgende, die erst bei häufigerer Wiederholung in späteren Jahren sich etwa so gestaltete: In solchen Spielen erwachen räthselhafte und dunkle Gefühle. Sinn für Zärtlichkeit senkt sich in’s Gemüth über Nacht. Er kommt wie auf Blumen der Thau. Die Unschuld berührt spielend und scherzend selbst das Verfänglichste. Worte, Empfindungen, Begriffe, die dem Erwachsenen voll gefährlicher Widerhaken erscheinen, fassen die Kinder mit sorgloser Sicherheit an und nehmen das geschlechtliche Doppelleben der Menschheit wie ein Urewiges, selbstredend auf die Welt Gekommenes, das keiner Erklärung bedarf. Da werden aus raschelndem Herbstlaub, zerlassenen Strohbündeln Hütten und Nester gebaut und halbstundenlang kann ein völlig unschuldiger Knabe neben seiner Gespielin stumm und wie von Liebesahnung magnetisirt liegen. Zum Küssen kommt es nicht einmal. Freilich steht da die Gefahr einem solchen Bilde kindlicher Naivetät ganz nahe und das Uebrige thut die Strafe, die Unarten voraussetzt, über die man erst zu grübeln anfängt, wie nach dem ersten Besuch eines katholischen Beichtstuhls. Die Strafen des Meisters Schubert, die gewisse Sünder traf, wurden damals nicht verstanden. Erst eine unvergeßliche Mahnrede, die der Knabe ohne alle Veranlassung von seinem Bruder in der Artilleriecaserne erhielt, deckte ihm im zehnten, elften Jahre schreckliche Dinge auf, die ihm vollkommen unbekannt geblieben waren. 0.31135531135531136
199 Aber daß „zwei einander sich liebhaben können“, das wurde entdeckt. Denn man sieht, daß man Frauen und Mädchen jagt und verfolgt um einen Kuß. Allmälig kommt auch heraus, daß die Schwester eine besondre Freude oder ein besondres Leid hat. Der Bruder vollends, gehoben von Lebensübermuth, Jugendlust, Abenteuerdrang, nimmt kein Blatt vor den Mund. All seine Liebesaffäiren, ehe er heirathete, wodurch er gezähmt wurde, waren Don Juannerieen. Auf „Schürzenstipendien“ ging jeder Gemeine und Spielmann aus. [171] Aber auch die Liebesabenteuer der Chargirten, Fähnriche und Lieutenants wurden erzählt. So gestaltete sich z. B. eine Geschichte, die der Knabe anfangs nur fragmentarisch zu hören bekam und begriff, später zu folgendem fast novellistischem Zusammenhang:
200 Das Roß des Königs. Das Roß des Königs. 1.0
201 Gestern ist ein Duell gewesen, erzählte der Bruder. Auf einem Zimmer der Kaserne war’s. In Nro. 39. [265] Blanke Säbel, geschliffen, im Hemd, nur die Pulsadern verbunden und unten die Redouten maskirt. Tolle Geschichte gewesen. Dem Chargirten Hartmann zwei Finger lädirt. Werden steif bleiben. An sich ist’s zum Todtlachen. Hartmann will zu Jung-Christianis, er erwartet da das Murmelthier. Es ist neun Uhr Abends, der Civilfrack wird gebürstet, durchs Fenster auf und davon, ohne Urlaub. Bei Jung-Christianis in der Zimmerstraße ist Ball und Louise Waldmann, von ihrer Schläfrigkeit das Murmelthier genannt, ein schönes, im Wachen doppellustiges Wesen, wollte sich einfinden. Es wird eilf. Murmelthier schläft entweder oder sie ist untreu … kommt zum Apollosaal! heißt es. Die Kameraden brechen auf und marschieren von der Zimmerstraße zum Oranienburger Thor, wo Murmelthier hoffentlich in ihrer Wohnung in den Federn liegt. Aber halt! An den Linden! Welche Ueberraschung! Murmelthier am Arm des Chargirten Langheinrich, unsres Don-Juans unter den jungen Freiwilligen der Mörser- und Bombenwelt! Lustwandeln Beide im Mondenschein, unter den Linden, Louise Waldmann und Langheinrich! Einen Stein her! Fünfzig Schritt Distanz Kartätschen! Auf Korn und Visier, ich treffe! ruft Hartmann außer sich. Die Andern halten ihn zurück. Hallunken! bricht Hartmann aus dem Dunkel hervor. Die Scene wird ernst. Langheinrich zündet sich eine Cigarre an, verlangt Sa-[266]tisfaction. Morgen um vier Uhr Nachmittags! In der Kaserne! Ihr sorgt, daß die Gemeinen auswärts sind. Und richtig! Hartmann und Langheinrich schlagen sich. Hartmann wie rasend. Langheinrich mit majestätischer Ruhe. Jener immer nur nach dem Gesicht ausfallend, auf das er neidisch ist. Dieser parirt nur. Blut! rufen endlich die Sekundanten. Hartmanns Arm ist rothgefärbt. Er wirft die Waffe aus der Rechten in die Linke, fällt wieder aus, attakirt mit Wuth, es konnte Mord geben. Langheinrich, kalt und gefaßt, hat bei dem Rufe Blut! den Schläger weggeworfen und tritt ihn mit dem Fuß. Hartmann konnte ihn durchrennen, wenn die Sekundanten ihn nicht mit Gewalt entwaffneten. Pistolen! ächzte Hartmann. Pistolen! Aber schon gestand er zu, es kitzle ihn Etwas kühl an der linken Rippe. Es war das herabrieselnde Blut des verwundeten rechten Unterarms. Leise quoll es hinterm Rücken auf die linke Hüfte herab. Der Schläger war vier Zoll tief bis an die Knochen eingedrungen. Ein Klafterhieb! sagte der Chirurgus, den man herbeiruft. Hieb? Hieb? rufen alle Anwesenden. Hier ist von keinem Hieb die Rede! Was reden Sie, „Gregorio?“ Der Chirurgus lachte. Nun denn! Ein Glas, in das man fällt, kann immerhin vier Zoll tief schneiden. Zähneknirschend geht Hartmann ins Lazareth und kommt in die summarische Uebersicht der Commandantur als unvorsichtige Verwun-[267]dung. Das Murmelthier will ihn im Lazareth trösten. Hartmann sieht sie nicht wieder an. Na, gestern war ’mal wieder ein Duell, erzählte z. B. der Bruder. Auf einem Kasernenzimmer; in Nr. 39. Blanke Säbel, scharf geschliffen, und im Hemd, nur die Pulsadern verbunden, unten die Redouten maskirt, Donner! Es war ’ne tolle Geschichte. Und dem Chargirten Hartmann wurden zwei Finger lädirt, die auch wol steif bleiben werden. An sich war’s zum Todtlachen. Hartmann wollte zu Jung-Christianis, er erwartete da seine Luise, wir nennen sie nur das Murmelthier. Na! Schon neun Uhr Abends wurde rasch Civilfrack angezogen und auf und davon, natürlich ohne Urlaub und durch’s Fenster. Bei Jung-Christianis in der Zimmerstraße ist Ball. Luise Waldmann, von ihrem langen Schlafen bis in den Mittag Murmelthier genannt, schön und wenn sie wacht, lustig für zwei, wollte kommen. Es wird elf. Murmelthier schläft oder ist untreu. Na, kommt zum Apollosaal! heißt es. Auf und vorwärts an’s Oranienburger Thor! Da wohnt Murmelthier. Wollen sehen, ob’s in den Federn liegt. Wir stromern fort. Aber siehe da! An den Linden! Murmelthier am Arm des Chargirten Langheinrich, unsres Don Juans unter den Freiwilligen der Mörser- und Bombenwelt! Lustwandeln Beide im Mondschein unter den Linden, Luise Waldmann und Langheinrich! Na, wartet! hieß es. Steine her! Fünfzig Schritt Distanz mit Kartätschen! Auf Korn und Visir, ich treffe! ruft Hartmann außer sich. Die Andren halten ihn zurück. Hallunken! bricht Hartmann aus dem Dunkel hervor. Die Scene wird ernst. Langheinrich zündet sich eine Cigarre an, verlangt ruhig Satisfaction. Morgen um vier Uhr Nachmittags! In der Kaserne! Ihr sorgt, daß die Gemeinen auswärts sind. Und richtig! Hartmann und Langheinrich schlagen sich. Hartmann wie rasend. Langheinrich [172] mit majestätischer Ruhe. Hartmann nur nach dem Gesicht, auf das er neidisch ist. Langheinrich war hübscher. Der parirt nur. Blut! rufen endlich die Sekundanten. Hartmann’s Arm ist roth. Er wirft die Waffe von rechts nach links, will wieder ausfallen, attakirt mit Wuth, es konnte Mord geben. Langheinrich, kalt und gefaßt, hat bei dem Rufe Blut! den Säbel weggeworfen und hält ihn mit dem Fuß fest. Stand nun ganz ungedeckt. Hartmann konnte ihn durchrennen, wenn die Sekundanten ihn nicht mit Gewalt entwaffneten. Pistolen! schrie Hartmann, Pistolen! Aber schon gestand er ein, daß ihn etwas kühl an der linken Rippen kitzelte. Es war das herabrieselnde Blut des verwundeten rechten Unterarms. Es quoll hinterm Rücken auf die linke Hüfte herab. Der Schläger war vier Zoll tief bis an die Knochen eingedrungen. Ein Klafterhieb! meinte der Chirurgus, den man schnell herbeigerufen. Was? Hieb? Hieb? rufen alle Anwesenden. Hier ist von keinem Hieb die Rede! Was reden Sie, „Gregorio“? Der Chirurgus, dem somit bedeutet wurde, nicht zu plaudern, lachte. Nun denn! Ein Glas, in das man fällt, kann auch vier Zoll tief schneiden – so wurde die Sache abgemacht, um sechs Wochen Lindenstraße (Militairarrest) zu vermeiden. Zähneknirschend geht Hartmann in’s Lazareth und kommt in die summarische Uebersicht der Kommandantur als „unvorsichtige Verwundung“. Das Murmelthier will ihn im Lazareth trösten. Hartmann sieht die Weinende nicht wieder an. Sie wird abgewiesen. 0.6060606060606061
202 Aber Langheinrich muß uns noch bekannter werden. Diese jungen lebens- und liebestollen Landsknechte stehen in Spandauer Garnison. Die Zeit ist lang und nirgends länger als in Spandau. Man verliebt sich; aber noch öfter muß man nehmen, was sich ohne Liebe findet. Eine Wittwe, wohlhabend, Besitzerin eines eignen Hauses, verschwenderisch an die, die sie begünstigt, verschwenderisch an Liebesgaben, nicht mehr an Reizen; denn die Wittwe ist reich, war nie schön. Sie begünstigte die Armee, bis es sich ereignet, daß Schauspieler nach Spandau kommen. Man denke sich Spandauer Schauspieler! Liebhaber, die man auf Hoftheatern nur ansehen mag, sind schon selten. Aber ein „Liebhaber“ in Spandau! Dennoch wird die Wittwe der Armee untreu und geht zur Fahne Thaliens über. Ohne Zweifel fand sich unter diesen Musenjüngern ein heißblütiger, ein werdender Romeo, ein Anfänger, dem nur die Rollen und die Gage fehlten, um aus ihm einen Künstler ersten Ranges zu machen. Die Wittwe wenigstens erkannte ihres Romeos Zukunft und schenkte ihm ihr soldatenmüdes Herz. Unglückliche Wittwe, diese Fahnenflucht wird dir theuer zu stehen kommen! Wenigstens die Artillerie hat dir geschworen, sich zu rächen. Es ist tiefe, stille Mitternacht. Alles schweigt in Spandau, [268] nur im Zuchthause hört man zuweilen den Anruf der Wachen. Die Wittwe scheint noch nicht zu schlummern. Die Chargirten, Langheinrich an der Spitze, schleichen sich an den Häusern entlang, sie sehen Gardinen schimmern, hinter ihnen zwei ombres chinoises. Romeo ist bei der Wittwe! Nun werden unten die Laufgräben eröffnet werden. Man schleicht an die Hausthür. Sie ist verschlossen; sie soll auch verschlossen bleiben. Man hat die Absicht, die Wittwe einzunageln, Romeo zu einem Fenstersprung zu zwingen, man will ihm den gewöhnlichen bürgerlichen Rückzug abschneiden. Die Artillerie hat sich mit einem Bohrer und einem langen Draht versehen. Oberhalb des Hausthürdrückers setzt Langheinrich den Bohrer an, der Bohrer dringt ohne das mindeste Geräusch in die Thür, bleibt fest, felsenfest, und nun wird der Draht so um den Bohrer und die Thürklinke geschlungen, daß letztere von Innen jeden Dienst versagen muß. Man kann drücken, man kann zerren, rütteln, der Drücker geht nicht nieder und das Haus ist nicht zu öffnen. Kaum hat Langheinrich seine Belagerungsfinte ausgeführt, als Schritte durch die Nacht dröhnen. Die Patrouille! Husch! Ins Dunkel der Häuser. … „Guten Abend, Schwarzkrägen!“ ruft der Gefreite der Patrouille. „Warum so spät auf der Straße?“ „Bester Rothkragen! wir haben Arbeit auf dem Pulvermagazin und sammeln uns hier! Nehmt [269] künftig eine Laterne mit, daß ihr die Litzen seht!“ Der Gefreite erschrickt vor den Litzen, entschuldigt sich. Die Patrouille geht weiter. Endlich, es war zwei Uhr, wandelndes Licht im Hause der Wittwe. Romeo ist nicht in Verona, sondern in Spandau, er springt nicht vom Balkon, sondern geht durch die Thür nach Hause. Schon hört man seine Schritte, schon schließt er die Thür auf. Jetzt klinkt es. Baff! Sie geht nicht auf. Was ist das? ruft es drinnen. Man hört zwei Stimmen, Romeos und Juliens. Beide wetteifernd in Vermuthungen, Ahnungen, Verwünschungen. Es ist noch nicht die Balkonscene, die sie aufführen, sondern erst eine Hausflur-Vorscene bedenklichster Art. Endlich zwingt die Situation, sich mit Gewalt der Poesie Boccazios in die Arme zu werfen. Die schlimmste Intrigue der Eifersucht zwingt den Spandauer Romeo zu einer Parodie der mehrfachen Garten- und Mauersprünge des liebenswürdigsten aller Montagues. Das Fenster öffnet sich. Ein niedriger erster Stock. Oben noch ein Abschied in allen philomelischen Akkorden. „Willst du schon gehen? Der Tag ist ja noch fern. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche.“ Er aber, Romeo: „Es war die Lerche, nicht die Nachtigall.“ Und Plumps! Da lag er! Unten! Wohlbehalten an sich, ohne eine Spur von Verletzung, aber über ihm auch schon die rauhe Hand des Schicksals in Gestalt eines Nachtwäch-[270]ters. Ein Nachtwächter von Spandau! Die Instructionen dieser Nachtwächter sind schon seit dem berühmten hier residirenden Minister Schwarzenberg etwas schärfer als in gewöhnlichen Städten; die Romantik wird in Spandau wohl von der Liebe anerkannt, aber nimmermehr von der Polizei. Romeo sträubt sich, protestirt, wird aber als Dieb verhaftet. Er bietet seine „Gage“, er bietet seine eben erhaltenen Liebespfänder, er beruft sich auf seine Künstlerehre, appellirt an das ewige Recht der Liebe und der Poesie, aber was ist in Spandau das Recht der Poesie! Die muß dort Wolle kratzen, wie jedes andre Verbrechen am Philisterthum auch. Der Nachtwächter ruft Hülfe. Langheinrich bekommt Mitleid … alle Liebenden haben ein solidarisches Gefühl, wenn sie sich gegen die schnöde Welt einander beizustehen haben. Aber was thun? Aus der Seitengasse herausspringen, den unglücklichen Montague mit Mercutioaufopferung entsetzen? Es würde ihnen allen einen Mittel-Arrest von wenigstens drei Tagen gekostet haben. Da hilft sich der kluge Musensohn selbst. Angekommen an dem Marktplatz und seinem nächtlich schlummernden Gerümpel reißt er sich aus Nachtwächtershänden los, stürzt in die dort aufgeschlagene bretternde Budenwelt und ist spurlos verschwunden. Der Häscher ruht nicht. Hülfe! Hülfe! Diebe! Die Wache am Rathhaus ruft: Heraus! Der Wächter pfeift. Am liebsten hätt’ er Feuer geblasen. [271] Die Wache schickt ihm drei Mann Succurs. An das Haus der Wittwe! Die Wittwe! Die Wittwe! Der Nachtwächter will den Einbruch, das geöffnete Fenster constatiren. Die Rothkrägen folgen, Menschen sehen in Schlafmützen aus den Fenstern. Licht! Licht! Es wird lebendig in ganz Spandau. Die Schwarzkrägen können sich unter die allgemein erwachende Neugier mischen. Man untersucht das Haus der Wittwe. Alles dort still, alle Läden geschlossen. Aber Halt! Die Thür! Seht! Ein Bohrer, ein Drath in der Thür! Diebe! Diebe! Julia Capulet oben am Fenster im Nachtgewand. „Was ist? Mein Gott!