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Row Wally, die Zweiflerin. 1852 [num paras:303] Wally, die Zweiflerin. 1874 [num paras:300] JS
1 [1] I. [247] I. 0.3333333333333333
2 Wally, die Zweiflerin. Wally, die Zweiflerin. 1.0
3 Roman.
4 – Des Friedens Wund’ ist Sicherheit, – Des Friedens Wund’ ist Sicherheit, 1.0
5 Sorglose Sicherheit; doch weiser Zweifel Sorglose Sicherheit; doch weiser Zweifel 1.0
6 Wird Leuchte der Vernunft, des Arztes Sonde, Wird Leuchte der Vernunft, des Arztes Sonde, 1.0
7 Der Wunde Grund zu prüfen. Der Wunde Grund zu prüfen. 1.0
8 Shakespeare.
9 Shakspeare.
10 [3] Erstes Buch. Erstes Buch. 0.6666666666666666
11 I.
12 1.
13 Auf weißem Zelter sprengte im sonnengolddurchwirkten Walde Wally, ein Bild, das die Schönheit Aphroditens übertraf, da sich bei ihm zu jedem klassischen Reize, der nur aus dem cyprischen Meeresschaume geflossen sein konnte, noch alle romantischen Zauber gesellten; ja selbst die Drapperie der modernsten Zeit fehlte nicht; ein Vorzug, der sich weniger in der Schönheit selbst, als in ihrer Atmosphäre kund zu geben pflegt. Welche natürliche und ihr doch so vollkommen gegenwärtige Koketterie auf einem Thiere, von dem sie wahrscheinlich selbst nicht wußte, – daß es blind war! Wally gab sich das Ansehen, als wäre sie mit ihrer Situation verschwistert; aber nichts ist so reizend, als wenn durch irgend eine fast gelungene Affektation, durch die ganze Haltung eines innerlich mehr reflektirten wie angebornen Wesens einige kleine Lichtritzen schimmern und für den Mann, welcher sie sehen, belächeln kann, die versteckten Erleichterungen einer sich einschleichenden Neigung werden. Aber von den zahlreichen Cavalieren, welche Wally umga-[4]ben, sah diese kleinen Lücken der Furcht edler Weiblichkeit Niemand. Jene, die Lücken der Furcht, kannte vielleicht der Jokey, der auch wußte, daß die weiße Stute blind war. Aber die Uebrigen hingen nur – wie der Eisenfeilstaub am Magnet, wie die Nachahmung am Genie, wie das Ordinäre am Wunderbaren. Auf weißem Zelter sprengte im sonnengolddurchwirkten Walde Wally, ein Bild, das die Schönheit Aphroditens übertraf, da sich in unserm Falle zu jedem classischen Reize, der aus dem cyprischen Schaume nur irgend geflossen sein konnte, noch alle romantischen Zauber gesellten. Natürlich fehlte die Draperie der modernsten Zeit nicht; ein Vorzug, der sich weniger in der Schönheit selbst, als in ihrer Atmosphäre, ihrem Walten kund zu geben pflegt. Welche natürliche und ihr doch so vollkommen gegenwärtige Koketterie auf einem Thiere, von dem sie wahrscheinlich selbst nicht wußte – daß es blind war! Wally gab sich das Ansehen, als wäre sie mit ihrer Situation ganz verwachsen; aber wie oft fiel sie aus der Rolle einer muthigen Amazone! Wie oft wurde den zahlreichen Cavalieren, die sie umgaben, Gelegenheit zum Halten gegeben. Der Jokey wußte, daß die weiße Stute blind war. Aber die Uebrigen hingen wirklich [248] gläubig – wie der Eisenfeilstaub am Magnet, wie die Nachahmung am Genie, wie das Ordinäre am Wunderbaren. 0.5352941176470588
14 Am Wege schritt, wie es beim Temperamente sich von selbst versteht, im Zweivierteltakte, Cäsar, ein Mann, der im Stande war, eine solche Gruppe, wie die vorbeisprengende, im Nu zu übersehen und jede darin waltende Figur so zu isoliren, daß er sie Alle objectiv verarbeitete und an seiner eigenen Individualität zerrieb. Am Wege schritt, wie sich beim Temperamente von selbst versteht, im Zweivierteltakte, Cäsar, ein Mann, der im Stande war, eine solche Gruppe, wie die vorbeisprengende, im Nu zu übersehen und jede darin waltende Figur so zu isoliren, daß er sie Alle objectiv verarbeitete und an seiner eigenen Individualität zerrieb. 0.9777777777777777
15 Kennt ihr diese genialen Charaktere, welche durch ihr Schweigen immer mehr ausdrücken, als wenn sie reden, die nur ihr rollendes, siegendes Auge in die Gesellschaft bringen dürfen und jede Persönlichkeit darin absorbiren in eine Huldigung, die ihnen sogleich wird – ohne ihr Verlangen? Kennt ihr diese genialen Charaktere, die durch ihr Schweigen mehr ausdrücken, als wenn sie reden, die nur ihr rollendes, siegendes Auge in die Gesellschaft bringen dürfen und jede Persönlichkeit darin absorbiren in eine Huldigung, die ihnen sogleich wird – ohne ihr Verlangen? 0.9444444444444444
16 Cäsar stand im zweiten Drittel der zwanziger Jahre. Um Nase und Mund schlängelten Furchen, in welche die frühe Saat der Erkenntniß gefallen war, jene Linien, die sich von dem lieblichsten Eindrucke bis zu dämonischer Unheimlichkeit steigern können. Cäsars Bildung war fertig. Was er noch in sich aufnahm, konnte nur dazu dienen, das schon Vorhandene zu befestigen, nicht zu verändern. Cäsar hatte die erste Stufenleiter idealischer Schwärmerei, welche unsre Zeit auf junge Gemüther eindringen läßt, erstiegen. Er hatte einen ganzen Friedhof todter Gedanken, herrlicher Ideen, an die er einst glaubte, hinter sich; er fiel nicht mehr vor sich selbst nieder und ließ seine Vergangenheit die Knie seiner Zukunft umschlingen und jene zu dieser beten: heilige Zukunft, glü-[5]hender Moloch, wann hör’ ich auf, mich mir selbst zu opfern? Cäsar begrub keine Todten mehr: die stillen Ideen lagen so weit von ihm, daß seine Bewegungen sie nicht mehr erdrücken konnten. Er war reif, nur noch formell, nur noch Skeptiker; er rechnete mit Begriffsschatten, mit gewesenem Enthusiasmus. Er war durch die Schule hindurch und hätte nur noch handeln können; denn wozu ihn seine todten Ideen machten, er war ein starker Charakter. Unglückliche Jugend! Das Feld der Thätigkeit ist dir verschlossen, im Strome der Begebenheiten kann deine wissensmatte Seele nicht wieder neu geboren werden; du kannst nur lächeln, seufzen, spotten, und die Frauen, wenn du liebst, unglücklich machen! Cäsar stand im zweiten Drittel der zwanziger Jahre. Um Nase und Mund schlängelten Furchen, in welche die frühe Saat der Erkenntniß gefallen war, jene Linien, die sich von dem lieblichsten Eindrucke bis zu dämonischer Unheimlichkeit steigern können. Cäsar’s Bildung war fertig. Was er noch in sich aufnahm, konnte nur dazu dienen, das schon Vorhandene zu befestigen, nicht zu verändern. Cäsar hatte die erste Stufenleiter idealischer Schwärmerei, welche unsere Zeit in jungen Gemüthern erbaut, erstiegen. Er hatte einen Friedhof todter Gedanken, herrlicher Ideen, an die er einst geglaubt, hinter sich; er fiel nicht mehr vor sich selbst nieder und ließ seine Vergangenheit die Kniee seiner Zukunft umschlingen und jene zu dieser beten: heilige Zukunft, glühender Moloch, wann hör’ ich auf, mich mir selbst zu opfern? Cäsar begrub keine Todten mehr: die stillen Ideen lagen so weit von ihm, daß seine Bewegungen diese nicht mehr erdrücken konnten. Er war reif, nur noch formell, nur noch Sceptiker; er rechnete mit Begriffsschatten, mit gewesenem Enthusiasmus. Er war durch die Schule hindurch und hätte nur noch handeln können; er war, wozu ihn seine todten Ideen machten, ein starker Charakter. Unglückliche Jugend! Das Feld der Thätigkeit ist Dir verschlossen, im Strome der Begebenheiten kann Deine wissensmatte Seele nicht wieder neu geboren werden; Du kannst nur lächeln, seufzen, spotten, und die Frauen, wenn Du liebst, unglücklich machen! 0.8439306358381503
17 Cäsar, wie er einsam wandelte, fühlte, daß er weinen sollte, und lachte, um sich die Thränen zu vertreiben. [249] Wie Cäsar so einsam wandelte, fühlte er, daß er eigentlich weinen sollte, und um sich die Thränen zu vertreiben, lachte er. 0.7619047619047619
18 Da flog Wally mit ihren Begleitern an ihm vorüber. Sie schlug mit ihrer Gerte in die Seiten des schönen, aber blinden Gaules (sie wußte es wahrhaftig nicht!) – ein sonderbarer Glanz drang durch die Luft, und zu Cäsars Füßen lagen fünf kostbare Ringe. Da flog Wally mit ihren Begleitern an ihm vorüber. Sie schlug mit ihrer Gerte in die Seiten des schönen blinden Gaules (sie wußte es wahrhaftig nicht!) – ein sonderbarer Glanz drang durch die Luft, und zu Cäsar’s Füßen lagen fünf kostbare Ringe. 0.975
19 An der Reitgerte mußten diese Ringe gesteckt haben. Sie mußten an der Reitgerte gesteckt haben. 0.5
20 Wally sah, was der Unbekannte am Wege aufnahm; sie machte Miene anzuhalten; aber als der Fremde mit der Zurückgabe, spöttisch und ein Spiel beginnend, zögerte, blickte sie bös und trieb ihren Schimmel weiter. Die Cavaliere hatten nichts gesehen. Wally sah, was der Unbekannte am Wege aufnahm; sie machte Miene anzuhalten; aber als der Fremde mit der Zurückgabe, spöttisch und ein Spiel beginnend, zögerte, blickte sie bös und trieb ihren Schimmel weiter. Die Cavaliere hatten nichts gesehen. 1.0
21 Cäsar, da er die Reiterin sogleich aus den Augen verlor, mußte sich auf Alles wie besinnen. Er gefiel sich darin, an eine alte Sage zu glauben, an die Prinzessin [6] im Walde; er betraf sich darin, sich selbst mit irgend einem Zauber in Verbindung zu bringen. Da Cäsar die Reiterin sogleich aus den Augen verlor, mußte er sich erst auf Alles wieder besinnen. Er gefiel sich darin, an eine alte Sage zu glauben, an die Prinzessin im Walde; er brachte sich mit einem Zauber in Verbindung. Die Ringe zu sich steckend, wandte er sich der Stadt zu. 0.6458333333333334
22 II.
23 Er steckte die Ringe zu sich und hatte sie wieder vergessen, wie er innerhalb der Stadt war.
24 2.
25 Ein gewisser Regierungspräsident gab einen beinahe ländlichen Ball. Wally und Cäsar sahen sich hier. Cäsar hatte in einem Anfalle guter Laune die fünf Ringe über seine Handschuhe gezogen. Wally frug ihn, wie er darauf käme, seine Trophäen so ungeschickt zu tragen? „Weil meine rechte Hand,“ antwortete er, „beim Tanzen immer ungeschickt ist. Die Ringe verhindern sie, von dem glatten Rücken der Tänzerinnen abzugleiten.“ Wally ließ ihn stehen; dieser junge Mann mißfiel ihr. Aber sie fühlte, daß sie sich zerstreuen müsse, und tanzte mit Vorliebe. Sie wurde erhitzt, verfolgte Cäsar und sahe, daß er die Ringe wieder fortgenommen hatte. Ein Regierungspräsident gab auf seinem Landhause einen Ball. Wally und Cäsar sahen sich hier. Cäsar hatte in einem Anfall toller Laune die fünf Ringe über seine Handschuhe gezogen. Wally fragte ihn, wie er darauf käme, seine Trophäen so ungeschickt zu tragen? – „Ja!“ sagte er, „die Ringe verhindern die Finger, von dem glatten Rücken der Tänzerinnen abzugleiten. Sie werden doch wol Seide tragen?“ Wally ließ den kecken Antwortgeber stehen; dieser junge Mann mißfiel ihr. Aber sie fühlte, daß sie sich zerstreuen müßte, und tanzte mit Vorliebe. Sie wurde erhitzt, verfolgte jetzt Cäsar und sah, daß er die Ringe fortgenommen hatte. 0.6122448979591837
26 Sie wollte sie endlich doch wieder haben und rief einem ihrer Employés, einem blondharigen Referendar, der eine kleine Schrift über das Unzeitgemäße politischer Garantieen geschrieben hatte. Sie setzte ihm die Lage der Dinge auseinander. „Ich bin gewohnt,“ sagte sie, „für jeden Monat im Jahre einen andern Anbeter zu haben, und ich nehme Niemanden an, der sich nicht durch einen Ring in meine Gunst einkauft. An meinem Finger will ich die Ringe nicht: ich trage sie an meiner Reitgerte, und mache mir ein Ver-[7]gnügen daraus, wenn ich von Juli zu Juli ins Bad reise und armen kranken Leuten sie alle zwölf nach einander in die heißen Sprudelbecher werfe.“ Darauf erklärte sie ihm, wie sie fünf davon verloren hätte, und verlangte, daß sie ihr wieder zu Handen, das heißt zur Reitgerte kämen. Da er sie aber immer noch nicht brachte, so rief sie einem ihrer Employés, einem blondhaarigen Referendar, der eine [250] kleine Schrift über das Unzeitgemäße politischer Garantieen geschrieben hatte, sie setzte ihm die Lage der Dinge auseinander und sagte: „Ich bin gewohnt, für jeden Monat im Jahre einen andern Anbeter zu haben, und ich nehme Niemanden an, der sich nicht durch einen Ring in meine Gunst einkauft. An meinem Finger will ich die Ringe nicht: ich trage sie an meiner Reitgerte, und mache mir ein Vergnügen daraus, wenn ich von Juli zu Juli in’s Bad reise, sie alle zwölf armen kranken Leuten nach einander in die heißen Sprudelbecher zu werfen.“ Darauf erklärte sie ihm, wie sie fünf davon verloren hätte, und verlangte, daß sie ihr wieder zu Handen, zur Reitgerte kämen. 0.8256880733944955
27 Der junge Mann, welcher über das Unzeitgemäße politischer Garantieen geschrieben hatte, versprach sein Möglichstes und redete Cäsar an. Cäsar betrachtete ihn und besann sich auf den Verfasser der kleinen Brochüre. „Sie verstehen sich darauf,“ sagte er dann, „als St. Georg gegen die Ungethüme der Zeit zu kämpfen. Die Ringe der Dame passen zu meinem Schuppenleibe: ich stehe – als Lindwurm zu Ihren Diensten!“ „Wie versteh’ ich das?“ fragte der junge Mann, welcher über das Unzeitgemäße politischer Garantieen geschrieben hatte. Cäsar ließ ihn auf diese Naivetät stehen. Der Bote wagte nicht unverrichteter Sache zu Wally zurückzugehen; eben tanzte sie, sie hatte seine Abweisung glücklicherweise nicht bemerkt. Der junge Mann half sich aber; er wußte, von wem die fünf Ringe kamen: vier von seinen Freunden, die mit ihm theils auf dem Stadtamte fungirten, theils auf das nächste militärische Avancement warteten; einer gehörte ihm, denn Wally’s Sonne stand zufällig während dieses Monats in seinem Zeichen. Die Sache wurde unvermeidlich ein Ehrenhandel; aber er war perfid genug, dem Gegner das [8] Spiel fünffach zu erschweren. Cäsar bekam noch an demselben Abend fünf Ausforderungen ins Ohr geflüstert. Der junge Mann, der über das Unzeitgemäße politischer Garantieen geschrieben hatte, versprach seine Möglichkeit und redete Cäsar auf die Ringe an. Er möchte sie doch endlich herausgeben! Cäsar betrachtete ihn und besann sich auf den Verfasser der kleinen Brochüre. „Sie verstehen sich darauf,“ sagte er dann, „als St. Georg gegen die Ungethüme der Zeit zu kämpfen. Die Ringe der Dame passen zu einem Schuppenleibe: als Lindwurm stehe ich zu Ihren Diensten!“ – „Wie versteh’ ich das?“ rief der junge Publicist. Cäsar ließ ihn stehen. „Schuppenleib? Lindwurm?“ Der Beauftragte wagte nicht unverrichteter Sache zu Wally zurückzugehen; sah die Geneigtheit zu einem Duell. Das war der Aerger, daß sie die Ringe durch einen Andern abfordert! Er stand und sann – Wally tanzte eben, sie hatte glücklicherweise seine Abweisung nicht bemerkt – er wußte, von wem die fünf Ringe kamen; vier von seinen Freunden, die mit ihm theils auf dem Stadtamte fungirten, theils auf das nächste militairische Avancement warteten; einer gehörte ihm, Wally’s Sonne stand während dieses Monats in seinem Zeichen. Die Sache wurde unvermeidlich ein Ehrenhandel; aber er war perfid genug, dem Gegner das Spiel fünffach zu erschweren. Cäsar bekam noch an demselben Abend fünf Ausforderungen in’s Ohr geflüstert. 0.7615894039735099
28 Cäsar nickte mitleidig zu jeder; für den folgenden Morgen war Alles anberaumt; denn er entfernte sich früh. Cäsar nickte mitleidig zu jeder; Alles war für den folgenden Morgen anberaumt; er entfernte sich früh. 0.9411764705882353
29 Wally aber tanzte bis in die Nacht. O welch ein Glück, sich mit dem faden Mittelgut in diesen ewig gleichen Kreisen herumzudrehen! Wally tanzte bis in die Nacht. Welch ein Glück, sich [251] mit dem faden Mittelgut in ewig gleichen Kreisen herumzudrehen! 0.7391304347826086
30 III.
31 3.
32 Es war schon um die eilfte Vormittagsstunde des folgenden Tages, als Wally unter den Händen ihres Kammermädchens saß und ihr Haar flechten ließ. Sie hatte einen kleinen Tisch vor sich gerückt, worauf die Erzeugnisse der neuesten Literatur lagen. Natürlich kamen sie frisch aus dem Buchladen; geschmackvolle Leute lesen nicht aus Leihbibliotheken. Es war schon um die eilfte Vormittagsstunde des folgenden Tages, als Wally unter den Händen ihres Kammermädchens saß und ihr Haar flechten ließ. Sie hatte einen kleinen Tisch vor sich gerückt, worauf die Erzeugnisse der neuesten Literatur lagen. Natürlich kamen sie frisch aus dem Buchladen; geschmackvolle Leute lesen nicht aus Leihbibliotheken. 1.0
33 Sie blätterte in dem jüngsten Musenalmanach von Schwab und Chamisso. „Diese guten Waldsänger,“ sprach sie vor sich hin, „nehmen sich die Freiheit, sehr ennüyant zu sein. Wenn uns die Reime nicht in einer Art von melodischer Spannung hielten, die Monotonie der Gefühle und Anschauungen wäre tödtlich. Ich ziehe Prosa vor. Heine’s Prosa ist mir lieber, als Uhland und sein ganzer Bardenhain.“ Sie blätterte in dem jüngsten Musenalmanach von Schwab und Chamisso. „Diese guten Waldsänger“, sprach sie vor sich hin, „nehmen sich die Freiheit, sehr ennüyant zu sein. Wenn uns die Reime nicht in einer Art von melodischer Spannung erhielten, die Monotonie der Gefühle und Anschauungen wäre tödtlich. Ich ziehe Prosa vor.“ 0.8076923076923077
34 Sie griff nach Heine’s Salon, zweiter Band. „Willst du Philosophie studiren, Aurora?“ fragte sie ihr Kammermädchen: „hier sind all die gelehrten, bemoosten Karpfen der deutschen Philosophie mit Frühlingspetersilie und Vanille [9] zubereitet. Man sollte die Bonbons in Aphorismen aus Heine’s Salon einschlagen. Welch gesunkenes Volk müssen die Franzosen sein, daß sie gerade auf der Stufe in den Wissenschaften stehen, wo in Deutschland die jungen Mädchen!“ Sie griff nach Heine’s Salon, zweiter Band. „Willst Du Philosophie studiren, Aurora?“ fragte sie ihr Kammermädchen: „Hier sind all’ die gelehrten, bemoosten Karpfen der deutschen Philosophie mit Frühlingspetersilie und Vanille zubereitet. Man sollte die Bonbons in Aphorismen aus Heine’s Salon einschlagen. Welch’ ein gesunkenes Volk müssen die Franzosen sein, daß sie gerade auf der Stufe in den Wissenschaften stehen, wo in Deutschland die jungen Mädchen!“ 0.896551724137931
35 Einige Schriften vom jungen Deutschland lagen zur Hand, von Wienbarg, Laube, Mundt. „Wienbarg ist zu demokratisch: ich habe nie gewußt, daß ich vom Adel bin,“ sagte sie; „aber mit Schrecken denk’ ich daran, seit ich diesen Autor lese. Laube scheint den Adel nicht abschaffen, sondern überflügeln zu wollen. Doch bleibt es arg; er ist recht impertinent. Er gibt sich in seinen Schriften das Ansehen, als kennte er jede seiner Leserinnen und verlange von ihr eine Hingebung, um die er nicht einmal bittet. Mundt goutir’ ich nur halb: denn er wird, je mehr er sich selbst klar zu werden scheint, für Andere immer unverständlicher. Verstehst du das, Aurora?“ Einige Schriften vom jungen Deutschland lagen zur Hand, von Wienbarg, Laube, Mundt. „Wienbarg ist zu demokratisch: ich habe nie gewußt, daß ich vom Adel bin,“ sagte sie; „aber mit Schrecken denke ich daran, seit ich diesen Autor lese. Laube scheint den Adel nicht abschaffen, sondern überflügeln zu wollen. Er ist recht impertinent. Das ist schon ein Anfang. Er giebt sich in seinen Schriften das Ansehen, als kennte er jede seiner Leserinnen persönlich und verlange von ihr eine Hingebung, um die er nicht einmal bittet. Mundt goutire ich nur halb: er wird, je mehr [252] er sich selbst klar zu werden scheint, für Andere desto dunkler. Verstehst Du das, Aurora?“ 0.7628865979381443
36 Aurora hatte etwas in den Mund bekommen und mußte abscheulich husten. Wally lachte. Aurora hatte etwas in den Mund bekommen und mußte abscheulich husten. Wally lachte. 1.0
37 Unter den Büchern lag zuletzt die neueste Lieferung der Carlsruher Bilderbibel, auf welche Wally abonnirt hatte. „Wie sonderbar doch das Christenthum auf Velinpapier aussieht!“ sagte sie zu sich selbst. „Dienen diese Kupfer zu etwas anderem, als die Aufmerksamkeit noch mehr von dem heiligen Buche abzulenken! Siehe, da steht ein Druckfehler! Ein umgekehrter Buchstabe! Es ist eigen, in der Bibel Irrthümer zu entdecken.“ Unter den Büchern lag zuletzt die neueste Lieferung der Carlsruher Bilderbibel, auf welche Wally abonnirt hatte. „Wie sonderbar doch das Christenthum auf Velinpapier aussieht!“ sagte sie zu sich selbst. „Dienen diese Kupfer zu etwas Anderem, als die Aufmerksamkeit noch mehr von dem heiligen Buche abzulenken! Siehe, da steht ein Druckfehler! Ein umgekehrter Buchstabe! Irrthümer in der Bibel!“ 0.896551724137931
38 Wally sah nur auf das Aeußere, auf den Einband, dann las sie etwas. Sie las einige Verse, ein halbes [10] Kapitel, und fragte ihr Mädchen, wann sie zuletzt in der Kirche gewesen wäre? Aurora war nicht frivol: sie war vor vier Wochen da gewesen. Wally las, ohne zu hören. Dann fragte sie: „warum bist du so still?“ Aurora war nicht mehr im Zimmer: Wally blickte sich scheu um und las weiter. Ihr Auge haftete stier auf den Buchstaben; sie schlug eine Seite nach der andern um; dann lehnte sie sich zurück, eine Thräne stand in ihrem Auge. Sie sah mit einem flehenden, verzweifelnden Blick auf den kleinen Tisch, der so viel Widersprechendes friedlich umschloß. Sie stützte den Kopf auf die Lehne ihres Sessels; es war Sonntag. Die Glocken läuteten, aus der nahen Kirche brausten die Töne der Orgel herüber. Wally war in Thränen aufgelöst. Kann man dem Himmel ein schöneres Opfer bringen? Diese Thränen flossen aus dem Weihebecken einer unsichtbaren Kirche. Die Gottheit ist nirgends näher, als wo ein Herz an ihr verzweifelt. Wally war unglücklich, wenn sie an den Glauben ihrer Kindheit dachte. Wally sah nur auf das Aeußere, auf den Einband, dann las sie etwas. Sie las einige Verse, ein halbes Kapitel, und fragte ihr Mädchen, wann sie zuletzt in der Kirche gewesen wäre? Aurora war nicht frivol: sie war vor vier Wochen dagewesen. Wally las, ohne zu hören. Dann fragte sie wieder: „Warum bist Du so still?“ Aurora war nicht mehr im Zimmer. Wally blickte sich scheu um und las. Ihr Auge haftete auf den Buchstaben; sie schlug eine Seite nach der andern um; dann lehnte sie sich zurück, eine Thräne stand ihr im Auge. Sie sah mit flehendem, verzweifelndem Blick auf den kleinen Tisch, der so viel einander Widersprechendes friedlich umschloß. Sie stützte den Kopf auf die Lehne ihres Sessels; es war Sonntag. Die Glocken läuteten, aus der nahen Kirche brausten die Töne der Orgel. Wally saß in Thränen. Kann der Himmel ein schöneres Opfer bringen? Diese Thränen flossen aus dem Weihebecken einer unsichtbaren Kirche. Die Gottheit ist nirgends näher, als wo ein Herz an ihr verzweifelt. Wally war unglücklich, wenn sie an den verlornen Glauben ihrer Kindheit dachte. 0.8382352941176471
39 Aurora kam zurück. Es war Besuch im Gesellschaftszimmer. Wally hätte absagen müssen; aber sie war willenlos. Sie fand die Ritter von den fünf Ringen, einige von ihnen leicht verwundet. Wally erschrack, als sie von dem Vorfalle hörte. Cäsar war am Arme blessirt. Aber schon die Nachricht, daß keine Gefahr vorhanden, richtete sie auf; und wie in der menschlichen Seele Schmerz und Freude sich ergänzen und das Linderungsmittel des einen Uebels auch gleich alle übrigen [11] Sorgen heilt, die mit ihm in keiner Verbindung standen, so wandte sie sich theilnehmend dem Gespräche zu. Es war fade, wie immer; aber verzeihlich der Tageszeit wegen. Man soll vor Tische von keinem Menschen verlangen, daß er geistreich sei. Wally konnte lachen und lachte übermäßig. Aurora kam zurück. Es war Besuch im Gesellschaftszimmer. Wally hätte absagen müssen; aber sie war willenlos. Sie fand die Ritter von den fünf Ringen, einige von ihnen leicht verwundet. Als sie von dem Vorfalle hörte, erschrak die Veranlasserin desselben nicht wenig. Cäsar war am Arme blessirt. Aber schon die Nachricht, daß keine Gefahr vorhanden, richtete sie auf; und wie sich in der menschlichen Seele Schmerz und Freude ergänzen und das Linderungs-[253]mittel des einen Uebels auch gleich alle übrigen Sorgen heilt, selbst solche, die mit ihm in keiner Verbindung standen, so wandte sie sich theilnehmend dem Gespräche zu. Es war fade, wie immer; aber verzeihlich der Tageszeit wegen. Man soll von keinem Menschen verlangen, daß er vor Tische geistreich sei. Wally konnte lachen und lachte übermäßig. 0.8761904761904762
40 IV.
41 4.
42 Beide sahen sich eine Woche später. Wally hatte nicht das Herz, von dem Vorfalle zu sprechen. Aber es währte nicht lange, so sprachen sie über den Muth. Beide sahen sich eine Woche später. Wally hatte nicht das Herz, von dem Vorfall zu sprechen. Aber es währte nicht lange, so sprachen sie über den Muth. 0.9259259259259259
43 Sie wollte wissen, ob der Muthige die Gefahr absichtlich verkleinere oder nur geringer achte, ob der Muth noch während der Gefahr daure oder nur das Vorspiel der Gefahr sei. Cäsar sagte, er hätte nie über den Muth nachgedacht, besäße ihn auch nicht hinreichend dafür. Wally brannte der Vorfall wegen seiner Verwundung auf den Lippen; aber sie hielt an sich und lächelte blos. „Ich glaube,“ sagte Cäsar, „daß es Menschen gibt, deren Muth darin besteht, daß sie die Gefahr gar nicht sehen. Das sind diejenigen, welche als die vorzugsweise Muthigen überall gefürchtet werden: auf den Universitäten jene unverschämten Knaben, die gegen Jedermann die Hand in die Seite stemmen und von Verachtung und Malice übersprudeln; unterm Militär diejenigen, welche ihren Säbel gern so hängen, daß sie ihn hinter sich klirren hören. Man kann aber sagen, daß wenn diese Menschen Einbildungs-[12]kraft genug hätten, die Gefahr zu sehen, sie die verzagtesten sein würden. Der Besonnene ist von Natur niemals muthig. Er folgt nur den Rücksichten und ist unerschrocken, weil die Sache einmal nicht zu ändern ist.“ Sie wollte wissen, ob der Muthige die Gefahr absichtlich verkleinere oder nur geringer achte, ob der Muth noch während der Gefahr dauere oder nur das Vorspiel der Gefahr sei. Cäsar sagte, er hätte nie über den Muth nachgedacht, besäße ihn auch dafür nicht hinreichend. Wally brannte der Vorfall wegen seiner Verwundung auf den Lippen; aber sie hielt an sich und unterbrach: „Wer muthig ist, reflectirt nicht darüber.“ Dennoch sagte Cäsar: „Ich glaube, daß es Menschen giebt, deren Muth darin besteht, daß sie die Gefahr nicht sehen. Das sind diejenigen, die als die vorzugsweise Muthigen überall gefürchtet werden: auf den Universitäten jene unverschämten Knaben, die gegen Jedermann die Hand in die Seite stemmen und von Verachtung und Malice übersprudeln; unterm Militair diejenigen, die ihren Säbel so hängen, daß sie ihn hinter sich klirren hören. Man kann aber sagen, daß wenn diese Menschen Einbildungskraft besäßen, Verstand genug, um die Gefahr zu sehen, sie die verzagtesten sein würden. Der Besonnene ist von Natur nicht muthig. Er folgt nur den Rücksichten, aber ist unerschrocken, wenn die Sache nicht zu ändern ist.“ 0.8134328358208955
44 Wally fand diese Aeußerungen durchaus nicht so liebenswürdig, wie sie gewohnt war, dergleichen von ihren männlichen Umgebungen zu hören. Es war auch an diesem Urtheile etwas, was einen guten Schein hatte. Sie vermißte an Cäsar den Reiz der Natürlichkeit. Seine Reflexion zog an, befriedigte aber das Temperament nicht. Nichts desto weniger traf sie sehr gut die Gedankenreihe Cäsars, indem sie fortfuhr: „Ich glaube fast, Sie halten die Tugend für eine Berechnung?“ „Die Tugend nicht,“ entgegnete Cäsar; „aber Alles, was man oft für Instinkt anzusehen gewohnt ist. Unsere Handlungen sollen berechnet sein, aber auch unsere Empfindungen sind es meist. Ich erinnere Sie nur an das Unbequeme mancher Empfindung, mit der wir gern kokettiren, die uns aber in gewissen Zeiten recht zur Unzeit kommt.“ „Sie sind ohne Natur!“ sagte Wally. „Ich bin ohne Verstellung!“ fiel Cäsar ein. „Ohne Verstellung? Jeder Satz in Ihren Theorieen scheint von Ihren zufälligen Zwecken abhängig zu sein.“ Cäsar mußte lächeln; er hatte etwas gesagt, was er nicht meinte. „Glauben Sie,“ fragte er, „daß es in der Liebe eine Höflichkeit gibt?“ „Das versteh’ ich nicht.“ Cäsar blickte finster und wollte abbrechen. „Was ist Ihnen?“ fragte Wally. [13] „Ich denke, Sie vermeiden über einen Zustand zu sprechen, den Sie vielleicht nicht zu kennen vorgeben.“ „Halten Sie mich für eine Närrin?“ fragte Wally, erst bös, dann aber hellte sich ihr Antlitz zu einer Liebenswürdigkeit auf, die Cäsarn fast einen Augenblick zu verwirren schien. Wally fand diese Aeußerungen durchaus nicht so liebenswürdig, wie sie gewohnt war, dergleichen von ihren anderen männlichen Umgebungen zu hören. Sie vermißte an Cäsar den Geist des Unmittelbaren, der Natürlichkeit. Seine [254] Reflexion zog an, befriedigte aber das Temperament nicht. Nichtsdestoweniger traf sie die Gedankenreihe Cäsar’s, indem sie fortfuhr: „Ich glaube fast, Sie halten die Tugend für eine Berechnung?“ – „Die Tugend nicht,“ entgegnete Cäsar; „aber Alles, was man oft für Instinct anzusehen gewohnt ist. Unsere Handlungen sollen berechnet sein, aber auch unsere Empfindungen sind es meist. Ich erinnere Sie nur an das Unbequeme mancher Empfindung, womit wir so gern kokettiren möchten, die uns aber in gewissen Zeiten recht zur Unzeit kommt.“ – „Sie sind ohne Natur!“ – „Ich bin ohne Verstellung!“ – „Ohne Verstellung? Jeder Satz in Ihren Theorieen scheint von Ihren zufälligen Zwecken abhängig zu sein.“ – Cäsar mußte lächeln; er hatte etwas gesagt, was er nicht meinte. „Glauben Sie,“ fragte er, „daß es in der Liebe noch Höflichkeit giebt?“ – „Das versteh’ ich nicht.“ Cäsar blickte finster und wollte abbrechen. – „Was ist Ihnen?“ fragte Wally. – „Ich denke, Sie vermeiden über einen Zustand zu sprechen, den Sie vielleicht nicht zu kennen vorgeben.“ – „Halten Sie mich für eine Närrin?“ Erst war Wally bös, dann aber hellte sich ihr Antlitz zu einer Liebenswürdigkeit auf, die Cäsarn einen Augenblick zu verwirren schien. 0.8208092485549133
45 „Nehmen Sie nur an,“ sagte er, „wie unzeitig und unbequem man werden kann, wenn man seinen Leidenschaften immer den natürlichen Raum läßt. Ich verspreche zum Beispiel einer Dame, sie einen Tag um den andern zu besuchen. Was heißt das? Sie ist einen Tag um den andern in der Spannung, wo sie glaubt beglücken zu können. Ihre Gedankenreihen werden immer einen Tag überschlagen, einen Tag, wo ihr Gemüth mir gerade nicht untreu, aber ohne Rapport, ohne Illusion ist. Man kann nicht unhöflicher sein, als an diesem Tage, der überschlagen werden sollte und der für die Liebe gar nicht da ist, seine Braut zu überraschen.“ Wally lachte laut auf. Jetzt hielt sie Cäsarn für einen Narren und fragte ihn, welche Frau ihm diese Geständnisse gemacht hätte. Cäsar war kein Pedant, er lachte mit, fuhr aber fort: „Ich versichre Sie, es ist nichts abscheulicher, als das Ungeschickte und Unbequeme, selbst in Herzenssachen. Der Instinkt mag hier manche üble Empfindung hintertreiben; aber sicher geht allein die Combination der Psychologie. Ich möchte um alles in der Welt zu einer gewissen Zeit, unter gewissen Umständen von der Freundschaft kein Opfer, von der Liebe keine Zärtlichkeit verlangen. Mit unsrer rohen Natürlichkeit sind wir immer gewohnt zu übertreiben; in [14] nichts sind wir aber übertriebener, als in unsern Forderungen. Ist es erhört, was der Enthusiasmus nicht alles in den gefühlvollen Beziehungen der Geschlechter oder in der Freundschaft zu entdecken glaubte! Wer kann das alles leisten! Wer kann so unhöflich sein, alle diese Leistungen in Anspruch zu nehmen? Sagen Sie!“ „Ich habe vergessen, Rumohr zu lesen;“ antwortete Wally. „Rumohr!“ sprach Cäsar; „Rumohr hatte vielleicht Anstand, aber nicht Geist und Muth genug, eine wahre Schule der Höflichkeit zu schreiben. Rumohr glaubt an seine Vorschriften und scheut sich doch, die meisten davon anders, als in einem gewissen Helldunkel zu geben. Rumohr glaubte, er müsse sich immer noch eine Hinterthür offen lassen, um nicht in der Höflichkeit für einen Fant zu gelten. Auch ist dieser Mann so sehr in die Classicität verrannt, daß er alle Tugenden und Untugenden des Alterthums aufzählt, aber ein wichtiges, modernes Laster ganz mit Stillschweigen übergeht, ein Laster, wofür die Alten gar keinen Ausdruck hatten. Rumohr konnte davon nicht sprechen, weil er selbst darin ganz verstrickt ist. Dies ist die Langeweile. Aber was Rumohr? Es gibt eine weit tiefere Höflichkeitstheorie, welche auf ästhetischen und moralischen Prinzipien zu gleicher Zeit beruht. Soll ich ihren Grundsatz nennen? Lassen Sie aus einem christlichen Gebote nur einen Buchstaben weg. Rathen Sie!“ Wally wurde roth: nicht des Räthsels wegen, sondern – des Christenthums. Cäsar ergänzte sich selbst und sagte: „Lebe deinen Nächsten, wie dich selbst! Sei Egoist, ohne deinen Nachbar [15] zu verwunden! Wenn ich mich in die innersten Falten Ihrer Seele (Falten! Ihre junge Seele! Aber die Seele ist immer alt, der Theil der jahrtausendjährigen Urseele und Weltseele, der in uns wohnt), wenn ich mich in sie versetze, so bin ich gewiß, immer die Wirkungen zu beobachten, die ich eine Minute nachher schon selbst bestimmen kann. Sie hören mich nicht mehr. Es ist wahr, ich habe zu laut gesprochen.“ „Nehmen Sie nur an,“ sagte er, „wie unzeitig und unbequem man werden kann, wenn man seinen Leidenschaften immer den natürlichen Raum läßt. Ich verspreche zum Beispiel einer Dame, sie einen Tag um den andern zu besuchen. Was heißt das? Sie ist einen Tag um den andern in der Spannung, wo sie glaubt beglücken zu können. Ihre Gedankenreihen werden immer einen Tag überschlagen, einen Tag, wo ihr Gemüth mir gerade nicht untreu, aber ohne Rapport, ohne Illusion ist. Man kann nicht unhöflicher sein, als nun gerade an diesem Tage, der überschlagen werden sollte und der für die Liebe gar nicht da ist – seine Braut zu überraschen.“ „Ach das ist toll!“ rief Wally laut und fragte ihn, welche Frau ihm diese Geständnisse gemacht? „Also eine Braut macht förmlich Toilette für die Liebe?“ Sie lachte. Cäsar war kein Pedant, er lachte mit, fuhr aber fort: „Ich versichre Sie, es ist nichts abscheulicher, als das Ungeschickte [255] und Unbequeme, selbst in Herzenssachen. Der Instinct mag hier manche üble Empfindung hintertreiben; aber sicher geht allein die Combination der Psychologie. Ich möchte um Alles in der Welt zu einer gewissen Zeit, unter gewissen Umständen kein Opfer von der Freundschaft, keine Zärtlichkeit von der Liebe verlangen. Mit unserer rohen Natürlichkeit sind wir immer gewohnt zu übertreiben; in nichts sind wir aber übertriebener als in unseren Voraussetzungen. Ist es erhört, was nicht alles der Enthusiasmus in den gefühlvollen Beziehungen der Geschlechter oder in denen der Freundschaft zu entdecken glaubte! Wer kann alles Das leisten! Wer kann so unhöflich sein, alle diese Leistungen in Anspruch zu nehmen? Sagen Sie selbst!“ „Ich habe vergessen, Rumohr zu lesen;“ antwortete Wally. „Rumohr und Schule der Höflichkeit!“ lachte Cäsar: „Rumohr hatte vielleicht Anstand, aber nicht Geist und Muth genug, eine wahre Schule der Höflichkeit zu schreiben. Rumohr glaubt an seine Vorschriften und scheut sich doch, die meisten davon anders, als in einem gewissen Helldunkel zu geben. Rumohr glaubte, er müßte sich immer noch eine Hinterthür offen halten, um nicht in der Höflichkeit für einen Fant zu gelten. Auch ist der gelehrte Mann so sehr in Classicität verrannt, daß er alle Tugenden und Untugenden des Alterthums aufzählt, aber ein wichtiges, modernes Laster ganz mit Stillschweigen übergeht, ein Laster, wofür die Alten keinen Ausdruck hatten. Rumohr konnte nicht davon sprechen, weil er selbst daran litt. Es ist die Langeweile. Aber was Rumohr? Es giebt eine tiefere Höflichkeitstheorie, die zu gleicher Zeit auf ästhetischen und moralischen Principien beruht. Soll ich ihren Grundsatz nennen? Lassen Sie aus einem christlichen Gebote nur einen Buchstaben weg. Rathen Sie!“ – Wally wurde roth: nicht des Räthsels wegen, sondern – der „Gebote“ wegen. – Cäsar ergänzte sich selbst und sagte: „Lebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! Sei Egoist, ohne Deinen Nachbar zu verwunden! Wenn ich mich in die innersten Falten Ihrer Seele (Falten! Ihre junge Seele! Aber die Seele ist immer alt, sie ist ein Theil der jahrtausendjährigen Urseele und Weltseele, der in uns wohnt), wenn ich mich in sie versetze, so bin ich gewiß, immer die [256] Wirkungen zu beobachten, die ich eine Minute nachher schon selbst bestimmen kann. Sie hören mich nicht mehr. Es ist wahr, ich habe zu laut gesprochen.“ 0.8454258675078864
46 Der gute Cäsar mit seinen langweiligen Theorieen! Er mochte Wunder glauben, wie zart er die Fibern des menschlichen Herzens anatomire; und hatte schon längst seine Widersacherin innerlichst verletzt. Er wußte dies nicht und schämte sich nur, so theoretisch debattirt zu haben. Um die Sache war es ihm oft gar nicht zu thun. Er hatte überhaupt nur zwei Steckenpferde, auf denen er sich heiß reiten konnte, die Verachtung der Musik und die Strenge der Erziehung. Diese beiden Fragen interessirten ihn, weil sie das Nächste berührten, das Zimmer des Nachbars gleichsam, weil die Musik sich gern in der Gesellschaft so breit macht und über Erziehung so viel Empfindsames gefaselt wird. Er pointirte die Verachtung der Musik, um die jungen Damen (welche, wenn man von ihnen Gedanken verlangt, mit Musik antworten) ihre Leere fühlen zu machen: in der Erziehung aber pointirte er den Stock, um sich das Geschwätz über Kinder, das Präsentiren der lieben Kleinen, die Koketterie mit seinem einzigen oder seinem jüngsten Balge vom Leibe zu halten. Auf alles Uebrige ließ es Cäsar ruhiger ankommen. Für Himmel, Hölle, Erde und was drin, drauf und drunter ist, nahm er nur Interesse, [16] um sich zu unterhalten, oder eine hübsche Wendung darüber zu haben. Der gute Cäsar mit seinen langweiligen Theorieen! Er mochte Wunder glauben, wie zart er die Fibern des menschlichen Herzens zerlegte, und längst schon hatte er seine Widersacherin innerlich verletzt. Er wußte dies nicht und schämte sich nur, so theoretisch debattirt zu haben. Um die Sache war es ihm oft gar nicht zu thun. Er hatte überhaupt nur zwei Steckenpferde, worauf er sich heiß reiten konnte, die Verachtung der Musik und die Strenge der Erziehung. Diese beiden Fragen interessirten ihn, weil sie das Nächste berührten, das Zimmer des Nachbars gleichsam. Die Musik macht sich breit in der Gesellschaft und über Erziehung wird so viel Empfindsames gefaselt. Er betonte die Verachtung der Musik, um die jungen Damen (die, wenn man von ihnen Gedanken verlangt, mit Musik antworten) ihre Leere fühlen zu lassen: in der Erziehung aber sprach er für den Stock, um sich das Geschwätz über Kinder, das stete Präsentiren der lieben Kleinen, die Koketterie mit seinem Einzigen oder seinem Jüngsten entfernt zu halten. Auf alles Uebrige ließ es Cäsar ruhiger ankommen. Für Himmel, Hölle, Erde und was drauf, drinnen und drunter ist, nahm er nur Interesse, um sich zu unterhalten oder eine hübsche Wendung darüber zu haben. 0.8157894736842105
47 Warum ist Cäsar kein Schriftsteller geworden? Er würde ein vortrefflicher Dialektiker sein, immer neue Gedanken haben, und jedenfalls einen leserlichen Styl schreiben. Warum ist Cäsar kein Schriftsteller geworden? Er würde ein guter Dialektiker sein, manchmal neue Gedanken haben, und jedenfalls einen leserlichen Styl schreiben. 0.8333333333333334
48 V.
49 5.
50 Wir sind noch in derselben Gesellschaft, wo über Herrn von Rumohr so abfällig geurtheilt wurde. Wally ist nur hingebender und Cäsar erschöpfter geworden. Er war im Zuge, links und rechts seine zusammenhanglosen Einfälle auszustreuen und grade im Gegensatz zu seiner Höflichkeitstheorie alle Welt zu verwunden. Die Hauptunterhaltung hatte der lange blonde junge Mann an sich gerissen, welcher über das Unzeitgemäße politischer Garantieen geschrieben hatte. Mit ihm correspondirte ein Justizrath, welcher anonymer Verfechter von verschiedenen Lehrbüchern zur Kenntniß des allgemeinen Landrechts war oder doch sein sollte. Beide citirten sich wechselseitig als Autoritäten, der Junge den Alten, der Carrière wegen: der Alte den Jungen, weil er wußte, daß der Nachruhm ganz natürlich in den Händen derer liegt, die nach uns leben. Cäsar war auf der Folter: er ahnte, daß sie ausschweifen wollten, daß sie auf dem Wege waren, zur schönen Literatur überzugehen. „Wirklich?“ zitterte er für sich hinein. „Wahrlich! Ja sie müssen – O –.“ Cäsar war aufgesprungen. Er wollte fort. Wally frug ihn, was er hätte? Wir sind noch in derselben Gesellschaft, wo über Herrn von Rumohr so abfällig geurtheilt wurde. Wally ist nur hingebender und Cäsar erschöpfter geworden. Er war im Zuge, links und rechts seine zusammenhanglosen Einfälle auszustreuen und gerade im Gegensatz zu seiner Höflichkeitstheorie alle Welt zu verwunden. Die Hauptunterhaltung hatte jener [257] lange blonde junge Mann an sich gerissen, der über das Unzeitgemäße politischer Garantieen geschrieben hatte. Mit ihm correspondirte ein Justizrath, ein anonymer Verfechter von verschiedenen Lehrbüchern zur Kenntniß des allgemeinen Landrechts. Beide citirten sich wechselseitig als Autoritäten, der Junge den Alten, der Carrière wegen: der Alte den Jungen, weil er wußte, daß der Nachruhm in den Händen Derer liegt, die nach uns leben. Cäsar war auf der Folter: er ahnte, daß sie ausschweifen wollten, daß sie auf dem Wege waren, zur schönen Literatur überzugehen. „Richtig?“ zitterte er für sich hinein. „Wahrlich! Ja sie müssen – O –!“ Cäsar war aufgesprungen. Er wollte fort. Wally fragte ihn, was er hätte? 0.8731343283582089
51 [17] Der Justizrath, Mitglied einer Liedertafel, das heißt eines Vereins, wo man über guter Tafel die schlechten Compositionen eines Zelter und Anderer zu singen pflegt, rief: „Ist es nicht auffallend, daß auch nicht ein Einziger aus der neuen Schule in Deutschland sich auf Musik versteht. Wie schön hat Tieck die italienische Musik in seinen Sonetten charakterisirt! Wie treffend drückt er in seinem Vorspiel zum gestiefelten Kater oder zur verkehrten Welt, ich weiß nicht, das Wesen der verschiedenen Instrumente aus! Wie hat die ganze romantische Schule in der Musik gelebt!“ „Und Hoffmann,“ rief eine ältliche Dame, die ihrem Teint nach mit Napoleon verwandt sein konnte. „Und Hoffmann!“, fielen Alle ein. „Ja,“ rief der Justizrath, „Hoffmann, der mein College war!“ Cäsar sagte ruhig: „Ich weiß nicht, worin der Zusammenhang der Literatur und der Instrumentation liegen sollte. Göthe scheint mir auch ohne den Contrapunkt verständlich zu sein.“ Aber der Justizrath hatte das Wort: „Man hat noch immer gefunden, daß irgend eine Beschäftigung, welche dem Dichter sonst noch theuer und lieb war, recht hübsch das Wesen seiner eigenen Poesie ausdrückte. Ich rede von Homer und Ossian nicht, Männern, die als Harfner mehr Musiker als Dichter waren; aber Göthe arbeitete manchmal in Pappe, wenn ich nicht irre. Schiller war Compagnie-Chirurgus. Nun sehen Sie, das ist prosaisch genug; sagen Sie mir von allen neuen Autoren einen, der ein gutes Urtheil über Musik hätte? Es ist Mangel einer gewissen [18] Saite in der Seele, daß es ganz unmöglich ist, die Namen Menzel, Börne, Heine u. s. w. mit irgend einer musikalischen Verrichtung zusammenzubringen.“ Der Justizrath, Mitglied einer Liedertafel, das heißt eines Vereins, wo man über guter Tafel die weniger guten Compositionen eines Zelter und Anderer zu singen pflegt, rief: „Ist es nicht auffallend, daß sich auch nicht ein Einziger aus der neuen Schule in Deutschland auf Musik versteht. Wie schön hat Tieck die italienische Musik in seinen Sonetten charakterisirt! Wie treffend drückt er in seinem Vorspiel zum gestiefelten Kater oder zur verkehrten Welt, ich weiß nicht gleich wo, das Wesen der verschiedenen Instrumente aus! Wie hat die ganze romantische Schule in der Musik gelebt!“ – „Und Hoffmann,“ rief eine ältliche Dame, die ihrem Teint nach mit Napoleon verwandt sein konnte. – „Und Hoffmann!“ fielen Alle ein. – „Ja,“ rief der Justizrath, „Hoffmann, der mein College war!“ – Cäsar sagte ruhig: „Ich weiß nicht, worin der Zusammenhang der Literatur und der Instrumentation liegen sollte. Goethe scheint mir auch ohne den Contrapunkt verständlich zu sein.“ – Aber der Justizrath hatte das Wort: „Man hat noch immer gefunden,“ sagte er, „daß irgend eine Beschäftigung, die dem Dichter sonst noch theuer und lieb war, recht das Wesen seiner Poesie kennzeichnet. Ich rede von Homer und Ossian nicht, Männern, die als Harfner mehr Musiker als Dichter waren; aber Goethe arbeitete manchmal in Pappe, wenn ich nicht irre. Schiller war Compagnie-Chirurgus. Nun sehen Sie, das ist prosaisch genug; aber Wilhelm von Humboldt hat vielleicht Ideen über [258] den geheimen Zusammenhang der Medicin mit dem dramatischen Secirmesser der Geschichte noch im Pulte liegen, sagen Sie mir von allen neuen Autoren einen, der ein gutes Urtheil über Musik hätte? Es ist Mangel einer gewissen Saite in der Seele, daß es ganz unmöglich ist, die Namen Menzel, Börne, Heine mit irgend einer musikalischen Verrichtung zusammenzubringen.“ 0.8549222797927462
52 „Die Lärmtrommel!“ hieß es irgendwo. Man beklatschte den Einfall und nannte ihn witzig. Aber Recht hatte der Justizrath; aber auch Cäsar, wenn er sagte: „Was kann empfehlenswerther für die Richtung sein, welche unsre ersten Geister nehmen? Alle frühere Literatur bildete sich im Interesse irgend einer vereinzelten Kunst oder Tendenz: die Lessing-Göthesche Zeit im Interesse der Antike: die Romantik im Interesse der Malerei: die Phantastik im Interesse der Musik. Erst in unsern Tagen sammelt die Literatur ihre Vorposten, die sich in die fremden Feldlager ganz verloren hatten, und zieht sie in den Kern ihrer Kräfte zurück, um auf’s Neue zu bestimmen, welches ihr Zweck ist. Ich glaube, daß sich die Literatur ausdehnen wird auf andere Felder, um sie zu befruchten; aber warlich, mein Herr, auf die Musik nicht!“ Bis hierher sprach Cäsar so richtig, daß es unnütz gewesen wäre, Unterschriften darauf zu sammeln. Das Folgende schien zweifelhafter: „Was soll überhaupt die Musik? Diese klingende Mathematik? In der Erziehung sind die geometrischen Köpfe meist die dicksten und härtesten, und in den großen Musikern habe ich immer Leute gefunden, die, obschon sie immer mit Schlüsseln umgehen, doch über nichts Aufschluß geben können. Die Musik ist eine ganz sinnliche Kunst. Wenn Sie dem Otaheiter einen Trauermarsch von Spontini vorspielen, mein Herr, glauben Sie, daß er weinen wird? Er wird springen und seine Kokosschale vor Lebenslust bis auf die Hefe leeren. Musik ist absolut nichts: die [19] Bildung legt erst das hinein, was wir darin zu finden glauben. Wenn ich bei irgend einem Musikstück ein solcher Narr bin, dadurch und deßwegen an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben, so verbinden zu gleicher Zeit Sie damit einen Begriff, welcher vielleicht der entgegengesetzte ist. Wenn Sie bei einer Simfonie von Beethoven an einen gothischen Dom denken, so dachte der Componist an das Giebeldach einer Bauernhütte. Nein, mein Herr, die Musik wird aufhören zu den ersten Künsten gerechnet zu werden. Nähert sich die Musik in der Oper nicht schon immer mehr der rhetorischen Deklamation? Ist die Sprache, das volle, tönende, menschliche Wort nicht unendlich höher, als der unnatürliche Gebrauch einer ganz im tiefsten Schlunde versteckten zufälligen Fertigkeit? Ich bitte Sie, überlegen Sie das, mein Herr!“ „Die Lärmtrommel!“ hieß es irgendwo, während Cäsar das Wort ergriff: „Was kann empfehlenswerther für die Richtung sein, die unsere ersten Geister nehmen? Alle frühere Literatur bildete sich im Interesse irgend einer vereinzelten Kunst oder Tendenz: die Lessing-Goethe’sche Zeit im Interesse der Antike: die Romantik im Interesse der Malerei: die Phantastik im Interesse der Musik. Erst in unseren Tagen sammelt die Literatur ihre Vorposten, die sich in die fremden Feldlager verloren hatten, und zieht sie in den Kern ihrer Kräfte zurück, um auf’s Neue zu bestimmen, welches ihr Zweck sei. Ich glaube, daß sich die Literatur ausdehnen wird auf andere Felder, um diese zu befruchten; aber wahrlich, mein Herr, auf die Musik nicht!“ Bis hierher sprach Cäsar ohne Zweifel so, daß es unnütz gewesen wäre, Unterschriften darauf zu sammeln. Das Folgende schien zweifelhafter: „Was soll überhaupt die Musik? Diese klingende Mathematik? In der Erziehung sind die geometrischen Köpfe meist die härtesten, und in den großen Musikern habe ich immer Leute gefunden, die, obschon sie mit Schlüsseln umgehen, über nichts Aufschluß geben können. Die Musik ist eine ganz sinnliche Kunst. Wenn Sie dem Otaheiter einen Trauermarsch von Spontini vorspielen, glauben Sie, daß er weinen wird? Er wird springen und seine Cocosschale vor Lebenslust bis auf die Hefe leeren. Musik ist absolut nichts: die Bildung legt erst hinein, was wir darin zu finden glauben. Wenn ich für mein Theil bei irgend einem Musikstück geneigt bin, an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben, so verbinden zu gleicher Zeit Sie damit einen Begriff, der vielleicht der entgegengesetzte ist. Wenn Sie bei einer Simfonie von Beethoven an einen gothischen Dom denken, so dachte der Componist, wie Beethoven eingestanden hat, an das Giebeldach einer [259] Bauernhütte. Nein, mein Herr, die Musik wird aufhören zu den ersten Künsten gerechnet zu werden. Nähert sich die Musik nicht in der Oper schon immer mehr der rhetorischen Declamation? Ist die Sprache, das volle, tönende, menschliche Wort nicht unendlich höher als der unnatürliche Gebrauch einer im Munde versteckten zufälligen Fertigkeit? Ich bitte Sie, überlegen Sie das!“ 0.796
53 Hier war keine Verständigung mehr möglich. Was sind Hunderttausende in der Welt ohne das bischen Fortepiano, was sie spielen können! Es war, als hätte einer gesagt, die Frauen sollten keine Gigotärmel mehr tragen, die damals Mode waren. Was wären diese schmalen Schultern, diese gedankenlosen Köpfe ohne Gigots, ohne Pianoforte! Und doch strafte man Cäsarn nicht durch Stillschweigen, ging nicht wie wegen eines Tollen zur Tagesordnung über, sondern schrie auf und rief das Gefühl, den Himmel, die Moralität zu Hülfe, um einen Ketzer zu bekehren. Der blonde Unzeitgemäße war so glücklich, die Frage in das Gebiet der Politik hinüberzuspielen und aus der Musik eine Sache des Staates zu machen. Hierüber schwieg denn Cäsar. Hier war keine Verständigung mehr möglich. Was sind Hunderttausende in der Welt ohne das bischen Fortepiano, was sie spielen können! Es war, als hätte einer gesagt, die Frauen sollten keine Gigotärmel mehr tragen, die damals Mode waren. Was wären diese schmalen Schultern, diese gedankenlose Köpfe ohne Gigots, ohne Pianoforte gewesen! Und doch strafte man Cäsarn nicht durch Stillschweigen, ging nicht wie wegen eines Tollen zur Tagesordnung über, sondern schrie auf und rief das Gefühl, den Himmel, die Moralität zu Hülfe, um einen Ketzer zu bekehren. Der blonde Unzeitgemäße war so glücklich, die Frage in das Gebiet der Politik hinüberzuspielen und aus der Musik eine Sache des Staates zu machen. Hierüber schwieg dann Cäsar, der die Mainzer politischen Gefängnisse kannte. 0.9081632653061225
54 [20] Ihn verdroß schon nichts mehr, als das Warmwerden. Er wußte zu gut, daß die Adler niemals in der Fläche horsten. Warum Niagaradonner, wo Knallerbsen genügen? Er gab sich willig dem Spotte Wally’s hin, die viel zu leichtsinnig war, auf dergleichen Debatten etwas zu geben, zu eitel, um eine allgemeine Unterhaltung interessant zu finden, und die überdies weder sang noch spielte. Wally hatte Ideen, aber nur momentan; sie verschmähte es, die Geistreiche zu scheinen, weil sie wußte, daß sie hinlänglich schön war. Flüchtig waren ihre Bewegungen, liebenswürdig, ohne Pedanterie ihre Capricen. Cäsar fühlte das, und badete sich in dem oberflächlichen Schaume, den Wally von den Ideen nur gelten ließ. Cäsar hatte Recht, sie für unfähig zur Spekulation zu halten. Er nahm sie wie ein humoristisches Capriccio der animalischen Natur. Ihn verdroß schon nichts mehr, als das Warmwerden. Er wußte zu gut, daß die Adler niemals in der Fläche horsten. Warum Niagaradonner, wo Knallerbsen genügen? Er gab sich dem Spotte Wally’s hin, die viel zu leichtsinnig war, auf dergleichen Debatten etwas zu geben, zu eitel, um eine allgemeine Unterhaltung interessant zu finden, und die überdies weder sang noch spielte. Wally hatte Ideen, aber nur momentan; sie verschmähte es, die Geistreiche zu scheinen, weil sie wußte, daß sie schön war. Flüchtig waren ihre Bewegungen, liebenswürdig, ohne Pedanterie ihre Capricen. Cäsar fühlte das, und badete sich in dem oberflächlichen Schaume, den nur Wally von den Ideen gelten ließ. Cäsar hatte Recht, sie für unfähig zur Speculation zu halten. Er nahm sie wie ein humoristisches Capriccio animalischer Natur. 0.9292929292929293
55 Beide spotteten im Vertrauen über sich, über Alle. Was sie sprachen als Sprechenswerthes waren Raketen, die sie sich einander zuwarfen. „Warum brechen Sie über Politik ab?“ „In Athen durfte kein Volksredner auftreten, der nicht verheirathet war.“ „Was Sie gelehrt sind! Ich bin es auch; in Kreta durfte niemand Gesetze geben, der nicht einen Strick um den Hals hatte.“ „Das ist dasselbe Gesetz: Die Athener wollten eigentlich auch sagen, der keinen solchen Strick am Halse habe.“ „Wie unanständig!“ „Wally!“ Wally lachte; es war ein hübscher, vertraulicher Ton, in dem ihr Cäsar so unerlaubt drohte. „Was machen Sie [21] mit Leuten, die Ihnen gefallen?“ fragte sie ihn, ohne zu wissen, was sie fragte. „Alles, nur nicht ihre Bekanntschaft.“ „Das ist auffallend! Doch können Sie Recht haben.“ „Wonach beurtheilen Sie die Menschen, Wally?“ „Nach ihren Werken! – O Gott, nein; dies wäre ja albern geantwortet, wie im Katechismus. Sagen Sie?“ „Nach dem, was sie sind?“ „Nein, nach dem, was sie im Stande wären.“ „O Wally, Sie sind liebenswürdig! Woran würden Sie denken, wenn Sie Jemanden prüfen wollten, der zu lieben wäre?“ „An die außerordentlichen Fälle.“ Beide spotteten im Vertrauen über sich, über Alle. Was sie sprachen als Sprechenswerthes waren Raketen, die sie sich einander zuwarfen. „Warum brechen Sie über Politik ab?“ [260] – „In Athen durfte kein Volksredner auftreten, der nicht verheirathet war.“ – „Was Sie gelehrt sind! Ich bin es auch; in Kreta durfte Niemand Gesetze geben, der nicht einen Strick um den Hals hatte.“ – „Das ist dasselbe Gesetz: Die Athener wollten eigentlich sagen, der keinen solchen Strick am Halse habe.“ – „Unanständig!“ – „Wally!“ – Wally lachte; es war ein hübscher, vertraulicher Ton, wie ihr Cäsar so unerlaubt drohte. „Was machen Sie mit Leuten, die Ihnen gefallen?“ fragte sie ihn, ohne zu wissen, was sie fragte. – „Alles, nur nicht ihre Bekanntschaft.“ – „Auffallend! Doch können Sie Recht haben.“ – „Wonach beurtheilen Sie die Menschen, Wally?“ – „Nach ihren Werken! – O Gott, nein; dies wäre albern geantwortet, wie im Katechismus. Sagen Sie?“ – „Nach dem, was sie sind?“ – „Nein, nach dem, was sie im Stande wären zu sein.“ – „O Wally, Sie sind liebenswürdig! Woran würden Sie denken, wenn Sie Jemanden prüfen wollten, der zu lieben wäre?“ – „An die außerordentlichen Fälle.“ 0.917910447761194
56 Cäsar schwieg. Diese Antwort war zu ernst. Er betrachtete die fünf Ringe, die er über seinen Handschuhen trug, und fragte dann: „Sie reisen in’s Bad?“ „In acht Tagen.“ „Sie werden den Rhein sehen?“ „Von Mainz bis Köln.“ „Von Mainz bis Düsseldorf. Sie dürfen einen Besuch bei den Malern und bei Immermann nicht unterlassen. Läge Düsseldorf in Thüringen, es würde ein zweites Weimar werden.“ „Sind die Ufer in der That so reizend?“ „Gefällig sind sie und da schön, wo Sie etwas von Rührung einfließen lassen in Ihre Betrachtung.“ „Das versteh’ ich nicht.“ „Das Schöne, Wally, ist immer das Ueberraschende. Ich bin ursprünglich kalt gegen Alles, was in Deutschland für schön ausgegeben wird. Am Lurleyfelsen, wo der Rhein [22] sich wie ein See verengt, wo Flinten abgeschossen und Waldhörner geblasen werden, um die Echo’s, von denen die Handbücher sprechen, zu beweisen: da werden Sie durch diese Zurüstungen zur Wehmuth übermannt werden. Ihr blondes, bescheidenes Deutschland, dem Sie nichts zutrauten, nicht einmal das Echo des Lurley, wird Sie rühren und bei einer fließenden Thräne werden Sie sich gestehen müssen, daß der Rhein in der That ein schöner Strom ist.“ „Sie wollen sagen, die Natur spräche nur zu uns, je nachdem unser Auge und Herz sie ansieht.“ „Ich stand in dem Kölner Dome. Sie kennen das zerrissene Prinzip unserer Zeit, nichts anzunehmen, was vielleicht richtig ist, aber von Leuten proklamirt wurde, die uns widerstehen. Der Enthusiasmus der Einen erkältet immer die Zustimmung der Andern. Ich wollte den Kölner Dom ironisch betrachten und mußte, da ich ihn sah, weinen über das Unvollendete der Idee, über die dünnen Hammerschläge der Ausbauer, welche durch die mächtigen Räume picken, über mich selbst, der sein Herz künstlich verhärtet und zu einer gemachten Empfindungslosigkeit herabgestimmt hatte.“ „Die Dampfschiffe fahren zu schnell.“ „Sie fahren zu langsam und sind für das Auge ermüdend. Der Gedanke einer feurigen, über das Wasser kriechenden Schildkröte steht vor unsrer Einbildungskraft, und wir sind einmal daran gewöhnt, das Kriechen für langsam zu halten.“ „Ein sonderbares Bild! Worüber nur meine Tante so lacht?“ [23] „Ihre Tante ist eine Spinne, die über den Ozean kriecht.“ „Wie so?“ „Sie spekulirt ja in Papieren.“ „Sie spricht wenigstens viel über Politik; ich verstehe nichts davon.“ „Verstünden Sie davon, so glichen Sie einem Schmetterling, der sich in die gaserleuchtete Verwirrung eines Salons verflogen hat.“ „Schmetterlinge sind zu Gleichnissen verbraucht.“ „Wie die Unsterblichkeit selbst.“ Cäsar schwieg. Diese Antwort war zu ernst. Er betrachtete die fünf Ringe, die er noch immer trotzig über seinen Handschuhen trug, und fragte dann: „Sie reisen in’s Bad?“ – „In acht Tagen.“ – „Sie werden den Rhein sehen?“ – „Von Mainz bis Köln.“ – „Von Mainz bis Düsseldorf. Sie dürfen einen Besuch bei den Malern und bei Immermann nicht unterlassen. Läge Düsseldorf in Thüringen, es würde ein zweites Weimar werden.“ – „Sind die Ufer in der That so reizend?“ – „Gefällig sind sie und, wo Sie etwas von Rührung einfließen lassen in Ihre Betrachtung, auch schön.“ – „Das versteh’ ich nicht.“ – „Das Schöne, Wally, ist immer das Ueberraschende. Ich bin ursprünglich kalt gegen Alles, was in Deutschland für schön ausgegeben wird. Am Lurleyfelsen, wo der Rhein sich wie ein See verengt, wo Flinten abgeschossen und Waldhörner geblasen werden, um die Echos zu beweisen, von denen die Handbücher sprechen: da werden Sie durch diese Zurüstungen zur Wehmuth übermannt werden. Ihr blondes, bescheidenes Deutschland, dem Sie nichts zutrauten, nicht einmal das Echo des Lurley, wird Sie rühren und bei einer fließenden Thräne [261] werden Sie sich gestehen müssen, daß der Rhein in der That ein schöner Strom ist.“ – „Sie wollen sagen, die Natur spräche nur zu uns, je nachdem unser Auge und Herz sie ansieht.“ – „Ich stand in dem Kölner Dome. Sie kennen das zerrissene Princip unserer Zeit, nichts anzunehmen, ob es auch noch so richtig ist, wenn es von Leuten proclamirt wurde, die uns widerstehen. Der Enthusiasmus der Einen erkältet immer die Zustimmung der Andern. Ich wollte den Kölner Dom ironisch betrachten und mußte, da ich ihn sah, weinen über das Unvollendete der Idee, über die dünnen Hammerschläge der Ausbauer, die so dürftig durch die mächtigen Räume picken, über mich selbst, der sein Herz künstlich verhärtet und zu einer gemachten Empfindungslosigkeit herabgestimmt hatte.“ – „Die Dampfschiffe fahren zu schnell.“ – „Sie fahren zu langsam und sind für das Auge ermüdend. Der Gedanke einer feurigen, über das Wasser kriechenden Schildkröte steht vor unserer Einbildungskraft, und wir sind einmal daran gewöhnt, das Kriechen für langsam zu halten.“ – „Ein sonderbares Bild! Worüber nur meine Tante so lacht?“ – „Ihre Tante ist eine Spinne, die über den Ocean kriecht.“ – „Wie so?“ – „Sie speculirt an der Börse.“ – „Sie spricht wenigstens viel über Politik; ich verstehe nichts davon.“ – „Verstünden Sie davon, so glichen Sie einem Schmetterling, der sich in die gaserleuchtete Verwirrung eines Salons verflogen hat.“ – „Schmetterlinge sind zu Gleichnissen verbraucht.“ – „Wie die Unsterblichkeit selbst.“ 0.9038461538461539
57 Wally erröthete. Sie blickte auf Cäsars frivoles Lächeln und nahm dies Lächeln über ein furchtbares Wort für eine Gewißheit, die sie erschrecken machte. „Wir sähen uns nicht wieder?“ fragte sie beklommen. „Gesetzt, nur die Guten sähen sich,“ antwortete Cäsar, „so läßt die Tugend so viel Nüancen übrig, daß nichts desto weniger im Jenseits eine Mannichfaltigkeit entstünde, die in seiner nächsten Nähe zu haben Gott kein Vergnügen machen würde. Ja wir selbst würden uns weigern, alle die zu lieben, welche im Leben ehrliche, aber oft die langweiligsten Menschen waren. Ich weiß aber nicht, wie aus einem langweiligen Menschen plötzlich ein interessanter Engel werden könnte.“ „Sie sind kein Christ?“ „Glauben Sie, daß Christus von den Todten auferstanden ist?“ „O Gott, lassen Sie, ich kann darüber nicht nachdenken. Ich –“ Wally erröthete. Sie blickte auf Cäsar’s frivoles Lächeln und nahm dies Lächeln über ein furchtbares Wort für eine Gewißheit, die sie erschrecken machte. „Wir sehen uns nicht wieder?“ fragte sie beklommen. – „Nun gesetzt, nur die Guten sehen sich,“ antwortete Cäsar, „so läßt die Tugend so viel Nüancen zu, daß nichtsdestoweniger im Jenseits eine Mannigfaltigkeit entstünde, die in seiner nächsten Nähe zu haben, Gott kein Vergnügen machen würde. Ja wir selbst würden uns weigern, alle die zu lieben, die im Leben ehrliche, aber oft die langweiligsten Menschen waren. Ich weiß aber nicht, wie aus einem langweiligen Menschen plötzlich ein interessanter Engel werden könnte.“ – „Sie sind kein Christ?“ [262] – „Glauben Sie, daß Christus von den Todten auferstanden ist?“ – „O Gott, lassen Sie, lassen Sie, ich kann darüber nicht nachdenken –“ 0.8691588785046729
58 [24] Sie stockte. In ihrem Auge sprach sich ein zerreißender Schmerz aus. So hatte sie Cäsar noch nicht gesehen. Sie erhob sich unruhig und war für diesen Abend verschwunden. Cäsar begriff hievon nichts. Dieser Kalte war so leichtsinnig, an Alles zu denken, nur nicht an die Religion. Aber Wally hatte ihn entzückt. So weit Menschen dieser Art noch lieben können, war Cäsar außer sich. Er folgte Wally ohne Aufenthalt. Sie stockte. In ihrem Auge sprach sich ein zerreißender Schmerz aus. So hatte sie Cäsar noch nicht gesehen. Sie erhob sich unruhig und war für diesen Abend verschwunden. Cäsar begriff nichts hiervon. Dieser Kalte war so leichtsinnig, an Alles zu denken, nur nicht an die Religion. Aber Wally hatte ihn entzückt. So weit Menschen dieser Art noch lieben können, war Cäsar außer sich. Er folgte Wally ohne Aufenthalt. 0.9473684210526315
59 VI.
60 6.