“ „Madame! Diebe haben Ihr Haus angebohrt! Einer sprang aus dem Fenster! Er ist entwischt.“ „Ist er entwischt? Gott sei Dank!“ „Wie? Was? Schließen Sie von Innen auf!“ Die Wittwe kommt. Halb Spandau umzingelt das Haus. Laternen eröffneten den Zusammenhang der unfähig gemachten Thür. Räthselvolle Thaten konnten nicht geläugnet werden. Man entbohrte das Haus und bog den Drath ab. Am andern Morgen stand ein Steckbrief auf den Entsprungenen am Thor angeschlagen. Romeo nahm aber rasch ein Engagement zwei Meilen weiter in Nauen an, die Wittwe reiste „ins Bad“ nach Berlin und die Chargirten der Artillerie waren großmüthig genug, Langheinrichs Schwank, der allmälig sich von selbst lich-[272]tete, nicht noch mit schadenfrohen Zündern und artilleristischen Leuchtkugeln weiter zu erhellen. Diese jungen lebens- und liebetollen „Stückknechte“ stehen dann auch zuweilen in Spandauer Garnison. Die Zeit ist lang, und nirgends ist sie länger als in Spandau. Man muß sich dort – schon wieder drang das in’s Ohr des Knaben – verlieben, um auszuhalten, wenn man’s nicht schon ist. Leider führt der Zufall oft auf’s erste Beste. Eine wohlhabende Witwe, Besitzerin eines eigenen Hauses, war verschwenderisch an Liebesgaben, weniger an Reizen. Sie begünstigte die Armee, bis es sich ereignete, daß nach Spandau Schauspieler kamen. Man denke sich Spandauer Schauspieler, einen „Devrient“ von Spandau! Aber die Witwe wird dennoch der Armee untreu und geht zur Fahne Thaliens über. Ohne [173] Zweifel fand sich unter diesen Musenjüngern ein heißblutiger, werdender Romeo, ein Anfänger, dem nur die Rollen und die Gage fehlten, um aus ihm einen Künstler ersten Ranges zu machen. Die Witwe wenigstens schenkte ihm ihr soldatenmüdes Herz. Aber, Unglückliche, diese Fahnenflucht wird dir theuer zu stehen kommen! Wenigstens die Garde-Artillerie hat dir geschworen, sich zu rächen. Es ist tiefe, stille Mitternacht. Alles schweigt in Spandau, nur im Zuchthause, unter den schlafenden Spinnern und Spinnerinnen, hört man zuweilen den Anruf der Wachen. Die Witwe scheint noch nicht zu schlummern. Die Chargirten, Langheinrich an der Spitze, schleichen sich an den Häusern entlang, sie sehen Gardinen schimmern, hinter ihnen zwei ombres chinoises. Romeo ist bei der Witwe! Nun werden die Laufgräben eröffnet. Man schleicht an die Hausthür. Sie ist verschlossen; sie soll auch verschlossen bleiben. Man hat die Absicht, die Witwe einzunageln, Romeo zu einem Fenstersprung zu veranlassen, man will ihm mit tactischem Manöver den gewöhnlichen bürgerlichen Rückzug abschneiden. Die Artillerie hat sich mit einem Bohrer und einem langen Draht versehen. Oberhalb des Hausthürdrückers setzt Langheinrich den Bohrer an, der Bohrer dringt ohne das mindeste Geräusch in die Thür, bleibt fest, felsenfest, und nun wird der Draht so um den Bohrer und die Thürklinke geschlungen, daß letztere von innen jeden Dienst versagen muß. Man kann drücken, kann zerren, kann rütteln, der Drücker geht nicht nieder, und das Haus ist nicht zu öffnen. Kaum hat Langheinrich seine Belagerungsfinte ausgeführt, als durch die Nacht Schritte erdröhnten. Die Patrouille! Festungspatrouille! Husch! In’s Dunkel der Häuser!... „Guten Abend, ihr Schwarzkrägen!“ ruft der Gefreite der Patrouille. „Warum denn noch so spät auf der Straße?“ – „Bester Rothkragen!“ lautete die Antwort. „Wir haben noch auf dem Pulvermagazin zu schanzen und sammeln uns hier! Nehmt übrigens künftig die Laterne mit, daß Ihr unsre Litzen seht!“ Der Gefreite sieht die goldnen Litzen der Bombardiere und Unteroffiziere und entschuldigt sich. Endlich, es war zwei Uhr, wandelt ein Licht im Hause der Witwe auf und nieder. Romeo ist nicht in Verona, sondern in [174] Spandau. Er springt nicht vom Balkon, sondern er eilt über die Treppe nach Hause. Schon hört man seine Schritte, schon schließt er das Hausthor auf. Jetzt klinkt es. Baff! Die Thür geht nicht auf. Was ist das? ruft es drinnen. Man hört zwei Stimmen, Romeo’s und Juliens. Beide wetteifern in Vermuthungen, Ahnungen, Verwünschungen. Es ist noch nicht die Balkonscene, die sie aufführen, sondern erst eine Hausflur-Vorscene. Endlich zwingt die Situation den Spandauer Romeo zu einer Parodie der Garten- und Mauersprünge des liebenswürdigen Montague. Das Fenster öffnet sich. Ein niedriger erster Stock. Oben noch ein Abschied in allen philomelischen Accorden. „Willst du schon gehen? Der Tag ist ja noch fern. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche!“ Er aber, Romeo: „Es war die Lerche, nicht die Nachtigall.“ Und plumps! Unten lag er! Wohlbehalten an sich, ohne eine Spur von Verletzung, aber über ihm waltete die rauhe Hand des Schicksals in Gestalt eines Nachtwächters. Man muß wissen, was ehedem ein Nachtwächter war und gar ein Nachtwächter in Spandau! Jetzt ist die Nacht den Menschen so befreundet geworden, daß man solche wandelnde Festungen, wie vormals ein bewaffneter Nachtwächter war, vollends im Winter, nicht mehr antrifft. Ein Dieb! Ein Einbrecher! Romeo sträubt sich, protestirt, bietet seine „Gage“, seine eben erhaltenen Liebespfänder an, er beruft sich auf seine Künstlerehre. Langheinrich bekommt Mitleid. Denn alle Liebenden haben einen Drang, sich gegen die schnöde Welt solidarisch beizustehen. Aber was thun? Aus der Seitengasse herausspringen, den unglücklichen Montague mit Mercutioaufopferung retten? Es würde ihnen Allen einen „Mittel-Arrest“ von wenigstens drei Tagen verschafft haben. Da hilft sich der kluge Musensohn selbst. Angekommen an dem Marktplatz und dessen nächtlich schlummerndem Gerümpel reißt er sich aus Nachtwächtershänden los, stürzt in die dort aufgeschlagene bretterne Budenwelt und ist spurlos verschwunden. Der schwerfällige Häscher ruht freilich nicht. Hülfe! Hülfe! Diebe! Heraus! ruft die Wache am Rathhause. Der Wächter pfeift. Am liebsten hätte er Feuer geblasen. Die Wache schickt ihm drei Mann Succurs. An das Haus der Witwe! Der Nachtwächter will den Einbruch, das geöffnete [175] Fenster constatiren. Die Rothkragen folgen, Menschen sehen in Schlafmützen aus den Fenstern. Licht! Es wird lebendig in Spandau. Die Schwarzkragen können sich jetzt unter die allgemein erwachende Neugier mischen. Man untersucht das Haus der Witwe. Alles ist dort still, alle Läden sind geschlossen. Aber Halt! Die Thür! Ein Bohrer, ein Draht an der Thür! Diebe! Die fünfzigjährige Julia Capulet erscheint oben am Fenster im Nachtgewande. „Schließen Sie von Innen auf! Diebe!“ ruft man der Witwe zu. Halb Spandau umzingelt das Haus. Laternen lösen das Räthsel der unfähig gemachten Thür. Dunkle Thaten können nicht geleugnet werden. Man entbohrt das Haus und biegt den Draht ab. Am andern Morgen steht ein Steckbrief auf den Entsprungenen am Thor angeschlagen. Doch nahm Romeo schnell ein Engagement einige Meilen weiter in Nauen oder Friesack an, die Witwe reiste bald „in’s Bad“ nach Berlin und die Chargirten der Artillerie waren großmüthig genug, Langheinrich’s Schwank, der sich allmälig von selbst lichtete, nicht noch mit schadenfrohen Zündern und artilleristischen Leuchtkugeln weiter zu erhellen. 0.6511254019292605
203 Das militärische Dekamerone ist aufgeschlagen. Wir müssen zum „Roß des Königs“ kommen.
204 Beim Prinzen August in der Wilhelmsstraße ist große „Abfütterung“ der Offiziere. Die Waffe des Prinzen, der Feuerschlund, wurde auch in ihrer Bedienung von diesem hohen Herrn besonders werthgehalten. Der Prinz befahl heute zur Tafel, was nur ein silbernes Portépée und am Rock des Königs einen schwarzen Kragen trug. … Wohlan! sagte von den Chargirten Einer, als die Batteriepferde zu Mittag geputzt waren, heute dächten wir, sind wir vollkommen sicher. Der Oberst, der Capitain, die Leutenants essen in der Wilhelmsstraße geschmorte Cubik- und Quadratwurzeln und höchstens unser kleiner Fähnrich von Haase studirt im Zimmermann, wie wirs hätten anstellen sollen, mit a2b2 neulich das Geschütz aus dem Graben zu holen, das uns beim Manöver umschlug. … Diese Rede kam wieder von Langheinrich, der endlich den Murmelthieren und Spandauer Wittwen entsagt hatte und von den Banden einer reinen, edlen, tugendhaften Liebe gefesselt war. Die schöne Pauline, Tochter eines Wirthes in der Heide am Plötzensee, war eine bewunderte Liebenswürdigkeit auf der ganzen Nordseite der Hauptstadt. Man glaubte, daß Langheinrich ihr Herz nicht ungetheilt besaß. We-[273]nigstens widmete der Fähnrich von Haase, der ihn wegen seines umgeschlagenen Kanons wieder mit einer Menge von Vorwürfen überhäuft hatte, trotz seiner unreifen Jugendlichkeit dem Plötzensee eine solche Naturliebe, daß man von ihm annehmen mußte, er wäre Langheinrichs Nebenbuhler in der Gunst der schönen Wirthstochter. Einstweilen erregte aber die Erinnerung an den Professor Zimmermann allgemeines Behagen. Wer je „auf Artillerieschule“ gewesen, kannte Zimmermann sogleich, der neben dem Rektorat eines Berliner Gymnasiums die jungen avancementfähigen Krieger in seiner speziellen Branche, der Mathematik, unterrichtete. Zimmermann, ein Original in Berlins pädagogischer Welt, hatte noch kürzlich von Langheinrich, der zu seinem Fähnrichsexamen sich rüstete, erfahren müssen, daß dieser unter den Linden an die schwarze Tafel im Auditorium ein Wurzelzeichen malte, des Examinators Bild darunter und die Worte: „Mathematisch war sein ganzer Lebenslauf; drum hing er sich an einem Wurzelzeichen auf.“ Ein Prognostikon, das Zimmermann sehr ruhig aufnahm. Er ergriff den Schwamm, las die Verse, löschte sie und sein Bild und sagte nur von dem Wurzelzeichen, das er stehen ließ: „Dieses hier können wir brauchen! Herr Langheinrich, sagen Sie mir …“ und nun rächte sich der Examinator nur durch einige Fragen, in deren Be-[274]antwortung der Aspirant des silbernen Portepées stecken blieb. Langheinrich war das erste Mal durchgefallen und hatte seine Hoffnung auf ein Offiziersavancement fast schon aufgegeben … Sein Unglück waren die Frauen und das Vergnügen. Leichtsinnig raffte er sich auch heute aus seinen Träumereien auf und stimmte in den allgemeinen Wunsch ein, die Freiheit und das herrlichste Wetter zu einem massenhaften Spazierritte zu benutzen. Man nahm dazu „die Pferde des Königs!“ Aber wir haben ja zum „Roß des Königs“ kommen wollen! Eines Tages war beim Chef des gesammten preußischen Artilleriewesens, dem persönlichen Eroberer jener Kanone vor dem Schlosse Bellevue, dem ehemaligen Anbeter der berühmten Recamier, dem Prinzen August in der Wilhelmsstraße, eine große „Abfütterung“ der Offiziere. Die Offiziere nannten die ihnen angethane Ehre im Nichtcurialstyl selbst so. Wohlan! sagte von den Chargirten Einer, als die Batteriepferde zu Mittag endlich alle säuberlich geputzt waren, heute dächten wir, sind wir doch wol vollkommen sicher. Der Oberst, der Capitain, die Lieutenants essen in der Wilhelmsstraße geschmorte Cubik- und Quadratwurzeln und höchstens unser kleiner Fähnrich von Haase studirt im Zimmermann, wie wir’s hätten anstellen sollen, mit a2  b2 neulich das Geschütz aus dem Graben zu holen, das uns beim Manöver umschlug. Diese Rede kam von Langheinrich, der endlich den Murmelthieren und Spandauer Witwen entsagt hatte und von den Banden einer reinen, edlen, tugendhaften Liebe gefesselt war. [176] Die schöne Pauline, die Tochter eines Wirths in der Haide am Plötzensee, war eine allgemein bewunderte Liebenswürdigkeit auf der ganzen Nordwestseite der Hauptstadt. Man glaubte, daß Langheinrich ihr Herz nicht ungetheilt besaß. Wenigstens widmete Fähnrich von Haase dem Plötzensee eine solche Naturliebe, daß man annehmen mußte, er wäre trotz seiner jugendlichen Unreife Langheinrich’s Nebenbuhler in der Gunst der schönen Wirthstochter. Langheinrich stimmte in den allgemeinen Wunsch ein, die Freiheit und das herrlichste Wetter zu einem massenhaften Spazierritte zu benutzen. Man nahm dazu – „die Pferde des Königs“! 0.3944954128440367
205 Das war ein gewagtes, gefährliches Unterfangen! Ein Spazierritt mit „Staatsgut“, mit den „Rossen des Königs“! Bah! rief der versöhnte Hartmann. In der Wilhelmsstraße wird getafelt! Fähnrich von Haase hat die Stallwache, aber er wird erst gegen Abend kommen! Gesattelt! In die Bügel! Auf! Und müssen wir in der Lindenstraße „Prison besehen“, so haben wir ohnehin Nächte nachzuholen und ruhen uns einmal auf der Pritsche gemüthlich aus … Gesagt, gethan! Zwei Feuerwerker, fünf Unteroffiziere, drei Bombardiere satteln „die Rosse des Königs“ zu ihrem Privatvergnügen. Ein gewagtes, gefährliches Unterfangen! Ein Spazierritt mit „Staatsgut“, mit den „Rossen des Königs“! Pah! rief der versöhnte Hartmann. In der Wilhelmsstraße wird getafelt! Fähnrich von Haase hat die Stallwache, aber er kommt erst gegen Abend! Gesattelt! In den Bügel! Müssen wir aber doch „Prison besehen“, so ruhen wir uns einmal gemüthlich auf der Pritsche aus. Gesagt, gethan! Zwei Feuerwerker, fünf Unteroffiziere, drei Bombardiere satteln die „Rosse des Königs“ zu ihrem – Privatvergnügen. 0.7466666666666667