61 Wally’s Tante litt an nervösen Reizungen und Abspannungen, an Herzklopfen, Uebeln, für welche die Aerzte unter den nassauischen Bädern das tristeste, Schwalbach empfehlen. Wally konnte in Wiesbaden und Ems tanzen, aber in Schwalbach mußte sie der alten Dame die Zeitungen und die Courszettel vorlesen (die Frau spekulirte wahrhaftig in Papieren!); in Schwalbach mußte sie so manchen häuslichen Dienst übernehmen, den man bald von sich abwälzen würde, wenn man nicht das Vergnügen hätte, in einem Bade zu leben. Wally’s Tante litt an nervösen Reizungen und Abspannungen, Herzklopfen, Uebeln, für welche die Aerzte unter den nassauischen Bädern das tristeste, Schwalbach empfehlen. Wally konnte in Wiesbaden und Ems tanzen, aber in Schwalbach mußte sie der alten Dame die Zeitungen und die Courszettel vorlesen (die Frau speculirte wahrhaftig auf Hausse und Baisse!); in Schwalbach mußte sie so manchen häuslichen Dienst übernehmen, den man bald von sich abwälzen würde, wenn man nicht das Vergnügen hätte, in einem Bade zu leben. 0.90625
62 Sie hatte dies wunderbare Nassau erreicht, diese unterirdische Küche Hygiea’s, mit ihren Gebirgskesseln, in denen die heilsamen Quellen sieden und dampfen. Von üppiger Natur kann bei einem Lande nicht die Rede sein, das von Alaun und Schwefel unterminirt ist und in der Ernte immer einen Monat zu spät kommt. Zwerghaft sind die Bäume auf den Hügeln: aber reizende Perspektiven öffnen sich zahlreich in die weiten Thäler. Nichts ist hier [25] schöner, als die mannichfache Schattirung des grünen Kleides der Natur. Man steht an der morsch zerbröckelnden Mauer einer hohen Straße, und sieht kleines Gesträuch zunächst zu seinen Füßen; dann tiefer einen Wald, der sich mit den schwärzesten Tinten in die tiefste Spalte des Thales verliert und in einem dumpfen Murmeln, in dem Rieseln eines Waldbaches zu enden scheint; dort aber erhebt sich wieder der Blick, die grüne Alpenmatte entlang, welche am andern Ende des Thales aufwärts steigt. Auf dem frischen, üppigen Teppich weidet das Auge, bis sich die Sehkraft in jenen dunkeln Kranz von Fichten verliert, welcher den äußersten Horizont umsäumt. Ist das nicht viel für ein Land, wo die Natur sich an gekochtem Wasser erfrischen muß? Das Land ähnelt der schwäbischen Alp. Auch sprechen die Leute fast alle mit schwäbischem Accent. Sie hatte dies wunderbare Nassau erreicht, diese unterirdische Küche Hygiea’s, mit ihren Gebirgskesseln, in denen die heilsamen Quellen sieden und dampfen. Von üppiger Natur kann bei einem Lande nicht die Rede sein, das von Alaun und Schwefel unterminirt ist und in der Ernte immer einen Monat zu spät kommt. Zwerghaft sind die Bäume auf den Hügeln: aber reizende Perspectiven öffnen sich zahlreich in die weiten Thäler. Nichts ist hier schöner als die mannigfache Schattirung des grünen Kleides der Natur. Man steht an der morsch zerbröckelnden Mauer, der Parallele einer hohen Straße und sieht kleines Gesträuch zunächst zu seinen Füßen; dann tiefer einen Wald, der sich mit den schwärzesten Tinten in die tiefste Spalte des Thales verliert und in einem dumpfen Murmeln, in dem Rieseln eines Waldbaches zu enden [263] scheint; dort erhebt sich wieder der Blick, die grüne Alpenmatte entlang, die am andern Ende des Thales aufwärts steigt. Auf dem frischen, üppigen Teppich weidet das Auge, bis sich die Sehkraft in jenen dunkeln Kranz verliert, der den äußersten Horizont umsäumt. Ist das nicht viel für ein Land, wo sich die Natur an gekochtem Wasser erfrischen muß? Das Land ähnelt der schwäbischen Alp. Auch sprechen die Leute fast alle mit schwäbischem Accent. 0.9354838709677419
63 Wally hatte für solche Bemerkungen keinen Sinn: ich führe sie auch nur an, um durch Wally’s Mängel ihre Besitzthümer anzudeuten. Sie ist ohne Schwärmerei für die Natur, ohne Sinn für Blumen, welche sie zerreißt, wohl gar zerkaut, wenn sie ihr in die Hand kommen. Sonne, Mond und Sterne gehen ihre Bahnen, ohne von Wally bemerkt zu werden. Jedermann wird bereit sein, sie gefühllos zu nennen, und ihr dennoch Unrecht thun. Wally’s unaussprechlicher Reiz ist ihre Natürlichkeit. Sie gibt sich, wie sie ist, und hat die Tugend, alles beim rechten Namen zu nennen. Sie war sehr unglücklich, in Schwalbach leben zu müssen. Wally hatte für solche Bemerkungen keinen Sinn: ich führte sie auch nur an, um durch Wally’s Mängel ihre Besitzthümer anzudeuten. Sie ist ohne Schwärmerei für die Natur, ohne Sinn für Blumen, die sie zerreißt, wol gar zerkaut, wenn sie ihr in die Hand kommen. Sonne, Mond und Sterne gehen ihre Bahnen, ohne von Wally bemerkt zu werden. Jedermann wird bereit sein, sie gefühllos zu nennen, und ihr dennoch Unrecht thun. Wally’s unaussprechlicher Reiz ist ihre Natürlichkeit. Sie giebt sich, wie sie ist, und hat die Tugend, Alles beim rechten Namen zu nennen. Sie war sehr unglücklich, in Schwalbach leben zu müssen. 0.8846153846153846
64 Doch traf sich Alles besser, als man erwartet hatte. Das allmälige Herunterkommen der Romantik erschlafft die bisher angespannten Nerven der Nationen. Es waren [26] Deutsche genug da, die an E. T. A. Hoffmanns Tode litten, Franzosen genug, welche die üblen Folgen von Vietor Hugo’s ruhendem Federkiel spürten. Sie alle wollten Reiz. Die spanische Krisis war vielen in den Unterleib geschlagen und hatte Hypochondrie erzeugt. Stahlbäder sind sehr anzurathen. Es war gedrängt in all den „Höfen,“ goldnen Ketten, Gasthöfen zu den beiden Indien. Wally wohnte im Kaisersaal. Doch traf sich Alles besser als man erwartet hatte. Das allmälige Herunterkommen der Romantik erschlafft die bisher angespannten Nerven der Nationen. Es waren Deutsche genug da, die an E. T. A. Hoffmann’s Tode litten, Franzosen genug, welche die üblen Folgen von Vietor Hugo’s ruhendem Federkiel spürten. Sie Alle wollten Reiz. Die spanische Krisis war Vielen in den Unterleib geschlagen und hatte Hypochondrie erzeugt. Stahlbäder sind da sehr anzurathen. Es war gedrängt in all’ den „Höfen“, goldnen Ketten, Gasthöfen zu den beiden Indien. Wally wohnte im Kaisersaal. 0.9358974358974359
65 Eines Tages stand sie an einem Orte, den sie vorzüglich liebte, am grünen Tische. Sie hazardirte im Pharo. Sie gewann; sie gewann immer; vielleicht weil Dreistigkeit auch das einzige Geheimniß im Spiele ist. Noch ist es mir unerklärlich, wie die schüchternsten Weiber sich an Dinge wagen, an welche die muthigsten Männer immer mit einer Art von Zaghaftigkeit gehen. Sie sind die Ersten, wo es gilt, einen Thurm zu besteigen, auf einem schwindelnden Wege zu gehen, Pistolen abzuschießen, mit einem Eskamoteur in Correspondenz zu treten, auf Vexierstühle und an die Elektrisirmaschine sich zu stellen. Namentlich wird sich auf diese letzten Dinge oft der muthigste Mann nicht einlassen. Warum die Frauen? Weil sie gewohnt sind, zu herrschen? Weil man ihnen genug sagt, daß ihrer Schönheit nichts widerstehen könne? Wally spielte in der That am grünen Tisch, weil es ihr schon zur andern Natur geworden war, in jeder Lage zu gewinnen. Eines Tages stand sie an einem Orte, den sie vorzüglich liebte, am grünen Tische. Sie hazardirte im Pharo. Sie gewann; sie gewann immer; vielleicht weil auch im Spiele Dreistigkeit das einzige Geheimniß ist. Noch ist es mir unerklärlich, wie die schüchternsten Weiber sich an Dinge wagen, an welche die muthigsten Männer mit einer Art von Zaghaftigkeit gehen. Sie sind die Ersten, wo es gilt einen Thurm zu besteigen, auf einem schwindelnden Wege zu gehen, Pistolen abzuschießen, mit einem Escamoteur in Correspondenz zu treten, [264] sich auf Vexierstühle und an die Elektrisirmaschine zu stellen. Namentlich wird sich auf die letzten Dinge oft der muthigste Mann nicht so bald einlassen. Warum die Frauen? Weil sie gewohnt sind, zu siegen? Weil man ihnen genug sagt, daß ihrer Schönheit nichts widerstehen könnte? Wally spielte in der That am grünen Tisch, weil es ihr schon zur andern Natur geworden war, in jeder Lage zu gewinnen. 0.9122807017543859
66 Plötzlich wird sie unruhig. Sie verliert. Ihr Glück stürzt zusammen. Sie fühlt, daß ihr ein Dämon entgegentritt, und rathet auf Cäsar. Sie wußte, daß ihr alles Widerwärtige nur von einem Manne kommen konnte, der sie beunruhigte und der sie vielleicht zu lieben anfing. [27] Wally blickte um sich; Cäsar stand in einer Ecke, grüßte stumm, bot ihr den Arm und führte sie in die Zimmer ihrer Tante zurück, einer Dame, welche er, weil sie agiotirte, einst mit einer Spinne verglichen hatte, die über das Weltmeer kreucht. Plötzlich wird sie unruhig. Sie hat verloren. Ihr Glück stürzt zusammen. Sie fühlt, daß ihr ein Dämon entgegentritt, und rathet auf Cäsar. Sie wußte, daß ihr alles Widerwärtige nur von einem Manne kommen konnte, der sie beunruhigte und der sie vielleicht zu lieben anfing. Wally blickte um sich; richtig, Cäsar stand in einer Ecke, grüßte stumm, bot ihr den Arm und führte sie in die Zimmer ihrer Tante zurück, einer Dame, die er, weil sie agiotirte, einst mit einer Spinne verglichen hatte, die, häßlich wie sie, über das Weltmeer kreucht. 0.8918918918918919
67 VII.
68 7.
69 Ein Gewitter in Schwalbach ist immer eine Katastrophe; aber sie geht vorüber. Gefährlicher ist es, wenn der Himmel jene weinerliche Laune hat, daß er von der grauen Wolkendecke unaufhörlich einen nassen Staub tröpfeln läßt. Dann kann man in Schwalbach am besten alle jene Uebel bekommen, für welche sein Stahlwasser so gut sein soll. Ist man nicht melancholisch, so wird man es. Wally weinte den ganzen Tag vor Ungeduld. Sie wollte nach Wiesbaden, aber ihre Tante bestand darauf, daß ihr die spanische Krisis im Unterleibe säße. Der Geheimerath Fenner von Fenneberg, der Arzt der Saison, warf sich gegen jede Unbesonnenheit in’s Mittel. Wally wollte sterben vor Langeweile. Ihr werdet sagen, sie muß schlecht erzogen worden sein. Gewiß, das war sie. Ein Gewitter in Schwalbach ist immer eine Katastrophe; aber sie geht vorüber. Gefährlicher ist es, wenn der Himmel jene weinerliche Laune entfaltet, von der grauen Wolkendecke nichts als nassen Staub tröpfeln zu lassen. Dann kann man in Schwalbach am besten alle jene Uebel bekommen, für welche sein Stahlwasser so gut sein soll. Ist man besonders nicht melancholisch, so wird man es. Wally weinte den ganzen Tag vor Ungeduld. Sie wollte nach Wiesbaden, aber ihre Tante blieb dabei, daß ihr die spanische Krisis im Unterleibe säße. Der Geheimerath Fenner von Fenneberg, der Arzt der Saison, warf sich gegen jede Unbesonnenheit in’s Mittel. Wally wollte sterben vor Langeweile. Ihr werdet sagen, sie muß schlecht erzogen worden sein. Gewiß, das war sie. 0.8584905660377359
70 Cäsar bot Alles auf, ihr die trübe Zeit zu verkürzen. Er erzählte ihr Beobachtungen aus Schwalbach, die gar nicht verdienen übergangen zu werden, z. B. folgende: „Haben Sie noch nichts vom tollen Bärbel gehört? Das tolle Bärbel steht den ganzen Tag vom frühen Morgen bis in die späte Nacht an der Hinterpforte des Gasthofes zu den beiden Indien, die auf die Landstraße nach Ems [28] hinausführt und späht in die Extraposten, welche den Berg herabkommen. Sie ist von einem etwas gedrückten Wuchse und hat matte Augen; aber ihre Gesichtsbildung ist im höchsten Grade einnehmend, die Haut von der ganzen Feine und Weiße, welche zu blondem Haare gehört, um blonde Mädchen erträglich zu machen. Der Reiz Bärbels würde noch weit mehr hervortreten, wenn die fixe Idee, welche sie beherrschen soll, ihr nicht den an Wahnwitzigen so unheimlichen Ausdruck und die eigenthümliche Verrückung aller Bewegungen gäbe. Und woran leidet sie? An zwei verunglückten Saisons. In der ersten soll sie der Gegenstand irgend einer eleganten Herablassung gewesen sein, die glücklicherweise ohne Folgen blieb. Sie fiel einem jungen Manne in die Augen, der sie dann drei Monate lang nicht aus seinen Händen ließ und vielleicht gar mit ihr über Vorurtheile der privilegirten Stände, über die allgemeine Stimmberechtigung der Liebe und morganatische Ehen philosophirt hat. Er versprach im nächsten Jahre wiederzukommen. Einen langen Herbst und Winter, einen ganzen Frühling hindurch war Bärbel glücklich und das frommste Mädchen in Schwalbach. Sie war die erste und letzte in der Kirche, die freundlichste zu aller Welt. Die Mäßigung in einem Glücke, das ihre Kräfte überstieg (nämlich das Wiedersehen war für sie schon ein gränzenloses Glück: wie leicht wird es dem Himmel, seine Geschöpfe selig zu machen!) Diese Mäßigung stand ihr ungemein schön, wie die Leute sagen, die aus ihrer jetzigen Verwirrung das Vorangegangene herausgelockt haben. Da kam die zweite Saison. Bärbel stand an der Gartenthür der beiden Indien. Ein großer Reisewagen, thurmhoch bepackt, mit sechs Pferden [29] bespannt, glitt am Hemmschuh bedächtig die Höhe herab. Vorn und rückwärts Bediente, Kammerzofen, Bologneser Hunde, ein Papagey, ein Geschwätz und Gekrächz, das eine ganz neue Welt in das alte Schwalbach zu bringen schien. Bärbel stand auf den Zehen, blickte in den offenen Schlag und stieß einen entsetzlichen Schrei aus. Sie hatte die untreue Herablassung gesehen, wie sie die Hand eines jungen reizenden Weibes küßte. Es war des jungen Paares erste Badereise, gleich nach der Hochzeit. Das sahe auch Bärbel sogleich ein, nachdem sie wieder zur Besinnung gekommen war, denn noch war sie nicht närrisch; aber sie wurde es; schon durch die Ungewißheit, das Herumlaufen, Fragen, Erkundigen, Abgewiesenwerden, durch impertinente Bedienten, durch die Schaam, den Mann am Brunnen und auf der Promenade zu sehen und ihm nicht (denn das wollte sie ja nur) zu Füßen fallen zu dürfen. Sie war den Winter über ganz still. Mit dem Frühjahr wurde sie unruhig, holte immer tiefere Seufzer, schüttelte viel mit dem Kopf, und nun steht sie seit dem ersten Mai zu jeder Stunde des Tages hinter den beiden Indien und muß immer mehr erkranken, schon am Sonnenstich. Sie sieht in jede Kutsche und schämt sich, wenn man ihr Geld zuwirft. Sie ist für alle Schwalbacher Bettler der Lockvogel oder der mit Honig ausgefüllte Stock, um die wilden Almosen-Bienen zu fangen. Sie ist die unschuldige Heilige, die stumm für sie Alle bittet und nichts davon hat, als immer tieferen Wahnsinn.“ Cäsar bot Alles auf, ihr die trübe Zeit zu verkürzen. Er erzählte ihr Beobachtungen aus Schwalbach, die gar [265] nicht verdienen übergangen zu werden, z. B. folgende: „Haben Sie noch nichts vom tollen Bärbel gehört? Das tolle Bärbel steht den ganzen Tag, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, an der Hinterpforte des Gasthofes zu den beiden Indien, die auf die Landstraße nach Ems hinausführt und späht in die Extraposten, die den Berg herabkommen. Sie ist von einem etwas gedrückten Wuchse und hat matte Augen; aber ihre Gesichtsbildung ist einnehmend, die Haut von der ganzen Feine und Weiße, die zu blonden Haaren gehört. Der Reiz Bärbel’s würde noch weit mehr hervortreten, wenn ihr nicht die fixe Idee, die sie beherrschen soll, den bei Wahnwitzigen so unheimlichen Ausdruck und die eigenthümliche Verrückung der Bewegungen gäbe. Woran leidet sie? An zwei verunglückten Saisons. In der ersten soll sie der Gegenstand einer eleganten Herablassung gewesen sein, die glücklicherweise ohne Folgen blieb. Sie fiel einem jungen Manne in die Augen, der sie dann drei Monate lang nicht aus seinen Händen ließ und vielleicht gar mit ihr über Vorurtheile der privilegirten Stände, über die allgemeine Stimmberechtigung der Liebe und morganatische Ehen philosophirte. Er versprach im nächsten Jahre wiederzukommen. Einen langen Herbst und Winter, einen Frühling hindurch war Bärbel glücklich und das frommste Mädel in Schwalbach. Sie war die erste und letzte in der Kirche, die freundlichste zu aller Welt. Die Mäßigung in einem Glücke, das ihre Kräfte überstieg, (nämlich das Wiedersehen war für sie schon ein grenzenloses Glück: wie leicht wird es dem Himmel, uns überselig zu machen!) die Mäßigung stand ihr schön, wie die Leute sagen, die aus ihrer jetzigen Verwirrung das Vorangegangene herausgelockt haben. Da kam die zweite Saison. Bärbel stand an der Gartenthür der beiden Indien. Ein großer Reisewagen, thurmhoch bepackt, mit sechs Pferden bespannt, glitt am Hemmschuh bedächtig die Höhe herab. Vorn und rückwärts Bediente, Kammerzofen, Bologneser Hunde, ein Papagey, Geschwätz, Gekrächz, eine ganz neue Welt in das alte Schwalbach hinein. Bärbel stand auf den Zehen, blickte in den offnen Schlag und stieß einen entsetzlichen Schrei aus. Sie hatte die hohe Herablassung gesehen, wie sie die Hand [266] eines reizenden jungen Weibes küßte. Es war des jungen Paares erste Badereise, gleich nach der Hochzeit. Das sah auch Bärbel sogleich ein, nachdem sie wieder zur Besinnung gekommen war, denn noch war sie nicht närrisch; aber sie wurde es; schon durch die Ungewißheit, das Herumlaufen, Fragen, Erkundigen, Abgewiesenwerden, durch impertinente Bedienten, durch die Scham, den Mann am Brunnen und auf der Promenade zu sehen, es war natürlich nicht der richtige, sondern nur Phantasietäuschung der Erwartung, und ihm nicht (denn das wollte sie ja nur) zu Füßen fallen zu dürfen. Sie war den Winter über still. Mit dem Frühjahr wurde sie unruhig, holte immer tiefere Seufzer, schüttelte viel mit dem Kopf, und nun steht sie seit dem ersten Mai zu jeder Stunde des Tages hinter den beiden Indien und muß schon am Sonnenstich immer mehr erkranken. Sie sieht in jede Kutsche und schämt sich, wenn man ihr Geld zuwirft. Sie ist für alle Schwalbacher Bettler der Lockvogel oder der mit Honig ausgefüllte Stock, um die wilden Almosenbienen zu fangen. Sie ist die unschuldige Heilige, die stumm für sie Alle bittet und nichts davon hat, als einen immer tiefer nistenden Wahnsinn.“ 0.8559556786703602
71 „O ich bitte Sie, erzählen sie Geschichten, die sich runden und einen Schluß haben!“ fiel Wally ein mit der ganzen Fühllosigkeit, die sie allein schon charakterisiren [30] würde, wenn sie dieselbe nicht mit allen Frauen gemein hätte, wo es sich um die Herzensleiden irgend einer ihrer Schwestern handelt. Sie sind dabei alle kalt, eine gegen die Andere. „O ich bitte Sie, erzählen sie Geschichten, die sich besser runden und einen erfreulicheren Schluß haben!“ fiel Wally ein mit der ganzen Apathie, die sie allein schon charakterisiren würde, wenn sie nicht dieselbe mit den meisten Frauen gemein hätte, wo es sich um Herzensleiden ihrer Mitschwestern handelt. Sie sind in der Regel dabei kalt, eine gegen die andere. Nur ihr eigenes Leid interessirt sie. 0.6507936507936508
72 „Den Schluß müssen wir abwarten;“ sagte Cäsar, erschrocken über Wally’s Phlegma. Er hätte Wally jetzt aufgegeben, wenn sie als Phänomen nicht seine Neugier reizte. Auch würde er sich Vorwürfe gemacht haben, Wally nachgereist zu sein, wäre diese Mühe vergebens gewesen. Er dachte in der That daran, bei ihr zu irgend einem Ziele zu gelangen. „Den Schluß müssen wir abwarten;“ sagte Cäsar, über Wally’s Phlegma erschrocken. Er hätte sie jetzt aufgegeben, wenn sie als Phänomen nicht seine Neugier gereizt hätte. Auch würde er sich Vorwürfe gemacht haben, Wally nachgereist zu sein, wäre diese Geldausgabe so ganz vergebens gewesen. Er dachte in der That daran, bei ihr noch zu irgend einem Ziele zu gelangen. 0.8727272727272727
73 [267] VIII.
74 8.
75 Nach einiger Zeit theilten sich die Wolken über dem Thale. Es war möglich ins Freie zu treten. Cäsar und Wally stiegen die Straße nach Ems hinauf. An der Thüre der beiden Indien stand das stille Bärbel und betrachtete sie beide mit einem wehmüthig-rührenden Blicke. Wally blieb kalt dabei; Cäsar konnte das nicht begreifen. „Ich will Ihnen, Wally,“ sagte er, „eine andre Geschichte erzählen, die sich in unserer Nähe begiebt, und in der That schon eine Art Schluß hat. Glauben Sie nicht, daß ich die Demokratie so weit treibe und auf Entdeckungen in den Hütten ausgehe. Die Schwalbacher bilden sich ein, ihre Gäste unterhalten zu müssen, und so erfuhr ich etwas, was würdig gewesen wäre, von Hoffmann bearbeitet zu werden. Sie kennen die nassauischen Soldaten, Wally! Sie haben über Brust und Schulter gelbe Bandeliere, was [31] für ein preußisches Auge kurios läßt. Die Artillerie ist schöner, aber hören Sie von einem Tambour bei jener Infanterie. Der junge Mensch stand in Wiesbaden und soll ein Meister auf seinem Instrumente gewesen sein. Niemand in der nassauischen Armee schlug wie er die Reveille mit solcher Fertigkeit. Seine Wirbel sollen den Turbillons geglichen haben, welche bei Feuerwerken aufsteigen, nur daß er im Stande war, eine Viertelstunde lang die Schlägel in dieser tremulanten Bewegung zu erhalten. Namentlich aber gelang ihm jenes hübsche Stakkato auf der Trommel, das mit Wirbeln untermischt die Erschütterung des Kalbfells plötzlich hemmt und einen ganz abbrechenden Ton, einen Ton ohne alles Echo hervorbringen muß. Sie sehen, welch einen Schatz das Haus Nassau an diesem Tambour hatte. Unglücklicherweise verliebte sich aber der militärische Künstler, und in ein Mädchen, das zwar den Werth der Armee zu schätzen wußte, auch den der Musik, aber einem Trompeter von der Artillerie schon den Vorzug gegeben hatte. Hier mußte eine Rivalität eintreten, welche der Liebe eben so sehr galt, wie der Kunst. Der Tambour verzweifelte nicht; indessen war er zu bescheiden. Er fühlte, wie sein Instrument, diese monotone Rhythmik, hinter der Trompete zurückstand. Sein Gegenstand war die Tochter eines Wiesbader Bürgers, eines Mannes, den man durch Auszeichnungen ehren konnte. Und wie zeichnete ihn der Trompeter aus! Wenn er des Abends in des gehofften Schwiegervaters Gärtchen saß, siehe, dann setzte er das silberne Mundstück an die glänzende Trompete und blies den Parademarsch, „Frisch auf Kameraden!“ alle Walzer, von denen des Kursaals an bis zu dem Zweitritt der [32] Kirchweih. Das erfreute die Herzen dieser Menschen. Die Nachbarn sammelten sich: sie lauschten, sie klopften an die Gartenthür, sie kamen herein und tanzten auf dem grünen Rasen. Der Schwiegervater hatte den ganzen Abend die Nachtkappe zu lüften, und war unbeschreiblich geehrt. Und wenn der Trompeter mit seinen lustigen Stücken Feierabend machte und sie alle aus dem Gärtchen hinaus mußten, um in der Finsterniß die Beete nicht zu verderben, dann blieb er mit der Tochter noch allein und blies ihr Arien der Schwärmerei vor, „Schöne Minka;“ „Mich fliehen alle Freuden,“ mit sterbenden, gedämpften und wie durch Zugwind gehauchten Tönen, bis Alles still wurde. Der Tambour hörte diese Scenen täglich und verging vor Wehmuth. Er war eine sanfte, ächt deutsche Heimwehnatur, voller Empfindung und Ehrgefühl. Jede Nacht badete er sich in Thränen und schlug die Morgenreveille mit matteren Händen. Das Feuer seiner Augen erlosch. Er fluchte seinem Instrumente, fluchte der reitenden Artillerie und ihren Trompeten. Was hatte er an seiner Trommel! Diesem dummen Lärmkasten, bei dessen Tönen sich die Gebildeten der Nation das Ohr zuhalten, dieser Klangmaschine, die, wie man mich in meiner Kindheit überredete, nur dazu da ist, auf dem Schlachtfelde das Geschrei der Verwundeten zu übertäuben! Zum Unglück gab es Augenblicke, wo der Tambour nichtsdestoweniger auf sein Instrument eifersüchtig wurde. Ist es nicht das wohlthätigste Instrument, schlußfolgerte er, wenn es den Menschen anzeigt, wo Feuer ausgebrochen ist, um welche Zeit das Thor geschlossen wird; kann es rührendere Töne geben, als die dumpfen Wirbel beim Begräbnisse eines meiner Kameraden! Bei der Er-[33]innerung an den Tod stürzten ihm die Thränen aus den Augen, von jenseits drang die Trompete seines glücklichen Nebenbuhlers herüber, ach! diese freudigen Töne durchschnitten grausam seine zitternde Seele. So schwand er hin und wurde immer mehr das blasse Bild der Resignation. Er dachte nur an den Tod und sagte oft, wenn der Tod nicht käme, so müsse er selbst ihn sich geben. Damit ging er lange um und weinte viel, auch wenn er beim Abendmahl und in der Kirche war. Aber es half nichts: die Liebe zermalmte sein Herz, die Eifersucht vernichtete seinen Stolz, statt ihn zu erheben. Noch einmal richtete er sich eines Abends auf, wo Alles still war, am Tage vor der Hochzeit der Trompeterbraut, und setzte sich dicht unter ihr Fenster auf einen Stein. Zwischen den Füßen hielt er die Trommel eingespannt und begann sie in der Stille der Nacht, wo Alles schlief, so schwermuthsvoll und still und sanft zu rühren, daß es lange währte, bis mehrere darauf achteten, wie das Mädchen oben in der Kammer. Die hörte diese Serenade, die wußte Alles, denn sie hatte den Tambour gekannt, ihn bevorzugt, ehe die Trompete kam. Sie zitterte unter der Bettdecke, denn es klang wie zum Grab so hohl unterm Fenster. Aber die Töne hoben sich, die Schlägel wurden dringender, die abgestoßenen Punkte folgten Schlag auf Schlag; sie mußte aufspringen vor Entsetzen; die ganze Straße schien zu grollen und die Steine dumpf an einander zu schlagen. Man rief: „Feuer!“ Sie riß das Fenster auf. Draußen war alles still; der Tambour war nirgends zu sehen; auch beim Appell nicht. Man schiffte seine Trommel bei Mainz an der Rheinbrücke auf; ihn selber einen Tag später auf der nämlichen Stelle.“ Nach einiger Zeit theilten sich die Wolken über dem Thale. Es war möglich in’s Freie zu treten. Cäsar und Wally stiegen die Straße nach Ems hinauf. An der Thür der beiden Indien stand das stille Bärbel und betrachtete sie Beide mit einem wehmüthig-rührenden Blick. Wally blieb kalt dabei; Cäsar konnte ihre Gleichgiltigkeit nicht begreifen. „Ich will Ihnen, Fräulein,“ sagte er, „eine andere Geschichte erzählen, die sich in unserer Nähe begiebt, und in der That schon eine Art Schluß hat. Glauben Sie nicht, daß ich die Demokratie so weit treibe und auf Entdeckungen in den Hütten ausgehe. Die Schwalbacher bilden sich ein, ihre Gäste unterhalten zu müssen, und so erfuhr ich etwas, was würdig gewesen wäre, von Hoffmann bearbeitet zu werden. Sie kennen die nassauischen Soldaten! Sie haben über die Brust und Schulter gelbe Bandeliere, was für ein preußisches Auge ganz kurios läßt. Die Artillerie ist schöner, aber hören Sie von einem Tambour bei jener Infanterie. Der junge Mensch stand in Wiesbaden und soll ein Meister auf seinem Instrumente gewesen sein. Niemand in der nassauischen Armee schlug die Reveille mit solcher Fertigkeit. Seine Wirbel sollen den Turbillons geglichen haben, wie sie bei Feuerwerken aufsteigen, nur daß er im Stande gewesen, eine Viertelstunde lang die Schlägel in tremulirender Bewegung zu erhalten. Namentlich gelang ihm jenes hübsche Stakkato auf der Trommel, das untermischt mit Wirbeln die Erschütterung des Kalbfells plötzlich hemmt und einen abbrechenden Ton, einen Ton ohne Echo hervorbringen muß. Sie sehen, welch’ einen Schatz das Haus Nassau an diesem Tambour hatte. Unglücklicherweise verliebte sich der militärische Künstler, und zwar in ein Mädchen, das den Werth der Armee zu schätzen wußte, auch den der Musik, aber einem Trompeter von der Artillerie allerdings den Vorzug gab. Auch die Trompete hat ihre Reize. Aber der Tambour verzweifelte nicht. Bei alledem war er als Künstler bescheiden. Er fühlte, wie sein Instrument, diese monotone Rhythmik, hinter der Trompete zurückstand. Sein Gegenstand war die Tochter eines Wies-[268]badener Bürgers, eines Mannes, den man durch Auszeichnungen ehren konnte. Und wie zeichnete ihn der Trompeter aus! Wenn er des Abends in des gehofften Schwiegervaters Gärtchen saß, siehe, dann setzte er das silberne Mundstück an die glänzende Trompete und blies den Parademarsch, „Frisch auf Kameraden!“, alle Walzer, von denen des Kursaals an bis zum Zweitritt der Kirchweih. Das erfreute die Herzen dieser Menschen. Die Nachbarn sammelten sich: sie lauschten, sie klopften an die Gartenthür, sie kamen herein und tanzten auf dem grünen Rasen. Der Schwiegervater hatte den ganzen Abend seine Nachtkappe zu lüften, und fühlte sich unbeschreiblich geehrt. Und wenn der Trompeter zuletzt denn doch mit seinen lustigen Stücken Feierabend machen und sie alle aus dem Gärtchen hinausmußten, um in der Finsterniß die Beete nicht zu verderben, dann blieb der Trompeter mit der Tochter noch allein und blies ihr mit gedämpftem Ton Arien der Schwärmerei vor, „Schöne Minka“, „Mich fliehen alle Freuden“, mit sterbenden, gedämpften, wie durch Zugwind gehauchten Tönen, bis Alles still wurde. Der Tambour hörte diese Scenen täglich und verging vor Verzweiflung und sogenannter Wehmuth. Denn er war eine sanfte deutsche Heimwehnatur, voll Empfindung und Ehrgefühl. Jede Nacht badete er sich in Thränen und schlug die Morgenreveille mit matteren Händen. Das Feuer seiner Augen erlosch. Er fluchte seinem Instrumente, fluchte der reitenden Artillerie, ihren Trompeten. Was hatte er an seiner Trommel! Diesem dummen Lärmkasten, bei dessen Tönen sich die Gebildeten der Nation das Ohr zuhalten, dieser Klangmaschine, die, wie man mich in meiner Kindheit überredete, nur dazu da ist, auf dem Schlachtfelde das Geschrei der Verwundeten zu übertäuben! Zum Unglück gab es Augenblicke, wo der Tambour nichtsdestoweniger auf sein Instrument eifersüchtig wurde. Ist es nicht das wohlthätigste Instrument, schlußfolgerte er, wenn es den Menschen anzeigt, wo Feuer ausgebrochen ist, um welche Zeit das Thor geschlossen wird; kann es rührendere Töne geben, als die dumpfen Wirbel beim Begräbnisse eines meiner Kameraden! Bei der Erinnerung an den Tod stürzten ihm die Thränen aus [269] den Augen, aber von jenseits drang die Trompete seines glücklichen Nebenbuhlers herüber, ach! diese freudigen Töne durchschnitten grausam seine zitternde Seele. So schwand er hin und wurde immer mehr das blasse Bild der Resignation. Er dachte nur an den Tod und sagte oft, wenn der Tod nicht käme, so müsse er ihn sich selbst geben. Damit ging er lange um und weinte viel, auch wenn er beim Abendmahl und in der Kirche war. Aber es half nichts: die Liebe zermalmte sein Herz, die Eifersucht vernichtete seinen Stolz, statt ihn zu erheben. Noch einmal richtete er sich eines Abends auf, wo Alles still war, am Tage vor der Hochzeit der Trompeterbraut, und setzte sich dicht unter ihr Fenster auf einen Stein. Zwischen den Füßen hielt er die Trommel eingespannt und begann sie in der Stille der Nacht, wo Alles schlief, so schwermuthsvoll und still und sanft zu rühren, daß es lange währte, bis mehre nachtruhverstörte Bürger darauf achteten, nicht blos das Mädchen oben in der Kammer. Die hörte diese Serenade, die wußte Alles, sie hatte den Tambour Anfangs bevorzugt, ehe die Trompete kam. Sie zitterte unter der Bettdecke, es klang wie zum Grab so hohl unterm Fenster. Aber die Töne hoben sich, die Schlägel wurden dringender, die abgestoßenen Punkte folgten Schlag auf Schlag; sie mußte aufspringen vor Entsetzen; die ganze Straße schien zu grollen und die Steine dumpf an einander zu schlagen. Man rief: „Feuer!“ Sie riß das Fenster auf. Draußen war alles still; der Tambour war nirgends zu sehen; auch beim Appell nicht. Man fischte seine Trommel bei Mainz an der Rheinbrücke auf; ihn selbst einen Tag später auf der nämlichen Stelle.“ 0.8935361216730038
76 [34] Wally hatte von dieser Erzählung erwartet, daß sie in einer Beziehung mit Schwalbach stünde und allem, was auf diese Erwartung keine Rücksicht nahm, nur eine oberflächliche Aufmerksamkeit geschenkt. Sie blickte Cäsar mit ruhigem Auge an und fragte kalt, was in dieser dummen Geschichte mit Schwalbach zusammenhinge? Cäsar fand diese Frage natürlich und legte sie sich nicht so empörend aus, als sie ursprünglich gestellt war. „Entsetzlich!“ rief Wally. „O die Geschichte ist noch nicht zu Ende.“ – Wally winkte ab und fragte, was in dieser dummen Geschichte mit Schwalbach zusammenhinge? Cäsar fand diese Frage natürlich und legte sie sich lange nicht so empörend aus, als sie gestellt war. 0.40625
77 „Diese Historie,“ fuhr er fort, „ist mehre Jahre alt. Der Trompeter heirathete die Tochter des Wiesbader Bürgers, nahm seinen Abschied und zog nach Schwalbach, wo er die Direktion der Musiken für die Saison zu übernehmen pflegt. Aber seine Frau leidet seit jener traurigen Katastrophe ihres verschmähten Liebhabers an einem unheilbaren Uebel. Hätten die Aerzte nicht schon zuweilen ähnliche Beobachtungen gemacht, so würde man versucht sein, hier an einen Spuk, an eine Rache des gespenstischen Tambours zu glauben. Die Frau des Trompeters hört Tag und Nacht ein dumpfes Murmeln an ihrem Ohr, das sich zu verschiedenen Zeiten steigert und ihr wie der Ton einer Trommel vorkommen muß. Nachts schreckt sie aus dem Schlaf auf, zeigt mit stierem Blick auf die Thür, wo sie den blassen, kleinen Mann mit seinem Instrumente zu erblicken glaubt; sie hat nicht Ruhe, wie tief sie sich auch in die Kissen des Bettes hineinwühlt. Die Aerzte nennen die Trommelsucht eine unnatürlich präponderirende Kraft des Gehörsinnes und können sich auf die gleichzeitige Thatsache berufen, daß alle übrigen Sinne der Frau allmälig schwinden und der übermäßig hervorbrechenden Gehörskraft zu weichen scheinen. Dabei ist sie abgefallen und bleich, [35] ihr äußerer Körper verringert sich immer mehr; ich sah sie, es ist eine ganz absorbirte Erscheinung, die Grausen erregt. Sie selbst hat den festen Glauben an die Rache des Tambours, oder wie es diese Leute nennen, daß er im Grabe keine Ruhe hätte. Sie versicherte mich, daß das Gespenst ihr überallhin folge, in Küche, Boden und Keller; ja auf dem Wege, selbst im Walde] Wald Die letzte Letter ist nicht korrekt ausgedruckt; korrigiert nach E sähe sie ihn oft, den Todten, wie er leibhaftig vor ihr stehe, die kleine, bleiche Figur, mit der Trommel auf dem weißen Schurzfell und dieselben gelbledernen Bandeliere um die Schultern gehängt, welche uns Preußen so fatal sind. Die Aerzte wissen, daß die Frau bald sterben muß an totaler Nervenentkräftung. Ich glaub’ es. Gott, da steht sie!“ „Wo?“ schrie Wally auf. Cäsar lachte. Es war ein Scherz; er wollte doch wenigstens einen Effekt hervorbringen; aber sie hatte diesen Scherz übel aufgenommen und ließ sich mit der bittersten Laune über seine Späße und abenteuerlichen] abenteuerliche Erzählungen aus. „Gehen Sie mit Ihren Trommeln und Trompeten! Womit Sie sich doch alles abgeben!“ sagte sie mürrisch, empfahl sich und wandte sich allein dem Kaisersaal zu, wo sie wohnte. „Diese Historie,“ fuhr er fort, „ist mehre Jahre alt. Der Trompeter heirathete die Tochter des Wiesbadener Bürgers, nahm seinen Abschied und zog – nun kommt Schwalbach – nach Schwalbach, wo er die Direction der Musiken für die Saison zu [270] übernehmen pflegt. Aber seine Frau leidet seit der traurigen Katastrophe ihres verschmähten Liebhabers an einem unheilbaren Uebel. Hätten die Aerzte nicht schon zuweilen ähnliche Beobachtungen gemacht, so würde man versucht sein, hier an einen Spuk, an eine gespenstische Rache des Tambours zu glauben. Die Frau des Trompeters hört Tag und Nacht ein dumpfes Murmeln an ihrem Ohr, das sich zu verschiedenen Zeiten steigert und ihr wie der Ton einer Trommel vorkommt. Nachts schreckt sie aus dem Schlafe auf, zeigt mit stierem Blick auf die Thür, wo sie den blassen kleinen Mann mit seinem damals noch imposanten, nicht zum Tambourin halbirten Instrumente zu erblicken glaubt; sie hat nicht Ruhe, wie tief sie sich auch in die Kissen des Bettes wühlt. Die Aerzte nennen das die Trommelsucht, eine unnatürlich präponderirende Kraft des Gehörsinnes, wobei leider auch alle übrigen Sinne der Frau allmälig schwinden und der übermäßig hervorbrechenden Gehörskraft zu weichen scheinen. Dabei ist die Frau abgefallen und bleich, ihr äußerer Körper verringert sich immer mehr; ich sah sie, es ist eine absorbirte Erscheinung, die Grausen erregt. Sie selbst hat den festen Glauben an die Rache des Tambours, oder wie diese Leute es nennen, daß er im Grabe keine Ruhe hätte. Sie versicherte mich, daß das Gespenst ihr überallhin folge, in Küche, Boden und Keller; ja auf dem Wege selbst im Walde sähe sie ihn oft, den Todten, wie derselbe leibhaftig vor ihr stehe, die kleine bleiche Figur, mit der großen Trommel auf dem weißen Schurzfell und um die Schultern gehängt, dieselben gelbledernen Bandeliere, die uns Preußen darum stets nur kindisch, so komisch sind. Die Aerzte wissen, daß die Frau bald sterben muß an totaler Nervenentkräftung. Ich glaub’ es. Gott, da steht sie!“ – „Wo?“ schrie Wally auf. – Cäsar lachte. Es war ein Scherz; er wollte doch wenigstens einen Effect hervorbringen; aber Wally hatte diesen Scherz so übel aufgenommen, daß sie sich mit der bittersten Laune über seine Späße und abenteuerlichen Erzählungen ausließ. „Gehen Sie mit Ihren Trommeln und Trompeten! Nein, womit Sie sich doch Alles abgeben!“ sagte sie mürrisch, empfahl sich und wandte sich dem Kaisersaal zu, wo sie wohnte. 0.8006993006993007
78 [271] IX.
79 9.
80 Diese Scene war bald vergessen. Auf die regnerischen Tage folgten mit dem Sonnenscheine tausend Aufforderungen der Natur, ihre Reize zu genießen. Bis in die entfern-[36]teste Umgegend trugen Esel und kleine Gefährte den weiblichen Theil der Gesellschaft, welche als die Crème der Saison sich zusammengefunden hatte. Wally war eine sprühende Girandole von Freude und Ausgelassenheit. Sie bildete den wahren Mittelpunkt der Gesellschaft, so aber, wie es Wasserkünste gibt, wo man nur hier zu drücken braucht, um auf der entgegengesetzten Seite überall lustige Fontänen springen zu lassen. Cäsar war verschlossen und reflektirte viel. Dem Beobachter konnte es nicht entgehen, wie tief sich Wally in seine Neigungen eindrückte. Wenn es nicht Liebe war, die ihn trieb, so war es die Aufgabe, die sich seine Eitelkeit gestellt hatte, Wally, diese Ungezähmte und Unbändige, überwunden zu haben. Hütet euch, ihr Frauen! Die Liebe der meisten Männer ist nichts, als eine Huldigung, welche sie sich selbst bringen. Diese Scene war bald vergessen. Auf die regnerischen Tage folgten mit dem Sonnenschein tausend Aufforderungen der Natur, ihre Reize zu genießen. Bis in die entfernteste Umgegend trugen Esel und kleine Gefährte den weiblichen Theil der Gesellschaft, die als die Crème der Saison sich zusammengefunden hatte. Wally war eine sprühende Girandole von Freude und Ausgelassenheit. Sie bildete den wahren Mittelpunkt der Gesellschaft, so aber, wie es Wasserkünste giebt, wo man nur zu drücken braucht, um auf der entgegengesetzten Seite lustige Fontänen springen zu lassen. Cäsar war verschlossen und reflectirte. Dem Beobachter konnte es nicht entgehen, wie tief sich Wally in seine Neigungen eindrückte. War es nicht Liebe, die ihn entflammte, so war es die Aufgabe, die sich seine Eitelkeit gestellt hatte, Wally, die Ungezähmte und Unbändige, überwunden zu haben. Hütet Euch ja, Ihr Frauen! Die Liebe der meisten Männer ist nichts als eine Huldigung, die sie sich selbst bringen! 0.8166666666666667
81 Der Rhein sollte das Ziel einer Spazierfahrt sein, der sich eine große Anzahl von Badgästen angeschlossen hatte. Wally war noch vor diesem Ziele zu sehr ermüdet, als daß sie weiter konnte. Sie blieb bei einem der Bedienten zurück, um die nachkommenden Wagen abzuwarten. So trennte sie sich unbemerkt von der Gesellschaft, so daß Cäsar, der auf Abwegen dem Zuge nachgeritten war, erstaunte sie allein zu finden. Er sprang vom Pferde und gab es dem Bedienten. Wally und Cäsar gingen voran. Der Rhein sollte das Ziel einer Spazierfahrt sein, der sich eine große Anzahl von Badegästen angeschlossen hatte. Wally war zu sehr ermüdet, als daß sie bis zum gemeinschaftlichen Ziele zu Fuß mitthun konnte. Sie blieb bei einem der Bedienten zurück, um die nachkommenden Wagen abzuwarten. So trennte sie sich unbemerkt von der Gesellschaft, so daß Cäsar, der auf Abwegen dem Zuge nachgeritten war, erstaunte, sie allein zu finden. Er sprang vom Pferde und gab dasselbe dem Bedienten. Wally und Cäsar gingen voran. 0.8194444444444444
82 Dem Reiz eines grünen Rasenplatzes mitten im Walde widerstanden sie nicht. Während der Wagen und Cäsars Pferd auf der Straße hielten, gingen sie dem einladenden Ruheorte entgegen und setzten sich auf abgesägte Baumstümpfe nieder. Es lag etwas Mechanisches in diesen Bewegungen, als wenn eine Verabredung stattgefunden [37] hätte, und doch schwiegen beide. Sie sprachen noch immer nichts, auch als sie beide mit gestütztem Haupte sich gegenüber saßen. Dem Reiz eines grünen Rasenplatzes mitten im Walde widerstanden sie nicht. Während der Wagen und Cäsar’s Pferd auf der Straße hielten, gingen sie dem einladenden Ruheorte entgegen und setzten sich auf abgesägte Baumstümpfe nieder. Es lag etwas Mechanisches in diesen Bewegungen, als wenn eine Verabredung stattgefunden hätte, und doch schwiegen Beide. Sie sprachen noch immer nichts, auch als sie sich Beide mit gestütztem Haupte gegenüber saßen. 0.9491525423728814
83 „Seit einiger Zeit sind Sie auf mich erzürnt, Cäsar!“ sagte Wally. Ein Lächeln, das man kennen muß, um zu wissen, daß es nur die Maske eines tieferen Schmerzes ist, flog über ihre Mienen. Das Lächeln Cäsars konnte Beistimmung oder Verwunderung sein. Er war klug genug, sie darüber im Unklaren zu lassen. „Ihre Geschichten haben mich kalt gelassen;“ fuhr sie fort. Daran dachte Cäsar nicht mehr; aber er sagte: „hab’ ich sie denn verfaßt?“ Nach einer Pause seufzte Wally tief auf, schlug ihren Blick zu Boden und begann eine Perspektive in ihr Inneres zu geben, die Cäsar neu war, an ihr zumal, und die ihn entzückte. „Ich muß mich, ich muß die Frauen hassen;“ sagte sie still; „von Natur sind wir grausam und zu den Gefühlen, welche wir zu äußern wohl unter Umständen fähig wären, haben wir ursprünglich nur die bloßen Anlagen. Glauben Sie es, Cäsar, die Frauen gedeihen nur durch die Männer. Sie selber wären im Stande, sich unter einander zu zerfleischen. Niemand kann bei dem Elende der Menschen, bei Krieg, Erdbeben, öffentlichem und Privatunglück empfindungsloser sein, als oft die Frauen. Verstehen Sie mich recht, so lange wir allein stehen. Was wir von Gefühl ursprünglich haben, das ist mehr Schauer, als Bewußtsein, mehr thierische Furcht, als Reflexion einer [38] edlen Seele. Ach, ich zittre oft vor einer Empfindungslosigkeit, die ich nicht zu heilen weiß!“ „Aber woher die spätere Metamorphose der Frauen?“ fragte Cäsar, erstaunt über die Wahrheit, welche sich in Wally’s Antlitze ausdrückte. Sie stockte: sie blickte ihn an. Er errieth und sank zu ihren Füßen. „Seit einiger Zeit sind Sie auf mich erzürnt, Cäsar!“ sagte Wally. Ein Lächeln – man muß es kennen, um zu [272] wissen, daß es nur die Maske eines tieferen Schmerzes ist – flog über ihre Mienen. Das Lächeln Cäsar’s konnte Beistimmung oder Verwunderung sein. Er war klug genug, sie darüber im Unklaren zu lassen. „Ihre Geschichten haben mich kalt gelassen; Sie zürnen mir!“ fuhr sie fort. Daran dachte Cäsar nicht mehr; aber er sagte: „Hab’ ich sie denn verfaßt?“ Nach einer Pause seufzte Wally tief auf, schlug ihren Blick zu Boden und begann eine Perspective in ihr Inneres zu geben, die Cäsar neu war, zumal an ihr. „Ich muß mich, ich muß die Frauen hassen;“ sagte sie still; „von Natur sind wir grausam und zu den Gefühlen, die wir zu äußern wol unter Umständen fähig wären, den großen Gefühlen, haben wir ursprünglich nur die bloßen Anlagen. Glauben Sie es, Cäsar, die Frauen gedeihen nur durch die Männer. Sie selbst wären im Stande, sich untereinander zu zerfleischen. Niemand kann bei dem Elend der Menschen, bei Krieg, Erdbeben, öffentlichem und Privatunglück empfindungsloser sein als oft die Frauen, versteht sich im Stande der Verliebtheit. Was wir ursprünglich von Gefühl haben, ist mehr Schauer als Bewußtsein, mehr thierische Furcht als Reflexion einer edlen Seele. Ach, ich zittre oft vor einer Empfindungslosigkeit, die ich in Gefahr gerathen könnte, niemals zu heilen.“ „Das heißt, niemals zu lieben! Wie wenig Sie sich zutrauen! Aber woher die spätere Metamorphose der Frauen?“ fragte Cäsar, erstaunt über die Wahrheit, die sich in Wally’s Antlitz ausdrückte. Sie stockte und blickte ihn an. Er sank zu ihren Füßen. 0.7883597883597884
84 So lange diese Situation stumm war, konnte sie zwischen beiden wohl empfunden sein; als aber Wally nach einem Worte suchte, wies sie ihn zurück. Ihm war es recht; denn die Reflexion schlug ihm in den Nacken und hatte ihn unwillkürlich aufgerissen, da er auf nichts in seinem Herzen hinlänglich Vorbereitetes stieß und ihm auch jede Situation fatal war, in der er sich selbst nicht hätte beobachten können. Sie saßen beide wieder auf ihren Baumstämmen. Doch war es eine warme Stimmung, die sich ihrer bemächtigt hatte, in der sie wenn auch über nichts entscheiden, dennoch über Alles unterhandeln konnten. So lange diese Situation stumm war, konnte sie zwischen Beiden empfunden sein; als aber Wally nach einem Worte suchte, war es ein abweisendes. Er that auch nur, als hätte er Komödie gespielt. Auf ein ernstliches Liebesgeständniß hatte er sich mit nichts in seinem Herzen vorbereitet und jede Situation war ihm fatal, wo er sich selbst nicht hätte beobachten können. Beide saßen sie wieder auf ihren Baumstämmen. Doch war es eine wärmere Stimmung, die sich ihrer bemächtigt hatte, in der sie, wenn auch über nichts entscheiden, dennoch über Alles unterhandeln konnten. 0.5934065934065934
85 Wally verhehlte nicht, daß die Zauberruthe, welche die im Herzen des Weibes schlummernden Gefühle erst wecke, die Liebe sei. Cäsar ergriff ihre Hand und sagte: „Wir sind für die Illusion beide nicht gemacht. Eine Mücke würde uns stören, wollten wir zu den Sternen beten. Jede Aufwallung, bei der wir nur einen Augenblick unsre Manieren nicht in der Hand hätten, würde uns lächerlich scheinen. Helfen wir uns beide! Eine kurze Uebereinkunft kann uns auf die Stufe versetzen, welche uns alle jene Glückseligkeit gewährt, die wir durch Zurückhaltung, Schaam, natürliches oder kokettes Wesen niemals erreichen… Wally!.. Wally!“ Wally verhehlte also nicht, daß die im Herzen des Weibes schlummernde Zauberruthe, die alle höheren Gefühle erst wecke, [273] die Liebe sei. Cäsar ergriff ihre Hand und sagte: „Wir sind für die Illusion Beide nicht gemacht. Eine Mücke würde uns stören, wollten wir zu den Sternen beten. Jede Aufwallung, bei der wir nur einen Augenblick unsere Manieren nicht in der Hand hätten, würde uns lächerlich erscheinen. Helfen wir uns Beide! Eine kurze Uebereinkunft kann uns auf die Stufe versetzen, die uns alle jene Glückseligkeit gewährt, die wir durch Zurückhaltung, Scham, natürliches oder kokettes Wesen niemals erreichen!“ 0.8271604938271605
86 [39] Jetzt lag Cäsar zu Wally’s Füßen, wahrhaftig, ohne Bewußtsein, von einem ungeheuchelten Gefühle übermannt. Aber was warf ihn nieder? Nicht die Liebe, sondern der Gedanke an – eine Humanitätsfrage, die Niemanden von euch fremd ist: der Gedanke an jene Augenblicke, wo wir, überdrüssig der conventionellen Formen des Lebens zu aller Welt herantreten möchten und ihr zurufen: „O warum dies Gehäuse von Manieren, in welches du Spröde dich zurückziehst? Warum diese Verhüllung des Menschen in und an dir? Warum Zurückhaltung, du, mein Bruder, du, meine Schwester, da du doch gleichen Wesens mit mir bist, eine Hand wie ich zum Drucke, einen Mund wie ich zum Kusse hast? Ach, wie seh’ ich rings um mich her eine so reife Ernte von Liebe und Schönheit! Warum zögern, bis auf Jahre, daß ich sie breche? Warum nicht die Freude, daß wir alle Menschen sind, schwach und stark, sterblich und unsterblich! Diese unsichtbaren Barrieren, welche die Menschen trennen, welche auch den Jüngling vom Mädchen trennen, müssen fallen; denn ich kenne dich, dein Alles, dein Gehen und Stehen, deine Schwächen und Tugenden: siehe! hier ist meine offne Brust, hier schlägt mein Herz, ich bin nichts, was noch etwas anderes wäre, als es ist, nichts, was du für etwas anderes halten dürftest. Du bist eine Frucht, überreif zur Liebe; warum brech’ ich sie nicht? Wir sind die Kinder eines und desselben Planeten, ich Mensch, wie du, beide alternd, beide den Tod fürchtend, beide elend. Was weichst du mir aus?“ Wieder saß Cäsar im Grase zu Wally’s Füßen, in der That ohne Bewußtsein und von einem ganz ungeheuchelten Gefühle übermannt. Aber was warf ihn nieder? Nicht die Liebe, sondern der Gedanke an – eine Humanitätsfrage, die Niemanden von Euch fremd ist: der Gedanke an jene Augenblicke, wo wir, überdrüssig der conventionellen Formen des Lebens, zu aller Welt herantreten möchten und ihr zurufen: „Warum dies Gehäuse von Manieren, in welches, Du Spröde, Dich zurückziehst? Warum diese Verhüllung des Menschen in und an Dir? Warum Zurückhaltung, Du, mein Bruder, Du, meine Schwester, da Du doch gleichen Wesens mit mir bist, eine Hand wie ich zum Drucke, einen Mund wie ich zum Kusse hast? Ach, wie seh’ ich rings um mich her eine so reife Ernte von Liebe und Schönheit! Warum zögern, bis auf Jahre, daß ich sie breche? Warum nicht die Freude, daß wir alle Menschen sind, schwach und stark, sterblich und unsterblich! Diese unsichtbaren Barrièren, die uns Menschen trennen, die auch den Jüngling vom Mädchen trennen, müssen und sollen fallen; denn ich kenne Dich, Dein Alles, Dein Gehen und Stehen, Deine Schwächen und Tugenden: siehe! hier ist meine offene Brust, hier schlägt mein Herz, ich bin nichts, was noch etwas Anderes wäre, als es ist, nichts, was Du für etwas Anderes halten dürftest. Du bist eine Frucht, überreif zur Liebe; warum brech’ ich sie nicht? Wir sind die Kinder eines und desselben Planeten, ich Mensch, wie Du, Beide alternd, Beide den Tod fürchtend, Beide elend. Was weichst Du mir aus?“ 0.8306010928961749
87 Wally zerfloß in Thränen. So fast hatte Cäsar zu ihr gesprochen, und sie fühlte die Freude, statt eines Weibes ein Mensch zu sein. Sie zitterte bei dieser philanthropi-[40]schen Vorstellung, welche, wenn sie allgemein würde, die Welt umgestalten und ihre schwierigen Fragen im Nu lösen müßte. Sie ließ die Umarmung Cäsars zu: nicht, weil sie ihn liebte, oder aus Egoismus, aus Stolz, einen Mann überwunden zu haben, sondern weil sie sich als das schwache Glied der großen Wesenkette fühlte, die Gott erschaffen hat, weil sie wußte, daß sie ja vor der Wahrheit und Natur nackt und bloß und mitleidswürdig war, weil sie zuletzt glaubte, daß diese heißen Küsse, welche Cäsar auf ihre Lippen drückte, allen Millionen gälten „unterm Sternenzelt.“ Wally zerfloß in Thränen. So fast hatte Cäsar zu ihr wirklich gesprochen, und sie fühlte die Freude, statt ein Weib [274] zu sein, zur Menschheit zu gehören. Sie zitterte bei dieser philanthropischen Vorstellung, die allgemeiner geworden, die Welt umgestalten und ihre schwierigen Fragen im Nu lösen müßte. Sie ließ die Umarmung Cäsar’s zu: nicht, weil sie ihn liebte oder aus Egoismus, aus Stolz, einen Mann überwunden zu haben, sondern weil sie sich als das schwache Glied der großen Wesenkette fühlte, die Gott erschaffen hat, weil sie wußte, daß sie ja vor der Wahrheit und Natur unbekleidet und mitleidswürdig war, weil sie zuletzt glaubte, daß diese heißen Küsse, die Cäsar auf ihre Lippen drückte, allen Millionen gälten „unterm Sternenzelt.“ 0.801980198019802
88 Sehet da eine Scene, wie sie in alten Zeiten nicht vorkam! Hier ist Raffinirtes, Gemachtes, aus der Zerrissenheit unsrer Zeit Gebornes: und was ist die Wahrheit Romeo’s und Juliens gegen diese Lüge! Was ist die egoistische Geschlechtsliebe gegen diesen Enthusiasmus der Ideen, der zwei Seelen in die unglücklichsten Verwechselungen werfen kann! Ich zittre vor einem Jahrhundert, das in seinen Irrthümern so tragisch, in seinem Fluche so anbetungswürdig ist. Sehet da eine Scene, wie sie in den alten Zeiten nicht vorkam! Wir haben hier ist Raffinirtes, Gemachtes, aus der Zerrissenheit unserer Zeit Gebornes: und was ist die Wahrheit Romeo’s und Juliens gegen diese Lüge! Was ist die egoistische Geschlechtsliebe gegen diesen Enthusiasmus der Ideen, der zwei Seelen in die unglücklichsten Verwechselungen werfen kann! Ich zittre vor einem Jahrhundert, das in seinen Irrthümern so tragisch, in seinem Fluch so anbetungswürdig ist. 0.8524590163934426
89 X.
90 10.