206 Wohin nun? hieß es, als man den Fuß schon in den Steigbügeln hielt. Auf den Gesundbrunnen! riefen die Einen. Zur schönen Pauline! die Anderen. Und: In die Jungfernheide! fielen Alle ein, noch ehe [275] Langheinrich widerrathen konnte. Man giebt die Sporen, sprengt zur Pforte des Stallgebäudes hinaus und schwenkt links ab zum Oranienburgerthor, an den Kirchhöfen, Gärten, Landhäuschen, dem Apollosaal vorüber, zum Jägerhaus an der Panke und dann in die sandige Kiefern- und Eichenwaldung zum Plötzensee … Unterwegs gab es um so lustigere Gespräche, je mehr es im Gewissen rumorte. Die Menschennatur betrügt sich so gern. Die Erinnerung an ein Abenteuer mit dem englischen Gesandten lebte noch in allen diesen wilden Köpfen. Ihrer vierzig Mann stark, waren die Avancirten kürzlich nach Cüstrin marschirt, um dort Rekruten einzuüben. Auf der Frankfurter Chaussée, dicht bei der „neuen Welt“, begegnet der englische Gesandte der Truppe zu Pferde. Die Marschierenden wollen ebensowenig ausweichen, wie Mylord. Mylord hält sein Vollblut an, hebt die Peitsche, giebt die Sporen und reitet mitten in den Kriegerschwarm. Dieser, statt auseinander zu stieben, verengert sich. Mylord schlägt mit der Gerte links und rechts unter die Drängenden. Es war die Zeit, wo Codrington bei Navarin gesiegt hatte und schon der Name Wellingtons allein die alte Welt regierte. Dennoch gab es hier an der „neuen“ ein Scharmützel. Mylord wurde an seinen langen großbritannischen Beinen gefaßt, bügellos gemacht, herabgezogen und so übel von den [276] Truppen der heiligen Allianz zugerichtet, daß die Erfahrenen und Aeltesten des Corps, als es hieß: „Goddam! Very well! Ich bin der englische Gesandte!“ von dem verletzten Völkerrechte und dem Bruch des politischen Gleichgewichts in Europa eine Ahnung bekamen. Der Gesandte sah den plötzlichen Schrecken, verläugnete aber seinen britischen Humor nicht. Er zog die Börse, reichte mit den Worten: Soldaten, Ihr habt mich sehr gut geschlagen! Guineen rundherum Jedem hin, der etwa zugreifen wollte. Niemand griff zu. Mylord bestieg sein Pferd, klemmte die Lorgnette in’s linke Auge, ritt lachend von dannen. Die bestürzte Mannschaft schließt einen Kreis, leistet einen feierlichen Schwur, um alle „Europäischen Verwickelungen“ zu vermeiden, den Vorfall hier an der „neuen Welt“ innerhalb der alten völlig ersterben zu lassen und wie ernst dieser Schwur genommen wurde, bewies Langheinrich dadurch, daß er Jedem, der beim Ehrenwortgeben im Rauchen fortfuhr, die Cigarre vom Munde wegschlug … Mit diesen Erinnerungen trabte die Gesellschaft auf den Rossen des Königs in die Tegeler Heide. Jetzt erzählten sich die Staatsfrevler von Kraft- und Kernausdrücken der Kameraden. Wieder muß floriren der alte Feuerwerker Trimm, den alle in Cüstrin kennen gelernt hatten. Trimm! Trimm! Du Stichblatt jeder lustigen Laune! [277] Du unerschöpflicher Vorrath von Unterhaltung! Um einen plötzlichen Schreck zu bezeichnen, sagte der alte Feuerwerker Trimm in Cüstrin regelmäßig: „Donner! Mich krepirt im Leibe eine siebenpfündige Granate.“ Ein ander Mal, als ein ehemals „Napoleonischer Deutscher“, ein Major in Cüstrin, den Trimm denn doch auch zu oft „Corporal“ geheißen hatte, krepirte dem Feuerwerker wieder eine Granate im Leib und er sagte: „Herr Oberst-Wachtmeister, ich diene der Königlich-Preußischen Fahne zwanzig Jahre, aber noch keine Minute als so ein Ding, wie ein Corporal.“ Eine Lieblingswendung Trimms war der fast homerische Kernspruch: „Da möchte Einem ja die pure Seele vom Leibe faulen!“ Drohte Trimm mit dem Messer oder der Säbelklinge, so sagte er: „Hund, ich mache dir Was zwischen Lunge und Leber.“ Um einen Menschen zu bezeichnen, der kaum etwas mehr als ein Kalb war, pflegte Trimm zu sagen: „Wenn ein Ochse gebären könnte, wüßt’ ich wer dem seine Mutter wäre.“ Auf einen ausrangirten alten, ihm zu eigen gewordenen Säbel hatte Trimm sich die Worte ätzen lassen: „Recht zu thun ist Jedermanns Pflicht! Anders wenigstens will es mein König nicht!“ … Unter solchen und ähnlichen Gesprächen war man endlich bis zur Jungfernheide gekommen und lenkte im Sande zum Plötzensee ein. Pauline empfing die Gäste mit nicht minderer Aufmerk-[278]samkeit für sie selbst, als für die „Rosse des Königs.“ Die starken kräftigen Thiere wurden in den Stall gelenkt. Es war drückend heiß. Der harzige Duft des Tannenwaldes lockte im Freien zu bleiben, aber das niedrige, still im Grünen gelegene Häuschen bot kühleren Schatten. Man bewirthete die Gäste nach Verlangen, nur Langheinrich schien mehr zu erhalten, als er begehrte. Er war offenbar der Bevorzugte und mußte sich die Neckereien der Kameraden gefallen lassen. Langheinrich forschte nach dem Fähnrich. Lachend gestand Pauline, daß er sie oft heimsuche und schon vorgegeben hätte, er wollte nächstens im Plötzensee angeln. Man lachte, schraubte den jungen Chargirten mit den Fischen, die anbeißen würden, wenn silbernes Portepée der Köder wäre. Da war es wohl an der Zeit, daß Langheinrich einen Beweis der Liebe gab, deren Pauline für ihn fähig war. Es kam die Rede auf das letzte dreitägige Manöver. Langheinrich erzählte, er wäre in der letzten Nacht auf seinem treuen Thiere eingeschlafen. Die Kameraden wußten die Position, auf der man bei einer Reserve-Batterie unter fernem Kanonendonner als Wachtposten einschlafen konnte. Hinter dem Wedding hatte sich der Kampf zwischen den beiden von Tauentzien und dem Herzog Karl von Mecklenburg gegeneinander operirenden Corps eröffnet und war durch einen forcirten Marsch nach Südost plötz-[279]lich in die Rollberge hinübergeworfen. Die Reserve des Tauentzienschen Corps folgte langsam und kam nicht ins Feuer. Nichts abmattender als eine solche Wacht in der Sonnenhitze des Tages und unter der Furcht der Allarmirung in der Nacht. Die Bivouacs konnten nicht aufgeschlagen werden, denn von Spandau aus durch die Tegeler Heide hatte die Reserve immer langsam vorwärts zu rücken und dabei eine Umgehung über den Kreuzberg von Süden her zu gewärtigen. Langheinrich schlief ein. Er hatte sich den Zügel zur Vorsicht um den Fuß geschlungen, aber die Windung mußte sich gelöst haben, er war vom Pferd geglitten und schlafend im Walde liegen geblieben. Sein gutes Thier ist plötzlich ohne Reiter. Schon beginnt in der Ferne wieder die Kanonade. Es ist früh um Morgendämmerung. Langheinrich fehlt an der Batterie. Sein Pferd, Rinaldo, irrt hin und her im Walde und im Sande. Der treue Fuchswallach scheint zu ahnen, wie groß die Verantwortlichkeit war, der sich sein leichtsinniger Herr aussetzte; denn nicht wenig Wochen Arrest standen auf eine solche Vernachlässigung des Dienstes. Der irrende Rinaldo mit leeren fliegenden Steigbügeln sucht und sucht und entschließt sich endlich – denn fast mochte man hier Vernunft voraussetzen – des schlummernden Reiters Unfall da zu melden, wo er seit Mona-[280]ten fast täglich zu finden war. Rinaldo, der nicht sagen kann: Langheinrich, steh’ auf, man schießt! trabt durch Busch und Baum zur schönen Pauline. Die hört am Fenster in aller Morgenfrühe das Wiehern und Stampfen eines Rosses, öffnet und erblickt den guten Rinaldo, gesattelt, herrenlos, wie auf der Flucht. Sie schreit vor Entsetzen auf. Man öffnet das Thor, läßt den Renner ein, bringt ihn in den Stall und möchte fast das gute Thier fragen, wo sein Herr geblieben. Da kommt das Schießen immer näher. Die Reserve Tauentziens soll vorrücken. Pauline, kriegskundig wie jede Soldatenbraut, ahnt die dienstliche Gefahr des Freundes, selbst wenn ihn kein weiteres persönliches Unglück getroffen hätte und der Gaul ihm nur durch Zufall entflohen wäre. Aufgemacht mit Knechten, Mägden, mit Vater und Mutter, in den Wald und Rinaldos Herrn gesucht! Man findet ihn; er liegt im tiefsten Sande, unter abgefallenen Eicheln und Blättern, die er von einer alten Eichenkrone gestreift haben mußte, als er von seinem Gaule niederglitt. Noch schnarcht Langheinrich in glückseligster Vergessenheit. Man weckt ihn. Er sieht sich um, hört das Schießen. Mein Pferd! Mein Pferd! Mein Pferd! Es ist geborgen, heißt es, im Stall am Plötzensee. Wie athmete der Schläfer auf! In einer Viertelstunde hatte er seinen braven Gaul wieder. In [281] einer halben rief das Signal zur Sammlung aller Mannschaften und zum Rückzug. Hätte Langheinrich gefehlt oder er wäre unberitten am Posten erschienen, es würde ihm mehrere Wochen Gelegenheit zu einsamen Monologen in der Linienstraße gegeben haben. … Wohin? hieß es, als man den Fuß schon in den Steigbügeln hielt. Auf den Gesundbrunnen! riefen die Einen. Zur schönen Pauline! die Andern. Und: In die Jungfernhaide! fielen Alle ein, noch ehe Langheinrich nachdrücklicher hatte widerrathen können. Man giebt die Sporen, sprengt zur Pforte des Stallgebäudes hinaus und schwenkt links ab zum Oranienburger Thor, an den Kirchhöfen, Gärten, Landhäuschen, dem Apollosaal vorüber, zum Jägerhaus an der Panke und durch die sandige Kiefern- und Eichenwaldung zum Plötzensee. Unterwegs gab es um so lustigere Gespräche, je mehr es im Gewissen rumorte. Die Menschennatur betrügt sich gern selbst. Die Erinnerung an ein Abenteuer mit dem englischen Gesandten lebte noch frisch in diesen wilden Köpfen. Ihrer vierzig Mann stark waren kürzlich die Avancirten nach Küstrin marschirt, um Rekruten einzuüben. Auf der Frankfurter Chaussee, dicht bei der „Neuen Welt“, begegnet der Truppe der englische Gesandte zu Pferde. Die Marschirenden wollen eben so wenig ausweichen wie Mylord. Mylord hält sein [177] Vollblut an, hebt die Peitsche, giebt die Sporen und reitet mitten in den Kriegerschwarm hinein. Dieser, statt auseinanderzustieben, verengert sich. Mylord schlägt mit der Gerte links und rechts unter die Drängenden. Es war die Zeit, wo Codrington bei Navarin gesiegt hatte und Wellington’s Name die alte Welt regierte. Dennoch gab es hier an der „Neuen Welt“ ein Scharmützel. Mylord wurde an seinen langen großbritannischen Beinen gefaßt, bügellos gemacht, heruntergezogen und so übel von einer Truppe der heiligen Allianz zugerichtet, daß die Erfahrenen und Aeltesten des Corps, als der muthige Kämpfer gerufen hatte: „Goddam! Very well! Ich bin der englische Gesandte!“ von dem verletzten Völkerrecht und dem Bruch des politischen Gleichgewichts in Europa eine Ahnung bekamen. Der Gesandte sah den Schrecken, den plötzlich die Nennung seiner Würde hervorbrachte, verleugnete aber seinen britischen Humor nicht. Er zog die Börse, reichte mit den Worten: „Ihr habt mich gut durchgehauen, Soldaten!“ seine Guineen rundherum Jedem, der etwa zugreifen wollte. Niemand griff zu. Mylord bestieg sein Pferd, klemmte die Lorgnette in’s linke Auge und ritt lachend von dannen. Die bestürzte Mannschaft schließt einen Kreis, leistet einander einen feierlichen Schwur, um alle „Europäischen Verwickelungen“ zu vermeiden, den Vorfall an der „Neuen Welt“ ersterben zu lassen und keinen Rapport darüber zu erstatten. Mylord that desgleichen. Und so erstarb diese Affaire, die einen Notenkrieg zwischen Berlin und London hätte veranlassen können. Er erstarb in einem Schwur dieser vierzig Mann, unter denen sich auch der Bruder befand. Er erzählte, man hatte den Vorfall so heilig genommen, daß Jedem, der beim feierlichen Ehrenwortgeben rauchte und im Rauchen fortfuhr, der „Cigaro“ vom Munde weggeschlagen wurde. Mit diesen Erinnerungen trabte die Gesellschaft auf den Rossen des Königs in die Tegeler Haide. Jetzt erzählten sich die Staatsfrevler von Kraft- und Kernausdrücken der Kameraden. Wieder mußte floriren der alte Feuerwerker Trimm, den Alle damals in Küstrin kennen gelernt hatten. Trimm! Du Stichblatt jeder lustigen Laune! Unerschöpflicher Vorrath für die Unterhaltung! Um einen plötzlichen Schreck zu bezeichnen, [178] sagte der alte Feuerwerker in Küstrin gewöhnlich: „Mich krepirte aber auch gleich ’ne siebenpfündige Granate im Leibe“. Als ihn ein ehemals „Napoleonischer Deutscher“, ein Major in Küstrin zu oft „Corporal“ genannt, krepirte ihm wieder eine Granate im Leib, diesmal vor Aerger. „Herr Oberst-Wachtmeister, ich diene der Preußischen Fahne nun schon zwanzig Jahre, aber noch keine Minute als so ein Ding wie ein Corporal.“ Die Bezeichnung war in der Preußischen Armee nicht gang und gebe. Eine Lieblingswendung Trimm’s war ein Kernspruch der äußersten Entrüstung: „Da möchte Einem die pure Seele vom Leibe faulen!“ Drohte Trimm mit dem Messer oder der Säbelklinge, so sagte er: „Hund, ich mache Dir Was zwischen Lunge und Leber!“ Um einen Menschen zu bezeichnen, der kaum etwas mehr als ein Kalb war, pflegte er zu sagen: „Wenn ein Ochse gebären könnte, so wüßte ich, wer dem Menschen seine Mutter wäre.“ Auf einen ausrangirten alten, ihm zu eigen gewordenen Säbel ließ er sich die Worte ätzen: „Recht zu thun ist Jedermanns Pflicht! Anders wenigstens will es mein König nicht!“ Endlich bis zur Jungfernhaide gekommen, lenkte man zum Plötzensee ein, immer in dem tiefen, urweltlich vom Meere angeschwemmten märkischen Sande. Pauline empfing die Gäste mit nicht minderer Aufmerksamkeit als „die Rosse des Königs“. Die starken kräftigen Thiere wurden in den Stall gebracht. Es war drückend heiß. Der harzige Duft des Tannenwaldes verlockte im Freien zu bleiben, aber das niedrige, still im Grünen gelegene Häuschen bot noch kühleren Schatten. Man bewirthete die Gäste nach Verlangen, nur Langheinrich schien der Bevorzugte zu sein und mußte sich die Neckereien der Kameraden gefallen lassen. Langheinrich forschte nach dem Fähnrich. Lachend gestand Pauline, daß das Bürschlein sie oft heimsuchte und schon vorgegeben hätte, er wollte nächstens einmal im Plötzensee angeln. Pauline hatte nicht einmal verstanden, daß der Junker figürlich gesprochen und unter den Fischen des Plötzensees sie selbst verstanden hatte. Freilich, wenn silberne Portepées der Köder sind –! hieß es. Der Stich war für Langheinrich bestimmt; zu lernen und sich auf’s Examen vorzubereiten, war seine Sache nicht. [179] Es wurde Zeit, daß Paulinens Erkorner einen Beweis der Liebe und Treue gab, deren die schöne Tochter des Waldes für ihn fähig sein konnte. Es kam die Rede auf das letzte dreitägige Manöver. Langheinrich erzählte, er wäre in der letzten Nacht auf seinem Thier eingeschlafen. Die Kameraden wußten die Position, wo man in der Nähe einer Reserve-Batterie unter fernem Kanonendonner als ganz allein stehender Wachtposten einschlafen konnte. Hinter dem Wedding hatte sich der Kampf zwischen den beiden von General von Tauentzien und dem Herzog Karl von Mecklenburg gegeneinander operirenden Corps eröffnet und war durch einen forcirten Marsch nach Südost plötzlich in die sogenannten Rollberge hinübergeworfen. Die Reserve des Tauentzien’schen Corps folgte langsam und kam nicht in’s Feuer. Nichts ist nun abmattender als eine solche Wacht in der Sonnenhitze des Tages und unter der Furcht der Allarmirung in der Nacht. Die Bivouaks konnten nicht aufgeschlagen werden; von Spandau aus durch die Tegeler Haide hatte die Reserve immer langsam vorwärts zu rücken und dabei eine Umgehung über den Kreuzberg von Süden her zu gewärtigen. Langheinrich schlief also ein. Er hatte sich den Zügel zur Vorsicht um seinen Fuß geschlungen, aber die Windung mußte sich gelöst haben, er war vom Pferde geglitten und schlafend im Walde liegen geblieben. Sein Pferd ist plötzlich ohne Reiter. In der Ferne beginnt schon wieder die Kanonade. Früh, Morgendämmerung, und Langheinrich fehlt an der Batterie. Sein Pferd, Rinaldo wurde sein Gaul selbst in einem Militärstall genannt, irrt hin und her im Walde und im Sande. Der treue Fuchswallach scheint zu ahnen, wie groß die Verantwortlichkeit war, der sich sein leichtsinniger Herr aussetzte; denn nicht wenig Wochen Arrest standen auf eine solche Vernachlässigung des Dienstes. Rinaldo irrt mit fliegenden Steigbügeln, sucht und sucht und entschließt sich endlich – denn fast möchte man von „Intellect“ reden – des schlummernden Reiters Unfall da zu melden, wo derselbe seit Monaten täglich zu finden war. Rinaldo, der nicht sagen kann: Langheinrich, steh’ auf, die Kanonade geht an! trabt durch Busch und Baum zur schönen Pauline. Diese hört in noch so früher Morgen-[180]stunde das Wiehern und Stampfen eines Rosses draußen, öffnet ihr Fenster und erblickt Rinaldo gesattelt, herrenlos, wie auf der Flucht. Sie schreit vor Entsetzen auf. Man öffnet das Thor, läßt den Renner ein, bringt ihn in den Stall und möchte ihn ausfragen, wo sein Herr geblieben. Schon kommt das Schießen näher. Tauentzien’s Reserve soll vorrücken. Pauline, kriegskundig wie jede Soldatenbraut, ahnt die dienstliche Gefahr des Freundes, selbst wenn ihn kein weiteres persönliches Unglück getroffen hätte und ihm der Gaul nur durch Zufall entkommen. Sie macht sich mit Knechten, Mägden, mit Vater und Mutter auf, läuft in den Wald und sucht Rinaldo’s Herrn. Endlich finden sie ihn; im tiefsten Sande, unter den abgefallenen Eicheln und den welken Blättern von Zwergeichen, die ihr ja alle kennt aus den märkischen Wäldern! Man weckt den Schläfer. Er sieht um sich, hört das Schießen. Mein Pferd! Mein Pferd! Es ist geborgen, heißt es, im Stall von Plötzensee. Gott im Himmel – das kann mich –! In einer Viertelstunde hatte er seinen Gaul wieder. In einer halben rief das Signal zur Sammlung aller Mannschaften und zum Rückzug. Hätte Langheinrich gefehlt oder er wäre unberitten am Posten erschienen, es würde ihm mehrere Wochen Gelegenheit zu einsamen Monologen in der Lindenstraße gegeben haben. 0.7221542227662179
207 Bravo! riefen die Kameraden nach dieser Erzählung. Paulinen wurde ein Hoch gebracht, die Gläser wurden ausgetrunken und allmälig der Heimritt angetreten. Wie streichelte Pauline den braven Rinaldo, der damals die Fürsorge und Obhut der Geliebten wach gerufen hatte! Noch brach sie Haselnußzweige und steckte sie da und dort unter das Riemzeug und die Sattelgurte des guten Braunen, um ihm die stechenden Fliegen abzuhalten. … Rinaldo schlägt den Schweif wie dankend und scharrt mit dem Vorderfuß. Man steigt auf, giebt die Sporen und scheidet. … Ein halbgelungenes Wagniß giebt für die zweite Hälfte des Frevels doppelten Muth. Den Herren Geschützführern war ihr dienstwidriger Spazierausritt mit den „Rossen des Königs“ zur Hälfte gelungen, der Heimritt stimmte sie übermüthig. Batterietrab! hieß es. So fliegen sie erst durch die engeren Wege hin. Sie biegen in die Kunststraße ein in zwei Zügen und nun auf Commando: Batteriegallop! Es kitzelt der linke Fuß die Weichen und die Thiere sprengen rechts an zu einem Ritt, der den Staub der Straße aufwir-[282]belt. Aber hilf Himmel! Bei einem Ausbiegenmüssen an schweren belasteten Wägen vorüber stürzen drei Reiter, unter ihnen Langheinrich. Der junge Don Juan im Doppeltuch ist für sich glücklich und bleibt unversehrt, aber sein treues Roß! Rinaldo, das Pferd des Königs, prallt mit dem Kopf an einen Chausséestein und bleibt augenblicklich für todt liegen. Alles hält erschrocken an, springt ab. Ein Roß, das sich von einem Sturz nicht gleich erhebt, muß todt oder zum Tod verwundet sein. Da tröpfelt Blut! zeigt man. Rinaldo ist todt! Leichenblaß und rathlos stehen die übermüthigen jungen Krieger, an den Zügeln die dampfenden Pferde haltend. Langheinrich will noch einen Scherz über Geographie, Längenmaße, numerirte Chausséesteine mit so und so viel Quadratfüßen wagen, aber das Wort stockt schon im Munde. Sein Rinaldo regt sich nicht. Er fäßt des Rosses Puls, ruft: es ist nicht todt! aber auch eben so rasch antworteten die Andern: Seht nur das Auge! Das Auge! Langheinrich starrt. Der Anblick, der sich ihm darbot, war entsetzlich. Dem guten, treuen, lieben Rinaldo war sein schönes, schwarzes, glänzendes Augenoval aus der Höhle gedrängt; furchtbar anzuschauen blutete es. Langheinrich fühlt ein Zucken, als sollt’ er zusammensinken oder wie „Corporal“ Trimm gesagt haben würde, als „crepirte ihm in der innersten Leber eine sieben-[283]pfündige Granate.“ Er beherrscht seinen Todesschreck, greift nach der Kandare, nimmt sie sanft vom Haupt des Thieres, lüftet zart den Sattelgurt … Man sieht und wartet, man zittert um Rinaldo, das „Roß des Königs“, und um die allgemeine Schuld. Da springt das Thier auf, aber das Auge bleibt an der Höhle hängen, blutet. Jede Hülfe scheint unmöglich. Man muß das unendlich rührende Schweigen eines duldenden Pferdes kennen, um zu begreifen, wie dem so bitter Bestraften dieser Anblick die Seele zerriß. Langheinrich ist der erste, der sich sammelt. Er streichelt sein Thier, spricht kosende, liebevolle Worte. „Rinaldo! Mein alter Hanns, was machst du mir!“ Menschen umstanden schon die Scene. Alles Aufsehen war zu vermeiden. Zurück, zurück zu Paulinen! Die Andern wandten die Rosse, Langheinrich führte Rinaldo am Zügel. Langsam und halb lahm ging es in den Wald zurück. Die Freunde dort sehen von ferne den Trauerzug, stürzen den Rückkehrenden schon entgegen. Pauline findet ihr mit Reisern geschmücktes, geliebtes Roß so mit gesenktem Haupte im Sande schleichend wieder. Was ist geschehen? Rinaldo –! Ruhig! Ruhig!… Langheinrich weist jede Berührung des Thieres zurück, verlangt Leinen, Essig, Wasser, schüssel- und eimerweise. Man bringt das Verlangte. Langheinrich ersucht die Kameraden des Thieres Kopf zu halten. Andre heben den [284] Vorderfuß. Er nimmt das befeuchtete Leinen, reinigt das Thier rings um das entquollene Auge vom Blut und beginnt nun sanft und milde und gelassen das Auge in die Höhle zurückzudrängen. Rinaldo hält aus mit der himmlischen Geduld, die dem Thiere eigen ist, wenn es leidet. Alles steht starr und schweigsam. Laßt los! ruft Langheinrich jetzt mit Entschlossenheit. Die Kameraden springen zurück, Rinaldo schüttelt sich. Die Operation war gelungen. Das Bluten hörte auf, aber … fügte Langheinrich, dessen Veterinärkenntnisse bewundert wurden, hinzu: Mein armer Rinaldo, für immer wirst du blind werden! Pauline weinte. Bravo! riefen die Kameraden nach dieser Erzählung. Paulinen wurde ein Hoch gebracht, das letzte Glas ausgetrunken und allmälig der Heimritt angetreten. Wie streichelte Pauline den braven Rinaldo, der damals die Fürsorge und Obhut der Geliebten wachgerufen hatte! Noch brach sie Haselnußzweige und steckte sie da und dort unter das Riemenzeug und die Sattelgurte des guten Braunen, um ihm die stechenden Fliegen abzuhalten. Als wollte er danken, schlägt Rinaldo den Schweif und scharrt mit dem Vorderfuß. Man steigt auf, giebt die Sporen und scheidet. Ein halbgelungenes Wagniß giebt für die zweite Hälfte des Frevels doppelten Muth. Den Herren Geschützführern war ihr dienstwidriger Spazierritt mit den „Rossen des Königs“ zur Hälfte gelungen, der Heimritt stimmte sie übermüthig. Batterietrab! hieß es. So fliegen sie durch die engeren Wege dahin! Sie biegen [181] in die chaussirte Straße in zwei Zügen und nun gar auf Commando: Batteriegalopp! Der linke Fuß kitzelte die Weichen und die Thiere springen rechts an zu einem Ritt, der den Staub der Straße aufwirbelt und das ganze, damals kirchhofstille Viertel des Woltersdorfer Theaters allarmirt. Aber hilf Himmel! Bei einem Ausbiegenmüssen an schwerfälligen Lastwagen stürzen drei Reiter, unter ihnen Langheinrich. Der junge Don Juan im Doppeltuch ist für sich glücklich und bleibt unversehrt, aber sein treues Roß! Rinaldo, das Pferd des Königs, prallt mit dem Kopf an einen Chausseestein und bleibt für todt liegen. Alles hält erschrocken an, springt ab, ein Roß, das sich von einem Sturz nicht sogleich erhebt, muß todt oder zum Tod verwundet sein. Da tröpfelt Blut! Rinaldo ist todt! Leichenblaß und rathlos stehen die übermüthigen jungen Männer, an den Zügeln die dampfenden Pferde haltend. Langheinrich will noch einen Scherz über Geographie, Längenmaße, nummerirte Chausseesteine mit so und so viel Quadratfüßen wagen, aber das Wort stockt ihm im Munde. Sein Rinaldo regt sich nicht. Er faßt des Rosses Puls, ruft: Es ist nicht todt! Aber auch eben so rasch antworteten die Anderen: Seht nur das Auge! Langheinrich starrt. Der Anblick, der sich ihm bot, war entsetzlich. Dem guten, treuen, lieben Rinaldo war sein schönes, schwarzes, glänzendes Augenoval aus der Höhle gedrängt; furchtbar anzuschauen. Langheinrich fühlte ein Zucken, als sollt’ er zusammensinken oder als „krepirte ihm in der innersten Leber,“ wie „Corporal“ Trimm gesagt haben würde, „eine siebenpfündige Granate.“ Doch greift er nach der Kandare, nimmt sie sanft vom Kopf des Pferdes, lüftet den Sattelgurt. Alle zittern um die allgemeine Schuld. Das Thier springt auf, aber das Auge bleibt an der Höhle hängen, blutend. Jede Hülfe scheint unmöglich. Man muß das unendlich rührende Schweigen eines duldenden Pferdes kennen, um zu begreifen, wie dem so bitter Bestraften dieser Anblick die Seele zerriß. Langheinrich ist der erste, der sich sammelt. Er streichelt sein Thier, spricht kosende, liebevolle Worte: „Rinaldo! Mein alter Hans, was machst du mir?“ Menschen umstanden schon die Scene. Alles Aufsehen war zu vermeiden. Zurück, [182] zurück zu Paulinen! Die Andern wandten die Rosse, Langheinrich führte Rinaldo am Zügel. Langsam und die Rosse wie halb lahm ging es in den Wald zurück. Die Freunde dort sehen von fern den Trauerzug, stürzen den Rückkehrenden entgegen. Pauline findet ihr mit Reisern geschmücktes, geliebtes Roß so mit gesenktem Haupte im Sande schleichend wieder. Was ist geschehen? Rinaldo –! Ruhe! Ruhe! Langheinrich weist jede Berührung seines Pferdes zurück, verlangt Leinen, Essig, Wasser, schüssel- und eimerweise. Man bringt das Verlangte. Langheinrich ersucht die Kameraden, des Thieres Kopf zu halten. Andere heben den Vorderfuß. Nun nimmt er das befeuchtete Leinen, reinigt das Thier rings um das entquollene Auge vom Blut und beginnt dann sanft, milde und gelassen das Auge wieder in die Höhle zurückzudrängen. Rinaldo hält aus mit der himmlischen Geduld, die Thieren eigen ist, wenn sie leiden. Alles steht starr und schweigsam. Laßt los! ruft Langheinrich mit Entschlossenheit. Die Kameraden springen zurück, Rinaldo schüttelt sich. Die Operation war gelungen. Das Bluten hörte auf, aber was half’s! fügte Langheinrich, dessen Veterinärkenntnisse bewundert wurden, hinzu: Armer Rinaldo, wirst für immer blind bleiben an dem Auge und bist es schon! Pauline weinte. 0.7850678733031674