91 Die Uebereinkunft der Liebe zwischen Wally und Cäsar mußte ihren Verhältnissen ein neues Colorit geben. Wir fürchten, daß die Farben allmählig erbleichen werden. Aber noch sind sie hell und frisch; noch liegt auf Wally’s Antlitz der melancholische Schatten jener Verirrung im Walde, in Cäsars Mienen die Resignation und Selbstzufriedenheit, welche selbst blasirte Charaktere und verwitternde Natür-[41]lichkeiten ergreifen kann, wenn der immer durstige Becher ihrer Wünsche einmal voll ist bis an den Rand der Erfüllung. Das Wiederfinden eines Jugendfreundes unterstützte Cäsars reflektirende Persönlichkeit, sich in einer Welt zu halten, in welcher er sich seit einiger Zeit gefiel. Die Uebereinkunft der Liebe zwischen Wally und Cäsar mußte ihren Verhältnissen ein neues Colorit geben. Wir fürchten, daß die Farben allmälig erbleichen werden. Aber noch sind sie hell und frisch; noch liegt auf Wally’s Antlitz der melancholische Schatten jener Verirrung im Walde, in Cäsar’s Mienen die Resignation und Selbstzufriedenheit, die selbst blasirte Charaktere und verwitternde Natürlichkeiten ergreifen kann, wenn der immer durstige Becher ihrer Wünsche einmal voll ist bis an den Rand der Erfüllung. Das Wiederfinden eines Jugendfreundes unterstützte Cäsar’s reflectirende Persönlichkeit, sich in einer Welt zu halten, in welcher er sich seit einiger Zeit gefiel. 0.9195402298850575
92 Waldemar hieß der neue Ankömmling, ein Mann, der einst blühend und schön war, in der Residenz zu Wally’s Anbetern gehörte, dann heirathete und trotz der glänzendsten Verhältnisse zu keiner Freude kam, da seine Gattin an unheilbaren Leiden siechte. Die Stimmung dieses Mannes theilte sich seinen Umgebungen mit, erst auch Cäsar, verlor sich aber an diesem in dem Augenblick, als sie für ihn durch folgende gemischte Anekdote einen Grund bekam. Waldemar hieß der neue Ankömmling, ein Mann, der einst blühend und schön war, in der Residenz zu Wally’s An-[275]betern gehört hatte, dann heirathete und trotz der glänzendsten Verhältnisse zu keiner Freude kam, da seine Gattin an unheilbaren Leiden siechte. Die Stimmung dieses Mannes theilte sich seinen Umgebungen mit, erst auch Cäsar, verlor sich aber an diesem in dem Augenblick, wo sie für ihn durch folgende gemischte Anecdote gerade eine Begründung hätte bekommen können. 0.7605633802816901
93 Seit Waldemars Ankunft im Bade hatte sich nämlich das stille Bärbel von den beiden Indien zurückgezogen. Ihr Betragen gegen ihn ließ keinen Zweifel, daß dieser Mann die Ursache ihrer Geistesverwirrung gewesen war. Sie verfolgte Waldemar, wo er sich nur blicken ließ, und weinte oft auf dem Wege, wenn er in zahlreicher Gesellschaft vorüber ging. Jedermann kannte den Zusammenhang dieser tragischen Comödie, doch wollten nicht Alle glauben, was Waldemar versicherte, daß er sich dieses Mädchens durchaus nicht entsinne, nie mit ihr ein Wort gewechselt, und auch erst im vorigen Jahre zum erstenmale Schwalbach besucht hätte. Cäsar aber glaubte diesen Versicherungen; denn Waldemar war eine treue Seele, die Niemanden betrüben konnte, noch weniger aber wäre eine Unwahrheit über seine Zunge gekommen. Er nahm den Wahnsinn Bärbels von der lächerlichen Seite und suchte Waldemar [42] zu trösten. Ja, diesem melancholischen Manne fehlte nur noch eine neue Ursache seiner Schwermuth! Seit Waldemar’s Ankunft im Bade hatte sich das stille Bärbel von den beiden Indien zurückgezogen. Ihr Betragen gegen ihn ließ keinen Zweifel, daß dieser Mann die Ursache ihrer Geistesverwirrung gewesen. Sie verfolgte Waldemar, wo er sich nur blicken ließ, und weinte oft auf dem Wege, wenn er in zahlreicher Gesellschaft vorüberging. Jedermann kannte den Zusammenhang dieser tragischen Komödie, doch wollten nicht Alle an Das glauben, was Waldemar versicherte, daß er sich dieses Mädchens durchaus nicht entsinne, nie mit ihr ein Wort gewechselt, und auch erst im vorigen Jahre zum ersten Male Schwalbach besucht hätte. Cäsar aber glaubte diesen Versicherungen; Waldemar war eine treue Seele, die Niemanden betrüben konnte, noch weniger aber wäre eine Unwahrheit über seine Zunge gekommen. Er nahm den Wahnsinn Bärbel’s von der lächerlichen Seite und suchte Waldemar zu trösten. Ja, diesem melancholischen Manne fehlte nur noch eine Ursache mehr zu seiner Schwermuth! 0.8818897637795275
94 Wally befand sich in einer Stimmung, die ihr den Verkehr mit beiden Männern, der immer gewisse Gränzen und Nüancen hatte, recht zum Genuß machte. Einst wollte sie in einem Garten zu ihnen unbemerkt herantreten, während beide Freunde unter einem Bosket von verwelkenden Rosen sich unterhielten; da sie aber hörte, daß ihr Gespräch religiöse Saiten aufgezogen hatte, so fürchtete sie, etwas zu verstimmen, und blieb unwillkürlich in einer Weite stehen, daß ihr von dem Gesprochenen nichts entging und sie dabei doch ungesehen blieb. Sie fühlte das Mißliche dieser Situation in einem Augenblicke nicht, wo alle ihre Seelenfäden Gespinnste zu schießen begannen, in die sie sich immer tiefer verstrickte, wo es einer Untersuchung über die Religion galt. Wally befand sich in einer Stimmung, die ihr den Verkehr mit beiden Männern, der immer gewisse Grenzen und Nüancen hatte, zum Genuß machte. Einst wollte sie in einem Garten unbemerkt zu ihnen herantreten, während sich beide Freunde unter einem Bosket von verwelkenden Rosen unterhielten; da sie aber hörte, daß das Gespräch derselben religiöse Saiten aufgezogen hatte, so fürchtete sie, etwas daran zu verstimmen, und blieb unwillkürlich in einer Weite stehen, daß ihr von dem Gesprochenen nichts entging und sie dabei doch ungesehen blieb. Sie fühlte das Mißliche dieser Situation in einem Augenblick nicht, wo alle ihre Seelenfäden Gespinnste zu schießen begannen, in die sie sich immer tiefer verstrickte, sowie die Untersuchung der Religion galt. 0.8901098901098901
95 „Hätt’ ich einen größeren Wirkungskreis,“ sagte Waldemar, „vielleicht gelänge es mir dann, den Unmuth meiner Seele zu zerstreuen, wie auf jenen Bergen, auf welchen viel Waldleben herrscht, Tannen rauschen und die Natur in einer steten Bewegung ist, die Nebel sich leichter zerstreuen. Ich bin ein kahler Hügel, jedem Windzuge offen und von jeder Wolke gleich bis tief unter die Augen bedeckt. Nach ideellen Schutzwehren such’ ich eben so vergebens. Die Politik ist nur im Stande, meine Schwermuth zu vermehren, und die Religion hat man mir durch meine Erziehung verleidet.“ „Wer wird auch,“ entgegnete Cäsar, „bei üblen Stimmungen Hülfe von der Religion erwarten! Religion [43] ist das Produkt der Verzweiflung: wie kann sie die Verzweiflung heilen?“ „Sie sollte es wohl; jede Religion soll es, welche die Miene der Offenbarung annimmt,“ sagte Waldemar. „Aechte Religion ist positive Heilkraft; aber gleicht das Christenthum nicht einer Latwerge, die aus hundert Ingredienzien zusammengekocht ist? Meine Vernunft sagt mir, auch ohne Hahnemanns Organon, daß die Krankheiten immer einfache und nur die Symptome zusammengesetzt sind, daß die Natur für jede ihrer Abnormitäten eine medizinische Rektifikation im simpeln Zustande hat und daß in einer Mixtur von Heilkräften eine Kraft die andere aufhebt. Die unerhörte Ueberladenheit des Christenthums aus traditionellen, historischen und biblischen Ursachen macht aber, daß es für den Schmerz der Seele ganz ohne Wirkung ist. Eines seiner Dogmen stört das andre.“ „Hätt’ ich einen größeren Wirkungskreis,“ sagte Waldemar, [276] „vielleicht gelänge es mir dann, den Unmuth meiner Seele zu zerstreuen, sowie auf jenen Bergen, auf welchen viel Waldleben herrscht, Tannen rauschen und die Natur in einer steten Bewegung ist, die Nebel sich leichter zerstreuen. Ich bin ein kahler Hügel, jedem Windzuge offen und von jeder Wolke gleich wie von einer Nachtmütze bedeckt. Nach ideellen Schutzwehren such’ ich eben so vergebens. Die Politik ist nur im Stande, meine Schwermuth zu vermehren, und die Religion hat man mir durch meine Erziehung verleidet.“ – „Wer wird auch,“ entgegnete Cäsar, „bei üblen Stimmungen gleich Hülfe von der Religion erwarten! Religion ist das Product der Verzweiflung: wie kann sie die Verzweiflung heilen?“ – „Sie sollte es doch wol;“ sagte Waldemar, „jede Religion soll es, zumal wenn sie die Miene der Offenbarung annimmt. Echte Religion ist positive Heilkraft; aber gleicht das Christenthum nicht einer Arznei, die aus hundert Ingredienzien zusammengekocht ist? Meine Vernunft sagt mir, auch ohne Hahnemann’s Organon, daß die Krankheiten immer einfache und nur die Symptome zusammengesetzt sind, daß die Natur für jede ihrer Abnormitäten im simpeln Zustande eine medicinische Rectification hat und daß in einer Mixtur von Heilkräften eine Kraft die andere aufhebt. Die unerhörte Ueberladenheit des Christenthums aus traditionellen, historischen und biblischen Ursachen macht, daß es für den Schmerz der Seele ganz ohne Wirkung ist. Eines seiner Dogmen stört das andre.“ 0.8596491228070176
96 Ein Krampf schnürte Wally’s Brust zusammen. Sie wankte ohnmächtig fort, bis jener gleichfalls Brunnentrinkende Referendar, der über das Unzeitgemäße der politischen Garantieen geschrieben hatte, ihren Arm ergriff und sie zu Waldemar und Cäsar führte, von denen er den ersten gesucht hatte. „Waldemar!“ rief er: „was Sie glücklich sind! Ein Ehegatte, und noch bringen sich Ihretwegen die Frauen um.“ „Was wollen Sie damit?“ fragte Waldemar. „Sie müssen nicht erschrecken,“ sagte jener; „aber Ihr verlassenes Bärbel ist todt. Sie ging den ganzen Tag um Schwalbach herum, sich ein Grab zu suchen, blieb dann noch lange bei den beiden Indien, wankte darauf mechanisch fort bis [44] an das Schloß Nassau, wo sie sich von der eisernen Hängebrücke hinabgestürzt hat. An der linken Seite von hier, da wo der Brunnen auf der Brücke steht, soll sie noch mehre Stunden gesessen haben, wie die Leute versichern, die sie dort sahen. Die Gerichte von dort schicken diesen Ring mit, der an dem Finger des Mädchens sich befand. Ich hab’ ihn hier.“] hier. Waldemar erblaßte. „Mein Gott!“ schrie er. „Dieser Ring –“ Cäsar sprühte auf: „Wie?“ rief er; „Waldemar, du hättest dennoch –“ „Ja,“ bemerkte der Dritte: „ich kenn’ ihn. Sie trugen diesen Ring vor mehren Jahren, Waldemar.“ Wally trat hinzu und nahm den Ring. Sie betrachtete ihn und gab mit unpassender Heiterkeit die Erklärung: „Waldemar, Sie gaben mir vor drei Sommern diesen Ring. Ist eine Verheirathung dem Gedächtnisse so schädlich?“ „Aber wie kam die Unglückliche zu dem Ringe, den alle Welt als ein Pfand meiner treulosen Versicherungen auslegen wird?“ fragte Waldemar mit bleichen Lippen, die doch wieder sprechen konnten, nachdem er sich auf die Huldigungen besann, die er einst Wally gebracht hatte. „Ich hatte die Gewohnheit,“ sagte Wally, „die Ringe meiner Verehrer jährlich im Bade zurückzulassen, indem ich sie in die Becher, die am Sprudel stehen, warf, und diese dann armen Leuten oder Kindern zu trinken gab. So ist die Närrin wohl zu dem Geschenke gekommen.“ „Gut ausgeredet,“] ausgeredet, flüsterte der Referendar, dem im Augenblick auch sein Ehrenhandel mit Cäsar einfiel. Wally [45] blickte etwas stolz: man konnte durchaus nicht sagen, warum? und reichte dem Menschen doch ihren Arm. Ein Krampf schnürte Wally’s Brust zusammen. Sie wankte ohnmächtig fort, bis jener gleichfalls brunnentrinkende Referendar, der über das Unzeitgemäße der politischen Garantieen geschrieben hatte, ihren Arm ergriff und sie zu Waldemar und Cäsar zurückführte, von denen er den ersten gesucht hatte. „Waldemar!“ rief er: „was Sie glücklich sind! Ein Ehegatte, und noch bringen sich Ihretwegen die Frauen um!“ „Was wollen Sie damit?“ fragte Waldemar. „Sie müssen nicht erschrecken, Ihr verlassenes Bärbel ist todt. Sie ging den ganzen Tag um Schwalbach herum, sich ein Grab zu suchen, blieb dann noch lange bei den beiden Indien, wankte darauf fort bis an das Schloß Nassau, wo sie sich von der eisernen [277] Hängebrücke hinuntergestürzt hat. An der linken Seite von hier, da wo der Brunnen auf der Brücke steht, soll sie noch mehre Stunden gesessen haben, wie die Leute versichern, die sie dort sahen. Die Gerichte von dort schicken diesen Ring mit, der an dem Finger des Mädchens sich befand. Ich hab’ ihn hier.“ – Waldemar erblaßte. „Mein Gott!“ schrie er. „Dieser Ring –“ – Cäsar sprühte auf: „Wie?“ rief er; „Waldemar, Du doch –“ – „Ja, ja,“ bemerkte der Dritte: „ich kenn’ ihn. Sie trugen diesen Ring vor mehren Jahren, Waldemar.“ Wally trat hinzu und nahm den Ring. Sie betrachtete ihn und gab mit unpassender Heiterkeit die Erklärung: „Waldemar, Sie gaben mir vor drei Sommern diesen Ring. Ist eine Verheirathung dem Gedächtnisse so schädlich?“ – „Aber wie kam die Unglückliche zu dem Ringe, den alle Welt als ein Pfand meiner treulosen Versicherungen auslegen wird?“ fragte Waldemar mit bleichen Lippen, die allmälig wieder sprechen konnten, nachdem er sich auf die Huldigungen besann, die er einst Wally gebracht hatte. – „Ich hatte die Gewohnheit,“ sagte Wally, „die Ringe meiner Verehrer jährlich im Bade zurückzulassen, indem ich sie in die Becher, die am Sprudel stehen, warf, und diese dann armen Leuten oder Kindern zu trinken gab. So ist die Närrin wol zu dem Geschenke gekommen.“ – „Gut eingeholfen,“ flüsterte der Referendar, dem im Augenblick auch sein Ehrenhandel mit Cäsar einfiel. Wally blickte etwas stolz: man konnte durchaus nicht sagen, warum? und reichte dem Menschen doch ihren Arm. 0.9110169491525424
97 Waldemar saß in tiefes Nachsinnen versunken. Wie wunderbar war der Zusammenhang dieses unglücklichen Ereignisses! Man konnte versucht werden, an eine magnetische Einwirkung zu glauben. Wer erklärte ihm, wie ein Ring eine Neigung veranlassen konnte zu einem Manne, den – man nie gesehen! Wie kam es, daß die Arme, gleich als sie ihn zum erstenmale sahe, ihn als den Eigenthümer des Ringes erkannte, den sie liebte und mit einer wirklichen Person verwechselte! Er ging tief bekümmert in seine Wohnung und überredete seine kranke Gattin, mit ihm sogleich den Schauplatz so unheimlicher Begebenheiten zu verlassen. Waldemar saß in tiefes Nachsinnen versunken. Wie wunderbar war der Zusammenhang dieses unglücklichen Ereignisses! Man konnte versucht werden, an eine magnetische Einwirkung zu glauben. Wer erklärte ihm, wie ein Ring eine Neigung veranlassen konnte zu einem Manne, den – man nie gesehen! Wie kam es, daß die Arme, gleich als sie ihn zum ersten Male sah, gerade ihn als den Eigenthümer des Ringes erkannte, den sie dann liebte und mit einer wirklichen Person verwechselte! Er ging tief bekümmert in seine Wohnung und überredete seine kranke Gattin, mit ihm den Schauplatz so unheimlicher Begebenheiten zu verlassen. 0.9012345679012346
98 Was aber empfand Cäsar bei dem Ereignisse? Nicht das Ereigniß selbst, nicht den Schmerz seines Freundes, sondern nur Eines, was ihn schon oft bei Vergleichung des Todes mit dem Leben interessirt hatte. Das arme Bärbel war vor ihrem Ende unruhig in dem Flecken herumgewankt und hatte den Tod gesucht, der ihr nothwendig schien. Sie war bis nach der eisernen Brücke gelaufen, um den Tröster ihrer Leiden zu finden. Ist es beim Selbstmorde eine unsichere Hand, die die Kehle zuschnürt? Geht man wahnsinnig, ohne Bewußtsein in den Tod, wie die Mücke in das brennende Licht stürzt? Oder ist man bei etwa vorhandener Kraft, sich noch als nachdenkend zu fühlen, schon so mit dem Tode verschwistert, daß jener weitere Act des Selbstmordes nur die Publikation eines Befehles wird, der schon abgemacht und im Stillen ausgeführt ist? Darüber sann Cäsar nach und konnte sich vor [46] Schmerz nicht fassen, als er bei dem Verfolgen von Bärbels Benehmen nur darauf zurückkam, daß die Furcht vor dem Tode doch immer das Ursprüngliche und bis zum schwindenden Bewußtsein das Letzte sei. Die Unzulänglichkeiten der Erhabenheit, sagte er, die Furcht vor dem Tode, der Schmerz, nicht wie Brutus, der alte und junge, tödten, nicht wie Cato sterben zu können, die Bitte des Prinzen von Homburg, ihn leben zu lassen: das ist das Tragische unsrer Zeit und ein Gefühl, welches die Anschauungen unsrer Welt von dem Zeitalter der Schicksalsidee so schmerzlich verschieden macht. Sie wollte sterben, und lief einen ganzen Tag, einen Weg von sechs Stunden, um den Tod zu finden, den sie herzlich suchte und den sie fürchtete! So war Cäsar. Darüber nun konnte er weich werden! [278] Was aber empfand Cäsar bei dem Ereigniß? Nicht das Ereigniß selbst, nicht den Schmerz seines Freundes, sondern nur Eines, was ihn schon oft bei Vergleichung des Todes mit dem Leben interessirt hatte. Das arme Bärbel war in dem Flecken vor ihrem Ende unruhig hin und her gewankt und hatte den Tod gesucht, der ihr nothwendig schien. Sie war bis nach der eisernen Brücke gelaufen, um den Tröster ihrer Leiden zu finden. Ist es beim Selbstmorde eine unsichere Hand, die uns die Kehle zuschnürt? Geht man wahnsinnig, ohne Bewußtsein in den Tod, wie sich die Mücke in das brennende Licht stürzt? Oder ist man bei vorhandener Kraft, sich noch als nachdenkend zu fühlen, schon so mit dem Tode verschwistert, daß jener weitere Act des Selbstmordes nur die Publication eines Befehles wird, der schon abgemacht und im Stillen ausgeführt ist? Darüber sann Cäsar nach und konnte sich vor Schmerz nicht fassen, als er bei dem Verfolgen von Bärbel’s Benehmen immer darauf zurückkam, daß die Furcht vor dem Tode doch das Ursprüngliche und bis zum schwindenden Bewußtsein das Letzte sei. Die Unzulänglichkeiten der Erhabenheit, sagte er, die Furcht vor dem Tode, der Schmerz, nicht wie Brutus, der alte und junge, tödten, nicht wie Cato sterben zu können, die Bitte des Prinzen von Homburg, ihn leben zu lassen: das ist doch das Tragische unserer Zeit und ein Gefühl, worin sich die Anschauungen unserer Welt vom Zeitalter der Schicksalsidee so schmerzlich verschieden zeigen. Sie wollte sterben, und lief einen ganzen Tag, einen Weg von sechs Stunden, um den Tod zu finden, den sie herzlich suchte und den sie fürchtete! – So war Cäsar. Darüber konnte er weich werden! 0.8950276243093923
99 XI.
100 11.
101 Jenes feste und präcise Benehmen, das Wally bei der Aufklärung über den Ring gezeigt hatte, war nur durch die Situation hervorgerufen worden. Auch wird sich niemals ein Weib bei der Leidenschaftlichkeit einer Anderen enthalten können, sich aufzuschnellen und mißachtend auf die fremde Verirrung herabzusehen. Diese Stimmung war aber nur eine vorübergehende. Jenes feste und präcise Benehmen, das Wally bei der Aufklärung über den Ring gezeigt hatte, war nur durch die Situation hervorgerufen. Niemals auch wird sich ein Weib bei der Leidenschaftlichkeit einer Anderen enthalten können, sich [279] ebenfalls aufzuschnellen und mißachtend auf die fremde Verirrung herabzusehen. Diese Stimmung war aber bei Wally nur eine vorübergehende. 0.8541666666666666
102 Die Erklärung, welche Waldemar über das Christenthum abgab, hatte auf ihre Seele wie die Berührung eines kranken Zahnes gewirkt. Glaubt ihr, Wally hätte nach [47] einem Mittelpunkte ihres Lebens gesucht? Wahrlich nicht. Nirgends lagen bei ihr etwa zerstreute Bruchstücke von Gedanken, die sie gern verbunden hätte. Unmittelbar und zufällig war ihr ganzes Leben: nur im Religiösen stand sie oft, wie ein Wanderer, der den Weg verfehlt zu haben glaubt, sich in der Gegend umblickt und mit seinem Ortssinne sich zu orientiren sucht. Es war ein ganz bewußtloses Sinnen, ein träumerisches Fühlen, dem sie sich tastend und anpochend hingab. Von einer Reflexion, einer zusammenhängenden Untersuchung konnte bei Wally nicht die Rede sein. Sie litt an einem religiösen Tik, an einer Krankheit, die sich mehr in hastiger Neugier, als in langem Schmerze äußerte. Sie war wie in einem Zimmer, das sich plötzlich mit Rauch füllt und wo man sich nicht anders helfen kann, als an das Fenster zu springen, es aufzureißen und mit einem unmäßigen Gestus nach frischer Luft zu schöpfen. Die Erklärung, welche Waldemar über das Christenthum abgab, hatte auf ihre Seele wie die Berührung eines kranken Zahnes gewirkt. Glaubt Ihr, Wally hätte nach einem Mittelpunkte ihres Lebens gesucht? Wahrlich nicht. Nirgends lagen bei ihr etwa zerstreute Bruchstücke von Gedanken, die sie gern verbunden hätte. Unmittelbar und zufällig war ihr ganzes Leben: nur im Religiösen stand sie oft, wie ein Wanderer, der den Weg verfehlt zu haben glaubt, sich in der Gegend umblickt und mit seinem Ortssinne sich zu orientiren sucht. Es war ein ganz bewußtloses Sinnen, ein träumerisches Fühlen, dem sie sich tastend und anpochend hingab. Von einer Reflexion, einer zusammenhängenden Untersuchung konnte bei Wally nicht die Rede sein. Sie litt, weil sie ihre selige Mutter liebte, an einem religiösen Tik, einer Krankheit, die sich mehr in hastiger Reizbarkeit als in langem Schmerze äußerte. Sie war wie in einem Zimmer, das sich plötzlich mit Rauch füllt und wo man sich nicht anders helfen kann als an’s Fenster zu springen, es aufzureißen und mit einem unmäßigen Gestus nach frischer Luft zu schöpfen. 0.9291338582677166
103 Wally wußte selbst nicht, was Alles zusammentraf, sie nachdenklicher als je zu machen. Sie hatte zum erstenmale einige Beobachtungen über ihren Zustand in eine zusammenhängende Kette aufgereiht. Sie war vor ihren Gedanken nicht scheu zurückgeschreckt, sondern hatte sie diesmal scharf ins Auge gefaßt. In einem Brief an eine Freundin suchte sie ihrer Angst Luft zu machen. Der Brief war vielleicht vollendet. Sie wagte nicht, was sie hatte, wieder durchzulesen. Auch verzweifelte sie während des Schreibens ihn abzusenden. Sie zerriß ihn. Einige Minuten blickte sie die Reste an; dann ordnete sie mechanisch, was davon noch vor ihr lag. Die Linien und Buchstaben paßten zusammen. Jetzt erst, wo sie gleich-[48]sam wußte, daß er ihr nichts mehr schaden könne, las sie ihn. Wally wußte selbst nicht, was Alles zusammentraf, sie nachdenklicher als je zu stimmen. Sie hatte zum ersten Mal einige Beobachtungen über ihren Zustand in eine zusammenhängende Kette aufgereiht. Sie war vor ihren Gedanken nicht scheu zurückgeschreckt, sondern hatte sie diesmal scharf in’s Auge gefaßt. In einem Brief an eine Freundin suchte sie ihrer Angst Luft zu machen. Der Brief war vielleicht vollendet. Sie wagte nicht, was sie hatte, wieder durchzulesen. Auch verzweifelte sie während des Schreibens ihn abzusenden. Sie zerriß ihn. Einige Minuten blickte sie die Reste an; dann ordnete sie mechanisch, was davon noch vor ihr lag. Die Linien und Buchstaben paßten zusammen. Jetzt erst, wo sie gleichsam wußte, daß der Brief ihr nichts mehr schaden könnte, las sie ihn. 0.8958333333333334
104 „Meine theure Antonie,“ hatte sie geschrieben; „deine geschmackvollen Muster, das sehr hübsche Diadem, was aber wohl zu meinem Haare nicht stehen wird, auch die englischen Nadeln und die neuen Touren zum Cottillon hab’ ich bekommen. Ich danke dir, Antonie! Verzeih mir nur, daß ich nicht jetzt auch mit all dem Entzücken davon spreche, das ich wirklich über deine Gefälligkeit und die Gegenstände derselben empfunden habe. Du glaubst nicht, in welcher wunderlichen Stimmung ich heute bin. Und heute mußte ich doch schreiben – Morgen würd’ es schon besser sein. Nur eins sage mir Antonie, hast du wohl in deinem Leben schon einen frohen, recht frohen Augenblick gehabt? Ich besinne mich vergebens auf einen; denn es ist doch immer eine peinliche Unruhe und Hast, von der wir getrieben werden, eine Aengstlichkeit, von welcher die Männer keine Vorstellung haben. Zuweilen erschreck’ ich vor dieser pflanzenartigen Bewußtlosigkeit, in welcher die Frauen vegetiren, vor dieser Zufälligkeit in allen ihren Begriffen, in ihrem Meinen und Dafürhalten. Der Augenblick ist der Urheber unsrer Handlungen und die Vergeßlichkeit die Richterin derselben. Ach, Antonie, ich beschwöre dich! Nimm diese Klagen nicht als die Frucht eines regnerischen Tages; o – ich leide an einem Schmerze, der unheilbar ist, da ich ihn gar nicht zu nennen weiß. Das rennt, läuft, springt, lacht, singt, weint, zankt, Alles in der Welt – nun sage mir um des Himmels Willen, was steckt dahinter? Was ist der Kern dieser spiralförmig fortkreisenden Unruhe? Die Männer sind glücklich, weil man an sie Anforderungen [49] macht. Das Maaß ihrer Handlungen ist der Beifall oder der Nutzen, den sie damit gewinnen. Auch dies sage, warum wir den Faust nicht lesen sollen? Die Schilderung jener Zweifel, die eines Menschen Brust durchwühlen können, macht uns vertraut mit ihnen und die Wirkung derselben für uns weniger gefährlich. Aber ich fühl’ es, daß sich in jedes Menschen Herzen innere Gedichte entwickeln, eine ganze Historie von Wundern, die wir zu erklären verzweifeln, Gedichte, in denen wir selbst der von den Göttern verfolgte, geneckte, scheiternde, irrende Ulysses sind. Das ist alles halb, siehst du. Es ist noch immer nicht Das, was ich sagen möchte und nicht sagen kann. Liebe Antonie, das ist der Fluch: man verlangt nichts von uns, man will gar nichts von uns, es kommt gar nichts auf uns an. Auch dies noch: wir haben einen Ideenkreis, in welchen uns die Erziehung hineinschleuderte. Daraus dürfen wir nun nicht heraus und sollen uns nur mit Grazie, wie ein gefangenes Thier, an dem Eisengitter dieses Rondels herumwinden. Diese Gefangenschaft unserer Meinungen – ach, was Spreu für den Wind! Rechte will ich in Anspruch nehmen, für wen? für was? O Antonie, ich habe nichts, was werth wäre, gedacht – ich will gar nicht sagen, gemeint oder gesprochen zu werden. Ich drücke an den Begriffen, die mir zu Gebote stehen; aber sie sind elastisch und geben immer nach und gehen immer wieder zurück. So glaub’ ich, kommen auch die Revolutionen, wenn die Menschen so viel Mühe haben, an ihrer Stirn hin- und herfahren und ihre welke Begriffstyrannei gern stürzen möchten mit etwas, was sie suchen, aber nicht finden können. Dann schaffen sie sogar Gott ab, nämlich, weil sie ihn wahrhaftig nicht [50] verstehen. Es ist auch schwer, Antonie! Die Schöpfung – schon gut; aber woher? womit? warum? Der Mensch, der Affe, der Polyp, die Sinnpflanze, das Moos, der Stein, der Crystall, das Wasser, die Luft, der Wind, Nichts: wo ist Gott? Oder wollt ihr nicht den Weg des Wassers gehen: so geht den des Feuers! Der Vulkan, das Licht, die Wärme, die Elektricität, der Magnetismus: wie kann Gott in der Volta’schen Säule stecken?“ „Meine theure Antonie,“ hatte sie geschrieben; „Deine geschmackvollen Muster, das sehr hübsche Diadem, was aber [280] wol zu meinem Haare nicht stehen wird, auch die englischen Nadeln und die neuen Touren zum Cotillon hab’ ich bekommen. Ich danke Dir, Antonie! Verzeih mir nur, daß ich nicht jetzt auch mit all’ dem Entzücken davon spreche, das ich wirklich über Deine Gefälligkeit und die Gegenstände derselben empfunden habe. Du glaubst nicht, in welcher wunderlichen Stimmung ich heute bin. Und heute mußte ich doch schreiben – morgen würd’ es schon besser sein. Nur eins sage mir, Antonie, hast Du wol in Deinem Leben schon einen frohen, recht frohen Augenblick gehabt? Ich besinne mich vergebens auf einen; es ist doch in uns Frauen immer eine peinliche Unruhe und Hast, von der wir getrieben werden, eine Aengstlichkeit, von welcher die Männer keine Vorstellung haben. Zuweilen erschreck’ ich vor dieser pflanzenartigen Bewußtlosigkeit, in welcher die Frauen vegetiren, vor dieser Zufälligkeit in allen ihren Begriffen, in ihrem Meinen und Dafürhalten. Der Augenblick ist der Urheber unserer Handlungen und die Vergeßlichkeit die Richterin derselben. Ach, Antonie, ich beschwöre Dich! Nimm diese Klagen nicht als die Frucht eines regnerischen Tages; o – ich leide an einem Schmerze, der unheilbar ist, da ich ihn gar nicht zu nennen weiß. Das rennt, läuft, springt, lacht, singt, weint, zankt, Alles in der Welt – nun sage mir um des Himmels willen, was steckt dahinter? Was ist der Kern dieser spiralförmig fortkreisenden Unruhe? Die Männer sind glücklich, weil man an sie Anforderungen macht. Das Maß ihrer Handlungen ist der Beifall oder der Nutzen, den sie damit gewinnen. Auch dies sage, warum wir den Faust nicht lesen sollen? Die Schilderung jener Zweifel, die eines Menschen Brust durchwühlen können, macht uns vertraut mit ihnen und die Wirkung derselben für uns weniger gefährlich. Aber ich fühle es, daß sich in jedes Menschen Herzen innere Gedichte entwickeln, eine ganze Historie von Wundern, die wir zu erklären verzweifeln, Gedichte, in denen wir mit unsrer Person den von den Göttern verfolgten, geneckten, scheiternden, irrenden Ulysses selbst vorstellen. Das ist Alles halb, siehst Du. Es ist noch immer nicht Das, was ich sagen möchte und nicht sagen kann. Liebe Antonie, das ist der Fluch: man verlangt [281] nichts von uns, man will nichts von uns, es kommt nichts auf uns an. Auch dies noch: wir haben einen Ideenkreis, in welchen uns die Erziehung hineinschleuderte. Daraus dürfen wir nicht heraus und sollen uns nur mit Grazie, wie ein gefangenes Thier, an dem Eisengitter dieses Rondels herumwinden. Diese Gefangenschaft unserer Meinungen – ach, was Spreu für den Wind! Rechte will ich in Anspruch nehmen, für wen? Für was? O Antonie, ich habe nichts, was werth wäre, gedacht – ich will gar nicht sagen, gemeint oder gesprochen zu werden. Ich drücke an den Begriffen, die mir zu Gebote stehen; aber sie sind elastisch und geben nach und gehen immer wieder zurück. So glaube ich, entstehen dann auch die Revolutionen, wenn die Menschen so viel Mühen zu überwinden haben, an ihrer Stirn hin- und herfahren und ihre welke Begriffstyrannei gern stürzen möchten mit etwas, was sie suchen, aber nicht finden können. Dann schaffen sie sogar Gott ab, nämlich, weil sie ihn wahrhaftig nicht verstehen. Es ist auch schwer, Antonie! Die Schöpfung – schon gut; aber woher? womit? warum? Der Mensch, der Affe, der Polyp, die Sinnpflanze, das Moos, der Stein, der Krystall, das Wasser, die Luft, der Wind, Nichts sagt deutlich: wo ist Gott? Oder wollt Ihr nicht den Weg des Wassers gehen: so geht den des Feuers! Der Vulcan, das Licht, die Wärme, die Elektricität, der Magnetismus: wie kann Gott in der Volta’schen Säule stecken?“ 0.8540540540540541
105 Hier mußte Wally laut auflachen, bei all ihrem Schmerz und Unglück. Der komische Conflikt der ihr doch einst gewordenen Schulweisheit mit ihrer Melancholie, die Vergleichung Gottes und jenes kleinen Professors der Physik, der sie mit papinianischen Töpfen, Herobrunnen und Luftpumpen so tief in die Natur hatte sehen lassen wollen, ob er gleich selbst nur ein Auge hatte, das waren zu drollige Erinnerungen. Sie zuckte mitleidig mit sich selbst, über sich selbst die Achsel, und ging Cäsar entgegen, der viel ungereimtes Zeug mit ihr zu sprechen hatte. Hier mußte Wally laut auflachen, bei all’ ihrem Schmerz und Unglück. Der komische Conflict der ihr doch einst gewordenen Schulweisheit mit ihrer Melancholie, die Vergleichung Gottes und der Prosa jenes kleinen Professors der Physik, der sie mit papinianischen Töpfen, Herobrunnen und Luftpumpen so tief in die Natur hatte sehen lassen wollen, ob er gleich selbst nur ein Auge hatte, das waren zu drollige Erinnerungen. Sie zuckte mitleidig über sich selbst die Achsel und ging Cäsar entgegen, der heute einmal recht viel ungereimtes Zeug mit ihr zu sprechen hatte. 0.9178082191780822
106 [282] XII.
107 12.
108 Ein Begegniß, das Wally kurze Zeit darauf erlebte, machte den ersten Abschnitt in ihrem Leben. Es schien, als könnte sie in ihrem jetzigen Aufenthalte die Heiterkeit nicht wieder gewinnen, welche ihrem Charakter entsprach. Ein Umstand aber veranlaßte bald die Abreise von Schwalbach. Ein Begegniß machte kurze Zeit darauf in Wally’s Leben den ersten Abschnitt. Es schien, als könnte sie in ihrem jetzigen Aufenthalte die Heiterkeit nicht wieder gewinnen, die ihrem Charakter entsprach. Ein Umstand veranlaßte bald die Abreise von Schwalbach. 0.8421052631578947
109 Wally war eines Abends spät und unmuthig zu Bett gegangen. Die Lampe brannte noch auf ihrem Tische; [51] aber sie konnte nicht schlafen. Ihr Blut war in fieberhafter Aufregung. Sie warf sich unruhig hin und her, aber ihre Sinne wollten sich nicht lösen. Wally war eines Abends spät und unmuthig zu Bett gegangen. Die Lampe brannte noch auf ihrem Tische; sie konnte nicht einschlafen. Ihr Blut war in fieberhafter Erregung. Sie warf sich unruhig hin und her; ihre Sinne wollten sich nicht lösen. 0.85
110 Da sprang sie auf, setzte sich an den Tisch und fing all die Mittel zu prüfen an, welche die Leute anrathen, um in gleichmäßige Bewegung des Bluts zu kommen. Sie zählte die zwölf Glockenschläge an der Kirchthurmuhr, sie zählte das Einmaleins her, von vorn und hinten, deklamirte das einzige Gedicht, welches sie bei ihrem schlechten Gedächtniß auswendig wußte: „Eine kleine Biene flog emsig hin und her, und sog –.“ Nichts half. Da erblickte sie auf dem Tisch die Anordnungen, welche sie neulich gemacht hatte, um an ihre Freundin zu schreiben. Sie ergriff die Feder und schrieb wieder: „Meine theure Antonie, deine geschmackvollen Muster, das sehr hübsche Diadem, was aber wohl zu meinem Haare nicht stehen wird, auch die englischen Nadeln und die neuen Touren zum Cottillon hab’ ich erhalten. Ich danke Dir, liebe Antonie! Verzeih’ mir nur –“ Abscheulich! rief sie aus, und trat an das Fenster. Der Mond beleuchtete hier und dort einen Theil des engen Thales und seiner Umgebungen. Er war mit Wolken bedeckt, die aber nicht eilten, sondern schwer auf ihm hafteten. Es wehte kein Wind. In sanfter, nächtlicher Stille ruhte die malerische Natur. Ein tannenschwarzer Bergrücken begränzte auf der einen Seite die ovale Rundung des schlummernden Thales. Nirgends die Ahnung eines menschlichen Wesens. Da sprang sie auf, setzte sich an den Tisch und fing all’ die Mittel zu prüfen an, die man anräth, um in gleichmäßige Bewegung des Blutes zu kommen. Sie zählte die Glockenschläge an der Kirchthurmuhr, das Einmaleins, von vorn und hinten, declamirte das einzige Gedicht, das sie bei ihrem schlechten Gedächtniß auswendig wußte: „Eine kleine Biene flog emsig hin und her und sog –.“ Nichts half. Endlich erblickte sie auf dem Tisch die Anordnungen, die sie neulich gemacht hatte, um an ihre Freundin zu schreiben. Sie ergriff die Feder und schrieb wieder: „Meine theure Antonie, Deine geschmackvollen Muster, das sehr hübsche Diadem, das aber wol zu meinem Haar nicht stehen wird, auch die englischen Nadeln und die neuen Touren zum Cottillon habe ich erhalten. Ich danke Dir, liebe Antonie! Verzeih’ mir nur –“ „Abscheulich!“ rief sie, sich selbst kritisirend, aus, und trat an’s Fenster. Der Mond beleuchtete hier und dort einen Theil des engen Thals und seiner Umgebungen. Er war mit Wolken bedeckt, die nicht eilten, sondern schwer auf ihm haften blieben. Es wehte kein Wind. In sanfter, nächtlicher Stille ruhte die malerische Natur. Ein tannenschwarzer Bergrücken begrenzte auf der einen Seite die ovale Rundung des schlummernden Thales. Nirgends die Ahnung eines menschlichen Wesens. 0.8235294117647058
111 Wally hüllte sich in einen leichten Nachtüberwurf. Ihr Zimmer lag zur ebenen Erde. Mit einem Tritte war sie [52] draußen im Freien. Ohne mehr zu wollen, als die Hitze ihres Blutes abkühlen, stieg sie zur linken Hand die Straße hinauf, dann wieder hinunter zum Alleesaal hin. Sie wird nur einige Schritte unter den Bäumen auf und abgehen. Wally hüllte sich in einen leichten Nachtüberwurf. Ihr Zimmer lag zu ebener Erde. Mit einem Tritt war sie draußen im Freien. Ohne mehr zu wollen, als die Hitze ihres Bluts abkühlen, stieg sie zur linken Hand die Straße hinauf, dann [283] wieder hinunter zum Alleesaal hin. Sie wird nur einige Schritte unter den Bäumen auf und ab gehen. 0.8166666666666667
112 Als sie ein weniges weiter gekommen war, vernahm sie ein sonderbares Geräusch, welches man für das Seufzen einer schwankenden Pappel hätte halten können, wäre ein starker Wind gegangen. Sie erschrak, wie diese Laute sich immer deutlicher als Gestöhn und schmerzliche Klage zu erkennen gaben. Es war wie das Jammern eines Verwundeten, der sich fürchtet, durch übergroßen Schmerzausdruck des Mundes vielleicht die brennenden Leiden seines Schadens desto stärker zu machen. Wally blieb betroffen stehen. Ihr siedendes Blut gerann und die Fieberhitze wich einer kalten Erstarrung, in die der Schreck ihre Glieder versetzte. Sie sah, daß sich im Hintergrunde der Allee etwas bewegte, das auf sie heranzukommen schien. Die Angst hatte sich ihrer Seele so sehr bemächtigt, daß sie nicht einmal wagte, zu entfliehen. Wie angewurzelt blieb sie stehen und wankte nur, als eine menschliche Figur immer näher trat, mechanisch hinter einen Baum, von dem sie glaubte, daß er ihr Schutz gewähren könne. Als sie ein weniges weiter gekommen war, vernahm sie ein sonderbares Geräusch, das man für das Seufzen einer schwankenden Pappel hätte halten können, wäre ein starker Wind gegangen. Sie erschrak, wie sich diese Laute immer deutlicher als Gestöhn und schmerzliche Klage zu erkennen gaben. Es war wie das Jammern eines Verwundeten, der sich fürchtet, durch übergroßen Schmerzausdruck des Mundes vielleicht die brennenden Leiden seines Schadens desto stärker zu machen. Wally blieb betroffen stehen. Ihr siedendes Blut gerann und die Fieberhitze wich einer kalten Erstarrung, in die der Schreck ihre Glieder versetzte. Jetzt sah sie, daß sich im Hintergrunde der Allee etwas bewegte, das auf sie heranzukommen schien. Die Angst hatte sich ihrer so sehr bemächtigt, daß sie nicht einmal wagte, zu entfliehen. Sie blieb wie angewurzelt stehen und wankte nur, als eine menschliche Figur immer näher trat, mechanisch hinter einen Baum, von dem sie glaubte, daß er ihr Schutz gewähren könne. 0.9666666666666667
113 Ein Weib kam mit händeringenden Geberden. Sie wandte sich oft gespenstisch um und suchte etwas, was man nicht sehen konnte, von sich abzuwehren. Dann fuhr sie mit einer grauenerregenden Vehemenz und sie begleitendem Geheul in die Gegend ihres Kopfes, als wollte sie etwas [53] bedecken oder irgend einen übergroßen Schmerz stillen. Wally zitterte. Jetzt stand die Unglückliche, welche nicht im Fieber zu sein, sondern das volle Bewußtsein zu haben schien, dicht vor ihr. Wally sah, wie sie schwankte und zu Boden stürzte. Mit einem fürchterlichen Geschrei wühlte das entsetzliche Weib ihren Kopf in den losen Sand und rang, ihre Hände gleichsam zu vervielfältigen, um den Kopf von allen Seiten bedecken zu können. Dabei stöhnte sie wieder und sah sich, wie tief sie auch den Kopf in den Sand hineingewühlt hatte, um und fuhr mit einem gräßlichen Schrei auf, als hätte sie einen Geist erblickt, bis sie ohnmächtig und besinnungslos in dieser Lage verstummte. Ein Weib kam daher mit händeringenden Geberden. Oft wandte sie sich gespenstisch um und suchte etwas, was man nicht sehen konnte, von sich abzuwehren. Dann fuhr sie mit einer grauenerregenden Vehemenz und einem Geheul in die Gegend ihres Kopfes, als wollte sie etwas bedecken oder irgend einen übergroßen Schmerz stillen. Wally zitterte. Jetzt stand die Unglückliche, die nicht im Fieber zu sein, sondern das volle Bewußtsein zu haben schien, dicht vor ihr. Wally sah, wie sie schwankte und zu Boden stürzte. Mit einem furchterbaren Geschrei wühlte das entsetzliche Weib ihren Kopf in den losen Sand, und rang, ihre Hände gleichsam zu vervielfältigen, um den Kopf von allen Seiten bedecken zu können. Dabei stöhnte sie wieder und sah sich, wie tief sie auch den Kopf in den Sand bohrte, um und fuhr mit einem gräßlichen Schrei auf, als hätte sie einen Geist erblickt, bis sie ohnmächtig und besinnungslos in dieser Lage verstummte. 0.9
114 Wally wagte nicht, einen Laut von sich zu geben. Als das Wesen sich beruhigte, versuchte sie aufzutreten, ob man sie auch nicht hören könne, wagte dreistere Schritte und floh, als sie eine Strecke weit von der Scene entfernt war, der sie hatte beiwohnen müssen. Sie fror an allen Gliedern, als sie auf ihrem Lager sich gebettet hatte und schlief ein aus Furcht. Wally wagte nicht, einen Laut von sich zu geben. Als sich die Unglückliche beruhigte, versuchte die Zeugin der schrecklichen Scene aufzutreten, sich umzusehen, ob man sie auch [284] nicht hören könnte, wagte dreistere Schritte und floh, als sie eine Strecke weit von der Scene entfernt war, der sie hatte beiwohnen müssen. Sie fror an allen Gliedern, als sie sich auf ihrem Lager wieder gebettet hatte und schlief vor Furcht ein. 0.7758620689655172
115 Am folgenden Morgen betrieb sie die Abreise. Die Tante zögerte. „Unter keiner Bedingung!“ rief Wally; „ich bin eines Ortes müde, der mich umbringen muß.“ Das war ein fürchterlicher Ausdruck; die Tante war diese Wendungen nicht gewohnt. Sie entsetzte sich und reiste ab. Als Cäsar sie beide an den Wagen begleitete, erzählte er ihnen noch, daß die Frau des Trompeters an der gespenstischen Trommelmusik ihres Ohres diese Nacht gestorben sei. Sie sei vor Unruhe aus dem Hause gerannt, habe [54] Nachts die ganze Stadt durchirrt, um den grauenhaften Tönen zu entfliehen, und sei in der Allee gefunden worden, wie sie mit dem Kopf in den Sand gewühlt dagelegen. Wally winkte mit der Hand, daß er schweigen solle. Sie kannte den Vorfall, kannte das ewige Summen am Ohre des Geistes, die Trommelmusik der quälenden Gedanken! Am folgenden Morgen betrieb sie die Abreise. Die Tante zögerte. „Unter keiner Bedingung!“ rief Wally; „ich bin eines Ortes müde, der mich umbringen muß.“ Das war ein fürchterlicher Ausdruck; die Tante war diese Wendungen nicht gewohnt. Sie entsetzte sich und reiste ab. Als Cäsar sie Beide an den Wagen begleitete, erzählte er ihnen noch, daß die Frau des Trompeters an der gespenstischen Trommelmusik ihres Ohres diese Nacht gestorben sei. Sie sei vor Unruhe aus dem Hause gerannt, habe Nachts die Stadt durchirrt, um den grauenhaften Tönen zu entfliehen, und sei in der Allee gefunden worden, wie sie mit dem Kopf in den Sand gewühlt dagelegen. Wally winkte mit der Hand, daß er schweigen sollte. Sie kannte den Vorfall, kannte das ewige Summen am Ohre des Geistes, die Trommelmusik quälender Gedanken! 0.9238095238095239
116 Cäsar aber glaubte, daß sie ihn zum Abschied grüße; die Pferde zogen an und, den Spruch des großen Römers parodirend, sagte er zu dem Fahrzeuge schmerzlich-ironisch: Du trägst Cäsar und sein Glück! Cäsar aber glaubte, daß sie ihn zum Abschied grüße; die Pferde zogen an und, den Spruch des großen Römers parodirend, sagte er zu dem Fahrzeuge schmerzlich-ironisch: „Du trägst Cäsar und sein Glück!“ 1.0
117 [55] Zweites Buch. Zweites Buch. 0.6666666666666666
118 I.
119 1.
120 Der Sommer reifte zur Ernte. Aus seinen letzten Fäden spann sich ein Herbst voll Kelterlust. Die Astern sammelten noch einmal alle Farben der schönen Vergangenheit, dann starb die Natur, und was zurückblieb, legte den Frostreif und Nebelflor der Trauer an. Die Ströme gerannen, die Wolken zerrieben sich zu Schneeflocken. Der Winter kam in seinen Pelzschuhen angeschlichen und klopfte mit Weihnachtsfreuden an die Reifblumen der Fenster an. Der Sommer reifte zur Erntezeit. Aus seinen letzten Fäden spann sich schon ein Herbst voll Kelterlust. Die Astern sammelten noch einmal alle Farben der schönen Vergangenheit, dann starb die Natur, was zurückblieb, legte Frostreif und Nebelflor zum Zeichen der Trauer an. Die Ströme gerannen, die Wolken zerrieben sich zu Schneeflocken. Der Winter kam in seinen Pelzschuhen angeschlichen und klopfte an die Reifblumen der Fenster mit Weihnachtsfreuden an. – 0.896551724137931
121 Wally wirbelte sich in einer Lust, die sie so zauberhaft zu regeln verstand. Was Religion! Was Weltschöpfung! Was Unsterblichkeit! Roth oder blau zum Kleide, das ist die Frage. Ob’s besser ist, die Haare zu tragen à la Madelaine oder sie zusammen zu kämmen zu chinesischem Schopfe? Tanzen – vielleicht auch Sprüchwörter aufführen – o nur gering ist die Zahl der Vergnügungen, welche im Verhältniß zur zunehmenden Civilisation nicht mehr lächerlich sind: so sehr gering! falls man sich selbst [56] so viel liebt, nicht Karten zu spielen, jene melancholischen Spiele Albions und der nordamerikanischen Yankees, wenn man noch wie Mendelsohn philosophisch und kantisch genug ist, für den Scherz keinen Ernst und für den Ernst keinen Scherz aufzuwenden! [285] Dies war wenigstens ein Ersatz. Wally wirbelte sich in einer Lust, die sie so zauberhaft zu regeln verstand. Was jetzt Religion! Was Weltschöpfung! Unsterblichkeit! Roth oder blau zum Kleide, das ist die Frage. Ob’s besser ist, die Haare zu tragen à la Madelaine oder sie zusammen zu kämmen zum chinesischem Schopfe? Tanzen – vielleicht auch Sprüchwörter aufführen – o nur gering ist die Zahl der Vergnügungen, die im Verhältniß zur zunehmenden Civilisation nicht mehr anfangen, lächerlich zu werden. So sehr gering, falls man sich selbst hinlänglich hochhält, nicht Karten zu spielen, jene melancholischen Spiele Albions und der nordamerikanischen Yankees, wo man die besten Stunden seines Lebens dem Nichts opfert. 0.6415094339622641
122 Aber eine Unterhaltung ist unerschöpflich; ein Spiel unermüdlich. Das ist die Koketterie. Wally hatte damit alle Hände und alle Mienen voll zu thun. Künstliche und natürliche Launen waren die Zahlen, mit welchen sie ihre Umgangsexempel zusammensetzte. Wally ließ die ganze Welt wie elastische Figuren auf dem Resonanzboden ihrer Einfälle springen. Sie spielte die capriciösen Melodieen zu allen diesen Bewegungen, welche sie lachen machten. Was wollte sie auch mehr? Sie wollte nicht einmal den Ruf davon, die Neigungen ihrer Umgebungen so unübertrefflich eskamotiren zu können. Sie that alles ohne Stolz, ohne Absicht, ohne Bewußtsein. Sie war bezaubernd! Eine Unterhaltung ist unerschöpflich. Ein Spiel ist unermüdlich. Das ist die Koketterie. Wally hatte damit alle Hände, alle Mienen voll zu thun. Künstliche und natürliche Launen waren die Zahlen, woraus sie ihre Umgangsexempel zusammensetzte. Wally ließ die Welt wie elastische Figuren auf dem Resonanzboden ihrer Einfälle springen. Sie spielte zu allen diesen Bewegungen die capriciösen Melodieen. Was wollte sie mehr? Sie wollte nicht einmal den Ruf davon, die Neigungen ihrer Umgebungen so unübertrefflich eskamotiren zu können. Sie that alles ohne Stolz, ohne Absicht, ohne Bewußtsein. Sie war bezaubernd. 0.8375
123 Cäsar war die Balancirstange dieser Equilibres. Er rektificirte wie irgend ein chemisches Natron alle die barokken Confussionen, welche Wally anrichtete. Cäsar fiel dabei bald hier, bald dorthin, in jenem ersten Bilde. In diesem letzten nahm Wally bald größere, bald kleinere Portionen von ihm. Er fehlte aber nie, und diese perspektivische Verschiebung bald zu einer Gunst von einer Linie, bald zu einer von zwei Zollen oder drei, hielt ihn in der Spannung, welche Männer allein zu fesseln im Stande ist. Es ist möglich, daß Cäsar Wally liebte, wenigstens war sie ihm eine Vertraute geworden. Er hätte sie vielleicht einem andern abtreten können; aber von ihr sich trennen, das [57] konnte er nicht. Und doch! Vielleicht! Wir sind Charlatane, wir können alles! Cäsar war die Balancierstange dieser Equilibres. Er rectificirte wie irgend ein chemisches Natron all die baroken Confusionen, die Wally anrichtete. Nach jenem ersten Bilde fiel er bald hier, bald dort hin. Von diesem letzten nahm Wally bald größere, bald kleinere Portionen von ihm. Er fehlte jedoch nie. Diese perspectivische Verschiebung bald zu einer Gunst von einer Linie, bald zu einer von zwei Zollen oder drei, hielt ihn in der Spannung, die Männer allein zu fesseln im Stande ist. Es ist möglich, daß Cäsar Wally liebte, wenigstens war sie ihm vertraut geworden. Er hätte sie vielleicht einem andern abtreten können; aber von ihr sich trennen, das konnte er nicht. Und doch! Vielleicht! Wir sind Charlatane, wir können ja Alles! 0.7129629629629629
124 Es war auf einem glänzenden Balle, der am Hofe gegeben wurde. Cäsar zog sich zurück. Wally beachtete ihn nicht. Er nahm das leicht. Er wußte, daß Wally weit entfernt war von der gewöhnlichen Ansicht deutscher Mädchen, dem Tanze eine sinnliche Bedeutung oder die Bedeutung irgend einer Gunst unterzulegen; er wußte, daß sie diejenigen liebte, mit denen sie nicht tanzte. Und doch war sie heute aufgeregter, als jemals. Das nahm ihn Wunder und verstimmte ihn. Als Wally zu ihm trat, sprach sie: „Ich habe Sie suchen müssen. Wo stecken Sie? Ich muß Ihnen etwas sagen.“ Sie standen in einem der entlegeneren Zimmer. „Und was?“ „Ich werde den sardinischen Gesandten heirathen; aber wir sprechen uns noch!“ Damit war sie verschwunden. Cäsar eilte nach Hause. Er hatte durchaus nichts gehört, was ihn drückte, und doch entschloß er sich, eine kleine Reise zu machen. Er war sehr unruhig den ganzen Tag, mehre Tage. Er machte die Reise. Er notirte, zeichnete, schrieb viel Briefe. Er würde sich vortrefflich zerstreut haben, wenn ihm nicht aus jedem Baum, aus jedem Echo zugeklungen wäre: aber wir sprechen uns noch! Dies Aber! machte ihn verwirrt; denn es klang wie eine so schwärmerische, träumende Liebe, daß er geglaubt hatte, den letzten lechzenden Seufzer, das kaum gelispelte felicissima notte einer Italienerin zu hören. „Sind das schon die Wir-[58]kungen der sardinischen Gesandtschaft?“ sagte er lächelnd und kehrte beruhigt in die Residenz zurück. Es war auf einem glänzenden Balle, der am Hofe gegeben [286] wurde. Cäsar zog sich zurück. Wally beachtete ihn nicht. Er nahm das leicht. Er wußte, daß Wally von der gewöhnlichen Ansicht deutscher Mädchen, dem Tanze eine sinnliche Bedeutung oder die Bedeutung irgend einer Gunst unterzulegen, weit entfernt war; er wußte, daß sie Diejenigen liebte, mit denen sie nicht tanzte. Und doch war sie heute aufgeregter, als jemals. Das nahm ihn Wunder und verstimmte ihn. Als Wally zu ihm trat, sprach sie: „Ich habe Sie suchen müssen. Wo stecken Sie? Ich muß Ihnen etwas sagen.“ Sie standen in einem der entlegenen Zimmer. „Und was?“ – „Ich werde den sardinischen Gesandten heirathen; aber wir sprechen uns noch!“ – Damit war sie verschwunden. Cäsar eilte nach Hause. Er hatte durchaus nichts gehört, was ihn besonders drückte, und doch entschloß er sich, eine kleine Reise zu machen. Er war sehr unruhig den ganzen Tag, mehre Tage. Er machte die Reise. Er notirte, zeichnete, schrieb viele Briefe. Er würde sich vortrefflich zerstreut haben, wenn ihm nicht aus jedem Baum, aus jedem Echo zugeklungen hätte: aber wir sprechen uns noch! Dies Aber! machte ihn verwirrt; denn es klang wie eine so schwärmerische, alles versprechende, dem Neapolitaner täuschende Liebe, daß er geglaubt hatte, den letzten lechzenden Seufzer, das kaum gelispelte felicissima notte einer Italienerin zu hören. „Sind das schon die Wirkungen der sardinischen Gesandtschaft?“ sagte er, lächelnd über die Erinnerung an eine Phrase, die in Italien so schön gesprochen wird, und kehrte beruhigt in die Residenz zurück. 0.867816091954023
125 Er hatte bald darauf von Wally die Einladung zu einem vertrauten Gespräch. Er hatte bald darauf von Wally die Einladung zu einem vertrauten Gespräch. 1.0
126 II.
127 2.
128 Am Tage, wo die Unterredung mit Wally stattfand, hätte man bei Cäsar nicht ahnen können, mit welcher Katastrophe er schließen würde. Cäsar schien die ganze Beruhigung zu besitzen, welche man von seinem Charakter erwarten durfte. Höchstens ließen jene forcirten Scherze, mit welchen er um sich warf, vermuthen, daß irgend ein Gefühl, wie ein Ereigniß bei ihm im Anzuge war, dem er zu entgehen wünschte. Diese Scherze sind immer die über’m Meere kreisenden Möven, welche den Sturm ankündigen. Am Tage, wo die Unterredung mit Wally stattfand, hätte man bei Cäsar nicht ahnen können, mit welcher Katastrophe er schließen würde. Cäsar schien die ganze Beruhigung zu besitzen, die man von seinem Charakter erwarten [287] durfte. Höchstens ließen jene forcirten Scherze, womit er um sich warf, vermuthen, daß irgend ein Ereigniß im Anzuge war, dem er zu entgehen wünschte. Diese Scherze sind die über’m Meere kreisenden Möven, die den Sturm ankündigen. 0.8787878787878788
129 Wenn er einem Freunde begegnete, der auf dem Stadtgericht arbeitete, so frug ihn Cäsar: „Was hast du jetzt unter Händen?“ Ehescheidungen – hieß es. Also noch immer schlechte Ehen? Schlechte Wahlen vor der Hochzeit, Leichtsinn – „Ganz richtig;“ erklärte dann Cäsar. „Es ist ein Unglück, wenn man sieht, mit welchem Leichtsinn die Ehen geschlossen werden. Der Besitz einer kleinen Aussteuer lockt den Handwerker, ein Frauenzimmer zu heirathen, welches er nicht liebt. Der Staat sollte eigentlich niemals die Ehe bürgerlich vollziehen lassen, bis nicht schon ein Kind [59] vorhanden ist, welches das Dasein der Liebe vorher ausweisen muß.“ Der junge Mann vom Stadtgerichte lächelte zu diesem Vorschlage. Cäsar ging und begegnete einem andern Freunde. „Du bist verliebt,“ sagte er ihm; „aber Antonie ist arm.“ Es war dieselbe Antonie, an welche Wally einst schreiben wollte. Antonie ist arm! hieß die weinerliche Bestätigung. „Siehe, was zu thun wäre!“ schlug Cäsar vor. „Das Heirathen durch die Zeitungen greift um sich. Aber man ist erst einen Schritt weit gekommen, wenn die Frauen durch Zeitungen nur Männer bekommen. Der zweite Schritt wäre, daß sie durch die Zeitungen auch zu Vermögen kämen. Die Mädchen sollten sich durch ein Lotto ausspielen. Sie sollten die Männer auffordern, Aktien auf ihren Besitz zu nehmen, Aktien, meinetwegen eine jede zu fünfhundert Thalern. Hundert Loose dieser Art geben eine Summe von 50,000 Thalern. Die Wahrscheinlichkeit, daß unter hundert ich – du – er gewinnen, ist sehr groß: man gewinnt ein Weib, ein reiches Weib, natürlich ein schönes Weib. Denn um eine Schöne muß es sich handeln, der Nebengewinne wegen, welche in Zugeständnissen mancher Art an diejenigen bestehen müssen, welche sich mit Aufopferung von fünfhundert Thalern der angenehmen Chance aussetzten, Mann einer schönen Frau und Besitzer zufälliger 50,000 Thaler zu werden. Mein Lieber, das heißt, die Gesellschaft friedlich revolutioniren.“ Wenn er einem Freunde begegnete, der auf dem Stadtgericht arbeitete, so fragte ihn Cäsar: „Was hast Du jetzt unter den Händen?“ – „Ehescheidungen,“ hieß es. – „Also noch immer schlechte Ehen?“ – „Schlechte Wahlen vor der Hochzeit. Dafür ewige Entbehrung des Glücks für diese Erde, Verscherzung jedes Anspruches, Frauenzauber auf sich wirken zu lassen!“ rief Cäsar. „O es ist ein Unglück mit unseren Institutionen, die man sittlich nennt!“ – „Ja,“ bemerkt der Freund von seinem kleinen Standpunkte. – „Es ist ein Unglück, wenn man sieht, mit welchem Leichtsinn die Ehen geschlossen werden. Der Besitz einer kleinen Aussteuer lockt den Handwerker, eine Person zu heirathen, die er gar nicht liebt.“ – „Der Staat sollte niemals die Ehe bürgerlich vollziehen lassen, wo nicht schon ein Kind vorhanden ist, das das Dasein der Liebe vorher ausweisen muß!“ rief Cäsar. – Der junge Mann vom Stadtgerichte fuhr entsetzt zurück. Cäsar ging und begegnete einem andern Freunde. „Du bist verliebt,“ sagte er diesem; „aber Deine Antonie ist arm.“ Es war dieselbe Antonie, an welche Wally einst hatte schreiben wollen. „Antonie ist arm!“ hieß die weinerliche Bestätigung. „Siehe, was zu thun wäre!“ schlug Cäsar vor. „Das Heirathen durch die Zeitungen greift um sich. Aber man ist erst einen Schritt weit gekommen, wenn die Frauen durch Zeitungen nur Männer bekommen. Der zweite Schritt wäre, daß sie durch die Zeitungen auch zu Vermögen kämen. Die Mädchen sollten sich durch ein Lotto ausspielen. Sie sollten die Männer auffordern, Actien auf ihren Besitz zu nehmen, Actien, meinetwegen eine jede zu fünfhundert Thalern. Hundert Loose dieser Art geben eine Summe von 50,000 Thalern. Die Wahrscheinlichkeit, daß unter hundert ich – du – er gewinnen, ist groß: man gewinnt ein Weib, ein reiches Weib, natürlich ein schönes Weib. Denn um eine Schöne muß es sich handeln, des Nebengewinns wegen, welcher in einem Kuß zu jedem Weihnachten (aber ein Ge-[288]schenk muß dabei sein) an Diejenigen bestehen muß, die sich mit Aufopferung von fünfhundert Thalern der angenehmen Chance aussetzten, Mann einer schönen Frau und Besitzer zufälliger 50,000 Thaler zu werden. Mein Lieber, das heißt, die Gesellschaft friedlich revolutioniren.“ 0.731404958677686
130 Jener hatte nur an Antonien gedacht; Cäsar an Nichts, als sie schieden. Jener hatte nur an Antonien gedacht; Cäsar an Nichts, als sie schieden. 1.0
131 [60] Der Abend kam heran. Die Thür zu Wally’s Gemächern öffnete sich. Beide saßen sich stumm gegenüber. Cäsar, der von Wally nicht erwartet hatte, daß sie sich in ein schwärmerisches schwarzes Kleid werfen würde: Wally, welche in Cäsar’s Mienen nach einem Blicke geizte, der verzeihend, warm und siegend auf sie wirkte. Der Abend kam heran. Die Thür zu Wally’s Gemächern öffnete sich. Beide saßen sie sich stumm gegenüber. Cäsar, der von Wally nicht erwartet hatte, daß sie sich in ein schwärmerisches schwarzes Kleid werfen würde: Wally, die in Cäsar’s Mienen nach einem Blick sah, der verzeihend und warm auf sie wirkte. 0.8333333333333334
132 Liebenswürdig war es von diesem gränzenlosen Leichtsinn, daß er Thränen am Auge hängen hatte. Cäsar schwamm in Seligkeit. Er war auf eine Komödie gefaßt, und fand eine tragische Scene, die ihn erschütterte. Alles, was sie sprachen, war nur, um den Erklärungen, die sie sich machen wollten, zu entgehen. Cäsar mochte in seiner Eitelkeit übertreiben; Wally’s Bescheidenheit lag wohl nur darin, daß sie glaubte, Cäsar um Verzeihung bitten zu müssen. Alles Uebrige aber dichtete seine Phantasie hinzu. Liebenswürdig war es von diesem grenzenlosen Leichtsinn, daß er doch noch Thränen am Auge hängen hatte. Cäsar schwamm in Seligkeit. Er war auf eine Komödie gefaßt, und fand eine tragische Scene, die ihn erschütterte. Alles, was sie sprachen, war nur, um den Erklärungen, die sie sich machen wollten, zu entgehen. Cäsar mochte in seiner Eitelkeit übertreiben; Wally’s Bescheidenheit lag wohl nur darin, daß sie glaubte, Cäsar um Verzeihung bitten zu müssen. Alles Uebrige dichtete seine Phantasie hinzu. 0.9230769230769231
133 Sie hielten ihre Hände in einander und sprachen recht eifrig über Dinge, auf welche gar nichts ankam in ihrer Lage. Sie sprachen von der Erfindung des Schießpulvers, vom Gesetz der Schwere, vom Compaß und der Magnetnadel, worüber sie schnell abbrachen, um nur immer wieder auf Neues zu kommen. So verrann die Zeit, aber die Liebe Cäsar’s stieg. Wally’s Hand nahm er, und legte sie sanft auf die Lehne des Sophas, um sie als Kopfkissen zu brauchen. Sie lächelte dazu und warf ihm sich selbst in aller ihrer Anmuth nach. Sie hielt ihn umschlungen, während sie unwillig glaubte, daß er es thäte. Ihre nur leis’ aufgesteckten Locken nestelten sich los und küßten Cäsar’s brennende Wangen. Die langen Augenwimpern senkten sich majestätisch sanft auf die bläulichen Ultramarinringel, welche unter dem Auge so viel Leidenschaft verrathen. Dieses [61] Herablassen des Vorhangs, dieser Fensterladenschluß der Weiblichkeit, diese Verhüllung ist das reizende Gegentheil dessen, was sie scheint, weil sie nur allmälige Entwaffnung ist. Es ist das Sinken des Tages, der aufsteigende Stern, dessen feuchte Strahlen die Kronen der Blumen auflockern und die Kelche erschließen, während die Kelche zu schlafen scheinen. Cäsar umarmte Wally mit glühender Seligkeit und rief aus: „O Wally, ich will nicht grausam sein! Ich eile Allem zuvorzukommen, was sich auf deiner Lippe zu Tode ängstigt und gern sprechen möchte. Lebewohl! Ich dringe nicht auf den Besitz dieses göttlichen Leibes, dessen Seele mich stets umhauchen wird. Du wirst deinem Gecken gehören, dich ihm in ganzer Reinheit übergeben müssen – Aber – o Gott!“ – „Was ist? Cäsar! sprich! fordre! Alles, Alles!“ Cäsar sann und war wie von einem unbekannten Gefühle ergriffen. Er sollte entsagen. Wollte auch und konnte nicht. Er strich mit der Hand über seine Stirne und sagte dann leise mit sanften und zärtlichen Worten zu Wally: „Sie werden reisen: ich auch. Wir werden uns nicht wiedersehen.“ „O mein Cäsar! Nicht wiedersehen? Ich bin nur Dein!“ „Du gehörst Deinem Geschick!“ „Meinem Herzen, Cäsar! Deinem Willen!“ „Wally!“ „Fodre!“ „Sei mein, wie du es einzig sein kannst! Zeige mir, daß Du kein Geheimniß vor mir hast, keines, und wir sind Eins!“ [62] „Ich berge Dir nichts, Cäsar!“ „So höre meine Bitte! Es] Er giebt ein reizendes Gedicht des deutschen Mittelalters, der Titurel, in welchem eine bezaubernde Sage erzählt wird. Tschionatulander und Sigune beten sich an. Sie sind fast noch Kinder; ihre Liebe besitzt die ganze Naivetät ihrer jugendlichen Thorheit. Ich spreche nicht von Tschionatulander’s Tod, weder vom treuen Hunde, der aus der Schlacht die tragische Botschaft bringt, nicht von Sigunens Klage, wie sie den Leichnam des Geliebten im Arme haltend unter’m Baume sitzt, wo Parzifal an ihr vorüberkommt im Walde, nicht von dem Edelstein unserer deutschen mittelalterlichen Dichtkunst. Nur jener Zug ist so schön, wo Tschionatulander, als er in die Welt hinaus muß und sein treues Windspiel klug zu den beiden Liebenden hinaufsieht, Sigunen anfleht, um eine letzte Gunst –“ Sie hielten ihre Hände in einander und sprachen recht eifrig über Dinge, auf die gar nichts ankam in ihrer Situation. Sie sprachen von der Erfindung des Schießpulvers, vom Gesetz der Schwere, vom Compaß und der Magnetnadel, worüber sie jedesmal schnell abbrachen, um nur immer wieder auf Neues zu kommen. So verrann die Zeit, aber die Liebe Cäsar’s stieg. Wally’s Hand nahm er, drückte, küßte sie, ja legte sie sanft auf die Lehne des Sophas, um sie als Kopfkissen zu gebrauchen. Sie warf ihm sich selbst in aller ihrer Anmuth in ganzer Person nach. Sie hielt ihn umschlungen, während sie unwillig glaubte, daß er es thäte. Ihre nur leis aufgesteckten Locken nestelten sich los und küßten Cäsar’s brennende Wangen. Die langen Augenwimpern senkten sich majestätisch sanft auf die bläulichen Ultramarinringel, die unter dem Auge so viel Leidenschaft verrathen. Dieses Herablassen des Vorhangs, dieser Fensterladenschluß [289] der Weiblichkeit, diese Verhüllung ist bekanntlich das reizende Gegentheil dessen, was sie scheint, ist allmälige Entwaffnung, das Sinken des Tages, der aufsteigende Stern, dessen feuchte Strahlen die Kronen der Blumen auflockern und die Kelche erschließen, während die Kelche zu schlafen scheinen. Cäsar umarmte Wally mit glühender Freude und rief aus: „O Wally, ich will nicht grausam sein! Ich eile Allem zuvorzukommen, was sich auf Deiner Lippe zu Tode ängstigt und gern sprechen möchte. Lebe wohl! Ich dringe nicht auf den Besitz dieses göttlichen Leibes, dessen Seele mich stets umhauchen wird. Du wirst Deinem Gecken gehören, Dich ihm in ganzer Reinheit übergeben müssen – Aber – o Gott!“ – „Was ist? Cäsar! sprich! fordere! Alles, Alles!“ Cäsar sann und sann und war wie von einem unbekannten Dämon ergriffen. Er sollte entsagen. Wollte es auch und konnte doch nicht. Er strich mit der Hand über seine Stirne und sagte dann leise mit sanften und zärtlichen Worten zu Wally: „Sie werden reisen: ich auch. Wir werden uns nicht wiedersehen.“ – „O mein Cäsar! Nicht wiedersehen? Dann bin ich nur Dein!“ – „Du gehörst Deinem Geschick!“ – „Meinem Herzen, Cäsar! Deinem Willen!“ – „Wally!“ – „Fordere, fordere!“ – „Sei mein, wie Du es einzig sein kannst! Zeige mir, daß Du kein Geheimniß vor mir hast, keines, und wir waren Eins und ich habe die Weihe für mein ganzes Leben!“ – „Ich berge Dir nichts, Cäsar!“ – „So höre meine Bitte! Es giebt ein reizendes Gedicht des deutschen Mittelalters, den Titurel, in welchem eine bezaubernde Sage erzählt wird. Tschionatulander und Sigune beten sich an. Sie sind fast noch Kinder; ihre Liebe besitzt die ganze Naivetät ihrer jugendlichen Thorheit. Ich spreche nicht von Tschionatulander’s Tod, weder von dem treuen Hunde, der aus der Schlacht die tragische Botschaft bringt, noch von Sigunens Klage, wie sie den Leichnam des Geliebten im Arme haltend unter’m Baume sitzt, wo Parzifal an ihr vorüberkommt im Walde, nicht von dem Edelstein unserer deutschen mittelalterlichen Dichtkunst. Nur jener Zug ist so schön, wo Tschionatulander, als er in die Welt hinaus muß und sein treues Windspiel klug zu den beiden Liebenden hinaufsieht, Sigunen anfleht um eine letzte, [290] letzte Gunst und gleichsam seine Feinung gegen alle weibliche Anfechtung im Leben.“ 0.8587896253602305
134 Cäsar stockte und sagte dann leise, mit fast verhaltenem Athem: „daß Sigune, um durch ihre Schönheit ihn gleichsam fest zu machen, wie der magische Ausdruck der alten Zeit ist, um ihm einen Anblick zu hinterlassen, der Wunder wirkte in seiner Tapferkeit und Ausdauer, sich ihm nicht etwa sinnlich, sondern geistig vermähle, aber vermähle durch den Anblick ihrer ganzen natürlichen Schönheit.“ Cäsar stockte und sagte dann leise, mit fast verhaltenem Athem: „daß Sigune, um durch ihre Schönheit ihn gleichsam fest zu machen, wie der magische Ausdruck der alten Zeit ist, und um ihm einen Anblick zu hinterlassen, der Wunder wirkte in seiner Tapferkeit und Ausdauer, sich ihm nicht etwa sinnlich, sondern geistig vermähle, vermähle durch den Anblick ihrer ganzen natürlichen Schönheit.“ 0.98
135 Wally betrachtete Cäsar einen Augenblick. Dann erhob sie sich stolz und verließ, ohne ein Wort zu sprechen, das Zimmer. An ihre Rückkehr war nicht zu denken. Wally betrachtete Cäsar einen Augenblick. Dann erhob sie sich und verließ, ohne ein Wort zu sprechen, das Zimmer. An ihre Rückkehr war nicht zu denken. 0.96
136 Cäsar’s Antlitz zeigte einen schmerzhaften Ausdruck. Er hatte das Höchste bewiesen, dessen seine Seele fähig war, eine kindliche Naivetät, eine ihn rührende Unschuld in einer Forderung, die allerdings empörend war; [63] aber die Schaam, die erst in ihm aufglühte, verschwand vor seinem Stolze, so edel und rein erschien er sich in seiner Forderung einer solchen geistigen Vermählung. Sie ist ohne Poesie, sie ist albern, ich hasse sie: stieß er heftig heraus, trat zornig mit dem Fuße auf, lauschte und verließ, da er nichts als den Schlag der Pendeluhr im Nebensaale vernahm, mit unwillkürlichem Geräusch das Zimmer und das Hotel. Er schwur, es niemals wieder zu betreten. Sie hat nicht mich, sie hat die Poesie beleidigt. Sie ekelt mich an! rief er und malte sich Wally mit den gräßlichsten Farben, daß es ihm keine Freude machen mußte, noch an sie zu denken. Wenn sie ihm noch einfiel, so geschah es nicht, ohne daß er mit dem Fuße etwas von sich stieß. Cäsar’s Antlitz zeigte einen schmerzlichen Ausdruck. Er hatte das Höchste bewiesen, dessen seine Seele fähig war, eine kindliche Naivetät, eine ihn rührende Unschuld in einer Forderung, die nach anderen Standpunkten empörend war; aber die Scham, die erst in ihm aufglühte, verschwand vor seinem Stolze, so edel und rein erschien er sich in seiner Forderung. Er hatte eine geistige Vermählung begehrt. „Sie ist ohne Poesie, sie ist albern, ich hasse sie,“ stieß er heftig heraus, trat zornig mit dem Fuße auf, lauschte und verließ, da er nichts als den Schlag der Pendeluhr im Nebensaale vernahm, mit unwillkürlichem Geräusch, das Zimmer und das Hotel. Er schwur, es niemals wieder zu betreten. „Sie hat nicht mich, sie hat die Poesie beleidigt. Sie widersteht mir!“ rief er und malte sich Wally mit den gräßlichsten Farben, daß es ihm keine Freude machen mußte, noch an sie zu denken. Wenn sie ihm noch einfiel, so geschah es nicht, ohne daß er mit dem Fuße etwas von sich stieß. 0.865546218487395
137 III.
138 3.
139 Inzwischen rückte Wally’s Vermählung mit dem sardinischen Gesandten heran. Sie gestand sich oft und selbst ihren Umgebungen, daß es ihr wäre, als würde ein unsichtbares Netz, das sie aber fühle, immer enger angezogen, und daß es ihr bald zum Ersticken sein müßte. Alles, was man nur brachte, um die neue Atmosphäre recht duftend und gefällig zu machen, drückte ihren Athem noch mehr zusammen; sie ging wie Gretchen im Faust und lüftete Fenster und Thüren, da Mephistopheles im Zimmer es so schwül gemacht hatte. Inzwischen rückte Wally’s Vermählung mit dem sardinischen Gesandten wirklich heran. Sie gestand sich oft und selbst ihren Umgebungen, daß es ihr wäre, als würde ein unsichtbares Netz, das sie jedoch an seinem Brennen fühle, [291] immer enger angezogen, und daß es ihr bald zum Ersticken sein müßte. Alles, was man nur brachte, um die neue Atmosphäre recht duftend und gefällig zu machen, drückte ihren Athem noch mehr zusammen; sie ging wie Gretchen im Faust und lüftete Fenster und Thüren in einem Zimmer, das Mephisto so schwül gemacht hatte. 0.8625
140 [64] Noch größer war aber die Unruhe in ihrem Innern. Sie brauchte gern physikalische Gleichnisse und verglich sich mit dem Gefühl eines lebenden Wesens, das man in die Glocke einer Luftpumpe setzt; mit dem Vogel, dem es von innen und außen bei entzogener Luft weh wird. Ach, sie konnte Cäsar, den sie einzig liebte, nicht vergessen: sie konnte jene begeisterte Miene des Freundes nicht vergessen, jene unschuldige Seeligkeit, die sie an ihm noch nie gekannt hatte, und die er damals zeigte, als sie einige, aus seinen zuckenden Lippen schleichende Worte mit so „pedantischer, altkluger“ Entrüstung aufnahm. Schon im nächsten Augenblicke, als sie gegangen war, war sie sich mit ihrer Weigerung abgeschmackt vorgekommen. Noch größer war aber die Unruhe in ihrem Innern. Sie brauchte gern physikalische Gleichnisse und verglich sich mit dem Gefühl eines lebenden Wesens, das man in die Glocke einer Luftpumpe setzt; mit dem Vogel, dem es von innen und außen bei entzogener Luft weh wird. Ach, sie konnte Cäsar, den sie einzig liebte, nicht vergessen: sie konnte jene begeisterte Miene des Freundes nicht vergessen, jene unschuldige Seligkeit, die sie an ihm noch nie gekannt hatte, und die er damals zeigte, als sie einige, aus seinen zuckenden Lippen schleichende Worte mit so „pedantischer, altkluger“ Entrüstung aufnahm. Schon im nächsten Augenblicke, als sie gegangen war, war sie sich ja mit ihrer Weigerung kleinlich vorgekommen. 0.9333333333333333
141 Wally fühlte bald, daß Cäsar an das Unsittliche seines Antrags im Momente gar nicht, sondern nur an seine grenzenlose Liebe für sie gedacht hatte. Sie machte sich den Vorwurf, diese Ueberlegung an dem Manne nicht abgewartet zu haben. Auch mußte sie sich gestehen, daß Cäsar ihr vielleicht nie das Prekäre der Situation eingeräumt haben würde. Jetzt wußte sie, worin doch der Zauber liegt. Sie fühlte, daß das wahrhaft Poetische unwiderstehlich ist, daß das Poetische höher steht, als die Gesetze der Moral und des Herkommens. Sie fühlte auch wie klein man ist, wenn man der Poesie sich widersetzt. Es quälte sie, untergeordnet zu sein und weniger unschuldig im Grunde, als die Poesie, welche Menschen braucht und schildert und ein Reich von Möglichkeiten erschließet, die die Wirklichkeit nicht kennt. Wally fühlte bald, daß Cäsar an das Unsittliche seines Antrags im Momente gar nicht, sondern nur an seine grenzenlose Liebe für sie gedacht hatte. Sie machte sich den Vorwurf, diese Ueberlegung bei ihm nicht abgewartet zu haben. Auch mußte sie sich gestehen, daß das wahrhaft Poetische unwiderstehlich ist, und das Poetische höher steht, als die Gesetze der Moral und des Herkommens. Sie fühlte wie klein man ist, wenn man sich der Poesie widersetzt. Es quälte sie, untergeordnet zu sein und im Grunde weniger unschuldig, als die Poesie, die Menschen braucht und schildert und ein Reich von Möglichkeiten erschließt, die unsre Wirklichkeit nicht kennt. 0.7659574468085106
142 Wally schlug die Geschichte nach, die ihr Cäsar erzählt hatte. Sie weinte mit Sigunen, sie kostete die Unschuld, die in dem Verlöbniß der beiden Liebenden des Gedichtes [65] lag, allmälig immer tiefer. Es liegt in der Schönheit der Natur eine Gewalt, die bezaubert. Wally beugte und wand sich mit all ihren schönen Grundsätzen und den Lehren, die sie ihrer Erziehung, ja selbst ihrer vernünftigen Ueberlegung verdankte, vor dem Ideale des Naturschönen. Sie ging noch weiter. Sie gab die Natur auf, sie hielt sich an die Kunst, an das Gebilde der Phantasie, das in sich abgerundet und hier so richtig gezeichnet war, wie jeder logische Cirkel ihrer tugendhaften Entschlüsse. Sie kam sich verächtlich vor, seitdem sie fühlte, daß sie für höhere Poesie kein Gegenstand war. So konnte es nicht mehr fehlen, daß sie sich bald selbst dazu machte. Ewig, ewig sich trennen von dem Geliebten! Die glänzende Stellung des Gesandten und das letzte Machtgebot der Eltern entschieden! Seine letzte, letzte Bitte! Wally schlug die Geschichte nach, die ihr Cäsar erzählt hatte. Sie weinte mit Sigunen, sie kostete die Unschuld, die in dem Verlöbniß der beiden Liebenden des Gedichtes lag. Es liegt in der Schönheit der Natur eine Gewalt, die bezaubert. Wally [292] beugte und wand sich mit all’ ihren schönen Grundsätzen und mit all’ den Lehren, die sie ihrer Erziehung, ja selbst ihrer vernünftigen Ueberlegung verdankte, vor dem Ideale des Naturschönen. Sie ging noch weiter. Sie gab die Natur auf, sie hielt sich an die Kunst, an das Gebilde der Phantasie, das in sich abgerundet und hier so richtig gezeichnet war, wie jeder logische Cirkel ihrer tugendhaften Entschlüsse. Sie kam sich verächtlich vor, seitdem sie fühlte, daß sie für die Poesie kein Gegenstand war. So konnte es nicht mehr fehlen, daß sie sich bald selbst dazu machte. 0.8157894736842105
143 Wie oft war sie noch Cäsarn begegnet! Er blickte stolz! Er hatte eine Moral, die über der ihrigen war! Er konnte das Auge erheben, das Ideale hob es ihm! Wally konnte nicht stolz sein. An ihr schien die Reihe der Schaam zu sein. Sie fürchtete sich vor Cäsar. Ihre ganze Tugend war armselig, seitdem sie ihm gleichsam gesagt hatte, die Tugend könne nur in Verhüllungen bestehen. Cäsar hatte an ihr den poetischen Reiz verloren. Er übersah sie. Wie oft war sie noch Cäsarn begegnet! Er blickte so stolz! Er hatte eine Moral, die über der ihrigen stand! Er konnte das Auge erheben, das Ideale hob es ihm! Wally konnte nicht stolz sein. An ihr schien die Reihe der Scham zu sein. Sie fürchtete sich vor Cäsar. Ihre ganze Tugend kam ihr armselig vor, seitdem sie ihm gleichsam gesagt hatte, die Tugend könne nur in Verhüllungen bestehen. Cäsar that, als hätte er an ihr den poetischen Reiz verloren. Er übersah sie. 0.875
144 Ob es wohl Menschen giebt, dachte Cäsar eines Tages bei sich selbst, welche die Literatur und das, was dem Leben durch sie an schönen Elementen und Staffagen gegeben wird, für eine Tyrannei und eine despotische Willkür der Dichter und Künstler halten? Wär’ ich selbst Autor, so würde mich dieser Gedanke erschrecken. Ich würde die Gleichgiltigkeit, die Dummheit der Masse immer mit einer Strafe verwechseln, welche ich als Autor für die Zudringlichkeit meiner Schöpfungen mit Recht einernte. Ich würde [66] zittern, wenn von Büchern die Rede kommt, und würde immer gewärtig sein, daß Jemand auftrete und die Literatur in die Kategorie von Waarenartikeln stellte, von Ellen- oder Kolonialwaaren, die man nimmt oder stehen läßt, je nach Bedürfniß. Ich brauche die Schönheit nicht! Fürchterlich, wenn gerade von Homer und Ossian die Rede wäre! Ich brauche nicht einmal die Bestrebungen um das Schöne, wenn von einem Erstlingsversuche die Rede wäre! Ja, es giebt Menschen dieser Art, welche die Poesie für eine Zumuthung halten, Geldmenschen, Aristokraten, manche Könige, auch Frauen, besonders wenn sie schön sind und sie deßhalb glauben, der Bildung überhoben zu sein! Cäsar dachte dabei gewiß nicht an Wally; denn welch’ ein Unterschied ist es, für das Außerordentliche sich interessiren und dem Außerordentlichen sich als Staffage unterlegen! Fühlen will Alles poetisch; aber nicht poetisch leben! sagte er. Er hatte aber in dem Augenblick einen Brief von Wally in der Hand. „Ich habe Sie beleidigt,“ schrieb sie ihm; „Sie wissen es ja, Cäsar, daß der Muthlose immer der Ausfallendste ist. Wissen Sie noch, wie wir über Muth stritten? Welch’ eine Zeit, wo Sie sich um fünf Ringe, die Sie mir noch immer nicht wiedergegeben haben, mit fünf Menschen schießen konnten! Morgen um zehn Uhr Abends nach meiner Trauung besuchen Sie das Hotel des sardinischen Gesandten. Verantworten Sie es einst! Vor Gott! Vor Gott! Aber ich liebe heiß, ewig, unaussprechlich! Ich will dein Weib sein, – so – wie ich es sein darf!“ Wally. Ob es wohl Menschen giebt, dachte eines Tages Cäsar bei sich selbst, die da Literatur und das, was dem Leben durch sie an schönen Elementen und Staffagen zugeführt wird, für eine Tyrannei und eine despotische Willkür der Dichter und Künstler halten? Wäre ich selbst Autor, so würde mich dieser Gedanke erschrecken. Ich würde die Gleichgiltigkeit, die Dummheit der Masse immer für eine Strafe halten, die ich als Autor für die Zudringlichkeit meiner Schöpfungen einernte. Ich würde zittern, wenn von Büchern die Rede kommt, und würde immer gewärtig sein, daß Jemand aufträte und die Literatur in die Kategorie von Waarenartikeln stellte, von Ellen- oder Colonialwaaren, die man nimmt oder stehen läßt, je nach Bedürfniß. Ich brauche die Schönheit nicht! Fürchterlich, wenn gerade von Homer und Ossian die Rede gewesen wäre! Ich brauche nicht einmal die Bestrebungen um das Schöne, wenn von einem Erstlingsversuche die Rede wäre! Ja, es giebt Menschen dieser Art, die Poesie für eine Zumuthung halten, Geldmenschen, Aristokraten, manche Könige, auch Frauen, besonders wenn letztere schön sind und sie des-[293]halb glauben, der Bildung überhoben zu sein! Cäsar dachte dabei gewiß nicht an Wally; denn welch’ ein Unterschied ist es, für das Außerordentliche sich interessiren und dem Außerordentlichen sich als Staffage unterlegen! „Fühlen will Alles poetisch, aber nicht poetisch leben!“ sagte er. Er hatte aber in dem Augenblick einen Brief von Wally in der Hand. „Ich habe Sie beleidigt,“ schrieb sie ihm; „Sie wissen es ja, Cäsar, daß der Muthlose immer der Ausfallendste ist. Wissen Sie noch, wie wir über Muth stritten? Welch’ eine Zeit, wo Sie sich um fünf Ringe, die Sie mir noch immer nicht wiedergegeben haben, mit fünf Menschen schießen konnten! Morgen um zehn Uhr Abends nach meiner Trauung besuchen Sie das Hotel des sardinischen Gesandten. Verantworten Sie es einst! Vor Gott! Vor Gott! Aber ich liebe heiß, ewig, unaussprechlich! Ich will Dein Weib sein – so – wie ich es allein sein darf! Wally.“ 0.9014778325123153
145 [67] Und an Wally’s Hochzeitstage zeichneten die Unsichtbaren ein Gemälde, zart, lieblich, wie die saubern Farbengruppen, welche sich auf dem sammetweichen Pergamente goldener Gebetbücher des Mittelalters finden. Rings, wie Rahmen und noch hineinrankend in die Scene Epheu und Weinlaub. Auf den Aesten sitzen Paradiesvogel in wunderbarem Farbenspiel, auf den breiten Blättern der Arabesken schlummern Schmetterlinge, in den Kelchen der Blumen saugen Bienen. Oben schwebt der Vogel Phönix, der Hüter der Sage; unten blicken die spitzschnäbligen Greifen und hüten das Gold der Fabel. Bezaubernd und mährchenhaft ist die Verschlingung aller dieser Figuren. Es ist wie ein Traum in den tausend Nächten und der einen. Zur Rechten des Bildes aber im Schatten steht Tschionatulander im goldenen, an der Sonne funkelnden Harnisch, Helm, Schild und Bogen ruhen auf der Erde. Der Mantel gleitet von des jungen Helden Schulter, seine Locken wallen üppig wie von einem Westhauche gehoben. Das Auge staunt; ein Entzücken lähmt die Zunge. Zur Linken aber schwillt aus den Sonnennebeln heraus ein Bild von bezaubernder Schönheit: Sigune, die schamhafter ihren Leib enthüllt, als ihn die Venus der Medicis zu bedecken sucht. Sie steht da, hülflos, geblendet von der Thorheit der Liebe, die sie um dies Geschenk bat, nicht mehr Willen, sondern zerflossen in Schaam, Unschuld und Hingebung. Sie steht, die hehre Gestalt, mit jungfräulich schwellenden Hüften, mit allen zarten Beugungen und Linien, welche von der Brust bis zur Zehe hinuntergleiten. Und zum Zeichen, daß eine fromme Weihe die Situation heilige, blühen nirgends Rosen, sondern eine hohe Lilie sproßt dicht [68] an dem Leibe Sigunens hervor und deckt sie symbolisch, als Blume der Keuschheit. Alles ist ein Hauch an dem Bilde, ein stummer Moment, selbst in dem klugen Auge des Hundes, der die Bewegungen verfolgt, welche der Blick seines Herrn macht. Das Ganze ist ein Frevel; aber ein Frevel der Unschuld und Entsagung. Und an Wally’s Hochzeitstage zeichneten die Unsichtbaren ein Gemälde, zart, lieblich, wie die sauberen Farbengruppen, die sich auf dem sammetweichen Pergamente goldener Gebetbücher des Mittelalters finden. Rings, wie Rahmen und noch hineinrankend in die Scene, Epheu und Weinlaub. Auf den Aesten sitzen Paradiesvögel in wunderbarem Farbenspiel, auf den breiten Blättern der Arabesken schlummern Schmetterlinge, in den Kelchen der Blumen saugen Bienen. Oben schwebt der Vogel Phönix, der Hüter der Sage; unten blicken die spitzschnäbligen Greifen und hüten das Gold der Fabel. Bezaubernd und märchenhaft ist die Verschlingung aller dieser Figuren. Es ist wie ein Traum in den Tausend Nächten und der Einen. Zur Rechten des Bildes aber im Schatten steht Tschionatulander im goldenen, an der Sonne funkelnden Harnisch, Helm, Schild und Bogen ruhen auf der Erde. Der Mantel gleitet von des jungen Helden Schulter, seine Locken wallen üppig wie von einem Westhauche gehoben. Das Auge staunt; ein Entzücken lähmt die Zunge. Zur Linken aber schwillt aus den Sonnennebeln hervor ein Bild von bezaubernder Schönheit: Sigune, die schamhafter ihren Leib enthüllt, als ihn die Venus der Medicis zu bedecken sucht. Sie steht da, hülflos, geblendet von der Thorheit der Liebe, die [294] sie um dies Geschenk bat, nicht mehr Willen, sondern zerflossen in Scham, Unschuld und Hingebung. Sie steht, die hehre Gestalt, mit jungfräulich schwellenden Hüften, mit allen zarten Beugungen und Linien, die von der Brust bis zur Zehe hinuntergleiten. Und zum Zeichen, daß eine fromme Weihe die Situation heilige, blühen nirgends Rosen, sondern eine hohe Lilie sproßt dicht an dem Leibe Sigunens hervor und deckt sie symbolisch, als Blume der Keuschheit. Alles ist ein Hauch an dem Bilde, ein stummer Moment, selbst in dem klugen Auge des Hundes, der die Bewegungen verfolgt, die der Blick seines Herrn macht. Das Ganze ist ein Frevel; aber ein Frevel der Unschuld und ewiger, schmerzlicher Entsagung. 0.9212962962962963
146 So stand Sigune einen zitternden Augenblick; da umschlang sie rücklings der sardinische Gesandte, der seine junge Frau suchte. Es war ein Tropfen, der in den Dampf einer Phantasmagorie fällt und sie in Nichts auflöst. Die Vorhänge fielen zurück und Tschionatulander wankte nach Hause. Der Gesandte ahnte Nichts. Tiefes Geheimniß bedeckte die geistige Vermählung, welche eben Die geschlossen hatten, die sich liebten und nicht besitzen durften. War nun Wally nicht doch Cäsar’s Gattin? So stand Sigune einen zitternden Augenblick; da umschlang sie rücklings der sardinische Gesandte, der seine junge Frau suchte. Es war ein Tropfen, der in den Dampf einer Phantasmagorie fällt und sie in Nichts auflöst. Die Vorhänge fielen zurück und Tschionatulander wankte nach Hause. Der Gesandte ahnte nichts. Tiefes Geheimniß bedeckte die geistige Vermählung, welche eben Die geschlossen hatten, die sich liebten und nicht besitzen durften. War nun Wally nicht doch Cäsar’s Gattin? Wenigstens war er gefeit gegen Frauenzauber sein Lebenlang. Solche Liebe macht treu. 0.8356164383561644
147 IV.
148 4.
149 Als Wally mit ihrem Manne nach Paris gekommen war, athmete sie auf. Sie war froh, sich von einer ganz verfehlten Stellung befreit zu sehen. Sie wußte, daß sie in Paris noch immer den stürmischen Bewegungen irgend einer Neigung ausgesetzt sein konnte, daß ihre eheliche Treue mit weit gefährlicheren Lockungen, wie in der Heimath, würde herausgefordert werden; allein sicher war sie jetzt vor den Zumuthungen der Genialität, vor dem verwirrenden Benehmen des geliebten Cäsar, vor Männern, welche zu poetisch sind, um ganz nach der Mode, und zu modisch, [69] um ganz nach der Poesie zu leben. In Paris siegte sie, wenn sie wollte, noch immer durch die sehr einfachen Künste der Koketterie. Nur die Situationen sind es, welche dem Leben der Pariser Frauen eine besondere Originalität geben. Als Wally mit ihrem Manne nach Paris gekommen war, athmete sie auf. Sie war froh, sich von einer verfehlten Stellung befreit zu sehen. Sie wußte, daß sie in Paris noch immer den stürmischen Bewegungen irgend einer Neigung ausgesetzt sein konnte, daß ihre eheliche Treue mit weit gefährlicheren Lockungen, wie in der Heimath, würde herausgefordert werden; allein sicher war sie jetzt vor den Zumuthungen der Genialität, vor dem verwirrenden Benehmen des geliebten Cäsar, vor Männern, die zu poetisch sind, um ganz nach der Mode, und zu modisch, um ganz nach der Poesie zu leben. In Paris siegte sie, wenn sie wollte, noch immer durch [295] die einfachen Künste der Koketterie. Nur die Situationen sind es, die dem Leben der Pariser Frauen eine bevorzugte Originalität geben. 0.9354838709677419
150 Die Zeit, in welcher Wally mit ihrem Manne nach Paris kam, war bei Anfang des bekannten Aprilprozesses.
151 Wenn man glauben wollte, daß die Julirevolution in den Sitten der höhern pariser Welt eine Aenderung veranlaßt hätte, welche gleichsam dem Ernste der Zeit hatte entsprechen sollen, so verkennt man den Charakter der Franzosen. Die alte Revolution, welche eine Strafe der Frivolität zu sein schien, rottete die Frivolität doch selbst nicht aus. Die alte politische und gesellschaftliche Verfassung wurde gestürzt, aber die Manieren erhielten sich. An dem Besitzthume klebte etwas, was sich nicht von ihm trennen ließ; in den Reichthümern, welche kaum den Tod der Einen veranlaßt hatten, lag ein Zauber, der auch die wieder verwirrte, welche die neuen Herren derselben wurden. Den Leichtsinn tilgte die Guillotine nicht. Wenn man glauben wollte, daß die Julirevolution in den Sitten der höheren Pariser Welt eine Aenderung veranlaßt hätte, die gleichsam dem Ernste der Zeit hätte entsprechen sollen, so verkennt man den Charakter der Franzosen. Die alte Revolution, die eine Strafe der Frivolität zu sein schien, rottete die Frivolität doch selbst nicht aus. Die alte politische und gesellschaftliche Verfassung wurde gestürzt, aber die Manieren erhielten sich. Am Besitzthume klebte etwas, was sich nicht von ihm trennen ließ; in den Reichthümern, die kaum den Tod der Einen veranlaßt hatten, lag ein Zauber, der auch die Anderen wieder verwirrte, die die neuen Herren derselben. Den Leichtsinn tilgte die Guillotine nicht. 0.8928571428571429
152 Die neueste Revolution hatte zu den alten Elementen des pariser Lebens neue, zu zwei Aristokratien, der bourbonischen und bonapartistischen] bonopartistischen, noch eine dritte gesellt, die Aristokratie der Banquiers. Mehr als je wurde das Geld der Hebel des gesellschaftlichen Mechanismus, seitdem eine Klasse in den Vorgrund trat, mit der es in dieser Rücksicht schwer war, zu wetteifern. Weil die Pariser das Geld nicht anhäufen, sondern es als Mahlschatz immer wieder der Mühle aufschütten und von dem Winde umtreiben lassen, so wird jede Lebensäußerung dort in den metallischen Strom hineingerissen. Dieser Strom ist es, welcher die entsetzlich-[70]sten Verheerungen in der Moralität und Freundschaft anrichtet. Sein Ebben und Fluthen macht Leben und Tod. Er ergießt sich frei, offen, vor Aller Augen, nicht einmal unterirdisch. Er wälzt seine goldschäumenden Wogen durch die Säle und kleinsten Gemächer. Man ist in Paris immer in der Nähe des Geldes, weniger dessen, was man besitzt, als dessen, wovon man nicht genug haben kann und das man unter allen Umständen sich zu verschaffen sucht. Daraus entstehen die meisten tragischen und komischen Conflikte der Pariser Gesellschaft. Die neueste Revolution hatte zu den alten Elementen des Pariser Lebens neue, zu zwei Aristokratieen, der bourbonischen und bonapartistischen, noch eine dritte gesellt, die Aristokratie der Banquiers. Mehr als je wurde das Geld der Hebel des gesellschaftlichen Mechanismus, seitdem eine Klasse in den Vorgrund trat, mit welcher es in diesem Punkt schwer war, zu wetteifern. Weil die Pariser das Geld nicht anhäufen, sondern es als Mahlschatz immer wieder der Mühle aufschütten und von dem Winde umtreiben lassen, so wird jede Lebensäußerung in den metallischen Strom hineingerissen. Dieser Strom ist es, der die entsetzlichsten Verheerungen in der Moralität und Freundschaft anrichtet. Sein Ebben und Fluthen macht Leben und Tod. Er ergießt sich frei, offen, vor Aller Augen, nicht einmal unterirdisch. Er wälzt seine goldschäumenden Wogen durch die Säle und kleinsten Gemächer. Man ist in Paris immer in der Nähe des Geldes, weniger dessen, das man besitzt, als dessen, wovon man nicht genug haben kann und das man unter allen Umständen sich zu verschaffen sucht. Daraus entstehen die meisten tragischen und komischen Conflicte der Pariser Gesellschaft. 0.8939393939393939
153 Wally hatte keine Meditationen nöthig, um über diese Dinge in’s Reine zu kommen. Sie verstand sie bald, da die Begegnisse selbst zu deutlich sprachen und dichterische Erfindungen, Schriften, wie die von Balzac, sie hinreichend bestätigten. Wally philosophirt nicht, das wissen wir längst. Sie wird Paris nicht wie ein Phänomen nehmen, sondern wie eine Erfahrung, über die man erst reflektirt, nachdem sie erlebt ist. Sie wird sich in den dichtesten Strudel der Vergnügungen werfen. Sie wird den Becher der Zerstreuung und der Gedankenlosigkeit bis tief auf die Neige leeren. Sie wird jede Minute Leben benutzen, die sie nur verwenden kann, und käme sie einst zurück von Paris, wird sie von Paris nichts zu erzählen wissen. Wally gehörte bald zu den glänzendsten Erscheinungen auf dem Theater des Tages und der Nachrede. Wally hatte keine Meditationen nöthig, um über diese Dinge in’s Reine zu kommen. Sie verstand sie bald, da die Begegnisse selbst zu deutlich sprachen und sie hinreichend dichte-[296]rische Erfindungen, Schriften, wie die von Balzac, bestätigten. Wally philosophirt nicht, das wissen wir längst. Sie wird Paris nicht wie ein Phänomen nehmen, sondern wie eine Erfahrung, über die man erst reflectirt, nachdem sie erlebt ist. Sie wird sich in den dichtesten Strudel der Vergnügungen stürzen. Sie wird den Becher der Zerstreuung und der Gedankenlosigkeit bis tief auf die Neige leeren. Sie wird jede Minute Leben benutzen, die sie nur verwenden kann, und käme sie einst zurück von Paris, wird sie von Paris nichts zu erzählen wissen. Wally gehörte bald zu den glänzendsten Erscheinungen auf dem Theater des Tages und der Nachrede. 0.9340659340659341
154 Wenn wir im Folgenden mehr ein Verhältniß schildern wollen, das in Wally’s Hause und in ihrer Verwandtschaft sich entwickelte, so ist es deßhalb, um einestheils über ihren Mann eine Ansicht zu haben, anderntheils, um nichts zu unterlassen, was zuletzt doch berichtet werden [71] müßte, weil es eine entscheidende Folge hatte. Wally beherrschte andere Kreise mit derselben siegreichen Gewandtheit. Sie hatte ein großes Stück an dem Netz zu weben übernommen, welches über Paris ausgebreitet ist und so viel Ehrgeiz, Eifersucht, Tragödie und Idylle in seinen Maschen festhält. Sie war eine fleißige Bundesgenossin des großen Feldzuges gegen Natur, Wahrheit, Tugend und Völkerfreiheit, welcher mit dem Leben der Großen fast immer zusammenfällt; eines Feldzuges, dessen Gefahr von den Freuden seiner kleinen Siege im Ernst doch überboten wird. Wenn wir im Folgenden mehr ein Verhältniß schildern wollen, das in Wally’s Hause und in ihrer Verwandtschaft sich entwickelte, so ist es deshalb, um einestheils über ihren Mann eine Ansicht zu haben, anderntheils, um nichts zu unterlassen, was zuletzt doch berichtet werden müßte, weil es eine entscheidende Folge hatte. Wally beherrschte andere Kreise mit derselben siegreichen Gewandtheit. Sie hatte ein großes Stück an jenem Netz zu weben übernommen, das über Paris ausgebreitet ist und so viel Ehrgeiz, Eifersucht, Tragödie und Idylle in seinen Maschen festhält. Sie war eine fleißige Bundesgenossin des großen Feldzuges gegen Natur, Wahrheit, Tugend und Völkerfreiheit, der mit dem Leben der Großen fast immer zusammenfällt; eines Feldzuges, dessen Gefahr von den Freuden seiner kleinen Siege überboten wird. 0.9326923076923077
155 Je weniger diese Katastrophe zunächst mit der Seelenrichtung in Wally zusammenhängt, die uns veranlaßte, sie zum Gegenstand einer poetischen Darstellung zu machen, desto mehr trägt sie bei, die Drapperien zu bestimmen, auf deren Grunde sich die wahrhafte Originalität Wally’s sprechender zeichnete. Indem Wally Scenen erlebt, welche mit ihrer metaphysischen Krankheit nicht in der entferntesten Berührung liegen, indem sie von einem Gedankenreiche losgetrennt ist, das sie selbst in sich aufgeregt hatte, muß auch der Contrast desselben später nur desto tiefer in ihr Herz schlagen. Wally wandelt sorglos am Rande eines Abgrundes. Je weniger diese Katastrophe zunächst mit der Seelenrichtung Wally’s zusammenhängt, die uns veranlaßte, sie zum Gegenstand einer poetischen Darstellung zu machen, desto mehr trägt sie dazu bei, die Draperieen zu bestimmen, auf deren Grunde sich die Originalität Wally’s sprechender zeichnete. Indem Wally Scenen erlebt, die mit ihrer metaphysischen Krankheit nicht in der entferntesten Berührung liegen, indem sie von einem Gedankenreiche losgetrennt ist, das sie selbst in sich aufgeregt hatte, muß auch der Contrast desselben später nur desto tiefer in ihr Herz schlagen. Wally wandelt sorglos am Rande eines Abgrundes dahin. 0.922077922077922
156 [297] V.
157 5.
158 Eines Morgens hatte Wally so eben die Besuche einiger ihr gleichgültiger Verehrer entlassen und lachte noch über die Eitelkeit der jungen Männer, welche gestorben [72] wären vor Aerger, wenn sie ihrer neuen Gilets, ihrer Reitpeitsche und Lorgnette keine Erwähnung gethan hätte, als sie im Nebenzimmer ein lautes Sprechen hörte, das immer näher kam und dann plötzlich mit Gewalt unterdrückt wurde, gleichsam, als würde Jemand, der sich ihrem Zimmer nahen wollte, mit Heftigkeit zurückgehalten. Nachdem die hierauf eintretende Stille anzudeuten schien, daß eine Verständigung dem Besuche hatte vorangehen müssen, öffnete sich stürmisch die Thür und ein junger Mann trat an der Hand ihres Gatten herein, der ihr in dem Ankömmling seinen längst aus dem Piemontesischen erwarteten Bruder Jeronimo vorstellte. Eines Morgens hatte Wally soeben die Besuche einiger ihr gleichgültiger Verehrer entlassen und lachte noch über die Eitelkeit der jungen Männer, die gestorben wären vor Aerger, wenn sie ihrer neuen Gilets, ihrer Reitpeitsche und Lorgnette keine Erwähnung gethan hätte, als sie im Nebenzimmer ein lautes Sprechen hörte, das immer näher kam und dann plötzlich mit Gewalt unterdrückt wurde, gleichsam, als würde Jemand, der sich ihrem Zimmer nähern wollte, mit Heftigkeit zurückgehalten. Nachdem die hierauf eintretende Stille anzudeuten schien, daß eine Verständigung dem Besuche hätte vorangehen müssen, öffnete sich stürmisch die Thür und ein junger Mann trat an der Hand ihres Gatten herein, der ihr in dem Ankömmling seinen längst aus dem Piemontesischen erwarteten Bruder Conte Jeronimo vorstellte. 0.9191919191919192
159 „Wahrhaftig, ich habe mich nicht getäuscht,“ rief der junge Italiener. „Ihren Anblick, Madame, sog ich gestern in der Oper drei volle Stunden lang ein. Ich war kaum in Paris angelangt, als mich der Zufall in die Vorstellung der Cenerentola führt und in die reizendste Perspektive, welche ich je gehabt habe. Madame, Sie saßen in einer Loge, von der ich nicht wußte, daß sie die meines Bruders war. Sie trugen blaue Seide, weiße Tüllstreifen, einen rothen Shawl] Shwal und von allen Farben Marabouts in dem Haar?“ „Wahrhaftig, ich habe mich nicht getäuscht,“ rief der junge Italiener, ihr Schwager. „Ihren Anblick, Madame, sog ich gestern in der Oper drei volle Stunden lang ein. Ich war kaum in Paris angelangt, als mich der Zufall in die Vorstellung der Cenerentola führt und in die reizendste Perspective, welche ich je gehabt habe. Madame, Sie saßen in einer Loge, von der ich nicht wußte, daß sie die meines Bruders war. Sie trugen blaue Seide, weiße Tüllstreifen, einen rothen Shawl und von allen Farben Marabouts in dem Haar?“ 0.9242424242424242
160 „Ihr Gedächtniß muß weite Taschen haben,“ sagte Wally, „wenn Sie am Morgen noch die Toilette der Damen angeben können, die Sie am Abend vorher bei den Italienern bezaubert haben, wie der in dieser Rücksicht bei den jungen Enthusiasten übliche Ausdruck ist.“ „Madame, es sollen viele eine gute Toilette gemacht haben, sagt man. Ich sahe nur Sie. Viele werden sie machen, ich werde nur Sie sehen. Wenn ich die Sprache [73] eines Dichters führen könnte, dann würd’ ich erst die Ausdrücke haben, welche Ihrer würdig sind. Ja, ich muß dies elende Wort: bezaubern adoptiren und meine Gefühle hinter der armseligen Wendung verstecken, daß ich Sie versichre, Ihre Schönheit kann niemals vom Künstler getroffen werden; denn müßte er nicht erblinden in der Anschauung solcher Reize, Madame?“ „Ich schäme mich, mein Herr,“ sagte Wally zu diesem Geschwätzigen, „Ihnen ein Wort empfohlen zu haben, das sie lernen sollten, um bald in die Gesellschaft der jungen Enthusiasten einzutreten; denn ich sehe, daß Sie schon Meister sind in diesen allerliebsten Uebertreibungen, die man um so lieber hört, je weniger Grund sie haben!“ „Sie weichen mir aus, Madame; Sie vergessen, (wenn Sie glauben, meine Liebe käme Ihnen ungelegen,) daß Wiederstand die Liebe verdoppelt. Sie haben die Wahl. Es ist wie mit den Sibyllinischen Büchern; aber umgekehrt: immer mehr Liebe, aber doch immer nur die gleiche Summe.“ „Ihr Gedächtniß muß weite Taschen haben,“ sagte Wally, „wenn Sie am Morgen noch die Toilette der Damen so genau angeben können.“ – „Madame, es sollen viele eine gute Toilette gemacht haben, sagt man. Ich sah nur Sie. Viele werden sie machen, ich werde nur Sie sehen. Wenn ich die Sprache eines Dichters führen könnte, dann würd’ ich erst die Ausdrücke haben, die Ihrer würdig sind.“ – „Ich sehe, daß Sie schon Meister sind in diesen allerliebsten Uebertreibungen, die man um so lieber hört, je weniger Grund sie haben!“ – „Sie weichen mir aus, Madame; Sie vergessen, daß Widerstand die Liebe verdoppelt. Sie haben die Wahl. Es ist wie mit den Sibyllinischen Büchern; aber umgekehrt: immer mehr Liebe, aber doch immer nur die gleiche Summe.“ 0.5657894736842105
161 Hier machte der Gesandte, der das Zimmer schon verlassen hatte, ein Geräusch nebenan, und zwang beide jungen Leute, einen Moment darauf hinzuhören. Wally mußte über die steifen Anträge ihres närrischen Schwagers lachen. Sein Feuer hatte mehr von dem russischen Spiritus. Für einen Italiener schien er ihr zu viel Worte zu machen. „Setzen wir uns aber,“ sagte sie freundlich, „mein lieber Jeronimo. Wir wollen versuchen, wie wir uns arrangiren. Es gilt nur, daß man sich verständigt. Wollen Sie meine Farbe tragen? Wollen Sie ins Wasser springen, wenn ich behaupte, es sei nicht tief? Wollen Sie sich [74] mit halb Paris schlagen, wenn ich die Caprice habe, Ihnen Dinge in den Mund zu legen, die Sie über die Herzogin von Breteuil, die Gräfin Allan, die Vikomtesse von Hericourt geäußert hätten? Sie sehen, welche Arbeiten sich Ihnen auferlegen lassen, wenn Sie Herkules genug wären, sich in Dejanira zu verlieben.“ „Bezaubernd, Madame, entzückend! Wie liebenswürdig!“ „Und wenn wir auf dem einen Fuße hinken, womit der Liebhaber geht: so nehmen Sie den andern, den Fuß der Verwandtschaft, auf dem wir stehen. Ich glaube in der Art wohl, daß Sie ermüden können, Jeronimo, aber niemals, daß Sie fallen.“ [298] Hier machte der Gesandte, der das Zimmer schon verlassen hatte, ein Geräusch nebenan, und zwang beide jungen Leute, einen Moment darauf hinzuhören. Wally mußte über die steifen Anträge ihres närrischen Schwagers lachen. Sein Feuer hatte etwas vom russischen Spiritus. Für einen Italiener schien er ihr zu viel Worte zu machen. „Setzen wir uns aber,“ sagte sie freundlich, „mein lieber Schwager Jeronimo. Wir wollen versuchen, wie wir uns arrangiren. Es gilt immer, daß man sich verständigt. Wollen Sie meine Farbe tragen? Wollen Sie in’s Wasser springen, wenn ich behaupte, es sei nicht tief? Wollen Sie sich mit halb Paris schlagen, wenn ich die Caprice habe, Ihnen Dinge in den Mund zu legen, die Sie über die Herzogin von Breteuil, die Gräfin Allan, die Vicomtesse von Hericourt geäußert hätten? Sie sehen, welche Arbeiten sich Ihnen auferlegen lassen, wenn Sie Hercules genug wären, sich in Dejanira zu verlieben.“ – „Bezaubernd, Madame, entzückend! Wie liebenswürdig!“ – „Und wenn wir auf dem einen Fuße hinken, womit der Liebhaber geht: so nehmen Sie den andern, den Fuß der Verwandtschaft, auf dem wir stehen. Ich glaube in der Art wol, daß Sie ermüden können, lieber Jeronimo, aber niemals, daß Sie fallen.“ 0.9060402684563759
162 Die Thür öffnete sich. Die Vikomtesse von Hericourt trat ein. Sie war eine jener niedlichen Schwätzerinnen, an denen nichts hübscher ist, als eine perennirende Begleitung ihrer Stimme mit einer luftpumpenden Bewegung aus der Brust heraus. Sie seufzte bei jeder Periode aus der innersten Tiefe her, und da sie es lächelnd that und mit glänzendem Auge, bekam dadurch ihr Ausdruck eine hinreißende Gewalt, daß man sich die Triumphe dieser Frau erklären konnte. Die Thür öffnete sich. Die Vicomtesse von Hericourt trat ein. Sie war eine jener niedlichen Schwätzerinnen, an denen nichts hübsch ist, als eine perennirende Begleitung ihrer Stimme mit einer luftpumpenden Bewegung der Brust. Sie seufzte auch bei jeder Periode aus der innersten Tiefe her, und da sie es lächelnd that und mit glänzendem Auge, bekam ihr Ausdruck dadurch eine gewisse Gewalt, daß man sich die Triumphe dieser Frau mit der mächtig wogenden Brust erklären konnte. 0.8507462686567164
163 Jeronimo blieb aber bei all dieser Grazie kalt. Er sprang nicht, wie junge Narren von fashionablem Tone mit Recht thun, wo es sich darum handelt, zwischen zwei schönen Frauen das Gleichgewicht zu erhalten, von einer zur andern über, sondern biß in seine Handschuhe, verlegen und nur Wally fixirend, die sein Benehmen nur als Affektation eines übertriebenen Eindrucks auslegen konnte und mit Wehmuth an Cäsar dachte. Jeronimo blieb aber bei all’ dieser Grazie kalt. Er sprang nicht, wie junge Narren von fashionablem Tone mit Recht thun, wo es sich darum handelt, zwischen zwei schönen Frauen das Gleichgewicht zu erhalten, von einer zur andern über, sondern biß in seine Handschuhe, verlegen und nur Wally fixirend, die sein Benehmen nur als Affectation eines übertriebenen Eindrucks auslegen konnte und mit Wehmuth an Cäsar dachte. 0.967741935483871
164 [75] Die Vikomtesse hatte so viel mitzutheilen, zu klagen, zu weinen, zu lachen, daß Jeronimo sich mit ihr zu gleicher Zeit entfernte. Er war nun stumm bis auf den letzten Augenblick geblieben. Die ganze Geläufigkeit, mit der er begann, war gehemmt. Sie wußte nicht, wie sie diesen Charakter nehmen sollte. Es ist ein Russe, dachte sie unwillkürlich. Aber sie besann sich auf die Russen ihrer Bekanntschaft, auf welche dennoch keines der Merkmale Jeronimo’s passen wollte; denn die Russen, immer begierig, sich elegant und civilisirt zu zeigen und den Juchtengeruch durch Bisam zu verdecken, affektiren überall gegen Damen eine geckenhafte Liebenswürdigkeit, springen von einer zur andern und üben sich in süßen Grimassen. Jeronimo mußte also doch ein Italiener sein. [299] Die Vicomtesse hatte so viel mitzutheilen, zu klagen, zu weinen, zu lachen, daß Jeronimo sich mit ihr zu gleicher Zeit entfernte. Nun war er stumm bis auf den letzten Augenblick geblieben. Die ganze Geläufigkeit, womit er begann, war gehemmt. Sie wußte nicht, wie sie diesen Charakter nehmen sollte. Es ist ein Russe, dachte sie unwillkürlich. Aber sie besann sich auf die Russen ihrer Bekanntschaft, auf die keines der Merkmale Jeronimo’s passen wollte; denn die Russen, immer begierig, sich elegant und civilisirt zu zeigen und den Juchtengeruch durch Bisam zu verdecken, zeigen überall gegen die Damen Liebenswürdigkeit, springen von einer zur andern und üben sich in süßen Grimassen – und dabei in der französischen Sprache. Jeronimo mußte also doch ein Italiener sein. 0.8431372549019608
165 Am Abend kam Jeronimo in die Loge des sardinischen Gesandten. Wally hörte ihm gern zu; er hatte Ansichten über Musik und viel biographische Notizen über die italienischen Componisten. Doch Alles war flüchtig; denn eine Dame kommt im Theater nicht zur Ruhe. Keine Meinung, die unter den Liebhabern verbreitet ist, ist so falsch, als die von der Gunst, welche das Theater der Neigung gewähre. Man wird sein Idol neben sich haben, man wird Stunden lang mit ihm flüstern können; das ist gewiß; aber das Idol wird auch immer zerstreut sein und hinter jeder aufgehobenen Lorgnette einen Mann vermuthen, der mit dem Seufzenden neben ihr die Vergleichung aushält oder ihn wohl übertrifft in der Huldigung, die er ihr schenkt. Jener Satz gilt nur bei der Sentimentalität, welche nicht hört und nicht sieht, oder bei jenen kleinen Geschöpfen, die über ein geschenktes Freibillet glücklich sind und alles, was das The-[76]ater an Illusionen] Illussionen bietet, für die Schöpfung und die nähere Bekanntschaft ihres Anbeters halten. Am Abend kam Jeronimo in die Loge des sardinischen Gesandten. Wally hörte ihm gern zu; er hatte Ansichten über Musik und biographische Notizen über die italienischen Componisten. Doch war Alles flüchtig; eine Dame kommt im Theater nicht zur Ruhe. Keine Meinung, die unter den Liebhabern verbreitet ist, ist so falsch, als die von der Gunst, die das Theater der Neigung gewähre. Man wird sein Idol neben sich haben, wird Stunden lang mit ihm flüstern können; das ist gewiß; aber das Idol wird auch zerstreut sein und hinter jeder aufgehobenen Lorgnette einen Mann vermuthen, der mit dem Seufzenden neben ihr die Vergleichung aushält oder ihn in der Huldigung, die er ihr schenkt, übertrifft. Jener Satz gilt nur auf dem Gebiet der Sentimentalität, welche letztere nicht hört und nicht sieht, oder bei jenen kleinen Geschöpfen, die über ein geschenktes Freibillet glücklich sind und Alles, was das Theater an Illusionen bietet, für die Schöpfung und die nähere Bekanntschaft ihres Anbeters halten. 0.912
166 Als Wally nach Hause begleitet war von ihrem Schwager und ihn noch einige Zeit bei sich gesehen hatte, zog sie sich in ihre Gemächer zurück. Es klopfte. Der sardinische Gesandte trat mit einem Armleuchter in ihr Schlafkabinet. Sie erstaunte; denn solche plötzlichen] plötzliche Besuche waren ganz gegen die Verabredung. „Was ist?“ fragte sie gedehnt. „Liebes Kind,“ sagte ihr Gatte; „mein Bruder –“ „Ihr Bruder ist sehr langweilig.“ „Er liebt dich; aber höre nicht auf ihn. Was ich ihm auch vorstellen mag, es ist, wie wenn man Feuer plötzlich ins Wasser wirft; aber höre nicht auf ihn. Ich war in meinen Briefen unvorsichtig. Er liebt dich wie eine Nebelgestalt, die man sich aus Täuschungen zusammensetzt und die man sonderbarer Weise jede Nacht wieder vor sein Bett zaubern kann. Er schwärmte mit der Luft, er –“ „Will ich das?“ „Höre nicht auf ihn! Eh’ er dich sahe und Nizza nicht verlassen durfte, irrte er in den Wäldern und warf Blumen in die Flüsse. Seine Neigung ist so stark, daß er jede Lebensfunktion seines Körpers mit dem Deinigen verwechselt, daß er –“ „Lassen Sie!“ „Höre nicht auf ihn! Warum ist Cupido nur blind? Er ist auch taub, sag’ ich oft zu Jeronimo, weil er nicht hört. Sollten seine Sinne verzaubert sein?“ [77] „O Sie werden zum Schwätzer: ich glaube gar, Sie machen Verse. Ueber die Sentimentalitäten bin ich hinaus.“ „Kind, diese Scheere auf dem Tisch nehm’ ich als eigne Parze meines eignen Geschickes und schneide eine deiner himmlischen Locken, um sie mit verstohlenen Küssen zu bedecken, wenn ich dich selbst nicht habe. Gute Nacht, Wally: vergiß ihn, höre nicht auf ihn!“ Als Wally nach Hause begleitet war von ihrem Schwager und sie ihn noch einige Zeit bei sich gesehen hatte, zog sie sich in ihre Gemächer zurück. Es klopfte. Der sardinische Gesandte trat mit einem Armleuchter in ihr Schlafcabinet. Sie erstaunte darüber; denn solche plötzlichen Besuche waren ganz gegen die Verabredung. „Was ist?“ fragte sie gedehnt. – „Liebes Kind,“ sagte ihr Gatte; „mein Bruder –“ – „Ihr [300] Bruder ist sehr langweilig.“ – „Er liebt Dich; aber höre nicht auf ihn. Was ich ihm auch vorstellen mag, es ist, wie wenn man Feuer in’s Wasser wirft; aber höre nicht auf ihn. Ich war in meinen Briefen unvorsichtig. Er liebt Dich wie eine Nebelgestalt, die man sich aus Täuschungen zusammensetzt und die man sonderbarer Weise jede Nacht wieder vor sein Bett zaubern kann. Er schwärmte mit der Luft, er –“ – „Will ich das?“ – „Kurz, höre nicht auf ihn! Eh’ er Dich sah und Nizza nicht verlassen durfte, irrte er in den Wäldern und warf Blumen in die Flüsse. Seine Neigung ist so stark, daß er jede Lebensfunction seines Körpers mit dem Deinigen verwechselt, daß er –“ – „Lassen Sie! Er ist verrückt!“ – „Höre nicht auf ihn! Warum ist Cupido blind? Er ist auch taub, sagt’ ich oft zu Jeronimo, weil er nicht hört. Sollten seine Sinne verzaubert sein?“ – „O Sie werden zum abergläubischen Italiener –!“ – „Kind, diese Scheere auf dem Tisch nehm’ ich als eigene Parze meines eigenen Geschicks und schneide eine Deiner himmlischen Locken, um sie mit verstohlenen Küssen zu bedecken, wenn ich Dich selbst nicht habe. Gute Nacht, Wally: Vergiß ihn, höre nicht auf ihn!“ 0.8010204081632653
167 Was sollte Wally denken? Der Gesandte hatte in seltenem Humor ihr wirklich eine Locke genommen. Welche Zärtlichkeit! Zu dieser Stunde, wo sie ihn nie mehr sah! Sie erbleichte, denn jetzt war ihr dieser Mann erst im Lichte eines Gatten erschienen. Welch ein Bild! Ein Narr! Eine schwerfällige Gestalt! Ein Ungethüm, das einen falschen Bart trug! Ein Geizhals, der selbst an Worten sparte und nie umsonst redselig war! Eine hilflose Phantasmagorie, die ein Licht in der Hand hielt und vor ihr stand, leibhaftig, als hätte sie einen Mann hoch in den Vierzigen vor sich gesehen! Sie wischte an ihrem Antlitze, das er berührt hatte. Sie lüftete das Bett, um es von den Worten zu reinigen, die hineingefallen waren, denn es stand offen. Sie begriff jetzt erst die Lage, in der sie sich befand, daß sie seit vier Monaten an einen Mann verheirathet war, den sie nicht kannte. Sie müsse fliehen! schrie es unhörbar in ihr auf und erst als sie über die Mittel, diese Thorheit zu begehen, nachdachte, schlief sie ein. Wally lachte, aber ihr Gatte hatte mit einem bei ihm seltenen Humor wirklich ihr eine Locke genommen. Welche Zärtlichkeit! Zu dieser Stunde, wo sie ihn nie sah! Welch ein Bild! Ein Narr! Eine schwerfällige Gestalt! Ein Ungethüm, das einen falschen Bart trug! Ein Geizhals, der selbst an Worten sparte und nie umsonst redselig war! Eine hülflose Phantasmagorie, die ein Licht in der Hand hielt und vor ihr stand, leibhaftig, als hätte sie einen Mann hoch in den Fünfzigern vor sich gesehen! Sie wischte an ihrem Antlitze, das er berührt hatte. Sie lüftete das Bett, um es von den Worten zu reinigen, die hineingefallen waren, denn es stand offen. Sie begriff jetzt erst die Lage, in der sie sich befand, daß sie an einen Mann verheirathet, den sie auf Befehl ihres Vaters genommen. Sie müsse fliehen! schrie es unhörbar in ihr auf und erst als sie über die Mittel, diese Thorheit zu begehen, nachdachte, schlief sie ein. 0.7380952380952381
168 [301] VI.
169 [78] 6.
170 Am folgenden Morgen bot sich Wally sogleich eine Ursache zur Verstimmung an, als wenn sie die Erinnerung des gestrigen Abends nicht gehabt hätte. Sie hörte im Nebenzimmer das zufällige Gespräch zweier Leute ihrer Bedienung, die sich über den Geiz und die Geldspekulationen der Herrschaft beklagten. Sie staunte über das ökonomische Talent ihres Mannes, der mit Milch gehandelt und Bier gebraut haben würde, wenn er in Paris zufällig die Anstalten dazu gehabt hätte. Nach jedem Diner ließ der Gesandte die Weinreste zusammengießen und führte seine Bedienten selbst an, wie sie von den Leuchtern die Kerzen nehmen und sie zum Lichtgießer tragen mußten, der sie gegen brauchbares Wachs eintauschte. Wally verstand viel zu wenig von solchen Dingen, als daß sie ihnen eine rechte Würdigung hätte geben können. Sie fühlte ein allgemeines Mißbehagen ihrer Seele, das sie verhinderte, ganz das Lächerliche an dem Geize ihres Mannes zu entdecken. Am folgenden Morgen bot sich Wally sogleich eine Ursache zur Verstimmung, als wenn sie die Erinnerung des gestrigen Abends nicht gehabt hätte. Sie hörte im Nebenzimmer das zufällige Gespräch zweier Leute ihrer Bedienung, die sich über den Geiz und die Geldspeculationen der Herrschaft beklagten. Sie staunte über das ökonomische Talent ihres Mannes, der mit Milch gehandelt und Bier gebraut haben würde, wenn er in Paris zufällig die Anstalten dazu gehabt hätte. Nach jedem Diner ließ der Gesandte die Weinreste zusammengießen und führte seine Bediente selbst an, wie sie von den Leuchtern die Kerzen nehmen und sie zum Lichtgießer tragen mußten, der sie gegen brauchbares Wachs eintauschte. Wally verstand viel zu wenig von solchen Dingen, als daß sie ihnen eine rechte Würdigung hätte geben können. Sie fühlte ein allgemeines Mißbehagen ihrer Seele, das sie verhinderte, ganz das Lächerliche an dem Geize ihres Mannes, eines echten Italieners, zu entdecken. 0.9375
171 Es war eine gefährliche Stimmung, in der sie an Cäsar schrieb. Als sie den Brief beendet hatte und sah, wie nur Kleinigkeiten der Pariser Conversation, satyrische Bagatellen und viel Albernheiten aus ihrer Feder geflossen waren, da hatte sie bessre Laune bekommen. Sie freute sich, in Cäsar ein Wesen gefunden zu haben, bei dem der Ernst sich] sich, hinter so vielem Scherz verstecken durfte, der nicht pedantisch war und vom Gefühl keine Ueberfluthungen verlangte. Das Gefühl war einmal da, nicht in Gestalt einer das [79] Herz betreffenden Empfindung, sondern in Gestalt einer Thatsache, der sich keine andere Auslegung, als die einer Neigung geben ließ. Wally liebte jetzt Cäsar, ihren eigentlichen Gatten, wahrhaftig, ohne sich darüber ein Geständniß zu machen. Sie hatte sich ihm auf ewig durch jene mystische Scene verbunden. Und doch war es weder Schaam, was sie an ihn fesselte, noch der Gedanke, ihn besitzen zu wollen. Viel Unschuld bei vieler Freiheit! Es war eine gefährliche Stimmung, in der sie an Cäsar schrieb. Als sie den Brief beendet hatte und sah, wie nur Kleinigkeiten der Pariser Conversation, satyrische Bagatellen und viel Albernheiten aus ihrer Feder geflossen waren, hatte sie bessere Laune bekommen. Sie freute sich, in Cäsar ein Wesen zu haben, bei dem sich der Ernst hinter so vielem Scherz verstecken durfte, der nicht pedantisch war und vom Gefühl keine Ueberfluthungen verlangte. Das Gefühl war da, nicht in Gestalt einer das Herz überfüllenden Empfindung, sondern in Gestalt einer Thatsache, der sich keine andere Auslegung, als die einer ruhigen Neigung geben ließ. Wally liebte jetzt Cäsar, ihren eigentlichen Gatten, wahrhaftig, ohne sich darüber ein Geständniß zu machen. Sie hatte sich ihm auf ewig durch jene mystische Scene verbunden. Und doch war es weder Scham, was sie an ihn fesselte, noch der Gedanke, ihn besitzen zu wollen. Viel Unschuld bei vieler Freiheit! 0.9145299145299145
172 Als Jeronimo zu ihr eintrat, konnte sie mit Lachen seinen heißen Liebesbewerbungen zuhören, so heiter war sie. Jeronimo machte eine Miene, als wäre ihm ein großes Glück widerfahren, als hätte er ein Unterpfand, das ihn gegen Wally’s Scherze sicherte. Sie sagte ihm: „Wie tief sind wir doch schon in den Wahnsinn der Liebe versunken! Bart, Kleidung, Alles seh’ ich heute an Ihnen vernachlässigt! Sie gleichen jenen Shakespear’schen Liebenden in seinen Lustspielen, die so jämmerlich von dem Schmerz ihrer Brust verzehrt sind und je verliebter sie werden, desto länger ihre schwarze Wäsche tragen. Und vor acht Tagen sahen wir uns zum erstenmale.“ „Vor sechs Monaten,“ entgegnete Jeronimo. „Wie, Sie kennen mich länger?“ „Länger, als Sie leben, Madame! Ich kannte Sie schon, als Sie nur noch ein Gedanke waren, der im Schooße Gottes schlummerte. Meine Liebe zu Ihnen ist nur eine Erinnerung eines alten Glückes. Diese Lippen, diese jetzt so spröde Brust: ich weiß es, ich habe sie schon einmal geküßt, ich habe sie schon einmal umarmt.“ „Fabelhafte Dinge muß ich hören, Jeronimo. Was würde die Vikomtesse von Hericourt denken, wenn Alfred [80] Jardinier, dieser bürgerliche aber liebenswürdige Anbeter, ihr solche Dinge sagte.“ „Lasen Sie Plato, Madame?“ „Nein!“ „Die Seelen meiner Person und der Ihrigen, Wally, sollen einem Schooß entsprossen sein. Die Bilder und Urtypen unsrer Persönlichkeit kannte schon die Ewigkeit, und was wir Liebe nennen, ist nur ein Tribut, den wir unsrer Vergangenheit, unserm Gedächtnisse und unsern früher eingegangenen Verpflichtungen schuldig sind.“ „Sie werden mich überreden wollen, daß Sie urweltliche Rechte auf mich haben; daß Sie diese Hand, welche Sie mir für eine Zärtlichkeit viel zu heftig drücken, schon vor der Sündfluth besessen haben. Sie thun Unrecht, eine so kleine Frau, wie ich bin, in die großen Hallen der Philosophie einführen zu wollen.“ „Was Philosophie, Wally! Im Schooße Gottes trugen Sie einst dieselben gelben Pantoffeln, mit welchen Ihr Fuß noch jetzt so reizend kokettirt.“ „Mit all Ihrer Philosophie sind Sie doch im Irrthum über die gelben Pantoffeln. Es sind Schuhe, mein Herr!“ Als Jeronimo zu ihr eintrat, konnte sie mit Lachen seinen heißen Liebesbewerbungen zuhören, so heiter war sie. Jeronimo machte eine Miene, als wäre ihm ein großes [302] Glück widerfahren, als hätte er ein Unterpfand, das ihn gegen Wally’s Scherze sicherte. Sie sagte ihm: „Wie tief sind wir doch schon in den Wahnsinn der Liebe versunken! Bart, Kleidung, Alles seh’ ich heute an Ihnen vernachlässigt! Sie gleichen jenen Shakespear’schen Liebenden in seinen Lustspielen, die so jämmerlich von dem Schmerz ihrer Brust verzehrt sind und je verliebter sie werden, desto länger ihre schwarze Wäsche tragen. Und vor acht Tagen sahen wir uns doch erst zum ersten Male.“ – „Vor sechs Monaten,“ entgegnete Jeronimo. – „Wie, Sie kennen mich schon länger?“ – „Länger als Sie leben, Madame!“ antwortete der Narr. „Ich kannte Sie schon, als Sie nur noch ein Gedanke waren, der im Schooße Gottes schlummerte. Meine Liebe zu Ihnen ist nur die Erinnerung eines alten Glückes. Diese Lippen, diese jetzt so spröde Brust: ich weiß es, ich habe sie schon einmal geküßt, ich habe sie schon einmal umarmt.“ – „Fabelhafte Dinge muß ich hören, lieber Schwager. Was würde die Vicomtesse von Hericourt denken, wenn Alfred Jardinier, dieser bürgerliche aber sehr liebenswürdige Anbeter, ihr solche Dinge sagte.“ – „Lasen Sie Plato, Madame?“ – „Nein!“ – „Die Seelen meiner Person und der Ihrigen müssen einem Schooß entsprossen sein. Die Bilder und Urtypen unsrer Persönlichkeit kannte schon die Ewigkeit, und was wir Liebe nennen, ist nur ein Tribut, den wir unsrer Vergangenheit, unserm Gedächtnisse, unseren früher eingegangenen Verpflichtungen schuldig sind.“ – „Sie werden mich überreden wollen, daß Sie urweltliche Rechte auf mich haben; daß Sie diese Hand, die Sie mir für ein Compliment viel zu heftig drücken, schon vor der Sündfluth besessen haben. Sie thun Unrecht, eine so kleine Frau, wie ich bin, in die großen Hallen der Philosophie einführen zu wollen.“ – „Was Philosophie, Schwägerin! Im Schooße Gottes trugen Sie einst dieselben gelben Pantoffeln, mit welchen Ihr Fuß noch jetzt so reizend kokettirt.“ – „Mit all’ Ihrer Philosophie sind Sie doch im Irrthum über die gelben Pantoffeln. Es sind Schuhe, mein Herr!“ antwortete Wally ärgerlich über diesen Humor. Sie konnte Blasphemieen nicht leiden. Sie dachte dann nur an ihre selige Mutter. 0.8734693877551021
173 Während dem trat ein Diener ein und zeigte an, das Cabriolet Jeronimo’s sei vorgefahren. Sie nahm ihren Shawl] Shwal, klagte viel darüber, daß er mit nichts umzugehen wisse, und stieg, sich auf ihn stützend, die Treppe hinunter. Jeronimo faßte selbst die Zügel des Pferdes und lenkte das gebrechliche Fahrzeug mit einer Ungeschicklichkeit, die Wally nicht erschreckte, da sie davon nichts verstand. Sie fuhren durch die Boulevards. Jeronimo wollte fahrend sprechen. Er hörte nicht auf, den Schooß Gottes im Munde zu haben. Wally hielt ihm diesen wahnsinnigen Mund zu; er übersah sein Pferd und rannte bei der Porte St. Martin so heftig an die Kutschen der Schauspielerinnen, die vor der Thür des Theaters, wo eben Probe war, hielten, daß seine Bemühungen, sich herauszuwickeln, vergeblich wurden. Die Peitsche brauchte er nur zu seinem Mißgeschick. Das Pferd bäumte sich und hob die Gabel des kleinen Wagens so hoch, daß die beiden Passagiere rücklings überfielen und Gefahr liefen, aus ihrem Sitze geschleudert zu werden. Hier mußte ein Unglück geschehen. [303] Währenddem trat ein Diener ein und zeigte an, das Cabriolet Jeronimo’s sei vorgefahren. Sie nahm ihren Shawl, klagte darüber, daß der Schwager mit nichts umzugehen wisse und stieg, sich auf ihn stützend, die Treppe hinunter. Jeronimo faßte selbst die Zügel des Pferdes und lenkte das gebrechliche Fahrzeug mit einer Ungeschicklichkeit, die Wally nicht erschreckte, da sie zu wenig vom Fahren verstand. Sie fuhren durch die Boulevards. Jeronimo wollte fahrend sprechen. Er hörte nicht auf, den Schooß Gottes im Munde zu führen. Wally hielt ihm diesen zu; er übersah sein Pferd und rannte bei der Porte St. Martin so heftig an die Kutschen der Schauspielerinnen, die vor der Thür des Theaters, wo eben Probe war, hielten, daß seine Bemühungen, sich herauszuwickeln, vergeblich wurden. Die Peitsche brauchte er nur zu seinem Mißgeschick. Das Pferd bäumte sich und hob die Gabel des kleinen Wagens so hoch, daß die beiden Passagiere rücklings überfielen und Gefahr liefen aus ihrem Sitze geschleudert zu werden. Hier mußte ein Unglück geschehen. 0.8939393939393939
174 Wally verlor einen Augenblick die Besinnung. Als sie wieder im Zusammenhang der schrecklichen Scene war, sah sie den Wagen aus jener Verwirrung herausgeführt und das Pferd von einem Manne beschwichtigt, in welchem sie zu neuem Schreck Cäsar erkannte. Jetzt fiel es ihr ein, sie hatte etwas Aehnliches wie Cäsar schon zwei-, dreimal heute an dem Rande der Boulevards gesehen. War er es gewesen, so konnte die Rettung kein Wunder sein. Er mußte sie stündlich verfolgt und den Augenblick der nöthigen Hülfe überall wahrgenommen haben. Wally verlor einen Augenblick die Besinnung. Als sie wieder im Zusammenhang der schrecklichen Scene war, sah sie den Wagen aus jener Verwirrung herausgeführt und das Pferd von einem Manne beschwichtigt, in welchem sie zu neuem Schreck Cäsar erkannte. Jetzt fiel es ihr ein, sie hatte etwas Aehnliches wie Cäsar schon zwei-, dreimal heute an dem Rande der Boulevards gesehen. War er es gewesen, so konnte die Rettung kein Wunder sein. Er mußte sie stündlich verfolgt und den Augenblick der nöthigen Hülfe überall wahrgenommen haben. 1.0
175 Jeronimo staunte, wie er bei der weiteren Fahrt statt Vorwürfe von Wally nur Scherz und Lachen vernahm. Er stotterte Bitten heraus, die sie nicht verstand. Sie war außer sich vor Entzücken. Jeronimo wußte sich nichts zu erklären und eilte, ihrem Wunsche nachzukommen. Sie wollte nach ihrer Wohnung zurück. Jeronimo staunte, wie sein Ungeschick bei der weiteren Fahrt statt Vorwürfe von Wally nur Scherz und Lachen erntete. Er stotterte Bitten heraus, die sie nicht verstand. Sie war außer sich vor Entzücken. Jeronimo wußte sich dasselbe nicht zu erklären und eilte allen ihren Wünschen nachzukommen. Sie wollte nach ihrer Wohnung zurück. 0.7647058823529411
176 Wally stand den ganzen Vormittag wie auf Kohlen. Sie kam nicht vom Fenster, weil sie jede Minute hoffte, Cäsar an dem Thorwege zu sehen. Sie nahm mechanisch [82] an der Mittagstafel Theil, ging nicht in’s Theater; aber Cäsar kam nicht. Jetzt erst fiel es ihr ein, daß sie sich getäuscht haben konnte, und rief einem ihrer Leute, den sie unverzüglich zu Herrn von Werther, dem preußischen Gesandten, schickte, um über ihren Anblick Gewißheit zu haben. Wally stand den ganzen Vormittag wie auf Kohlen. Sie kam nicht vom Fenster weg, weil sie jede Minute hoffte, Cäsar am Thorwege zu sehen. Mechanisch nahm sie am Mittagsmahl Theil, ging nicht in’s Theater; aber Cäsar kam nicht. [304] Jetzt erst fiel es ihr ein, daß sie sich getäuscht haben konnte, und rief einem ihrer Leute, den sie unverzüglich zu Herrn von Werther, dem preußischen Gesandten, schickte, um über ihren Anblick Gewißheit zu haben. 0.8507462686567164
177 Der Bote brachte die vernichtende Nachricht, Cäsar hätte sich seit länger als vier Wochen in Paris aufgehalten und seinen Paß zur Abreise bereits wieder angenommen. Wally blieb stumm vor Schmerz. Sie hielt das erblaßte Haupt auf der krampfhaften Hand gestützt und gerann in Eis, statt in Thränen. Womit hatte sie diese Demüthigung verdient! Sie kannte Cäsar genug, um zu wissen, wie dieses Betragen mit seinem Wesen zusammenhing. Ach! auch dies nicht ganz so wunderbare, wozu Cäsar es machen wird, Begegnen an der Porte St. Martin, sagte sie vor sich hin, wird er wie eine Romanepisode nehmen, um sein ewiges Selbstennui, seine hypochondrische Quälerei damit zu würzen und aufzustutzen! Wally seufzte tief auf und durchmaß mit Verzweiflungsschritten ihr Zimmer. Es schien ihr der herbste Schlag, der sie treffen konnte. Das Gehen machte sie ruhiger. Sie setzte sich und jetzt erst konnte sie weinen. „Womit verdient’ ich das?“ war ein erstickter Ton ihrer Stimme. Woran dachte sie jetzt! Was hatte sie alles gethan, um ihm eine Liebe zu zeigen, an die er, an die sie Anfangs nicht glaubte, und die sich doch so unvertilgbar in ihre Herzen eingenistet hatte! Womit verdient’ ich das? Unglückliche Wally! Was hattest du nicht dem Egoismus eines Mannes geopfert? Du gabst ihm deine Seele, deine [83] Gedanken, Alles, was du außer dem armseligen Stand der Verheirathung hattest; und dies Alles dem Egoismus, dem Lächeln, vielleicht dem Verrath? O, das wäre entsetzlich, schrie sie auf; dem Verrath? Das nicht, Wally! Aber sein Herz ist kalt, er lebt nur von Gefühlen, die er raffiniren und filtriren kann, er trotzt gegen sich selbst; du bist die Leiche, die er mit Füßen tritt. Wally! Wally! Ihr Blick fiel auf den noch offenen Brief, den sie – dann doch an ihn geschrieben hatte. Welches Vertrauen, welche Harmlosigkeit! Wie treue, kindische Worte! Wie Alles so selig, so unbewußt verbrecherisch, so süß in Etwas, was zuletzt immer eine Uebertretung ihrer Pflicht war! Sie hatte ihm Alles gegeben! Sie weinte; ihre Gedanken schwammen fort auf ihren nassen Augen, ihr Bewußtsein sank hin in eine allgemeine Erschöpfung, in eine Ohnmacht, die von einem hitzigen Fieber abgelöst wurde. Sie sollte erst nach langer Zeit von diesem Schmerze erwachen. Der Bote brachte die vernichtende Nachricht, Cäsar hätte sich seit länger als vier Wochen in Paris aufgehalten und bereits wieder seinen Paß zur Abreise genommen. Wally blieb stumm vor Schmerz. Sie hielt das erblaßte Haupt auf der krampfhaften Hand gestützt und gerann in Eis, statt in Thränen. Womit hatte sie diese Demüthigung verdient! Sie kannte Cäsar genug, um zu wissen, wie dies Betragen mit seinem Wesen zusammenhing. „Ach! auch dies nicht ganz so wunderbare, wozu Cäsar es machen wird, Begegnen an der Porte St. Martin,“ sagte sie vor sich hin, „wird er wie eine Romanepisode nehmen, um sein ewiges Selbstennui, seine hypochondrische Quälerei damit zu würzen und aufzustutzen!“ Sie seufzte tief auf und durchmaß mit Verzweiflungsschritten ihr Zimmer. Es schien ihr der herbste Schlag, der sie treffen konnte. Das Gehen machte sie ruhiger. Sie setzte sich und jetzt erst konnte sie weinen. „Womit verdient’ ich das?“ das war der einzige erstickte Ton ihrer Stimme. Was hatte sie Alles gethan, um ihm eine Liebe zu zeigen, an die Er, an die Sie Anfangs nicht glaubte, und die sich doch so unvertilgbar in ihre Herzen eingenistet hatte! Womit verdient’ ich das? Unglückliche Wally! Was hattest Du nicht dem Egoismus eines Mannes geopfert? Du gabst ihm Deine Seele, Deine Gedanken, Alles, was Du außer dem armseligen Stand der Verheirathung hattest; und dies Alles dem Egoismus, dem Lächeln, vielleicht dem Verrathe preisgegeben? „O, das wäre entsetzlich,“ schrie sie auf; „dem Verrath? Das nicht, Wally! Aber sein Herz ist kalt, er lebt nur von Gefühlen, die er raffiniren und filtriren kann, er trotzt gegen sich selbst; Du bist die Leiche, die er mit Füßen tritt. Wally! Wally!“ Ihr Blick fiel auf den offenen Brief, den sie – dann doch an ihn geschrieben hatte. Welches Vertrauen, welche Harmlosigkeit! Wie treue, kindische Worte! Wie Alles so selig, so unbewußt verbrecherisch, so süß in Etwas, was zuletzt immer eine Uebertretung ihrer Pflicht war! Sie hatte ihm Alles gegeben! [305] Sie weinte; ihre Gedanken schwammen fort auf ihren nassen Augen, ihr Bewußtsein sank hin in eine allgemeine Erschöpfung, in eine Ohnmacht, die von einem hitzigen Fieber abgelöst wurde. Sie sollte erst nach langer Zeit von diesem Schmerze erwachen. 0.919831223628692
178 VII.
179 7.