208 Die Zeit zur Klage war gemessen. Das Diner in der Wilhelmsstraße konnte zu Ende sein. Man ritt zurück; nicht im Batterietrab, nicht im Batteriegalopp; man ritt, wie Entdeckung fürchtende Sünder scheinbar ruhig am Hochgericht reiten mögen. Im Stall angelangt, trifft man schon den jungen Fähnrich von Haase, den Angler vom Plötzensee. Die kleine Cadetten-Autorität mit der Fistelstimme tobt und rast, schreit Hochverrath am „Königsgut!“ überschreit sich und droht mit allen Schrecken der Linienstraße. Man mußte vorerst ruhig seinen Grimm hinnehmen und auf zwei Dinge sinnen, einmal, ihm den Zustand Rinaldos zu verbergen und zweitens ihn auf irgend eine Art zum Mitschuldigen zu machen. Daß er schon beim Ausritt trotz der Stallwache gefehlt hatte, war ein Umstand, der [285] sein sichres Auftreten milderte. Dem armen Rinaldo ward der Gurt aufgeschnallt, der Sattel abgenommen, die Halfter aufgelegt. Man giebt sich ein leichtes, gewissenruhiges Ansehen, trällert, spricht vom Diner in der Wilhelmsstraße, von gekochten Cubikwurzeln mit Fischkottelets, von den Ikleien, Steckerlingen und Stinten im Plötzensee. Fähnrich von Haase stutzt. Er mußte in die reizende schlanke Pauline mit dem ganzen Feuer verliebt gewesen sein, das bisher in den Mauern des Cadettenhauses in der Klosterstraße sich hatte nur in Phantasieen auslodern können. Es galt nun einen Thierarzt zu rufen; denn Rinaldo stand still und traurig vor der Krippe, fraß nichts, senkte den Kopf und legte ihn zuweilen nur leise, wie ermüdet, wie von Hitze gequält an die Wand, als suchte er Kühlung für die tief unterm Auge geheim brennende Wunde. Nun mußte sich Langheinrich, ohnehin für sein ganzes Leben erschüttert, sammeln und zu einem Opfer entschließen. Er trat zum Fähnrich von Haase, der eben einen Roman aus der Tasche gezogen hatte und sich auf der Stallpritsche zu strecken und zu langweilen begann. Herr von Haase, sagte Langheinrich, wenn Sie wollen, will ich die Stallwache für Sie übernehmen und die Nacht statt Ihrer hierbleiben. Der Fähnrich fixirte ihn, schlug sein Buch zu, besann sich, ob hier eine Falle, sah über die kleinen hohen Fenster hinaus die schöne [286] goldne Abendsonne draußen so lockend blitzen, dachte an die schlanke Pauline, an einen Besuch bei der Angebeteten … Langheinrich wußte, welch’ ein Opfer er „dem Rosse des Königs“ brachte. Und richtig, Fähnrich von Haase verwünschte das verdammte Odeur der Ställe, dankte für die Bereitwilligkeit Langheinrichs und schlüpfte mit seinem seidnen Taschentuche, dem Roman, der Anzeige des Stallfrevels und seinem liebetollen jungen Herzen davon. Er wird sich die Leimruthe holen! lachten die Kameraden hinter ihm her und schienen in der Freude, ihren heutigen Chef nun zum Mitschuldigen zu haben, nicht übel Lust zu bezeugen, Langheinrich damit zu schrauben, daß am Plötzensee heute im Trüben würde gefischt werden. Langheinrich aber verließ sich auf die Liebe seines Mädchens und lebte nur für seinen Rinaldo. Der Thierarzt wird gerufen, kommt, besieht den Schaden, schüttelt sehr den Kopf, spricht sehr von Anmeldung, verdorbenem Gut des Königs, Unheilbarkeit … Man bittet, fleht, man schmeichelt … Der Thierarzt holt Balsam zu Einreibungen und schreibt ein Attest: Der Fuchs des Geschützführers Langheinrich müßte auf einige Zeit vom Dienste dispensirt werden, er litte an „verschlagener Druse.“ … Nach einigen Wochen war Rinaldo blind. Langheinrich verlor für immer den Leichtsinn seiner ersten Jugend. Pauline wurde sein Weib. Er gab die Carriere auf, nahm den Abschied, [287] legte sich auf dem Lande eine Oekonomie zu und kaufte, als eines Tages mehre schadhafte „ausrangirte“ Pferde der Artillerie verkauft wurden, sich seinen treuen Rinaldo, den er erblindet bis in sein hohes Alter pflegte. Die Zeit zur Klage war gemessen. Das Diner in der Wilhelmsstraße konnte zu Ende sein. Man ritt zurück; und nicht im Batterietrab, noch weniger im Batteriegalopp. Man ritt, wie Entdeckung fürchtende Sünder am Hochgericht vorbeireiten könnten. Im Stall angelangt, trifft man schon Fähnrich von Haase, den Angler vom Plötzensee. Das war ein Zetermordio. Die kleine Cadetten-Autorität mit der Fistelstimme tobt und rast und schreit Hochverrath am „Königsgut“ und droht mit allen Schrecken der Lindenstraße. Vorerst mußte man ruhig seinen Grimm hinnehmen und auf zwei Dinge sinnen, einmal, ihm den Zustand Rinaldo’s zu verbergen, und zweitens ihn auf irgend eine Art zum Mitschuldigen zu machen. Daß er schon beim Ausritt trotz der Stallwache, die ihm oblag, gefehlt hatte, war ein Umstand, der auch ihn belastete und sein sichres Auftreten allmälig milderte. Dem Rinaldo ward der Gurt [183] aufgeschnallt, der Sattel abgenommen, die Halfter aufgelegt. Der Fähnrich merkte nichts. Im Gegentheil, der eine Theil der Sünder giebt sich ein leichtes, gewissensruhiges Ansehen, trällert, spricht vom Diner in der Wilhelmsstraße, von gekochten Cubikwurzeln mit Fischcotelettes, von Ikleien, Steckerlingen und Stinten im Plötzensee, und Fähnrich von Haase läßt sich immer mehr fesseln. In die reizende schlanke Pauline mußte er verliebt sein mit dem ganzen Feuer, das sich bisher in den Mauern des Cadettenhauses in der Klosterstraße nur in Phantasieen hatte auslodern können. Er sah nicht, daß Rinaldo still und traurig vor der Krippe stand, nicht fraß, den Kopf senkte oder ihn zuweilen nur leise, wie ermüdet oder wie von Hitze gequält, an die Wand legte, als suchte er Kühlung für die tief unterm Auge geheim brennende Wunde. Es mußte durchaus ein Thierarzt herbei. Langheinrich war entschlossen. „Herr von Haase, wenn Sie wollen, will ich die Stallwache für Sie übernehmen und die Nacht statt Ihrer hierbleiben.“ Der Fähnrich fixirte seinen Rivalen, schlug den Roman aus Fernbach’s Leihbibliothek, den er eben lesen wollte, zu, besann sich, ob hier eine Falle, sah über die kleinen hohen Fenster hinaus die schöne goldne Abendsonne draußen so lockend blitzen, dachte an die schlanke Pauline, an einen Besuch bei der Angebeteten – genug, Fähnrich von Haase verwünschte den Odeur der Ställe, dankte für die Bereitwilligkeit Langheinrich’s und schlüpfte mit seinem seidenen Taschentuche, dem Roman und seinem liebelüsternen jungen Herzen davon, zur Chaussee hinaus und zu Paulinen. Der Thierarzt kam, besah den Schaden, schüttelte den Kopf, sprach von pflichtschuldiger Anmeldung, verdorbenem Gut des Königs, Unheilbarkeit. Alle bitten, flehen, schmeicheln. So schreibt denn der endlich erweichte Mann: Der Fuchs des Geschützführers Langheinrich muß auf einige Zeit vom Dienst dispensirt werden; er leidet an „verschlagener Druse“. Nach einigen Wochen war Rinaldo total blind und mußte ausrangiert werden. Aber auch Langheinrich verlor den Leichtsinn seiner ersten Jugend. Pauline wurde sein Weib. Er gab die Militaircarriere auf, nahm den Abschied, legte sich auf dem Lande eine Oekonomie zu und [184] kaufte den Rinaldo, um das treue Thier bis in sein Alter zu pflegen. 0.603448275862069
209 Solche und ähnliche, zahllos vorgekommene und umständlich berichtete Geschichten wurden ihrer Abenteuerlichkeit wegen mit gierigem Ohr belauscht. Der rothe, durch sie sich hinziehende Faden von Liebe und vom Reiz schöner Frauen entschlüpfte der Kindeshand und doch fehlte eine gewisse geheimnißvolle Wirkung nicht. Aehnliche zahlreich vorgekommene und umständlich berichtete Geschichten wurden ihrer Abenteuerlichkeit wegen mit gierigem Ohr belauscht. Der sich durch sie hinziehende rothe Faden von Liebe und vom Reiz der Frauen entschlüpfte der Kindeshand keineswegs; eine gewisse geheimnißvolle Wirkung blieb von Alledem bedenklich zurück. 0.6956521739130435
210 Herr Cleanth ging von der Ansicht aus, ein Knabe müßte früh den ganzen Reiz der Weiblichkeit empfinden. Und hatte der Weise nicht Recht? Worin liegen die Gefahren der späteren Irrung mehr, als in diesem bisher noch nicht gekannten Zauber weiblicher Natur? Ein früh an anmuthige Geselligkeit, an schöne Lebensformen, ja selbst an rauschende seidne Kleider und malerische Trachten gewöhnter Knabe stumpft den Reiz ab, den ihm das Anstreifen an Frauenwesen verursacht, wenn er solches erst in späteren Jahren erfährt. Ein wilder, blindlings den Frauen nachrasender Freund gestand dem Erzähler einst mit tiefer Wehmuth: „O mein Freund, ich bejammere, was ich von Phantasie, Glauben, Lebensmuth und Lebenskraft an die Frauen verlor! [288] Ich hatte nie in der Nähe zarter, schöner, froher Mädchen gestanden, ich hatte nie diese zauberische Berührung von Atlas, Sammet und Seide empfunden, nie mich gestreift an einem schönen Arm oder an einem Handschuh, der zierliche Finger umschloß. Endlich erwachte im Jüngling diese glühende zurückgehaltene Sehnsucht zum Weibe. Ich hatte das Wissen in seinem schweren und nur halbbelohnenden Erwerbe hinter mir, nun wollt’ ich ein höheres Licht, das wahre Leben, wollte die Schönheit und das Herz … wohin führte mich der Taumel dieser Sehnsucht? Es mag unglaublich klingen, aber es ist wahr, ich suchte überall, wo nur ein Weib mir begegnete, mein tiefstes Bedürfen nach weicher, schmiegsamer Hingebung, mein tiefstes Hangen und Bangen nach dem Geheimniß der glücklichen Liebe zu befriedigen. Ich liebte edle Mädchen, aber der Roman des Hoffens und Werbens entnervte, tödtete mich. Ich wollte besitzen. Nicht besitzen um des flüchtigen Genusses willen, nein, ich wollte den Edelstein des Frauenzaubers selbst im Schutte suchen, vor dem mich schauderte. Putz, selbst da, wo keine Schönheit war, reizte ein Auge, das in schönen Formen nie Kunde und Uebung hatte. Ich fühlte das Bedürfen, irgendwie dem Weibe nahe zu sein, irgendwie in diese Existenz einer andern Welt einzublicken, irgendwie an diesem so glücklichen, neutralen Prinzipe in allen Alternativen des Denkens [289] und des Lebens mich anzusiedeln. Wie ruht es sich so still an einem Haupte aus, das allein nur an dich denkt, in diesem Augenblicke wenigstens auch ihr Vergessen in dir nur findet! Im Doppelleben der Menschheit als Mann und als Weib liegt eines der Zauberworte, das uns die Thür des Jenseits entriegelt. Dies wollt’ ich hören, belauschen, selbst aus wilden und rohen Klängen abhorchen. Wen liebt’ ich nicht! Himmel, und doch schlug selbst aus der Asche bemitleidenswerther Frauen noch manchmal eine reine Flamme auf, rührte mich und konnte mich und sie auf Augenblicke heben. Ein an Liebe reiches Herz bedarf der Liebe. Nein! Hätt’ ich als Knabe den schönen Frauen und ihrem Sinne, der sich zu schmücken liebt, näher gestanden, ich wäre vor den trübsten Erfahrungen bewahrter geblieben.“ Herr Cleanth ging von der Ansicht aus, daß ein Knabe früh lernen müßte, den Reiz der Weiblichkeit sozusagen – auszuhalten. Der Weise hatte recht. Worin liegen die Gefahren der späteren Jugend mehr als in diesem noch nicht gekannten Zauber der schönen und dem Ideal entsprechenden Weiblichkeit? Dagegen stumpft ein früh an anmuthige Geselligkeit, schöne Lebensformen, man möchte sogar behaupten, an rauschende seidene Kleider und malerische Trachten gewöhnter Knabe den Reiz ab, den uns das Anstreifen am Frauenwesen verursacht. Ein wilder, blindlings den Frauen nachrasender Freund gestand einst dem Erzähler mit Trauer: „O Freund, ich bejammere, was ich von Phantasie, Glauben, Lebensmuth, Lebenskraft an die Frauen verschwendet habe! Nie hatte ich als Knabe in der Nähe zarter, schöner, froher Mädchen gestanden, hatte nie diese zauberische Berührung von Atlas, Sammet, Seide empfunden, nie mich an einem schönen Arm oder an einem Handschuh gestreift, der zierliche Finger umschloß. Da erwachte im Jüngling diese glühende, zurückgehaltene Sehnsucht zum Schönen, und wo war es zunächst zu finden als beim Weibe! Ich hatte das Wissen in seinem schweren und nur halbbelohnenden Erwerbe hinter mir, nun wollte ich ein höheres Licht, wollte das wahre Leben, die Schönheit und das beseligte Herz – wohin führte mich der Taumel einer solchen Sehnsucht? Es mag unglaublich klingen, aber es ist wahr, ich suchte in jeder weiblichen Begegnung, die dem Auge gefallsam erschien, mein Bedürfen nach Hingebung, mein Hangen und Bangen nach dem Geheimniß glücklicher Liebe [185] zu befriedigen. Ich liebte edle Mädchen, aber der lange Roman des Hoffens und Werbens rieb mich auf. Ich wollte besitzen, wollte nicht besitzen des flüchtigen Genusses wegen, nein, ich wollte den Edelstein des Frauenzaubers finden, und suchte ihn selbst im Schutte auf, vor dem mich hätte schaudern sollen. Putz, selbst da, wo keine Schönheit war, reizte ein Auge, das in schönen Formen nie Kunde und Uebung hatte. Ich fühlte das Bedürfen, irgendwie dem Weibe nahe zu sein, irgendwie in diese Existenz einer andern Welt einzublicken, an diesem so glücklichen neutralen Princip in allen Alternativen des Denkens und des Lebens mich anzusiedeln. Denn wie ruht es sich so schön an einem Haupte aus, das allein nur an Dich denkt, in diesem Augenblicke wenigstens auch ihr Vergessen in Dir nur findet! Im Doppelleben der Menschheit als Mann und als Weib liegt eines der Zauberworte, das uns die Thür des Jenseits entriegelt. Dieses einzig und allein wollte ich selbst aus wilden und rohen Klängen abhorchen. Selbst aus der Asche bemitleidenswerther Frauen schlug noch manchmal eine reine Flamme auf, rührte mich und konnte mich und sie auf Augenblicke verklären.“ 0.6585365853658537