180 Drei Wochen hindurch war der Wächter des Bewußtseins vom Thore der Vernunft verschwunden. Die Gedanken Wally’s waren frei gegeben, das Dach stand offen, jedes Auge konnte in das glühende Hirn hineinsehen und die Verwirrung der Ideen mit seinen Blicken verfolgen. Da lagen sie alle, die wie ein Kapital angelegten Eindrücke der Vergangenheit, ohne die lachenden, fröhlichen Zinsen des Umgangs und des Bewußtseins zu tragen; nackte Leiber, [84] die des bunten Gewandes der Rede ermangelten, Ideenembryone, so gräulich anzusehen, wie die Infusorien, die man durch Vergrößerungsgläser in einem Wasserglase unterscheidet. Die Erinnerungen, Ideen und Ideenschatten jagten sich untereinander und gingen wahnwitzig lächerliche Bundesgenossenschaften ein und fraßen sich unter einander auf wie Ungethüme, denen die Gestalt, die Schönheit, die Freiheit des Willens und das Wort fehlt. So lag Wally drei Wochen. Man nannte ihren Zustand das Nervenfieber. Drei Wochen hindurch war bei ihr der Wächter des Bewußtseins vom Thore der Vernunft verschwunden. Die Gedanken Wally’s waren gleichsam freigelegt, das Dach stand offen, jedes Auge konnte in das glühende Hirn hineinsehen und die Verwirrung der Ideen mit seinen Blicken verfolgen. Da lagen sie alle, die wie ein Capital angelegten Eindrücke der Vergangenheit, ohne die lachenden, fröhlichen Zinsen des Umgangs und des Bewußtseins zu tragen; nackte Leiber, die des bunten Gewandes der Rede ermangelten, Ideenembryone, so gräulich anzusehen, wie die Infusorien, die man durch Vergrößerungsgläser im Wasserglase unterscheidet. Die Erinnerungen, Ideen und Ideenschatten jagten sich untereinander und gingen wahnwitzig lächerliche Bundesgenossenschaften ein und fraßen sich unter einander auf wie Ungethüme, denen die Gestalt, die Schönheit, die Freiheit des Willens und das Wort fehlt. So lag Wally drei Wochen. Man nannte ihren Zustand das Nervenfieber. 0.8981481481481481
181 Als sie zum erstenmale die Augen mit Bewußtsein aufschlug, erblickte sie Auroren und fragte nach allem, was seither geschehen wäre. Diese junge berlinische Schwätzerin schlug die Hände zusammen, setzte sich die Mütze der Verwunderung auf und hatte viel von Wally’s fieberhaften Phantasiestücken zu erzählen. Wally fühlte sich stark, zu hören, auch stark, sich zu erinnern. Sie wußte deutlich, wer die Schuld ihres Uebels trug; sie ging auch bald wieder bei diesem Gedanken in die Nebel zurück und sprach von einem Manne, der sie gerettet, aber nicht besucht hatte. Als sie zum ersten Male die Augen mit Bewußtsein aufschlug, erblickte sie Auroren und fragte nach allem, was seither geschehen wäre. Diese junge Schwätzerin schlug die Hände zusammen, setzte sich die Mütze der Verwunderung auf und hatte viel von Wally’s fieberhaften Phantasiestücken zu erzählen. Wally fühlte sich stark, zu hören, auch stark, zu erinnern. Sie wußte deutlich, wer die Schuld dieses Uebels trug; sie ging auch bald wieder bei diesem Gedanken in die Nebel zurück und sprach von einem Manne, der sie gerettet, aber nicht besucht hatte. 0.9178082191780822
182 Aurora sprach von Jeronimo. Sie schilderte seine Verzweiflung. Er hielte sich für den Urheber von Wally’s Leiden; er verließe das Haus nicht, und würde durch nichts aufgehalten, Augenblicke, wo Wally schliefe, zu benutzen, um in ihr Zimmer zu dringen. „Wer?“ fragte Wally. „Jeronimo!“ Es gehörte noch Anstrengung dazu, daß Wally wieder wußte, warum sie nach Jeronimo gefragt hatte. Sie vergaß es und räumte Aurorens Schwatzhaftigkeit das Feld. Diese tummelte sich weidlich darauf. Sie kam immer wieder [85] auf den Italiener zurück, bis er selbst kam und an Wally’s Bett niederkniete. Wally sah ihn, aber sie erkannte ihn nicht. Aurora sprach von Conte Jeronimo. Sie schilderte dessen Verzweiflung. Er hielte sich für den Urheber von Wally’s [306] Leiden; er verließe das Haus nicht, und würde durch nichts aufgehalten, Augenblicke, wo Wally schliefe, zu benutzen, um in ihr Zimmer zu dringen. – „Wer?“ fragte Wally. – „Graf Jeronimo!“ – Es gehörte noch Anstrengung dazu, daß Wally wieder wußte, warum sie nach Jeronimo gefragt hatte. Sie vergaß es und räumte Aurorens Schwatzhaftigkeit das Feld. Diese tummelte sich darauf weidlich. Sie kam immer wieder auf den Italiener zurück, bis dieser selbst kam und an Wally’s Bett niederkniete. Wally sah ihn an, aber sie erkannte ihn nicht. 0.9146341463414634
183 Jeronimo stand bleich und hager da. Seine Wangen waren eingefallen und abgezehrt. Die Augen blickten starr und mit einem unheimlichen Feuer. Sein Aeußeres war gänzlich vernachlässigt. Hätte man nicht annehmen müssen, daß ihn die Trauer verhinderte, Sorgfalt auf sich zu verwenden, so würde man zu dem Glauben gezwungen gewesen sein, seine Erscheinung sei die Folge der Armuth. Er sprach italienisch; Aurora verstand nichts davon, zu seinem Glücke; denn hätte sie es verstanden, wie würde es ihr entgangen sein, daß Jeronimo’s Reden einen bedenklichen Geisteszustand verriethen? Wally verstand wohl die wahnwitzigen Worte an ihrem Bette, aber sie wußte nicht, von wem sie kamen. Und hätte sie es gewußt, so würde sie sogleich auf den Zustand reflektirt haben, den sie so eben von sich selbst erfahren hatte. In der That, sie verwechselte auch den Wahnsinn, den sie hörte, mit dem, welcher sie selbst beherrschte und flehte unhörbar, ihr nichts zuzurechnen von der Verwirrung, die aus ihrem bewußtlosen Haupte entsprang. Jeronimo küßte ihre Hand. Sie erkannte ihn nicht, als er wie ein Gespenst von ihrem Lager fortschlich. Jeronimo stand bleich und hager da. Seine Wangen waren eingefallen und abgezehrt. Die Augen blickten starr und mit einem unheimlichen Feuer. Sein Aeußeres war vernachlässigt. Hätte man nicht annehmen müssen, daß ihn die Trauer verhinderte, Sorgfalt auf sich zu verwenden, so würde man zu glauben gezwungen gewesen sein, seine Erscheinung sei die Folge der Armuth. Er sprach italienisch; Aurora verstand nichts davon, zu seinem Glück; hätte sie ihn verstanden, wie würde es ihr entgangen sein, daß Jeronimo’s Reden einen bedenklichen Geisteszustand verriethen? Wally verstand die wahnwitzigen Worte an ihrem Bette, aber sie wußte nicht, von wem sie kamen. Und hätte sie es gewußt, so würde sie sogleich auf den Zustand reflectirt haben, den sie soeben von sich selbst erfahren hatte. In der That, sie verwechselte auch den Wahnsinn, den sie hörte, mit dem, der sie selbst beherrschte und flehte unhörbar, ihr nichts zuzurechnen von der Verwirrung, die aus ihrem bewußtlosen Haupte entsprang. Jeronimo küßte ihre Hand. Sie erkannte ihn nicht, als er wie ein Gespenst von ihrem Lager schlich. 0.890625
184 Benutzen wir den Augenblick, wo der Faden unserer Erzählung gehemmt ist durch das Schicksal ihrer Heldin, die sonderbare Erscheinung Jeronimo’s und das Verhältniß zu seinem Bruder näher zu erklären. Jeronimo ist eine Störung dieses Berichts. Wally’s unübertreffliche Originalität, das bunte Farbenspiel ihrer Laune verdiente wahrlich [86] nicht, von so fratzenhaften Verrückungen menschlicher Gefühle und Verhältnisse, wie wir sie kennen lernen werden, paralysirt zu werden. Benutzen wir den Augenblick, wo der Faden unserer Erzählung gehemmt ist durch das Schicksal ihrer Heldin, die sonderbare Erscheinung Jeronimo’s und das Verhältniß zu seinem Bruder näher zu erklären. Jeronimo ist eine Störung dieses Berichts. Wally’s unübertreffliche Originalität, das bunte Farbenspiel ihrer Laune verdiente wahrlich nicht, von solchen Verrückungen menschlicher Gefühle und Verhältnisse, wie wir sie hier kennen lernen werden, paralysirt zu werden. 0.9122807017543859
185 Luigi und Jeronimo hießen die beiden Brüder, welche uns bis jetzt nur in so nebelhaften Umrissen erschienen sind. Jener war der ältere, dieser der jüngere; beide an Jahren so verschieden, wie an Gestalt und Gemüthsrichtung. Luigi, ein praktischer Egoist, Jeronimo, ein excentrischer Schwärmer, dort das drohende Extrem der Bosheit, hier das des Wahnsinns. Beide Brüder hatten zu gleichen Theilen ein großes Vermögen geerbt; aber verschiedenartig war der Gebrauch, den sie davon machten; Luigi geizte, Jeronimo verschwendete. Luigi traf in Jeronimo’s sanfter Gemüthsstimmung keinen Widerstand, als er ihm bei den Verschleuderungen seinen Rath anbot und sich für bereit erklärte, die Verwaltung seines Vermögens zu übernehmen. Die Verantwortlichkeit machte Luigi schlecht. Immer im Harnisch gegen Jeronimo’s Unbesonnenheiten, längst gewohnt, ihn wie ein Zuchtmeister seinen Gefangenen zu behandeln, immer in der Illusion, daß er das Gute, Noble und Ehrliche thäte, während er doch nur das Kluge und Nützliche that, nahm er seine eigene Verfahrungsweise wie etwas Nothwendiges und gewöhnte sich daran, Dinge als sein Eigenthum zu betrachten, für welche er zuletzt dem Andern einstehen mußte. Diese Verwechselung war leicht gemacht und artete in decidirte Schlechtigkeit aus. Es galt nicht mehr, daß Luigi für all die Thorheiten, die Jeronimo beging und unschädlich machen mußte, sich schadlos halten wollte, daß er durch die Verwendungen, die er überall versuchte, als Jeronimo wegen Carbonarismus ins Gefäng-[87]niß geworfen wurde, ein Recht über des jüngern Bruders Leib und Leben zu haben sich überredete, sondern bald wurde es Ziel und Plan bei ihm, einen Menschen, dem nicht zu helfen war, gänzlich zu unterdrücken und das Vermögen an sich zu ziehen, welches Jeronimo noch besaß und möglicherweise auf irgend eine seiner flüchtigen Neigungen vererben konnte. [307] Luigi und Jeronimo hießen die beiden Brüder, welche uns bis jetzt nur in so nebelhaften Umrissen erschienen sind. Jener war der ältere, dieser der jüngere; beide an Jahren so verschieden, wie an Gestalt und Gemüthsrichtung. Luigi, ein praktischer Egoist, Jeronimo, ein excentrischer Schwärmer, dort das drohende Extrem der Bosheit, hier die abschüssige Neigung zum Wahnsinn. Beide Brüder hatten zu gleichen Theilen ein großes Vermögen geerbt; aber verschiedenartig war der Gebrauch, den sie davon machten; Luigi geizte, Jeronimo verschwendete. Luigi traf in Jeronimo’s Gemüthsstimmung keinen Widerstand, als er ihm bei den Verschleuderungen seinen Rath anbot und sich für bereit erklärte, die Verwaltung seines Vermögens zu übernehmen. Die Pflicht der Verantwortlichkeit machte Luigi im Betrug erfinderisch. Immer im Harnisch gegen Jeronimo’s Unbesonnenheiten, längst gewohnt, den Bruder wie ein Zuchtmeister seinen Gefangenen zu behandeln, immer mit dem Scheine, daß er das Gute, Noble und Ehrliche thäte, während er doch nur das Kluge und Nützliche that, nahm er seine eigene Verfahrungsweise wie etwas Nothwendiges und gewöhnte sich daran, Dinge als sein Eigenthum zu betrachten, für welche er zuletzt dem Andern einstehen mußte. Diese Verwechselung war leicht gemacht und artete aus. Es kam nicht mehr darauf an, daß sich Luigi für all’ die Thorheiten, die Jeronimo beging und unschädlich machen mußte, schadlos halten wollte, daß er durch die Verwendungen, die er überall versuchte, als Jeronimo wegen Carbonarismus in’s Gefängniß geworfen wurde, ein Recht über des jüngeren Bruders Leib und Leben zu haben sich überredete, sondern bald wurde es Ziel und Plan bei ihm, einen Menschen, dem nicht zu helfen war, gänzlich zu unterdrücken und das Vermögen an sich zu ziehen, das Jeronimo noch besaß und möglicherweise auf irgend eine seiner flüchtigen Neigungen vererben konnte. 0.8762376237623762
186 Von einer neuen Thorheit, die Jeronimo beging, wußte Luigi erst kaum, wie er sie behandeln sollte. Er hatte ihm von Wally geschrieben, von ihrer Jugend und Schönheit. Jeronimo bat ihn, nichts von ihren Reizen zu übergehen. Luigi fährt in seinen Entzückungen fort und Jeronimo schwört ihm in einem Briefe, daß Wally nur für ihn bestimmt wäre. Lächerlicher Einfall! sagte Luigi, als er am Tage seiner Hochzeit diesen Brief empfing. Aber Jeronimo hörte in seinen Grillen nicht auf. Er drohte, noch in Haft befindlich, die er sich durch eine unbesonnene Tödtung zugezogen hatte, mit dem Aeußersten. Die Idee schien fix bei ihm geworden zu sein. Es ist nicht unmöglich, daß man in ein Bild sich verlieben kann. Arme Wally! Mußte deine glatte, stille, liebliche Seele, dein nüchternes, von allem Excentrischen abseites Leben in solche Strudel gerissen werden? Von einer neuen Thorheit, die Jeronimo beging, wußte Luigi anfangs kaum, wie er sie behandeln sollte. Er hatte ihm von Wally geschrieben, von ihrer Jugend und Schönheit. Jeronimo bat ihn, nichts von ihren Reizen zu übergehen. Luigi fährt in seinen Entzückungen fort und Jero-[308]nimo schwört ihm in einem Briefe, daß Wally nur für ihn bestimmt sei. Lächerlicher Einfall! sagte Luigi, der ***sche Gesandte, als er am Tage seiner Hochzeit diesen Brief empfing. Aber Jeronimo hörte mit seinen Phantasieen nicht auf. Er drohte, noch in Haft befindlich, die er sich durch eine unbesonnene Tödtung zugezogen hatte, mit dem Aeußersten. Die Idee schien fix bei ihm geworden zu sein. Es ist nicht unmöglich, daß man in ein Bild sich verlieben kann. Arme Wally! Mußte Deine glatte, stille, liebliche Seele, Dein nüchternes, von allem Excentrischen abseites Leben in solche Strudel gerissen werden? 0.8793103448275862
187 Luigi wußte, daß sein Bruder nach Paris kommen würde. Er hatte ein Mittel gegen ihn und scheute sich nicht, da er sahe, welchen Eindruck Wally auf Jeronimo machte, es in Anwendung zu bringen. Was war ihm Wally? Was gewährte sie ihm? Und doch war er nicht so niedrig, sie an seinen Bruder gleichsam verkaufen zu wollen; er war mehr bös, als gemein, mehr europäisch schlecht, als italie-[88]nisch ordinär. Er wollte Jeronimo’s Neigung in Schach erhalten und davon Gewinnste ziehen. Sein Geiz sahe mit Schrecken, wie des Bruders Vermögen in den durstigen Sand der Pariser Vergnügungen und Ausschweifungen vollends verrinnen würde. Er sahe schon tausend Arme geöffnet, tausend Zärtlichkeiten als Falle gelegt, er zitterte vor dem weiten Meere, dessen Abgrund bald des tollen Jeronimo’s Erbe verschlingen mußte. Er wollte es retten. Er wollte es absorbiren, erst, wie er glaubte, um es zu bewahren, dann, um es nie wieder herauszugeben. Wally mußte zu diesem Zwecke dienen. Ihre Koketterie mußte Jeronimo fesseln und unglücklich machen. Luigi arbeitete planmäßig, um das Hirn des Bruders zu verrücken. Er brachte Grüße, Zärtlichkeiten, Locken, und zwang den Glücklichen, von Wally sich immer wieder enttäuschen zu lassen. Jeronimo war schwach, ein Kind, eine todte Hand seines Vermögens. Luigi eignete sich Alles zu. Wer kann zweifeln, daß Wally im Stande war, durch ihre unzähligen kleinen Charakterlosigkeiten einen Mann zu vernichten? Sie that es ohne darum zu wissen. Sie wurde unbewußt das Werkzeug einer nichtswürdigen Intrigue, an der sie über ein ideales Leben und den Wahn ebensoviel Studien hätte machen können wie an ihrer idealen Vermählung mit Cäsar. Luigi wußte, daß sein Bruder nach Paris kommen würde. Er hatte ein Mittel gegen ihn und scheute sich nicht, da er sah, welchen Eindruck Wally auf Jeronimo machte, es in Anwendung zu bringen. Was war ihm Wally? Was gewährte sie ihm? Und doch war er nicht so niedrig, sie an seinen Bruder gleichsam verkaufen zu wollen; er war mehr bös als gemein, mehr europäisch schlecht, als italienisch gewöhnlich. Er wollte Jeronimo’s Neigung in Schach halten und davon Gewinnste ziehen. Sein Geiz sah mit Schrecken, wie des Bruders Vermögen in den durstigen Sand der Pariser Vergnügungen und Ausschweifungen verrinnen würde. Er sah schon tausend Arme geöffnet, tausend Zärtlichkeiten als Falle gelegt, er zitterte vor dem weiten Meere, dessen Abgrund bald des tollen Jeronimo’s Erbe verschlingen mußte. Er wollte es „retten“, absorbiren, erst, wie er glaubte, um es zu bewahren, dann, um es nie wieder herauszugeben. Wally mußte zu diesem Zwecke dienen. Ihre Koketterie mußte Jeronimo fesseln und unglücklich machen. Luigi arbeitete planmäßig, um das Hirn des Bruders zu verrücken. Er brachte Grüße, Zärtlichkeiten, Locken, und zwang den Glücklichen, von Wally sich immer wieder enttäuschen zu lassen. Jeronimo war schwach, ein Kind, eine todte Hand seines Vermögens. Luigi eignete sich Alles zu. Wer kann zweifeln, daß Wally im Stande war, durch ihre unzähligen kleinen Charakterlosigkeiten einen Mann zu vernichten? Sie that es, ohne darüber ein Bewußtsein zu haben. Sie wurde das Werkzeug einer nichtswürdigen Intrigue, an der sie über ein [309] ideales Leben und den Wahn eben so viel Studien hätte machen können wie an ihrer idealen Vermählung mit Cäsar. 0.8961748633879781
188 VIII.
189 8.
190 Jeronimo hatte früher eine glänzende Wohnung besessen, jetzt mußte er sich einschränken. Er trat in Paris mit all dem Glanze auf, der der Wiederschein seines Ver-[89]mögens war; jetzt hatte ihn eine unglückliche Leidenschaft so gebeugt, daß er nicht einmal das Schmerzliche seiner gegenwärtigen Lage empfand. Er dämmerte in seiner Idee hin. Er gab Alles seinem Bruder, seitdem er keine Bedürfnisse mehr kannte. Sein ganzes Vermögen wurde Luigi verschrieben. Zuweilen, am frühesten Morgen, wenn noch keine Seele auf der Straße war, besuchte ihn dieser und stieg die vier Treppen hinauf, über denen Jeronimo wohnte. Denn er wollte nicht, daß sein Bruder irgend einen Groll gegen ihn faßte. Er gab sich immer das Ansehen, als sorgte er väterlich für den Verlassenen, als bewahre er ihm seine Glücksgüter, die in seiner trüben Seelenstimmung ihm doch eine Last sein würden. So hatte er auch eines Morgens bedächtig an die Thür der kleinen Kammer gepocht, welche Jeronimo bewohnte. Er trat hinein und fand seinen Bruder lang ausgestreckt auf einem schlechten Bett, dessen er sich als eines Sopha bediente. An den kahlen Wänden hingen einige schlecht gemalte Heiligenbilder. Auf den Kissen rings lagen die zerstreuten Bestandtheile einer ganz mangelhaften Toilette; auf dem Tische einige Bücher, die mit Staub bedeckt waren und deßhalb ahnen ließen, daß Jeronimo noch aus sich selbst Trost und Unterhaltung schöpfen konnte. Jeronimo hatte früher eine glänzende Wohnung besessen, jetzt mußte er sich einschränken. Anfangs war er in Paris mit all’ dem Glanz aufgetreten, der der Wiederschein seines Vermögens war; jetzt hatte ihn eine unglückliche Leidenschaft so gebeugt, daß er nicht einmal das Schmerzliche seiner gegenwärtigen Lage empfand. Er dämmerte in seinen Vorstellungen hin. Er gab Alles seinem Bruder, seitdem er keine Bedürfnisse mehr kannte. Sein Vermögen wurde Luigi verschrieben. Zuweilen am frühesten Morgen, wenn noch keine Seele auf der Straße war, besuchte ihn dieser und stieg vier Treppen hinauf, über denen Jeronimo wohnte. Er wollte nicht, daß sein Bruder Groll gegen ihn faßte. Er gab sich das Ansehen, als sorgte er väterlich für den Verlassenen, als bewahrte er ihm seine Glücksgüter, die in seiner trüben Seelenstimmung ihm doch eine Last sein würden. So hatte er auch eines Morgens bedächtig an die Thür der kleinen Kammer gepocht, welche Jeronimo bewohnte. Er trat hinein und fand seinen Bruder lang ausgestreckt auf einem schlechten Bett, dessen er sich als eines Sopha bediente. An den kahlen Wänden hingen einige schlecht gemalte Heiligenbilder. Auf den Kissen rings lagen die zerstreuten Bestandtheile einer mangelhaften Toilette: auf dem Tische einige Bücher, die mit Staub bedeckt waren und deshalb ahnen ließen, daß Jeronimo noch aus sich selbst Trost und Unterhaltung schöpfen konnte. 0.8902439024390244
191 Als Luigi eintrat, sprang sein verlassener Bruder auf, grüßte mit einer mechanischen Höflichkeit, für welche er selbst keinen Grund wußte, räumte schnell, einen Stuhl ab und schob ihn zurück, um seinem Besuche Platz zu machen. „Ist sie wohl?“ war seine erste Frage. Luigi bejahte sie mit dem Lächeln eines Mannes, der hier gleichsam sagen [90] wollte: Es hängt Alles von dir ab! oder: Du kannst Vortheil davon ziehen! Aber Jeronimo war nicht so starken Glaubens. „Sie liebt mich nicht!“ rief er aus, „sie ist grausam und kalt! Man sieht, daß ein solches Herz nur im Norden geboren werden konnte.“ „Was hängst du auch, mein Sohn!“ entgegnete Luigi, „dieser Grille nach? Warum sich einer Leidenschaft hingeben, welche ohne alle innere Begründung ist und die nur dazu dient, dein ganzes Leben zu verwirren?“ „Sie läßt mich nicht mehr vor!“ „Du zwingst sie dazu; denn sie liebt mich von Herzen. Was richtest du an! du bist in der glänzendsten Lage, bist reich, jung, hast eine ausgesuchte Bildung; warum entziehst du dich der Gesellschaft? Warum diese schlechte Wohnung, die dich um deine Annehmlichkeiten und mich um meinen Credit bringt? Warum dieser vernachläßigte Aufzug, welcher eher dem eines Industrieritters und Bankeruttiers gleicht, als dem Range und dem Geiste, den du besitzest?“ „Du bist sehr boshaft, Bruder!“ sagte Jeronimo, den ein Vernunftfunke durchleuchtete. „Wenn ich mich vernachläßige, so bist du Schuld daran, meine Liebe wahrlich nicht, welche nur dazu dient, das Unglückliche meiner Lage mich weniger herb fühlen zu lassen. Wer spiegelt mir die ungeheuern Verluste vor, die mein Vermögen soll erlitten haben?“ „Ungerechte Beschuldigung!“ „O sieh’, Luigi! ich blicke tief in dein Inneres. Dein Geiz ist die Triebfeder deiner Schlechtigkeit. Du hast dir immer das Ansehen gegeben, mein Beschützer zu sein, und [91] wahrlich du machtest dich vortrefflich dafür bezahlt. Ich würde wahrhaftig keine deiner ehrlosen Intriguen zugeben, wenn ich mir Besonnenheit und Festigkeit des Willens in meiner jetzigen Lage erhalten hätte.“ „So ungerecht sprichst du zu einem Bruder, der für dich sorgt, Jeronimo? der niemals in dieses Schmutznest tritt, ohne von den Geldrollen in seiner Tasche einen schweren Tritt zu haben. Wann komm’ ich leer? Ich biete dir Alles an: ich beschwöre dich, anzunehmen. Auch jetzt: siehe! nimm! aber wache über deine Ausdrücke, die mein Herz verwunden und der Welt Veranlassung zu einem falschen Urtheil geben können.“ „O damit schläferst du dein Gewissen ein, mit diesen Geldrollen, welche hier liegen und von mir nicht geachtet werden, weil ich keine Bedürfnisse mehr habe! Man hat gut von Reichthümern zu einem Manne reden, der das Gelübde der Armuth ablegte. Was fürchtest du wohl mehr, Prahler, als meine erwachende Lebenslust? Sie kann niemals kommen, Glücklicher! Du siehst mich dem Tode entgegenreifen und hoffest, bald der Sorge um einen Menschen enthoben zu sein, von dem ich selbst gestehe, daß er für menschliche Berührungen und das im Dasein Gewöhnliche kein Kettenglied mehr ist. Du aber warst es, der mich um Wally betrogen hat und mir sagte: Sie ist Dein!“ „Lenk’ ich die Neigungen dieser schwer zu zügelnden Frau?“ „O Mensch, Bruder, du warst schlecht genug, mir Hoffnungen zu machen!“ „Verächtlicher!“ rief Luigi und sprang vom Sitze auf. [92] „O setze sie vor dein Antlitz, die Maske der Entrüstung! Dein Weib mußte der Blitzableiter meiner gewitterdrohenden Neigungen und der Hagelwetter werden, welche mein Vermögen ruiniren konnten. Dein Geiz sah alles vorher. Ein teuflisches Spiel hast du mit mir getrieben. Zu den Beleidigungen fügtest du noch meine Entnervung hinzu, meine Unfähigkeit, mich für sie zu rächen!“ Als Luigi eintrat, sprang sein verlassener Bruder auf, grüßte mit mechanischer Höflichkeit, für welche er selbst keinen Grund wußte, räumte schnell einen Stuhl ab und schob ihn zurück, um seinem Besuche Platz zu machen. „Ist sie wohl?“ war seine erste Frage. Luigi bejahte die Erkundigung nach dem Befinden seiner Schwägerin mit dem Lächeln eines Mannes, der hier gleichsam sagen wollte: „Es hängt Alles [310] von Dir ab!“ oder: „Du kannst Vortheil davon ziehen!“ Aber Jeronimo war nicht so starken Glaubens. „Sie liebt mich nicht!“ rief er aus, „sie ist grausam und kalt! Man sieht, daß ein solches Herz nur im Norden geboren werden konnte.“ – „Was hängst Du auch, Alter, dieser Grille nach?“ entgegnete Luigi. „Warum sich einer Leidenschaft hingeben, die ohne alle innere Begründung ist und nur dazu dient, Dein ganzes Leben zu verwirren?“ – „Sie läßt mich nicht mehr vor!“ – „Du zwingst sie dazu; denn sie liebt mich von Herzen. Was richtest Du an! Du bist in der glänzendsten Lage, bist reich, jung, hast eine ausgesuchte Bildung; warum entziehst Du Dich der Gesellschaft? Warum diese schlechte Wohnung, die Dich um Deine Annehmlichkeiten und mich um meinen Credit bringt? Warum dieser vernachläßigte Aufzug, der eher dem eines Industrieritters und Bankeruttiers gleicht, als dem Range und dem Geist, den Du besitzest?“ – „Du bist sehr boshaft, Bruder!“ sagte Jeronimo, den einmal ein Vernunftfunke durchleuchtete. „Wenn ich mich vernachlässige, so bist Du Schuld daran, meine Liebe wahrlich nicht, sie, die nur dazu dient, das Unglückliche meiner Lage mich weniger herb fühlen zu lassen. Wer spiegelt mir die ungeheuern Verluste vor, die mein Vermögen soll erlitten haben?“ – „Ungerechte Beschuldigung!“ – „O sieh’, Luigi! Ich blicke tief in Dein Inneres. Dein Geiz ist die Triebfeder Deiner Schlechtigkeit. Von je hast Du Dir das Ansehen gegeben, mein Beschützer zu sein, und wahrlich, Du machtest Dich vortrefflich dafür bezahlt. Ich würde wahrhaftig keine Deiner ehrlosen Intriguen zugeben, wenn ich mir Besonnenheit und Festigkeit des Willens in meiner jetzigen Lage erhalten hätte.“ – „So ungerecht sprichst Du zu einem Bruder, der für Dich sorgt, der niemals in dieses Schmutznest tritt, ohne von den Geldrollen in seiner Tasche einen schweren Tritt zu haben. Wann komm’ ich leer? Ich biete Dir Alles an: Ich beschwöre Dich, anzunehmen. Auch jetzt: Siehe! nimm! aber wache über Deine Ausdrücke, die mein Herz verwunden und der Welt Veranlassung zu einem falschen Urtheil geben können.“ – „Damit schläferst Du Dein Gewissen ein, mit diesen Geldrollen, die hier liegen und von [311] mir nicht beachtet werden, weil ich keine Bedürfnisse mehr habe! Man hat gut von Reichthümern zu einem Manne reden, der das Gelübde der Armuth ablegte. Was fürchtest Du mehr, Prahler, als meine erwachende Lebenslust? Sie kann nie mehr kommen, Du Glücklicher! Du siehst mich dem Tode entgegenreifen und hoffest, bald der Sorge um einen Menschen enthoben zu sein, der von sich selbst gesteht, daß er für menschliche Berührungen und das im Dasein Gewöhnliche kein Kettenglied mehr ist. Du aber warst es, der mich um Wally betrogen hat und mir sagte: Sie wird Dein!“ – „Lenk’ ich die Neigungen dieser schwer zu zügelnden Frau?“ – „O Mensch, Bruder, Du warst schlecht genug, mir Hoffnungen zu machen!“ – „Verächtlicher!“ rief Luigi und sprang vom Sitze auf. – „O setze sie vor Dein Antlitz, die Maske der Entrüstung! Dein Weib mußte der Blitzableiter meiner gewitterdrohenden Neigungen und der Hagelwetter werden, die mein Vermögen ruiniren konnten. Dein Geiz sah Alles vorher. Ein teuflisches Spiel hast Du mit mir getrieben. Zu den Beleidigungen fügtest Du noch meine Entnervung hinzu, meine Unfähigkeit, mich für den mir angethanen Schimpf zu rächen!“ 0.8787878787878788
192 Und das sagte Jeronimo mit Recht. Denn wie richtig er auch das Benehmen seines Bruders, diese Manier, ihn zu beobachten und in der Hand zu haben, durchschaute, so war er doch in seiner Willenskraft gelähmt. Eine unerwiderte Neigung hatte ihn zu Boden geworfen. Er war keines Entschlusses fähig, wenn sein Bruder so schlecht handelte, ihm wieder eine neue Hoffnung zu machen. So lächelte Luigi auch hier, nahm die Geldrollen und ließ, indem er sie einsteckte, wie zufällig die Schleife eines blauen Damenkleides aus ihr herausfallen. Jeronimo fing sie auf und preßte sie an seine Lippen. Sie war von Wally, ein Raub in derselben Art, wie ihn ihr Gatte oft mit verstellten Zärtlichkeiten beging. Während Jeronimo im Entzücken dieses Besitzes schwelgte, fand Luigi, dieser Gemeinste aller Italiener, Muße, sich ohne Geräusch zu entfernen. Und das sagte Jeronimo mit Recht. Denn wie richtig er auch das Benehmen seines Bruders, diese Manier, ihn zu beobachten und in der Hand zu halten, durchschaute, so war er doch in seiner Willenskraft gelähmt. Eine unerwiderte Neigung hatte ihn zu Boden geworfen. Er war keines Entschlusses fähig, sobald sein Bruder so schlecht handelte, ihm wieder eine neue Hoffnung zu machen. So lächelte Luigi auch hier, nahm die Geldrollen und ließ, indem er sie einsteckte, wie zufällig die Schleife eines blauen Damenkleides aus ihnen herausfallen. Jeronimo fing sie auf und preßte sie an seine Lippen. Sie war von Wally, ein Raub in derselben Art, wie ihn ihr Gatte oft mit verstellten Zärtlichkeiten beging. Während Jeronimo im Entzücken dieses Besitzes schwelgte, fand der schäbige, mit Orden bedeckte Wucherer Muße, sich ohne Geräusch zu entfernen. 0.8839285714285714
193 Als er dicht bei seinem Hotel war, öffnete sich die Thür desselben, und einer seiner Bedienten trat heraus, ohne ihn zu bemerken. Ein junger Mann sprang auf den flüchtigen Burschen zu, hielt ihn an und fragte ihn dringend, indem er etwas durch Geld belohnte, was noch kommen sollte: „Ist die Gräfin zu Hause?“ Dicht bei seinem Hotel angekommen, sah er, daß sich die Thür desselben öffnete und einer seiner Bedienten heraustrat, [312] ohne ihn zu bemerken. Ein junger Mann sprang auf den Burschen zu, hielt ihn an und fragte ihn dringend, indem er die Börse zog: „Ist die Gräfin zu Hause?“ 0.5925925925925926
194 „Ich glaube nicht.“ – „Ich glaube nicht.“ 1.0
195 „Sei aufrichtig: ich muß es wissen!“ – „Sei aufrichtig: ich muß es wissen!“ 1.0
196 [93] „Sie ist bei der Vikomtesse von Hericourt.“ – „Sie ist bei der Vicomtesse von Hericourt.“ 0.6666666666666666
197 „Dort kann ich sie nicht sprechen. Sie war krank?“ – „Dort kann ich sie nicht sprechen. Sie war krank?“ 1.0
198 „Wer? Die Gräfin? freilich; sie ist vor einer Woche vom hitzigen Fieber genesen.“ „Gerechter Gott! Wie lebt sie denn im Hause? hat sie viel Vergnügungen?“ „Sie wissen wohl, hierin läßt sie sich nichts entgehen. Sie glauben, Herr Baron, ich kenne Sie nicht? Wie oft waren Sie bei der Gräfin, als ich noch mit ihr Manêge ritt.“ „Du kennst mich? Sage ihr nicht, daß du mich gesehen hast: morgen aber hilfst du mir, sie ohne Ceremoniel und weitläufige Anmeldung sprechen zu können!“ – „Sie ist vor einer Woche vom hitzigen Fieber genesen.“ – „Gerechter Gott! Wie lebt sie denn im Hause? Hat sie viel Vergnügungen?“ – „Sie wissen wol, hierin läßt sie sich nichts entgehen. Sie glauben, Herr Baron, ich kenne Sie nicht? Wie oft waren Sie bei der Gräfin, als ich noch mit ihr Manêge ritt.“ – „Du kennst mich? Sage ihr nicht, daß Du mich gesehen hast: morgen aber hilfst Du mir, sie ohne Ceremoniel und weitläufige Anmeldung sprechen zu können!“ 0.8840579710144928
199 Der Gesandte sah dem forteilenden Fremden nach. Er erkannte ihn als einen Deutschen, dem er früher begegnet sein mußte. Der Bediente gab ihm den Namen an; doch hatte er nie gewußt, daß dieser mit Wally in einer Verbindung gestanden. Er trat in sein Hotel. Der Gesandte sah dem forteilenden Fremden nach. Er erkannte ihn als einen Deutschen, dem er früher begegnet sein mußte. Der Bediente gab ihm den Namen an; doch hatte er nie gewußt, daß dieser mit Wally in Verbindung gestanden. Er trat in sein Hotel. 0.9736842105263158
200 IX.
201 9.
202 Am folgenden Morgen, als Wally sich noch in den ersten Umrissen ihrer Toilette befand und im neusten Hefte der Revue de Paris blätterte, wo sie durch die Schwärmereien eines französischen Gelehrten über deutsche Zustände, die er falsch verstanden hatte, sehr belustigt wurde, riß eine unangemeldete Hand die Thür ihres Zimmers [94] auf und stürzte mit einem freudigen Gruße zu Wally’s Füßen. Wally war bleich vor Schrecken, als sie es dulden mußte, daß Cäsar sie stürmisch in seine Arme schloß und ihre Hand mit seinen Küssen bedeckte. „Meine Wally!“ war der einzige Ausruf, der über seine bewegten Lippen dringen konnte. Wally zitterte vor Schrecken und Freude. Auch sie konnte keinen Ausdruck finden. So saßen sie sich eine Weile stumm gegenüber; aber ihre Blicke sprachen mit feurigen Zungen und hatten tausend Dinge zu gleicher Zeit zu fragen und mitzutheilen. „Dein Tschionatulander!“ sprach dann Cäsar mit holdseliger Ironie. Wally erröthete und barg ihr glühendes Antlitz an seine Brust. Am folgenden Morgen, als sich Wally noch in den ersten Umrissen ihrer Toilette befand und im neuesten Hefte der Revue de Paris blätterte, wo sie durch die Schwärmereien eines französischen Gelehrten über deutsche Zustände belustigt wurde, riß eine unangemeldete Hand die Thür ihres Zimmers auf und stürzte mit einem freudigen Gruße zu ihren Füßen. Wally war bleich vor Schrecken, als sie es dulden mußte, daß sie Cäsar stürmisch in seine Arme schloß und ihre Hand mit seinen Küssen bedeckte. „Wally!“ war der einzige Ausruf, der über seine bewegten Lippen dringen konnte. Wally zitterte vor Schrecken und Freude. Auch sie konnte keinen Ausdruck finden. So saßen sie sich eine Weile stumm gegenüber; aber ihre Blicke sprachen mit feurigen Zungen und hatten tausend Dinge zu gleicher Zeit zu fragen und mitzutheilen. „Dein [313] Tschionatulander!“ sprach Cäsar mit holdseliger Ironie. Wally erröthete und barg ihr glühendes Antlitz an seine Brust. 0.8925619834710744
203 „Sie müssen mir diesen stürmischen Angriff verzeihen!“ fuhr dann Cäsar sich in alter Art sammelnd fort. „Ich habe viel bei Ihnen gut zu machen und will es durch Dinge, welche für Sie von Werth sind.“ „Sie haben vor zwei Monaten mir das Leben nur gerettet, um es mir zu nehmen!“] nehmen! sagte Wally. „Ich wollte Sie nicht besuchen. Ich vermied Sie. Warum? fragen Sie mich nicht! Ich weiß es nicht. War ich stolz, beleidigt? Nein: es war lächerlich; aber Sie kennen, Wally, wie schwierig ich zu behandeln bin. Ich lasse immer auf eine kleine Liebenswürdigkeit zehn große unerträgliche Thorheiten kommen.“ „Liebenswürdigkeiten! Unerträglich! Thorheiten! O, Alles wie sonst – mein Cäsar!“ „Meine Wally! Aber Sie schweben in einer unvermeidlichen Gefahr, aus der ich Sie retten muß. Ihr guter [95] Ruf ist bedroht. Sie verdanken das Ihrem Manne. Welche Leute kommen in Ihr Haus?“ Wally hatte nicht viel Gehör für diese Worte, für den Inhalt nicht, nur für den Schall, den sie an Cäsar’s Munde verfolgte. Wenn die Wörterbücher es erlauben, sich so auszudrücken, so wollte sie ihn nur sprechen, nicht reden hören. „Sie müssen mir diesen stürmischen Angriff verzeihen!“ fuhr Cäsar, in alter Art sich sammelnd, fort. „Ich habe viel bei Ihnen gut zu machen und will es durch Dinge, welche für Sie von Werth sind.“ – „Sie haben vor zwei Monaten mir das Leben nur gerettet, um es mir zu nehmen!“ sagte Wally. – „Ich wollte Sie nicht besuchen. Ich vermied Sie. Warum? Fragen Sie mich nicht! Ich weiß es nicht. War ich zu stolz, fühlte ich mich beleidigt? Nein, Alles, was ich that, war lächerlich; aber Sie kennen, Wally, wie schwierig ich zu behandeln bin. Ich lasse immer auf eine kleine Tugend zehn große unerträgliche Untugenden kommen.“ – „O, Alles wie sonst – mein Cäsar!“ sagte Wally und meinte damit Cäsar’s Art sich zu geben. – „Meine Wally! Aber Sie schweben in einer unvermeidlichen Gefahr, aus der ich Sie retten muß. Ihr guter Ruf ist bedroht. Sie verdanken das Ihrem Manne. Welche Leute kommen in Ihr Haus?“ – Wally hatte nicht viel Gehör für diese Worte, für den Inhalt nicht, nur für den Schall, den sie an Cäsar’s Munde verfolgte. Wenn die Wörterbücher es erlauben, sich so auszudrücken, so wollte sie ihn nur sprechen, nicht reden hören. 0.8832116788321168
204 „Nein, in der That, Wally! Wer ist dieser Jeronimo? Alle Welt spricht davon. Es ist unmöglich, daß Sie Antheil an dieser Intrigue haben. Sie kommt allein auf Rechnung Ihres Mannes.“ Wally lächelte nur und weidete sich an dem Anblick. „Nein, bezaubernd sind Sie Wally!“ grollte Cäsar mit komisch-weinerlicher Stimme; „aber so hören Sie doch und gehen Sie auf etwas ein, das Sie interessirt.“ Cäsar mußte sie wecken, mit Küssen wecken aus ihrem Rausche. Er mußte Auge an Auge, Stirn an Stirn legen, jeden Zug in Wally’s Antlitz bannen, um sie in seiner Gewalt zu haben und seinen Worten Eingang zu verschaffen. Wally that noch immer nichts, als in einer gewissen gemachten Abwesenheit von unten herauf mit einer halben Wendung ihres Kopfes, mit klugen und verdächtigen Augen an ihn sich hinaufschmiegen und das küssen, was sie gerade traf, Auge, Mund, Stirn. Man muß lieben, um diese Zärtlichkeit zu verstehen. „Wally!“ „Cäsar!“ „Wer ist Jeronimo?“ „Ein Narr.“ „Der Bruder Ihres Mannes?“ [96] „Der Bruder meines Mannes.“ „Er liebt Sie.“ „Er liebt mich.“ „Er ist wahnwitzig.“ „Er ist wahnwitzig.“ „O, Wally! Wally!“ „Was soll ich nur? Warum inquiriren Sie mich?“ „Man behauptet, Jeronimo würde mit Vorspiegelungen von Ihnen hingehalten, während Ihr Mann die Zeit benutzt, seinen eigenen Bruder auszuziehen.“ „Aus der Comödie! Eine Traumliebe! Die Karrikatur der unsrigen! Ein Roman von Eugene Sue, Balzac, Victor Hugo; was soll ich lesen? Rathen Sie mir, ich verwildere ganz, Cäsar.“ „Keine Fabel, nein! im Hotel des sardinischen Gesandten plündert man die unglücklichen Liebhaber.“ „Und die glücklichen, Cäsar, sind langweilig.“ „Und die glücklichen Liebhaber, Wally, wollen nicht, daß ihr Idol ein Gegenstand der allgemeinen Beschimpfung ist.“ „Wer beschimpft mich?“ „Ihr Mann!“ „So müssen Sie mich wieder rein waschen.“ „Das will ich; aber –“ „Aber –“ „Geben Sie mir Aufschlüsse, Data, Erklärungen. Wer ist Jeronimo? Was will er? Was hat er? Ahnten Sie nichts? Theilen Sie die Schuld Ihres Mannes?“ „Gott, so hören Sie auf, Cäsar. An diesen Sachen nehm’ ich keinen Theil. Ich habe ja an Ihnen genug, Cäsar; [97] ich lasse Sie nicht. Reden Sie von der Vergangenheit, von Ihren Lebensschicksalen, von unsern Freunden. Kein andres Wort, oder ich verlasse Sie im Augenblick.“ Cäsar begriff diese Grillen nicht. Verdiente er so geliebt zu werden! „Nun dann!“ sagte er lachend und ärgerlich zugleich, und begann auf die Themata einzugehen, welche Wally allein befriedigten. Bis zur Mittagszeit konnten sie über diese Dinge sprechen, ja noch in der Loge des Theaters, und nach dem Theater bis tief in die Nacht hinein. „Nein, in der That, Wally! Wer ist dieser Jeronimo?“ drängte dagegen der Geliebteste; „alle Welt spricht davon. Es ist unmöglich, daß Sie Antheil an dieser Intrigue haben. Sie kommt allein auf Rechnung Ihres Mannes.“ – Wally weidete sich an dem Anblick des Wiedergefundenen. „Nein, bezaubernd sind Sie, Wally!“ grollte Cäsar mit komisch-weinerlicher Stimme; „aber so hören Sie doch und gehen Sie auf etwas ein, das Sie interessirt.“ Cäsar mußte sie wecken, mit Küssen wecken aus ihrem Rausche. Er mußte Auge an Auge, Stirn an Stirn legen, jeden Zug in Wally’s Antlitz bannen, um sie in seiner Gewalt zu haben und seinen Worten Eingang zu verschaffen. Wally that noch immer nichts, als in einer gewissen gemachten Abwesenheit von unten herauf mit einer halben Wendung ihres Kopfes, mit klugen und verdächtigen Augen an ihn sich hinaufschmiegen und das küssen, was sie gerade traf, Auge, Mund, Stirn. Man muß [314] lieben, um diese Zärtlichkeit zu verstehen. – „Wally!“ – „Cäsar!“ – „Wer ist Jeronimo?“ – „Ein Narr.“ – „Der Bruder Ihres Mannes?“ – „Der Bruder meines Mannes.“ – „Er liebt Sie.“ – „Er liebt mich.“ – „Aber er ist wahnwitzig.“ – „Möglich, er ist wahnwitzig.“ – „O, Wally! Wally!“ – „Was soll ich nur? Warum inquiriren Sie mich?“ – „Man behauptet, Jeronimo würde mit Vorspiegelungen von Ihnen hingehalten, während Ihr Mann die Zeit benutzt, seinen eigenen Bruder auszuziehen.“ – „Aus der Komödie! Eine Erfindung! Die Carricatur unserer Liebe! Ein Roman von Eugene Sue, Balzac, Victor Hugo; was soll ich lesen? Rathen Sie mir, ich verwildere ganz, Cäsar.“ – „Keine Fabel, nein! im Hotel des sardinischen Gesandten plündert man die unglücklichen Liebhaber.“ – „Und die glücklichen, Cäsar, sind langweilig.“ – „Und die glücklichen Liebhaber, Wally, wollen nicht, daß ihr Idol ein Gegenstand der allgemeinen Beschimpfung ist.“ – „Wer beschimpft mich?“ – „Ihr Mann!“ – „So müssen Sie mich wieder rein waschen.“ – „Das will ich; aber –“ – „Aber –“ – „Geben Sie mir Aufschlüsse, Data, Erklärungen. Wer ist Jeronimo? Was will er? Was hat er? Ahnten Sie nichts? Theilen Sie die Schuld Ihres Mannes?“ – „Gott, so hören Sie auf, Cäsar. An diesen Sachen nehm’ ich keinen Theil. Ich habe ja an Ihnen genug, Cäsar; ich lasse Sie nicht. Reden Sie von der Vergangenheit, von Ihren Lebensschicksalen, unseren Freunden. Kein andres Wort oder ich verlasse Sie im Augenblick.“ Cäsar begriff diese Grillen nicht. Verdiente er so geliebt zu werden! „Nun dann!“ sagte er lachend und ärgerlich zugleich, und begann auf die Themata einzugehen, die Wally allein befriedigten. Bis zur Mittagszeit konnten sie über diese Dinge sprechen, ja noch in der Loge des Theaters, und nach dem Theater bis tief in die Nacht hinein. 0.9118773946360154
205 [315] X.
206 10.
207 Endlich hatte Wally den Zusammenhang ihrer häuslichen Verhältnisse begriffen. Cäsar war unermüdlich, den Ruf seiner Freundin wieder herzustellen und die öffentliche Meinung über sie zu berichtigen. Sie dankte ihm nicht einmal dafür, denn sie lebte gar nicht in Bezug auf diese unwürdigen Dinge, weil sie weder von ihnen eine ganz klare Vorstellung hatte, noch sie einer Aufmerksamkeit werth hielt, die größer gewesen wäre, als die vollständige Erschöpfung ihres Verhältnisses zu Cäsar, ihrer Liebe. Endlich hatte Wally den Zusammenhang ihrer häuslichen Verhältnisse begriffen. Cäsar war unermüdlich, den Ruf seiner Freundin wiederherzustellen und die öffentliche Meinung über sie zu berichtigen. Sie dankte ihm kaum dafür, denn sie lebte nicht in Bezug auf diese unwürdigen Dinge, weil sie weder von ihnen eine ganz klare Vorstellung hatte, noch sie einer Aufmerksamkeit für werth hielt, die größer gewesen wäre als die vollständige Erschöpfung ihres Verhältnisses zu Cäsar. 0.8769230769230769
208 So verflossen einige für sie unersetzliche Tage. Wally duldete nicht, daß irgend etwas sie im Genusse derselben störte. Sie gab wenigen Besuchen Gehör. Die meisten wies sie ab, vor allen die Anmeldungen Jeronimo’s, den sie in seinen Leiden mit einer entsetzlichen Grausamkeit behandelte. So verflossen einige für sie unersetzliche Tage. Wally duldete nicht, daß sie irgend etwas] etwas irgend im Genusse derselben störte. Sie gab wenigen Besuchen Gehör. Die meisten wies sie ab, vor allen die Anmeldungen Jeronimo’s, den sie in seinen Leiden geradezu mit Grausamkeit behandelte. Sie trat Alles mit Füßen, was nicht in unmittelbarer Beziehung auf Cäsar stand. 0.76
209 [98] Sie] Einzug fehlt in A1 trat Alles mit Füßen, was nicht in unmittelbarer Beziehung auf Cäsar stand. „Sie müssen mich über diesen Unglücklichen anhören;“ sprach Cäsar einst zu ihr. „Er glaubt Rechte auf Sie zu haben und behauptet, daß Sie um den Preis seines Vermögens die seine wären.“ Wally lachte hierüber, dann aber sagte sie ärgerlich: „Was soll ich aber thun? Ich bin dieser Verhandlungen so müde, daß mir meine Lage unerträglich wird. Es kommt so weit, daß ich jedes Mittel ergreife, Paris zu verlassen.“ „Was thut Ihr Mann? Was sagt er Ihnen? Will er denn Alles geschehen lassen?“ „Was geschieht denn? Gütiger Himmel, so schenken Sie den Narrheiten der Welt nicht fortwährend Ihr Ohr. Ich bin für Sie ohne Tadel und bedarf nicht mehr, weil ich nur Ihnen gefallen will. O Gott! ist je zu einem Manne so gesprochen worden?“ „Sie verwirren meinen Kopf, Wally!“ „Gewiß; denn der meinige ist unfähig, noch im Zusammenhange zu denken. Wollen Sie etwas Entscheidendes thun?“ „Nun?“ „Befreien Sie mich aus dieser Lage! Ich gehe mit Ihnen aus Paris und kehre niemals zurück. In der Einsamkeit will ich wohnen; selbst, wenn Sie mich verbergen müßten. Hier ist die Luft verpestet. Sagen Sie Alles meinem Manne. Er ist ein Elender, der gar keine Rechte auf mich hat. Fort! Gehen Sie noch jetzt hinüber zu ihm.“ „Sie müssen mich über diesen Unglücklichen anhören;“ sprach Cäsar zu ihr einst. „Er glaubt Rechte auf Sie zu besitzen und behauptet, daß Sie um den Preis seines Vermögens die seine wären.“ – Wally lachte hierüber, dann aber sagte sie ärgerlich: „Was soll ich aber thun? Ich bin dieser Verhandlungen so müde, daß mir meine Lage unerträglich wird. Es kommt so weit, daß ich jedes Mittel ergreife, Paris zu verlassen.“ – „Was thut Ihr Mann? Was sagt er Ihnen? Will er Alles geschehen lassen?“ – „Was geschieht denn überhaupt? Gütiger Himmel, so schenken Sie doch den Lügen und Narrheiten der Welt nicht fortwährend Ihr Ohr. Ich bin für Sie ohne Tadel und bedarf nicht mehr, weil ich nur Ihnen gefallen will. O Gott! ist je zu einem Manne so gesprochen worden?“ – „Sie verwirren meinen Kopf, Wally!“ – „Gewiß; denn der meinige ist unfähig, noch im Zusammenhange zu denken. Wollen Sie etwas Entscheidendes thun?“ – „Nun?“ – „Befreien Sie mich aus dieser Lage! Ich gehe mit Ihnen aus Paris und kehre niemals zurück. In der Einsamkeit will ich wohnen; selbst, wenn Sie mich verbergen müßten. Hier ist die Luft verpestet. Sagen Sie getrost Alles meinem Manne. Er ist ein Elender, der gar keine [316] Rechte auf mich hat. Fort! Gehen Sie noch jetzt hinüber zu ihm.“ 0.8853503184713376
210 [99] Als Cäsar hierauf mit dem Gesandten allein war, sagte er zu ihm: „Mein Herr, Sie vernachlässigen den Ruf und die Ruhe Ihrer Frau.“ „In welcher Eigenschaft sagen Sie mir dies?“ fragte der Gesandte. „Als Bevollmächtigter und Beauftragter Ihrer Frau, als Freund des Hauses, dem sie angehört, als Theilnehmer an Wally’s Lebensschicksalen, die sie betreffen, als beträfen sie mich selbst, zuletzt – wenn auch nur – als Beschützer eines Wesens, das unschuldig ist und nicht die Kraft hat, sich von einer Intrigue loszusagen, in welche sie wider ihren Willen verwickelt wurde.“ „Sie scheinen von den Verhältnissen meiner Frau mehr zu wissen, als ich selbst. Doch will ich ihre Mittheilungen abwarten, um mich zu irgend etwas bestimmen zu lassen.“ „Dann werden Sie freies Spiel haben, mein Herr! Wally lebt nicht mit dem, was um sie vorgeht.“ „Dann scheint es, als bauten Sie ihr eine andre Welt.“ „Ja, Sie können so sagen, wenn Sie darunter verstehen, daß ich die alte einreißen werde. Was können Sie thun, um Ihrem Bruder seinen Verstand wieder zu geben und die Reichthümer desselben, welche Sie sich das Ansehen geben, mit Ihrer Gattin zu theilen? Sie wagten es, eine himmlisch reine Seele zu beschmutzen. Sie wagten es, das Leben eines Bruders methodisch zu untergraben. Gegen das Letzte werden zweifelhafte Gesetze auftreten, gegen das Erste aber Gesinnungen, die sich weder widerlegen, noch bestechen lassen.“ [100] „Aber auch gegen diese tugendhaften Gesinnungen wird es Gesetze geben, und sichere; denn Sie wissen, daß diese Art Tugend nicht überall am Orte ist.“ „Die Gesetze werden zu spät kommen.“ „Wie sollten sie von Ihnen vereitelt werden?“ „Durch die Entführung Ihrer Frau, die Brandmarkung Ihres Namens, durch die Aufhebung jeder ehrlichen Gemeinschaft mit Ihnen, durch tausend Vorsprünge, welche die Ehrlichkeit vor einem Manne voraus hat, der mit dem guten Namen seiner Frau das Vermögen eines Bruders kauft, der zur einen Seite die Menschen übel berüchtigt, zur andern wahnsinnig macht. Wahrhaftig, ich schwöre Ihnen –“ Der Gesandte trat scharf auf Cäsar zu und hintertrieb hierdurch das, was dieser sagen wollte; er stieß einige Drohungen aus und verließ dann mit einem gemachten Stolze das Zimmer. Cäsar wollte ihm nach, aber die Drückerthür war in’s Schloß gefallen. Als Cäsar hierauf mit dem Gesandten allein war, sagte er zu ihm: „Mein Herr, Sie vernachlässigen den Ruf und die Ruhe Ihrer Frau.“ – „In welcher Eigenschaft sagen Sie mir dies?“ fragte der Gesandte. – „Als Bevollmächtigter und Beauftragter Ihrer Frau, als Freund des Hauses, dem sie angehört, als Theilnehmer an Wally’s Lebensschicksalen, die sie betreffen, als beträfen sie mich selbst, zuletzt – wenn auch nur – als Beschützer eines Wesens, das unschuldig ist und nicht die Kraft hat, sich von einer Intrigue loszusagen, in welche sie wider ihren Willen verwickelt wurde.“ – „Sie scheinen von den Verhältnissen meiner Frau mehr zu wissen als ich selbst. Doch will ich ihre Mittheilungen abwarten, um mich zu irgend etwas bestimmen zu lassen.“ – „Dann werden Sie freies Spiel haben, mein Herr! Wally lebt nicht mit dem, was um sie vorgeht.“ – „Dann scheint es, als bauten Sie ihr eine andere Welt.“ – „Ja, Sie können so sagen, wenn Sie darunter verstehen, daß ich die alte einreißen werde. Was können Sie thun, um Ihrem Bruder seinen Verstand wieder zu geben und die Reichthümer, die Sie sich das Ansehen geben, mit Ihrer Gattin zu theilen? Sie wagten es, eine himmlisch reine Seele zu beschmutzen. Sie wagten es, das Leben eines Bruders methodisch zu untergraben. Gegen das Letzte werden zweifelhafte Gesetze auftreten, gegen das Erste aber Gesinnungen, die sich weder widerlegen noch bestechen lassen.“ – „Aber auch gegen diese tugendhaften Gesinnungen wird es Gesetze geben, und sichere; denn Sie wissen, daß diese Art Tugend nicht überall am Orte ist.“ – „Die Gesetze werden zu spät kommen.“ – „Wie sollten sie von Ihnen vereitelt werden?“ – „Durch die Entführung Ihrer Frau, die Brandmarkung Ihres Namens, durch die Aufhebung jeder ehelichen Gemeinschaft mit Ihnen, durch tausend Vorsprünge, welche die Ehrlichkeit vor einem Manne voraus hat, der mit dem guten Namen seiner Frau das Vermögen eines Bruders kauft, der zur einen Seite die Menschen übel berüchtigt, zur andern wahnsinnig macht. Wahrhaftig, ich schwöre Ihnen –“ Der Gesandte trat scharf [317] auf Cäsar zu und hintertrieb hierdurch das, was dieser sagen wollte; er stieß einige Drohungen aus und verließ mit einem gemachten Stolz das Zimmer. Cäsar wollte ihm nach, aber die Drückerthür war in’s Schloß gefallen. 0.9519650655021834
211 Als er in die Zimmer Wally’s zurückkam und hörte, daß sie im Bade sei, verließ er unmuthig über die verlorene Mühe das Hotel. Seine Ausdauer war erschöpft. Er war nahe daran, jetzt Alles so kommen und so gehen zu lassen, wie es ging. Aber noch an demselben Abende sollte eine Schlußkatastrophe den Knoten durchhauen. Jeronimo’s Seelenzustand war unheilbar zerrüttet. Es war ihm nur noch eine Kraft geblieben, die gefährlichste für seinen unzurechnungsfähigen Zustand, die Kraft, Entschlüsse zu fassen und sie um so eher in’s Werk zu setzen, weil ihn nichts in seinen Combinationen störte. Jeronimo war fast ein Bild des Todes. Das dunkle Feuer seines Auges [101] hatte sich selbst verzehrt, ein Büschel dünner Haare deckte den kahlen Scheitel. In Regen und Frost stand er vor den Fenstern seiner unglücklichen, im Bilde geliebten Neigung, die ihn von sich wies und den ganzen Herbst und Winter mit ihm nicht gesprochen hatte. Dabei versagte er sich das Nothwendigste. Er schien verhungern zu wollen. Da ihn aber die Langsamkeit dieser Todesart peinigte, so wählte er eine schnellere. Nur darum handelte es sich noch bei ihm, wie er vor den Augen Wally’s sterben sollte. Als der Rächer der Ehre einer Frau in die Zimmer Wally’s zurückkam und hörte, daß sie im Bade sei, verließ er unmuthig über die verlorene Mühe das Hotel. Seine Ausdauer war erschöpft. Er war nahe daran, jetzt Alles so kommen und so gehen zu lassen, wie es ging. Aber noch an demselben Abende sollte eine Katastrophe den Knoten durchhauen. Jeronimo’s Seelenzustand war unheilbar zerrüttet. Es war ihm nur noch eine Kraft geblieben, die gefährlichste für seinen unzurechnungsfähigen Zustand, die Kraft, Entschlüsse zu fassen und diese um so eher in’s Werk zu setzen, weil ihn nichts in seinen Combinationen störte. Jeronimo war fast ein Bild des Todes. Das dunkle Feuer seines Auges hatte sich selbst verzehrt, ein Büschel dünner Haare deckte den kahlen Scheitel. In Regen und Frost stand er vor den Fenstern seiner unglücklichen, im Bilde geliebten Neigung, die ihn von sich wies und den ganzen Herbst und Winter mit ihm nicht gesprochen hatte. Dabei versagte er sich das Nothwendigste. Er schien verhungern zu wollen. Da ihn die Langsamkeit dieser Todesart peinigte, so wählte er eine schnellere. Nur darum handelte es sich bei ihm noch, wie er es einrichten sollte, vor den Augen Wally’s zu sterben. 0.9236111111111112
212 Es war an demselben Tage, wo Cäsar mit dem Gesandten gesprochen hatte, als sich in der Nachtdämmerung eine blasse Gestalt von ihrem Lager erhob, nach einem Pistol griff und sich an den erleuchteten Häusern der Pariser Straßen dicht unter den ersten Stockwerken entlang schlich. Es war ein wenig Schnee gefallen. Die Straßen waren leer, oder doch hatte Alles, was auf ihnen lebte, Eile, sie wieder zu verlassen. Nirgends brannten Laternen. Mondschein hatte der Kalender. Es war an demselben Tage, wo Cäsar mit dem Gesandten gesprochen hatte, als sich in der Nachtdämmerung eine blasse Gestalt vom Lager erhob, nach einem Pistol griff und sich an den erleuchteten Häusern der Pariser Straßen dicht unter den ersten Stockwerken entlang schlich. Es war Schnee gefallen. Die Straßen waren leer, oder Alles, was auf ihnen lebte, hatte Eile, sie wieder zu verlassen. Nirgends brannten Laternen, Mondschein hatte nur der Kalender. 0.8939393939393939
213 Jeronimo stand endlich vor dem Hotel seines Bruders. Man sah es, daß dieses Haus kein Sitz der Freude war. Nur hie und da war ein Fenster erleuchtet. Jeronimo spähte nach dem, welches zu Wally’s Schlafkabinet gehörte. Er sah es, doch war es noch finster. Wally mußte aus dem Theater schon zurück sein. Einige falsche Accorde auf dem Clavier drangen zu dem Ohr des Unglücklichen. Jeden Andern, dessen Geist nicht schon in wahnsinnige Erstarrung übergegangen war, hätten diese Töne dem Leben wieder gegeben. Jeronimo hatte keine Empfindung, als für das, was mit seinem Tode und einer Art von Rache zusammenhing. Er that nichts, als den Hahn seines Pistols zurücklegen. Jeronimo stand endlich vor dem Hotel seines Bruders. Man sah es, daß dieses Haus kein Sitz der Freude war. Nur hie und da war ein Fenster erleuchtet. Jeronimo spähte, welches darunter zu Wally’s Schlafcabinet gehörte. Er sah es, doch war es noch finster. Aber Wally mußte aus dem [318] Theater schon zurück sein. Einige falsche Accorde auf dem Klavier drangen zum Ohr des Unglücklichen. Jeden Andern, dessen Geist nicht schon in wahnsinnige Erstarrung übergegangen war, hätten diese Töne dem Leben und der gesunden Reflexion wiedergegeben. Aber Jeronimo hatte keine andere Empfindung, als für das, was mit seinem Tode und einer Art von Rache zusammenhing. Er that nichts, als den Hahn seines Pistols zurücklegen. 0.8469387755102041
214 [102] Jetzt schwiegen die Töne, welche nur in einem Anfalle von Zerstreuung und zufälliger Leere des Bewußtseins angeschlagen schienen. Das Schlafkabinet Wally’s erhellte sich. Jeronimo zitterte, denn nah erkannte er zwei Gestalten, welche an den Gardinen des Fensters zuweilen wegrauschten. Bald war es nur noch dieselbe Gestalt, die zuweilen wiederkehrte. Es mußte Wally sein! Jeronimo wollte nicht anders, als sie im Auge haben. Der Zufall war grausam genug, hier Alles zu erleichtern. Vom Vorsprung des Parterrefensters war er bald auf das eiserne Gerüst einer Laterne. Die Einschnitte an der Wand des Hauses unterstützten ihn. Er schwang sich auf, griff mit zuckender Hand an das Fenster und faßte soviel vom Holze, daß er bequem aufgerichtet einige Minuten lang stehen konnte; er stand noch länger; denn in so fürchterlichen Augenblicken ermüdet der Körper nicht und kann das Unglaubliche leisten. Jetzt schwiegen die Töne, die nur in einem Anfalle von Zerstreuung und zufälliger Leere des Bewußtseins angeschlagen schienen. Das Schlafcabinet Wally’s erhellte sich. Jeronimo zitterte, denn nah erkannte er zwei Gestalten, die an den Gardinen des Fensters zuweilen hinwegrauschten. Bald war es nur noch dieselbe Gestalt, die zuweilen wiederkehrte. Es mußte Wally sein! Der Unglückliche wollte nicht anders, als sie im Auge haben. Der Zufall war grausam genug, hier Alles zu erleichtern. Vom Vorsprung des Parterrefensters war er bald auf dem eisernen Gerüst einer Laterne. Die Einschnitte an der Wand des Hauses unterstützten ihn. Er schwang sich auf, griff mit zuckender Hand an das Fenster und faßte so viel vom Holze, daß er, der Länge nach aufgerichtet, bequem einige Minuten lang stehen konnte; er stand noch länger; denn in so fürchterlichen Augenblicken ermüdet der Körper nicht und kann das Unglaubliche leisten. 0.8823529411764706
215 Wally blieb drinnen an einen Pfeiler ihres Bettes gelehnt. Sie war noch nicht ganz entkleidet; nur was an Schnüren und Bändern ihre Kleider zusammenhielt, war gelöst. Sie war sehr indifferent in ihrem Gemüthe, wie es schien, und griff nach einem Buche, nach einem deutschen Buche, um sich in Paris einzuschläfern. Da störte sie ein Geräusch am Fenster. Sie sieht auf und erblickte durch die angelaufenen Scheiben die ganz undeutlichen Umrisse einer menschlichen Gestalt. Sie eilt hinzu, wischt so viel von dem Thau des Fensters ab, um ein gräßlich verzerrtes Antlitz wahrzunehmen, das im Nu beim Knall eines Pistols zerschmettert ist. Sie stößt einen entsetzlichen Schrei aus: der Schuß macht das Haus lebendig. Man eilt von allen [103] Seiten herbei, dringt in Wally’s Zimmer; denn hier hatte man den Schuß gehört. Man tritt in das Kabinet, und findet Wally bewußtlos am Boden liegen. Die Scheiben sind zerschmettert und blutige Theile eines zersprungenen Schädels liegen auf dem Fußboden. Wally blieb drinnen an einen Pfeiler ihres Bettes gelehnt. Sie war noch nicht ganz entkleidet; nur was an Schnüren und Bändern ihre Kleider zusammenhielt, war gelöst. Sie war indifferent in ihrem Gemüthe, wie es schien, und griff nach einem Buche, einem deutschen Buche, um sich in Paris einzuschläfern. Da störte sie ein Geräusch am Fenster. Sie sieht auf und erblickte durch die angelaufenen Scheiben die undeutlichen Umrisse einer menschlichen Gestalt. Sie eilt hinzu, wischt so viel von dem Thau des Fensters ab, um ein gräßlich verzerrtes Antlitz wahrzunehmen, das im Nu beim Knall eines Pistols zerschmettert ist. Sie stößt einen entsetzlichen Schrei aus: der Schuß macht das Haus lebendig. Man eilt von allen Seiten herbei, dringt in Wally’s Zimmer; hier hatte man den Schuß gehört. Man tritt in das Cabinet, [319] und findet Wally bewußtlos am Boden liegen. Die Scheiben sind zerschmettert und blutige Theile eines zersprungenen Schädels liegen auf dem Fußboden. 0.9508196721311475
216 Wally hatte sich bald erholt. Sie besann sich auf Alles; sie hatte Jeronimo in dem Augenblicke, als das Pistol blitzte, erkannt; Niemand zögerte, ihre Vermuthung zu bestätigen, als man den hinuntergestürzten Leichnam besichtigte und dem Bruder des Gesandten in ein Antlitz leuchtete, das nicht mehr da war. Aber welch’ ein tiefer Abgrund ist das weibliche Herz! Wally tobte wie eine Bacchantin. Sie lief, sie schrie, sie riß die Zimmer ihres Gatten auf, der nirgends zu finden war. Sie verbot unter jeder Bedingung, den entsetzlichen Leichnam in das Haus zu tragen. Wäre Jeronimo nicht schon todt gewesen, jetzt hätte sie ihn umbringen können. Sie rief nach Cäsar. Bedienten eilten fort; man traf ihn nicht. Sie schickte zwei-, dreimal. Zuletzt ließ sie ihm sagen, daß er am folgenden Morgen um sechs Uhr reisefertig in ihrem Hotel eintreffen sollte. Wally hatte sich bald erholt. Sie besann sich auf Alles; sie hatte Jeronimo in dem Augenblicke, als das Pistol blitzte, erkannt; Niemand zögerte, ihre Vermuthung zu bestätigen, als man den hinuntergestürzten Leichnam besichtigte und dem Bruder des Gesandten in ein Antlitz leuchtete, das nicht mehr da war. Aber welch’ ein tiefer Abgrund ist das weibliche Herz! Wally tobte wie eine Bacchantin. Sie lief, sie schrie, sie riß die Zimmer ihres Gatten auf, der nirgends zu finden war. Sie verbot unter jeder Bedingung, den entsetzlichen Leichnam in’s Haus zu tragen. Wäre Jeronimo nicht schon todt gewesen, jetzt hätte sie ihn umbringen können. Sie rief nach Cäsar. Bediente eilten fort; man traf ihn nicht. Sie schickte zwei-, dreimal. Zuletzt ließ sie ihm sagen, daß er am folgenden Morgen um sechs Uhr reisefertig in ihrem Hotel eintreffen sollte. 0.9714285714285714
217 Hier war kein Besinnen, kein Abrathen mehr möglich. Alles mußte Hand anlegen, um ihre Sachen zu ordnen und das Nöthigste auf den Reisewagen zu packen, der unter den Thorweg gezogen wurde. Die Post wurde zur Minute bestellt. Wally war wie verzaubert. Sie befahl, majestätisch, kalt, nordisch, wie eine Alleinherrscherin Moskau’s. Bis tief in die Nacht war sie mit diesen Zurüstungen beschäftigt. Sie hatte in halbem Schlummer gelegen, als sie in der Frühe aufwachte. Das blutige Ereigniß hatte sie vergessen; nur ihr Entschluß beschäftigte sie. Cäsar erschien, [104] ganz verstört. Sie blickte ihn forschend an, sie befahl. Er begriff nichts, er fragte nicht, er folgte willenlos. Unten im Thorweg war Alles noch um den Wagen beschäftigt, sie zitterte vor Aerger, daß hier noch nicht Alles beendigt war. Sie dachte gar nicht daran, bei Menschen, welche sie nie wieder sehen wollte, einen angenehmen Eindruck zu hinterlassen. Cäsar’s Blick fiel auf eine Blutspur, die von Außen sich in den Thorweg und wieder hinaus zog. Er wagte nicht zu fragen, so erschreckte ihn dies. Wally schien Alles zu wissen, und wie leichtsinnig trat sie über das kaum getrocknete Blut, das hie und da mit zersplitterten Knochen vermischt war! Hier war kein Besinnen, kein Abrathen mehr möglich. Alles mußte Hand anlegen, um ihre Sachen zu ordnen und das Nöthigste auf den Reisewagen zu packen, der unter den Thorweg gezogen wurde. Die Post wurde zur Minute bestellt. Wally war wie verzaubert. Sie befahl, majestätisch, kalt, nordisch, wie eine Alleinherrscherin Moskaus. Bis tief in die Nacht war sie mit diesen Zurüstungen beschäftigt. Sie hatte in halbem Schlummer gelegen, als sie in der Frühe aufwachte. Das blutige Ereigniß hatte sie vergessen; nur allein ihr Entschluß beschäftigte sie. Cäsar erschien verstört. Sie blickte ihn forschend an, sie befahl. Er begriff nichts, fragte nicht, folgte willenlos. Unten im Thorweg war Alles noch um den Wagen beschäftigt, sie zitterte vor Aerger, daß hier noch nicht Alles beendigt war. Sie dachte nicht daran, bei Menschen, die sie nie wieder sehen wollte, einen angenehmen Eindruck zu hinterlassen. Cäsar’s Blick fiel auf eine Blutspur, die sich von Außen in den Thorweg und wieder hinauszog. Er wagte nicht zu fragen, so erschreckte ihn der Anblick. 0.8345323741007195
218 Erst als sie beide im Wagen saßen und die Barrieren von Paris im Rücken hatten, theilte ihm Wally das Geschehene mit. Cäsar schauderte.… Der Selbstmord in allen Formen umgaukelte sie und die Consequenzen des Wahns streckten sich wie knöcherne, würgende Arme nach Denen aus, die sich etwa ihnen zugänglich zeigen würden. Cäsar erwehrte sich ihrer schon. Aber Wally? Erst als sie Beide im Wagen saßen und die Barrièren [320] von Paris im Rücken hatten, theilte ihm Wally das Geschehene mit. Cäsar schauderte. Der Selbstmord in allen Formen umgaukelte sie und die Consequenzen des Wahns streckten sich wie knöcherne, würgende Arme nach Denen aus, die sich etwa ihnen zugänglich zeigen würden. Cäsar erwehrte sich ihrer, Wally weniger. 0.8846153846153846