211 Herr Cleanth schien ähnlich zu denken. Sein Malertalent mochte zweifelhaft sein; Lebenskünstler war er gewiß. Er verlangte gefällige Tracht, gewandtes Benehmen, conventionelles Entgegenkommen, Artigkeit gegen alle Frauen. Er selbst gab das Beispiel der erlaubten Galanterie. Er hielt seine Zöglinge an, die Worte zu wählen, den Körper in Schick zu richten, Damen die Hände zu küssen, gewandte Formeln der Höflichkeit zu sprechen. Es wurden Gesellschaften gegeben, wo die Mädchen mit den Knaben zum Spiele sich vereinigten. Er beförderte die Besuche grade bei solchen [290] Familien, wo junge ausgelassene Mädchen den Ton angaben. Ganz gegen die neue Lehre der Erziehung war Herr Cleanth für die Kinderbälle. Ihm schien bei diesen jungen Stutzern und kleinen Koketten hinlänglich gesorgt, daß doch Niemand die Gefahr eines Ueberreizes lief. Zur Liebe waren ihm die beiden Geschlechter der Menschheit einmal bestimmt, die Eitelkeit und die Galanterie waren ihm Erbschaften unsrer Natur, wozu sich den Vortheil entgehen lassen, daß ein Knabe bei Zeiten sich an den Reiz der Weiblichkeit gewöhnt? Cleanth ließ seinen Sohn tanzen, französisch sprechen, Damen die Hände küssen, die Kinderbälle besuchen und hat einen vortrefflichen, tugendhaften Jüngling, einen sittenreinen, noch jetzt jugendlichen Mann aus ihm erzogen. Ein an Liebe reiches Herz bedarf der Liebe. Herr Cleanth schien ähnlich zu denken wie unser Freund. Sein Malertalent mochte zweifelhaft sein; aber ein Lebenskünstler war er gewiß. Er verlangte gefällige Tracht, gewandtes Benehmen, conventionelles Entgegenkommen, Artigkeit gegen alle Frauen, junge und alte. Er selbst gab das Beispiel der Galanterie. Er hielt seine Zöglinge an, die Worte zu wählen, den Körper in Schick zu bringen, Damen die Hände zu küssen, gewandte Formeln der Höflichkeit zu sprechen. Gesellschaften wurden gegeben, wo sich die Mädchen mit den Knaben zum Spiele vereinigten. Er beförderte die Besuche grade bei solchen Familien, wo junge Mädchen, oft recht ausgelassene, wilde, den Ton im Hause angaben. Ganz gegen die neue Lehre der Erziehung war Herr Cleanth grade für die Kinderbälle. Ihm schien bei diesen jungen Stutzern und kleinen Koketten hinlänglich gesorgt, daß noch Niemand Gefahr lief, überreizt zu werden. Zur Liebe waren ihm ja die beiden Geschlechter der Menschheit einmal bestimmt, die Eitelkeit und die Galanterie waren [186] ihm Erbschaften unsrer Natur. Wozu sich also da den Vortheil entgehen lassen, Knaben schon bei Zeiten zu „Artigkeiten“ „gegen die Damen“ zu dressiren und sie an einen Verkehr mit dem schönen Geschlecht zu gewöhnen? Welche Verlegenheiten haben oft zwanzigjährige junge Männer, bei einem Ball Tänzerinnen zu gewinnen oder in einem Salon mit Damen eine Unterhaltung anzuknüpfen! Cleanth ließ seinen Sohn tanzen, französisch sprechen, Damen die Hände küssen, die Kinderbälle besuchen. 0.639344262295082
212 Der Gespiele, der nur dann und wann sein Lebensparadies betreten durfte, sah in so viel Herrlichkeit meist doch mit entsagendem Blicke ein. Wie konnt’ er sich ganz aus seiner häuslichen Erde entwurzeln! Das Tanzen war ohnehin den Eltern ein eben so arger Teufels-Gräuel, wie die Komödie. Der Gespiele sah den Freund über die geglättete Diele schweben und sich anmuthig im Kreise drehen. Sein Auge füllte sich darüber oft mit Thränen. Wie gewandt entschlüpfte dem Freunde die französische Phrase: A vot’ santé, chère tante! Er sollte sie nachsprechen, sollte auch die Reihe herum gehen beim Dessert und jedem Erwachsenen die [291] Hand küssen, wie es Herrn Cleanths Erziehungsmethode verlangte. Er versuchte es. Eine alte Tante schalt, eine andre lachte, der Knabe wurde eines Mittags verwirrt, erzürnte sich, trotzte, brüskirte die Gesellschaft, stürzte in ein Nebenzimmer und schlug unter Thränen die Thür zu, um sich zu entfernen. Es war Gelegenheit wieder zu einer Ohrfeige, wie sie Herr Cleanth dem Knaben schon einmal gegeben. Herr Cleanth verlegte sich aber diesmal auf ein vernünftiges Zureden. Er schien etwas von der wahren Ursache der Verzweiflung des rebellischen Jungen zu ahnen. Es war nicht allein das aristokratische Lachen über sein Mißgeschick, das den Knaben reizte, es war dessen angeborne plebejische, schon deutschthümelnde Abneigung gegen das damals sogenannte „Franzenthum“. Die beiden Tanten waren vornehme Polinnen, die sich in der ganzen bekannten Förmlichkeit russisch-polnischer Etikette gaben. Der Gespiele, der nur ab und zu dies sein Lebensparadies betreten durfte, sah in so viel Herrlichkeit nur von Weitem ein. Wie konnte er sich auch ganz aus seiner häuslichen Erde entwurzeln! Ohnehin war das Tanzen den Eltern ein eben so arger Gräuel wie die Komödie. Der Gespiele sah den Freund über die geglättete Diele schweben und sich anmuthig im Kreise drehen, während er selbst nur – manchmal Thränen im Auge – mit Bärenfüßen nachtrottete. Gewandt entschlüpfte dem Freunde die Phrase: A vot’ santé, ma chère tante, die auch der Gespiele nachsprechen sollte, die Reihe herumgehend beim Dessert am Tisch und jedem Erwachsenen die Hände küssend. Wieder stand eine Ohrfeige in Perspektive. Der Versuch wurde schon mit Widerstreben gemacht. Eine alte Tante schalt eines Tages, eine andre lachte, der Knabe wurde verwirrt, erzürnte sich, brüskirte die Gesellschaft, stürzte in ein Nebenzimmer und schlug die Thür zu, um sich einer solchen Dressur zu entziehen. Es waren vornehme „Tanten“ des Hauses, polnische Verwandte aus Militairkreisen. Aber so gut russisch sie thaten, die Knute blieb diesmal aus. Herr Cleanth verlegte sich auf ein vernünftiges Zureden. Er schien etwas von der wahren Ursache der Verzweiflung des rebellischen Jungen zu ahnen. Die beiden Tanten gaben sich in der ganzen auch ihm unausstehlich breiten Förmlichkeit russisch-polnisch-französelnder Etikette. 0.5424528301886793
213 An der zunehmenden Blickschärfung für menschliches Thun und Treiben konnte es nicht fehlen. Die Charaktere wurden durch die Contraste erkannt und manche belauschte Kritik der Einen erleichterte die Auffassung der Andern. Das sah der Knabe wohl schon früh, wie sich alles dem Mächtigen zudrängte, dem Glänzenden unterordnete, die tiefste Ergebenheit nach der Sonne der Gunst sich neigte. Der Vortheil stand da als Reg-[292]ler aller Lebensverhältnisse. Mancher Stachel der Zurücksetzung oder des erlittenen Unrechtes blieb lange in der verwundeten Kindesseele haften. Beklemmend war das Durcheinander der Interessen, das Laufen und Rennen der Menschen scheinbar um Nichts und dabei eine Geschwätzigkeit, die für jene Kreise durch etwas speziell Lokales noch eine besondere Färbung erhielt. Die Berliner hofräthliche Emsigkeit, die innere Leere des windigsten charakterisirten Nichts, die Abhängigkeit von einigen aufgerafften und auch gar zu sicher vorgetragenen Phrasen, eine blindlings angenommene Tradition, eine süße Unterwürfigkeit gegen Obere, ein ekelhaftes Zum-Mund-Reden von einer Gesellschaftsstufe zur andern, Sucht nach Auszeichnungen und leeren Titeln, jene Ordensverleihungen, die im Januar wie Schulprüfungen und Zeugnißertheilungen erwartet wurden … alles das gestaltete sich schon früh dem Knaben wie das Wüsteste und Leerste und erfüllte ihn mit einer um so größeren Angst vor der Welt, als seine ursprüngliche Lebensheimath zwar die Armuth, aber eine frische, gesinnungsvolle, lebendige Ehrlichkeit gewesen war. Der biblische Vetter Wilhelm schwebte so hoch über dieser Lüge und Narrheit, er wußte so treffend die Endlichkeit dieses glänzenden Jammers zu belächeln, er wußte so die wahre Wahrheit und das wahre Leben nur an die ewige Quelle des Lichtes und der Erlösung zurückzulei-[293]ten, daß der Knabe in die vornehme Welt zwar mit mächtigstem Reiz, aber doch wie gegen Lug und Trug von unsichtbaren Händen gefeit eintrat und bei allem Durcheinander der glatten Schmeichelei und leeren Vergnügungslust sein Inneres wie in einer harten Schaale gegen den gewaltigen Druck der Außenwelt barg. Eine Abenderzählung des Vaters vom Wintersturm auf der pommerschen Heide, von dem Prallschuß bei Leipzig, von einem Bivouac im Ardennerwalde erkräftigte den Knaben, daß er nicht zagte und bangte in dem Getändel von Formen, die ihm ungeschickt gelangen oder die man ihm als Fallen legte, um sich über seinen Sturz zu belustigen. Ja auch der mit Liebe und kindlicher Inbrunst erfaßte Gottesgedanke half ihm oft hinweg über solche Unbill und gab ihm beim einsamen stillen Nachhausegehen von so vielen nur halbverstandenen rauschenden Gesellschaftsleerheiten einen Trost und eine innere Erhebung, so voll, so mächtig, daß nach dem betrübtesten Weinen immer wieder die Kraft zurückkam und der Muth des frohen Selbstvertrauens sich stählte. An zunehmender Blickschärfung für menschliches Thun konnte es unter solchen Umständen nicht fehlen. Die Charaktere wurden durch den Contrast erkannt, der nicht greller sein konnte als z. B. zwischen dem apokalyptischen Vetter und dem Freigeist Cleanth. Das sah der Knabe frühe, wie sich Alles [187] den Machtbegabten zudrängte, sich dem Glanz unterordnete, die tiefste Ergebenheit sich nach der Sonne der Gunst neigte. Der Vortheil stand da als Regulator aller Lebensverhältnisse. Mancher Stachel der Zurücksetzung oder des erlittenen Unrechts blieb im verwundeten Gemüth haften. Beklemmend war ihm das Durcheinander der Interessen, das Laufen und Rennen der Menschen um nichts, soweit ihm wenigstens scheinen wollte, und dabei eine Geschwätzigkeit, die für jene Kreise, in denen er zuweilen leben durfte, durch etwas speciell Lokales noch eine besondere Färbung erhielt. Man kennt die Berliner Hofräthe. Sie sind ausgestorben; an ihre Stelle ist der Berliner „Geheimrath“ getreten. Der Hofrath war liebenswürdiger. Die Geheimräthe erstarren nächstens zur Mumie. Sie geben sich mit beständiger Betrachtung des Schattens, den sie werfen, mit Verwunderung gleichsam über sich selbst. Da war die alte Berliner hofräthliche Emsigkeit, das windigste, charakterisirte Nichts, die Abhängigkeit von einigen aufgerafften und höchst sicher vorgetragenen Phrasen, die immer blindlings angenommene Tradition, die süßeste Unterwürfigkeit gegen Obere, ein stetes Zum-Munde-Reden von einer Gesellschaftsstufe zur andern, die Sucht nach Auszeichnungen und leeren Titeln, besonders nach Ordensverleihungen, wie sie auch jeden 20. oder 21. Januar wie bei Schulprüfungen erwartet wurden, doch noch amüsanter, leutseliger, coulanter. Aber der Knabe wurde mit einer wahren Angst vor dieser jenseits seines eigenen Lebens liegenden Welt erfüllt. Es kam ihm vor, als wenn seine ursprüngliche Lebensheimath zwar die der Armuth, aber die Welt der gesinnungsvollen Ehrlichkeit war. Der biblische Vetter Wilhelm schwebte so hoch über vornehmthuender Lüge und Narrheit, er wußte so treffend die Endlichkeit alles glänzenden Elends der Erde zu bezeichnen, er wußte die wahre Wahrheit und das lebendige Leben so an die ewige Quelle des Lichts und der Erlösung zurückzuleiten, daß der Knabe zwar in die vornehme Welt mit mächtigstem Reize ging, aber doch wie gefeit gegen Lug und Trug. Eine Abenderzählung des Vaters von einem Wintersturm auf der pommerschen Haide, von jenem Prallschuß bei Leipzig, von einem Bivouac im Ardennerwalde erkräftigte den Knaben, [188] daß er nicht zagte und bangte in dem Getändel von Formen, die ihm ungeschickt gelangen oder die man ihm als Fallen legte, um sich über seinen Sturz zu belustigen. Auch der mit Liebe und Inbrunst erfaßte Gottesgedanke half ihm oft hinweg über erlittene Unbill. Er gab ihm beim einsamen Nachhausegehen im Abenddunkel von so vielen nur halbverstandenen rauschenden Gesellschaftsleerheiten Trost und soviel Erhebung, daß er stark und kräftig, wenn auch oft nach dem bittersten Weinen, in das er (und eigentlich um nichts) ausbrechen mußte, immer wieder in seine häusliche Welt zurückkehrte mit dem wachsenden Muthe des Selbstvertrauens. 0.5132275132275133
214 Und lag auch darin nicht eine Erhebung, daß der Knabe mitten in dem prächtigen Gewebe vom Cirkel-Laufen, Blind-Rennen, devotesten Grüßen, Schmeicheln, Speichellecken so vielerlei schwarzen Schicksalseinschlag bemerkte? Es ist ein schaudervoll grausames Wort, das den über die geraubte Tochter jammernden und über [294] die von der Tochter vergeudeten Reichthümer schier verzweifelnden Shylock tröstet, wenn er zu Tubal von des Antonio untergegangenen Schiffen sagen kann: „Ha, andre Leute haben auch Unglück!“ Aber es giebt Lebenscompensationen, die man sich nicht gesteht, die aber das Schicksal spendet. Man fühlt diese Ausgleichungen der ewigen Nemesis, ohne sie herzlos anzurufen oder rachelechzend zu bejubeln, wie Shylock. Andre Leute haben auch Unglück! Andre Leute entbehren auch, auch die Reichen haben kummervolle Nächte, auch sie müssen sich wieder Größeren unterwerfen, noch Mächtigeren dienen, auch sie werden gezerrt von den zitternden Armen ärmerer Verwandtschaft, die sich an sie klettet und Hülfe für ihren Ruin verlangt. Da waren ehrenvollgenannte Namen. Jedes Geschäft wurde ihnen zugewiesen, jede Vermittelung ihnen anvertraut. Plötzlich ein Flüstern, wenn man sie nannte. Es waren Kaufleute, die eben fallirt hatten. Sie entflohen oder wanderten in Gefängnisse. Das Wort: Bankrott! weckte dem Knaben erschütternde Vorstellungen wie vom namenlosesten Menschenweh. Andre Namen wurden plötzlich ganz verschwiegen. Bald klärte sich’s auf, daß ihr Stand, ihr Ehrgefühl, ja ihre Liebenswürdigkeit sogar nicht gehindert hatte, daß sie Verbrecher wurden. Von unglücklichen Ehen wurde gesprochen, von Scheidungen, von mißrathenen Kindern. O diese Welt war immer [295] im Fluß, immer in schwatzhafter Bewegung, immer charmant und liebenswürdig, aber plötzlich stockte sie. Es war etwas geschehen, was alle erschütterte, eine That oder ein Schicksal war dazwischen gefahren und schmerzlich genug fühlt schon ein Kind, daß jener Schlag, der die Pause am längsten andauern ließ, nicht einmal der Tod war. Ach, der Tod! Man sah Thränen, hörte Klagen. Aber für die rothen Gewänder rauschten schwarze auf. Die Geschwätzigkeit des Glücks wurde abgelöst von der Geschwätzigkeit des Unglücks. Man hörte prahlende Reden wie man ertragen, wie man heilen, dulden, sich einrichten wollte. Und das Kind sah, welch’ ein Behagen aus dem neuen Zustand floß. Die Erbschaften wurden besprochen. Oft entwickelte sich aus dem Tode eine noch größere Pracht, eine noch größere Freude. „Lachende Erben“ waren dem Kinde ein Wort, so häßlich wie das Lachen der Lachtauben, das er nie hören mochte. Lachende Erben! Er hatte ein Bild an allen Buchbinderläden gesehen, wie ein berüchtigtes reiches sogenanntes „Hundefräulein“ einen geliebten verstorbenen Favorit-Mops begraben läßt und den eingeladenen, mitleidbezeugenden Pöbel mit Kuchen und Wein traktirt. So kamen ihm alle lachenden Erben vor. Ein Hund auf einem Katafalk mit Lichtern und ringsum lachende Heuchler, die zu weinen vorgaben und Kuchen aßen und Wein tranken. Ein Todter war in der vornehmen Welt oft längst vergessen und nur [296] das Kind, das ihm völlig fern stand, trauerte noch um den alten Herrn, der immer dort am Fenster bei den Hyazinthen gesessen, so luftig den Hut gehalten, so lächelnd gescherzt, so präcis nach der Uhr gesehen hatte, an deren Kette man spielen durfte, dann so gegangen war und einst ging, um nicht wiederzukommen. Und lag auch nicht eine Erhebung darin, daß der Knabe mitten in dem prächtigen Gewebe vom Laufen im Cirkel, Blind-Dahinrennen, devotesten Grüßen, Schmeicheln, Speichellecken so vielerlei schwarzen Schicksalseinschlag bemerkte? Es ist ein schaudervoll grausames Wort, das den über die geraubte Tochter jammernden und über die von der Tochter vergeudeten Reichthümer schier verzweifelnden Shylock tröstet, wenn ihm Tubal von des Antonio untergegangenen Schiffen sagen kann: „Andre Leute haben auch Unglück!“ Es giebt aber Lebenscompensationen solcher Art. Sie sind da und wirken beruhigend, wenn man sich auch schämt, es einzugestehen. Man fühlt diese Ausgleichungen der ewigen Nemesis, ohne sie herzlos anzurufen oder rachelechzend zu bejubeln. Andre Leute haben auch Unglück! Andre Leute entbehren auch! Die Reichen haben kummervolle Nächte! Der Große muß sich wieder Größeren unterwerfen, noch Mächtigeren dienen! Auch sie werden gezerrt von den Armen geringerer Verwandtschaft, die sich an sie klettet und Hülfe für ihren Ruin verlangt! Da waren ehrenvoll genannte Namen. Jedes Geschäft wurde ihnen zugewiesen, jede Vermittelung anvertraut. Plötzlich – ein Flüstern, wenn man sie nannte. Es waren Kaufleute, die eben fallirt hatten. Sie entflohen oder wanderten in lange und nicht immer bequeme Gefängnisse. Das Wort: Bankrott! weckte dem Knaben erschütternde Vorstellungen von namenlosestem Menschenweh. Der Bankrott der „Gebrüder Benecke“ erfüllte die ganze Stadt. Andre Namen wurden plötzlich wie todtgeschwiegen. Ihr Stand, ihr Ehrgefühl, ihre Liebens-[189]würdigkeit hatte sie nicht gehindert, Verbrecher zu werden. Von unglücklichen Ehen wurde gesprochen, von Scheidungen, mißrathenen Kindern. O diese Welt war immer im Fluß, in schwatzhafter Bewegung, charmant, liebenswürdig, aber plötzlich stockte sie. Dann war etwas geschehen was Alle erschütterte, eine That, ein Schicksal war dazwischen gefahren, und schmerzlich genug fühlt bereits ein Kind, daß jener Schlag, der die Pause am längsten andauern ließ, nicht immer der Tod war. Und freilich dann auch der Tod! Ja man sah Thränen und hörte Klagen. Für die rothen Gewänder rauschten schwarze auf. Aber manchmal wurde dann die Geschwätzigkeit des Glücks abgelöst von der Geschwätzigkeit des Unglücks. Man hörte prahlende Reden, wie man ertragen, entbehren, dulden, sich einrichten wollte. Und das Kind sah, welch’ ein Behagen aus dem neuen Zustande erwuchs. Die Erbschaften wurden besprochen. Oft entwickelte sich aus dem Tode eine noch größere Pracht, eine noch größere Freude. „Lachende Erben“ –! Das war dem Kinde ein Wort, anfangs unverständlich, dann so häßlich wie das Lachen der Lachtauben, das ihm nie gefallen konnte. Lachende Erben! Er hatte ein Bild an allen Buchbinderläden gesehen, wie ein reiches, sogenanntes „Hundefräulein“ einen geliebten verstorbenen Favorit-Mops begraben läßt und den eingeladenen, mitleidbezeugenden Pöbel mit Kuchen und Wein traktirt. Die Geschichte war soeben passirt. Und so kamen ihm alle „lachenden Erben“ vor. Ein Hund auf einem Katafalk mit Lichtern und ringsum lachende Heuchler, die zu weinen vorgeben und Kuchen essen und Wein trinken. Ein Todter war in der vornehmen Welt oft längst vergessen, und nur ein Kind, das ihm völlig fern stand, trauerte noch um den alten Herrn, der dort immer am Fenster bei den Hyacinthen gesessen, gescherzt, so präcis nach der Uhr gesehen hatte, an deren Kette man spielen durfte. Dann war er einmal gegangen und nicht wiedergekommen. 0.754054054054054
215 Je stärker die Angriffe werden, die das Leben auf die Kinderseele richtet, desto besorgter wird sie um sich blicken nach Schutz und Beistand. Das Gefühl, daß diese Welt von Haß und Feindschaft wimmelt, weckt das Bedürfniß der Liebe. Die noch schwache Haltlosigkeit des ersten bewußt- und klarwerdenden Gemüthslebens sieht sich überall um nach treuen Armen, an die es sich lehnen, sich schmiegen, mit denen es sich verschlingen möchte. Wer gedächte nicht dieses sehnsüchtigen ersten Liebegefühls! Der Jüngling stößt das Nächste zurück und will die Welt umfassen, das Kind umfäßt das Nächste wie die Welt. Sein erstes Spielzeug ist sein Freund und Gefährte. Der todte hölzerne Hund, das bärtige Kätzchen von papier maché gewinnen des kaum lallenden Kindes erste Zärtlichkeit. Bald zertrümmert die wilde Menschennatur, wie auch in spätern Jahren oft grausam genug, ihr erstes Spiel der Liebe. Die süßen Himmel werden gestürzt, die stumme Gegenliebe wird zerrissen, immer Neues will sich der flatternde Sinn gewinnen, um es, ausgekostet und genossen, [297] für wieder Neues auszutauschen. So wird der Arm um einen Gespielen, so um eine Nachbarin geschlungen und wie bald sind sie vergessen … Der Knabe empfand sogar zwei Neigungen zu gleicher Zeit; ein Fall, der seinem Doppelleben entsprach. Die Liebe in der Armuth galt einer Tochter Dorichs, des Selbstmörders in der Sattelkammer; die Liebe im Reichthum war ein lebhaftes, witziges, ausgelassenes Mädchen, eines Rathes Tochter. Beide Phantasieen ähnelten sich zum Verwechseln. Sie wurden mit demselben Herzen, mit demselben Munde verehrt, die Eine auf den dunklen Schleichwegen des akademischen Thurmes und im Wiesengras der Alltagswelt, die Andre sonntäglich auf dem Teppich ihres väterlichen Salons. Beide hatten dasselbe krause, schwarze, weiche Haar, beide kurz geschnittene Schwedenköpfe, beide hatten feurige braune Augen, beide dieselben weißen Zähne, dieselben kleinen Stumpfnäschen, beide waren behend wie Gazellen, älter als der Knabe, der in beiden Körpern auch nur die eine Seele liebte. Oder er liebte in ihnen nur sich selbst, wie ja jede Liebe damit beginnt, daß man ein Wesen findet, in dem wir die Hoffnung haben, mit unserm Ich unterzugehen, aber auch mit dem ganzen Ich, gestiefelt und gespornt! Liebe ist der verklärte Egoismus. Wenigstens ließ sich jene Doppelliebe kaum anders deuten. Von beiden Wesen fand sich der Knabe bevorzugt … [298] zum Necken, zum Gehänseltwerden; denn was ist wiederum Liebe anders, als das treuste Dienen und Apportiren? Diese beiden Mädchen, reifer, älter, als ihr Freund, schenkten im Spiele nur diesem ihre Gunst oder wußten, wenn sie grausam genug Andre wählten, vollkommen, wie sie ihn verletzten. Und auch der Haß, wenigstens Zorn und Schmollen, ist eine liebende Form bei so junger Neigung. Wenn Eines auf den Andern in wilde Wuth geräth, wird man seine Püffe da, wo man liebt, viel kräftiger einsetzen, als sie zwischen Wesen fallen, die sich gleichgültig sind. Mit der Tochter des Erhenkten schwärmte der Knabe unter den Sternen und mit der Tochter des Rathes unter duftenden Blumen. Beiden Freundinnen gehörte ein Herz mit demselben Pulsschlag und, wenn auch fast unmöglich, doch mit derselben Treue. Je stärker die Stöße und Angriffe werden, die das Leben auf ein junges Gemüth richtet, desto besorgter wird es sich nach Schutz und Beistand umsehen. Die Welt wimmelt von Haß und Feindschaft. Wo ist Liebe? Der Mensch, kaum ge-[190]boren, sucht Liebe. Der todte hölzerne Hund, das bärtige Kätzchen von Papiermaché gewinnen des kaum lallenden Kindes erste Zärtlichkeit. Bald freilich zertrümmert die wilde Menschennatur, wie auch in späteren Jahren oft grausam genug, ihr erstes Spielzeug der Liebe. Die süßen Himmel werden gestürzt, die stumme Gegenliebe wird zerrissen, immer Neues will sich der flatterhafte Sinn erobern, um das Ausgekostete, Genossene für wieder Neues auszutauschen. So wird der Arm um einen Gespielen, so um eine Nachbarin geschlungen, und wie bald sind sie vergessen! Der Knabe empfand zwei Neigungen zu gleicher Zeit; ein Fall, der seinem Doppelleben entsprach. Die Liebe in der Armuth galt einer Tochter jenes Selbstmörders in der Sattelkammer; die Liebe im Reichthum war ein lebhaftes, witziges, ausgelassenes Mädchen, eines Rathes Tochter. Beide Phantasieen ähnelten sich zum Verwechseln. Sie wurden mit demselben Herzen, demselben Munde durchlebt, die Eine auf den dunkeln Schleichwegen des akademischen Thurms und im Wiesengras der Alltagswelt, die Andre sonntäglich auf dem Teppich ihres väterlichen Salons. Beide hatten dasselbe krause, schwarze, weiche Haar, beide kurzgeschnittene sogenannte Schwedenköpfe, beide hatten feurige braune Augen, beide dieselben weißen Zähne, dieselben kleinen Stumpfnäschen, beide waren behend wie Gazellen, älter als der Knabe, der auch in beiden Körpern nur eine und dieselbe Seele liebte. Und diese Neigungen, die eben nur Gefühle waren, ausdruckslose Stimmungen, wurden erwidert. Von beiden Wesen fand sich der Knabe bevorzugt – wie man eben von Frauen bevorzugt wird – zum Necken, zum Gehänseltwerden; was ist den Frauen Männerliebe? Dienen und Apportiren! Diese beiden Mädchen, älter geworden, schenkten im Spiel nur diesem ihre Gunst oder wußten es vollkommen, wie sie ihn verletzten, wenn sie Andre wählten. Auch der Haß, wenigstens Zorn und Schmollen, ist eine Form der Liebe bei so junger Neigung. „Ich möchte ihm die Augen auskratzen –“ oder: „Der infame Bengel –!“ Alles das ist Liebe, und darum schwärmte der Knabe auch mit der Tochter des Erhenkten unter den Sternen und mit der Tochter des Rathes unter duftenden Zimmerblumen. 0.5632183908045977
216 Wo Liebe ist, ist Leid. Und das Leid der Liebe kommt nicht allein. Wo die einen Blüthen welken, sinken ungeahnt ihnen die andern nach. Das erste große schmerzliche Weh sollte jetzt den Knaben treffen, der Verlust seines Paradieses. Nicht durch eigne Schuld traf ihn dieser Schicksalsschlag. Das Wetter fuhr aus den Wolken nieder, nachdem schon lange selbst im lichten Sonnenschein ferne Donner das Nahen eines Sturmes verkündet hatten. Ach diese Zeichen kamen weither, vom fernen Lande des Ostens. Im Reich des Czaaren lebte Herrn Cleanth ein Bruder, ein Kriegsoberster des Kai-[299]sers Alexander. Schon lange hatte es geheißen, der spekulative Maler sollte ganz mit der deutschen Romantik brechen, sollte die Freimaurerei, die reine Humanität, Alles aufgeben und nach Rußland ziehen, dort das neue Wunder der Zeit, die Lithographie, lehren, Karten des Czaaren-Reiches zeichnen, der Regierung in ihren militärisch organisirten Culturspekulationen zur Hand sein. Noch sträubte sich das deutsche Gemüth gegen die polnischen Wälder, auf die es zunächst abgesehen war. Aber der Kriegsoberste des Czaaren schickte seine Gattin, seine Schwägerin; es kamen Neffen der Brüder, die schon in Warschau erzogen waren und polnische Sitte, polnischen Ehrgeiz mitbrachten. … Cleanths Hausstand erweiterte und vergrößerte sich durch diesen Zuwachs wunderbar. Polinnen, adlige, stolze, anspruchsvolle Wesen brachten Wägen, Rosse, Bediente und jene den Sarmaten eigne luxuriöse Umständlichkeit mit, die daheim alles das, was man nicht gerade in der Fremde kauft, viel besser hat. Das bauschte sich, das rauschte, das mäkelte, das flanirte durch die „Boutiken“, die Gold- und Silberläden, die Modemagazine. O, hieß es, in Deutschland kann man nicht heizen, in Deutschland kann man nicht kochen, in Deutschland kann man nicht waschen, ja auch nicht singen, nicht tanzen, nicht gehen und stehen. In Warschau und Petersburg war allein nur noch die Cultur zu finden. Wer hätte nicht [300] von den vielen beurlaubt reisenden Titular- und Collegienräthen auch noch jetzt selbst in Italien die Ueberzeugung gewonnen, daß nur in Petersburg die Goldorangen glühen! … Man hatte dies russische Selbstgefühl in den Damen, das polnische in den Kindern und Bedienten. Bei beiden Partheien gab es sich in solcher Lebendigkeit, daß das ohnehin damals zurückgehende Deutschland wie in Nichts verschwand. Willusch, ein Spielgenosse, Neffe Cleanths, ergriff einst bei Tische eine Gabel und rief, als von den Polen und ihrem „verschuldeten“ Geschick die Rede war, mit Verzweiflung: „O ich mir möchte stechen diese Gabel in die Brust, wenn Ihr beschimpft mein Vaterland!