219 [105] Drittes Buch. Drittes Buch. 0.6666666666666666
220 Wally’s Tagebuch. Wally’s Tagebuch. 1.0
221 Es ist zu spät, das Leben ihres Bluts Es ist zu spät, das Leben ihres Bluts 1.0
222 Ist tödtlich angesteckt, und ihr Gehirn, Ist tödtlich angesteckt, und ihr Gehirn, 1.0
223 Der Seele zartes Wohnhaus, wie sie lehren, Der Seele zartes Wohnhaus, wie sie lehren, 1.0
224 Sagt uns durch seine eitlen Grübeleien, Sagt uns durch seine eitlen Grübeleien, 1.0
225 Das Ende ihrer Sterblichkeit vorher. Das Ende ihrer Sterblichkeit voraus. 0.6666666666666666
226 Shakespeare.
227 Shakspeare.
228 Die Einsamkeit meiner jetzigen Lebensweise zwingt mich, den Kreis, in welchem ich mich bewege, nun doch auch in allen seinen Theilen auszufüllen. Wie beglückt mich Cäsars Liebe! Ich will aber nicht ungerecht sein gegen die Außenwelt, und mich wenigstens schriftlich mit ihr beschäftigen, so weit sie ein Recht dazu hat. Viele verdienen es, daß ich auf sie achte: nicht alle. Cäsar sagt mir, ich wäre egoistisch gegen die Welt, er nennt mich sogar grausam. Er meint es gewiß damit aufrichtig. Ich will mich auch mit den Andern beschäftigen; aber schriftlich: täglich will ich drei Vormittagsstunden darauf verwenden. Täglich – Die Einsamkeit meiner jetzigen Lebensweise zwingt mich, den Kreis, der mir gezogen, in allen seinen Theilen auszufüllen. Wie beglückt mich Cäsar’s Liebe! Ich will aber nicht ungerecht sein gegen die Außenwelt, und mich wenigstens schriftlich mit ihr beschäftigen, so weit sie ein Recht dazu hat. Viele verdienen es, daß ich auf sie achte: nicht Alle. Cäsar sagte mir, ich wäre egoistisch gegen die Welt, er nennt mich grausam. Er meint es damit gewiß aufrichtig. Ich will mich jetzt auch mit den Anderen beschäftigen; aber schriftlich; täglich will ich drei Vormittagsstunden darauf verwenden. Täglich. – 0.8271604938271605
229 [106] Ob ich das Vorige ausstreiche? Fünfmal hab’ ich gegen meinen Vorsatz gesündigt, und multiplizire ich die drei vergessenen Stunden mit den fünf vergessenen Tagen, so that ich’s fünfzehnmal. Ich schreibe ungern, denn ich denke viel schneller, als mein bleierner Styl folgen kann. Cäsar sagte mir, man müsse die Menschen in ihrem ganzen Wesen anatomiren. Dadurch lerne man und vergnüge sich. Cäsar hat immer Recht. Ob ich das Vorige ausstreiche? Fünfmal hab’ ich gegen meinen Vorsatz gesündigt, und multiplicire ich die drei vergessenen Stunden mit den fünf vergessenen Tagen, so that ich’s fünfzehnmal. Ich schreibe ungern, denn ich denke viel schneller, als ich mit meinem bleiernen Styl folgen kann. [321] Cäsar sagte mir, man müsse die Menschen in ihrem ganzen Wesen anatomiren. Dadurch lerne man und vergnüge sich. Cäsar hat immer Recht. 0.8688524590163934
230 Ich will einige meiner alten Freundinnen zu schildern suchen. Ich vernachlässige alle; wenn ich sie sehe, zeig’ ich ihnen, was ich von ihnen schrieb und daß ich sie doch liebe. Ich will Adolphinen charakterisiren, sie ist so verschieden von mir. Ich will einige meiner alten Freundinnen zu schildern suchen. Ich vernachlässige alle; wenn ich sie sehe, zeig’ ich ihnen, was ich von ihnen schrieb und daß ich sie doch liebe. Ich will Adolphinen charakterisiren, sie ist so verschieden von mir. 1.0
231 Adolphine gefällt, ohne schön zu sein. Man kann ihr nicht einmal einen ausgezeichneten Wuchs zugestehen, nur ihre Haltung, ihr schwebender Gang kann den Mann veranlassen, auf sie zu achten. Sie trägt sich mit erstaunenswerther Einfachheit. Ihr Haar ist gescheitelt; ein weißer Kantenstrich, wie man ihn unter Hüten trägt, hebt diese Einfachheit zu dem lieblichsten Eindruck. Weiß und hellblau stehen ihr gut; eine rothe Schleife auf der Brust giebt dieser Monotonie der Toilette eine lachende Auffrischung. Adolphine hat einen kleinen Fuß. Sie geht sehr schön. Das will viel sagen! Das Blaue in Adolphinens Auge ist nicht rein, es ist mit zu viel Weiß gemischt. Für die Augenbrauen ist eine schöne Wölbung da; aber sie ist nicht stark aufgetragen; dieser Reiz verschwindet. Sie hat einige hübsche Gewohnheiten. So faßt sie z. B. oft mit der linken Hand in die Gegend der Stirn, öffnet sie, schließt mit dem Daumen und dem Zeigefinger einen Kreis und beginnt diesen [107] Kreis allmälig zu öffnen, indem sie aus der Thränendrüse des linken Auges zurückfährt, das ganze Auge umkreist und die Oeffnung der beiden Finger wieder schließt am Ende des Auges. Diese sonderbare Bewegung erfolgt mit Blitzesschnelle, und ist deßhalb so hinreißend, weil sie immer mit einer Erregung ihrer Seele zusammenhängt: Der größte Zauber in Adolphinens Erscheinung kommt aber von ihrer eigenthümlichen Seelenstimmung her. Diese muß man, um kurz zu sein, sentimental nennen; obschon der Ausdruck sie nicht ganz erschöpft. Besser würde man sagen, sie ist musikalisch gestimmt. Denn Musik drückt ihr ganzes Wesen aus: und zwar nach jener einseitigen Richtung hin, wo die Musik nur Wonne der Empfindung ist. Für plastische Gestaltenschöpfung in der Musik, so weit die Musik diese erreichen kann, für Opern im Gluck’schen Geschmack, kurz für das Dramatische in der Musik ist sie nicht. Die Richtung ihrer Seele ist lyrisch. Alles, was sie mit einem wunderlieblichen Organe spricht, nimmt den Ausdruck des Zarten, Schonenden und Bittenden an. Bittend sind die meisten Töne ihres Lautregisters. Nichts kann hinreißender sein, als dies flehende, mit einer gewissen lächelnden und doch schmerzlichen Selbstironie hervorgebrachte: O Gott! womit sie so vieles begleitet, was sie spricht. O Gott! Dieser Ausdruck soll ihr ewiges Ueberwundensein, ihre Hingebung an die Menschheit, an die sie glaubt, ausdrücken. Wer könnte widerstehen, wo solche Töne anschlagen! Adolphine ist so willenlos, daß sie die Beute jeder prononcirten Absicht werden kann. Mit liebenswürdiger Naivetät gestand sie mir einst: Sie würde Jeden lieben, der sie liebt. O wie nöthig ist es, bei einer solchen Willensschwäche, [108] daß sie in die Hut eines Mannes kommt, der so viel geistiges Leben besitzt, um sie ganz durchströmen zu können mit seiner eignen Willenskraft! Adolphine liebte unglücklich, mehrmals; aber sie ist so unentweiht, ihre früheren Zärtlichkeiten sind so wenig sichtbar in ihrem Benehmen, daß sie dem Manne immer noch als kaum erschlossen erscheinen muß. Adolphine besitzt äußerlich die Reize nicht, einen Mann auf die Länge zu fesseln, aber wer sie einmal, sei es aus Liebe oder Illusion eroberte, der wird sie nie verlassen können, weil ihre Hilflosigkeit, ihre Hingebung entwaffnet. Vielleicht arbeitet sie noch mehr an ihrem Geiste. Sie hält einige Minuten lang die Dialektik eines bloß verständigen logischen Gesprächs aus; aber dann kann sie es nur fortsetzen, wenn es entweder auf einen gemüthlichen und Gefühlston übergeht oder auf einen bestimmten vorliegenden Fall, den sie erlebt hat. Ueber einen Fall, den man ihr blos erzählt, kann sie nicht urtheilen, weil sie alle Menschen für gut hält und alle nach sich selbst richtet. Adolphine sollte viel lesen. Sie liest, aber fragmentarisch. Sie ist reich, sie sollte sich durch vielfache Lektüre in Dem zu bilden suchen, was über die Musik und das bloße Gefühl hinausliegt. Ihr Organ macht, daß sie schön, ihre keusche Seele, daß sie fast Alles richtig liest. Ich hörte sie Gretchen im Faust lesen, wie wahr und hold! Cäsar muß ihr Bücher geben. Was er wohl über sie urtheilt! Er ist ihr diametral entgegengesetzt und sagte mir doch auch einmal: er müsse Jede lieben, die ihn liebe, und würde auch Jeder treu sein in seiner Art. Bei ihm ist das Egoismus, bei Adolphinen Schwäche. Sie können sich aber nicht begegnen. Adolphine ist eine Jüdin. Adolphine gefällt, ohne schön zu sein. Man kann ihr nicht einmal einen ausgezeichneten Wuchs zugestehen, nur ihre Haltung, ihr schwebender Gang kann den Mann veranlassen, auf sie zu achten. Sie trägt sich mit erstaunenswerther Einfachheit. Ihr Haar ist gescheitelt; ein weißer Kantenstrich, wie man ihn unter Hüten trägt, hebt diese Einfachheit zu dem lieblichsten Eindruck. Weiß und hellblau stehen ihr gut; eine rothe Schleife auf der Brust giebt dieser Monotonie der Toilette eine lachende Auffrischung. Adolphine hat einen kleinen Fuß. Sie geht schön. Das will viel sagen! Das Blaue in Adolphinens Auge ist nicht rein, es ist mit zu viel Weiß gemischt. Für die Augenbrauen ist eine schöne Wölbung da; aber sie ist nicht stark aufgetragen; dieser Reiz verschwindet. Sie hat einige hübsche Gewohnheiten. So faßt sie z. B. oft mit der linken Hand in die Gegend der Stirn, öffnet die Hand, schließt mit dem Daumen und dem Zeigefinger einen Kreis und beginnt diesen allmälig zu öffnen, indem sie aus der Thränendrüse des linken Auges zurückfährt, das ganze Auge umkreist und die Oeffnung der beiden Finger wieder schließt am Ende des Auges. Diese sonderbare Bewegung erfolgt mit Blitzesschnelle, und ist deshalb so reizend, weil sie immer mit einer Erregung ihrer Seele zusammenhängt: Doch der größte Zauber in Adolphinens Erscheinung kommt von ihrer eigenthümlichen Seelenstimmung her. Diese muß man, um kurz zu sein, sentimental nennen; obschon der Ausdruck nicht ganz erschöpfend ist. Besser würde man sagen, sie ist musikalisch gestimmt. Denn Musik drückt ihr Wesen aus: und zwar nach jener einseitigen Richtung hin, wo die Musik nur Wonne der Empfindung ist. Für plastische Gestaltenschöpfung in der Musik, so weit die Musik diese er-[322]reichen kann, für Oper im Gluck’schen Geschmack, kurz für das Dramatische in der Musik ist sie wol nicht. Die Richtung ihrer Seele ist lyrisch. Alles, was sie mit einem wunderlieblichen Organe spricht, nimmt den Ausdruck des Zarten, Schonenden, Bittenden an. Bittend sind die meisten Töne ihres Lautregisters. Nichts kann hinreißender sein, als dies flehende, mit einer gewissen lächelnden und doch schmerzlichen Selbstironie hervorgebrachte: O Gott! womit sie so Vieles begleitet, was sie spricht. O Gott! Dieser Ausdruck soll ihr ewiges Ueberwundensein, ihre Hingebung an die Menschen, an die sie glaubt, ausdrücken. Wer könnte widerstehen, wo solche Töne anschlagen! Adolphine ist so willenlos, daß sie die Beute jeder prononcirten Absicht werden könnte. Mit liebenswürdiger Naivetät gestand sie mir einst: Sie würde Jeden lieben, der sie liebt. O wie nöthig ist es, bei einer solchen Willensschwäche, daß sie in die Hut eines Mannes kommt, der so viel geistiges Leben besitzt, um sie ganz durchströmen zu können mit seiner eigenen Willenskraft! Adolphine liebte unglücklich, mehrmals; aber sie ist so unentweiht, ihre früheren Zärtlichkeiten sind so wenig sichtbar in ihrem Benehmen, daß sie dem Manne immer noch als kaum erschlossen erscheinen muß. Adolphine besitzt äußerlich die Reize nicht, einen Mann auf die Länge zu fesseln, aber wer sie einmal, sei es aus Liebe oder Illusion eroberte, der wird sie nie verlassen können, weil ihre Hilflosigkeit, ihre Hingebung entwaffnet. Vielleicht arbeitet sie noch mehr an ihrem Geiste. Sie hält einige Minuten lang die Dialektik eines blos verständigen logischen Gesprächs aus; aber dann kann sie es nur fortsetzen, wenn es entweder auf einen gemüthlichen und Gefühlston übergeht oder auf einen bestimmten vorliegenden Fall, den sie erlebt hat. Ueber einen Fall, den man ihr blos erzählt, kann sie nicht urtheilen, weil sie alle Menschen für gut hält und alle nach sich selbst richtet. Adolphine sollte viel lesen. Sie liest, aber fragmentarisch. Sie sollte sich durch vielfache Lectüre in Dem zu bilden suchen, was über die Musik und das bloße Gefühl hinausliegt. Ihr Organ macht, daß sie schön, ihre keusche Seele, daß sie fast Alles richtig liest. Ich hörte sie Gretchen im Faust lesen, wie einfach, wahr und [323] hold! Cäsar muß ihr Bücher geben. Was Er wohl über sie urtheilt! Er ist ihr diametral entgegengesetzt und sagte mir doch auch einmal: Er müsse Jede lieben, die ihn liebe, und würde auch Jeder treu sein in seiner Art. Bei ihm ist das Egoismus, bei Adolphinen Schwäche. Sie können sich aber nicht begegnen. Adolphine ist eine Jüdin. 0.926208651399491
232 Ich habe das gestern nur so hingeworfen, daß Adolphine eine Jüdin ist. Aber welche eigenthümliche Richtung mußte dies ihrem Wesen geben! Sie wurde unter sehr glänzenden Verhältnissen erzogen. Das Judenthum in seinem Schmutz, mit seinen Ceremonieen] Ceromonieen und Priestern nahte sich ihr niemals. Sie findet keine Reue darin, irgend eines der jüdischen Gebote zu übertreten, von welchen sie den größten Theil gar nicht kennt. Wie orginell ist doch ein Mädchen, das den ganzen Bildungsgang christlicher Ideen nicht durchmachte und doch auf einer Stufe steht, welche ganz Gefühl ist und das so viel Liebenswürdigkeit entwickelt! Adolphine kann von der Religion nur wenige Nachrichten haben, einen weiblichen Gottesdienst giebt es in ihrem Glauben nicht, eine häusliche Verehrung kommt in Form von Ceremonien, Gesang oder sonst einer Weise nicht vor, die Confirmation ist den Juden nicht in unsrer Art erlaubt – wie auffallend ist dies Alles und doch hat man es dicht neben sich! Ich habe das gestern nur so hingeworfen, daß Adolphine eine Jüdin ist. Aber welche eigenthümliche Richtung mußte dies ihrem Wesen geben! Sie wurde unter glänzenden Verhältnissen erzogen. Das Judenthum in seinem Elend, seinen Ceremonieen und Priestern nahte sich ihr niemals. Sie findet keinen Anlaß zur Reue darin, irgend eines der jüdischen Gebote zu übertreten, von welchen sie den größten Theil nicht kennt. Wie orginell ist doch ein Mädchen, das den Bildungsgang christlicher Ideen nicht durchmachte und doch auf einer Stufe steht, die ganz Gefühl ist und das so viel Liebenswürdigkeit entwickelt! Adolphine kann von der Religion nur wenige Nachrichten haben, einen weiblichen Gottesdienst giebt es in ihrem Glauben nicht, eine häusliche Verehrung kommt in Form von Ceremonien, Gesang oder sonst einer Weise nicht vor, die Confirmation ist den Juden nicht in unsrer Art erlaubt – wie auffallend ist das Alles und doch hat man es dicht neben sich! 0.9083333333333333
233 Glücklich ist Adolphine zu nennen, denn niemals wird ihr die Religion irgend eine Aengstlichkeit verursachen. Ein gewisses unbestimmtes Dämmern des Gefühls muß für sie schon hinreichend sein, die Nähe des Himmels zu spüren. Sie braucht jene Stufenleiter von positiven Lehren und historischen Thatsachen nicht, die die Christin erst erklimmen muß, um eine Einsicht in das Wesen der Religion zu bekommen. Wir sind weit schwieriger in diesem Betracht gestellt und sollten im Grunde, wenn die Religion die Tugend befördert, weit weniger tugendhaft als die Juden sein; denn unsere Religion ist ein so hoher Münster, daß man ihn zwar in der Hauptsache ersteigen, aber nicht zu [110] jedem Sims, zu jedem Vorsprunge, zu jedem Seitenthurme gelangen kann. Eins aber bemerk’ ich, was charakteristisch ist. Niemals könnt’ ich als Christin über meine Religion zu Adolphinen sprechen und sie eine Verzweiflung über meinen Glauben blicken lassen. Es ist dies eine Schaam und ein Stolz, welcher unvertilgbar in uns niedergelegt ist und die uns nicht verlassen würde, selbst wenn vom Christenthum Alles in uns morsch geworden wäre. Glücklich ist Adolphine zu nennen, denn niemals wird ihr die Religion irgend eine Aengstlichkeit verursachen. Ein gewisses unbestimmtes Dämmern des Gefühls muß für sie schon hinreichend sein, die Nähe des Himmels zu spüren. Sie braucht jene Stufenleiter von positiven Lehren und historischen Thatsachen nicht, welche die Christin erst zu erklimmen hat, um eine Einsicht in das Wesen der Religion zu bekommen. Wir sind weit schwieriger in diesem Betracht gestellt und sollten im Grunde, wenn die Religion die Tugend befördert, weit weniger tugendhaft als die Juden sein; denn unsre Religion ist ein so hoher Münster, daß man ihn zwar in der Hauptsache ersteigen, aber nicht zu jedem Sims, zu [324] jedem Vorsprunge, zu jedem Seitenthurme gelangen kann. Eins aber bemerk’ ich, was charakteristisch ist. Niemals könnt’ ich als Christin über meine Religion zu Adolphinen sprechen und sie eine Verzweiflung über meinen Glauben blicken lassen. Es ist dies eine Scham und ein Stolz, der unvertilgbar in uns niedergelegt ist und die uns nicht verlassen würde, selbst wenn vom Christenthum Alles in uns morsch geworden wäre. 0.928
234 Für christliche Männer, welche widerspänstig gegen den Katechismus sind, muß die Liebe einer Jüdin von besonderm Reize sein. Sie nehmen hier weder Bigottismus, noch eine Zerrissenheit, wie die meinige, in den Kauf, sondern weiden sich an der reinen, ungetrübten, natürlichen Weiblichkeit, an einem sinnlichen Schmelz der Liebe, welcher die der Christinnen bei Weitem übertreffen soll. Bei einer Jüdin reduzirt sich Alles einseitig auf ihre Liebe, Rücksichten tauchen nirgends auf: ihre Liebe ist ganz pflanzenartiger Natur, orientalisch, wie eingeschlossen in das Treibhaus eines Harems, der Alles erlaubt, jedes Spiel, jede weibliche Gedankenlosigkeit, Alles, Alles: darum schwillt Adolphine von Liebe. Das Segel ihres Herzens ist niemals schlaff, sondern immer aufgebläht, rund und voll, immer auf rauschender Fahrt. Für christliche Männer, die widerspenstig gegen den Katechismus sind, muß die Liebe einer Jüdin von besonderm Reize sein. Sie nehmen hier weder Bigottismus in den Kauf, noch eine Zerrissenheit wie die meinige, sondern weiden sich an der reinen, ungetrübten, natürlichen Weiblichkeit, an einem sinnlichen Schmelz der Liebe, der die der Christinnen bei Weitem übertreffen soll. Bei einer Jüdin reducirt sich Alles auf ihre Liebe, Rücksichten tauchen nirgends auf: ihre Liebe ist pflanzenartiger Natur, orientalisch, wie eingeschlossen in das Treibhaus eines Harems, der Alles erlaubt, jedes Spiel, jede weibliche Gedankenlosigkeit, Alles, Alles: darum schwillt Adolphine von Liebe. Das Segel ihres Herzens ist niemals schlaff, sondern immer aufgebläht, rund und voll, immer auf rauschender Fahrt. 0.9120879120879121
235 Cäsar entdeckt, glaub’ ich, in der Liebe zu Jüdinnen noch einen andern Reiz. Er hat eine ganz heillose Ansicht von der Ehe und will die letztere durchaus nicht als ein Institut der Kirche gelten lassen. Das Sakrament der Ehe ist nach seiner Theorie die Liebe, nicht des Priesters Segen. Wie glücklich würde Cäsar sein, wenn er je heirathete, es ohne kirchliche Ceremonie thun zu dürfen! Cäsar entdeckt, glaube ich, in der Liebe zu Jüdinnen noch einen andern Reiz. Er hat eine ganz heillose Ansicht von der Ehe und will die letztere durchaus nicht als ein Institut der Kirche gelten lassen. Das Sacrament der Ehe ist nach seiner Theorie die Liebe, nicht des Priesters Segen. Wie glücklich würde Cäsar sein, wenn er je heirathete, es ohne kirchliche Ceremonie thun zu dürfen! 0.9310344827586207
236 [111] Eine Ehe zwischen einer Jüdin und einem Christen kann zwar nicht bei uns, aber in andern Ländern geschlossen werden; natürlich ist dies eine Ehe ohne den christlichen oder jüdischen Priester; es ist eine rein civile Ehe vor den Gerichten, ein Akt der geselligen Uebereinkunft. Ich glaube fast, Cäsar könnte deßhalb seine Neigung zu Adolphinen ins Aeußerste treiben. Schon bemerk’ ich, wie eifrig er sie sucht. Eine Ehe zwischen einer Jüdin und einem Christen kann zwar nicht bei uns, aber in anderen Ländern geschlossen werden; natürlich ist dies eine Ehe ohne den christlichen oder jüdischen Priester; es ist eine rein civile Ehe vor den Gerichten, ein Act der geselligen Uebereinkunft. Ich glaube fast, Cäsar könnte deshalb seine Neigung zu Adolphinen in’s Aeußerste treiben. Schon bemerk’ ich, wie eifrig er sie sucht. 0.890625
237 Wie leichtsinnig bin ich gestern über die Abgründe meines Denkens hingewandelt! Ohne weiteres konnt’ ich mich damit beruhigen, diese Zweifel an meinem Glauben hinzunehmen als etwas, das ich mir längst selbst gestanden habe, und doch weiß ich aus meinem frühern Leben, wie unglücklich ich war, daß ich über diese Dinge nichts zu denken wagte. O wie mächtig ist der Liebe Zauber! Ein männliches Herz, das uns liebt, ist der Wächter aller unsrer Gedanken und muß die stille Verantwortung dessen tragen, was in der Seele des Weibes Sünde und Empörung ist. Wie sicher fühl’ ich mich, selbst im Entsetzlichsten, wenn ich nur die warme Hand meines Freundes drücken darf! Er nimmt Alles auf sich: er ist heiter und lächelt und fürchtet nichts. [325] Wie leichtsinnig bin ich gestern über die Abgründe meines Denkens hingewandelt! Ohne Weiteres konnt’ ich mich damit beruhigen, diese Zweifel an meinem Glauben hinzunehmen als etwas, das ich mir längst selbst gestanden habe, und doch weiß ich aus meinem früheren Leben, wie unglücklich ich war, daß ich über diese Dinge nichts zu denken wagte. O wie mächtig ist der Zauber der Liebe! Ein männliches Herz, das uns liebt, ist der Wächter aller unserer Gedanken, und muß die stille Verantwortung dessen tragen, was in der Seele des Weibes Sünde und Empörung ist. Wie sicher fühle ich mich, selbst im Entsetzlichsten, wenn ich nur die warme Hand meines Freundes drücken darf! Er nimmt Alles auf sich: er ist heiter und lächelt und fürchtet nichts. 0.9081632653061225
238 Wenn ich jetzt schon nicht ohne Zagen sehe, wie Cäsar sich Adolphinen immer mehr nähert, wenn ich mir die grau-[112]same Wirkung denke, die ein Verhältniß zwischen beiden in mir Unglückseligen hervorbrächte: was muß dann kommen, wenn ich die Trümmer sehe, welche sich in meiner Seele aufgehäuft haben! Die Unruhe, über die Religion eine Ansicht zu haben, peinigt mich mehr als sonst. Sie hat eine solche, jetzt zur Noth gedämmte Gewalt über mich, daß ich glauben muß, die Wegnahme dieses Dammes der Liebe bringt eine Ueberfluthung in mir hervor, welche selbst den Schmerz über Cäsars Verlust mit fortschwemmt. Ich lebe und sterbe mit Cäsar. Leben kann ich nur mit Cäsars Liebe. Sterben muß ich, nicht weil Cäsar im Stande war, eine andre mir, ein Mädchen einer Frau vorzuziehen, sondern weil dann Alles in mir zusammensinkt. Gott, ich glaube, fast brauch’ ich Cäsar nur, um mich zu beschäftigen und meinen Gedanken eine unschädliche Richtung zu geben. Er kommt. Wenn ich jetzt schon nicht ohne Zagen sehe, wie sich Cäsar Adolphinen immer mehr nähert, wenn ich mir die grausame Wirkung denke, die ein Verhältniß zwischen Beiden in mir Unglückseligen hervorbrächte: was muß dann kommen, wenn ich die Trümmer sehe, die sich in meiner Seele aufgehäuft haben! Die Unruhe, über die Religion eine Ansicht zu haben, peinigt mich mehr als sonst. Sie hat eine solche, jetzt zur Noth gedämmte Gewalt über mich, daß ich glauben muß, die Wegnahme dieses Dammes der Liebe bringt eine Ueberfluthung in mir hervor, die den Schmerz über Cäsar’s Verlust mit fortnimmt. Ich lebe und sterbe mit Cäsar. Leben kann ich nur mit Cäsar’s Liebe. Sterben muß ich, nicht weil Cäsar im Stande war, eine Andre mir, ein Mädchen einer Frau vorzuziehen, sondern weil dann Alles in mir zusammensinkt. Gott, ich glaube, fast brauche ich Cäsar nur, um mich zu beschäftigen und meinen Gedanken eine unschädliche Richtung zu geben. Er kommt. 0.8918918918918919
239 Nur die Erkenntniß ist das Schwere. Das Dasein Gottes selbst bezweifeln, hieße den gegenwärtigen Zustand meines Innern fortläugnen. Würd’ ich diese Mühe haben, wenn es nicht in Wahrheit einen Gott gäbe! Das Resultat des Atheismus war auch nie ein andres, als daß er in ein System überging und zuletzt selbst eine Religion wurde. Konnt’ es abergläubigere und bigottere Atheisten geben, als Chaumette, Anacharsis Cloots und Momoro waren! Nur die Erkenntniß ist das Schwere. Das Dasein Gottes selbst bezweifeln, hieße den gegenwärtigen Zustand meines Innern fortleugnen. Würd’ ich diese Mühe haben, wenn es [326] nicht in Wahrheit einen Gott gäbe! Das Resultat des Atheismus war auch nie ein andres, als daß er in ein System überging und zuletzt selbst eine Religion wurde. Konnte es abergläubigere und bigottere Atheisten geben, als Chaumette, Anacharsis Cloots und Momoro waren!] waren!“ 0.9193548387096774
240 [113] Der Atheismus eine Religion! Eine Ironie, die man satanisch nennen möchte! In einer Reisebeschreibung las ich, daß einer der ersten Gottesläugner der Revolution, Billaud-Varennes, nachdem er auf seiner Flucht erst von der Dressur azorischer Papageien gelebt hatte, dann in Amerika Priester wurde, unter Indianer kam und zuletzt von ihnen als göttliches Wesen verehrt wurde, er, der Gott geläugnet hatte! Der Atheismus eine Religion! Eine Ironie, die man satanisch nennen möchte! In einer Reisebeschreibung las ich, daß einer der ersten Gottesleugner der Revolution, Billaud-Varennes, nachdem er auf seiner Flucht erst von der Dressur azorischer Papageien gelebt hatte, dann in Amerika Priester wurde, unter Indianer kam und zuletzt von ihnen selbst als göttliches Wesen verehrt wurde, er ein Gott, der Gott geleugnet hatte! 0.875
241 Diese satanischen Ironieen reizen mich. Sollte es möglich sein, daß es noch einst im Himmel einen Gottesdienst giebt! Das Christenthum (man lese nur die Offenbarung Johannis) gefällt sich in diesem Widerspruch, als wenn Gott vor sich selber Weihrauch streuen müsse. Es etablirt im Himmel eine vollendete Kirche mit Chören der Seligen und Altären, auf welchen die Cherubim thronen. Göthe benutzte diese Maschinerie für die Canonisirung seines Faust. Diese satanischen Ironieen reizen mich. Sollte es möglich sein, daß es noch einst im Himmel einen Gottesdienst giebt! Das Christenthum (man lese nur die Offenbarung Johannis) gefällt sich in diesem Widerspruch, als wenn Gott vor sich selbst Weihrauch streuen müßte. Es etablirt noch im Himmel eine vollendete Kirche mit Chören der Seligen und Altären, auf welchen die Cherubim thronen. Göthe benutzte diese Maschinerie für die Canonisirung seines Faust. 0.9365079365079365
242 Aber was jag’ ich nach solchen Bemerkungen! Sie haben freilich lindernde Kraft, aber ich schäme mich, aus meinem Schmerze Thatsachen heraufzuwühlen und mich selbst als einen Gegenstand meiner Leiden zu betrachten. Aber was jag’ ich nach solchen Bemerkungen! Sie haben lindernde Kraft. Doch schäme ich mich, aus meinem Schmerz Thatsachen heraufzuwühlen und mich selbst als einen Gegenstand meiner Leiden zu betrachten. 0.8387096774193549
243 Cäsar sucht noch immer Adolphinen, die reiche Jüdin. Cäsar sucht noch immer Adolphinen auf, die reiche Jüdin. 0.8888888888888888
244 Wir sollen Gott fürchten und lieben! Dies eine Gebot untergräbt meine Ruhe; denn ich kann es weder befolgen, [114] noch mich anklagen deßhalb, weil ich es nicht thue. Wir sollen Gott zürnen, heißt das Gebot meiner Weltansicht, welche eine unglückliche ist und freilich sich nicht damit zufrieden giebt, daß jährlich vier Jahreszeiten kommen und man im Frühjahr Erdbeeren ißt, welche mit Zucker und Milch ein so vortreffliches Surrogat der Vanille sind. Es ist im Grunde nicht viel, was wir besitzen auf Erden. Wir werden geboren oft in den elendesten Verhältnissen. Wir kriechen thierisch auf dem Boden und werden nur allmälig aufgerichtet, wie Schlinggewächs an das Spalier der Bildung. Noth, Mühsal verfolgt uns überall; selten ein Genuß, der nicht durch eine Anstrengung erkauft ist. Wir haben so viel mit der Materie zu kämpfen. Wir wälzen einen Stein wie Sisyphus den Berg hinauf; warum müssen wir es thun? Der Fluch, nicht der Segen der Götter begleitet uns. Warum sind wir? O könnt’ ich mir irgend einen erweislichen Grund vorstellen, warum diese Planeten im Weltsysteme irren, warum wir auf unserm Planeten so armselig und hülflos kriechen müssen? Was bezweckte Gott damit? War dies eine Grille von ihm? Was kommt darauf an, ob das Gute oder Böse in der Weltordnung produzirt wird? Ich bin so unglücklich. Ich weiß hierauf keine Antwort. Wir sollen Gott fürchten und lieben! Dies eine Gebot untergräbt meine Ruhe; denn ich kann es weder befolgen, noch mich deshalb, weil ich es nicht thue, anklagen. Wir sollen Gott zürnen, heißt das Gebot meiner Weltansicht, die eine unglückliche ist und sich nicht damit zufrieden giebt, daß [327] jährlich vier Jahreszeiten kommen und man im Frühjahr Erdbeeren ißt, die mit Zucker und Milch ein vortreffliches Surrogat der Vanille sind. Es ist im Grunde nicht viel, was wir besitzen auf Erden. Wir werden geboren oft in den elendesten Verhältnissen. Wir kriechen thierisch auf dem Boden und werden nur allmälig aufgerichtet, wie Schlinggewächs an das Spalier der Bildung. Noth, Mühsal verfolgt uns überall; selten ein Genuß, der nicht durch eine Anstrengung erkauft ist. Wir haben so viel mit der Materie zu kämpfen. Wir wälzen einen Stein wie Sisyphus den Berg hinauf; warum müssen wir es thun? Der Fluch, nicht der Segen der Götter begleitet uns. Warum sind wir? O könnte ich mir irgend einen erweislichen Grund vorstellen, warum diese Planeten im Weltsysteme irren, warum wir auf unserm Planeten so armselig und hülflos kriechen müssen? Was bezweckte Gott damit? War es nur eine Grille von ihm? Was kommt darauf an, ob das Gute oder Böse in der Weltordnung producirt wird? Ich bin so unglücklich. Ich weiß darauf keine Antworten. 0.9050632911392406
245 Die Fähigkeit, Fragen aufzuwerfen, ließ Gott bei der Schöpfung oder bei der ewigen Schöpfung, bei unsrer Geburt, ohne die entsprechende Fähigkeit, auch Antwort darauf zu geben. Diese Halbheit einer Gabe ist so feindselig. Gott duldete es, daß der Glaube an ihn die Tagesordnung der Geschichte wurde; er duldete es, daß noch heute der Atheismus wie das größte Verbrechen von den Völkern [115] behandelt wird. Nun, ich denke wohl an Gott; aber warum gab er uns nicht die Fähigkeit, ihn begreifen zu können? Verlangt er die Folgen, warum ließ er mich ohne die Voraussetzungen? Alle Nationen kommen darin überein, daß man von Gott nichts wissen könne. Dann weiß ich auch nicht, warum sie so persönlich an ihn glauben. Oder es darf mich niemand tadeln, wenn ich denke, die Existenz eines außerweltlichen Gottes anzunehmen, war eher eine äußerliche, politische und polizeiliche Uebereinkunft der Völker. Denn warum haben wir halbe Vernunft, halbe Erkenntniß, halben Geist? Warum zu allem nur die Elemente? Und wir sind so vermessen und bauen auf diesen trüben Boden Systeme, welche den Schein der Vollendung tragen und uns mit Verpflichtungen willkürlich belasten! Die Fähigkeit, Fragen aufzuwerfen, ließ Gott bei der Schöpfung oder bei der ewigen Schöpfung, bei unserer Geburt, ohne die entsprechende Fähigkeit, auch Antwort darauf zu geben. Diese Halbheit einer Gabe ist so feindselig. Gott duldete es, daß der Glaube an ihn die Tagesordnung der Geschichte wurde; er duldete es, daß noch heute der Atheismus wie das größte Verbrechen von den Völkern behandelt wird. Nun, ich denke wohl an Gott; aber warum gab er uns nicht die Fähigkeit, ihn begreifen zu können? Verlangt er die Folgen, warum ließ er mich ohne die Voraussetzungen? Alle Nationen kommen darin überein, daß man von Gott nichts wissen könne. Dann weiß ich auch nicht, warum sie so fest an ihn glauben. Oder es darf mich niemand tadeln, wenn ich denke, die Existenz eines außerweltlichen Gottes anzunehmen, war eher eine äußerliche, politische und polizeiliche Uebereinkunft der Völker. Denn warum haben wir halbe Vernunft, halbe Erkenntniß, halben Geist? Warum zu allem nur die Elemente? Und wir sind so vermessen und bauen auf diesen trüben Boden Systeme, die den Schein [328] der Vollendung tragen und uns mit Verpflichtungen willkürlich belasten! 0.9465648854961832
246 Und zuletzt der Tod! Dieser Schrecken der Schrecken! Die Krankheit mit ihrer unsäglichen Hülflosigkeit! Das allmälige Verschwinden des Bewußtseins! Und dies Alles nicht einmal so entsetzlich, als auch wieder das Zunehmen an Jahren. Jetzt bin ich zwanzig Jahre: welche Empfindungen werd’ ich haben, wenn ich vierzig, fünfzig bin und es nun heißt: noch zehn, noch fünf sind die Wahrscheinlichkeit! Dies ist eine so folternde Grausamkeit des Schicksals, ein solcher Fluch der menschlichen Natur, daß ich mich nie entschließen kann, recht das Gebot der Gottesliebe zu befolgen. Man gab uns Einiges und das Meiste wurde uns versagt. Das Einzige, was wir in seiner ganzen Vollkommenheit zu besitzen scheinen, ist die Fähigkeit, unsern unglücklichen Zustand zu begreifen und alle die Dinge zu nennen, welche wir vermissen sollen. Und zuletzt der Tod! Dieser Schrecken der Schrecken! Die Krankheit mit ihrer unsäglichen Hülflosigkeit! Das allmälige Verschwinden des Bewußtseins! Und dies Alles nicht einmal so entsetzlich, als auch wieder das Zunehmen an Jahren. Jetzt bin ich zwanzig Jahre: welche Empfindungen werde ich haben, wenn ich vierzig, fünfzig bin und es nun heißt: noch zehn, noch fünf sind die Wahrscheinlichkeit! Dies ist eine so folternde Grausamkeit des Schicksals, ein solcher Fluch der menschlichen Natur, daß ich mich nie entschließen kann, recht das Gebot der Gottesliebe zu befolgen. Man gab uns Einiges und das Meiste wurde uns versagt. Das Einzige, was wir in seiner ganzen Vollkommenheit zu besitzen scheinen, ist die Fähigkeit, unsern unglücklichen Zustand zu begreifen und all’ die Dinge zu nennen, die wir eben vermissen sollen. 0.9509803921568627
247 [116] Ich habe mir ein merkwürdiges Buch verschafft, von dem ich einmal durch Cäsar hörte: die Fragmente des Wolffenbüttler Ungenannten, welche Lessing herausgegeben hat. Es liegt viel Puderstaub auf dem Buche, viel altfränkisches Wesen; aber das hab’ ich abgewischt und mir von meiner Lektüre eine ganz moderne Vorstellung gemacht. Der Verfasser soll ein ehemaliger Hamburger Arzt, Reimarus, gewesen sein. Die vollständige Prüfung des Christenthums steht in einem Glasschranke auf der Hamburger Bibliothek. Sie wollen das Buch nicht herausgeben. Sie fürchten, daß aus dem vergilbten Papiere jener Kritik Motten fliegen, die das Christenthum selbst anfressen. Warum Lessing nur sagt, daß der Verfasser jener Fragmente Schmidt heiße! Ich habe mir ein merkwürdiges Buch verschafft, von dem ich einmal durch Cäsar hörte: die Fragmente des Wolffenbüttler Ungenannten, von Lessing herausgegeben. Gewiß liegt viel Puderstaub, viel altfränkisches Wesen auf dem Buche; das hab’ ich aber abgewischt und mir von meiner Lectüre die moderne Vorstellung gemacht. Der Verfasser soll ein ehemaliger Hamburger Arzt, Reimarus, gewesen sein. Seine vollständige Prüfung des Christenthums soll in einem Glasschranke auf der Hamburger Bibliothek stehen, dort wollen sie das Buch nicht herausgeben, aus Furcht, aus dem vergilbten Papiere jener Kritik möchten Motten fliegen und die heiligen Gewänder des Christenthums anfressen. Warum Lessing nur sagt, daß der Verfasser jener Fragmente Schmidt heiße! Schmidt ist freilich wie Jedermann. 0.7244897959183674
248 Ich werde eine Stubenhockerin. Cäsar – schwärmt in Adolphinens schönem Garten. Ich werde eine Stubenhockerin. Cäsar – schwärmt in Adolphinens schönem Garten. 1.0
249 Die Fragmente nehmen meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ihr nüchterner, leidenschaftsloser Ton erschreckt das Gewissen nicht. Ich lese in der besten Laune. Wie der Autor die Bibel zerfleischt, wie er in den Mienen jener Fischer und Zöllner, welche das Christenthum predigten, den Schalk entdeckt, denselben Schalk, den der gottselige Pietismus so oft im Nacken führt! Und doch jammert mich’s jener kindlichen, märchenhaften Sage, die der Autor mit so vieler Gelehrsamkeit vernichtet! Nur Eines bestimmt mich, ihm beizupflichten, der Hinblick auf das, was uns umgiebt, [117] auf unsre Priester, auf – ach! wie hängt das Alles zusammen! Aus jenem kleinen christlichen Senfkorn ist ein ganzes Senfpflaster geworden, das der gesunden Vernunft die brennendsten Blasen zieht! Die Fragmente nehmen meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ihr nüchterner, leidenschaftsloser Ton erschreckt [329] das Gewissen nicht. Ich lese in der besten Laune. Wie der Autor die Bibel zerfleischt, wie er in den Mienen jener Fischer und Zöllner, die das Christenthum predigten, den Schalk entdeckt, denselben Schalk, den der gottselige Pietismus so oft im Nacken führt! Und doch jammert mich’s jener kindlichen, märchenhaften Sage, die der Autor mit so viel Gelehrsamkeit vernichtet! Nur Eines bestimmt mich, ihm beizupflichten, der Hinblick auf das, was uns umgiebt, auf unsere Priester, auf – ach! wie hängt das Alles zusammen! Aus jenem kleinen christlichen Senfkorn ist ein ganzes Senfpflaster geworden, das der gesunden Vernunft die brennendsten Blasen zieht! 0.925531914893617
250 Ganz männlich werden meine Ausdrücke! Zornig oder – entsagend? Männlich werden meine Ausdrücke! Zornig oder – entsagend? 0.6666666666666666
251 Und doch können die Fragmente nicht befriedigen. Sie deuten auf eine Naturreligion, mit deren Voraussetzungen sich die heutige wissenschaftliche Bildung kaum noch begnügen würde. Die Frage muß höher liegen. Sie dringt dort nicht in das Innere der Christuslehre ein, sie hält sich nur an deren historische Offenbarung. Ich suche Trost. Wo? Wo? Und doch können die Fragmente nicht befriedigen. Sie deuten auf eine Naturreligion, mit deren Voraussetzungen sich kaum noch die heutige wissenschaftliche Bildung begnügen würde. Die Frage muß höher liegen. Sie dringt dort nicht in das Innere der Christuslehre ein, sie hält sich nur an deren historische Offenbarung. Ich suche Trost. Wo? Wo? 1.0
252 Ich war gefaßt auf diese Eiseskälte, mit der mir Cäsar seinen Entschluß anzeigt. Was ich vermuthete ist eingetroffen. Adolphinens glänzende Situation reizt ihn. Er wird um ihre Hand bitten. Die Eltern sind ohne Vorurtheile und ich werde ihn verloren haben. Ich bin ruhig. Ich habe keine Thränen für diesen Verlust. Ich bin in einer fürchterlichen Seelenstimmung. Ist dies nicht ein neuer Fluch des Himmels? O jetzt sind mir die Blitze des Schicksals willkommen, denn die Donner, welche ihnen nachrollen, wecken mich immer mehr aus der dumpfen Be-[118]täubung meiner Gedanken. Ich muß Licht haben, Aufschluß, Einsicht! Ich denke an Cäsar nicht mehr. Ich will wissen, erkennen. Warum? Wozu? O, das sah ich Alles voraus. Ich war gefaßt auf diese Eiseskälte, womit mir Cäsar seinen Entschluß anzeigt. Was ich vermuthete ist eingetroffen. Adolphinens glänzende Situation reizt ihn. Er wird um ihre Hand bitten. Die Eltern sind ohne Vorurtheile und ich werde ihn verloren haben. Ich bin ruhig. Ich habe keine Thränen für diesen Verlust. Ich bin in einer nicht zu schildernden Seelenstimmung. Alles an mir scheint ruhig, aber jeder Pulsschlag sagt: „Ist dies nicht ein neuer Fluch des Himmels?“ Jetzt sind mir die Blitze des Schicksals willkommen, die Donner, die ihnen nachrollen, wecken mich immer mehr aus der dumpfen Betäubung meiner Gedanken. Ich muß Licht haben, Aufschluß, Einsicht! Ich denke an Cäsar nicht mehr. Ich will wissen, erkennen. Wozu? Warum? Das sah ich Alles voraus. 0.8173076923076923
253 Ich bin krank, ich fühl’ es. Sollte das auf ein Zunehmen deuten? Ist auch im Geistigen wie im Körper Wachsthum eine Krankheit? [330] Ich bin krank, ich fühle es. Sollte das auf ein Zunehmen deuten? Ist auch im Geistigen wie im Körper das Wachsen eine Krankheit? 0.7916666666666666
254 Glückliche Naivetät der vergangenen Zeiten! Ich komme von einer Ausstellung alter Gemälde. Auf vielen, die Transfigurationen und Glorien der Heiligen vorstellen, sah ich Engel, welche die Geige spielten. Dies würde mir weniger auffallend gewesen sein, wenn sie es nicht nach Noten gethan hätten. Glückliche Naivetät der vergangenen Zeiten! Ich komme von einer Ausstellung alter Gemälde. Auf vielen, welche Transfigurationen und Glorien der Heiligen vorstellen, sah ich Engel, die Geige spielend. Dies würde mir weniger auffallend gewesen sein, wenn sie es nicht nach Noten gethan hätten. 0.9523809523809523
255 Und doch gleicht die Malerei selbst, die Kunst, diese Lächerlichkeit aus. Die Poesie würde es nicht können. Die Poesie hat diese Einfachheit nicht; sie würde solche Anomalien immer nur als Travestie geben. Und doch gleicht die Malerei selbst, die Kunst, diese Lächerlichkeit aus. Die Poesie würde das nicht können. Die Poesie hat nicht diese Einfachheit; sie würde solche Anomalieen immer nur als Travestie geben. 0.8571428571428571
256 Und wie entwürdigt sie sich, wenn sie es thut! Man sollte den Spott über das Heilige, das Wühlen der häßlichen Käfer in duftenden Blumen, bitter verfolgen, auch die Freigeister sollten es; sie, die alle Sorge tragen müssen, nicht mit den Spöttern verwechselt zu werden.… Cäsar ist gegen mich weicher als je. Er spottet nicht mehr. Und wie entwürdigt sie sich, wenn sie es thut! Man sollte den Spott über das Heilige, das Wühlen der häßlichen Käfer in duftenden Blumen, verfolgen, auch die Freigeister selbst sollten es; sie, die alle Sorge tragen müssen, nicht mit den bloßen Spöttern verwechselt zu werden … Cäsar ist gegen mich weicher als je. Er spottet nicht mehr. Das bedeutet nichts Gutes. 0.8703703703703703
257 [119] Es würde mir viel leichter werden, den göttlichen Begriffen mit Sicherheit nachzuhängen, wenn ich vom Nichts eine Vorstellung festhalten könnte. Aber dies ist unmöglich. Ich habe schon früh an dieser Verzweiflung gelitten. Ich wollte schon als Kind mir zuweilen Alles wegdenken, was ich sahe und denken konnte, Europa, Asien, Afrika, die ganze Erde, den Himmel, alle Schöpfung, und dann war es immer, als stürzt’ ich von einer unermeßlichen Höhe ins Leere hinunter und fiel ohne Aufenthalt. Fast möcht’ ich sagen, ich bin seither mit Eindrücken beladener und es würde mir schwieriger sein, als ehemals, eine solche Vorstellung des Nichts zu fixiren. Ach das hohle, weite Chaos, diese dumpfe Leere, worin das Nichts unsichtbar schlummert! Und Gott, der dieses Nichts selbst ist, nämlich dasselbe Nichts, das später doch ein Etwas wurde! Gott, der in dem Nichts ist, und doch wiederum auch in dem Etwas nicht sein soll, weil dies die Welt selbst vergöttern heißen würde! Der pantheistische Gedanke widerstrebt mir, und ich glaube, Frauen werden ihn niemals hegen können, weil sie durch sich selbst schon gewohnt sind, alle Dinge in aktive und passive einzutheilen. Wir werden immer anthropomorphische Ideen haben; das Christenthum unterstützt uns darin. Die Vorstellung eines über uns thronenden Werkmeisters ist ein Bedürfniß, das unsere Phantasie immer geltend machen wird. Jedes Andre, ach, Alles, Alles ist uns verschlossen. Es würde mir viel leichter werden, den göttlichen Begriffen mit Sicherheit nachzuhängen, wenn ich erst vom Nichts eine Vorstellung festhalten könnte. Dies ist unmöglich. Ich habe schon früh an dieser Verzweiflung gelitten. Schon als Kind wollte ich mir zuweilen Alles wegdenken, was ich sah und denken konnte, Europa, Asien, Afrika, die Erde, den Himmel, alle Schöpfung, und dann war es immer, als stürzte ich von einer unermeßlichen Höhe in’s Leere hinunter und fiel ohne Aufenthalt. Fast möchte ich sagen, ich bin seither mit Eindrücken beladener und es würde mir schwieriger sein, als ehemals, eine solche Vorstellung des Nichts zu fixiren. Das hohle, weite Chaos, diese dumpfe Leere, worin Nichts ist, Alles unsichtbar schlummert! Und Gott, der dieses Nichts selbst ist, nämlich dasselbe Nichts, das später doch seltsamerweise ein Etwas wurde! Gott, der in dem Nichts ist und [331] doch wiederum auch in dem Etwas nicht sein soll, weil dies die Welt selbst vergöttern heißen würde! Der pantheistische Gedanke widerstrebt mir, und ich glaube, Frauen werden ihn nie hegen können, weil sie durch sich selbst schon gewohnt sind, alle Dinge in active und passive einzutheilen. Wir werden immer anthropomorphische Ideen haben; das Christenthum unterstützt uns darin. Die Vorstellung eines über uns thronenden Werkmeisters – das ist für die weibliche Phantasie Bedürfniß, das sie immer geltend machen wird. Jedes Andere, ach, Alles, Alles ist uns verschlossen. 0.8511904761904762
258 Cäsar wird nun in Ländern wohnen, wo das französische Recht herrscht. Er ist glücklich, sich ohne die Kirche [120] verheirathen zu dürfen. Eine bürgerliche Verbindung wird zwischen ihm und Adolphinen stattfinden. Wenn er nur meinen ideellen Zustand schonte! Aber er kennt ihn nicht. Wüßte er, wie mich doch gestern wieder seine leichte Manier über die Religion so tief verwundete! Das Peinlichste ist dies, daß er sich öfter das Ansehen giebt, als ließen sich einige Wahrheiten sogar im christlichen Glauben unumstößlich beweisen. Dann thut er’s und beginnt über die schwierigsten Punkte Entwickelungen, welche er mit ernster Miene durchführt und wenn er zu Ende ist, für phantastischen Witz erklärt. So begann er neulich folgende Auseinandersetzung der christlichen Lehre von der Dreieinigkeit, eines Begriffes, den ich noch gar nicht anrührte, weil ich nicht einmal mit seinen Prämissen im Reinen bin. Er sagte: Die bloße Vaterschaft Gottes ist relativ, sie ist unerkennbar, oder, wie Jakob Böhme gesagt hat, ein dunkles Thal. Licht und Erkenntniß kommt erst durch den Sohn. Beide dürfen nicht isolirt gedacht werden, ihre Ergänzung, ihre Wechselseitigkeit ist der heilige Geist. Gott als das bloße Alles oder das bloße Nichts ist unerkennbar. Gott muß sich etwas gegenüber stellen, einen Schatten seiner selbst, er mußte sich negiren aus seiner Ruhe heraus und schuf die Natur. Die Natur ist nicht Gott, denn dann müßte die Natur ein Zustand sein. Nein, die Natur ist eine Thätigkeit Gottes und alles in Gott Thätige, auf die Außenwelt Bezügliche, ist in ihm das Englische. Die Engel sind die Herolde des göttlichen Willens und ihre Zahl ist so unendlich, wie, fast möchte man sagen, die Atome der Welt. Die Engel wohnten ursprünglich in Gott; denn seine Thätigkeit ist seinem Sein immanent. Darum mußten die [121] Engel auch gut sein ursprünglich. Luzifer aber empört sich, Luzifer, der Lichtbringer, der die Finsterniß erhellt. Dies Empören ist eine Thätigkeit Gottes, das heißt Gott wird das Gegentheil seiner selbst, Gott wird Satan. Ja, die Natur ist Teufel, dieselbe Natur, welche für Gott durchaus nicht vorhanden ist, da sie nur sein Athem ist, die aber immer strebt etwas für sich zu sein. Die Natur vor Gott ist so, als wäre sie nicht. Vor Gott giebt es auch einen Teufel, als gäb’ es ihn nicht. Je höher bei dem Einen oder Andern das philosophische Bewußtsein ist, desto weniger existirt für ihn auch der Teufel. Im Christenthum ist der Teufel ideell gänzlich ausgetrieben, denn Gott sonderte die menschliche Individualität von der Natur ab und gab dieser in seinem Sohne eine eigne Offenbarung. Gott wollte den Widerspruch seiner selbst durch sich selbst strafen und an sich seinen eigenen Proceß büßen lassen. Er wurde gekreuzigt und es herrscht hinfort nicht mehr Gott, nicht mehr Satan, nicht mehr der Mensch, nicht mehr die Natur, sondern das Reich des Geistes, der Freiheit und der Wahrheit. Cäsar wird nun in Ländern wohnen, wo das französische Recht herrscht. Er ist glücklich, sich ohne die Kirche verheirathen zu dürfen. Es wird zwischen ihm und Adolphinen eine bürgerliche Verbindung stattfinden. Wenn er nur meinen geistigen Zustand schonte! Freilich kennt er ihn nicht. Wüßte er, wie mich doch gestern wieder seine leichte Manier über die Religion so tief verwundete! Das Peinlichste ist dies, daß er sich öfter das Ansehen giebt, als ließen sich einige Wahrheiten sogar im christlichen Glauben unumstößlich beweisen. Dann thut er’s auch und beginnt über die schwierigsten Punkte Entwickelungen, die er mit ernster Miene durchführt und wenn er zu Ende ist – für phantastischen Witz erklärt! So begann er neulich folgende Auseinandersetzung der christlichen Lehre von der Dreieinigkeit, eines Begriffes, den ich nicht anrührte, weil ich nicht einmal mit seinen Prämissen im Reinen bin. Die bloße Vaterschaft Gottes, sagte er, ist relativ, sie ist unverkennbar, oder wie Jakob Böhme gesagt hat, ein dunkles Thal. Licht und Erkenntniß kommt erst durch den Sohn. Beide dürfen nicht isolirt gedacht werden, ihre Ergänzung, ihre Wechselseitigkeit ist der heilige Geist. Gott als das bloße Alles oder das bloße Nichts ist unerkennbar. Gott muß sich etwas gegenüber stellen, einen Schatten seiner selbst, er mußte sich negiren aus seiner Ruhe heraus und deshalb schuf er die Natur. Die Natur ist nicht Gott, denn dann müßte die Natur ein Zustand sein. Nein, die Natur ist eine Thätigkeit [332] Gottes und alles in Gott Thätige, auf die Außenwelt Bezügliche, ist in ihm das Englische. Die Engel sind die Herolde des göttlichen Willens und ihre Zahl ist so unendlich, wie die Atome der Welt. Die Engel wohnten ursprünglich in Gott; seine Thätigkeit ist seinem Sinn immanent. Darum mußten die Engel auch ursprünglich gut sein. Nur Lucifer empört sich, der Lichtbringer, der die Finsterniß erhellt. Dies Empören wird eine Thätigkeit Gottes, das heißt Gott wird sogar zum Gegentheil seiner selbst, Satan. Die Natur ist Teufel, dieselbe Natur, welche für Gott durchaus nicht vorhanden ist, da sie nur sein Athem ist, die aber immer strebt, etwas für sich zu sein. Die Natur vor Gott ist so, als wäre sie nicht. Natürlich giebt es auch vor Gott den Teufel nur, als gäb’ es ihn nicht. Je höher bei dem Einen oder Andern das philosophische Bewußtsein ist, desto weniger existirt für ihn der Teufel. Im Christenthum ist der Teufel ideell ausgetrieben, Gott sonderte die menschliche Individualität von der Natur ab und gab dieser in seinem Sohne eine eigene Offenbarung. Gott wollte den Widerspruch seiner selbst durch sich selbst strafen und seinen eigenen Proceß an sich büßen lassen. Er wurde gekreuzigt und es herrscht hinfort nicht mehr Gott, nicht mehr Satan, nicht mehr der Mensch, nicht mehr die Natur, sondern das Reich des Geistes, der Freiheit und der Wahrheit. 0.8945454545454545
259 Was hatt’ ich nun von dieser mich ergreifenden Improvisation! Mit einer Art von komischem Atheismus schloß Cäsar seine mystische Deduktion, welche Menschen von größerer Einbildungskraft, als ich besitze, viel Beruhigung gewähren mag. Ich soll schon an den Sohn glauben, und bin noch mit dem Vater unbekannt. Was hatt’ ich nun von dieser mich ergreifenden Improvisation, die ich nur nachschrieb! Mit einer Art von komischem Atheismus schloß Cäsar seine mystische Deduction, die Menschen von größerer Einbildungskraft, als ich besitze, viel Beruhigung gewähren mag. „Ich soll schon an den Sohn glauben und bin noch mit dem Vater unbekannt.“ 0.8723404255319149
260 … Ich verliere mich in Gedanken, während Adolphine mit ihm unter Waldesschatten wandelt. … Ich verliere mich in Gedanken, die auf Vernichtung gerichtet sind, während Adolphine mit ihm unter Waldesschatten wandelt. 0.7058823529411765
261 Soll das so fortgehen? Soll das so fortgehen? 1.0
262 [122] Ich habe mich drei Wochen lang täglich in Vergnügungen berauscht. Ich muß der Welt zeigen, daß ich Cäsars Entfernung ertragen kann, ich mußte es mir selbst zeigen. Aber es erquickt mich nichts mehr. Cäsar’s Liebe war die schönste Sammlung meiner unglücklichen Seelenstimmung. Ich sinke immer tiefer in Nacht und Verzweiflung. Ist Cäsar nicht mein Gatte? … Man erkennt mich nicht wieder. Oft bin ich so von Wehmuth aufgelöst, daß ich in die Kammer stürze, wo die Erinnerungen meiner ersten Kindheit aufbewahrt liegen. Ich räumte auf in der Verwirrung, um mich zu zerstreuen. Ein Stilet fiel mir in die Hand. Wie mag das hierher gekommen sein? Ich habe mich drei Wochen lang täglich in Vergnügungen berauscht. Ich muß der Welt zeigen, daß ich Cäsar’s Ent-[333]fernung ertragen kann, ich mußte es mir selbst zeigen. Aber es erquickt mich nichts. Cäsar’s Liebe war die schönste Sammlung meiner unglücklichen Seelenstimmung. Ich sinke immer tiefer in Nacht und Verzweiflung. Ist Cäsar nicht mein Gatte? Man erkennt mich nicht wieder. Oft bin ich so von Wehmuth aufgelöst, daß ich in die Kammer stürze, wo die Erinnerungen meiner ersten Kindheit aufbewahrt liegen. Ich räumte auf in der Verwirrung, um mich zu zerstreuen. Ein Stilet fiel mir in die Hand. Wie mag das hierher gekommen sein? 0.9512195121951219
263 Ich glaube, Cäsar müßte sich schämen, noch zu leben, wenn er keine Auskunft geben kann. Seine Scherze verdecken nur eine Ueberzeugung, die vielleicht folgerichtig ist. Ich habe ihm geschrieben, sie auch mir zu geben. In Heidelberg muß ihn mein Brief treffen; er wird sich sogleich hinsetzen, um mir, ich hab’ ihm die Hand auf’s Herz gelegt und ihn feierlichst beschworen, seine ernsthafte Meinung über Religion und Christenthum zu sagen. Ich zittre, wenn seine Darstellung einläuft. Ich glaube, Cäsar müßte sich schämen, noch zu leben, wenn er keine Auskunft geben kann. Seine Scherze verdecken nur eine Ueberzeugung, die vielleicht folgerichtig ist. Ich habe ihm geschrieben, sie auch mir zu geben. In Heidelberg muß ihn mein Brief treffen; er wird sich sogleich hinsetzen, um mir, ich habe ihm die Hand auf’s Herz gelegt und ihn feierlichst beschworen, seine ernsthafte Meinung über Religion und Christenthum zu sagen. Ich zittre, wenn seine Darstellung einläuft. 0.9836065573770492
264 Das Stilet gehörte meinem Bruder, der in demselben Alter gestorben ist, in welchem ich mich jetzt befinde. Das Stilet gehörte meinem Bruder, der in demselben Alter gestorben ist, in welchem ich mich jetzt befinde. 1.0
265 [123] Cäsar sagte mir oft, als Kind hab’ er sich fortwährend damit geängstigt, daß er keines natürlichen Todes sterben würde. Die Katastrophe des jungen Sand in Mannheim, wo er jetzt weilt, hätte zu seiner Zeit alle jungen Köpfe auf den Gedanken gebracht, daß sie ihnen auch einst abgeschlagen würden. Keiner, sagte er, glaubte so würdig zu sein, wie Sand, und keiner glaubte deßhalb auch, auf einen milderen Tod rechnen zu dürfen, als Sand. Er gestand mir mit eisigem Grauen, daß er oft Stunden lang heimlich mit entblößtem Halse gesessen und sich in die Illusion des Schaffots hineingedacht habe, daß ihm die Thränen geflossen seien, aus Verzweiflung, so sterben zu müssen. Es war immer ein wehmüthiges, liebes Lächeln, das bei solchen Geständnissen auf seinen Lippen lag. O Gott! ich vergess’ ihn nicht. Für Alles brauch’ ich ihn. Er soll mir zu Allem Beweise geben! Cäsar sagte mir oft, als Kind hätte er sich fortwährend damit geängstigt, daß er keines natürlichen Todes sterben würde. Die Katastrophe des jungen Sand in Mannheim, in welcher Stadt er jetzt weilt, hätte zu seiner Zeit alle jungen Köpfe auf den Gedanken gebracht, daß sie einst auch ihnen abgeschlagen würden. Keiner sagte, er glaubte so würdig zu sein, wie Sand, und Keiner glaubte auch deshalb, auf einen milderen Tod rechnen zu dürfen, als Sand. Mit eisigem Grauen gestand er mir, daß er oft stundenlang mit entblößtem Halse gesessen und sich in die Illusion des Schaffots hineingedacht hätte und daß ihm die Thränen geflossen wären aus Verzweiflung, so sterben zu müssen. Es war immer ein [334] wehmüthiges Lächeln, das bei solchen Geständnissen auf seinen Lippen lag. Ich vergess’ ihn nicht. Für Alles brauch’ ich ihn. Er soll mir zu Allem Beweise geben! 0.8205128205128205
266 Ich lese das Buch: Rahel; aber nur in Bruchstücken. Viel davon auf einmal verwirrt den Kopf; nicht deßhalb, weil das Buch absolut schwer wäre, sondern relativ schwer ist es, in Beziehung auf Rahel, die sich das Denken so schwer machte. Ich glaube, daß diese Frau unter Denken verstanden hat, die Dinge immer von der verkehrten Seite anfassen oder doch von der entgegengesetzten, gegenüber dem gewöhnlichen Wege. Sie gräbt sich wie ein Maulwurf in die Ideen ein und bezeichnet dann und wann ihre Resultate durch kleine aufgeworfene Hügel, die nichts sagen, [124] nämlich nichts Positives, die nur Wahrzeichen sind, daß hier etwas war, was wie ein Gedanke war und was so leicht wieder vergessen ist! Wie reich ist diese Frau an Philosophie und objektiver Vergeßlichkeit! Man hat so wenig in ihrem Buche, und doch glaubt man, wenn man es ansieht, Alles zu haben. Darin seh’ ich recht, wie nur die Männer im Stande sind, zu produziren, auch Gedanken. Ich lese Auch: Rahel; aber nur in Bruchstücken. Viel davon auf einmal verwirrt den Kopf; nicht deshalb, weil das Buch absolut schwer wäre, sondern relativ schwer ist es, in Beziehung auf Rahel, die sich das Denken so schwer machte. Ich glaube, diese Frau hat unter Denken verstanden, immer die Dinge von der verkehrten Seite anzufassen oder doch von der entgegengesetzten, gegenüber dem gewöhnlichen Wege. Sie gräbt sich wie ein Maulwurf in die Ideen ein und bezeichnet dann und wann ihre Resultate durch kleine aufgeworfene Hügel, die nichts sagen, nämlich nichts Positives, die nur Wahrzeichen sind, daß hier etwas war, was wie ein Gedanke war und was so leicht wieder vergessen ist! Wie reich ist diese Frau an Philosophie und objectiver Vergeßlichkeit! Man hat so wenig in ihrem Buche, und doch glaubt man, wenn man es ansieht, Alles zu haben. Darin sehe ich recht, wie nur die Männer im Stande sind, zu produciren, namentlich auch Gedanken. 0.8898305084745762
267 Bettina! – holde Spielerei – alte Gedanken; nur klassische, neue Formen. So sprechen, gehen, laufen, essen, trinken, schlafen, handeln – wie es einem gerade einfällt? Ich könnt es einmal; jetzt nicht mehr. Bettina hatte so lange freien Willen, sich ein Gesetz zu schaffen; und nun so alt, und noch immer kein Gesetz! Ihr Buch ist ungereimte Poesie. Ein freies Weib ist nur erträglich mit Spekulation. Bettina! – holde Spielerei – alte Gedanken; nur classische, neue Formen. So sprechen, gehen, laufen, essen, trinken, schlafen, handeln – wie es einem gerade einfällt? Einmal konnte ich es; jetzt nicht mehr. Bettina hatte so lange freien Willen, sich ein Gesetz zu schaffen; und nun so alt, und noch immer kein Gesetz! Ihr Buch ist ungereimte Poesie. Ein freies Weib ist nur erträglich mit Speculation. 0.8333333333333334
268 Wieder wie Jakob einen Zug aus dem Rahelbrunnen gethan. Aber es ist immer nur Lea, die man erhält, niemals Rahel. Rahel sitzt hinter den zweimal sieben Jahren und flicht ihren Freiern Körbe. Man glaubt eine Priesterin mit Weissagung in ihr zu finden, und wird doch von ihr nur angeregt oder vielmehr nur herausgerissen aus dem alten Kreise seiner Vorstellungen. Es ist furchterregend, eine Frau die Gegenstände so dämonisch-linkisch an-[125]fassen zu sehen. Will sie es nur anders machen, als die Andern? Oder wurde ihr diese Originalität angeboren? Sie giebt nirgends nach, sie ist rastlos in ihren Bestrebungen, die verschiedenen Seiten der Wahrheit zu entdecken und konnte nicht anders enden, als entweder in einem Wahnsinn, der sich mit der Bewegung im Tretrade vergleichen läßt, oder als Anhängerin des Pietismus. Man ist in keiner Situation übertäubter, als beim Untertauchen. Pietismus aber ist die Fähigkeit, leben zu können, selbst wenn man Wasser im Ohre hat. Wieder wie Jakob einen Zug aus dem Rahelbrunnen gethan. Aber es ist immer nur Lea, die man erhält, nie Rahel. Rahel sitzt hinter den zweimal sieben Jahren und [335] flicht ihren Freiern Körbe. Man glaubt eine Priesterin mit Weissagung in ihr zu finden, und wird doch von ihr nur angeregt oder vielmehr nur herausgerissen aus dem alten Kreise seiner Vorstellungen. Es ist furchterregend, eine Frau die Gegenstände so dämonisch-linkisch anfassen zu sehen. Will sie es nur anders machen, als die Anderen? Oder wurde ihr diese Originalität angeboren? Sie giebt nirgends nach, sie ist rastlos in ihren Bestrebungen, die verschiedenen Seiten der Wahrheit zu entdecken und konnte nicht anders enden, als entweder in einem Wahnsinn, der sich mit der Bewegung im Tretrade vergleichen läßt, oder als Anhängerin des Pietismus. Man ist in keiner Situation übertäubter, als beim Untertauchen. Pietismus ist die Fähigkeit, leben zu können, selbst wenn man schon Wasser im Ohre fühlt. 0.905982905982906
269 Rahel war eine Jüdin? Was hatte diese Frau nöthig, sich mit Gedanken zu quälen? Rahel war eine Jüdin? Was hatte eine zur Vorurtheilslosigkeit geborene Frau nöthig, sich mit Gedanken zu quälen? 0.7647058823529411
270 Dieser ruhige, verständige Ton, in welchem ich mich oft Tage lang erhalten kann, wird mir oft so unheimlich, daß ich vor mir selbst erschrecke. Sollte es Menschen geben können, die wie Vernünftige sprechen, aber doch wahnsinnig sind? Cäsar erzählte mir einst eine Geschichte, die er wahrscheinlich, wie Vieles dergleichen, nur seiner Einbildungskraft verdankt. Sie paßt auf meinen Zustand. Kann ich sie noch? Dieser ruhige, verständige Ton, in welchem ich mich oft Tage lang erhalten kann, wird mir oft so unheimlich, daß ich vor mir selbst erschrecke. Sollte es Menschen geben können, die wie Vernünftige sprechen und doch wahnsinnig sind? Cäsar erzählte mir eine Geschichte, eine wahrscheinlich, wie Vieles dergleichen, von ihm erfundene. Sie paßt auf meinen Zustand. Kann ich sie noch? 0.8135593220338984
271 Es war um die zwölfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr und über das matte Flackern der Lampe erschrak, die er zu löschen vergessen hatte. Eine Zeit lang saß er mit halbaufgerichtetem Körper – – Es war um die zwölfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr und über das matte Flackern der Lampe erschrak, die er vergessen hatte zu löschen. Eine Zeitlang saß er mit halbaufgerichtetem Körper – 0.9090909090909091
272 Wörtlich seine Worte wiederzugeben ist schwer. Ich suche in meinen Papieren, vielleicht find ich die Geschichte, [126] die er mir einst, von seiner eigenen Hand geschrieben, schenkte. Wörtlich Cäsar’s Worte wiederzugeben ist schwer. Ich suche in meinen Papieren, vielleicht find’ ich die Geschichte, die er mir einst, von seiner eigenen Hand geschrieben, schenkte. 0.8888888888888888
273 Hier ist sie: Ich habe sie gefunden. 0.16666666666666666
274 Es war um die zwölfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr. Noch flackerte die Lampe, welche er zu löschen vergessen hatte, und zog, wie sie größer oder schwächer wurde, wolkige Kreise an den Wänden seines Zimmers. Eine Zeit lang saß er mit halbaufgerichtetem Körper im Bette und verfolgte dies gespenstische Spiel an den stummen Wänden. Er suchte nach einem Gegenstand für dies Bild: er mußte an die Welt denken, welche draußen schlummerte, und dachte zuerst an Julien. Es war um die zwölfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr. Noch flackerte die Lampe, die er zu löschen [336] vergessen hatte, und zog, wie sie größer oder schwächer wurde, wolkige Kreise an den Wänden seines Zimmers. Eine Zeitlang saß er mit halbaufgerichtetem Körper im Bette und verfolgte dies gespenstische Spiel an den stummen Wänden. Er suchte nach einem Gegenstand für dies Bild: er mußte an die Welt denken, welche draußen schlummerte, und dachte zuerst an Julien. 0.9402985074626866
275 Meine Julie! sprach er still vor sich hin, und erhob sich dann etwas feierlich und mechanisch von seinem Bette. Er hörte die Uhr picken, die auf dem Tische vor dem Spiegel stand. Er sahe sich selbst im Spiegel mit bleichen, geisterhaften Zügen, und mit Augen, welche wie geschlossen schienen. Dann saß er auf dem Sessel vor’m Bett und hatte sich, ohne es zu wollen, angekleidet. Ich werde vor Juliens Fenster gehen und den Vorhang wegheben! flüsterte er vor sich hin, aber nur wie zum Scherz, denn Julie wohnte im dritten Stock. Doch ging er. Meine Julie! sprach er still vor sich hin, und erhob sich etwas feierlich und mechanisch von seinem Bett. Er hörte die Uhr picken, die auf dem Tisch vor dem Spiegel stand. Er sah sich selbst im Spiegel mit bleichen, geisterhaften Zügen und mit Augen, die wie geschlossen schienen. Dann saß er auf dem Sessel vor’m Bett und hatte sich, ohne es zu wollen, angekleidet. Ich werde vor Juliens Fenster gehen und den Vorhang wegheben! flüsterte er vor sich hin, aber nur wie zum Scherz, denn Julie wohnte im dritten Stock. Doch ging er. 0.9014084507042254
276 Die Straßen waren still und öde. Man sieht auf ihnen Niemand, auch Alfred nicht. Wo geht er nur? Aber es ist dunkel, der Mond liegt hinter Wolken, man kann Alfred nicht sehen. Die Straßen waren still und öde. Man sieht auf ihnen Niemand, auch Alfred nicht. Wo geht er nur? Es ist dunkel, der Mond liegt hinter Wolken, man kann Alfred kaum mit Augen verfolgen. 0.7714285714285715
277 [127] Alfred stand vor dem Hause Juliens, ja er hätte schwören mögen, daß er vor ihrem Fenster stand, das im dritten Stocke lag. Es ist nicht möglich, flüsterten seine Gedanken; sie wohnt im dritten Stock; obschon ein kleines Vordach vor dem Fenster liegt, das Moos und Hauslauf anzusetzen pflegt. Die arme Julie! Ich werde fleißiger sein, sie muß künftig im zweiten Stock wohnen. Alfred stand vor dem Hause Juliens, ja er hätte schwören mögen, daß er vor ihrem Fenster stand, das im dritten Stock lag. Es ist nicht möglich, flüsterten seine Gedanken; sie wohnt im dritten Stock; obschon ein kleines Vordach vor dem Fenster liegt, das Moos und Hauslauf anzusetzen pflegt. Die arme Julie! Ich werde fleißiger sein, sie muß künftig im zweiten Stock wohnen. 0.9607843137254902
278 Jetzt war es Alfred, als drückte er an dem Fenster; aber es widerstand. Es war ihm, als klopfte er; aber hinter dem weißen Rouleau brach sich der Schall. Er mußte lächeln über seine lebhafte Einbildungskraft. Wie! dachte er, wenn du ins Haus trittst, die zwei Stiegen hinaufschleichst und an ihre Kammerthüre pochtest. Aber dann mußte er durch des Nachbars Haus, das ihm offen zu stehen schien, mußte über den Garten- und Hofzaun klettern und von dort einzudringen suchen. Und das Alles gelang ihm vortrefflich. Er stand jetzt gleichsam höher als Juliens Wohnung war, was er sich nicht erklären konnte. Da blendete ihn ein Lichtstrahl; ein schnurrender Laut ließ sich hören. Julie hatte das Rouleau aufgezogen, sie stand im Nachthäubchen und mit bloßen Schultern am Fenster, das sie öffnete. Alfred war nun dicht vor ihr. Was ist ihr nur? dachte er; sie erschrickt, sie öffnet den Mund, als wollte sie um Hülfe rufen: was zitterst du, mich zu erkennen, Julie? Alfred! schrie es durch die stille Nachtluft. Alfred aber lag unten mit zerschmettertem Körper auf dem Pflaster der Straße. Alfred war ein Nachtwandler. Julie glaubte [128] nichts gesehen zu haben, als Alfred todt war. Sie legte sich wieder in ihr weißes, weiches Bett und träumte von ihm. Am Morgen erfuhr sie Alles. Sie lebt noch, aber kümmerlich; die Thränen zehren sie auf. Jetzt war es Alfred, als drückte er an dem Fenster; aber es widerstand. Es war ihm, als klopfte er; aber hinter dem weißen Rouleau brach sich der Schall. Er mußte lächeln über seine lebhafte Einbildungskraft. Wie! dachte er, wenn Du in’s Haus trittst, die zwei Stiegen hinaufschleichst und an ihre Kammerthür pochtest. Aber dann mußte er durch des Nachbars Haus, das ihm offen zu stehen schien, mußte über den Garten- und Hofzaun klettern und von dort einzudringen suchen. Und das Alles gelang ihm vortrefflich. Jetzt stand er gleichsam höher als Juliens Wohnung war, was er sich nicht [337] erklären konnte. Da blendete ihn ein Lichtstrahl; ein schnurrender Laut ließ sich hören. Julie hatte das Rouleau aufgezogen, sie stand im Nachthäubchen und mit bloßen Schultern am Fenster, das sie öffnete. Alfred war nun dicht vor ihr. Was ist ihr nur? dachte er; sie erschrickt, sie öffnet den Mund, als wollte sie um Hülfe rufen: was zitterst Du, mich zu erkennen, Julie? Alfred! schrie es durch die stille Nachtluft. Alfred aber lag unten mit zerschmettertem Körper auf dem Pflaster der Straße. Er war ein Nachtwandler. Julie glaubte nichts gesehen zu haben, als Alfred todt war. Sie legte sich wieder in ihr weißes, weiches Bett und träumte von ihm. Am Morgen erfuhr sie Alles. Sie lebt noch, aber wie zur Noth; die Thränen zehren sie auf. 0.9276315789473685
279 Cäsar hat noch immer nicht geschrieben; doch wird sein Brief desto ausführlicher sein. Einstweilen hab’ ich etwas Beruhigung erhalten durch eine Maxime, die empfehlenswerth ist. Das luftige Traumbild des Somnambulismus hat mich gestern darauf gebracht. Nämlich, man nehme einen recht hohen Standpunkt, einen kosmischen oder planetarischen, wie ich ihn nennen möchte. Man thue und lasse nichts, ohne sich im Zusammenhang der Weltordnung zu fühlen. Ich denke, wo ich gehe und stehe, an die Beziehungen der übrigen Himmelskörper zur Erde und abstrahire von Allem, was über diesem kleinen Erdball geschieht, auf das Universum, das Niemand leugnen kann. Und nicht blos im Allgemeinen, sondern ganz im Detail, wie man ißt und schläft. Bei jedem Spaziergange richt’ ich den Blick gen Himmel und forsche in dem blauen Meere nach den versunkenen Sternen, die erst die Nacht sichtbar macht. Ich fühle, wie die Erde unter meinen Füßen kreist und ich gleichsam nur auf ihr stationirt bin, sonst aber dem Allgemeinen angehöre. Wie vielen Stolz das giebt! Ich habe jetzt einen Begriff von der Ruhe des Weisen. Ihn kann nichts erschüttern, denn er hört die Planeten rauschen und fühlt sich als Glied einer großen Wesenkette. O, vielleicht [129] ist noch Hülfe für mich! Ich fange an, mir die Möglichkeit einer zufriedenen Stimmung zu denken. Schreibe nur Cäsar! Cäsar hat noch immer nicht geschrieben; doch wird sein Brief desto ausführlicher sein. Einstweilen habe ich etwas Beruhigung erhalten durch eine Maxime, die empfehlenswerth ist. Das luftige Traumbild des Somnambulismus hat mich gestern darauf gebracht. Man nehme einen recht hohen Standpunkt, einen kosmischen oder planetarischen, wie ich ihn nennen möchte. Man thue und lasse nichts, ohne sich im Zusammenhang der Weltordnung zu fühlen. Ich denke, wo ich gehe und stehe, an die Beziehungen der übrigen Himmelskörper zur Erde und abstrahire von Allem, was über diesem kleinen Erdball geschieht, auf das Universum, das Niemand leugnen kann. Und nicht blos im Allgemeinen, sondern im Detail, wie man ißt und schläft, soll man das thun. Bei jedem Spaziergange richte ich den Blick gen Himmel und forsche in dem blauen Meere nach den versunkenen Sternen, die erst die Nacht sichtbar macht. Ich fühle, wie die Erde unter meinen Füßen kreist und ich gleichsam nur auf ihr stationirt bin, sonst aber dem Allgemeinen angehöre. Wie vielen Stolz giebt das! Ich habe jetzt einen Begriff von der Ruhe des Weisen. Ihn kann nichts erschüttern, denn er hört die Planeten rauschen und fühlt sich als Glied einer [338] großen Wesenkette. O, vielleicht ist noch Hülfe für mich! Ich fange an, mir die Möglichkeit einer zufriedenen Stimmung zu denken. Schriebe nur Cäsar! 0.9337349397590361
280 Jetzt weiß ich, wie in Indien die Bonzen ihre Büßungen möglich machen. Die Abstraktion hebt ihren Stolz; aber sie würden es nicht aushalten können, wenn nicht die Erde gleichsam verschwände und sie nichts übrig behielten, als den gestirnten Himmel und das Gefühl der großen Wesenkette. Ich müßte in die Einsamkeit ziehen. Wenn mich nur Eines nicht verfolgte! Nämlich die Natur und das Grün. Das Siderische und Tellurische im Menschen bekämpfen sich, und wer poetische Stimmungen hat, wird immer der Erde unterliegen. Das Meer, Gebirge und Ströme wirken noch immer siderisch auf uns; denn sie sind das Rückgrat und die großen Zellgewebe der Erde und veranschaulichen die Kugel. Aber das Peinigende ist die stille Nachbarschaft der Blume, die Bescheidenheit der Idylle, die kleine Existenz mit ihren Kornährenkränzen und Abendglocken und Alles, was so nahe zu unserm Herzen spricht, die Offenbarung Gottes, die wir flüstern zu hören glauben, diese große Thatsache, die entweder Täuschung oder Wahrheit und in beiden Fällen unenthüllbar ist. Das Irdische faßt uns wie im Strudel und reißt uns hinunter in den bodenlosen Abgrund, von wo keine Wiederkunft. Jetzt weiß ich, wie in Indien die Bonzen ihre Büßungen möglich machen. Die Abstraction hebt ihren Stolz; aber sie würden es nicht aushalten können, wenn nicht die Erde gleichsam verschwände und sie nichts übrig behielten, als den gestirnten Himmel und das Gefühl der großen Wesenkette. Ich müßte in die Einsamkeit ziehen. Wenn mich nur Eines nicht verfolgte! Die Natur und das Grün. Das Siderische und Tellurische im Menschen bekämpfen sich, und wer poetische Stimmungen hat, wird immer der Erde unterliegen. Das Meer, die Gebirge und die Ströme wirken noch immer siderisch auf uns; sie sind das Rückgrat und die großen Zellgewebe der Erde und veranschaulichen die Kugel. Aber das Peinigende ist dann wieder die stille Nachbarschaft der Blume, die Bescheidenheit der Idylle, die kleine Existenzenwelt mit ihren Kornährenkränzen und Abendglocken und Alles, was so nahe zu unserm Herzen spricht, die Offenbarung Gottes, die wir flüstern zu hören glauben, diese große Thatsache, die entweder Täuschung oder Wahrheit und in beiden Fällen unenthüllbar ist. Das Irdische faßt uns wie im Strudel und reißt uns hinunter in den bodenlosen Abgrund, von wo keine Wiederkunft. 0.9398496240601504
281 [130] Ich las nun Alles, was ich schrieb und zittre, daß ich kaum geschrieben habe, was ich wollte. Eines ist auch ganz unmöglich, geschrieben zu werden: die Verzweiflung und das Gräßliche. Nämlich jene grausamen, blutsaugenden Träume, die mich wachendes Auges überfallen und mich hinausstoßen in eine hohnlachende, von gräßlichen, unnennbaren Dingen drappirte Welt. Wie combinir’ ich! Was für Dinge kommen mir vor die Augen! Ich zittre, während mein Puls ganz richtig und medizinisch schlägt. Muß ich sterben, was verbrach ich, daß mir Raben erscheinen müssen? Ich sehe eine schwarze Halle und einen weiten Sarg. Ein Rumpf fällt von der Decke, wo eine Oeffnung, hinunter in den Sarg und den nachstürzenden Kopf greift unser Arzt auf. Oben muß das Schaffot sein. Der Mann drückt das blutige Haupt stürmisch auf den rauchenden Körper, paßt Fuge auf Fuge, Ader auf Ader, und legt einen Silberreifen um die gierig zusammenklaffenden Ränder beider Theile. Er dreht sich um und Leben, galvanisches Leben regt sich in dem Körper und der Leichnam erhebt sich, ein blasser, schöner Jüngling, und schleicht zur Pforte hinaus. Dort, dort – eine grüne Flur – ein Mädchen, das Rosen bricht und im Schatten der Allee ausruht. Ein bleiches, gespenstisches Bild schleicht zu ihr heran, spricht nicht, sondern lächelt. Sie umarmt ihn, sie scherzt, sie lacht; er hat auf sich warten lassen, er sei untreu, er gehe zu Doris, er gehe zu Galathee, du Lieber! Und sie küßt seinen blassen Mund. – O, röchelt er, drücke nicht! Doch sie hört nicht, sie drückt, der Reifen springt – Jesus, was geht mit mir vor! – Ich werde wahnsinnig. Cäsar! Cäsar! Ich las nun Alles, was ich schrieb, und zittre, daß ich kaum geschrieben habe, was ich wollte. Eines ist auch ganz unmöglich, geschrieben zu werden: die Verzweiflung und das Gräßliche. Nämlich jene grausamen, blutsaugenden Träume, die mich wachenden Auges überfallen und mich hinausstoßen in eine hohnlachende, von gräßlichen, unnennbaren Dingen drapirte Welt. Wie combinire ich! Was für Dinge kommen mir vor die Augen! Ich zittre, während mein Puls richtig und medicinisch schlägt. Muß ich sterben, was verbrach ich, daß mir Raben erscheinen müssen? Ich sehe eine schwarze [339] Halle und einen weiten Sarg. Ein Rumpf fällt von der Decke, wo eine Oeffnung, hinunter in den Sarg und den nachstürzenden Kopf greift unser Arzt auf. Oben muß das Schaffot sein. Der Mann drückt das blutige Haupt stürmisch auf den rauchenden Körper, paßt Fuge auf Fuge, Ader auf Ader, und legt einen Silberreifen um die gierig zusammenklaffenden Ränder beider Theile. Er dreht sich um und Leben, galvanisches Leben regt sich in dem Körper und der Leichnam erhebt sich, ein blasser, schöner Jüngling, und schleicht zur Pforte hinaus. Dort, dort – eine grüne Flur – ein Mädchen, das Rosen bricht und im Schatten der Allee ausruht. Ein bleiches, gespenstisches Bild schleicht zu ihr heran, spricht nicht, lächelt. Sie umarmt ihn, sie scherzt, lacht; er hat auf sich warten lassen, er sei untreu, er gehe zu Doris, er gehe zu Galathee. Dennoch küßt sie seinen blassen Mund. O, röchelt er, drücke nicht! Doch sie hört nicht, sie drückt, der Reifen springt – Jesus, was geht mit mir vor! – Ich werde wahnsinnig. Cäsar! Cäsar! 0.9202127659574468
282 Hier brach Wally’s Tagebuch auf längere Zeit ab. Sie bekam inzwischen das ihr von Cäsar versprochene Glaubensbekenntniß. Es war in das Tagebuch eingeheftet und lautete in Form einer Abhandlung folgendermaßen. Hier brach Wally’s Tagebuch auf längere Zeit ab. Sie bekam inzwischen das ihr von Cäsar versprochene Glaubensbekenntniß. Es war in das Tagebuch eingeheftet und lautete in Form einer Abhandlung folgendermaßen. 1.0
283 [132] Geständnisse über Religion und Christenthum. Geständnisse über Religion und Christenthum. 0.8333333333333334
284 Ich soll über den Glauben der Völker sprechen. Aus dem melancholischen Schweigen des Heidelberger Schlosses hol’ ich mir abendlich die Geheimnisse jener Naturreligion, für die ich glühe. Alles Historische aber, was ich zu fixiren habe, knüpf’ ich an jene kleine Herberge jenseits des Neckar an, wo Luther auf der Reise nach Worms sein Frühstück zu berichtigen vergessen haben soll, ein Frühstück, das der Protestantismus dem Katholicismus so theuer hat bezahlen müssen. Ich soll über den Glauben der Völker sprechen. Aus dem melancholischen Schweigen des Schlosses zu Heidelberg, wo ich mich gerade befinde, hole ich mir abendlich die Geheimnisse jener Naturreligion, für die ich glühe. Alles Historische, was ich zu fixiren habe, knüpfe ich an jene kleine Herberge jenseits des Neckar an, wo Luther auf der Reise nach Worms sein Frühstück zu berichtigen vergessen haben [340] soll, ein Frühstück, das der Protestantismus später dem siegreichen Katholicismus so theuer hat bezahlen müssen. 0.8088235294117647
285 Religion ist Verzweiflung am Weltzweck. Wüßte die Menschheit, wohin ihre Leiden und Freuden tendiren, wüßte sie ein sichtbares Ziel ihrer Anstrengungen, einen Erklärungsgrund für dies wirre Durcheinander der Interessen, für die Tapezierung des Firmaments, für die wechselnde Natur, für Frost, Hitze, Regen, Hagel, Blitz und Donner; sie würde an keinen Gott glauben. In progressiver Entwicklung folgt hieraus dreierlei: der natürliche Ursprung der Religion, die Accomodation der göttlichen Begriffe an den [133] jedesmaligen Bildungsgrad, und zuletzt die Unmöglichkeit historischer Religionen bei steigender Aufklärung. Religion ist Verzweiflung am Weltzweck. Wüßte die Menschheit, wohin ihre Leiden und Freuden tendiren, wüßte sie ein sichtbares Ziel ihrer Anstrengungen, einen Erklärungsgrund für dies wirre Durcheinander der Interessen, für die Tapezierung des Firmaments, für die wechselnde Natur, Frost, Hitze, Regen, Hagel, Blitz und Donner; sie würde an keinen Gott glauben. In progressiver Entwicklung folgt hieraus dreierlei: der natürliche Ursprung der Religion, die Accomodation der göttlichen Begriffe an den jedesmaligen Bildungsgrad, und zuletzt die Unmöglichkeit historischer Religionen bei zunehmender Aufklärung. 0.9558823529411765
286 Dem Begriffe Offenbarung läßt sich vielleicht eine philosophische Unterlage geben, pantheistischer Art; aber im herkömmlichen theologischen Sinne ist die Offenbarung eine Verfälschung der Natur und der Geschichte. Eine Insinuation ist es, sich Gott als Priester zu denken, der im schwarzen Talare zu dem ersten Menschenpaare hinzugetreten wäre und ihm Unterricht gegeben hätte in glaublichen und unglaublichen Dingen! Sie machen aus Gott einen Souverän, einen Patriarchen, einen Geistlichen. Sie lassen Gott in sehr unvollkommnen Sprachen reden, zu Zeiten, wo es an stylistischer Vollkommenheit noch überall fehlte. Niemand war in diesen anthropomorphistischen Consequenzen einer supernaturellen Offenbarung kecker, als die Apostel Jesu; denn: Alle Schrift von Gott eingegeben heißt: in der Lehre von der Inspiration Gott zum Mitschuldigen aller der Solöcismen und incorrekten Construktionen machen, welche sich im griechischen Texte des neuen Testamentes finden. Gewisse Kapitel giebt es in den dogmatischen Systemen unsrer Theologen, die sich besser für Grimm’s Kindermärchen oder Tausend und eine Nacht schicken würden. Dazu gehören die Dogmen von der Offenbarung und Inspiration. Dem Begriffe Offenbarung läßt sich vielleicht eine philosophische Unterlage geben, pantheistischer Art; aber im herkömmlichen theologischen Sinne ist die Offenbarung eine Verfälschung der Natur und der Geschichte. Eine Insinuation ist es, sich Gott als Priester zu denken, der im königlichen Kleide zu dem ersten Menschenpaare hinzugetreten wäre und ihm Unterricht gegeben hätte in glaublichen und unglaublichen Dingen! Sie machen aus Gott einen Souverain, einen Patriarchen, einen Geistlichen. Sie lassen Gott in unvollkommenen Sprachen reden, oder wenigstens zu Zeiten, wo es an stylistischer Vollkommenheit überall noch fehlte. Niemand in diesen anthropomorphistischen Consequenzen einer supernaturellen Offenbarung ging soweit, wie die Apostel Jesu; denn: Alle Schrift von Gott eingegeben heißt: in der Lehre von der Inspiration Gott zum Mitschuldigen aller der Solöcismen und incorrecten Constructionen machen, die sich im griechischen Texte des neuen Testamentes finden. Gewisse Capitel giebt es in den dogmatischen Systemen unserer Theologen, die sich für Grimm’s Kindermärchen oder Tausend und eine Nacht schicken würden. Dazu gehören die Dogmen von der Offenbarung und Inspiration. 0.8076923076923077
287 Je naiver die Völker sind, desto sinnlicher und äußerlicher ihre Begriffe vom Weltzwecke; je gebildeter jene, desto geheimnißreicher diese. Die Verwechselung endlicher und unendlicher Ursachen der Weltregierung lag nahe, und so kam es, daß das Alterthum so viel Historisches in Mystisches, Mystisches wieder in Himmlisches verwandelte. Der Naturmensch versteht die Welt nur so weit, wie sein Auge [134] reicht. Alles, was über den Sehkreis seiner sinnlichen Vorstellungen hinausliegt, scheint ihm die erklärende Veranlassung der Unerklärlichkeiten zu sein, die ihn in nächster Nähe umgeben. Daher die zahllosen Details im Glauben der alten Völker; daher die Uebertreibungen der Phantasie, das Ungeheure in Zahlen und Formbildungen. Die alten Religionen sind so ausschweifend, wie Alles, was man, ich sage nicht, nicht kennt, sondern wie Alles, das man noch nicht gesehen hat. In diesen Unförmlichkeiten Entstellungen alter Ueberlieferungen zu finden, einfache, aber tiefsinnige Keime einer urweltlichen Offenbarung oder auch nur eines heiligen, frommen und simpeln Zeitalters: das heißt von einer kindischen Ansicht, die wir schon erwähnten, nur eine ernsthafte Anwendung machen. Je naiver die Völker sind, desto sinnlicher und äußerlicher ihre Begriffe vom Weltzweck; je gebildeter jene, desto geheimnißreicher diese. Die Verwechselung endlicher und unendlicher Ursachen der Weltregierung lag nahe, und so kam es, [341] daß das Alterthum so viel Historisches in Mystisches, Mystisches wieder in Himmlisches verwandelte. Der Naturmensch versteht die Welt nur so weit, wie sein Auge reicht. Alles, was über den Sehkreis seiner sinnlichen Vorstellungen hinausliegt, scheint ihm die erklärende Veranlassung der Unerklärlichkeiten zu sein, die ihn in nächster Nähe umgeben. Daher die zahllosen Details im Glauben der alten Völker; daher die Uebertreibungen der Phantasie, das Ungeheure in Zahlen und Formbildungen. Die alten Religionen sind so ausschweifend, wie Alles, was man, ich sage nicht, nicht kennt, sondern wie Alles, was man noch nicht gesehen hat. In diesen Unförmlichkeiten Entstellungen alter Ueberlieferungen zu finden, einfache, aber tiefsinnige Keime einer urweltlichen Offenbarung oder auch nur eines heiligen, frommen und simpeln Zeitalters: das würde nur heißen: von einer kindischen Ansicht, die wir schon erwähnten, eine ernsthafte Anwendung machen. 0.9457364341085271
288 Das klassische Alterthum hatte den schönsten Ausdruck für das religiöse Prinzip der alten Welt; Religion ist Alles, was man entweder selbst nicht ist oder selbst nicht kennt. Die Griechen, mit ihren östlichen Ahnen und deren architektonischen Vorstudien der vollendeteren heidnischen Idee, die Griechen setzten die Religion in die Kunst, sie setzten sie in das, was im Ungewissen immer das Gewisse ist, in das Maaß aller Dinge, in den Menschen. Man konnte eine einseitige Idee nicht schöner ausdrücken und konnte doch zu gleicher Zeit nicht – tiefer sinken. Wenn die Menschheit nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen ist, so war sie jetzt da wieder angekommen, von wo sie ausging. Wir werden uns, so lange die Erde kreist, in Cirkeln bewegen. Hier war ein Cirkel, dessen Anfang sich in sein Ende zurückbog. Das classische Alterthum hatte den schönsten Ausdruck für das religiöse Princip der alten Welt; Religion ist Alles, was man entweder selbst nicht ist oder selbst nicht kennt. Die Griechen, mit ihren östlichen Vorfahren und deren architektonischen Vorstudien der später vollendeteren heidnischen Idee, die Griechen setzten die Religion in die Kunst, in das, was im Ungewissen immer das Gewisse ist, in das Maß aller Dinge, den Menschen. Man konnte eine einseitige Idee nicht schöner ausdrücken und nicht zu gleicher Zeit – tiefer sinken. Wenn die Menschheit nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen ist, so war sie da wieder angekommen, von wo sie ausgegangen. Wir werden uns, so lange die Erde kreist, in Zirkeln bewegen. 0.7647058823529411
289 [135] Wäre das Heidenthum ohne Cultus gewesen, warum hätte die Menschheit nicht an ihm Genüge finden sollen? Aber die Priester der Religionen pflegen immer diejenigen zu sein, welche ihre Religionen selbst untergraben. Könnten sich die Religionen von Gebräuchen, Aeußerlichkeiten, von der Zudringlichkeit ihrer berufenen und verordneten Diener frei erhalten, so würden sie eine längere Dauer in Anspruch nehmen dürfen. Das Heidenthum war Poesie und bildende Kunst, war Veredlung der Sinnlichkeit, war Gestaltung der rohen Materie; Julian, der Apostat, fühlte es wohl, daß die Götter Griechenlands einen Mann von Geschmack befriedigen konnten. Das Heidenthum war tolerant. Es war die friedfertigste Religion von der Welt, so lange sie nicht nöthig hatte, um ihre Existenz zu kämpfen. Das Heidenthum wurde erst blutig, verfolgungssüchtig, ich möchte sagen, christlich erst da, als ein sonderbarer Aberglauben zur Aufwiegelung der Völker gepredigt wurde, als sich gleißnerische Frömmler in die Gemächer der Fürstinnen schlichen und eine Gottesherrschaft, eine Religion, die nicht Friede, sondern das Schwert brachte, eine politische Revolution zu verbreiten suchten. Der Ursprung dieses Ereignisses kam aber auf folgendes zurück. Wäre das Heidenthum ohne Cultus gewesen, warum hätte die Menschheit nicht an ihm Genüge finden sollen? Aber die Priester der Religionen pflegen Diejenigen zu sein, die ihre Religionen selbst untergraben. Könnten sich die Religionen von Gebräuchen, Aeußerlichkeiten, von der Zudringlichkeit ihrer berufenen und verordneten Diener frei erhalten, vollends von weltlichem Machtbegehr, so würden sie eine längere Dauer in Anspruch nehmen dürfen. Das Heidenthum war Poesie und bildende Kunst, Veredlung der [342] Sinnlichkeit, Gestaltung der rohen Materie; Julian, der Apostat, fühlte es wol, daß die Götter Griechenlands einen Mann von Geschmack befriedigen konnten. Das Heidenthum war tolerant. Es war die friedfertigste Religion von der Welt, so lange sie nicht nöthig hatte, um ihre Existenz zu kämpfen. Das Heidenthum wurde erst blutig, verfolgungssüchtig, ich möchte sagen, christlich, als ein sonderbarer Aberglaube zur Aufwiegelung der Völker gepredigt wurde, als sich gleißnerische Frömmler in die Gemächer der Fürstinnen schlichen und eine Gottesherrschaft, eine Religion, die nicht Friede, sondern das Schwert brachte, eine politische Revolution zu verbreiten suchten. Der Ursprung dieses Ereignisses kam auf Folgendes zurück. 0.8796992481203008
290 In Judäa, einem barokken Lande, trat ein junger Mann, Namens Jesus, auf, der durch eine Verwirrung seiner Ideen auf den Glauben kam, er sei schon seinen Vorfahren als Befreier der Nation, der er angehörte, verkündigt worden. Jesus war aus Nazareth gebürtig, unehelichen Ursprungs, Stiefsohn eines braven Zimmermanns, Namens Joseph. Jesus beschäftigte sich viel mit den Schriften [136] der jüdischen Literatur, reiste, unterrichtete sich und strebte mit edler Selbstüberwindung nach einer stoischen Sittenreinheit. Jesus fühlte, daß eine Mission an sein Herz pochte. Es war ihm, als müßte er einen Auftrag erfüllen, über den er Zeit seines Lebens nicht im Klaren war. Er adoptirte den Glauben an einen verheißenen König, der seine eitle Nation zur Herrscherin der Welt machen würde: er erschrack aber selbst vor dieser übermüthigen Verheißung, welche einer wahren Idee Gottes gänzlich unwürdig war. Jesus wußte selbst da noch nicht, wohinaus, als er die ersten unbesonnenen Schritte gethan, als er seinen Freund Johannes auf Kundschaft und Prüfung der Menge vorausgesandt hatte; er wurde Rabbi, ein erlaubter Volkslehrer, er nahm Schüler zu sich, er predigte Buße und gottseligen Wandel, predigte das reine, das Urjudenthum des Moses, er nannte sich Messias und stritt nirgends gegen die falsche Auslegung seiner Absicht, nirgends gegen die Begriffe, welche man in Judäa mit dem Messias verband. Nicht einmal des Römischen Joches erwähnte Jesus; er scheint gefühlt zu haben, daß der Messias nur eine theologische Bedeutung haben könne, richtete aber doch seine Invektiven auch gegen die politische Verfassung in Jerusalem, gegen den hohen Rath und gegen Priester, die er einer zu ihrem Frommen falschen Auslegung der alten Bücher bezüchtigte. Inzwischen mehrte sich hierüber die Unruhe, Jesus zog mit Tausenden durch das Land, hielt einen gewaltsamen Einzug in Jerusalem, vergriff sich thätlich an dem Tempel, dem Nationalheiligthume der Juden, und fiel als ein Opfer seiner falschen Berechnung und innerlichen Unklarheit. Er hatte dem trägen Volke Energie zugetraut: es verließ ihn, [137] wie Thomas Müntzern, als er keine Wunder thun konnte, wie zahllose Revolutionäre alter und neuer Zeit, da sie die Hülfe nicht brachten, die sie versprachen. Jesus wurde gekreuzigt. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ rief er und starb. Jesus war nicht der größte, aber der edelste Mensch, dessen Namen die Geschichte aufbewahrt hat. In Judäa, einem in vielem Betracht einzigen, aber auch barokken Lande, trat ein junger Mann, Namens Jesus, auf, der auf den Glauben kam, er sei schon seinen Vorfahren als Befreier der Nation, der er angehörte, verkündigt worden. Jesus war aus Nazareth gebürtig, unehelichen Ursprungs, Stiefsohn eines braven Zimmermanns, Namens Joseph. Jesus beschäftigte sich viel mit den Schriften der jüdischen Literatur, reiste, unterrichtete sich und strebte mit edler Selbstüberwindung nach stoischer Sittenreinheit. Jesus fühlte, daß eine Mission an sein Herz pochte. Es war ihm, als müßte er einen Auftrag erfüllen, über den er Zeit seines Lebens nicht im Klaren war. Er adoptirte den Glauben an einen verheißenen König, der seine eitle Nation zur Herrscherin der Welt machen würde: er erschrak aber selbst vor dieser übermüthigen Verheißung, die einer wahren Idee Gottes unwürdig war. Jesus wußte selbst da noch nicht, wohinaus, als er die ersten unbesonnenen Schritte gethan, seinen Freund Johannes auf Kundschaft und Prüfung der Menge vorausgesandt hatte; er wurde Rabbi, erlaubter Volkslehrer, nahm Schüler zu sich, predigte Buße und gottseligen Wandel, predigte das reine, das Urjudenthum des Moses, nannte sich Messias und stritt nirgends gegen die Begriffe, die man in Judäa mit dem Messias verband. Nicht einmal des römischen Joches erwähnte Jesus; er scheint gefühlt zu haben, daß der Messias nur eine theologische Bedeutung haben konnte, [343] richtete aber seine Invectiven auch gegen die politische Verfassung in Jerusalem, gegen den hohen Rath, gegen Priester, die er einer zu ihrem Frommen falschen Auslegung der alten Bücher bezüchtigte. Inzwischen mehrte sich hierüber die Unruhe, Jesus zog mit Tausenden durch das Land, hielt einen gewaltsamen Einzug in Jerusalem, vergriff sich thätlich am Tempel, dem Nationalheiligthume der Juden, und mußte als ein Opfer falscher Berechnung seiner Kräfte und innerlichen Unklarheit zu Grunde gehen. Er hatte dem trägen Volke Energie zugetraut: es verließ ihn, wie Thomas Müntzern, als er keine Wunder thun konnte, wie zahllose Revolutionäre alter und neuer Zeit, wenn sie die Hülfe nicht brachten, die sie versprochen hatten. Jesus wurde gekreuzigt. „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ rief er bedeutungsvoll genug und starb. Jesus war nicht der größte, aber vielleicht der edelste Mensch, dessen Namen die Geschichte aufbewahrt hat. 0.8560311284046692
291 Dies ist der historische Kern eines Ereignisses, aus welchem spätere Zeiten ein episches Gedicht machten mit Wundern und einer ganz fabelhaften Göttermaschinerie. Eine kleine Anekdote wurde welthistorisch. Die französische Revolution hinterließ ebenso eine Menge von politischen Wahrheiten, welche im Ansehen geblieben sind, selbst wenn jene weniger glücklich von Statten gegangen wäre. So kam es auch, daß die verunglückte Revolution des Schwärmers Jesu etwas zurückließ, was zuletzt eine Religion wurde. Sollte hier zum ersten Male ein kleines, zufälliges Faktum den Anstoß zu einer großen Bewegung gegeben haben? Nein, die Folgen jener Historie mögen so umfassend gewesen sein, wie sie es waren, so kann davon nichts auf die Naivetät der Historie selbst zurückfallen. Jesus war in Rücksicht auf den jüdischen Messiasglauben nicht der rechte Messias, sondern ein falscher, so gut wie Theudas, Judas Galiläus und Bar Kochba. In Rücksicht auf die Weltgeschichte war er desgleichen nicht mehr; nur daß seine Anhänger zufällig von der Zeit, von dem unsinnigen Heidenritus, von der Sucht des Geheimnisses nutzten. Das Ereigniß, das allen den folgenden Begebenheiten und Revolutionen zum Grunde lag, steht an und für sich betrachtet auf keiner höhern Stufe, als die Lebensumstände des Pythagoras, Zoroaster oder Sokrates. Dies ist der historische Kern eines Ereignisses, aus welchem spätere Zeiten ein episches Gedicht gemacht haben, mit Wundern und einer fabelhaften Göttermaschinerie. Eine kleine Anekdote wurde dann durch Zufall welthistorisch. Die französische Revolution hinterließ ebenso eine Menge politischer Wahrheiten, die im Ansehen geblieben sind, selbst wenn jene weniger glücklich von Statten gegangen wäre. So kam es auch, daß die verunglückte Revolution des Schwärmers Jesu etwas zurückließ, was zuletzt eine Religion wurde. Sollte hier zum ersten Male ein kleines, zufälliges Factum den Anstoß zu einer großen Bewegung gegeben haben? Nein, die Folgen jener Historie mögen so umfassend gewesen sein, wie sie es waren, so kann davon nichts auf die Naivetät der Historie selbst zurückfallen. Jesus war in Rücksicht auf den jüdischen Messiasglauben nicht der rechte Messias, sondern ein falscher, so gut wie Theudas, Judas Galiläus und Bar Kochba. In Rücksicht auf die Weltgeschichte war er desgleichen nicht mehr; nur daß seine Anhänger zufällig von der Zeit, vom unsinnigen Heidenritus, von der Sucht des Geheimnisses Nutzen zogen. Das Ereigniß, das allen den folgenden Begebenheiten und Revolutionen zu Grunde lag, steht an und für sich be-[344]trachtet auf keiner höhern Stufe, als die Lebensumstände des Pythagoras, Zoroaster oder Sokrates. 0.8902439024390244
292 [138] Jesus war Jude. Er dachte nicht daran, eine neue Religion zu stiften. Es war bei ihm weder von einer Aufhebung noch von einer Erweiterung des Judenthums die Rede. Er sagte selbst, daß er nicht gekommen sei, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen; ein Ausdruck, der freilich im griechischen Texte mehr sagt, als das bloße: Befolgen, aber nicht über den Begriff eines vollkommnen, in allen seinen Bezügen verstandenen Judenthums hinausgeht. Da war auch nicht eine einzige neue Lehre, welche Jesus brachte. Enthüllte er tiefer die Geheimnisse Gottes? Nein, er kennt nur jenen pädagogischen Gott des Judenthums, den Gott der Strafe oder der Liebe. Waren seine Andeutungen über die Unsterblichkeit neu? Sie waren es, der dunkeln und zweifelhaften Lehre des Alten Testaments gegenüber: aber seit dreihundert Jahren glaubten die Juden an die Fortdauer nach dem Tode aus eignem Antriebe: die Pharisäer hatten daraus das Feldgeschrei ihrer Partheimeinung gemacht. Was blieb demnach im Munde Jesu übrig? Eine Moral, welche allerdings veredelnde Kraft hat, aber nie mehr giebt und geben will, als das lautre Judenthum. Die Moral Jesu hält sich immer dicht bei den Gebräuchen des Ceremonialgesetzes, und ist nur darin charakteristisch, daß sie für den äußern Ritus innerlich entsprechende Gesinnungen forderte. Jesus lehrte: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst! So lehrte schon Moses; aber der Stifter einer neuen Religion mußte sagen: Liebe deinen Nächsten mehr, als dich selbst! Daraus schließt man, daß Jesus eine Erscheinung war, die einzig und allein der Geschichte, keineswegs aber der Religion oder Philosophie angehörte. Jesus war Jude. Er dachte nicht daran, eine neue Religion zu stiften. Es war bei ihm weder von einer Aufhebung noch von einer Erweiterung des Judenthums die Rede. Er sagte selbst, daß er nicht gekommen sei, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen; ein Ausdruck, der zwar im griechischen Texte mehr sagt, als das bloße: Befolgen, aber nicht über den Begriff eines vollkommnen, in allen seinen Bezügen allein verstandenen Judenthums hinausgeht. Da war auch nicht eine einzige neue Lehre, die Jesus brachte. Enthüllte er tiefer die Geheimnisse Gottes? Nein, er kennt nur jenen pädagogischen Gott des Judenthums, den Gott der Strafe oder der Liebe. Waren seine Andeutungen über die Unsterblichkeit neu? Sie waren es, der dunkeln und zweifelhaften Lehre des Alten Testaments gegenüber: aber seit dreihundert Jahren glaubten die Juden an die Fortdauer nach dem Tode aus eigenem Antriebe: die Pharisäer hatten daraus die Parole ihrer Partheimeinung gemacht. Was blieb demnach im Munde Jesu übrig? Eine Moral, die allerdings veredelnde Kraft hat, aber nie mehr giebt und geben will, als das lautre Judenthum. Die Moral Jesu hält sich immer dicht bei den Gebräuchen des Ceremonialgesetzes, und ist nur darin charakteristisch, daß sie für den äußern Ritus innerlich entsprechende Gesinnungen forderte. Jesus lehrte: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! So lehrte schon Moses. Der Stifter einer neuen Religion mußte sagen: Liebe Deinen Nächsten mehr, als Dich selbst! Daraus schließt man, daß Jesus eine Erscheinung war, die einzig und allein der Geschichte,] Geschichte; nicht eigentlich der Religion oder Philosophie hätte angehören sollen. 0.8956043956043956
293 [139] Thörichter Glaube, das Neue Testament für die Grundlage einer Religion anzusehen, für ein Buch, das geschrieben worden wäre, um symbolischen Werth zu haben! Der Canon ist nichts als die erste Erscheinung des Christenthums selbst. Das Christenthum, als Idee, liegt darüber hinaus: das heißt, vage Begriffe über ein gescheitertes historisches Ereigniß wurden von Männern getragen, die dabei betheiligt gewesen waren. Die Apostel hatten die Fähigkeit nicht gehabt, eine Begebenheit zu verstehen, welche mit sich selbst in Widersprüchen lag; sie konnten sich nur der Wirksamkeit nicht entschlagen, welche eine so bedeutende Persönlichkeit, wie die ihres Lehrers, auf sie ausübte: sie glaubten seinen Behauptungen, daß er der Messias wäre und fanden bei der Verbreitung dieser Ansicht darin eine Unterstützung, daß Jesus seine baldige Wiederkunft versprochen hatte. So entspann sich ein romantisches Mythengewebe von Wundern, subjektiven, die Jesus verrichtet habe, objektiven, die an ihm selbst geschehen wären. Die Apostel übersahen, wie sehr die Mehrzahl dieser Wunder, welche eher auf einen Eskamoteur, als auf einen Propheten schließen lassen, (ich erinnere nur an die Fabel von dem Stater im Leibe eines Fisches) das göttliche Gepräge ihrer Erzählungen verwischte. Ja, sie wußten nicht einmal, wieviel sie moralisch wagten, alle ihre Behauptungen wechselseitig ohne Prüfung anzunehmen. Denn das Alterthum war überall auf das Außerordentliche gerichtet und konnte sich keine große Begebenheit ohne Abweichungen von dem natürlichen Laufe der Dinge erklären. Auffallend bleibt es indessen, daß die Apostel selbst im Neuen Testamente so wenig scharf und präcis als Verbreiter der Lehre Jesu auftraten, daß erst Andere meist ein Amt übernahmen, [140] was ihnen vor Allen zukam. Hätten sie wirklich den Leichnam Jesu gestohlen? Dann klänge dies Stillschweigen fast wie böses Gewissen. Hierüber mag ich nichts entscheiden: nur dies scheint fest, daß die Apostel Menschen von geringem Verstande waren, daß sie überhaupt viel Aehnlichkeit mit unsern Theologen hatten und daß es gar nicht ohne typische Vorbedeutung war, wenn neben der Krippe Jesu gleich ein Ochs und ein Esel standen. Thörichter Glaube, das Neue Testament für die Grundlage einer Religion anzusehen, ein Buch, das geschrieben worden wäre, um symbolischen Werth zu haben! Der Canon ist nichts als die erste Erscheinung des Christenthums. Das Christenthum, als Idee, liegt weit darüber hinaus: das heißt, vage Begriffe über ein gescheitertes historisches Ereigniß wurden von Männern weiter getragen, die dabei betheiligt [345] gewesen. Die Apostel hatten die Fähigkeit nicht, eine Begebenheit zu verstehen, die mit sich selbst in Widersprüchen lag; sie konnten sich nicht der Wirkung entschlagen, die eine so bedeutende Persönlichkeit, wie die ihres Lehrers, auf sie ausübte: sie glaubten seinen Behauptungen, daß er der Messias wäre und fanden bei der Verbreitung dieser Ansicht eine Unterstützung in dem Umstand, daß Jesus seine baldige Wiederkunft versprochen hatte. So entspann sich ein romantisches Mythengewebe von Wundern, subjectiven, die Jesus verrichtet haben sollte, objectiven, die an ihm selbst geschehen wären. Die Apostel übersahen, wie sehr die Mehrzahl dieser Wunder, die eher auf einen Eskamoteur, als auf einen Propheten schließen lassen (ich erinnere nur an die Fabel von dem Stater im Leibe eines Fisches), das göttliche Gepräge ihrer Erzählungen verwischte. Ja, sie wußten nicht einmal, wie viel sie moralisch wagten, alle ihre Behauptungen wechselseitig ohne Prüfung anzunehmen. Denn das Alterthum war überall auf das Außerordentliche gerichtet und konnte sich keine große Begebenheit ohne Abweichungen vom natürlichen Laufe der Dinge erklären. Auffallend bleibt es indessen, daß die Apostel selbst im Neuen Testamente so wenig scharf und präcis als Verbreiter der Lehre Jesu auftraten, daß meist erst Andere ein Amt übernahmen, das ihnen vor Allen zukam. Hätten sie wirklich den Leichnam Jesu geraubt? Dann klänge dies Stillschweigen fast wie ein böses Gewissen. Hierüber mag ich nichts entscheiden: nur dies scheint fest, daß die Apostel Menschen von geringem Verstande waren, daß sie überhaupt viel Aehnlichkeit mit unseren Theologen hatten und daß es nicht ohne typische Vorbedeutung war, wenn neben der Krippe Jesu Ochs und Esel standen. 0.8888888888888888
294 Diejenigen unter den Anhängern Jesu, welche, ich sage nicht, logische Schlüsse machen, doch wenigstens begreifen konnten, wie z. B. der von den Theologen gern zu einem tiefsinnigen Philosophen gestempelte Paulus, befolgten in der Stiftung einer neuen Sekte den Gang, daß sie in Jesu nur die Neuerung anerkannten. Sie rissen seine Erscheinung als etwas Isolirtes vom Gesetze los. Sie machten aus polizeilichen Differenzen ihres Lehrers mit der Synagoge absichtliche, dogmatische, religionsstiftende. Eine übermüthige Exegese, welche die Stellen des Alten Testaments in einem sträflich verkehrten Sinne auf Jesus bezog, mußte ihre Absichten unterstützen. Jesus wurde ein Wunderthäter und er machte als solcher unter den Heiden ein Glück, das Apollonius von Tyana auch gehabt hätte, wäre ihm Jesus nicht in der Zeit zuvorgekommen. Die geringe Philosophie, die hinzu kam, alle diese Märchen zu erklären und in einen dogmatischen Zusammenhalt zu bringen, waren die Unterscheidungen zwischen physischer und psychischer Natur, zwischen Fleisch und Geist, zwischen dem Gesetz und der Freiheit. Wahrlich, eine Religion mußte diese Einfachheit haben, um so um sich zu greifen, wie es das Christenthum that! Diejenigen unter den Anhängern Jesu, welche, ich sage nicht, logische Schlüsse machen, doch wenigstens begreifen konnten, wie z. B. Paulus, der von den Theologen gern zu einem tiefsinnigen Philosophen gestempelt war und wahrlich des Unfaßbaren viel geschrieben hat, befolgten in der Stiftung einer neuen Secte den Gang, daß sie in Jesu nur die Neuerung anerkannten. Sie rissen seine Erscheinung als etwas Isolirtes vom Gesetze los. Sie machten aus polizei-[346]lichen Differenzen ihres Lehrers mit der Synagoge absichtliche, dogmatische, religionsstiftende. Eine übermüthige Exegese, die Stellen des Alten Testaments in einem sträflich verkehrten Sinne auf Jesus beziehend, mußte ihre Absichten unterstützen. Jesus wurde ein Wunderthäter und er machte als solcher unter den Heiden ein Glück, das Apollonius von Tyana ebenfalls gehabt hätte, wenn er den Vorrang der Neuheit gehabt hätte. Die geringe Philosophie, die hinzukam, alle diese Märchen zu erklären und in einen dogmatischen Zusammenhalt zu bringen, waren die Unterscheidungen zwischen physischer und psychischer Natur, zwischen Fleisch und Geist, zwischen dem Gesetz und der Freiheit. Wahrlich, eine Religion mußte diese Einfachheit haben, um so um sich zu greifen, wie es das Christenthum that! 0.8266666666666667
295 [141] Das Christenthum ist eine Religion der Persönlichkeit. Moses war doch nur der Sendling Gottes, Muhamed Allahs Prophet, sie ließen sich keine göttliche Ehre erweisen! Sehet hier eine Religion, deren unwillkürlicher Stifter von einigen verworrenen Köpfen mit Gott selbst verwechselt wurde, eine Religion, die nichts für ihren Gegenstand und Alles für ihren ersten Priester thut! Jede allgemeine, jede Weltreligion muß unabhängig von irgend einem Namen sein, und im Christenthum ist man heute noch nicht einig, welche Ehre Gott, welche Jesu gebührt. Welch ein Glaube! Wir sind nicht ohne Poesie, wir schwärmen gern, weil wir in jedem Hauche der Natur einen Kuß der Gottheit wähnen und würden recht unglücklich sein, wenn wir nicht zuweilen auf unsern herben Lebenswein ein Rosenblatt der Illusion legen dürften; ein Rosenblatt, das uns in den Mund kommt und zu trinken hindert, und das wir doch nicht missen möchten. Aber hier überschreitet eine Zumuthung die Linie des Erträglichen. Das Christenthum wurzele nicht in Jesu Lehre, sondern in seinem Leben: nicht die Liebe sei es, sagen sie, die er im Abendmahle eingesetzt habe, sondern sein Fleisch und Blut, seine eigne Persönlichkeit, die nun immerdar sollte gegessen und getrunken werden. Auf die individuellen Begegnisse eines unglücklichen Menschen wird eine Religion gebaut, eine Dogmatik, die sich nicht um die Worte seines Mundes kümmert, sondern seine Fußtapfen als Paragraphenzeichen nimmt, seine Nägelmaale als Kapiteleinschnitte: kurz das Christenthum ist eine Religion, die auf eines Menschen körperlichen Verrichtungen und Leiden gegründet ist, eine Religion, die das objektive Evangelium eines Menschen predigt. Armer Rabbi von Nazareth! Statt, daß [142] sie weinen sollten über dein wehmüthiges Schicksal, freuen sie sich deines Todes und haben ihn lachendes Muthes im Munde! Die Kreuzigung Jesu wird gar nicht mehr historisch nachempfunden; sondern da Alles in des unglücklichen Mannes Leben typisch und als Nothwendigkeit gedeutet wird, so geht die Theilnahme und das Mitleiden bei den Frommen fast gleichgültig an dem Schmerze vorüber und sieht am Charfreitage immer nur Ostern, bei einem Sterbenden immer eine grausame Hand, die ihm das Kissen unter’m Kopfe wegzieht, damit er schneller sterbe, damit er schneller auferstünde! Das Crucifix ist eine Zierrath geworden, die man im Ohre, nicht im Herzen hängen hat. Das Christenthum ist eine Religion der Persönlichkeit. Moses war doch nur der Sendling Gottes, Muhamed Allah’s Prophet, sie ließen sich keine göttliche Ehre erweisen! Sehet hier eine Religion, deren unwillkürlicher Stifter von seinen Anhängern mit Gott selbst verwechselt wurde, eine Religion, die nichts für ihren Gegenstand und Alles für ihren ersten Priester thut! Jede allgemeine, jede Weltreligion muß unabhängig von irgend einem Namen sein, und im Christenthum ist man heute noch nicht einig, welche Ehre Gott, welche Jesu gebührt. Welch ein Glaube! Wir sind gewiß nicht ohne Poesie, wir schwärmen gewiß gern, weil wir in jedem Hauche der Natur einen Kuß der Gottheit wähnen und würden recht unglücklich sein, wenn wir nicht zuweilen auf unsern herben Lebenswein ein Rosenblatt der Illusion schwimmen sähen; ein Rosenblatt, das uns in den Mund kommt und zu trinken hindert, und das wir doch nicht missen möchten. Aber hier überschreitet eine Zumuthung die Linie des Erträglichen. Das Christenthum wurzelte nicht in Jesu Lehre, sondern in seinem Leben. Nicht die Liebe sei es, sagen sie, die er im Abendmahl eingesetzt habe, sondern sein Fleisch und Blut, seine eigene Persönlichkeit, die nun immerdar sollte gegessen und getrunken werden. Auf die individuellen Begegnisse eines unglücklichen Menschen wird eine Religion gebaut, eine Dogmatik, die sich nicht um die Worte seines Mundes kümmert, [347] sondern seine Fußtapfen als Paragraphenzeichen nimmt, seine Nägelmaale als Kapiteleinschnitte: kurz das Christenthum ist eine Religion, die auf eines Menschen körperliche Verrichtungen und Leiden gegründet ist, eine Religion, die das objective Evangelium eines Menschen predigt. Armer Rabbi von Nazareth! Statt, daß sie weinen sollten über Dein wehmüthiges Schicksal, freuen sie sich im sogenannten „Erlösungsbedürfniß“ Deines Todes und haben ihn lachendes Muthes im Munde! Die Kreuzigung Jesu wird kaum noch historisch nachempfunden; sondern da Alles in des unglücklichen Mannes Leben typisch und als Nothwendigkeit gedeutet wird, so geht die Theilnahme und das Mitleiden bei den Frommen fast gleichgültig an dem Schmerze vorüber und sieht am Charfreitage immer nur Ostern, bei einem Sterbenden gleichsam immer eine Hand, die ihm das Kissen unterm Kopfe wegzieht, damit er schneller sterbe, damit er schneller auferstünde! Das Crucifix ist eine Zierrath geworden, die man im Ohre, nicht im Herzen hängen hat. 0.86
296 Die große imponirende Gewalt des Christenthums liegt in seiner welthistorischen Ausdehnung. Nicht, daß ich dieser Lehre die Umgestaltung Europa’s zuschriebe, nicht, daß ich so ungerecht gegen Gott wäre und behauptete, er habe ohne die Ideen einiger palästinensischen Fischer und Teppichfabrikanten die Welt nicht auf diesen Gipfel der Cultur bringen können: nein, schon dadurch wird die christliche Idee geschwächt, daß sich die germanischen Völker für sie interessirten und ihre eigne welthistorische Prädestination in jene Lehre legten und das Christuskind als St. Christoph durch das Weltmeer trugen. Das Einzige, was mich an das Christenthum kettet, ist ein magischer mit Blut beschriebener Kreis; jene schreckhaften Verfolgungen, denen der neue Glaube ausgesetzt war, jene Hekatomben, die das Christenthum dem Heidenthum opfern mußte, die Männer, Weiber, Kinder, die zu Tausenden hingemordet wurden – das preßt an die Kammern des Gehirns: die Fibern des Nachdenkens ziehen sich zitternd in ihren Versteck, das [143] brennt und schmerzt, wenn man Sinn für Historie, Sinn für die Leiden der Menschheit hat! Nur jener Blutströme wegen bin ich gewissermaßen Christ, weil meine Religion auch die des Schmerzes und mein Cultus der Muth ist. Ich würde nicht rathen, eher ein neues Bekenntniß abzulegen, ehe man nicht im Begriffe und in der Lage ist, dafür dasselbe auszustehen, was das alte Bekenntniß gekostet hat. Die große imponirende Gewalt des Christenthums liegt in seiner welthistorischen Ausdehnung. Nicht, daß ich dieser Lehre die Umgestaltung Europas zuschriebe, nicht, daß ich so ungerecht gegen Gott wäre und behauptete, er hätte ohne die Ideen einiger palästinensischen Fischer und Teppichfabrikanten die Welt nicht auf diesen Gipfel der Cultur bringen können, auf dem sie jetzt steht: nein, schon dadurch wird die christliche Idee geschwächt, daß sich die germanischen Völker für sie interessirten und ihre eigene welthistorische Prädestination in jene Lehre legten und das Christuskind als St. Christoph durch das Weltmeer trugen. Das Einzige, was mich an das Christenthum kettet, ist ein magischer, mit Blut beschriebener Kreis; jene schreckhaften Verfolgungen, denen der neue Glaube ausgesetzt war, jene Hekatomben, die das Christenthum dem Heidenthum opfern mußte, die Männer, Weiber, Kinder, die zu Tausenden hingemordet wurden – das preßt an die Kammern des Gehirns, da ziehen sich die Fibern des Nachdenkens zitternd in ihren Versteck, das brennt und schmerzt, wenn man Sinn für Historie, für die Leiden der Menschheit hat! Nur um jener Blutströme bin ich gewissermaßen [348] Christ, weil meine wahre Religion allerdings ebenfalls die des Schmerzes und mein Cultus der Muth ist. Ich würde nicht rathen, eher ein neues Bekenntniß abzulegen, ehe man nicht im Begriff und in der Lage ist, dafür dasselbe auszustehen, was das alte Bekenntniß gekostet hat. 0.9024390243902439
297 Bis hieher konnte noch von einem Christenthum die Rede sein. Als der Begriff Kirche erfunden war, als Concilien und Würdenträger eingesetzt wurden, da hatte sich die Lehre Jesu in eine neue Art von Heidenthum verwandelt, in Mythologie auf der einen, Aristotelismus auf der andern Seite. Zwischen beiden wucherte die Mystik, keine ursprünglich christliche Pflanze, sondern arabisch-jüdisch-cabbalistisches Gewächs, das in der Philosophie als Platonismus wieder zum Vorschein kam. Das Christenthum, insofern es von Priestern und Mönchen repräsentirt wurde, war auch nicht einmal eine Religion mehr, sondern nur noch Vorwand einer politischen Tendenz des Zeitalters. Die Hierarchie umgürtete sich mit dem Schwerte und fluchte wie ein Landsknecht. Das Christenthum war nun doch ein Reich von dieser Welt geworden. Wann gab es eine Religion, die in tausend Jahren mit so disparaten Anomalieen sich äußern konnte? Der Islam ist zwölfhundert Jahre alt und noch weht die grünseidne Fahne des Propheten, wie damals, als er aus der Wüste zog. Man hatte Jesus gegen seine Absicht zum Stifter einer Religion machen wollen. Jesus hatte sich gerächt. Die falsche Auslegung seiner Mission war gescheitert. Bis hieher konnte noch von einem Christenthum die Rede sein. Als der Begriff Kirche erfunden worden war, als Concilien und Würdenträger eingesetzt wurden, da hatte sich die Lehre Jesu in eine neue Art von Heidenthum verwandelt, in Mythologie auf der einen, Aristotelismus auf der andern Seite. Zwischen beiden wucherte die Mystik, keine ursprünglich christliche Pflanze, sondern arabisch-jüdisch-cabbalistisches Gewächs, das in der Philosophie als Platonismus wieder zum Vorschein kam. Das Christenthum, insofern es von Priestern und Mönchen repräsentirt wurde, war auch nicht einmal eine Religion mehr, sondern nur noch der Vorwand einer politischen Tendenz des Zeitalters. Die Hierarchie umgürtete sich mit dem Schwerte und fluchte wie ein Landsknecht. Das Christenthum war nun ein „Reich von dieser Welt“ geworden! Wann gab es eine Religion, die in tausend Jahren mit so disparaten Anomalieen sich äußern konnte? Der Islam ist zwölfhundert Jahre alt und noch weht die grünseidene Fahne des Propheten, wie damals, als er aus der Wüste zog. Man hatte Jesus gegen seine Absicht zum Stifter einer Religion machen wollen. Jesus’ Andenken hatte sich gerächt. Die falsche Auslegung seiner Mission war gescheitert. 0.9621212121212122
298 [144] Luther versuchte noch einmal das lecke Schiff einer imaginären Möglichkeit zusammen zu fügen. Ein Bergmannssohn aus Thüringen stieg in das Bergwerk des Christenthums hinab, durchhämmerte die oberen Flötzschichten der Tradition und holte aus den tieferen Erzgängen hervor, was er für reines, silbernes und goldenes Christenthum hielt. Es war eine kühne Neuerung, die sich aus dem Wittenberger Flachlande, aus der Gegend von Kroppstädt und Treuenbrietzen, die ganz so aussieht, wie der gesunde Menschenverstand, entwickelte. Tausende sagten sich von dem römischen Heidenthume los, das mit der Seelen Seeligkeit einen Aktienhandel durch ganz Europa etablirt hatte. Die Wittenberger Reformation war ein großer Fortschritt der Menschheit, wenn es groß ist, wie Herr Tholuck gethan haben soll, in Rom von den antiken Götterstatüen zu sagen: Es sind schöne Götzen! Darum handelte es sich: die Menschheit von einem religiösen Mechanismus zu befreien, zu gleicher Zeit aber auch auf dreihundert Jahre die Kunst, die Literatur, die Schönheit aller vergangenen Zeiten und die Schönheit der Ewigkeit zu derogiren. Das ist kein Unglück, wenn es von einem großen Glücke ersetzt worden wäre. Für das Christenthum geschah in der Reformation alles, für die Wahrheit und den gesunden Menschenverstand und die Naturreligion aber nichts. Luther versuchte noch einmal das lecke Schiff einer imaginären Möglichkeit zusammen zu fügen. Ein Bergmannssohn aus Thüringen stieg in das Bergwerk des Christenthums, durchhämmerte die oberen Flötzschichten der Tradition und holte aus den tieferen Erzgängen hervor, was er für reines, silbernes und goldenes Christenthum hielt. Es war eine kühne Neuerung, die sich aus dem Wittenberger Flachlande, aus der Gegend von Kroppstädt und Treuenbrietzen, die ganz so aussieht, wie der gesunde Menschenverstand, entwickelte. Tausende sagten sich vom römischen Heidenthume los, das mit der Seelen Seligkeit einen Actienhandel durch Europa etablirt hatte. Die Wittenberger Reformation war ein großer Fort-[349]schritt der Menschheit, wenn es groß ist, wie Herr Tholuck in Halle gethan haben soll, in Rom von den antiken Götterstatuen zu sagen: Es sind schöne Götzen! Darum handelte es sich: die Menschheit von einem religiösen Mechanismus zu befreien, zu gleicher Zeit aber auch auf dreihundert Jahre die Kunst, die Literatur, die Schönheit aller vergangenen Zeiten und die Schönheit der Ewigkeit außer Curs zu setzen. Das wäre an sich kein Unglück gewesen, wenn es von einem großen Glück ersetzt worden wäre. Für das Christenthum geschah in der Reformation Alles, für die Wahrheit und den gesunden Menschenverstand und die Naturreligion Nichts. 0.8523489932885906