“ Die Andern lachten und wehrten dem Knaben, der später bei Ostrolenka kämpfte. Herr Cleanth bestrafte sogar den jungen Polen. Dem deutschen Gespielen aber blieb Willuschs Drohung unvergeßlich. Sich erstechen um sein Vaterland! Untergehen um eine Idee! Heilighalten etwas Verspottetes!.. Dies Wort eröffnete ihm einen Blick auf Gebiete, die von Herrn Cleanths Hause so entfernt lagen, wie die Turnerei der Haasenheide von dem Salon eines Ministers. Schauer der glühendsten Ideen-Ahnungen überrieselten das Herz. Diese heroische Hingebung eines Kindes an das Schicksal Polens schloß einen geheimen Bund mit der wachsenden eignen Erregung für öffentliche Dinge. [191] Wo Liebe ist, ist auch Leid. Und das Leid der Liebe kommt dann noch, wie alles Unheil, selten allein. Wo die einen Blüthen welken, sinken ihnen ungeahnt die anderen nach. Das erste große schmerzliche Weh sollte den Knaben treffen, der Verlust seines Paradieses. Nicht durch eigene Schuld. Das Wetter fuhr aus den Wolken, nachdem schon lange selbst bei lichtem Sonnenschein ferne Donner das Nahen eines Sturmes verkündet hatten. Ach, diese Zeichen kamen weit her, von einem Lande des Ostens! Im Reiche des Czaaren lebte Herrn Cleanth ein Bruder, ein Kriegsoberster des Kaisers Alexander, nach Warschau commandirt zum Geniecorps. Schon lange hatte es geheißen, der speculative Maler sollte ebenfalls mit der deutschen Romantik, die ihm ohnehin ein Gräuel war, brechen, sollte aber auch sein aufgeklärtes 18. Jahrhundert, die Freimaurerei, Voltaire, aufgeben und nach Rußland ziehen, dort das neue Wunder der Zeit, die Lithographie lehren, Karten des Czaaren-Reiches zeichnen und der Regierung überhaupt in ihren militairisch organisirten Culturspeculationen zur Hand gehen. Noch sträubte sich das deutsche Gemüth gegen die polnischen Wälder. Aber der Kriegsoberste des Czaaren schickte seine Gemahlin, seine Schwägerin; es kamen die Neffen der Brüder, die schon in Warschau erzogen waren und polnische Sitte, polnischen Ehrgeiz mitbrachten. Cleanth’s Hausstand erweiterte sich durch diesen Zuwachs. Russinnen, adlige, stolze, anspruchsvolle Wesen, brachten Wagen, Rosse, Bediente und jene den Sarmaten eigene luxuriöse Umständlichkeit mit, die daheim alles viel besser hat, ausgenommen das, was so eben in der Fremde gekauft wurde. Das bauschte sich, das rauschte, das mäkelte, flanirte durch die „Boutiken“, die Gold- und Silberläden, die Modemagazine. O, hieß es, in Deutschland kann man nicht heizen, in Deutschland nicht kochen, in Deutschland kann man nicht waschen, ja auch nicht singen, nicht tanzen, nicht gehen und stehen. Nur noch in Warschau und Petersburg war die Cultur zu Hause. Wer hätte nicht von den vielen beurlaubt reisenden Titular- und Collegienräthen noch jetzt, selbst in Italien, die Ueberzeugung gewonnen, daß nur in Petersburg die Goldorangen glühen! Dies russische Selbstgefühl in den Damen, das polnische in den Kindern und [192] Bedienten kam oft zu gewaltsamem Ausbruch. Bei beiden Partheien gab es sich in solcher Lebhaftigkeit kund, daß das ohnehin damals traurig zurückgehende Deutschland wie in Nichts verschwand. Willusch, ein Spielgenosse, Neffe Cleanth’s, ergriff bei Tisch eine Gabel und rief, als von Polen und seinem „verschuldeten“ Geschick die Rede war, mit Verzweiflung: „Ich mir möchte stechen diese Gabel in die Brust, wenn Ihr beschimpft mein Vaterland!“ Die Anderen wehrten dem Knaben, der später bei Ostrolenka focht. Herr Cleanth bestrafte sogar den sich so revolutionair vor den russischen Tanten äußernden jungen Polen. Dem deutschen Gespielen blieb Willusch’s Drohung unvergeßlich. Sich erstechen können um sein Vaterland! Untergehen um eine Idee! Heilighaltenkönnen etwas Verspottetes! Das Wort eröffnete ihm einen Blick auf Gebiete, die von Herrn Cleanth’s Hause so entlegen waren wie die Turnerei in der Hasenhaide von dem Salon des Fürsten Hardenberg. Ideen, Ahnungen stiegen aus dem Herzen in den Kopf. 0.6640625
217 [301] Herr Cleanth widerstand den Reizungen des Czaaren nicht. Der Czaar übertrug ihm vorläufig die Direction einer neuzustechenden Karte Polens und gab ihm außerdem die bestimmte Zusicherung weiterer Unterstützung, wenn er im Fache der praktischen Kunstanwendungen in Warschau Etablissements errichten wollte. Der Drang nach Bewährung seiner Umsicht und Regsamkeit lebte zu mächtig in dem seltnen Manne. Berlin bot, seine Kenntnisse geltend zu machen, keine Gelegenheit ohne das Risiko, das er fürchtete. So siegte denn der Entschluß, den verwandten russischen Damen und dem kleinen polnischen Willusch zu folgen. Das schöne große Palais am Leipziger Achteck wurde der Regierung verkauft, noch ein märchenhaft schöner Winter wurde genossen mit seinen Zeichnenstunden, seinen geselligen Spielen, seinen Weihnachtsfreuden, seinen strengen, aber unverstandenen Anleitungen zu einer „immer nur praktischen“ Lebensphilosophie, seinen Mißverständnissen zwischen strengem mathematischen Conservatismus und sich schon meldender ungebundener Romantik, seinen Neckereien durch die ausgelassensten Mädchen und der geduldig hingegebenen Schwärmerei für seine Doppelliebe … dann nahte der Frühling, im nahen Thiergarten sproßte und keimte es über dem vermoderten Laub, auf der Louisen-Insel lagen Schneeglöckchen und Krokus wie von Künstlerhand unter düstere Blut-Tannen und [302] Trauerweiden ausgestreut … die Stunde des Abschieds rückte heran. Auf die Länge widerstand Herr Cleanth den Reizungen des Czaaren nicht. Die russische Regierung übertrug ihm vorläufig die Direction einer neuzuentwerfenden Karte Polens und gab ihm außerdem die bestimmte Zusicherung weiterer Unterstützung, wenn er im Fache der praktischen Kunstanwendungen in Warschau Etablissements errichten wollte. Der Drang nach Bewährung seiner Umsicht und Regsamkeit lebte zu mächtig in dem ehrgeizigen Manne, der sich in einigen Jahren zum Minister der öffentlichen Arbeiten avancirt zu sehen träumte. Berlin bot keine Gelegenheit, seine Kenntnisse geltend zu machen; selbst etwas zu unternehmen, dafür fürchtete er das Risiko. So siegte denn der Entschluß, den russischen Damen und dem kleinen Willusch zu folgen. Das große Palais am Leipziger Achteck wurde der Regierung verkauft, noch ein märchenhaft schöner Winter im Nebenhause durchlebt mit Zeichnenstunden, Spielen, Weihnachtsfreuden, strengen, aber unverstandenen Anleitungen zur praktischen Lebensphilosophie, Mißverständnissen zwischen mathematischem Conservativismus und sich schon meldender ungebundener Romantik, Neckereien durch die ausgelassensten Hofraths- und Rendantentöchter und der geduldig hingegebenen Schwärmerei für jene [193] Doppelliebe. Dann nahte der Frühling. Im nahen Thiergarten sproßte und keimte es über dem vermoderten Laub. Auf der Louisen-Insel, die noch nicht lange angelegt war, lagen Schneeglöckchen und Krokus unter düstern Blut-Tannen und Trauerweiden, die zu treiben anfingen. Die Stunde des Abschieds rückte heran. 0.6737967914438503
218 Der furchtbarste Schmerz zerriß des Knaben Brust. Er sah nicht etwa nur die Herbigkeit des Verlustes allein, wenn sich ihm die Thür seines Paradieses plötzlich zuschlug und die Wonnen dieses Umgangs nicht mehr waren, er sah weit mehr nur die Trennung von seinem geliebtesten Freunde und Gespielen selbst. Von diesem zu lassen, von seinem halben Bruder, von diesem fröhlichen Gesellen, der nie den Kopf hängen ließ, immer lachte, immer strebte, immer mit blitzendem Auge ins Leben sah, von diesem Namensbruder mit den frischen Wangen, dem braunen Auge, dem dunklen Haar, seinem eignen Widerspiel in allen Dingen … scheiden. … Der Verlust war herzzerreißend. Noch hielt die Kraft an, als Briefe versprochen wurden, baldige Rückkehr, Besuch; als aber der Reisewagen wirklich hochbepackt vor der Thür stand, als das Horn des Postillons aus der Leipziger Straße sich meldete, die Rosse einlenkten zum frühlingsgrünen Achteck und nun vom gemüthlich pfeifenden Postillon sie eingespannt wurden, als es dann zum Abschied ging, zur letzten Umarmung … da brachen alle Schleusen der zurückgedämmten Wehmuth und so unaufhaltsam flossen die Thränen der innigsten Liebe, daß Herr Cleanth über die Heftigkeit dieses Schmerzes selbst erschüttert wurde und seine üblichen Seneca-[303]Regeln vom Beherrschen der Leidenschaften und alle stoischen Phrasen aus der Loge Royal-York diesmal voll Güte unterließ und in wirklicher Bewegung von seinem Halbsohne Abschied nahm. … Der Wagen rollte von dannen, der Postillon blies, Tücher wehten. … Der Knabe sah um sich … er war allein mit seiner weinenden Schwester. … Da lagen wohl Geschenke genug von Dingen, die man nicht hatte mitnehmen können, Spiegel, sogar Bilder, goldne Rahmen für die Eltern, auch Bücher, sogar die prächtige Beckersche Weltgeschichte, die der loyale, auf die russischen Voraussetzungen schnell eingehende Herr Cleanth als ein vom Czaaren verbotenes Buch zurückgelassen hatte … Konnte ihn davon etwas trösten? Er hatte, zehn Jahre alt, den ersten wahren Schmerz empfunden. Der furchtbarste Schmerz zerriß des Knaben Brust. Nicht etwa nur die Herbigkeit des Verlustes allein war sein Kummer, wenn sich ihm die Thür seines Paradieses so plötzlich zuschlug und die Wonnen dieses Umgangs nicht länger gestattet sein konnten, er sah nur die Trennung von seinem Freunde und Gespielen selbst. Von diesem zu lassen, seinem halben Bruder, dem immer frohgestimmten Gesellen, der nie den Kopf hängen ließ, immer lachte, immer strebte, immer mit blitzendem Auge in’s Leben sah, von diesem Namensbruder mit den frischen Wangen, dem braunen Auge, dem dunklen Haar, seinem eigenen vollkommenen Widerspiel in Allem – scheiden –! Der Verlust war ihm herzzerreißend. Noch hielt, als Briefe versprochen wurden und baldige Rückkehr und Besuch, die Kraft aus; als aber der Reisewagen hochbepackt vor der Thüre stand, das Horn des Postillons sich aus der Leipziger Straße meldete, die Rosse zum frühlingsgrünen Achteck einlenkten und sie eingespannt wurden, als es dann zum Abschied ging, zur letzten Umarmung, da brachen alle Schleusen der zurückgedämmten Wehmuth, und so unaufhaltsam flossen die Thränen der innigsten Hingebung, daß Herr Cleanth, über die Heftigkeit dieses Schmerzes selbst erschüttert, seine üblichen Seneca-Regeln vom Beherrschen der Leidenschaften und alle seine stoischen Maurer-Phrasen aus „Royal-York“ und den „Vier Weltkugeln“ diesmal unterließ und in wirklicher Bewegung von seinem Halbsohne Abschied nahm. Der Wagen rollte von dannen, der Postillon blies, Tücher wehten. Der Knabe sah sich um – er war mit seiner ebenfalls weinenden Schwester allein. Geschenke lagen noch genug da von Dingen, die man nicht hatte mitnehmen können, Spiegel, sogar Bilder in goldnen Rahmen für die Eltern, Bücher, die prächtige Becker’sche Weltgeschichte sogar in zehn Bänden. Der loyale, auf die russischen Voraussetzungen schnell eingehende Herr [194] Cleanth hatte diese als ein vom Czaaren verbotenes Buch zurückgelassen. Konnte den Knaben von Alledem etwas trösten? Er hatte den ersten wahrhaften Schmerz empfunden. 0.7777777777777778
219 Daheim erwartete ihn sein altes, angebornes Loos. Die Eltern führten keine Scene auf, aber sie fühlten das, was die Bildung durch eine Scene ausdrückt. Die Bildung würde die trauernden Kinder an ihr Herz gezogen und geliebkost haben. Diese Eltern aus dem Volke zogen ihre Kinder nicht an ihr Herz, liebkosten sie auch nicht mit Worten; aber das Weh fühlten sie doch und ihr Mitleiden sprach sich in Thaten ohne Worte aus. Sie wagten den Umzug aus einer engen unerträglich gewordenen Wohnung in eine neue und größere, die sie [304] bezahlen mußten. Sie wagten das Unglaubliche, sie gaben den Knaben sogar in eine lateinische Schule. Daheim erwartete ihn sein altes, angebornes Loos. Die Eltern führten keine Scene auf, aber in ihrem Gefühl und sonstigem Benehmen lag das, was die Bildung durch Scenen ausdrückt. Die Bildung würde die trauernden Kinder an ihr Herz gezogen und getröstet haben. Aber solche Eltern aus dem Volk helfen sich anders. Sie wagten den Umzug aus einer engen und unerträglich gewordenen Wohnung in eine neuere und größere, die sie von jetzt ab bezahlen mußten. Sie wagten sogar das Unglaubliche, dem Knaben den Gefallen zu thun, ihn „in’s Gymnasium“ zu geben. 0.5263157894736842
220 Eine neue Welt öffnete sich. Ein neues Leben begann.
221 In der Osterwoche wurde der düstre Thurm in der Akademie verlassen und dicht an den alten Schadow’schen Ziethen gezogen. Nach Ostern führte der Vater seinen Sohn zu jenem Zimmermann, dem mit dem Wurzelzeichen. Er war Rector eines blühenden Gymnasiums am Friedrichs-Werder. Nach dem Abschied von seinem geliebten Freunde war der Knabe noch in allen Nerven so erschüttert, so im Innersten wie erweicht, daß er die Ermahnungen des kleinen, runden, wohlgenährten, seltsamen, komischberufenen, aber warm empfindenden Mannes, des eigenthümlichsten Pedanten mit der großen Nase und dem verwickelten Periodenbau gleich beim ersten seiner sanften Worte mit ausbrechendem Weinen aufnahm. Die gute Sitte, die ihm die polnisch-russische Salonherrschaft zwangsweise beigebracht hatte, wirkte noch so in ihm nach, daß er auf Zimmermanns Wort: „Und nun, mein Sohn, gieb mir auf dies Versprechen hiermit feierlichst deine Hand!“ nicht die Hand bot, sondern die zarte, weiche, wohlgepflegte des liebevollen Schulmonarchen ergriff und sie voll Inbrunst an seine Lippen drückte. Zimmermann lächelte [305] über diese seltsame Ausnahme von der Regel. Aber der bald genug wieder verwildernde und in neuen Eindrücken sich zu besserer geistiger Gesundheit sammelnde Knabe hatte sich für immer seine Liebe gewonnen. Er konnte einen zweiten Abschnitt seines Lebens voll labyrinthischer Irrgänge auf jenen Handkuß hin getrost beginnen. In der Osterwoche wurde der düstre Thurm in der Akademie verlassen und dicht in der Nähe des alten Ziethen ein Häuschen bezogen. Nach Ostern führte der Vater den Sohn zum Director des Gymnasiums am Friedrichs-Werder. Nach dem Abschied von seinem geliebten Freunde war der Examinandus in allen Nerven noch so erschüttert, daß er die Ermahnungen des kleinen, runden, wohlgenährten, seltsamen, als komisch berufenen, aber warm empfindenden Schulmonarchen sogleich beim ersten seiner sanften Worte mit Thränen aufnahm. Die gute Sitte, die ihm die polnisch-russische Salonherrschaft zwangsweise beigebracht hatte, wirkte noch so in ihm nach, daß er auf des Directors Wort: „Und nun, mein Sohn, gieb mir auf dies Versprechen feierlichst die Hand!“ nicht die Hand reichte, sondern im Gegentheil die zarte, weiche, wohlgepflegte Hand des Schulmonarchen ergriff und diese voll Inbrunst an seine Lippen drückte. Zimmermann, so hieß der Schulregent, war früher selbst in Polen gewesen, lächelte über die unberlinische Sitte, ließ sich aber die Ausnahme von der Regel gefallen. Gewiß verwilderte der Knabe mit der Zeit – aber von jenem Handkuß her war ihm eine gute Note im Gedächtniß des Rectors zurückgeblieben. Wenigstens hat der durch die ständige Führung eines spanischen Rohrs in seinen hohen Stiefelschäften berühmte Pädagoge ihn niemals – eigenhändig durchgebläut. 0.4926829268292683