299 An zwei Begriffen siechte gleich anfangs die Reformation: an einem, den sie nicht abschaffte, an der Kirche; und an einem, den sie neu erfand, am Evangelium. An zwei Begriffen siechte gleich Anfangs die Reformation: an einem, den sie nicht abschaffte, an der Kirche; und an einem, den sie neu erfand, am Evangelium. 0.9090909090909091
300 Biblisches Christenthum! Was heißt das? Ein Christenthum erfinden, das sich gründete auf falscher Exegese, schlechten kritischen Hülfsmitteln, auf Interpolationen und [145] frommen Betrügereien, auf einer ungestörten und sorglosen Verbindung des alten und neuen Testamentes, endlich aber auf jener heillosen Verwechselung zwischen dem Canon, als einer Richtschnur des Christenthums, statt daß der Canon, wie wir zeigten, nur erste Erscheinung, die ganz prekäre und subjectiv überall beanstandete Erscheinung des Christenthums war. Der Protestantismus bekam seine symbolischen Bücher, welche die Lehrer beschwören mußten, seine Katechismen, den großen und den kleinen, nach welchen die Unmündigen an einen Glauben geschmiedet wurden, dem sie schon als Säuglinge durch die Taufe willenlos sich hingeben mußten. Was muß ich glauben? Ich muß glauben, daß Gott die Welt erschaffen hat – als wenn ein Gott, der sich in so endlichen Werken, wie die Erde ist, ausspricht, ein Gott, der zugiebt, daß etwas außer ihm ist, ohne er selbst zu sein, als wenn ein Gott, der Raum und Zeit erschaffen hat, um aus Laune irgend einen kleinlichen Weltzweck zu erfüllen, um durch die Dauer zu thun, was ihm ja im Nu gelingen könnte, um unglückliche, von Zweifeln zerfleischte, halb thierische, halb menschliche Menschen auf einem gewissen Erdballe, in einem gewissen Deutschland, hier in dieser ganzen Misere herumkriechen zu lassen, als wenn ein solcher Gott jemals meinem philosophischen Bewußtsein entsprechen könnte! Aber was Philosophie? Wir reden nicht von Philosophie: ich vergaß, daß wir über einige Ammenmährchen und poetische Grillen sprechen. Ich muß glauben, daß Christus sei ein eingeborner Sohn Gottes, von einer Jungfrau geboren, niedergefahren zur Hölle und wieder auferstanden – Nein, auch dieß ist nicht der Kern des Christenthums. Was soll ich glauben? daß Christus [146] ist unser Mittler, daß er im Abendmahl persönlich assistirt als Fleisch und Blut im Brod und Weine, daß er uns rechtfertigt durch die Gnade, daß die Erbsünde, an die ich aber, als Psycholog und Menschenkenner, faktisch glaube, theologisch zu erklären sei, zum großen Theile aber eine Dogmatik, welche auf jedes einzelne Glied im Körper Jesu gegründet ist. Der Katholicismus war sinnlicher Götzendienst mit polytheistischer Färbung. Der Protestantismus wurde mystischer Götzendienst mit einer Beschränkung auf einen Gott, der auch drei Hypostasen hatte. Wittenberg und der Sand waren Schuld, daß diese Lehre immer flacher, äußerlicher und zänkischer sich ausbildete. Aus dem Evangelium, der Bibelmanie und den symbolischen Büchern setzte sich zuletzt das knöcherne Skelett der Orthodoxie zusammen, eine Gestalt, die statt des Herzens einen ledernen Beutel, statt des Gehirns eine Anhäufung schwammartiger Stoffe zu tragen hat. Biblisches Christenthum! Was heißt das? Ein Christenthum erfinden, das sich gründete auf falscher Exegese, nicht ausreichenden kritischen Hülfsmitteln, Interpolationen, „frommen Erfindungen“, einer ganz ungestörten und sorglosen Verbindung des alten und neuen Testamentes, endlich aber auf jener Verwechselung zwischen dem Canon als einer Richtschnur des Christenthums, statt daß der Canon, wie wir zeigten, nur erste Erscheinung, die ganz prekäre und überall subjectiv zu beanstandende Erscheinung des Christenthums war. Der Protestantismus bekam seine symbolischen Bücher, die von den Lehrern beschworen werden mußten, seine Katechismen, den großen und den kleinen, nach welchen die Unmündigen an einen Glauben geschmiedet wurden, dem sie sich schon als Säuglinge durch die Taufe willenlos hingeben mußten. Was muß ich glauben? Ich muß glauben, daß Gott die Welt erschaffen hat – als wenn ein Gott, der sich in so endlichen Werken, wie die Erde ist, ausspricht, ein Gott, der zugiebt, daß etwas außer ihm ist, ohne daß er es selbst wäre, als wenn ein Gott, der Raum und Zeit erschaffen hat, um aus Laune irgend einen kleinlichen Weltzweck zu erfüllen, um durch die Dauer zu thun, was ihm ja im Nu gelingen könnte, um unglückliche, von Zweifeln zerfleischte, halb thierische, halb „menschliche“ Menschen auf einem gewissen Erdballe, in einem gewissen Deutschland, hier in dieser ganzen Misere herum-[350]kriechen zu lassen, als wenn ein solcher Gott je meinem philosophischen Bewußtsein entsprechen könnte! Aber was Philosophie? Wir reden nicht von Philosophie: ich vergaß, daß wir über einige Ammenmärchen und poetische Grillen sprechen. Ich muß glauben, daß Christus sei ein eingeborner Sohn Gottes, von einer Jungfrau geboren, niedergefahren zur Hölle und wieder auferstanden – Nein, auch dies ist nicht ganz der Kern des Christenthums. Was soll ich glauben? Daß Christus ist unser Mittler, daß er im Abendmahl persönlich assistirt als Fleisch und Blut im Brot und Wein, daß er uns rechtfertigt durch die Gnade, daß die Erbsünde, an die ich, als Psycholog, factisch glaube, theologisch zu erklären sei, zum großen Theile aber eine Dogmatik, die auf jedes einzelne Glied im Körper Jesu gegründet ist. Der Katholicismus war sinnlicher Götzendienst mit polytheistischer Färbung. Der Protestantismus wurde mystischer Götzendienst mit einer Beschränkung auf einen Gott, der drei Hypostasen hatte. Wittenberg und der Sand waren Schuld, daß sich diese Lehre immer flacher, äußerlicher und zänkischer ausbildete. Aus dem Evangelium, der Bibelmanie und den symbolischen Büchern setzte sich zuletzt das knöcherne Skelett der Orthodoxie zusammen, eine Gestalt, die statt des Herzens einen ledernen Beutel, statt des Gehirns eine Anhäufung schwammartiger Stoffe zu tragen hat. 0.8834586466165414
301 Das zweite Unglück des Protestantismus war die Beibehaltung des Begriffes der Kirche und die unterlassene Ausgleichung desselben mit dem Begriffe: Gemeine. Hier trat früh ein Schwanken ein, das auf der einen Seite das Extrem der englischen Hochkirche und auf der andern das quäkerische Extrem der allgemeinen Priesterschaft erzeugte. Das Lutherthum an und für sich selbst nahm früh eine servile Richtung. Es stritt für das göttliche Recht der Fürsten eben so sehr, wie es seine eignen Satzungen in ein legitimes, unantastbares Gewand zu kleiden suchte. Thomas Müntzer schalt mit Recht auf Luther, den Papst von Wittenberg. Das Territorialsystem war die Folge der Schmeichelei. Die Kirche blieb etwas Ganzes, der Glaube [147] wurde nicht an die stille Kammer des Herzens, als seinen Tempel verwiesen, sondern die Kirche repräsentirte, wie ehemals. Die Geistlichen regieren unter einander. Sie scheinen eine Monarchie für sich zu bilden und ducken sich außerdem unter der politischen Souveränität, so daß es noch heutiges Tages nicht entschieden ist, wie weit sich die kirchliche Autorität als Landeshoheit erstreckt, wie weit man wagen darf, Agenden zu verfassen und sie mit militärischer Gewalt, wie in den schlesischen Dragonaden geschehen ist, in Wirksamkeit zu setzen. Hier ist Alles vag, hoffärtig, augendienerisch, despotisch, und erfüllt das Herz des Biedermannes mit den schmerzlichsten Gefühlen. Das zweite Unglück des Protestantismus war die Beibehaltung des Begriffes der Kirche und die unterlassene Ausgleichung desselben mit dem Begriffe: Gemeine. Hier trat früh ein Schwanken ein, das auf der einen Seite das Extrem der englischen Hochkirche und auf der andern das quäkerische Extrem der allgemeinen Priesterschaft erzeugte. Das Lutherthum an und für sich selbst nahm früh eine servile Richtung. Es stritt für das göttliche Recht der Fürsten eben so sehr, wie es seine eigenen Satzungen in ein legitimes, unantastbares Gewand zu kleiden suchte. Thomas Müntzer schalt mit Recht auf Luther, den Papst von Wittenberg. Das Territorialsystem war die Folge der Schmeichelei. Die Kirche blieb etwas Ganzes, der Glaube wurde nicht an die stille Kammer des Herzens, als seinen Tempel verwiesen, sondern die Kirche repräsentirte, wie ehemals. Die Geistlichen regierten unter [351] einander. Sie scheinen eine Monarchie für sich zu bilden und fügen sich der politischen Souverainetät, so daß es noch heutiges Tages nicht entschieden ist, wie weit sich die kirchliche Autorität als Landeshoheit erstreckt, wie weit man wagen darf, Agenden zu verfassen und sie mit militairischer Gewalt, wie in den schlesischen Dragonaden geschehen ist, in Wirksamkeit zu setzen. Hier ist Alles vag, hoffärtig, augendienerisch, despotisch, und erfüllt das Herz des Biedermannes mit den schmerzlichsten Gefühlen. 0.910958904109589
302 Die deistische Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts konnte deßhalb dem Christenthum keinen merklichen Abbruch thun, weil sie bald zu frivol, bald zu nur witzig war. Der unsittliche Reformator macht nirgends Glück. Der Witz ist einer so großartigen Institution, wie das Christenthum allmälig wurde, gänzlich unangemessen. Die naive Einfachheit kindlicher und glaubensfreudiger Seelen parirt alle Nadelstiche Voltaire’s, eines Mannes, den man oft für einen Schneider halten möchte, so furchtsam und eitel war er. Das Christenthum fordert andere Waffen heraus, überhaupt keine Waffen, die nur für den Krieg taugen, sondern solche, welche sich an einen Stiel stecken lassen, positiv und schaffend werden und die Erde zur neuen Saat auflockern. Das achtzehnte Jahrhundert, der mephistophelische Geist der abstrakten Verneinung hauchte mit dem ersten Seufzer aus, der auf der Revolutionsguillotine ausgestoßen wurde. Die Negation der Revolution war schon eine schöpferische. Die deistische Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts konnte deshalb dem Christenthum keinen merklichen Abbruch thun, weil sie bald zu frivol, bald nur zu spielend witzig war. Der unsittliche Reformator macht nirgends Glück. Der bloße Witz ist denn doch einer so großartigen Institution, wie das Christenthum allmälig wurde, unangemessen. Die naive Einfachheit kindlicher und glaubensfreudiger Seelen parirt alle Nadelstiche Voltaire’s, eines Mannes, den man oft für einen Schneider hätte halten mögen, so furchtsam und eitel war er. Das Christenthum fordert andere Waffen heraus, überhaupt keine Waffen, die nur für den Krieg taugen, sondern solche, die sich an einen Stiel stecken lassen, positiv und schaffend werden und die Erde zu neuer Saat auflockern. Das achtzehnte Jahrhundert, der mephistophelische Geist der abstracten Verneinung hauchte mit dem ersten Seufzer aus, der auf der Revolutionsguillotine ausgestoßen wurde. Schon die Negation der Revolution war eine schöpferische. 0.8487394957983193
303 [148] Die Flügel meiner Seele schlagen freudiger, weil ich die Morgenröthe (ach! die blutige Morgenröthe) der neuen Schöpfung sich am Himmel malen sehe. Aber noch halte mich zurück, du stürmischer Genius des Jahrhunderts; noch einmal wurde in Deutschland der Versuch gemacht, zu einem trostreichen Resultate über die wunderbaren Begebenheiten in Palästina zu gelangen. Die Welt seufzt in ihrer Axe ob der stürmischen Bewegung. Wie glücklich wären wir Alle, wenn wir in den Träumen unsrer Jugend uns ewig wiegen dürften und uns keine Unruhe der Seele von den Spielen der Unschuld verscheuchte! Die Flügel meiner Seele schlagen freudiger, weil ich die Morgenröthe (ach! die blutige Morgenröthe) der neuen Schöpfung sich am Himmel malen sehe. Aber noch halte mich zurück, stürmischer Genius des Jahrhunderts; noch einmal wurde in Deutschland der Versuch gemacht, zu einem trostreichen Resultate über die wunderbaren Begebenheiten in Palästina zu gelangen. Die Welt seufzt in ihrer Axe ob der stürmischen Bewegung. Wie glücklich wären wir Alle, wenn wir in den Träumen unsrer Jugend uns ewig wiegen dürften und uns keine Unruhe der Seele von den Spielen der Unschuld verscheuchte! 0.972972972972973
304 Die Kantische Philosophie schien unsern Vätern nach langem Schlafe ein wunderbares Erwachen. Noch nie ist eine Entdeckung mit so reinem Enthusiasmus empfunden worden. Die Kantische Philosophie war Kriticismus; sie war ohne Geheimnisse; aber sie schien den Schlüssel der Geheimnisse zu besitzen. Früher wurde sie auf die Offenbarung und das Christenthum angewandt; aber die Consequenzen, welche sich hier durch sie ergaben, waren von der entgegengesetztesten Art. Der Rationalismus hielt sich an die Unmöglichkeit, das Ding an sich zu erkennen; der Supernaturalismus an die Vermuthungen, welche hinter dem Dinge an sich liegen konnten. Das Ding an sich war eben so sehr negativ, wie mystisch positiv; das weite Chaos der Zweifel lag in ihm eben so gut, wie das Chaos der Gefühle. Diese beiden Prinzipien über Christenthum machten fünfzehn Jahre in Deutschland die Tagesordnung aus. Es war ein Streit um den Anfang eines Cirkels. Der Rationalismus, der von Gott behauptete, daß man vieles von seinem Wesen wisse, manches aber noch unerörtert zu [149] lassen hätte, begann mit dem Bestimmten und hörte mit dem Unbestimmten auf. Der Supernaturalismus, der aus seinen Ahnungen ein System, aus seinen Ungewißheiten eine Dogmatik schuf, fing mit dem Unbestimmten an und hörte mit dem Gegentheile auf. So war der Streit ohne des Endes Möglichkeit. Niemand trat aus dem Cirkel heraus. Sie walzten ihre Debatten herum und erschöpften sich in Conzessionen praktischer und theoretischer Art. Mischgattungen drängten sich zwischen die Extreme; Damenprediger, welche das Christenthum mit Gemälden verglichen, wo die Conturen dem Rationalismus, die Farben dem Supernaturalismus angehören müßten; Professoren der Theologie, die das Urchristenthum wollten; Generalsuperintendenten, welche die Perfektibilität des Christenthums lehrten. Andre, wie Schleiermacher, adoptirten die Dogmatik, wenn ihre Lehrsätze sich gemüthlich als Seelenzustände bethätigten. Mit einem Worte, sie mochten so freidenkerisch verfahren, wie immer, so riß doch Niemand den Vorhang der Lüge weg. Auf der Kanzel gaben sie niemals jenen Glauben preis, den sie auf dem Katheder anatomisch zergliederten. Ueberall trifft man auf Diakone und Consistorialräthe dieser Art, welche sich wie jesuitische Aale theoretisch winden und hin- und hersträuben, praktisch aber sich immer wieder in ihren homiletischen Schleim verstecken. Die Kantische Philosophie schien unseren Vätern nach langem [352] Schlafe ein wunderbares Erwachen. Noch nie ist eine Entdeckung mit so reinem Enthusiasmus aufgenommen worden. Die Kantische Philosophie war Kriticismus; sie war ohne Geheimnisse; aber sie schien den Schlüssel der Geheimnisse zu besitzen. Früher wurde sie auf die Offenbarung und das Christenthum angewendet; aber die Consequenzen, die sich durch sie hier ergaben, waren von der entgegengesetztesten Art. Der Rationalismus hielt sich an die Unmöglichkeit, das Ding an sich zu erkennen; der Supernaturalismus an die Vermuthungen, die hinter dem „Ding an sich“ liegen konnten, „Das Ding an sich“ war eben so sehr negativ wie mystisch positiv; das weite Chaos der Zweifel lag in ihm eben so gut, wie das Chaos der Gefühle. Diese beiden Principien über Christenthum machten fünfzehn Jahre in Deutschland die Tagesordnung aus. Es war ein Streit um den Anfang eines Zirkels. Der Rationalismus, der von Gott behauptete, daß man Vieles von seinem Wesen wisse, Manches aber noch unerörtert zu lassen habe, begann mit dem Bestimmten und hörte mit dem Unbestimmten auf. Der Supernaturalismus, der aus seinen Ahnungen ein System, aus seinen Ungewißheiten eine Dogmatik schuf, fing mit dem Unbestimmten an und hörte mit dem Gegentheil auf. So war der Streit ohne die Möglichkeit eines Endes. Niemand trat aus dem Zirkel heraus. Sie walzten ihre Debatten herum und erschöpften sich in Concessionen praktischer und theoretischer Art. Mischgattungen drängten sich zwischen die Extreme; Damenprediger, die das Christenthum mit Gemälden verglichen, wo die Conturen dem Rationalismus, die Farben dem Supernaturalismus angehören müßten; Professoren der Theologie, die das Urchristenthum wollten; Generalsuperintendenten, die eine Perfectibilität des Christenthums lehrten. Andere, wie Schleiermacher, adoptirten die Dogmatik, wenn sich ihre Lehrsätze gemüthlich als Seelenzustände bethätigten. Mit einem Worte, sie mochten so freidenkerisch verfahren, wie immer, so riß doch Niemand den Vorhang der Lüge weg. Auf der Kanzel gaben sie niemals jenen Glauben preis, den sie auf dem Katheder anatomisch zergliederten. Ueberall trifft man auf Diakone und Consistorialräthe dieser Art, die sich wie [353] jesuitische Aale theoretisch winden und hin- und hersträuben, praktisch sich aber immer wieder in ihren eigenen homiletischen Schleim verstecken. 0.8577777777777778
305 Schelling und Hegel, jener von katholischer, dieser von protestantischer Seite, stellten den letzten Versuch an, die Philosophie mit der Offenbarung in Einklang zu bringen. Schelling übertrug allerhand Analogieen des Naturprozesses auf die Geheimnißlehren des Christenthums; er wußte Opfer, Menschwerdung u. s. f. durch witzige Bilder von [150] Seiten der Phantasie annehmlich zu machen. Hegel stützte sich auf den Geschichtsprozeß, auf die innerlichen Ruhemomente seiner metaphysischen Logik, deren ganzes Schema allein schon den Begriff der Trinität ausdrückte. Hegel’s Philosophie scheint mir auch wahrlich die einzige, die im Stande ist, das Christenthum zu beurtheilen. Ihr Standpunkt ist der historische. Sie bringt einen Schematismus in die Begebenheiten, welcher den inneren und äußeren Sinnen wohlthut. Wodurch ist auch das Christenthum eine so imposante Erscheinung? Durch seine historische Stellung. Hegel hat die Verschiedenheit der Zeiten immer vortrefflich charakterisirt und das Eigenthümliche des Christenthums darin gefunden, daß sich logische und historische Begriffe daran akkommodiren lassen. Aber mehr gelang ihm nicht. Seine Philosophie des Christenthums konnte nur da erst anfangen, als die Entwicklung der christlichen Lehre zu Ende war. Hegel’s Maaßstab ist überall die Vergangenheit. Seine Erklärungen sind typischer Art, seine Philosophie ist eine Auslegung. Schelling und Hegel stehen an der Spitze jenes christlichen Dilettantismus, der aus künstlerischen Interessen sich mit verstopftem Ohre in eine grundlose Fluth versenkt. Das Christenthum selbst muß dabei seinen Credit verlieren, wenn nur noch Dichter, Grübler, Künstler, verzweifelte Menschen sich für die Erklärung seiner Satzungen interessiren. Der gesunde Theil der Menschheit wird in eine andere Strömung des stürmenden Weltgeistes gerissen werden. Schelling und Hegel, jener von katholischer, dieser von protestantischer Seite, stellten den letzten Versuch an, die Philosophie mit der Offenbarung in Einklang zu bringen. Schelling übertrug Analogieen des Naturprocesses auf die Geheimnißlehren des Christenthums; er wußte Opfer, Menschwerdung u. s. f. durch witzige Bilder von Seiten der Phantasie annehmlich zu machen. Hegel stützte sich auf den Geschichtsproceß, die innerlichen Ruhemomente seiner metaphysischen Logik, deren ganzes Schema allein schon den Begriff der Trinität ausdrückte. Hegel’s Philosophie scheint mir in der That die einzige, die im Stande ist, das Christenthum zu beurtheilen. Ihr Standpunkt ist der historische. Sie bringt einen Schematismus in die Begebenheiten, der den inneren und äußeren Sinnen wohlthut. Wodurch ist das Christenthum eine so imposante Erscheinung? Durch seine historische Stellung. Hegel hat die Verschiedenheit der Zeiten vortrefflich charakterisirt und das Eigenthümliche des Christenthums darin gefunden, daß sich logische und historische Begriffe daran accommodiren lassen. Aber mehr gelang ihm auch nicht. Seine Philosophie des Christenthums konnte nur da erst anfangen, als die Entwicklung der christlichen Lehre zu Ende war. Hegel’s Maßstab ist überall die Vergangenheit. Seine Erklärungen sind typischer Art, seine Philosophie ist eine Auslegung. Schelling und Hegel stehen an der Spitze des christlichen Dilettantismus, der sich aus künstlerischem Interesse mit verstopftem Ohr in eine grundlose Fluth versenkt. Dabei muß das Christenthum selbst seinen Credit verlieren, wenn nur noch Dichter, Grübler, Künstler, verzweifelte Menschen sich für die Erklärung seiner Satzungen interessiren. Der gesunde Theil der Menschheit wird mit der Zeit in eine andre Strömung des stürmenden Weltgeistes gerissen werden. 0.8548387096774194
306 Unser Zeitalter ist politisch, aber nicht gottlos. Wie gern verbände es die Freiheit der Völker mit dem Glauben an die Ewigkeit! Aber gewiß, unchristlich ist unser Zeitalter, [151] denn das Christenthum scheint sich überall der politischen Emancipation in den Weg zu stellen. Daher jene merkwürdigen Erscheinungen, welche die neuere Zeit auf dem Gebiete, man weiß nicht, soll man sagen, der Politik oder der Religion hervorgebracht hat. Ueberall Sektengeist, Religionsstifter, Religionen auf Aktien, Religionen auf Subscription, jede Religion, nur kein Christenthum. Man spricht von Priestern, von einer Theokratie, von Gottesdienst, nur nichts Christliches. Es ist erstaunenswerth, daß diese Dinge zuerst in Frankreich auftauchten, in einem Lande, das für Europa die Mission der Freiheit hat, in einem Lande, das in der neuern Geschichte für alle Fragen der Cultur die Initiative übernommen zu haben scheint. Wir reden hier vom St. Simonismus und den Worten eines Gläubigen. Unser Zeitalter ist politisch, aber nicht gottlos. Wie gern verbände es die Freiheit der Völker mit dem Glauben an die Ewigkeit! Aber gewiß, unchristlich ist unser Zeitalter, das Christenthum scheint sich überall der politischen Emancipation [354] in den Weg zu stellen und diese will ihr Recht behaupten. Daher jene merkwürdigen Erscheinungen, welche die neuere Zeit auf dem Gebiete, man weiß nicht, soll man sagen, der Politik oder der Religion hervorgebracht hat. Ueberall Sectengeist, Religionsstifter, Religionen auf Actien, Religionen auf Subscription, jede Religion, nur kein Christenthum. Man spricht von Priestern, Theokratie, von Gottesdienst, ich sehe nichts wahrhaft Christliches. Es ist erstaunenswerth, daß diese Dinge zuerst in Frankreich auftauchten, in einem Lande, das für Europa die Mission der Freiheit hat, in einem Lande, das in der neuern Geschichte für die Fragen der Cultur die Initiative übernommen zu haben scheint. Wir reden hier vom St. Simonismus und den Worten eines Gläubigen. 0.8608695652173913
307 In diese beiden Bekenntnisse ist zuerst die Anerkennung der politischen Tendenz des Jahrhunderts niedergelegt. Man hat hier die absolutistische Unverschämtheit vermieden, welche die hungernden Arbeiter auf das himmlische Brod des ewigen Lebens anweist. Die Religion der Entsagung mag für Jahre passen, wo die Ernte nicht gerathen ist; aber wo Fülle und Verschwendung rings ihre Feste feiern, murrt die Menschheit über eine Religion, welche immerfort an das Sichschicken, an die Demuth, an den Rathschluß Gottes appellirt. Von dieser Seite des Christenthums überhaupt, die sich dem Zeitgeiste entgegenstellt, kann nicht mehr die Rede sein. Der Unterschied zwischen den beiden Bekenntnissen ist der, daß der St. Simonismus das Christenthum antiquirt und durch einige materielle Philosopheme, nebst kirchlichen freilich dem alten Glauben entnommenen Institutionen zu ersetzen sucht, die Worte eines Gläubigen dagegen [152] auf den demokratischen Ursprung des Christenthums zurückgehen und unverholen eine republikanische Tendenz desselben aussprechen. Der St. Simonismus will den Staat von der Kirche, die Worte eines Gläubigen wollen die Kirche vom Staate befreien. Jener weist auf die Zukunft, diese auf die Vergangenheit. Beide aber kränkeln an ähnlichen Gebrechen: der St. Simonismus an der Philosophasterei: La Mennais am Katholicismus. Wie soll man in der Kürze über beide Tendenzen urtheilen? Beide sind keine Revolutionen, aber sie sind Symptome. Der St. Simonismus verräth ein Bedürfniß der Menschheit: die Worte eines Gläubigen suchen es zu befriedigen, aber sie befriedigen es nur zur Hälfte. In diese beiden Bekenntnisse ist zuerst die Anerkennung der politischen Tendenz des Jahrhunderts niedergelegt. Man hat hier die absolutistische Unverschämtheit vermieden, die hungernden Arbeiter auf das himmlische Brod des ewigen Lebens zu verweisen. Die Religion der Entsagung mag für Jahre passen, wo die Ernte nicht gerathen ist; aber wo rings Fülle und Verschwendung Feste feiert, murrt die Menschheit über eine Religion, die ständig an ein Sichschicken, an die Demuth, an den Rathschluß Gottes appellirt. Von dieser Seite des Christenthums überhaupt, die sich dem Zeitgeiste entgegenstellt, kann nicht mehr die Rede sein. Der Unterschied zwischen den beiden Bekenntnissen ist der, daß der St. Simonismus das Christenthum antiquirt und durch einige materielle Philosopheme, nebst kirchlichen freilich dem alten Glauben entnommenen Institutionen zu ersetzen sucht, die Worte eines Gläubigen dagegen auf den demokratischen Ursprung des Christenthums zurückgehen und eine republikanische Tendenz desselben aussprechen. Der St. Simonismus will den Staat von der Kirche, die Worte eines Gläubigen wollen die Kirche vom Staate befreien. Jener weist auf die Zukunft, diese auf die Vergangenheit. Beide aber kränkeln an ähnlichen Gebrechen: der St. Simonismus an der Philosophasterei: La Mennais am Katholicismus. Wie soll man in der Kürze über beide Tendenzen urtheilen? Beide sind keine Revolutionen, sie sind Symptome. Der St. Simonismus ver-[355]räth ein Bedürfniß der Menschheit: die Worte eines Gläubigen suchen es zu befriedigen, aber sie befriedigen es nur zur Hälfte. 0.9230769230769231
308 Ich habe die Thatsachen der Vergangenheit verfolgt und breche da ab, wo Alles, was nun kommen muß, nicht so von mir vorgezeichnet werden kann, sondern in die Hand der Zeitgenossen gegeben ist. Ich will an einem Orte inne halten, den wir selber auszufüllen haben, bei jenen weißen Blättern der Geschichte, die hinfort von uns beschrieben werden sollen! Ich habe die Thatsachen der Vergangenheit verfolgt und breche da ab, wo Alles, was jetzt kommen sollte, nicht so von mir vorgezeichnet werden kann, sondern in die Hand der Zeitgenossen gegeben ist. Ich will an einem Orte inne halten, den wir selber auszufüllen haben, bei jenen weißen Blättern der Geschichte, die hinfort von uns zu beschreiben sind! 0.8363636363636363
309 Ich höre draußen ein simultanes Glockengeläute: katholische und protestantische Töne von zweierlei Kirchen. Es ist Pfingsten, ein Fest, wo man zwar nicht mehr plötzlich wie einst in Jerusalem, gut Englisch, Spanisch und Sanscrit lernt, was mir sehr lieb wäre: wo aber der heilige Geist auf alle Welt ausgegossen wurde. Wir leben in der Zeit des heiligen Geistes, von dem Christus selber sagt, daß er uns in alle Wahrheit führen und freimachen würde. So scheint es auch Christus gewußt zu haben, daß die Ge-[153]schichte immerdar ihre eigne Autorität bleibt, daß der Weltgeist rastlos wirkt und in uns schafft und die Wahrheit zuletzt nur der Gottesdienst im Tempel der Freiheit ist. Wir werden keinen neuen Himmel und keine neue Erde haben; aber die Brücke zwischen beiden, scheint es, muß von Neuem gebaut werden. Ich höre draußen ein simultanes Glockengeläute: katholische und protestantische Töne von zweierlei Kirchen. Es ist Pfingsten, ein Fest, wo man zwar nicht mehr plötzlich wie einst in Jerusalem, Englisch, Spanisch und Sanscrit zugleich lernt, was mir eine sehr liebe Errungenschaft wäre: wo aber der heilige Geist auf alle Welt ausgegossen wurde. Wir leben in der Zeit des heiligen Geistes, von welchem Christus selbst sagt, daß er uns in alle Wahrheit führen und frei machen würde. So scheint es auch Christus gewußt zu haben, daß die Geschichte immerdar ihre eigene Autorität bleibt, daß der Weltgeist rastlos wirkt und in uns schafft und die Wahrheit zuletzt nur der Gottesdienst im Tempel der Freiheit ist. Wir werden keinen neuen Himmel und keine neue Erde haben; aber die Brücke zwischen beiden, scheint es, muß von Neuem gebaut werden. 0.8440366972477065
310 [154] Es schlug Mitternacht, als Wally dies sauber geschriebene Heft durchlesen hatte. Die Wachskerze war tief heruntergebrannt, ihre Augen glühten, sie hatte Thränen nöthig, um den heißen Brand zu löschen. Aber die Thränen kamen nicht. Sie saß da, versteinert, wie Niobe, der man das Liebste und Theuerste tödtet. Rings war alles grauenhaft still, nur der Uhrpendel schwang sich unterm Glase hin und her und zählte die Minuten, die den Geistern auf Erden zu wandeln vergönnt waren. Wally lebte nur in den Worten, die sie gelesen hatte, und flüsterte sich zu: Ich sterb’ auch mit ihnen. Dann ergriff sie mechanisch den kleinen Kerzenrest, der noch brannte, und schritt in ihr Schlafgemach, einen finstern, dämonischen Schatten werfend. Es schlug Mitternacht, als Wally dies sauber geschriebene Heft durchlesen hatte. Die Wachskerze war tief heruntergebrannt. Die Augen der Erschütterten glühten, sie hatte Thränen nöthig, um den heißen Brand zu löschen. Aber die Thränen kamen nicht. Sie saß da, versteinert, wie Niobe, der man das Liebste und Theuerste tödtet. Rings war Alles grauenhaft still, nur der Uhrpendel schwang sich unterm Glase hin und her und zählte die Minuten, die den Geistern auf Erden zu wandeln vergönnt waren. Wally lebte nur in den Worten, die sie gelesen hatte, und flüsterte sich zu: Ich [356] sterbe auch mit ihnen. Dann ergriff sie mechanisch den kleinen Kerzenrest, der noch brannte, und schritt in ihr Schlafgemach, einen finstern, dämonischen Schatten werfend. 0.9157894736842105
311 Aber noch sechs Monate hielt Wally ein Leben aus, dessen Stütze durch Cäsar und die Religion weggenommen war. Sie, die Zweiflerin, die Ungewisse, die Feindin Gottes, war sie nicht frömmer, als die, welche sich mit einem nicht verstandenen Glauben beruhigen? Sie hatte die tiefe Ueberzeugung in sich, daß ohne Religion das Leben [155] des Menschen elend ist. Sie ging damit um, dem ihrigen ein Ende zu machen. Je unerschütterlicher sich dieser Gedanke bei ihr festgesetzt hatte, desto mehr suchte sie ihn äußerlich zu verbergen. Sie zeigte sogar, je gewisser sie mit sich selbst wurde, eine heitre Unbefangenheit, die die Rückkehr ihrer frühern Laune hoffen ließ. Sie war viel auf ihrem Zimmer allein, weinte und rang; aber beten konnte sie nicht. Sie warf sich wohl oft verzweifelnd auf die Knie, aber wie eine eherne Mauer stand es vor ihr, wenn sie flehend die Hand ausstreckte. Sie schrieb noch einzelne, ihren Seelenzustand verrathende Aphorismen in ihr Tagebuch; die meisten bewegten sich um den Gedanken des Todes. An der Ursache desselben hatte sie nichts mehr, was sie in sich ändern konnte. Adolphine und Cäsar waren vermählt. Eine Stelle, welche man später im Buche fand, war ganz mit Thränen durchnäßt. Man konnte das an der geronnenen Dinte und dem zerknitterten Papiere sehen. Sie hieß: O Jesus! Nie warst du mir theurer, als thränenvergießend im Garten von Gethsemane! Jesus! Du batest Gott, daß er den Kelch dieses herben Todes möchte an dir vorüber gehen lassen, du, du, der die Welt verändert hat! Und die Jünger schliefen. Sie achteten deiner flehenden Stimme nicht, daß sie mit dir wachten, daß sie mit dir weinten auf dem Oelberge. Ach, auch um mich schlafen sie Alle und Niemand kennt den Schmerz, der mich verzehrt, Niemand wacht mit mir, Niemand betet für mich! Aber noch sechs Monate hielt Wally ein Leben aus, dessen Stütze durch Cäsar und die Religion weggenommen war. Sie, die Zweiflerin, die Ungewisse, die Feindin Gottes, war sie nicht frommer als die, welche sich mit einem nicht verstandenen Glauben beruhigen? Sie hatte die tiefe Ueberzeugung in sich, daß ohne Religion das Leben des Menschen elend ist. Sie ging damit um, dem ihrigen ein Ende zu machen. Je unerschütterlicher sich dieser Gedanke bei ihr festgesetzt hatte, desto mehr suchte sie ihn äußerlich zu verbergen. Sie zeigte sogar, je gewisser sie mit sich selbst wurde, eine heitre Unbefangenheit, die auf Rückkehr ihrer frühern Laune hoffen ließ. Sie war viel auf ihrem Zimmer allein, weinte und rang, aber beten konnte sie nicht. Warf sie sich auch verzweifelnd auf die Kniee, so stand es wie eine eherne Mauer vor ihr, wenn sie flehend die Hand ausstreckte. Sie schrieb noch einzelne, ihren Seelenzustand verrathende Aphorismen in ihr Tagebuch; die meisten bewegten sich um den Gedanken des Todes. An der Ursache desselben hatte sie nichts mehr, was sie in sich ändern konnte. Adolphine und Cäsar waren vermählt. Eine Stelle, die man später in jenem Buche fand, war mit Thränen durchnäßt. An der geronnenen Tinte und dem zerknitterten Papier konnte man das sehen. Sie hieß: O Jesus! Nie warst Du mir theurer, als thränenvergießend im Garten von Gethsemane! Jesus, den mir der Geliebteste rauben wollte! Du batest Gott, daß er den Kelch dieses herben Todes an Dir vorübergehen lassen möchte, Du, der die Welt verändert hat! Und die Jünger schliefen. Sie achteten Deiner flehenden Stimme nicht, daß sie mit Dir weinten auf dem Oelberge. Ach, auch um mich schlafen sie Alle und Niemand kennt den Schmerz, der mich verzehrt, Niemand wacht mit mir, Niemand betet für mich! 0.8695652173913043
312 [156] Es war an einem trüben und regnerischen Herbsttage. Die Kastanien prasselten von den Bäumen. Der Wind schlug die Regenschauer an die nassen Fenster. Alles in der Natur schien zu Grabe zu gehen. Wally saß einsam in ihrem Zimmer. Eine Uhr lag neben ihr. Neben der Uhr ein rothes Tuch, das einen unsichtbaren Gegenstand bedeckte. Eine Stunde verrann nach der andern. Um die sechste dunkelte es. Man brachte ihr Licht. Sie winkte stumm mit der Hand, als man nach ihren Befehlen fragte. Sie trat an’s Klavier und schlug einige Accorde an. Es schlug sieben Uhr. Dann setzte sie sich und schrieb einige Zeilen: Ich muß sterben, denn hassenswerth schien ich mir, wenn ich mich durch die Welt schliche und mir selbst verbergen wollte, was ich leide. Wir erkennen Gott und unser Leben nicht. Nun und nimmer mehr. Das tragische und der Menschheit würdige Schicksal unsers Planeten wäre, daß er sich selbst anzündete, und alle, die Leben athmen, sich auf den Scheiterhaufen der brennenden Erde würfen. Alle müßten sie sich opfern – aus Haß gegen den Himmel; opfern, wie man Rechnungen verdirbt, die ohne den Wirth gemacht werden. Alle! Alle! Dann wäre das Problem gelöst und Gott müßte eilen, sich neue Menschen, neue Sklaven zu schaffen. Barbarischer Mord der Völker unter einander, glaubt ihr, werde das Ende der Dinge sein? Die wiedererwachende Rohheit der Natur? Hyänen, die sich unter einander zerfleischen, sind euch der Zweck der Geschichte? Gräßlicher Gedanke! Prophezeihung, würdig eines [157] Henkers! Sie werden sterben, aber sie werden Alle den Dolch in ihre eigene Brust senken und eine große Kette der Freundschaft schließen, die Menschen! Sie werden sich fassen Alle an ihrer Hand und mit der Rechten den Stoß vollbringen und noch im Tode sich mit ihren Küssen bedecken. Sie werden sterben, weil sie reif sind, weil sie das Höchste erreichten in Wissenschaft und Kunst, weil sie Alle ineinandergerechnet der Gottheit gleichkommen. Aber die Gottheit sitzt hinter einem Vorhange und verbirgt nach wie vor ihr sprödes Antlitz und zögert zu kommen und sich zu enthüllen. Was haben wir dem Weltzweck gethan? [357] Es war an einem trüben und regnerischen Herbsttage. Die Kastanien prasselten von den Bäumen. Der Wind schlug die Regenschauer an die nassen Fenster. Alles in der Natur schien zu Grabe zu gehen. Wally saß einsam in ihrem Zimmer. Eine Uhr lag neben ihr. Neben der Uhr lag ein rothes Tuch, das einen unsichtbaren Gegenstand bedeckte. Eine Stunde verrann nach der andern. Um die sechste dunkelte es. Man brachte ihr Licht. Sie winkte stumm mit der Hand, als man nach ihren Befehlen fragte. Sie trat an’s Klavier und schlug einige Accorde an. Es schlug sieben Uhr. Dann setzte sie sich und schrieb folgende Zeilen: „Ich muß sterben, denn hassenswerth würde ich mir erscheinen, wenn ich mich durch die Welt schliche und mir selbst verbergen wollte, was ich leide. Wir erkennen Gott und unser Leben nicht. Nun und nimmer mehr. Das tragische und der Menschheit würdige Schicksal unsres Planeten wäre, daß er sich selbst anzündete und daß sich Alle, die da Leben athmen, auf den Scheiterhaufen der brennenden Erde würfen. Alle müßten sie sich opfern – aus Haß gegen den Himmel; opfern, wie man Rechnungen verdirbt, die ohne den Wirth gemacht werden. Alle! Alle! Dann wäre das Problem gelöst und Gott müßte eilen, sich neue Menschen, neue Sklaven zu schaffen. Ihr glaubt, barbarischer Mord der Völker unter einander werde das Ende der Dinge sein? Die wiedererwachende Roheit der Natur? Hyänen, die sich untereinander zerfleischen, sind Euch der Zweck der Geschichte? Gräßlicher Gedanke! Prophezeihung, würdig eines Henkers! Sie werden sterben, ja, aber sie werden Alle den Dolch in ihre Brust senken und dabei eine große Kette der Freundschaft schließen, die Menschen! Sie werden sich fassen an ihrer Hand und mit der Rechten den Stoß vollbringen und sich noch im Tode mit ihren Küssen bedecken. Sie werden sterben, weil sie reif sind, weil sie das Höchste erreichten in der Wissenschaft und Kunst, weil sie alle ineinander gerechnet der Gottheit gleichkommen. Aber die Gottheit sitzt hinter einem Vorhange und verbirgt nach wie vor ihr sprödes Antlitz und zögert zu kommen und sich zu enthüllen. Was haben wir dem Weltzweck gethan?“ 0.905982905982906
313 Es schlug acht Uhr. Sie war in eine Aufregung gekommen, welche für ihren Entschluß nicht paßte. Was ist Sturm, Ungewitter, Herbst, was selbst der Schmerz der Seele, und des Herzens, wenn der Geist seine Gedanken aufrüttelt, und die Denkkraft ihre Fühlfäden ausschießt? Das Denken erhält den Muth, den man am Wissen verliert. Wally war so nahe daran, ihre Verirrung zu fühlen. Aber sie war ein weibliches Herz, das nicht so leicht vergißt, was es einmal wollte und in sich selbst kein großes Register von Entschließungen hat, wo sie wählen könnte. Sie fiel in den alten Schmerz zurück. Um neun Uhr griff sie noch einmal nach der Feder und schrieb: Lebet wohl! Alle! Alle! Armselig war mein Leben; wie klein, wie nichtig alle die Beziehungen meiner Jugend! [158] Und das war wohl des Todes werth; denn ich bin nichts, nur Staub, nur Vernichtung. Mein Leben ist unnütz. Grüßet sie Alle, grüßet den Frühling des kommenden Jahres, wo ich todt sein werde und keines Vogels Ruf mich wieder wecken wird. Ich danke euch Allen, die mich liebten, und dir, dir, Cäsar; auch dir! Adolphine! Allen! Allen! [358] Es schlug acht Uhr. Die Halt- und Anlehnungslose war in eine Aufregung gekommen, die für ihren Entschluß nicht paßte. Was ist Sturm, Ungewitter, Herbst, was selbst der Schmerz der Seele und des Herzens, wenn der Geist seine Gedanken aufrüttelt und die Denkkraft ihre Fühlfäden ausschießt? Das Denken erhält den Muth, den man am Wissen verliert. Wally war so nahe daran, ihre Verirrung zu fühlen. Aber sie war ein weibliches Herz, das nicht so leicht vergißt, was es einmal wollte und in sich selbst kein großes Register von Entschließungen hat, wo sie wählen könnte. Sie fiel in den alten Schmerz zurück. Um neun Uhr griff sie noch einmal nach der Feder und schrieb: „Lebet wohl! Alle! Alle! Armselig war mein Leben; wie klein, wie nichtig alle die Beziehungen meiner Jugend! Und das war wohl des Todes werth; denn ich bin nichts, nur Staub, nur Vernichtung. Mein Leben ist unnütz. Grüßet sie Alle, grüßet den Frühling des kommenden Jahres, wo ich todt sein werde und keines Vogels Ruf mich wieder wecken wird. Ich danke Euch Allen, die mich liebten, und Dir, Dir, Cäsar; auch Dir! Adolphine! Beglücke ihn, wenn Du kannst, mehr als ich.“ 0.8918918918918919
314 Sie mußte noch viel geweint haben. Auch diese Zeilen waren verronnen in nasse Punkte. Sie mußte dann den Stoß vollbracht haben mit jenem Dolche, der ihrem todten Bruder gehörte. Sie mußte noch viel geweint haben. Auch diese Zeilen waren verronnen in nasse Punkte. Sie mußte dann den Stoß vollbracht haben mit jenem Dolche, der ihrem todten Bruder gehörte. 1.0
315 Man fand sie auf dem Bette ausgestreckt. Das Licht stand zu ihren Häupten. Sie hatte mit beiden Händen den in das rothe Tuch gewickelten und darin auch von ihr während des Stoßes gelassenen Dolch in ihr Herz gedrückt, und lag da, nicht lächend und ruhig, wie wohl in andern Fällen hier getroffen ist, sondern mit krampfhafter Verzerrung ihres schönen Antlitzes und einem Ausdrucke der Verzweiflung in den starren Augen, der erschrecken machte. Man fand sie auf dem Bette ausgestreckt. Das Licht stand zu ihren Häupten. Sie hatte mit beiden Händen den in das rothe Tuch gewickelten und darin auch von ihr während des Stoßes gelassenen Dolch in ihr Herz gedrückt, und lag da, nicht lächend und ruhig, wie wohl in anderen Fällen hier eingetroffen ist, sondern mit krampfhafter Verzerrung ihres schönen Antlitzes und einem Ausdrucke der Verzweiflung in den starren Augen, der erschrecken machte. 0.9375
316 Sie wurde mit Gepränge bestattet. Die, welche am Grabe standen, beweinten nicht sie selbst, sondern ihre Jugend. Sie wurde mit Gepränge bestattet. Die, welche am Grabe standen, beweinten nicht sie selbst, sondern ihre Jugend. 1.0
317 [159] Wahrheit und Wirklichkeit. [359] Wahrheit und Wirklichkeit. 0.6
318 Zur Erläuterung.
319 Man kann den Zufall verdammen, man kann selbst überzeugt sein, daß in Allem, was geschieht, eine konsequente Offenbarung der Gottesidee liegt; und doch würde Niemand zu behaupten wagen, daß Alles, was geschieht, Alles, was wir als geschehen beobachten können, etwas Anderes sei, als die zufälligen Aeußerlichkeiten jener offenbarten Gottesidee. Ich glaube, daß Alles gut ist, was geschieht; glaube aber nicht, daß eben nur das geschehen kann, was geschieht. Unendlich ist das Reich der Möglichkeit, jenes Schattenreich, das hinter den am Lichte der Begebenheiten sichtbaren Erscheinungen liegt. Es giebt eine Welt, die, wenn sie auch nur in unsern Träumen lebte, sich eben so zusammensetzen könnte zur Wirklichkeit, wie die Wirklichkeit selbst, eine Welt, die wir durch Phantasie und Vertrauen zu combiniren vermögen. Schale Gemüther wissen nur das, was geschieht; Begabte ahnen, was sein könnte; Freie bauen sich ihre eigne Welt. Man kann den Zufall verdammen, man kann selbst überzeugt sein, daß in Allem, was geschieht, eine consequente Offenbarung der Gottesidee liegt; und doch würde Niemand zu behaupten wagen, daß Alles, was geschieht, Alles, was wir als geschehen beobachten können, etwas Anderes sei, als die zufälligen Aeußerlichkeiten jener offenbarten Gottesidee. Ich glaube, daß Alles gut ist, was geschieht; glaube aber nicht, daß eben nur das geschehen kann, was geschieht. Unendlich ist das Reich der Möglichkeit, jenes Schattenreich, das hinter den am Lichte der Begebenheiten sichtbaren Erscheinungen liegt. Es giebt eine Welt, die, wenn sie auch nur in unseren Träumen lebte, sich eben so zusammensetzen könnte zur Wirklichkeit, wie die Wirklichkeit selbst, eine Welt, die wir durch Phantasie und Vertrauen zu combiniren vermögen. Schale Gemüther wissen nur das, was geschieht; Begabte ahnen, was sein könnte; Freie bauen sich ihre eigene Welt. 0.9361702127659575
320 Zwei Garantieen der unsichtbaren Welt sind die Religion und die Poesie. Jene schließt das Reich der Möglich-[160]keit auf, um zu trösten; diese, weil sie die Wirklichkeit erklären will. Beide beruhen auf Täuschungen, nur ist die Poesie glücklicher, weil sie die Wahrscheinlichkeit für sich hat. Es ist leichter, an ein Gedicht, als an den Himmel glauben. Die Ereignisse des Gedichtes sind oft die heimlichen Erklärungsmotive der Wirklichkeit, die Schöpfungen des Autors haben die Analogie für sich und die Erde; aber der Himmel schwebt in der Luft und ist, trotz aller Philosophie, ohne Maaßstab, wie Gott selbst. Zwei Garantieen der unsichtbaren Welt sind die Religion und die Poesie. Jene schließt das Reich der Möglichkeit auf, um zu trösten; diese, weil sie die Wirklichkeit erklären will. Beide beruhen auf Täuschungen, nur ist die Poesie glücklicher, weil sie die Wahrscheinlichkeit für sich hat. Es ist leichter an ein Gedicht, als an den Himmel glauben. Die Ereignisse des Gedichtes sind oft die heimlichen Erklärungsmotive der Wirklichkeit, die Schöpfungen des Autors haben die Analogie für sich und die Erde; aber der Himmel schwebt in der Luft und ist, trotz aller Philosophie, ohne Maßstab, wie Gott selbst. 0.9428571428571428
321 Die Geschichte der Poesie zeigt, wie sich in ihr von jeher Wahrheit und Wirklichkeit gestritten haben. Jene Gemüther, welche wir die schalen nannten, entschieden sich für die Wirklichkeit, die freien für die unsichtbare Wahrheit, die begabten, die empfänglichen, die sogenannten Leute von Geschmack, Bildung und Erziehung für das Mittlere zwischen beiden, für die Wahrscheinlichkeit. Und so ist es noch. Bei jeder neuen Dichtung fragen die Einen: Wo geschah dies? die Andern: Sollte dies geschehen können? nur die freien Gemüther entscheiden ohne zu fragen, weil sie es fühlen, daß das, was nicht geschieht, immer noch wahr ist, selbst wenn es nicht geschehen kann. Die Geschichte der Poesie zeigt, wie sich in ihr von jeher Wahrheit und Wirklichkeit gestritten haben. Jene Gemüther, die wir die schalen nannten, entschieden sich für die Wirklichkeit, die freien für die unsichtbare Wahrheit, die begabten, die empfänglichen, die sogenannten Leute von Geschmack, [360] Bildung und Erziehung für das Mittlere zwischen beiden, für die Wahrscheinlichkeit. Und so ist es noch. Bei jeder neuen Dichtung fragen die Einen: Wo geschah dies? die Anderen: Sollte dies geschehen können? Nur die freien Gemüther entscheiden ohne zu fragen, weil sie es fühlen, daß das, was nicht geschieht, immer noch wahr ist, selbst wenn es nicht geschehen kann. 0.9210526315789473
322 Alles, was die Wirklichkeit kopirt, ist für die Masse. Diese Gattung der Poesie erhebt sich von der untersten Stufe der Genremalerei bis zu den Romanen von Walter Scott und Bulwer, bis zu den Dramen Iffland’s und Kotzebue’s. Nur hell, blank und geschliffen muß diese Literatur sein, weil sie der Wirklichkeit gegenüber ein Spiegel ist, der sie treu auffaßt und wiedergiebt. Für die schalen Gemüther ist nichts genialer, als sie selbst zu zeichnen, wie sie sind: ihre Tante, ihre Katze, ihren Shawl] Shwal, [161] ihre kleinen Sympathieen, ihre Schwachheiten. Was haben wir von euren Grillen? von euren Empfindungen, die in der Luft schweben? Gebt uns uns selbst, dem Egoismus den Egoismus! Es giebt Kritiker und Literatoren, die sich nur für das Copiren der Wirklichkeit enthusiasmiren können. Das Wahrscheinliche ist bei ihnen schon eine Conzession. England hat von jeher diese Art der poetischen Darstellung bevorzugt, Deutschland ist systematisch genug bearbeitet worden, hierin nachfolgen zu müssen. Die alte Literatur steht bei uns versteinert da in Tempeln und in Wallhallen, die mittlere war keines Schusses Pulver werth, die neue hat nur noch ein schwankendes und kaltes, von Politik und spekulativer Trägheit ganz darnieder gehaltenes Publikum. Darauf kommt alles zurück: Man will von der Literatur keine Anstrengung haben; die Literatur soll Niemanden mehr eine unruhige Nacht machen, sie schildert, sie porträtirt, sie stillt die Leselust mit Historie und Bulwer. Die Poesie ist jetzt Selbstbefruchtung. Die Wirklichkeit nährt sich von ihrem eignen bürgerlichen, überquellenden Fett. Alles, was die Wirklichkeit copirt, ist für die Masse. Diese Gattung der Poesie erhebt sich von der untersten Stufe der Genremalerei bis zu den Romanen von Walter Scott und Bulwer, bis zu den Dramen Iffland’s und Kotzebue’s. Nur hell, blank, geschliffen, deutlich muß diese Literatur sein, weil sie der Wirklichkeit gegenüber ein Spiegel ist, der sie treu auffaßt und wiedergiebt. Für die schalen Gemüther ist nichts genialer, als wenn sie sich selbst gezeichnet finden, wie sie sind: ihre Tante, ihre Katze, ihr Shawl, ihre kleinen Sympathieen, ihre Schwachheiten. Was haben wir von Euren Grillen? Von Euren Empfindungen, die in der Luft schweben? Gebt uns uns selbst, dem Egoismus den Egoismus! Es giebt Kritiker und Literatoren, die sich nur für das Copiren der Wirklichkeit enthusiasmiren können. Das Wahrscheinliche ist bei ihnen schon eine Concession. England hat von je diese Art der poetischen Darstellung bevorzugt, Deutschland ist systematisch genug bearbeitet worden, hierin nachfolgen zu sollen. Die alte Literatur steht bei uns versteinert da in Tempeln und in Wallhallen, die mittlere war keines Schusses Pulver werth, die neue hat nur noch ein schwankendes und kaltes, von Politik und speculativer Trägheit darnieder gehaltenes Publikum. Darauf kommt Alles zurück: Man will von der Literatur keine Anstrengung haben; die Literatur soll Niemanden mehr eine unruhige Nacht verursachen, sie soll schildern, portraitiren, die Leselust mit Historie und Bulwer stillen. Die Poesie ist Selbstbefruchtung. Die Wirklichkeit nährt sich von ihrem eigenen bürgerlichen, überquellenden Fett. 0.8033707865168539
323 Menschen, die schon eine Stufe höher stehen, sind mit der Wahrscheinlichkeit zufrieden. Sie wollen nur einige Voraussetzungen, die den Boden der Wirklichkeit berühren; das Uebrige überlassen sie der Combination und Phantasie. Dies sind die gemüthlichen Leser, die sich durch poetische Schöpfungen in einen sanften Halbschlummer wiegen lassen, die die Bücher nach der Elle consumiren. Es muß ihnen nichts zu nahe und nichts zu ferne liegen. Schwebend zwischen Himmel und Erde, ganz willenlos hingegeben den Capricen des Dichters, freuen sie sich zuletzt, daß nun Alles, was sie gelesen haben, doch entweder, wenn es zu [162] traurig, nicht wahr ist, oder im entgegengesetzten Falle, immer sehr wahrscheinlich bleibe. Menschen, die eine Stufe höher stehen, sind mit der Wahrscheinlichkeit zufrieden. Sie wollen nur einige Voraussetzungen, die den Boden der Wirklichkeit berühren; das Uebrige über-[361]lassen sie der Combination und Phantasie. Dies sind die gemüthlichen Leser, die sich durch poetische Schöpfungen in einen sanften Halbschlummer wiegen lassen und die Bücher nach der Elle consumiren. Es muß ihnen nichts zu nahe und nichts zu fern liegen. Schwebend zwischen Himmel und Erde, ganz willenlos hingegeben den Capricen des Dichters, freuen sie sich zuletzt, daß nun Alles, was sie gelesen haben, doch entweder, wenn es zu traurig, nicht wahr ist, oder, im entgegengesetzten Falle, immer sehr wahrscheinlich bleibe. 0.9333333333333333
324 Die Wahrheit selbst ist unsichtbar und liegt niemals in dem, was wirklich ist. Die poetische Wahrheit ist schöpferisch. Sie baut mit den geheimsten Fäden der menschlichen Seele, sie combinirt nicht, wie der Staat, die Familie, die Religion, die Sitten und das Herkommen combiniren, sondern revolutionär. Die poetische Wahrheit offenbart sich nur dem Genius. Dieser lauscht niedergestreckt auf dem Boden der Wirklichkeit und hört wie in den innersten Getrieben der Gemüther eine embryonische Welt mit keimendem Bewußtsein wächst. Wer auf seine Entwickelung lauscht, muß sich oft gestehen, daß ganze Gedichte in ihm sich zusammenreimen aus Motiven, welche die Außenwelt niemals anerkennen würde. Dies sollte nicht auch Wahrheit sein? Dies sollte den Dichter nicht entzücken? Die Alten und die Mittleren schufen in dieser Weise nicht; aber die Modernen werden es. Ihre Historien sind nicht die Sage oder Geschichte, sondern die Ideen, die im Schooße der still wirkenden und schaffenden Gottheit schlummern. Die Welt, wie sie ist, wird ihren Gebilden nicht entsprechen; diese werden dem nüchternen Vorwurfe der Unwahrheit und Unwahrscheinlichkeit ausgesetzt sein. Aber noch immer ging das Genie seinem Jahrhunderte voraus. Die Wahrheit selbst ist unsichtbar und liegt niemals in dem, was wirklich ist. Die poetische Wahrheit ist schöpferisch. Sie baut mit den geheimsten Fäden der menschlichen Seele, sie combinirt nicht so, wie der Staat, die Familie, die Religion, die Sitten und das Herkommen combiniren, sondern revolutionär. Die poetische Wahrheit offenbart sich nur dem Genius. Dieser lauscht auf dem Boden der Wirklichkeit und hört, wie in den innersten Getrieben der Gemüther eine embryonische Welt mit keimendem Bewußtsein wächst. Wer auf seine Entwickelung lauscht, muß sich oft gestehen, daß sich in ihm Gedichte zusammenreimen aus Motiven, welche die Außenwelt niemals anerkennen würde. Dies sollte nicht auch Wahrheit sein? Dies sollte den Dichter nicht entzücken? Die Alten und die Mittleren schufen in dieser Weise nicht; aber die Modernen können nicht anders. Ihre Historien sind nicht die Sage oder Geschichte, sondern die Ideen, die im Schooße der still wirkenden und schaffenden Gottheit schlummern. Die Welt, wie sie ist, wird ihren Gebilden nicht entsprechen; diese werden dem nüchternen Vorwurf der Unwahrheit und Unwahrscheinlichkeit ausgesetzt. Aber noch immer ging das Genie seinem Jahrhundert voraus. 0.9206349206349206
325 Zwei Thatsachen möcht’ ich aus Obigem folgern, die beide weniger literarisch als historisch sind. Zwei Thatsachen möchte ich aus Obigem folgern, die beide weniger literarisch als historisch sind. 0.8666666666666667
326 Wenn man in Anschlag bringt, daß entschieden schon in der französischen Literatur, ohne alle Widerrede auch bei uns, allmälig eine Poesie der ideellen Wahrheit und reellen Unwirklichkeit sich zu entfalten beginnt, wenn man diese [163] Frauengebilde betrachtet, welche die Phantasie der jetzigen begabteren Dichter erfindet, diese originellen Situationen und allem Herkommen widersprechenden Sitten; sollte man diese Erscheinung nicht für beziehungsreich halten für unser zukünftiges Leben, für die Existenz in der Wirklichkeit, für die weite Unterlage der Masse und des allgemeinen Glaubens? Es ist wahr, die Dichter fangen an, auf immer luftigeren Bahnen zu wandeln; sie schaffen sich ihre eignen Welten mit Thronen, die ihre Phantasie erbaute, mit Richterstühlen, die ihre eigne Gesetzgebung haben, mit einem Gottesdienst, dessen Priester nur noch die kleine Gemeinde selbst ist. Es baut sich eine Wahrheit der Dichtung auf, der in den uns umgebenden Institutionen nichts entspricht, eine ideelle Opposition, ein dichterisches Gegentheil unsrer Zeit, das einen zweifachen Kampf wird zu bestehen haben, einmal einen gegen die Wirklichkeit selbst als constituirte Macht mit physischer Autorität, sodann einen gegen die Poesie der Wirklichkeit, welche so viel Dichter und so viel Kritiker für sich hat. Wenn man in Anschlag bringt, daß entschieden schon in der französischen Literatur, ohne alle Widerrede auch bei uns, allmälig sich eine Poesie der ideellen Wahrheit und reellen Unwirklichkeit zu entfalten beginnt, wenn man diese Frauengebilde betrachtet, welche der Phantasie der jetzigen begabteren Dichter vorschweben, diese originellen Situationen [362] und allem Herkommen widersprechenden Sitten; sollte man diese Erscheinung nicht für beziehungsreich halten für unser zukünftiges Leben, für die Existenz in der Wirklichkeit, für die weite Unterlage der Masse und des allgemeinen Glaubens? Es ist wahr, die Dichter fangen an, auf immer luftigeren Bahnen zu wandeln; sie schaffen sich ihre eigenen Welten mit Thronen, die ihre Phantasie erbaute, mit Richterstühlen, die ihre eigene Gesetzgebung haben, mit einem Gottesdienst, dessen Priester nur noch die kleine Gemeinde selbst ist. Es baut sich eine Wahrheit der Dichtung auf, der in den uns umgebenden Institutionen nichts entspricht, eine ideelle Opposition, ein dichterisches Gegentheil unserer Zeit, das einen zweifachen Kampf wird zu bestehen haben, einmal einen gegen die Wirklichkeit selbst als constituirte Macht mit physischer Autorität, sodann einen gegen die Poesie der Wirklichkeit, die so viel Autoren, so viel Kritiker für sich hat. 0.9172932330827067
327 Dies ist ein Symptom unsrer Zeit, aus dem wir bis jetzt noch keinen weitern Schluß ziehen wollen, als einen, der vielleicht außerhalb der Literatur liegt, den ich aber nicht verschweigen will, weil Jedes, was die Menschheit ehrt, auf den Lippen des Enthusiasten brennt. Man verwirft mit Recht das Experimentiren mit der Menschheit, aber man geht darin weiter, als man darf, ohne die Menschheit zu beleidigen. Wir fürchten uns, den Zeitgenossen etwas zu entziehen, wovon wir uns einbilden, daß es zu ihrem Leben nöthig ist. Wir glauben an die Institutionen in Sitte, Meinung und politischer Einrichtung, [164] wie an die unerläßlichen Lebensbedingungen der Jahrhunderte. Als wenn die Menschheit keine inneren Quellen hätte! Als wenn sie unterginge, wenn ihr sie aus dieser ganzen Sündfluth ihrer Existenz plötzlich nackt und noch triefend auf den Ararat versetztet! Als wenn die Menschheit nicht immer die erste sein wird, die sich hilft und diejenige, welche für sich den besten Rath weiß! Sie zucken die Achseln, wie unvorsichtige Aerzte, sie fürchten für das Leben des Patienten und quacksalbern an den alten Schäden herum; aber nehmt der Menschheit ein Bein ab: sie wird sich ein neues machen; nehmt ihr, um nur Eines, was unmöglich scheint, zu nennen, z. B. das Christenthum: glaubt ihr, daß sie untergehen wird? Nehmt ihr eure Gesetzbücher, eure Verfassungen, – nehmt ihr zuletzt das, worauf gleichsam Alles ankommen soll, nehmt ihr euch selbst! – und die Menschheit wird fortbestehen. Sie wird Alles ertragen und durch Felsen vom stärksten Granit noch immer einen Weg finden, der sie zu ihrem Ziele führt. Dies ist ein Symptom unsrer Zeit, aus dem wir bis jetzt noch keinen weitern Schluß ziehen wollen, als einen, der vielleicht außerhalb der Literatur liegt, den ich aber nicht verschweigen will, weil Jedes, was die Menschheit ehrt, auf den Lippen des Enthusiasten wie Feuer brennt. Man verwirft mit Recht das Experimentiren mit der Menschheit, aber man geht darin weiter, als man, ohne die Menschheit zu beleidigen, darf. Wir fürchten uns, den Zeitgenossen etwas zu entziehen, wovon wir uns einbilden, daß es zu ihrem Leben nöthig sei. Wir glauben an die Institutionen in Sitte, Meinung und politischer Einrichtung, wie an die unerläßlichen Lebensbedingungen der Jahrhunderte. Als wenn die Menschheit keine inneren Quellen hätte! Als wenn sie unterginge, wenn Ihr sie aus dieser Sündfluth ihrer Existenz plötzlich auf den Ararat versetztet! Als wenn die Menschheit nicht immer die erste sein wird, die sich hilft und diejenige, die für sich den besten Rath weiß! Sie zucken die Achseln, die unvorsichtigen Aerzte! Sie fürchten für das Fortkommen, das Leben des Patienten, quacksalbern an den alten Schäden herum! Aber nehmt der Menschheit ein Bein ab: sie wird sich ein neues machen. [363] Nehmt Ihr, um nur Eines, was unmöglich scheint, zu nennen, das Christenthum: glaubt Ihr, daß sie untergehen wird? Nehmt Ihr Eure Gesetzbücher, Eure Verfassungen – nehmt Ihr zuletzt das, worauf gleichsam Alles ankommen soll, nehmt Ihr Euch selbst! – und die Menschheit wird fortbestehen. Sie wird Alles ertragen und durch Felsen vom stärksten Granit noch immer einen Weg finden, der sie zu ihrem Ziele führt. 0.8830409356725146
328 Ende.